Wir müssen Bier werden

Unterhalten sich zwei Bierbrauer.

1: „Mann, Mann, Mann, ich bin so fertig… Mir tut alles weh, ich kann nicht mehr… Ich bräuchte mal einen Tag Urlaub, aber geht natürlich gar nichts… Von ner WOCHE wage ich gar nicht zu träumen.“

2: „Warst du beim Meister?“

1: „Ja klar, da geht gar nichts…“

2: „Du gehst da auch mit der Voll-Kommen Falschen Perspektive ran. Du musst BIER werden!“

1: „Äh… Wie bitte?“

2: „Ist doch ganz einfach. Stehst du vorm Chef und sagst: „Hier. Aua. Blöd.“ Interessierst das natürlich keine Sau.“

1: „Aber wirklich auch gar keine Sau.“

2: „Stell dir aber mal vor, er ist er, und du bist ein Bier.“

1: „ÖH…“

2: „So isses. Er würde sagen: „Guten Tag liebes Bier, wie geht es dir denn heute?“ Und dann „Oh, du siehst aber trüb oder dünn aus, was ist denn mit dir los?“ Und sofort würde es LOS GEHEN! Er würde nachsehen ob du dich wohl fühlst. Stehst du unter zu viel Druck, oder zu wenig? Bist du sauer, lass doch mal den PH-Wert prüfen, Farbe.“

1: „Zwischen 8 und 10?“

2: „Den Unterschied sieht sowieso keiner. Weiter. „Ist dir zu kalt?“ „Bist du zu warm?“ „Brauchst du vielleicht ein wenig Ruhe? Sollen wir dich noch ein wenig lagern?“

1: „Gärt es etwa in dir? Bist du ein Jungspund?“

2: „Jetzt genau hast du es. Und wenn er dann anfängt alle möglichen biologischen Untersuchungen mit dir zu machen, holt es bestimmt ein Gerät um deine Gase zu kontrollieren, Alkohol, was weiß ich. Und weißt du was?“

1: „Hm?“

2: Sollte ihm der Wert nicht passen, wird er sogar ein ZWEITES Gerät anschleppen, weil: Das andere Gerät könnte ja defekt sein! So viel Zeit und Mühe wird er in dich investieren!“

1: „Dann würde er wohl noch nachsehen wo ich war. Ob ich mit dem Auto gefahren bin, wie viel da von mir reinpasst und würde die Nummernschilder checken.“

2: „Steht ja auch alles im Computer. Die totale Nachverfolgung, und wenn du so ein Bier wärst, würde auch noch JEDER Raum nach dir gereinigt oder sterilisiert werden.“

1: „Der Hammer. „Lass das Etikett hängen, Kleiner, das bekommen wir schon wieder hin.“

2: „Stimmt der Code auch mit dem Datum überein?“

1: „Und am Ende ist eh alles egal. Wert passt nicht? Na dann wirst du trotzdem verkauft: Merkt eh keiner.“

2: „So ist es. Wenn es dir also das nächst Mal schlecht geht, dann denk daran, dass du zum Bier werden musst, damit sich jemand für dich interessiert.“

1: „Jeder mag Bier. Also mag jeder mich.“

2: „Genau so ist es. Und wer kein Bier mag, mit dem stimmt was nicht.“

1: „Allzu viel besser fühle ich mich jetzt aber auch nicht…“
2: „So ist das halt im Kapitalismus. Um das Produkt geht es, nicht um Menschen.“

1: „Deswegen demonstrieren sie wohl auch gegen TITIP und CETA und nicht für die Menschlichkeit. Produktrechte werden ausgehandelt, keine Menschenrechte.“

2: „Kein Schwein interessiert es wie du dich fühlst: Außer du wirst zum Produkt.“
1: „Willkommen im Krankenhaus.“

Werbeanzeigen

Weihnachtsfeier

Erste Regel auf einer Weihnachtsfeier: Man redet nicht über die Arbeit.
Zweite Regel auf einer Weihnachtsfeier: Man redet nicht über die Arbeit.

Die Realität: Es wird die ganze Zeit über die Arbeit gesprochen. Die Leute verbindet nichts, kaum wirklichen Freundschaften die am Arbeitsplatz entstehen, und ist man doch mit Irgendwem auch privat befreundet, spricht man genau da nicht darüber, weil man nicht will, dass sich andere Leute mit in die Freundschaften einmischen.
Top-Thema: Fußball. Das geht immer. Wenigstens eine Zeitlang. Und besser ist das wenn alle für den gleichen Verein sind. Hier: Der FC Bayern.
Die Grüppchen-Bildung an den Tischen sind wie in der Arbeitszeit immer die Gleichen, und die Außenseiter bleiben selbstverständlich die Außenseiter, von Besinnung und Inklusion kann keine Rede sein. Der Altersdurchschnitt liegt bei 50 Jahren und es sind 90 Prozent Männer anwesend – während die „90 %“ schon eine beschönigte Angabe ist.

Bei so vielen Männern auf einem Haufen ist eine gewisse geistige Rückständigkeit vorprogrammiert; eine nicht minder geistige Rückständigkeit wäre bei 90 % Frauen zu beobachten, es ist die Unausgewogenheit des Geschlechts die die Dummheit produziert, diese klebrige geistige Rückständigkeit die bei einem Zuviel an Hormonen spürbar im Raum schwebt. Komisch nur: Das Machohafte was man erwarten würde ist kaum vorhanden, es ist eher ein keifiges, weibisches Verhalten im Subtext zu erahnen, dass das Wort „weibisch“ ad absurdum führt, da es sich zwar per Definition um eine frauliche Eigenschaft handeln müsste, doch die Männer dem Ganzen in Nichts (und überhaupt gar Nichts) nachstehen.
Mann trinkt Bier. Mann diskutiert über das Fleisch das dargeboten wird – nicht über die Spätzle, nicht über die Kartoffeln, nicht über den Salat; über das Fleisch.

