Tel Aviv, Strand- und Party-Stadt, ein Erlebnisbericht

Schon vor Jahren wurde ich durch Guy Gerber im positiven Sinn auf Israel aufmerksam. Obwohl. Dass der gute Mann ein Israeli ist, wurde mir erst einige Jahre später klar, als ich seine Produktionen längst lieben gelernt hatte. So ist das mit elektronischer Musik: Von Desinteressierten mag sie als kalt und Gesichtslos interpretiert werden. Kann man so sehen. Man kann es aber auch so begreifen, dass bei dieser Form von Musik jegliche Stände und Kategorisierungen aufgehoben werden. Zwar klingt elektronische Musik in Vietnam anders als in Lateinamerika oder in Italien, doch die Konturen und Umrisse in den Spielarten verschwimmen und gehen ineinander auf, egal ob der Beat nun schnell ist, für sich hin tröpfelt oder die Synths lauter oder leiser sind. Es braucht keine Texte, keine poltische Message und erst recht keine Hautfarbe um elektronische Tanzmusik zu verstehen. Du musst nicht glauben zu wissen was cool/hip, angesagt  oder Gangsta ist. Du lässt es einfach laufen. „Gesichtslose“ Musik hat mehr Vorteile  als der Sound vieler Idole, die entweder irgendwann sterben müssen oder lebendig verfallen und währenddessen zu einer Karikatur ihrer selbst werden.

 

Auch Guy Gerber produziert diesen „gesichtslosen“ Sound, nur als KALT kann man ihn beim besten Willen nicht kategorisieren.

Ich folge ihm seit ein paar Jahren auf Facebook (was ich bei nicht gerade vielen DJs mache) und mich beeindruckten die Fotos die er aus seiner Heimat Tel Aviv postete. Und wie wenig diese Bilder mit meinen Assoziationen von Israel zusammen passten.

Tel Aviv ist der Sommer/Sonne/Strand- und Party-Bereich des Landes und tritt sehr westlich orientiert auf. Fast schon zu westlich. Ich hatte mir die halbe Millionen Einwohnerstadt – sorry – arabischer, basarischer vorgestellt, auch wenn es in Richtung Jaffa, der Altstadt von Tel Aviv, solche Ecken gibt, die jedoch touristischer Natur sind.

Wäre man blind für die Gesichter der Menschen dort, die selbstverständlich jüdisch anmuten, könnte man sich in einer westlichen Großstadt wähnen. Ein wenig berlinerig sieht Tel Aviv aus, oder wie Hamburg oder Köln, in ihren gechillten Ecken.

Die Skyline der Stadt ist weltbekannt, in der Menge mit den  spacigen Wolkenkratzer ziemlich futuristisch und kann, wenigstens als Postkartenmotiv mit seinen Hotels die direkt an das Meer gebaut sind, mit Rio konkurrieren. Der Strand ist wunderschön, sauber,  und das Wasser außerordentlich klar. Und auch das Klima im Oktober ist super angenehm. Und ich bin keiner, der auf Hitze steht. Dort aber ist diese Mittelmeerische Hitze, die sich nicht aufdrängt, eher einschmeichelt. Mit 30 Grad.

Am Positivsten am Strand empfand ich überraschenderweise die Menschen. Die Israelis sind tolle Strand-Menschen, da sie nicht wie Proleten auftreten; kein Gegröle, keine fetten Anlagen, kein übermäßiger Alkohol-Konsum. Die nervigsten, lautesten Menschen dort waren die Ausländer. Selbst die Kinder der Israelis sind besser und ruhiger erzogen, als die Meisten die ich kenne. Und so was feiert jeder Urlauber (und ich im Speziellen) mit einem gechillten Lächeln auf der Strandliege leise sehr ab.

Von Freitagabend (Sonnenuntergang) bis Samstagabend (Sonnenuntergang) ist Shabbat, also Feiertag und in dieser Zeit sind die Strände gefüllt,  während nach dem Abtauchen der Sonne Party gemacht wird.

