Brief an den Chef

Sie haben mir heute die Monatszahlen unserer Gesamtproduktion vorgeführt, um auf das Gespräch von gestern zu reagieren, in dem ich darauf hingewiesen habe, dass ich kurz vor einem Burnout stehe und, wenn sich nichts an der Produktion und deren Tempo ändert, über kurz oder lange Gesundheitliche Schäden davon tragen werde, dich mich unfähig machen werden für eine kürzere oder sogar längere Zeit an der Arbeit und am sozialen Leben selbst teilzuhaben.

 

Mit ihren Monatszahlen wollte sie mich motivieren, denn laut diesen Zahlen produzieren wir gerade einmal die Hälfte von dem, was vor drei Jahren vom Hof gefahren wurde. Ich glaube ihnen, dass diese Zahlen stimmen. Sie sind exakt in SAP eingetragen worden und stehen für das was sie sind: Ausstoßzahlen unserer Firma. Doch so wahr diese Zahlen auch sind, so falsch sid sie auch im Bezug auf meine körperliche und geistige Gesundheit. Denn diese (wie sie von mir ihnen gegenüber genannte wurden) „nackten Zahlen“ sagen nichts aus, bis auf die Tatsächlichkeit der Existenz des hergestellten Produkts im Bezug auf vor drei Jahren.

 

In der Zahl ist nicht aufgeführt, dass wir inzwischen 2 Leute weniger in der Produktion sind, dazu kommt ein Landzeitkranker, der in den letzten 3 Jahren nur insgesamt 2 Monate gearbeitet hat. Es ist nicht enthalten, dass die Maschinen inzwischen noch veralteter sind und dass teilweise zwar neue angeschafft wurden, diese aber noch nicht so eingestellt sind – schließlich sind sie gebraucht von den beiden Partnerfirma geliefert worden – wie wir es benötigen, da wir nun ein Mischmasch von drei (!) Firmen in unserer Halle stehen haben, deren Maschinen aus unterschiedlichen Baujahren und damit Fähigkeit sind. Auch ist nicht aufgeführt, dass wir die alten Maschinen selbst (teilweise an Wochenenden) selbst abbauen und darauf folglich auch mit dafür verantwortlich waren, die Neuen mit aufzubauen. Es ist nicht enthalten, dass unsere Kompressoren nur noch auf halber Energie arbeiten, und wir deswegen manche Arbeitsbereiche nicht gleichzeitig fahren können.

 

In den Zahlen ist  zwar enthalten, dass wir  nicht mehr so viele Stückzahlen produzieren, doch immer mehr kleiner Margen in höherer Anzahl, was ein ständiges Umrüsten und Überprüfen zur Folge hat.

Weiterhin ist in diesen Zahlen nicht aufgeführt, dass wir kurz vor dem Zeitpunkt einer Zertifizierung stehen und wir deshalb Arbeitsschritte verändern müssen und mussten, und deswegen einen höheren Sicherheitsstandard erfüllen, was mehr Probenahmen und Überprüfungen zur Folge hat – mit immer weniger Leuten. Dies verlängert die Arbeitszeit erheblich.

In den verglichenen Monatszahlen steht nicht, dass Arbeitskollegen in Rente gegangen sind und nun als Teilzeitkräfte am Produktionsprozess teilnehmen, aber eben nur in Teilzeit. Überhaupt ist der menschliche Faktor gar nicht berücksichtigt.

 

Überstunden, Dauererkrankungen im Vergleich zu damals sind überhaupt nicht aufgeführt, so wie die Persönlichkeit und der Background der Belegschaft im Speziellen. Es ist nicht darin enthalten, dass mancher Kollege Nachwuchs bekommen hat und deswegen a) Elternteilzeit genießt (was jeder Manns und Fraus Recht ist, verstehen sie mich richtig) oder b) durch den Schlafentzug den ein Säugling hervorrufen kann nicht volle Leistung bringt und nicht mehr universell einsetzbar ist.