Irgendwann steht dann einer „der Chefs“ auf und beginnt mit der ersten Rede, immer gleichen Inhalts, die darum geht dass es „ein schweres Jahr“ gewesen sei, kein „leichtes“. Die Stimmung im Betrieb soll durch solche Reden doch bitteschön schön schlecht gehalten werden, damit auch niemand auch nur auf den Gedanken kommen würde, dass ihm mehr zustehen könnte, als er sowieso schon nicht bekommt. Die Arbeitssklaven nicken das ab, sie sind ohnehin nur wegen ihrem Stück Fleisch und dem Freibier gekommen. Mehr. Erwarten. Sie. Nicht. Zwar schickt der Eine oder Andere einen schiefen Blick in Richtung Chef-Tisch hinüber, angestaut mit Wut und Hass, der sich über das ganze Jahr, ach was rede ich, über die Jahrzehnte von selbst daher produziert und aufgestaut wurde, trotzdem reicht es nur zu einem schiefen Blick und keinem offenem Hass, da man nur ein Täter und/oder Held in Gedanken ist, kein wahrhaftiger, sondern nur ein kleiner Terrorist der Wahrheit, der keine Bomben legt, außer in Worten wenn keiner „von denen“ dabei ist, „es ändert ja nichts“, das ist der Grundgedanken nach so vielen Jahren Erfahrung, und über den ganzen „Teambildings-Firlefanz“ kann man an diesen Tischen nur Lachen, denn hier glaubt keiner an so etwas, weder am Chef- noch am Arbeitstisch. Es gibt kein Team, sondern nur Arbeit die erledigt werden muss – und den Chefs ist es ganz egal wie es passiert, Hauptsache sie haben ihre Ruhe und müssen sich nicht das Gejammer über kaputte Bandscheiben sowie psychischen Schäden anhören, die das Fußvolk zu erleiden hat, Lebenslang natürlich. Und sollte man doch einmal mit einem Vorwurf konfrontiert werden, wir das mit einem unausgesprochenen „selbstschuld“ quittiert, man hätte sich doch Zeit bei der Arbeit lassen können und „richtig heben“ oder arbeiten können – dass man selbst als Chef den Menschen viel zu viel Arbeit in zu kurzer Zeit aufgebrummt hat bleibt dabei unausgesprochen und von Arbeitgeberseite nicht einmal angedacht. Der Fehler. Liegt nicht. Bei uns. Das Credo das Schreibtisch-Täter.

Als Verzuckerung für die Umstände bekommt jeder der Männer mit den großen Händen noch eine nicht allzu billige (wenn auch nicht teure) Flasche Schnaps und einen mit Firmennamen bedruckten Schal dazu. Geschenke um zeigen, wie sehr sich die Firma kümmert; Geschenke also, die Geschäftskunden massenweise bekommen und worüber die Arbeiter sich deswegen noch mehr freuen sollen; immerhin kaufen sie hier nichts sondern stellen her, weswegen man keine großen Präsente macht. Das wäre doch verschenktes Geld. Die Leute müssen ja kommen. Um das schöne, schöne Geld zu verdienen, nicht wegen einer guten Stimmung oder Lebensqualität.
Viel wichtiger als die Mitgaben ist der Alkohol der von den umherfliegenden Bedienungen gebracht wird: Alkohol macht versöhnlich. Der muss fließen. Und so schnell das Bier in die Gläser rauscht, verfliegt auch bei 90 Prozent der Leute die Wut auf „die da oben“ und man wendet sich wieder den eigentlichen Dingen zu, dem Hass aufeinander (die gewohnten Sticheleien) und das Hochloben auf einen wie den Uli Hoeneß, der schon recht gehabt habe mit seiner Steuerhinterzieherrei, schließlich muss man den Staat betrügen um was von ihm zu bekommen; dass ihre Situation nicht mit dem eines Uli Hoeneß zu vergleichen ist übersehen sie gern, genauso gern, wie der mittellose Amerikaner den „Amerikanischen Traum“ träumt, bald Millionär zu sein, denn man fühlt sich komischerweise leicht dem zugehörig, was man niemals erreichen wird und woran man niemals teil hat, besonders mit Freund Alkohol, der die Illusionen glaubhaft macht: Mir san mia! Was die gleiche Lüge ist, wie die Kirche behauptet Gottes Vertretung auf Erden zu seien und es nie um einen selbst, sondern um die Gemeinde geht – haben wird gelacht.
Der Alkohol macht sogar die paar Frauen im Raum hübscher, die Stimmung wird lauter. Die Weihnachtsmusik wird – wie fast jegliche Weihnachtsmusik in Deutschland – ignoriert und niedergebrüllt. Die immer gleichen Plattheiten erfüllen den Raum. Und sehr viel lautes und hohles Gelächter, ungefährliches Gelache, dass sich auch nur den Chefs anbiedert, denn man lässt sich und die die oben „wieder gut sein“. Es ist die Stunde der Arschkriecher.

Schließlich nimmt sich der Markus, dem der Chef vor einer Stunde das „Anton“ angeboten hat, zu viel heraus, sagt seine echte, ehrliche Meinung und darf als Konsequenz am nächsten Montag beim Chef, der nicht mehr „Anton“ sondern Herr Müll ist, antreten und sich seinen Anschiss abholen, da er den „Betriebsfrieden“ gestört habe. Ob „die Störung des Betriebsfriedens“ irgendwas mit der Wahrheit zu tun hat ist zweitrangig. Hauptsache es ist Ruhe und die Leute schuften sich kaputt – das ist die eigentliche Aussage einer Weihnachtsfeier.

– Und nun ehrlich: Kann mir jemand übelnehmen, dass ich gestern nicht dorthin gegangen bin?