 

Wir haben sehr viele junge Leute in Tel Aviv gesehen. Und am Strand auch außerordentlich hübsche Frauen (die hübscheste Frau hatte ich ja eh mitgebracht 😉 ). Kein Wunder also dass die Stadt ein sehr aktives Nachtleben besitzt. Ob Tel Aviv aber „eine der besten Partystädte der Welt ist“ wie man dort vollmundig behauptet, wage ich zu bezweifeln. Man muss aber auch dazu sagen, dass mir Sommer, Sonne, Strand und Kultur wichtiger waren, als die Nächte durchzumachen, schließlich habe ich ein sehr, sehr hartes Arbeitsjahr hinter mir, da war mir Erholung wichtiger als die Nächte durchzutanzen. Zwar hatte ich mir den angesagten Techno-Club „The block“ im Internet ausgespäht, und „Roman Flügel“ aus Deutschland wäre dort auch als Identifikationsfigur am Start gewesen, wir einigten uns dann doch auf die Touristischere Variante, wir buchten den „pub crawl“.

Beim „pub crawl“ wird man von einem Guide durch 4 oder 5 Locations in Tel Aviv gelotst, bekommt dort je einen Shot umsonst, freien Eintritt und muss nicht in der Warteschlange stehen.

Ja, ja. Das haben wir uns jetzt auch gedacht: Das kann voll furchtbar werden. Wurde es nur nicht.

Erstens hätten wir die Bars/Clubs alleine niemals gefunden. Die Eingänge sehen aus wie Hinterhof-Zugänge, oft ohne einem Namensschild darüber. Tel Aviv ist da sehr erfinderisch und verwinkelt. Dagegen haben Berliner Clubs Eingangsschilder wie das „Titty Twister“ in „from dusk till dawn“.

Zweitens handelte es sich bei den Läden wirklich um angesagte Locations, was man nicht nur daran spürte dass die Orte immer so gut gefüllt waren, dass man sich zur Bar durchkämpfen musste, nein, als wir rauskamen standen im Schnitt 30 bis 40 Leute an, die nicht mehr hinein durften.

Drittens bekamen wir für die 20 Dollar Tour-Gebühr ein Bier und die  4- 5  Shots frei. Das ist wichtig. Denn Alkohol ist Sau teuer in Israel. In den Clubs zahlten wir zwischen 6 und 8 Euro für ein 0,33 Liter Bier (und ja, das Bier dort kann man wenigstens trinken), da kommt dann noch 10 Prozent Trinkgeld dazu. Ein Vollrausch ist also eher nicht drin, außer man gönnt sich was und deswegen fand ich es im Nachhinein gut lieber einmal und damit richtig wegzugehen.

Viertens wird man von der Touri-Leitung gleich mit der Gruppe bekannt gemacht und hat weniger Berührungsängste. Zwar verabschiedete sich der sympathische Erfinder der Tour recht schnell wieder, und die angehende Schauspielerin die die Tour dann übernahm, war dann doch um ein vielfaches weniger motiviert als ihr Chef, aber wir lernten sehr unterhaltsame und motivierte Leute kennen, die aus den unterschiedlichsten Ländern kamen (Brasilien, 2 mal USA, 2 mal Italien, einmal Finnland und Deutschland – und wir) um ein wenig Spaß zu haben.

Da war es dann auch ganz gut dass sich unsere Tour-Leiterin nicht allzu sehr für uns interessierte 😉 Wir mussten uns also gegenseitig die Zeit versüßen und das klappte dann für mein Gefühl sehr gut, auch wenn die Oberflächlichkeit der Beziehungen zueinander selbstverständlich im Vordergrund stand. Scheißdrauf. Ich hätte nie gedacht das ich mit Italienern so viel Spaß haben könnte 😀

 

Hier trafen dann natürlich zwei Weltbilder aufeinander: Hostel versus Hotel. Wir wollten eher Ruhe und Entspannung und keine nervige Hostel-Situation, was die Hostel-Leute in unserer Gruppe gar nicht verstanden; so lernt man doch keine Leute kennen! Ja eben doch. Nur auf eine andere Art. Und in unserem Hotel wurden wir im Gegenzug schief angesehen, als wir die Sauf-Tour buchten, so ist das halt mit den Weltbildern.

Es war. Auf jeden Fall. Ein gelungener Abend.

 

Wir waren in 4 Bars/Clubs.

