Brief an den Chef

Sie haben mir heute die Monatszahlen unserer Gesamtproduktion vorgeführt, um auf das Gespräch von gestern zu reagieren, in dem ich darauf hingewiesen habe, dass ich kurz vor einem Burnout stehe und, wenn sich nichts an der Produktion und deren Tempo ändert, über kurz oder lange Gesundheitliche Schäden davon tragen werde, dich mich unfähig machen werden für eine kürzere oder sogar längere Zeit an der Arbeit und am sozialen Leben selbst teilzuhaben.

 

Mit ihren Monatszahlen wollte sie mich motivieren, denn laut diesen Zahlen produzieren wir gerade einmal die Hälfte von dem, was vor drei Jahren vom Hof gefahren wurde. Ich glaube ihnen, dass diese Zahlen stimmen. Sie sind exakt in SAP eingetragen worden und stehen für das was sie sind: Ausstoßzahlen unserer Firma. Doch so wahr diese Zahlen auch sind, so falsch sid sie auch im Bezug auf meine körperliche und geistige Gesundheit. Denn diese (wie sie von mir ihnen gegenüber genannte wurden) „nackten Zahlen“ sagen nichts aus, bis auf die Tatsächlichkeit der Existenz des hergestellten Produkts im Bezug auf vor drei Jahren.

 

In der Zahl ist nicht aufgeführt, dass wir inzwischen 2 Leute weniger in der Produktion sind, dazu kommt ein Landzeitkranker, der in den letzten 3 Jahren nur insgesamt 2 Monate gearbeitet hat. Es ist nicht enthalten, dass die Maschinen inzwischen noch veralteter sind und dass teilweise zwar neue angeschafft wurden, diese aber noch nicht so eingestellt sind – schließlich sind sie gebraucht von den beiden Partnerfirma geliefert worden – wie wir es benötigen, da wir nun ein Mischmasch von drei (!) Firmen in unserer Halle stehen haben, deren Maschinen aus unterschiedlichen Baujahren und damit Fähigkeit sind. Auch ist nicht aufgeführt, dass wir die alten Maschinen selbst (teilweise an Wochenenden) selbst abbauen und darauf folglich auch mit dafür verantwortlich waren, die Neuen mit aufzubauen. Es ist nicht enthalten, dass unsere Kompressoren nur noch auf halber Energie arbeiten, und wir deswegen manche Arbeitsbereiche nicht gleichzeitig fahren können.

 

In den Zahlen ist  zwar enthalten, dass wir  nicht mehr so viele Stückzahlen produzieren, doch immer mehr kleiner Margen in höherer Anzahl, was ein ständiges Umrüsten und Überprüfen zur Folge hat.

Weiterhin ist in diesen Zahlen nicht aufgeführt, dass wir kurz vor dem Zeitpunkt einer Zertifizierung stehen und wir deshalb Arbeitsschritte verändern müssen und mussten, und deswegen einen höheren Sicherheitsstandard erfüllen, was mehr Probenahmen und Überprüfungen zur Folge hat – mit immer weniger Leuten. Dies verlängert die Arbeitszeit erheblich.

In den verglichenen Monatszahlen steht nicht, dass Arbeitskollegen in Rente gegangen sind und nun als Teilzeitkräfte am Produktionsprozess teilnehmen, aber eben nur in Teilzeit. Überhaupt ist der menschliche Faktor gar nicht berücksichtigt.

 

Überstunden, Dauererkrankungen im Vergleich zu damals sind überhaupt nicht aufgeführt, so wie die Persönlichkeit und der Background der Belegschaft im Speziellen. Es ist nicht darin enthalten, dass mancher Kollege Nachwuchs bekommen hat und deswegen a) Elternteilzeit genießt (was jeder Manns und Fraus Recht ist, verstehen sie mich richtig) oder b) durch den Schlafentzug den ein Säugling hervorrufen kann nicht volle Leistung bringt und nicht mehr universell einsetzbar ist.