Der Generationsvertrag

Ich war mit meinem Kopf überhaupt nicht dabei – wieso auch? Die Arbeit war stupide genug, selbst jemand, der nicht einmal die Sprache von Klaus sprechen würde, hätte sie machen können. Nein. Meine Gedanken waren bei meinem Mädchen. Bei meiner Frau. Was sie wohl gerade machen würde, wann wir uns wiedersehen. Handys gab es noch keine, so blieb mir als Kontaktaufnahme nur das allabendliche Telefonat, welches der schönste Moment unter der Woche war, bis auf das spätere Onanieren unter der Dusche. Nein. Warum auch? Warum hätte ich „die Augen offen halten sollen“? Wir fuhren nur Bier und Limonade aus, Klaus und ich, und bei mir war es nicht einmal ein richtiger Beruf: Es war ein Ferienjob.
Und doch quatsche Klaus mich voll:

„Das mit der Arbeitslosigkeit ist der volle Witz“, raunte er, während er die schnaubende Bestie von LKW durch die kleinen Gassen quälte, „Ich meine, warte noch ein paar Jahre ab, dann gibt es dank dem Pillenknick eh kaum mehr genug Kinder, und plötzlich wird man vom Jobwunder sprechen“, er fauchte „Jobwunder“ geraderecht heraus, „Wunder wird es dabei aber keines geben, sondern das ist bloß Evolution, auf ne andere Art.“
Ich musste gar nichts sagen. Wahrscheinlich sollte ich es auch nicht. Ein „Mhm“ reichte vollkommen. Ich mhm-te.
„Und dann wollen wir mal schauen WER meine Rente bezahlt. Denn dann wird es nicht mehr genug Kinder geben, die die Alten bezahlen. Generationsvertrag, du weißt schon.“
„Mhm.“
„Wobei das Wort an sich ein Witz ist, denn wie kann man einen Vertrag mit der nachfolgenden Generation machen, wenn die noch gar nicht geboren ist? Schon ein Scheißsystem irgendwie… Die Nachkommen werden ausgenutzt. Verurteilt, wenn man so will… Im Prinzip ist das mehr wie eine Wette: Zahlen die Kinder für uns, oder nicht? Ich meine, wer ist noch Dankbar für das, was er als Kind bekommen hat? Keine alte Sau…“
„Mhm.“
So Unrecht hatte er vielleicht gar nicht. Vorhin hatte er mir von Triebtätern erzählt und das man sich heutzutage kaum mehr wundern muss, wenn die Mädchen halbnackt über die Straße laufen. Kein Wunder das die Männer dann dicke Eier hätten.
Klaus redete gern. Er war alt. So um die 40. Doch das sah man ihm kaum an.

Kamen wir bei einer Wirtschaft oder einem Supermarkt an, war es immer das Gleiche. Klaus zeigte mir wo ich das Vollgut abstellen sollte, wo ich das Leergut mitnehmen musste. Er lud ab und öffnete die Türen. Getränke werden im Normalfall zur billigeren Kühlung im Keller gelagert und Keller sind meistens nicht dafür bekannt, dass sie leicht zu durchqueren sind. Wenn man einmal zehn 60 Kilofässer eine Wendeltreppe hinuntergetragen hat, dann weiß man am Abend was man gemacht hat – und wir machten natürlich nicht nur eine Gaststätte.

Als Lieferant kommt man herum. Sieht die Welt. Hässliche und schöne Ecken. In manches Restaurant bin ich seitdem nie wieder gegangen… Was man so über die Asiaten sagt ist nebenbei gar nicht so verkehrt, doch ein 4 Sterne Hotel muss unter Umständen nicht besser sein. Es ist Alles. Nur. Fassade.

Am Anfang bekam ich es gar nicht mit. Es war nur ein Keller wie viele Andere auch. Und im Kopf war ich schon im Wochenende. Bei meiner Liebsten. Ihr Haar. Ihr Geruch. Ihr Lachen. Doch etwas wunderte ich mich dennoch. Hier sah es nicht aus wie nach einem Gasthof und wir stellten die Fässer auch nicht in einem Keller ab, sondern ließen sie über ein Rutschenartiges Gebilde hinunter sausen. „Komisches Ding“, meinte ich zu Klaus, und diesmal war er es der mhm-te.
Es waren nicht viele Fässer. Nur ein paar 20ger Cola und Wasser.

„Gut das wir wenigstens da nicht in den Keller mussten“, grinste ich Klaus bereits mit fühlbaren Muskeln im Lkw an.
„Nein Mann. In den Keller kann man gar nicht rein.“
„Hä? Ach so. Wir haben also keinen Schlüssel dafür. Klar. Warum auch? Gibt ja die Rutsche.“
„Nein Mann. Zu diesem Keller gibt es keine Tür.“
„Ein Raum ohne Tür? Jetzt hör aber auf. So was gibt es nicht. Und selbst wenn, wie sollte man dann die Fässer da raus holen? Wer sollte sie trinken?“
„Die leeren Fässer stehen immer neben der Rutsche. Die Kinder sieht man nie.“
„Was für Kinder?“
Dann antwortete er nicht mehr, sondern drehte die furchtbare Schlagermusik lauter. Sie erschlug das Gespräch.

Als wir die Woche darauf wieder bei dem Keller-Rutschen-Gebäude waren, ließ Klaus eine Tüte mit ins Dunkle gleiten.
„Was war das?“ fragte ich ihn.
„Kastanien.“
„Kastanien?“
„Vielleicht wollen die Kinder Kastanien-Männchen bauen.“
„Mhm…“
Doch trotz des „Mhm“ wunderte mich die ganze Sache: Was wurde da gespielt? Von Klaus bekam ich keine Antwort, also unterhielt ich mich mit meiner Freundin darüber, die meinte zu mir (Scherzhaft), die einfachste Lösung wäre folgende: „Er spinnt.“ Das stellte mich jedoch nicht zufrieden. Längst war meine Phantasie angeregt. Was wäre, wenn das so ein Fritzl-Haus ist? Oder so ein Ding wie mit der Kampusch? Nein jetzt mal ehrlich: Was ist, wenn da Kinder gefangen gehalten werden?
„In einem Zimmer ohne Türe“, grollte meine Freundin mit Kellermeister-Stimme.
Ja. Das Ganze klang schon ziemlich verrückt.