Wir trafen uns im „Sputnik“, das ein wenig berlinerig sein wollte. Verschlunge Räumchen mit schön draußen, locker gechillt. Angenehme elektronische Musik. Kennt man aus Köln oder Hamburg, in deren guten Momenten. Nur nicht abgefuckt genug um sich mit Berlin vergleichen zu lassen, was der Tour-Veranstalter gar nicht so recht glauben mochte: Wie, hier ist es nicht schäbig genug?

Weiter ging es in eine Hip-Hop-Bar (das „Jimmy, who?“) mit Club-Atmosphäre. Hier wirkte der Alkohol schon und die Verbrüderung war im Gange. Ein wenig Galgenhumor dabei, die Italiner: „Ah, the german guys! You´ve never expected to pay 8 euro for one beer, he?“ Die Schauspielerin sah lieber ins Handy und so blödelten wir alle zusammen mit dem Willen zum Wahnsinn auf der Tanze herum. Wir hörten und tanzten in der gleichen Nacht dreimal zu J Lo. Ich glaube das sagt viel über den Musikgeschmack in Tel Aviv aus.

Auch die nächste Bar, das „Radio“ war HipHop. Riesiger Tresen. Shots im „private room“ in den wir durften (in dem NICHTS war, sehr private). Dann zur letzten Adresse.

Das „Lima“. Das kam sehr Pop-prollig herüber (Hallo J Lo) und mir reichte es dann langsam mit der Tour, obwohl mit dem „Breakfast“ noch ein Techno-Club auf uns gewartet hätte. 2 Uhr nachts  sollte genügen (alter Mann der ich bin…). Wir wollten am Tag danach nicht zu sehr kaputt sein. Dieser für mich namenlose Kommerz-Laden entpuppte sich dann noch als Schwulen- und Lesben-Treffpunkt in dem meine Freundin die Props bekam, die eine schöne Frau dort bekommen sollte. Das gab  der Location auch noch eine gewisse Wendung.

Klar bin ich jetzt kein Party-Insider was Tel Aviv angeht wenn man gerade mal 5 Stunden dort im Nachtleben verbringt, 4 Türen hin oder her, für einen Einblick hat es aber gereicht und deswegen würde ich die Tour weiter empfehlen.

Das ich dort keine elektronische Musik miterlebt habe ist im Hinblick auf meine Israel Sozialisierung durch Guy Gerber ein wenig schade, ich habe nur schon mehr als die meisten Menschen zu den verschiedensten Stile dieser Musik gefeiert, über fast 2 Jahrzehnte hinweg, in ganz Deutschland und auch woanders, und glaube da jetzt nicht mehr viel zu verpassen. Berlin finde ich ja auch schon sehr langweilig was das angeht…

Die Israelis sind mir jetzt auch nicht gerade als spektakuläre Tänzer aufgefallen (bei den Schwulen ging es wie zu erwarten am Meisten ab, was sowohl das Abgehen als auch das Auftreten anging), motiviert waren sie aber. Wer weiß, vielleicht sind sie dort Partymäßig so weit, wie sie sich jetzt fühlen. Es ist eine sehr junge Stadt und man muss verstehen, dass dort wo wir gefeiert haben vor einigen Jahrzehnten nicht nur Sprichwörtlich Wüste war. Gebt denen noch ein wenig Zeit.

 

Es war also eine gute Mischung aus Kultur-Urlaub, Strand und Party. Tel Aviv hat alles zu bieten, was man sich wünscht. Okay. Außer vielleicht eine U-Bahn, das wäre dann schon noch ein wenig geiler, mit. Wären nicht die enormen Probleme die dieses Land hat, wäre der Party- und Urlaubstourismus sicherlich viel, viel höher. Uns hat das ja auch ein wenig abgeschreckt. So bleibt Israel ein Land das von allem etwas zu bieten hat und aus dem man im Kopf und im Herzen sehr viel mitnimmt, ob man das nun muss, soll hat jeder selbst entscheiden.

 

Man darf halt nicht in Angst leben und sich immer und ständig die Geschichte vom Terror und Tod erzählen lassen, harte Kontrollen am Flughafen oder am Einkaufszentrum hin oder her. Das ist die Crux und die Antwort auf meine Ausgangsfrage (siehe letzter Text), was uns Israel zum Thema Alltäglichen Terror zu sagen hat. Ob die Deutschen so sein könnte, ich weiß nicht.