Körperliche wie geistige Komponenten sind in den Zahlen überhaupt nicht enthalten. Denn, guter Herr Chef, auch wenn früher sicherlich nicht alles besser war und es sich nicht alles zum Schlechten gewandelt und sich natürlich auch einiges gebessert hat, muss man auch die Menschen von damals zu heute vergleichen. Niemand von uns ist jünger geworden. Hunderte Überstunden für jeden, die niemals abgefeiert werden können, obwohl dies Vertraglich so vereinbart ist, wurden angehäuft, manche Arbeitskollegen haben im September  noch den Urlaub von letztem Jahr, während andere schlicht und ergreifend gar keinen zusammenhängenden Urlaub nehmen können, da es keine Zweitbesetzung für ihren Arbeitsplatz gibt.

 

In den Zahlen ist auch nicht das Geschäftsklima erfasst, der Teamgeist oder dass jeder Mensch verschieden ist; der eine arbeitet mehr, der andere weniger; einer macht in der gleichen Zeit das Doppelte, während der andere lieber Überstunden macht um das Selbe zu erreichen. Es steht nichts über die individuelle Belastung in den Ziffern und wie der Mensch damit umgeht. Außerdem muss ich anmerken, dass die Belegschaft nie danach gefragt wurde, ob die Margen in Unterbesetzung überhaupt auf längere Zeit eingehalten werden können.

Nach der Privatperson und seinen Problem wird ohnehin nicht gefragt, jedoch, es ist ein Faktor.

 

Sie, mein Chef, sagen, dass bei jener Anzahl von Menschen eine gewisse Anzahl von Gütern hergestellt werden muss, da dies bei Firma A auch der Fall ist. Doch ob Firma B überhaupt mit Firma A gleich gesetzt werden kann, diese Frage wird offensichtlich nicht abschließend geklärt, obwohl klar ist dass es keine Firma eins zu eins im anderen geben kann – das ist unmöglich, selbst wenn eine Firma ein planerischer Klon der anderen wäre; denken sie an den menschlichen Faktor.

Firmen sind organische Einzelwesen, wie der Mensch selbst, die sich ähneln und in Medizinischer Hinsicht das gleiche Grundkonzept verfolgen, doch so wie jeder Mensch am Ende unterschiedlich zu seinem Gegenüber ist – obwohl jeder über ein Herz, eine Lunge usw. verfügt (in den meisten Fällen) – ist auch jede Firma ein ganz eigener Mikrokosmos, der durch keine Zahl mit einer anderen Firma identisch gemacht werden könnte; Vergleiche können angestellt werden und um beim Beispiel der Medizin zu bleiben: Diagnosen müssen gemacht werden und dafür gibt es Lehrbücher und die Wissenschaft. Und selbstverständlich benötigt man dafür auch die Mathematik. Aber die falsche Diagnose beim falschen Patienten kann eine Katastrophe bewirken.

 

Ich weiß, mein Herr, dass sie ein gebildeter Mann sind. Und ich weiß auch, dass sie um all das was ich gerade aufgezählt habe – und bei dem noch viele Komponenten fehlen – selbst wissen. Ihnen ist das bewusst, dass diese Zahlen viel, und doch gar nichts aussagen.

Ich nehme an, dass sie mir die Zahlen gezeigt haben, um mich zu motivieren, denn andernfalls wäre es ein Scherz über meine geistige Intelligenz, wenn sie glauben würden, ich würde darauf denken: „Aha, heute ist alles besser als früher. Zahlen lügen nicht. Ich muss mir meine körperlich/geistige Schwäche nur einbilden.“

„Zahlen lügen nicht“, das ist richtig. Man muss die Zahlen aber auch in das richtige Verhältnis stellen. Und vor allem muss man sie in das richtige Verhältnis stellen wollen.

 

So schließe ich mein Schreiben an sie, wohlwissend, dass sich daraus nichts ändern wird, denn unser Wissen um die Falschheit dieser richtigen Zahlen, wird niemals die Befehlskette nach oben kriechen, da ihr Chef, mein guter, lieber und tüchtiger Chef, zu ignorant ist um die Zahlen richtig zu lesen, obwohl selbst er weiß, da auch er intelligent ist, was diese Zahlen wirklich bedeuten und deswegen Unsinn behauptet, wie zum Beispiel das wir genug Leute sind, diese aber nur falsch eingeteilt seien. Dies haben sie mir vor meinem Eintritt ins Wochenende erklärt worauf ich lachend meinte: „Blöd, dass der Chef keine Ahnung hat“, worauf sie meinten: „Woher soll er auch eine Ahnung haben? Er ist im Mutterkonzern und nie da.“ Umgekehrt hätten sie auch keinen Überblick wie es im Mutterkonzern zuginge. Und ich konnte mich nur wundern, wie ein Chef ein logistischer Vorstand einer Firma sein kann, wenn er gar keinen Überblick über die Firma hat, für die er die Verantwortung trägt. Das ist kafkaesk, ebenso wie es kafkaesk ist zu glauben, Produktionszahlen sind tatsächliche Zahlen.