Körperliche wie geistige Komponenten sind in den Zahlen überhaupt nicht enthalten. Denn, guter Herr Chef, auch wenn früher sicherlich nicht alles besser war und es sich nicht alles zum Schlechten gewandelt und sich natürlich auch einiges gebessert hat, muss man auch die Menschen von damals zu heute vergleichen. Niemand von uns ist jünger geworden. Hunderte Überstunden für jeden, die niemals abgefeiert werden können, obwohl dies Vertraglich so vereinbart ist, wurden angehäuft, manche Arbeitskollegen haben im September  noch den Urlaub von letztem Jahr, während andere schlicht und ergreifend gar keinen zusammenhängenden Urlaub nehmen können, da es keine Zweitbesetzung für ihren Arbeitsplatz gibt.

 

In den Zahlen ist auch nicht das Geschäftsklima erfasst, der Teamgeist oder dass jeder Mensch verschieden ist; der eine arbeitet mehr, der andere weniger; einer macht in der gleichen Zeit das Doppelte, während der andere lieber Überstunden macht um das Selbe zu erreichen. Es steht nichts über die individuelle Belastung in den Ziffern und wie der Mensch damit umgeht. Außerdem muss ich anmerken, dass die Belegschaft nie danach gefragt wurde, ob die Margen in Unterbesetzung überhaupt auf längere Zeit eingehalten werden können.

Nach der Privatperson und seinen Problem wird ohnehin nicht gefragt, jedoch, es ist ein Faktor.

 

Sie, mein Chef, sagen, dass bei jener Anzahl von Menschen eine gewisse Anzahl von Gütern hergestellt werden muss, da dies bei Firma A auch der Fall ist. Doch ob Firma B überhaupt mit Firma A gleich gesetzt werden kann, diese Frage wird offensichtlich nicht abschließend geklärt, obwohl klar ist dass es keine Firma eins zu eins im anderen geben kann – das ist unmöglich, selbst wenn eine Firma ein planerischer Klon der anderen wäre; denken sie an den menschlichen Faktor.

Firmen sind organische Einzelwesen, wie der Mensch selbst, die sich ähneln und in Medizinischer Hinsicht das gleiche Grundkonzept verfolgen, doch so wie jeder Mensch am Ende unterschiedlich zu seinem Gegenüber ist – obwohl jeder über ein Herz, eine Lunge usw. verfügt (in den meisten Fällen) – ist auch jede Firma ein ganz eigener Mikrokosmos, der durch keine Zahl mit einer anderen Firma identisch gemacht werden könnte; Vergleiche können angestellt werden und um beim Beispiel der Medizin zu bleiben: Diagnosen müssen gemacht werden und dafür gibt es Lehrbücher und die Wissenschaft. Und selbstverständlich benötigt man dafür auch die Mathematik. Aber die falsche Diagnose beim falschen Patienten kann eine Katastrophe bewirken.

 

Ich weiß, mein Herr, dass sie ein gebildeter Mann sind. Und ich weiß auch, dass sie um all das was ich gerade aufgezählt habe – und bei dem noch viele Komponenten fehlen – selbst wissen. Ihnen ist das bewusst, dass diese Zahlen viel, und doch gar nichts aussagen.

Ich nehme an, dass sie mir die Zahlen gezeigt haben, um mich zu motivieren, denn andernfalls wäre es ein Scherz über meine geistige Intelligenz, wenn sie glauben würden, ich würde darauf denken: „Aha, heute ist alles besser als früher. Zahlen lügen nicht. Ich muss mir meine körperlich/geistige Schwäche nur einbilden.“

„Zahlen lügen nicht“, das ist richtig. Man muss die Zahlen aber auch in das richtige Verhältnis stellen. Und vor allem muss man sie in das richtige Verhältnis stellen wollen.