Ein Ding ist dort das große Zusammengehörigkeitsgefühl und das haben wir in Deutschland nicht. Vielleicht noch nicht. Die Kulturen sind in Israel auch nicht so durchmischt wie bei uns. Es liegt nun einmal auf der Hand, dass man dort vermehrt auf gewissen Menschen (Juden) trifft und das schafft eine andere Aura, als in unserem Land, dass sich lange nicht einmal moralisch darauf einigen konnte, ob wir hier ein Einwanderungsland sind oder nicht. Ob wir weltoffen sein wollen oder nicht. Dagegen haben wir hier zum Glück keinen gemeinsamen Feind, der uns vernichten will… Die Situation lässt sich nicht eins zu eins umlegen. Lehren muss und sollte man allerdings ziehen. Denn ganz gleich wie man zu Israel steht: Einen Lernwert hat diese Gesellschaft dort. Sogar einen ziemlich großen.

 

 

 

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Open-Air-Sommerfest "Cool Bleiben" München 2014

Bevor wir zu Uwe Boll ins Kino gingen, waren wir auf dem Maximilianplatz beim „Cool bleiben“-Open-Air, dessen Name leider von Anfang an Programm war: Es regnete. Deswegen war um 4 auch noch nicht viel los. Einige. Die für den guten Zweck tanzen wollten (als ob man auch für einen schlechten Zweck tanzen könnte; Tanzen ist a priori etwas Gutes…). Versteckten sich vor dem Regen. Unter der Bar. Unter dem kleinen Red-Bull-Zelt.
„Bitte?“
„High! Ich hätte gerne ein Red Bull Cola?“
„Kommt sofort.“
Na. Ganz so war es nicht. Man lies mich ne gute Weile warten weil die Leute hinter der Bar zu sehr damit beschäftigt waren Fotos von sich zu machen. Auf jeden Fall war es nett. So klein. Und zusammen gerottet. Während von drüben der Minimal-Sound vor sich hin blubberte.

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Ach so. Ja klar. Man sollte erklären, was das überhaupt war. Diese Nachmittags/Tagesparty. Die Aktion ging zusammen von vielen Clubs in München aus. Gegen Gewalt im Nachtleben. Obwohl. Ich finde. Dass es in der Szene nicht so unbedingt viel Gewalt gibt. Vielleicht ist da was passiert was ich nicht mitbekommen habe? Oder ich hatte nur Glück. Weil. Ich. Eher selten Opfer von Gewalt im Rausch wurde. Doch Rausch ist ja immer ein Gefühlsverstärker und wer den Wind sät… Nun. Gegen Gewalt ist doch nie verkehrt; Uwe Boll würde jetzt vlt sagen: Gewaltlos geht die Welt zugrunde…
Auf jeden Fall ging der Erlös der Getränke an Gewaltopfer, und das ist doch mal ein ähnlich eherner Grund wie die Rettung des Regenwalds durch Vollrausch.

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Nur spülte der Regen die Leute davon. So ist das halt. Open-Air.
Wir gingen mal kurz zum Augustiner was essen – dann zurück neben den „Park“ beim Pacha. Möglich. Das gerade Clubs WIE das Pacha ein Grund für die Gewalt im Nachtleben sind. Diese elitären Schuppen, bei der die Menschen abgewiesen werden, weswegen der Laden an sich mich immer eher weniger interessiert hat. Der, der ausschließt entfacht auch ein Gewaltpotential; bei Selektion muss man aber nicht gleich an die Rampe in Ausschwitz denken. Trotzdem drängt sich das falsch interpretierte Übermenschen-Denken Nietzsches auf, nicht so wie es nicht Nietzsche gemeint hat, denn der meinte nichts von Über- und Untermenschen, das sagen nur Leute, die den armen Friedrich nicht verstanden haben; kurz: „Wir wollen dich hier nicht, weil… Na ist ja scheißegal. Verpiss dich einfach. Sei schöner, reicher oder (je nach Club) zerstörter. Und solange du es nicht bist…“
Natürlich. Clubketten wie das Pacha lebt von so etwas, das ist deren Masche. Jedoch. Muss man deswegen. Diesen ganzen Scheißdreck nicht gut finden.
Musik ist doch die Geschichte vom Wortlosen Verständnis. Ausgrenzung produziert Frust produziert Gewalt. Und wenn mich jemand fragen würde, ob ich wirklich mit jedem Spasten feiern wollen würde, wäre meine Antwort: „Ich kann 99 Prozent der Menschen nicht leiden. Warum sollte ich dich besser finden als andere?“ Also Maulhalten. Und tanzen.