Als Klaus beim nächsten Mal – meiner letzten Tour – eine Packung Haribo „Tropifrutti“ versenke, sprach ich ihn noch mal darauf an. Er seufzte. Dann. „Ich habs dir doch erklärt. Das ist der Generationsvertrag. Die Jungen zahlen für die Alten.“ Erst verstand ich gar nichts. Dann glaubte ich zu verstehen.

In der Nacht kam ich zurück. Es war nicht schwer in das Haus einzusteigen. Es lag abseits vom Ort, wie diese Sportheime, die wir die letzten Wochen des Öfteren frequentiert hatten. Dass man mich sehen könnte war eher unwahrscheinlich. Außer von dem Bewohner natürlich, doch Auto stand keines dort. Dunkelheit herrschte. Ich suchte den Kellereingang – doch es gab keinen. Ich tastete die Wände ab, zerriss den Teppich, suchte nach einer verborgenen Türe. Fehlanzeige. Mir wurde mulmig. Ein Zimmer ohne Türe… Dann legte ich mein Ohr auf den Boden. Lauschte. Ob da jemand ist. Ein Mensch. Ein Kind. Ein Vergewaltiger. Womöglich. Doch. Ich hörte nichts. Im ganzen Haus war nichts. Gar nichts. Bis auf die Schatten, die meine Taschenlampe warf und das Klopfen, das Hämmern meines eigenen Herzens. Ich bekam es mit der Angst zu tun und radelte nachhause.

Am nächsten Tag besuchte ich einen Freund von mir. In Wirklichkeit aber wollte ich gar nicht zu ihm. Ich wollte zu seinem Vater, denn sein Vater war der Bürgermeister unserer kleinen Stadt. Zur Polizei traute ich mich nicht, und den Vater von Lorenz kannte ich schon seit meiner frühen Kindheit. Ich passte ihm ab und erklärte ihm die Lage. Erst seufzte er, dann bat er mich die Tür hinter mir zu schließen, damit wir in Ruhe reden könnten.

Fußball und Gewalt

Hättest du mir FRÜHER erzählt, dass Walter mal ein schwarzes Kind haben würde, dann hätte ich dich erst angespuckt und dann ausgelacht. „Dreckiger Lügner…“ Die verrücktesten Geschichten schreibt aber das Leben selbst. Jetzt. Hat! Walter ein Negerkind. Klar, ist der Sohn von seiner Frau aus der ersten Beziehung, und dass er überhaupt etwas mit einer anfängt, die sich von einem Neger hat schwängern lassen, zeigt, wie sehr sich die Menschen wandeln.
Früher. War. Walter anders getriggert.

Walter hat nie zugehauen. „Hauen“ ist was für Mädchen. Walter „schlug ein“ (deswegen verspotteten wir Typen, die nicht richtig schlagen konnten als „Hauis“, wie in der TV-Serie „Ein Colt für alle Fälle“). Cool und doch kompromisslos – einmal quakte ihn ein Typ blöd an, und er meinte zu mir: „Halt mal.“ Er gab mir seine Kippe. Haute dem Typen eines in die Fresse, und dann rauchte er seine Kippe weiter… So war er…

Wir waren schon immer Landeier. Deswegen waren wir nie wie die Hooligans aus der Stadt. Es waren selten MASSENschlägereien, an denen wir beteiligt waren. Das ergab sich einfach. Auf dem Bolzplatz in der Kreisklasse. Beim Saufen davor. Oder beim Saufen danach. Im Prinzip waren wir auch keine richtigen „Rechte“. Es war einfach Attitüde (Fuck you, Ärzte! :)) ) und gehörte dazu. Wir waren nie diese dumpfen und dummen Parolenschreier. Scheiße. Wir fanden es einfach cool. Doch im Prinzip stiefelten wir alles und jedem zusammen. Dunkle aber eher doch lieber…

Schlussendlich wollten wir uns einfach ausleben. Roh sein. Irgendwie auch stolz sein. Und selten bist du roher und stolzer auf dich selbst, nachdem du einen auseinandergenommen hast. Das kickt. Jeder der schon einmal eine Schlägerei hinter sich hat, kann dir davon erzählen. Egal. Ob er gewonnen oder verloren hat. Wir LEBTEN einfach. Rauchten die Zigaretten bis zum Filter. Und suchten auch keinen Sinn auf dem Boden einer Flasche. Wir haben gesoffen. Weil es uns Spaß gemacht hat. Wir lebten eh nur von Glas zu Glas…
Denkt was ihr wollt: Das war genau richtig so.

Wir gingen durch die Schule des Lebens. Deswegen haben wir auch nie so etwas wie Depressionen gekannt. Oder Panikattacken. Das ist etwas für die verkopften Weicheier. Männer haben nur dann Panik, wenn die Überzahl eindeutig ist. Aber auch wenn wir alleine waren, fühlten wir uns in der Überzahl. Ja genau: Alleine und doch in der Überzahl.

Vermutlich hätten sie uns irgendwann den Kopf eingeschlagen, wenn es eben nicht auch um Fußball gegangen wäre. Walter war der totale Fußballnarr. Vielleicht konnte er dir nicht erklären was ne Primzahl ist, oder wer gerade einen auf Bundeskanzler macht, aber er konnte dir sagen, wer in der Saison – was weiß ich – 84/85 Torschützenkönig der Bundesliga war… (Klaus Allofs nebenbei). Irgendwann scherzte ich, dass er sich doch eigentlich für Karaoke interessieren müsste, denn da hüpft doch auch immer so ein Ball auf den Wörtern herum. Scheiße. Genies waren wir wirklich nie. Aber blöde… Nein Mann… Blöde waren wir auch nie.