Hiermit verabschiede ich mich ins Wochenende, lieber, gütiger und geliebter Chef. Und ich entschuldige mich dafür, dass man in meiner Jugend noch Geld in die Bildung investiert hat, die einem reibungslosen Arbeitsverlauf manchmal im Weg stehen.

 

Dienerhaft ihr

Paul Fleming.

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Absolution – der Kampf gegen den Chef

Ihr System ist aufgebaut auf Überstunden. Anders ist die Arbeit gar nicht mehr zu bewältigen. Überstunden sollen laut Satzung abgefeiert werden. Die Frage ist nur, wann? Wann soll das geschehen, wenn auf Arbeit nur mehr Arbeit folgt? So wird Stunde um Stunde angehäuft. Bei jedem der Mitarbeiter  liegt die Anzahl der Überstunden schon im dreistelligen Bereich. Dieser Umstand – und der, das er gerade ein Buch mit dem gleichen Titel liest – bringt ihn zu der Fragestellung, ob Überstunden nichts anderes  als  Schulden sind, die die Firma bei ihm macht? Und weiter: Was geschieht eigentlich, wenn der Betrieb seine Schulden nicht zurückzahlen kann? Und wie soll sich ein System weiter entwickeln, dass auf Schulden errichtet wurde?

 

Seine Chefs erinnern ihn an Generäle bei der Schlacht um Verdun. Weit entfernt, hinter der Front treffen die Generäle Entscheidungen, die viel zu spät im wahren Kriegsgeschehen ankommen oder, im Gegenteil, die Berichte über die Situation kommen viel zu spät im Oberkommando an, so dass auch sie keinen Wert haben, den jegliche Reaktion geht am Zeitgeschehen vorbei.

Die Kompetenz der Generäle steht dabei außer Frage. Sie haben sich verdient gemacht und wissen wie so ein Krieg zu führen ist. Nur leider führen sie einen Phantomkrieg, der nichts mit der Tatsächlichkeit der Ereignisse zu tun hat. Eine kafkaeske Situation. Und dennoch kann der kleine Soldat zu den Ausführungen der Generäle nur anerkennend nicken: „Ja. Das ist gut durchdacht und logisch…“ Dabei denkt er sich, kaum ist der Chef um die Ecke: „Das hat aber mit der Wirklichkeit nur bedingt zu tun. Denn die Umsetzung eurer Strategien sind auf Schuld gebaut, wenn ihr keine neuen Leute einstellt. Ihr stellt Forderung, deren Erfüllung ihr selbst nicht gewährleisten könnt.“

Bei Verdun sind über 300000 wackere Soldaten gefallen. Die Schlacht hatte keinen Einfluss auf den Kriegsverlauf.

 

„Fight Club“ lügt wenn er in seinen Geschichte davon schwärmt, einen Faustkampf gegen seinen Vater und seinen Chef zu führen, denn es ist eher so, dass wir jeden Tag eine Metaphorischen Faustkampf gegen den das System führen, in das uns unser Vater hinein gezeugt hat und einen ebensolchen Kampf führen wir tagtäglich gegen unseren Chef und dessen allwissende Weisheit, der wir immer, da wir in der Rangordnung unter ihm stehen, unterliegen. Daran denkt er, bis er „Hoppla“ murmelt.

 

 

Das Blut ist durch das Pflaster gekommen. Ein Hinweis mehr auf den tagtäglichen „Fight Club“ in dem er sich wähnt. Vorhin, da hat er sich geschnitten gehabt, an einem winzigen Stahlsplitter; Blut auf einer Desinfektionsflasche, wie passend. Er sollte sich ein neues Pflaster holen. Er sollte sich verbinden. Er sollte die Wunde trocknen lassen. Er sollte eine Pause machen. Doch dazu ist keine Zeit. Er will nicht dass der Betrieb noch mehr Schulden bei ihm hat, das der Laden noch mehr in seiner Schuld steht. Lieber bluten und weitermachen. Sonst wird er nie fertig.