 

So schließe ich mein Schreiben an sie, wohlwissend, dass sich daraus nichts ändern wird, denn unser Wissen um die Falschheit dieser richtigen Zahlen, wird niemals die Befehlskette nach oben kriechen, da ihr Chef, mein guter, lieber und tüchtiger Chef, zu ignorant ist um die Zahlen richtig zu lesen, obwohl selbst er weiß, da auch er intelligent ist, was diese Zahlen wirklich bedeuten und deswegen Unsinn behauptet, wie zum Beispiel das wir genug Leute sind, diese aber nur falsch eingeteilt seien. Dies haben sie mir vor meinem Eintritt ins Wochenende erklärt worauf ich lachend meinte: „Blöd, dass der Chef keine Ahnung hat“, worauf sie meinten: „Woher soll er auch eine Ahnung haben? Er ist im Mutterkonzern und nie da.“ Umgekehrt hätten sie auch keinen Überblick wie es im Mutterkonzern zuginge. Und ich konnte mich nur wundern, wie ein Chef ein logistischer Vorstand einer Firma sein kann, wenn er gar keinen Überblick über die Firma hat, für die er die Verantwortung trägt. Das ist kafkaesk, ebenso wie es kafkaesk ist zu glauben, Produktionszahlen sind tatsächliche Zahlen.

Hiermit verabschiede ich mich ins Wochenende, lieber, gütiger und geliebter Chef. Und ich entschuldige mich dafür, dass man in meiner Jugend noch Geld in die Bildung investiert hat, die einem reibungslosen Arbeitsverlauf manchmal im Weg stehen.

 

Dienerhaft ihr

Paul Fleming.

Offener Brief an Sigmar Gabriel

Offener Brief an SPD- Parteivorsitzenden und Vize-Kanzler Sigmar Gabriel zu seinen Äußerungen, Sanktionen gegen Russland zu „UMDENKEN“.

Sehr geehrter Herr Gabriel,

ich wende mich an Sie bezüglich Ihres Vorschlags, Sanktionen gegen Russland zu „überdenken“.

Mit den Sanktionen bestrafte die freie Welt Russland für den brutalen Bruch des Völkerrechtes in Sache Annexion der Krim sowie für die Anzettelung und massive Unterstützung – mit allen Mitteln – des Terrors in der Ostukraine .

Diese Sanktionen dürfen nicht aufgehoben werden, bis die russischen „Hybride-Soldaten“ und Söldner mit samt Waffen den Osten der Ukraine verlassen und die Grenzen des Landes – einschließlich Krim – unter die ukrainische Kontrolle wieder gestellt werden.

Mit Ihren Äußerungen verderben Sie den Ruf der ältesten und traditionsreichsten demokratischen Partei der Welt. Sie nehmen darüber hinaus den osteuropäischen Völkern die Hoffnung weg, auf ihrem dramatischen Weg zur Demokratie und Freiheit das Ziel zu erreichen. Mehr noch, Sie füttern dabei den russischen Imperialismus mit einem aggressiven Nährstoff, den ihn noch aggressiver und noch skrupelloser mache. Somit tappen Sie selbst dem Monster direkt in die Falle, die er momentan mit seinem „Friedensplan für Syrien“ für „Realpolitiker“ kaltblütig und geschickt vorbereitet hat.

Als Sozialdemokrat, Parteivorsitzender und Vize-Kanzler in der Regierung einer führenden Nation sollen Sie im Interesse der Europäischen Union und im Sinne der proklamierten politischen Linie der Bundesrepublik, aber nicht im Interesse der Kreml-Imperialisten als ihre Lobbyist agieren.

Vielen Dank für Ihr Verständnis und mit freundlichen Grüßen

Ukrop Chemnitz

Dmytro Remestvensky

Quelle

Da haben sie Recht.

Der Dreißigjährige Brief

Schon seit vielen Jahren spüre ich diese Grundschuld in mir. Ich weiß nicht woher sie kam. Möglich, das ein christlich, jüdischer Ansatz dahinter steckt und es einfach mit dem Alter zu tun hat. Umso älter wir werden, desto schuldiger werden wir. Sicher hat es auch etwas mit dem Bewusstsein zu tun. Kinder. Haben dieses Bewusstsein, diese Reflektion über ihre Taten nicht. Deswegen sind sie so unschuldig. Gar nicht fähig aus „Bosheit“ und Berechnung Schuld auf sich zu laden. Erst dann – und dieser Übergang ist fließend – wenn sie erwachsen werden. Wenn sie erkennen, wie nackt wir eigentlich sind, wie wenig wirkliche Träume es in diesem Leben zu verwirklichen sind. 2 oder drei vielleicht. Der Rest scheitert. Muss scheitern.
War es nicht unfair von Jesus Christus zu fordern, dass wir werden wie die Kinder? Hieße das nicht die normale Evolution die ein Mensch in seinem eigenen und einzigen Leben durchmacht, umzukehren? Oder meinte er die Alterssenilität? Das wir vor ihr keine Angst zu haben brauchen, sondern uns (im Gegenteil) darüber freuen sollten? Ist das Vergessen das Ende der Schuld? Ist es so einfach?