Und irgendwann war das Alles vorbei. Wir gehen immer noch ins Stadion. Aber wir stehen nicht mehr. Jetzt sitzen wir. Wir werfen auch keine Flaschen mehr. Schreien nur noch selten. Wir werden alt… Und irgendwann hat Walter Carmen kennengelernt. Carmen mit dem Kind. Und ich finde das gut. Ich finde das richtig gut. Walter war zwar wie ausgewechselt, aber dennoch war er immer noch unser Walter. Weiß nicht, ob du das versteht: Walter war irgendwie dass, was er immer sein wollte. Doch nie konnte.
Klar.
Klingt immer scheiße, wenn man sagt: Dem Dicken fehlt ne Freundin. So einfach ist die Scheiße nicht. Wer das sagt, der hat nicht alle Tassen im Schrank. Dem Dicken fehlte einfach die Perspektive. Der Lebensinhalt. Wenn man jung ist – meine verdammte Meinung – dann hat man einen anderen Lebensinhalt, als wenn man alt ist. Klar haben wir Scheiße gebaut. Die eine oder andere Fresse ummodelliert. Doch zu dieser Zeit, da MUSSTEN wir das tun. Einfach weil wir keine Weicheier waren. Hätte es einen Krieg für uns gegeben, dann… Vielleicht…

Das kleine schwarze Kind von Carmen blieb nicht lange das kleine Kind. Aus dem wurde ein richtiger Bulle. Ein verdammter Ochse. Und das mit 12 Jahren. Eigentlich sollte der Kerl Football spielen, mit seiner Statur, doch jetzt knüppelt der da draußen auf dem Platz die ganzen Weißbrote um. Und wir sind richtig stolz auf den Kleinen. Auf unseren großen, kleinen schwarzen Berserker…

Walter verträgt keinen Alkohol mehr. Trinke ich mit ihm auf dem Sofa einen Sixpack, pennt er nach dem ersten Bier bis zur Halbzeit weg. Und auch das ist okay. Wenn wir dann Randale im Stadion erleben, schütteln wir aber nicht den Kopf. Wir waren doch auch nicht besser. Wer war früher schon besser? Die Jungen sind anders als Alten. Und die Weichen anders als die Harten. So ist das Leben. Und die meisten Menschen, die Angst haben, und glauben, ALLE wären gleich. Die verstehen das nicht.
Weil sie Angst um ihre Fresse haben. Angst davor, zu verlieren. Deswegen werden sie nie gewinnen. Meine Meinung.
Sie zählen zu denen, die immer etwas vermissen werden. Wisst ihr. Es gibt Menschen, die vermissen bestimmte Sachen nicht, weil sie die Erfahrung nie gemacht haben. Aber bei uns ist das anders. Die Leute, die auf uns herabsehen, die vermissen im Prinzip etwas im Leben. Sie sind neidisch. Aber sie checken es nicht. Sie glauben. Und wir wissen. Was Schmerzen sind. Und das sie vorbei gehen. Zeit zerstört Alles. Vom rechten Schläger, zum guten Vater. Jede Generation muss seine eigenen Erfahrungen machen. Immer wieder. Und das passiert die ganze Zeit. Die Jungen toben sich aus, und die Alten wenden sich ab – weil sie genug haben.
Das ist okay. Denn das ist der Lauf der Dinge. Gott hat da so gewollt.

Anmerkung:
Die Geschichte ist in weiten Teilen eine Konstruktion – und ich habe auch Anti-Fa-Texte geschrieben, wie den hier. Nicht das Missverständnisse aufkommen und ich hier in Schubladen gesteckt werde 😉

Die beste Brauerei

Am Anfang steht immer eine Brauereiführung, die Sinnvollerweise im Sudhaus startet. Der Braumeister erklärt die verschiedenen Maischverfahren, die Besonderheiten des Läuterbottichs, und da steht natürlich der experimentelle „Merlin“. „Kein gewöhnlicher Merlin, sondern ein Versuchsmodell, entwickelt mit den Jungs in Weihenstephan“, wie er anmerkt. Der Meister sieht aus wie einer dieser Millionäre, die sich auf Golfplätzen herumtreiben. Der perfekt gestutzte Bart geht nahtlos in die Halbglatze über, das Haupthaar ebenso perfekt grau wie die Gesichtsbehaarung, dazu helle, wache Augen: „Magst du Dostojewskij?“ Das „du“ hatten sie sich schon am Beginn ihres Treffens gegeben, „Der Einfachheit halber“.
„Ähm, den habe ich in meiner Jugend mal gelesen. Schuld und Sühne fand ich ganz gut.“
„Du musst unbedingt die neue Übersetzung von Swetlana Geier lesen. Da heißt das Meisterwerk natürlich Verbrechen und Strafe. Ein Traum. Man entdeckt ihn wieder ganz neu.“
„Das werde ich mir merken.“