Der Chef, der Idiot hat ihm wie immer zu viel Arbeit aufgebrummt. Es ist nun einmal ein Unterschied ob man jemanden 10 Sekunden lang einen Arbeitsauftrag gibt, oder ob man den dann jede Woche 30 Minuten lang ausführen muss. Irgendwie haben die Chefs keine Ahnung mehr von dem, was sie eigentlich hier so ancheffen…

Das Blut dringt immer wieder aufs Neue durch das Pflaster, während das Desinfektionsmittel sich alle paar Minuten einen Weg in die Wunde sucht. Seine Nerven schreien.

Irgendwann einmal, wenn er wütend genug ist, dann wird er sich seinen Chef packen, dieses Würstchen, und wird ihm einmal ins Gesicht bellen, was WIRKLICH abgeht! Was wirklich möglich ist, wie die Wahrheit, die ECHTE Wahrheit aussieht… Diesem blöden Hund, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat! Blöd daherreden, na das kann er selber auch!

Das denkt er bald jeden Tag. Und es ist nicht mehr als die Wut eines Kindes, die sich sagt: „Wenn ich einmal groß bin! DANN aber!“ Es folgen nur keine Konsequenzen darauf.

Er ist noch immer dieses Kind. Wird es immer bleiben.

 

Und auch wenn die Schuldenblase der Überstunden immer größer wird, so groß dass der Betrieb, die Stadt, das ganze Land in seiner Schuld stehen, wird das Zerplatzen dieser Blase vermutlich keine Konsequenzen haben. Nicht für ihn. Und für sonst keinen anderen auch.

 

 

Männerwelt

Als ich etwa 16 Jahre alt war, lernte ich (wie ist egal denn es ist fast schon lächerlich unglaubwürdig wenn man es nacherzählt) in der benachbarten Stadt ein paar Leute kennen. Zu der Zeit verkehrte ich schon im größeren Nachbarsdorf mit bald besten Freunden in einem Jugendtreff, während ich auf der anderen Hand in einem richtigen Kuhkaff einen Bauwagen besuchte. Sowohl im Jugendtreff als auch im Bauwagen traf ich auf eher Gleichaltrige, während ich in der Nachbarsstadt es mit Älteren zu tun hat. Wenn man 16 ist, dann ist es so etwas wie ein Ritterschlag mit einer Clique herumzuhängen, die um die 20 ist. So fühlte ich mich auch.
Sie verdienten alle schon Geld und um mithalten zu können stahl ich Geld aus dem Tresor meines Vaters (nicht viel, aber auch nicht wenig und später, als ich wirklich Geld verdiente legte ich es zurück), das ich dort investierte. Drogen wurden davon gekauft und vertickt. Das Geld gab ich dann wieder im Jugendtreff oder Bauwagen aus.

Die Episode dauerte nicht besonders lang. Ich passte da nicht ganz rein und musste entweder abgeholt worden, oder per Anhalter fahren. Außerdem nahm das Jugendtreff mit seinen Freunden und erreichbaren Frauen (mach dich mal als 16 Jähriger an eine ran, die 19 ist…) immer mehr Reiz für mich an. Ehrlich gesagt habe ich die Geschichte dort fast komplett hinter mir gelassen, doch immer wenn ich eine Filmszene sehe, dann denke ich daran zurück.
Es kommt oft in Filmen vor (zu oft für mein Befinden), dass Frauen von ihren Chefs zu sexuellen Handlungen gezwungen werden. Der berühmte Blow-Job im Büro, der den Medien nach immer und überall präsent ist („Ergo“ und Konsorten bringen das Ganze dann zurück in die Realität). Ich habe nur einmal so eine Story gehört und (die Überraschung halt sich in Grenzen) dies war genau zu jener Zeit.