Wir sind dann noch mal hin. Der Regen wurde gemächlicher. Und da John Digweed auch noch auflegen würde. Könnte man doch mal… Taten wir auch. Setzten uns auf unsere Regenjacke. Abseits. Und nickten und hörten da zu.

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„Marie Marie“ sag mit ihrer Band von dem Red Bull-Bus herunter (Augschburgerin, yo sister). Und das passte auch ganz gut so in den Nieselregen hinein, bei dem die Mundwinkel groteskerweise nach oben zeigten; eigentlich ganz gut hier alles. Nett. München kann auch mal ganz locker sein. Richtig gewaltlos hier. Keiner drängt niemanden. Auch wenn die Leute komisch waren (siehe oben: für mich sind sie das fast immer)

Die Leute von „Marie Marie“ waren auch im Vorentscheid zum Eurovision Song Contest gewesen. Da merkt man mal, dass man nicht jeden Wettkampf gewinnen muss.
Danach legte wieder irgendwer auf – und so ging der Tag wohl weiter.
Noch mal eben rein zum Pissen in Pacha, dafür war es gut genug. Und rein optisch sieht das Clübchen schon ganz nett aus. Jedoch. Zu viel falsche Attitüde für mich. Da wäre ich lieber in der „roten Sonne“ unten pissen gegangen. Nun ja. Ich sollte auch mal toleranter sein. Jeder. Ist ja Teil des Problems.

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Ein kleines Club Wochenende in Berlin – der konservativen Hauptstadt

„Denk mal nicht so viel nach und kategorisier mal nicht so viel“, das war ein nett gemeinter Rat meines Begleiters. Doch ich bin nun einmal so. Und lasse erst dann „gut sein“, wenn ich meinen Standpunkt verortet habe. Wollt ihr es ganz kurz? Ja?
„Berlin hat mich enttäuscht.“

„Berlin ist pseudo“, meinte mein Kollege bevor ich kam, und mit dem Ausdruck konnte ich nicht viel anfangen. Pseudo was? Pseudocool meinte er. Also, dass das Ganze ziemlich aufgesetzt herüberkommt. „Berlin ist oberflächlich“. Auch diesen Satz habe ich schon oft gehört, aber „Berlin ist alternativ.“ Passt das für euch zusammen? Für mich ist Berlin zwar eine hippe Stadt, aber ansonsten brutal konservativ. Nicht auf die gleiche Art wie München konservativ ist, aber dennoch konservativ.
Das geht schon bei der Türsteherpolitik los.

Die Schlangen vor den Berliner Clubs sind länger als in anderen Städten. 1 bis 3 Stunden Anstehen ist keine Seltenheit, und damit ist natürlich überhaupt gar keine Garantie dabei, dass man auch reinkommt (eher nicht). Wir sind überall reingekommen, am Freitag zuerst in das „Watergate“ wo „Moonbootica“ auflegten. Auch hier wurde schon kräftig aussortiert, wobei wir zwei Nasen schon dachten, dass wir ohne Frauen da eher keine Chance hätten. Es lief dann ohne Probleme ab, während vor uns die ganzen Touris (Spanier, Italiener usw. usf.) draußen bleiben mussten.