Der Gär- und Lagerkellerbereich gleicht einem gefliesten Weltraumlabor. Hier ziehen keine Männer mehr Schläuche durch die Gegend; automatische Schwenkbögen werden von Computerhirnen auf die Leitung geschraubt. Der Brauer überwacht diesen Vorgang nur noch am PC. Im Kontrollraum läuft als musikalische Untermalung die Cello Suite Nummer 1 von Bach. Die Brauer sehen entspannt auf als die Beiden den Raum betreten. „Das ist der Hansi, und das ist der Edgar“, stellt er ihm die Beiden vor. „Und der Neue hier – wenn er denn will (dabei zwinkert er ihm zu) – ist der Uwe.“ Die Zwei sehen aus wie Informatiker. Brillen, gepflegte Haut und lascher Händedruck. Die Brauer, die Uwe bisher kennen lernen durfte waren allesamt Proleten oder „Bauern“. Arschkratzende, Leberkäseessende Schreihälse, die einfach nur primitiv waren. Hier kam er sich vor wie im falschen Film. „Ich freue mich deine Bekanntschaft zu machen“, lächelt Hansi, und Uwe kann sich innerlich dagegen aufbäumen wie er will – er hält Hansi einfach für schwul. Dagegen kann er nichts machen. Der ganze Betrieb schien schwul zu sein. „Magst du Oper?“ erkundigt sich Edgar. „Unser Betriebsausflug ist in ein paar Wochen.“ Dabei strahlt er ein sonniges, leichtes Lächeln aus.
Uwe: „Öh… Vorher würde ich gern noch einiges über die Brauerei wissen. Stellt ihr hier eure eigene Reinzucht an?“
Der Meister nickt zufrieden: „In der Tat“ – und so geht die ganze Führung weiter. Überall entspannte Gesichter, sei es beim Palettierer, der Flaschen- oder Fassfüllerei. „Die Co2-Rückgewinnungsanlage ist die Effektivste in Europa“, bekommt er erklärt. Zum Schluss wird er in den Brotzeitraum geführt.

Hier läuft gerade ein Hörbuch (!) gelesen von Klaus Kinski, während die Mitarbeiter und die (für Uwe überraschend viele) Mitarbeiterinnen, an ihren Tablettcomputern lesen, ganz normal Salatessen oder einfach nur die Augen zuhaben um Kinskis Lauten zu lauschen. Dann endet das Hörbuch schon und ein Mann fragt die Lehrlinge: „Was haltet ihr von der Geschichte? Trifft der Titel der Ketzer von Soana wirklich auf die Erzählung zu?“
„Entschuldigt, dass ich euch unterbreche“, sagt der Meister in die Runde, aber das ist der Uwe, kümmert euch doch ein wenig um ihn.“
Uwe schallt ein „Hallo Uwe!“ entgegen, fast fühlt er sich wie in einer Gruppensitzung bei der gleich ein Sitzkreis gebildet werden soll, bei dem jeder sich vorstellt und sagt woher er kommt – und was er von der Gruppe erwartet.
Sofort wird er aber von den Gewerkschaftsvertretern und dem Betriebsräten in Beschlag genommen, von denen ihm erklärt wird, dass es keinen besseren Betrieb für ihn geben könne, als diesen hier. Die Bezahlung und der Haustrunk seien exquisit, und nebenbei würde noch in einen besonderen Aktienfonds investiert werden, um die Lohnsteigerung der Mitarbeiter zu erhöhen. „Die eine oder andere Transaktion sei schon wild spekuliert, aber wir haben das unter Kontrolle.“ Uwe kann sich nicht vorstellen, dass hier irgendetwas „wild“ sein könnte. An einem Flatscreen an der Wand läuft tatsächlich ein Börsenticker mit, und dort an der gegenüberliegenden Seite, wo in einer normalen Brauerei die Tittenfotos hängen, sind ungeheuer schöne Panoramabilder von Marilyn Monroe angebracht. „Man hat ja auch einen Trieb“, erklärt ein Geselle zwinkernd zu ihm, der aussieht als wäre er ein New-Age-Pfarrer, der gerade einen Gilette-Werbespot abgedreht hat. Und ob er die neuen Übersetzungen von Swetlana Geier schon gelesen hätte – man sei ihr so unglaublich dankbar für….
„Die Frage ist hier wahrscheinlich etwas überflüssig, aber einen Raucherbereich habt ihr hier wohl nicht?“
„Oh… Du rauschst Uwe? Das ist aber gar nicht gut für dich. Das werden wir die schon noch abgewöhnen“, zu der Aussage bekommt er einen Arm auf die Schulter und ein Lachen ins Gesicht. „Aber da das ja nicht so einfach ist, kannst du rüber gehen zu Karl, der ist ja Beratungsresistent.“

Ihm wird der Weg gezeigt.

Karls Bereich passt nicht zum Ambiente dieser Brauerei. Denn dort sieht es, wie Uwe etwas erleichtert feststellt, aus, wie in einem Schalander einer ganz normalen Brauerei. Kaffeemaschine in der Ecke, vergilbte Tittenfotos an der Wand, Karl auf einem alten Holzstuhl, der vielleicht noch aus der Nazizeit ist.
„Darf ich hier rauchen?“ erkundigt sich Uwe schüchtern.
„Ja klar Mann! Endlich ein NORMALER Mensch! Setz dich her zu mir“, frohlockt Karl. „Willst´n Bier? Na, solltest unsere Jauche schon mal probiert haben, bevor du hier anfängst.“ Karl kickt den Kühlschrank brüsk auf und holt eine Flasche heraus. „Glas brauchst ja keins, nä?“
“Ne, ne du… Passt schon.“
“Passt schon!“ lachte darauf Karl auf. „Die berühmten letzten Worte.“

Sie rauchen.