Eine Freundin eines meiner Bekannten aus dem Kreis der Zwanziger musste durch so eine Erfahrung durch. Ganz Film like – wobei ich es eurer Phantasie überlasse, ob sie es getan hat oder nicht, denn die Wahrheit auszusprechen käme mir wie Verrat vor. Sie war ein starkes Mädchen. Vlt ist sie das auch noch heute. Vlt.
Selbstverständlich war das Entsetzen und die Wut groß in der Clique, und wer sein Geld mit Drogen verdient (und sie auch nimmt – ich natürlich nicht), der neigt oftmals zu aggressiven Reaktionen (nicht dass das immer so wäre, gerade die, die aggressiv sein sollten sind es nicht sondern lassen sich ausnutzen), kurz: Der Mann wurde zusammengeschlagen. Und nicht zu knapp.

Weshalb ich diese Geschichte hier erzähle ist, dass sie damit davon kamen. Es gab keine Anzeige gegen die Schläger und die Freundin des Freundes konnte ihre Lehrstelle behalten. Der Einzige, der nicht davon kam, war der eklige Chef, der dachte seine Machtstellung ausnutzen zu können. „Frechheit“ ist auch eine bestimme Form von Macht, denn wer unartiger (böser) als andere ist, kommt damit oft davon, ohne die „gerechte Strafe“ zu bekommen. Ich sage nicht, dass diese Kausalitätskette etwas mit Gerechtigkeit zu tun hätte, wenn man jedoch darüber nachdenkt, wie oft jemand mit so einer Sache davon kommt, ist es schwer nicht an eine gerechtfertigte Vergeltung zu denken. Solche Taten richten Schaden an. Selbst wenn man es auch nur inszeniert und es am Ende nicht durchzieht.
Wenn etwas mit Macht über dich einpoltert, dann hinter lässt das Stoß- und Kratzspuren auf der Psyche; wäre es nicht ungerecht so jemanden „gewinnen“ zu lassen?

Ich fahre heute noch in die Nachbarsstadt hinüber um einen alten Freund zu treffen (die Ironie ist, dass er nicht aus der Clique ist, sondern aus dem Jugendtreff) und hin und wieder sehe und treffe ich auch noch jemand aus der Clique (die sozialen Netzwerke helfen natürlich). Ein paar haben sich am Riemen gerissen, andere gingen in den Bau (von 2 weiß ich es sicher) und verdienen bestimmt noch ihr Geld mit ihren Händen… Komisch wie man so wichtige Dinge (prägende Ereignisse) einfach so vergessen und verdrängen kann.

Vom Staat verlangen wir Gerechtigkeit. Meistens bekommen wir sie auch. Doch echte Gerechtigkeit fühlt und erlebt man nur in solchen Situation, in denen es um „Vergeltung“ geht. Das ist weder gut noch schlecht: Das sind wir.

Unklug

Ich kann das ja nicht. In den richtigen Momenten das Richtige sagen, kausallogisch zu reagieren. Gerade in der Arbeit. Das liegt daran, dass wir alle unsere eigene, subjektive Kausalität erlernt haben, die man eben nicht objektiv auf jeden Moment und jede Person herunter brechen kann. So viel zu den Göttern der Psychologie und der Verhaltensforschung…
Meine Arbeitskollegen hätten in dem Moment bestimmt anders reagiert, als der Meister sie um einen persönlichen Gefallen gebeten hat. Sie hätten keine „Fresse gezogen“, sondern hätten das nur freundlich und berechnend abgenickt, um später (in welcher Form auch immer) die Lorbeeren zu kassieren. Ich muss bei persönlichen Gefallen für den Chef gleich an die Klischees aus der Lehre denken, an Situationen, die ich nie erlebt habe, die mir jedoch durch das ständig wiederholte Mantra der Geläufigkeit im Kopf verblieben sind: Wie man als Lehrling das Auto des Chefs gewaschen hat. Wie man den Rasen des Boss gemäht hat. Nein. Das ist nie passiert. Aber daran musste ich denken.
Zudem dachte ich mir natürlich das, was sich jeder denkt der in der Arbeit unter Strom steht (ganz egal, ob dieses Stromgefühl wahr oder eingebildet ist): Was soll ich denn sonst noch ALLES machen? Wahr ist natürlich, dass man als Arbeitssklave oft das Gefühl hat, dass Arbeit nur noch zu einem selbst delegiert und abgeladen wird, während „der Mensch, der die Verantwortung trägt“ immer fauler wird. Also reagierte ich pampig, aber bejahend. Die Dümmste aller möglichen Reaktion, da sie mir am wenigstens weiterhilft. Kein ganzes Ja, ein kleines Nein also.