Das Watergate liegt (wie der Name schon verrät) direkt an der Spree, erstreckt sich über zwei Stockwerke und ist eher „schick“ mit seinen gigantischen Panoramafenstern an der Seite, mit Blick auf den Fluss hinaus. Schon hier fühlte ich mich hin und wieder komisch angesehen, weil ich einfach nicht dem gängigen Modegenre entspreche. Ich sehe jetzt nicht Vogelwild aus 😉 aber mit meinem Scheitel und eher nicht Musikzeitschriftkleidung ala Spex – oder total individuell (haha, Alle sahen ziemlich gleich aus…) – passte ich nicht ganz herein. Drauf geschissen. Jägermeister und Whiskey ins Maul und ab.
Es war keine wilde Fete (das habe ich eindeutig schon krasser erlebt) aber die beiden Hamburger am DJ-Pult machten ordentlich Druck und der kam auch bei den Leuten an. Nach kleinen persönlichen Anspannungen untereinander ging es noch zum „Kater holzig“, wo man uns um 5 Uhr in der Früh sagte: Kommt später wieder. Also gingen wir noch in den „Tresor“. Dort ist es immer schön dreckig und laut, genauso wie es als Old-School-Technomensch mag. Nur dass im Tresor die Boxen immer übersteuern müssen… Und so besonders war der Sound auch nicht.

Nach ein paar Stunden Schlaf chillten wir erst einmal im „Gretchen“ herum. Ein eher neuerer Club, der die zwei Stunden, die wir da waren, nicht sonderlich stark frequentiert war. Doch die Location gefiel mir sehr, eher frisch, aber nicht überzogen aufgemacht das Ganze; wir feixten also vor uns hin und lenzten auf den Sofas herum und sahen den anderen beim Wippen und Knutschen zu. Als um halb 3 der Sound zwar gut, aber immer noch nicht viel los war, hüpften wir in die Taxe und fuhren noch mal zum „Kater holzig“, dem Nachfolger der legendären „Bar 25“.

Die war dafür bekannt, dass man sich dort besonders gut gehenlassen konnte, und hier besondere Räume für besondere Menschen geschaffen werden. Das klingt sehr alternativ und Hippiemäßig (was zugegebenermaßen wohl der Grundgedanke ist), mündet dann aber in einer Türpolitik, die eher an Auschwitz an der Rampe erinnert. Wir standen dort (wegen Ostern war besonders viel los) eine Stunde an, während sich vorne die Schlange lichtete.
Es ist in Berlin nicht wie in anderen Städten wo die Tür einfach wegen Überfüllung des Ladens zu ist, sondern es wird die ganze Zeit so viel aussortiert, dass nicht einmal die Hälfte der Leute wirklich rein kommen.

Als die Reihe dann endlich (ich sage nur Schneeregen in Sommerklamotten) an uns war, fühlte ich mich beäugt wie bei einer Castingshow. „Na ja, sieht ganz passabel aus, aber insgesamt bist du zu DUNKEL. Mach mal die Jacke auf“, und hätte ich nicht eine Stunde angestanden hätte ich denen den Vogel gezeigt und wäre gegangen. „Ja ja, du bist zu dunkel… Der da (er zeigte auf meinen Kameraden) das passt eigentlich“ – und bei aller Freundschaft: So wie der würde ich nicht herumlaufen wollen; ein Mischmasch von Irgendwas, eben ohne Stil 😛 Sehr alternativ 😛 „Was meinst du dazu?“ fragte der Heini seine Türsteherfreundin, und als die nichts sagte, meinte er nur: „Auch schon egal, geht rein.“
Ich habe die ganze Zeit kein Wort gesagt, weil ich so baff war. Das ist der alternative und „besondere“ Laden? Und dann noch dieses DSDS-Gelaber: „Deine Performance war ja ganz gut, aber hier und da hast du ein paar Töne nicht getroffen…“ Ja leckt mich doch am Arsch… Das ist doch der gleiche Scheiß wie in München: „Du willst hier Feiern und Spaß haben? Hey! DU bist bloß unser Kunde, was heißt: Wir finden dich potentiell scheiße!“
Dann halt nicht Freunde. Noch einmal tue ich mir das nicht an. Das ist entwürdigend.