„Weißt du“, kollegialisiert sich Karl sofort, „hier zu arbeiten ist toll. Wenn nicht alles so superkorrekt wäre. Alle denken dasselbe, wie auf einem Parteitag der Grünen. Keiner trinkt ein Bier, keiner raucht, keiner stänkert, keiner muckt auf.“
“Aber nach der Arbeit wird man doch wohl etwas gesellig zusammensitzen und ein Bierchen trinken?“
“Nix! Wenn dann (er kam näher heran), dann kiffen DIE einen, weil das gesünder sei. Und trau dich hier bloß nicht mit ner BILD-Zeitung herein, da endet ihre ach so hoch gelobte Toleranz. Hier arbeiten nur Gutmenschen. Fast schon Nazis…“
„Hm…“
„Ja, das Ganze ist einfach ziemlich weltfremd.“ Karl seufzt. „Weißt du… Sie verdrängen hier die Wirklichkeit. Ganz egal wie toll die Technik ist, wie wenig sie sich die Hände schmutzig machen oder wie schön warm ihre Arbeitsbereiche im Gegensatz zu anderen Brauereien ist – es ist immer noch Bier, dass sie hier herstellen. Eine Droge, mit der sich die Leute die Birne weg saufen, sich voll kotzen oder unter deren Einfluss sie ihre kranke Oma verprügeln… Dass ist die verdammte Doppelmoral hier… Weißt du… Ich bin privat auch bei der freiwilligen Feuerwehr, und ich kenne das wirkliche Leben (er macht eine ausholende Handbewegung) und das kennen die Leute hier nicht. Die haben noch nie gesehen, wie ein besoffener ne Kleinfamilie niederwalzt und nur noch von der kleinen dreijährigen Gisela ein Blutfleck am Kühler übrig bleibt. Das ist Alkohol, und das ist jedem ehrlichen Brauer klar. Aber hier… Das ist die verdrängte Unwirklichkeit. Bessere Menschen… Mögen sie sich dafür halten, aber es gibt keinen besseren ALKOHOL. Und es gibt auch keine BESSERE Droge. Ich habe nie verstanden, warum die Kiffer ihr Gerauche immer mit Saufen vergleichen. Eine Droge ist nie eine Andere. Du vergleichst doch auch nicht eine Krankheit mit der anderen und sprichst vom kleineren Übel: BEIDE sind übel…“
„Das stimmt“, nickt Uwe und zündet sich noch Eine an.
„Ich habe auch schon gesehen, wie ein Kiffer eine alte Frau überfahren hat. Zweimal sogar. Also er hat die 2mal überfahren. Erst einmal dann…. Zweimal… Ist ja egal. Mit dieser Doppelmoral hier musst du auf jeden Fall klar kommen. Nach außen hui und schön auf perfekt und nachhaltig machen, aber im Grunde der Pudels verdorben und verlogen…“
„Wie steht es mit dir?“
„Mich würde es freuen, wenn hier ein NORMALER Mensch arbeiten würde“. Da lacht er. Der Kerl. „Denn die guten Menschen werden den Planeten mit ihrer Doppelmoral nicht retten. Sondern die ehrlichen. Und wenn du einer bist, dann umso besser.“
„Ich überlege es mir.“
“Aber merke: Nichts kann schlimmer sein, als das Gutmenschentum. Denn der Gegensatz von gut, ist gut gemeint. Willst du noch n Bier?“

Brauerei-Philosophie

Das ist der Thomas. Der Thomas arbeitet zur Ferienarbeit in einer Brauerei. Seine Aufgabe ist es die neu eingekauften Flaschen von der Kunststoffverkleidung, mit der die Palette gegen Staub geschützt wird und die zur Stabilität beiträgt, zu befreien, um die Flaschen dann in die Bierkisten der ansässigen Brauerei zu stellen. Diese Bierkiste stellt er wiederum auf eine Holzpalette, in diesem Fall eine „Euro“-Palette, die vom netten Staplerfahrer in den Palettierer geschoben wird. Von dort trägt sie ein Förderband hoch zur Flaschen-Füllerei. Hier werden die Flaschen (wenn es sein muss) entkorkt, vorsortiert und mit 80 Grad heißer Lauge gewaschen. Dazu wird eine große Waschmaschine verwendet, die gleich dutzende Flaschen auf einmal aufnehmen kann. Kommen sie dort heraus, werden die Flaschen noch einmal überprüft, ob sie nicht kaputt gegangen sind, oder irgendetwas in der Flasche drin geblieben ist (wie z.B. ein Stück Metall oder eine Scherbe). Jetzt endlich wird die Flasche gefüllt, und etikettiert. Dann wieder in eine Kiste gestellt. Bis es endlich abgeht. Zum Verbraucher.
Im Schnitt rotiert eine Flasche 5 bis 8 Mal durch diesen Kreislauf (Waschen-Füllen-Verbraucher: Zurück), es kann auch bis zu 20 Mal geschehen. Alles darüber ist eher unwahrscheinlich, dennoch möglich.
Die Rede ist von einer normalen Bierflasche. Braun. 0,5 Liter. NRW – das sind die Dünnbäuchigen.

Hier stehe ich also nun. Sehe den Flaschen nach. Die der Thomas unten, der Student, einsortiert hat.
5 bis 8 Mal, denke ich mir, was da so eine Flasche wohl erlebt?
Vor meinem geistigen Auge saust die gefüllte Kiste das Band wieder hinab zum Palettierer, wo sie vom Stapler direkt auf den LKW gestellt wird. Der fliegt im Zeitraffer wie ein Geschoss zum Supermarkt, wo ein Dickbäuchiger Kerl (auch ganz flink, wie ein Turbozwerg sieht er aus) die Kisten mit einem Sackkarren durch die Gänge hetzt, abstellt – da kommt auch schon eine Bande von jungen Kerlen, die sich mehrere Kästen, auch jenen, mit unserer Flasche, in den Einkaufswagen stellt.

Sie lachen. Zahlen. Machen Männertypische Bierwitze und Lobhuldigungen (unerträglich…) und fahren das Bier mit einem Auto zu einem See, wo sie abends (Zeitraffer: Die Sonne geht unter) in einem kleinen Zelt trinken. Mädchen gesellen sich zu den Jungs. Es wird viel getrunken, gelacht, gezecht und sogar etwas gesungen, dann (jetzt geht´s los) wird unsere Flasche aus der Kiste genommen. Ein Junge, gerade einmal 15 Jänner zählend, hat sich Mut angetrunken und geht mit dem Bier bewaffnet zu einem Mädchen. Trinkt mit ihr zusammen, etwas ABSEITS, unsere Flasche Bier. Lächeln sich trunken an. Und geben sich den ersten Kuss ihres Lebens. Die Bierflasche fällt nieder und läuft aus.
Am nächsten Morgen stellt ein anderes Mädchen die Flasche zurück in den jetzt leeren Kasten, der zurück in den Kreislauf geht: Supermarkt, Brauerei – die Flasche rast als Zeitraffergeschoss an mir vorbei – und zurück in einen anderen Supermarkt.