Wäre ich klüger hätte ich mein nettes „Ja-gern-aber-ich-muss-das-ja-nicht“-Lächeln aufgesetzt und hätte die Arbeit nebenher erledigt (so wild war es nicht), doch so clever bin ich nicht. Und damit bin ich nicht allein. Ich glaube, wir könnten alle bessere Jobs haben, bessere Chancen, mehr Erfolg, Ruhm und Achtung, wenn wir über diesen kleinen inneren Schweinehund, diesen Schatten Titels „Charakter und Persönlichkeit“ springen könnten. Es wäre bestimmt besser für uns, für das Arbeitsklima und erst Recht für den Chef. Aber wir können es nicht. Und wir wollen es nicht. Weil wir gelernt haben, dass das ewige Ja zum Ja uns eher geschadet, als genutzt hat. Wir haben die Erfahrung gemacht, ausgebeutet zu werden, was uns misstrauisch werden ließ, ganz gleich (siehe oben) ob diese Ausbeuten wirklich real gewesen ist oder nur Einbildung. Es ist Teil unserer Kausalität geworden, nicht „richtig in den richtigen Momenten“ zu interagieren. Das ist schade. Dadurch gehören wir zu den Menschen, die „sich selbst im Weg stehen“. Die lieber mal die Klappe halten sollten…
Dabei ist es doch sehr löblich, man selbst zu sein, Unruhe zu stiften und nicht alles ab zu nicken, denn auch wenn man zwar seiner Karriere im Weg steht, heißt das ja auf der anderen Seite, seinen eigenen Weg zu gehen. Was ich damit eigentlich sagen will, ist, dass mir Menschen viel lieber sind, die sich aus Ehrlichkeit manche Wege verbauen, als Arschkriecher zu sein. Ich meine das nicht nur, weil ich mich in dieser Gruppe sehe, sondern durchaus auch deswegen, weil jeder einmal das Getriebe geschmiert hat. Aber es sollte Punkte geben, die nicht überschritten werden sollten. Und das hat mit der eigenen Kausalität zu tun, mit dieser ominösen Würde, die eigentlich unantastbar sein sollte. Würde… Ist das nicht der eigene Erfahrungsschatz, die eigene Kausalität? Ist das nicht dieses „Wir-Selbst“, dass uns diese Werbeagenturen im Hinblick auf größere Verkaufszahlen auf die Fahnen dieser Zeit geschrieben hat?… Es ist eine Mischung aus Charakter und Egoismus und ich weiß nicht ob das gut oder schlecht ist. Ich weiß nur, dass es (was mich angeht) einfach nur wahr ist.

„Achte auf deine Gedanken, denn sie werden zu deinen Worten. Achte auf deine Worte, denn sie werden zu deinen Taten. Achte auf deine Taten, denn sie werden zu deinem Charakter“, heißt es in der Serie „Im Angesicht des Verbrechens“. Das ist wohl wahr. Aber es ist auch richtig, das gerade die Unachtsamkeiten unseres bereits ausgebildeten Charakters uns aus machen. Dafür sollten wir uns nicht schämen. Wir sollten es auch nicht ändern, wie es die „Ratgeber-Kultur“ fordert. Wir sollten es kultivieren und auf unsere Zotigkeiten stolz sein. Wenn schon „Versager“, dann mit Überzeugung. Denn lieber Versager, als Ja-Sager.