Und wenn man dann mal drin ist, sind die Leute a) auch nicht besonders angezogen (sondern tragen den gleichen Einheitsbrei wie die Idioten auf der Straße – okay, nicht Alle), b) können sie nicht Tanzen (die ewiggleichen Hin- und Hertreter überall) c) feiern sie auf Sparflamme (dafür aber natürlich länger, dafür ist Berlin ja bekannt) und d) sind sie auch nicht toleranter als woanders, denn wie man dort als Bayrischer Schwabe wahrgenommen wird, unterscheidet es sich nicht davon, wie ein paar ungebildete Deppen im tiefsten Allgäu einen Chinesen anschauen oder behandeln würden – und das ist es?
Natürlich ist dies die Summe meiner Beobachtungen, die sich in den folgenden 14 Stunden im Kater holzig ereigneten. Und es mag sein, dass ich manche Bemerkung nicht locker genug aufgenommen habe (ich bin ja auch „so“), aber das war wirklich ein Armutszeugnis, oder einfach nur ein Produkt der Selektion an der Türe:
Sehet mich an, ich bin hier, das ist so etwas wie ein Ritterschlag. Und alle Leute sehen gleich aus, reden gleich, lachen gleich, feiern gleich – aber wehe du bewegst dich etwas schneller und anders.
Dieses Urteil ist jetzt etwas kategorisiert und überspannt:

Wir haben dort auch einiges an positiver Energie getauscht, kindische Scherze gemacht, und man konnte diesen „Bar 25“ Spirit wirklich erahnen. Doch insgesamt ist Berlin wirklich „pseudo“. Mehr Schein als Sein. Sicher. Du kannst deinen Verstand ausschalten und tüchtig loslassen, doch zu welchem Preis? Gibt es keinen Stolz mehr? Keine wirkliche Individualität? Nur noch Menschen, die sich benehmen wie ein Scherenschnitt?
Techno ist konservativ geworden, ganz egal wie verrückt sich auch die Location und der Veranstalter vordergründig gibt – das „Kater holzig“ ist wirklich ein toller Raum mit wahnsinnig vielen Winkeln, Räumen und Platz, doch diese Möglichkeit wird dadurch verschenkt, wenn man den Leuten in ihr Gesicht brüllt: „Wir wollen euch hier nicht!!“ (was mein Kollege so schon erlebt hat)

Klar. Wir wollen nur die besonderen Leute dahaben. Und die erkennen wir an Äußerlichkeiten. Deppen müssen draußen bleiben. Das ist genau die beschissene Logik, von der ich kotzen muss. Besondere Stimmung wird zwar von besonderen Leute entfacht, doch die finden ihren Weg ganz alleine zu einem Club, und müssen nicht aussortiert werden – Pech halt nur, wenn man eine Touri-Stadt wie Berlin ist. In Stuttgart z.B. hat man einfach nur die guten Leute da, weil die einfach gut drauf sind… So leicht hat es die Hauptstadt leider nicht, denn da reisen ALLE hin.

Hattet ihr denn gar keinen Spaß? Natürlich hatten wir auch viel Spaß. Haben sehr viel getanzt (mir doch egal was die meinen, ich ziehe mein Ding durch), gelacht und die Räume genutzt. Sind an der Spree in der Sonne herumgesessen. Und irgendwann am späten Nachmittag dann auch wieder gegangen.
Vom Spaß schreibe ich immer so viel beim Feiern, deswegen stelle ich die Kritik dieses Mal in den Vordergrund.

Die Leute im Berliner Nachtleben sind nicht alternativ unterwegs. Sie sind nichts Besonderes. Sie sind keine Aussteiger. Sie ziehen genau die gleiche Show ab wie alle Anderen, die sich für etwas Tolles halten, und das mündet immer in eine gewisse Form von Faschismus, hier halt durch die Mode und eine gewisse begrenzte Denkweise. Auch eine Gruppe von Aussteigern ähnelt nach und nach immer mehr der Gesellschaft, aus der sie „ausgestiegen sind“, wenn sie anfängt sich selbst schützen zu wollen; kurz: Es gibt keine alternativen Lebensformen und Aussteiger. Das ist Augenwischerei.

Für mich war es das jetzt wohl. Ich habe jetzt keine Lust mehr auf groß Feiern. Es ist vorbei. Die eine oder andere Party werde ich wohl noch mitnehmen, aber meine Zeit ist jetzt vorbei. Ich bin 31, Zeit meinen Roman über das Nachtleben endlich fertig zu schreiben, und das Ganze sein zu lassen. Das ist nicht mehr meine Welt.
Die Party ist nicht vorbei, aber die Leichtigkeit ist dahin. Und ihr Idioten merkt es nicht einmal.