Heute habe ich einen Brief bekommen. Er war 30 Jahre unterwegs. Die Post hat sich nicht bei mir dafür entschuldigt. Der Brief lag einfach so in meinem Briefkasten. Der Poststempel ist unleserlich. Vielleicht wurde er gar nicht vom Briefträger eingeworfen – wer weiß? – auf jeden Fall gab es dazu kein Wort, besonders nicht der Entschuldigung ob der langen Dauer des Transports. Doch von Unternehmen ist so etwas nicht zu erwarten. Außer auf einem Formblatt. Irgend so ein Vordruck. Eine Floskel. Unternehmen entschuldigen sich nicht. Sie kennen keine Schuld. Nur Fehler. Unternehmen haben keine Gesichter. Keine Persönlichkeit… Nur ein Image. Keine Seele. Keine Menschlichkeit. Und wenn Unternehmen nur eine durch Arbeit verbundene Interessensgesellschaft ist, also eine Anhäufung von Individuen unter einem gewissen Deckelmantel, was sagt diese Seelen- und Gesichtslosigkeit über unsere Gesellschaft aus? Wenn eine Masse an Menschen nicht (wie es logisch wäre) MEHR Mensch wird, sondern immer weniger? So wenig sogar, das eine Entschuldigung nur eine Floskel wäre? Unternehmen sind sich keine Schuld bewusst. Sie vergessen sofort, da sie aus vielen Einzelnen bestehen, wie Zellen an einem Körper, weswegen der Kopf schnell vergisst, dass man sich den Ellenbogen aufgeschrammt hat, wenn er es einfach nicht mehr sieht oder beachtet…

In der Literatur sind Briefe, die nach einer Ewigkeit DOCH ihren Empfänger erreichen, immer sehr wichtige Briefe. Keine Rechnungen. Keine Werbung. Und da dies hier Literatur ist, verhält es sich damit nicht anders. Es ist ein Liebesbrief. Die einzige wichtige Form von Brief, die mir in den Sinn kommt. Der WICHTIGSTE nur mögliche Brief. Und selbstverständlich und ohnehin hätte dieser fiktive, nun, literarische Brief mein Leben verändert, hätte ich ihn vor 30 Jahren in den Händen gehalten. Ich wäre womöglich jetzt mit meiner Traumfrau zusammen. Nicht mit der anderen Frau, die vor kurzem meine Kinder geboren hat. Mit der ich aber jetzt glücklich bin. Unendlich glücklich sogar. So glücklich, dass ich jene Traumfrau von damals total, nun mindestens fast, vergessen habe. Ich fühle die Schuld in mir, ob der Vergangenheit, der verlorenen Chance, denke an Jesus Christus und das Himmelreich, an meine Schuld. Frage mich, ob ich mich selbst, sie oder die Post dafür anklagen soll, und entscheide mich dafür, dass diese Anklage ja fast schon kafkaesk anmutet; wer könnte nach der Zeit noch etwas DAfür?

Die Zeit hat die Wunder geheilt. Den Stich aber, den ich mit dem Erhalt des Briefes bekam, werde ich so schnell nicht vergessen. Das Nichtausschöpfen der Möglichkeiten. Dennoch die Freude darüber, dass alles so gekommen ist, wie es ist.
Ich frage mich still, was aus einer Menschheit werden wird, bei der zwar jede Nachricht elektronisch sicher vermittelt wird und nichts mehr verloren geht. Und bei der doch jede Nachricht so schnell in Vergessenheit gerät, da schon 20 neue darauf warten, gelesen zu werden. Was für eine heilende Kraft der Verlust von wichtigen Informationen doch sein kann. Was für ein Glück.