Alle machen nur ihren Job – Guerilla

„Hast du das hier gelesen?“
„Ge-le-sen? Ich lese doch keine BILD-Zeitung. Das ist immer nur ein besseres Bilder angekucken.“
Schneiderin: „Wer hat die überhaupt gekauft?“
Ich antworte nicht.
„Aha. Am Ende will es wieder keiner gewesen sein… Aber der Artikel hier ist gut. Der mit dem Krebs. Passt auch gut zum Thema. Willst du ihn hören? Also gut.
Ein Mann arbeitet in einer Firma mit Chemikalien. Nach Jahren stellt sich heraus, dass eine dieser Chemikalien Krebs erzeugt und das Erbgut verändert, was der Chef auf einer Fortbildung erfährt. Weil der Chef ein lockerer Kerl ist, sagt er nur seinem Lieblingsmitarbeiter was los ist und geht davon aus, dass der das weitersagt. Der Liebling aber denkt im Gegenzug, dass der Chef die anderen Mitarbeiter informiert. Die arbeiten also fröhlich weiter mit der Flüssigkeit – und sehen natürlich keinen Grund um sich Handschuhe anzuziehen. Die Jahre ziehen in das Land und einer der betreffende Mitarbeiter bekommt Nachwuchs. Leider ist das Kind behindert. Kurz danach erfährt er, dass dieser Indikatorstoff eben das Erbgut schädigt und Krebs erzeugt. Der Chef weißt alle Schuld von sich.“
„Gab es da denn keine Schulung?“
„Scheinbar nicht. Hmm… Steht hier nicht.“
„Normal wird man da doch geschult. Und muss dann dafür unterschreiben.“
„Wie gesagt: Steht hier nicht. Dafür aber, wie es weiter ging. Der Chef stellt sich als Unschuldslamm hin, außerdem ist ja gar nicht bewiesen, dass das Kind deswegen behindert ist. Das muss dann so gewesen sein wie die Debatte damals beim Rauchen; erzeugt Krebs: „Jaha.“ Aber DIESEN Krebs?
Auf jeden Fall kommt der Chef davon und der Arbeiter bleibt bei der Firma. Das sieht auf den ersten Blick sehr unglaubwürdig aus, doch wenn man die Geschichte zu Ende liest, versteht man warum. Der Mitarbeiter mit dem behinderten Kind träufelt nämlich die Chemikalie in den Kaffee des Chefs: Jeden Tag. Natürlich um sich zu rächen. Und jetzt wird es eigentlich erst interessant. Der Chef bekommt Wind davon und zeigt den Mitarbeiter an – und der kommt wegen schwerer Körperverletzung dran.“

Ich: „Das ist das Ende der Geschichte?“
„Das ist das Ende. Verstehst du die Ironie nicht?“
„Doch klar. Aber es geht halt um Vorsatz.“
Die Guerilla-Schneiderin sieht mich abwertend an: „Pf… Vorsatz… Das ist doch nur so ein Unwort um sich herauszureden. Es geht nicht um Absichten. Sondern um Taten. Das ist einfach eine Frechheit!“

Koji steigt zu uns in den Van.
Er hat den Peressigsäure-Behälter verkabelt und drückt der Schneiderin die Fernbedienung in die Hand. Ohne große Diskussionen aufkommen zu lassen löst sie das Ding aus. Die Explosion ist verheerend. Sehr gut.

Wir starren mit offenen Mündern aus dem Fenster.
„Bleibt nur noch ein Problem“, meine ich, als ich meine Sprache wieder gefunden habe.
„Welches?“ Fragt Koji nach, während wir drei noch immer auf den Krater glotzen.
„Wie bekommen wir das Gebäude geräumt?“ Ich drehe mich zur Schneiderin um. „Ich meine. Jedes Gebäude ist heutzutage mit Wachleuten gesichert. Ganz besonders wenn es leer steht und einen wirtschaftlichen Nutzen hat. Wie also bekommen wir die Arbeitssklaven aus dem Gebäude?“
„Ich hab schon darüber nachgedacht“, entgegnet die Schneiderin. Wir sehen uns an. „Das ist fast so, als würden die Firmen Geiseln nehmen, um ihre Anlagen zu beschützen: Sie müssen nur jemand bezahlen, der vor Ort ist und schon sind sie vor Anschlägen sicher, nicht wegen der Arbeit der Wachleute, sondern wegen ihrer körperlichen Gegenwart. Denn was gerade noch Sachbeschädigung war, ist im nächsten Moment Mord. Das ist wirklich ziemlich clever. Wachleute sind die menschlichen Schutzschilder der Unternehmen. Das begreifen Wachleute wahrscheinlich gar nicht. Es ist gar nicht ihre Absicht als menschliches Schutzschild zu agieren.“
„Du kommst mir jetzt aber nicht mit so einem Absichten-zählen-nichts-sondern-es-geht-um-Taten-Ding, oder? Die machen doch auch nur ihren Job. Das sind arme Schweine wie du und ich.“
„ALLE machen nur ihren Job. Das ist doch das Problem.“ Die Schneiderin lässt den Motor an: „Und wir werden auch unseren Job machen.“