Dort nimmt ein junger Familienvater den Kasten mit unserer Flasche mit, stellt ihn später in seinen kalten Keller. Abends holt er ein paar Flaschen aus seiner Kiste (auch unsere) und stellt sie vor „seinen Männern“ auf den Tisch. Das TV-Theater gibt heute Fußball, die Männer johlen und stöhnen. Und kurz und hin und wieder sieht man die Trauer in ihren Augen, dass sie nicht mehr die Männer sind, die sie einmal waren. Wie verlorene Freunde sitzen sie beieinander, haben sich nichts wirklich zu sagen und zu erklären, als diese untrennbare Vergangenheit, die sie miteinander verbindet. Während sie das nicht begreifen, sehen sie glücklich aus. Rotwangig werden sie. Tragen die Farben des Gelächters.
Die Flasche wird wieder in den Träger gestellt, und kommt, einem Boomerang nicht unähnlich, zurück in die Brauerei.

Von dort fährt die Flasche wieder nach draußen. Fast hätte der Bottle-Inspektor sie als Fehlerhaft aussortiert. Mit dem LKW. Mit dem „Heimdienst“ zu seinem alten Mann. Der Bierfahrer. Trägt. Die Kiste in den Keller des alten Mannes. Wo er sie Wochenlang stehen hat. Und eines Tages. Allein. Einsam. An seinem Esstisch. Wo früher die Familie zusammenkam. Trinkt. Das Bier hilft ihm sich zu erinnern. An die Frau. Die gestorben ist. An die Liebe. Die vergangen ist. An die Kinder. Die nicht anrufen. Dennoch lächelt er.
Wieder der Kreislauf.

Ein letztes Mal geht unsere Flasche auf Reisen. Sie landet in einem Getränkemarkt, wo ein junges Pärchen sie kauft. Auch in ihrer Wohnung steht die Kiste länger. Nur hin und wieder pflücken sie sich gemeinsam ein Bier.
Eines Tages, sie sitzen draußen auf dem Balkon, wird unsere, jetzt schon etwas angekratzte Flasche getrunken. Ob es ihre Schuld ist, weiß ich nicht, doch. Es kommt zum Streit. Ein Wort gibt das Nächste, und die junge Frau nimmt erbost unsere Flasche, schleudert sie auf ihren Freund. Der kann sich gerade noch ducken, und das gläserne, uns so vertraute Geschoss schleudert auf die Straße hinunter; zerschellt auf dem Asphalt. Wie ein Blutfleck bleibt die zerbrochene Bierflasche, in Tausend Fetzen zerdeppert, zurück.
Am nächsten Wochenende kehrt der Hausmeister die Straße zusammen und lässt die Scherben nachlässig in den Müll fallen. Von hier aus geht es zur Deponie.

Doch das ist nicht das Ende. Das ist erst der Anfang. Denn diese Flasche kann nicht zerbrechen.
Auf der Deponie verschwinden die Glasscherben im Müll und Morast, werden abgeschnitten vom Tageslicht. Jahre vergehen. Hunderte. Tausende. Millionen und Abermillionen. Die Scherben verändern sich. Die Umgebung verändert sich. Doch die Flasche verschwindet nicht; eine Flasche kann man zerstören, nicht aber die Elemente, aus denen sie besteht. Und während sich diese neu anordnen erzählt uns Isaac Newton aus dem Off die Geschichte vom Energieerhaltungssatz, der beinhaltet, das Energie nie verloren gehen kann. Nur umgewandelt wird. Wonach das Universum nur aus einer begrenzten Anzahl an Elementen und Energien besteht. Und die Flasche unauslöschlich ein Teil davon ist.
Danach kommt uns Nietzsche mit seiner Theorie der ewigen Wiederkehr: Die Flasche war schon einmal da. Sie wird wiederkehren: Wieder werde ich neben ihr stehen, aber Millionen Mal wieder, bis alle Möglichkeiten durchgespielt sind, und Alles immer und aufs Neue wiederholt wird. Anders. Und doch gleich: Wie gesagt alle möglichen Möglichkeiten der Menschheit, von mir, des Planeten, des Universums, werden durchexerziert, bis ich genauso wieder neben der Flasche stehe, und Alles genauso ist, wie es jetzt wahr.
Ich bin unauslöschlich. Meine Elemente. Sowie die der Flasche. Und wir werden uns unaufhörlich begegnen. In dieser. Oder in einer anderen Form.
Wir sind nicht Alle Eins. Wir sind niemals Alle dasselbe. Doch das, woraus wir bestehen, ist unauslöschlich. Wir sind uralt. Und unsterblich. Wir sind Götter.

„Nicht rum stehen, arbeiten!“ quakt mich ein Arbeitskollege an, haut mir Spaßeshalber mit der flachen Hand auf den Hinterkopf, reißt mich aus meinen Gedanken.
„Du blödes Arschloch!“ schimpfe ich ihm noch hinter her. Dann habe ich vergessen was ich gerade dachte und bin schon beim nächsten Gedanken, dass ich es gut finde, dass Studenten Flaschen einklauben müssen…

Nachwort:
Michael Haneke meinte in dem Interview auf der Caché-DVD, dass man selbst über eine Flasche einen guten Film drehen kann, wenn man eine gute Technik besitzt und eine Idee hat- so kam ich auf das Ganze :p War doch einen Versuch wert…