Rainald Goetz erhält den Büchner Preis

Der nicht weniger als der wichtigste deutsche Literatur-Preis ist. Dazu auch noch dotiert auf 50.000 Euro.

Da Goetz mein deutschsprachiger Lieblingsautor ist, gönne ich dem Mann selbstverständlich jeden Preis – wie es der Zufall so will lese ich gerade sporadisch von ihm „Klage“, sein Internet-Tagebuch, welches er vom Februar 2007 ab ein Jahr geführt hat (es gibt hier auch im Blog einen Tag der KLAGE heißt, was natürlich eine Referenz ist) – auch wenn mich sein neuester Zyklus (nennen wir ihn den „blauen“) nicht so sehr gepackt hat wie sein Techno- und Pop-Zyklus.

Rainald Goetz hat einen unmittelbaren Einfluss auf mich und mein Leben gehabt, wirklich, ohne ihn hätte ich NIEMALS mit der Techno-Feierei begonnen, denn, ich bin wahrlich durch das Lesen zum Feiern gekommen, am Anfang war die Vision, der Sound und dessen Sog kam erst viel später.
Ich weiß noch wie ich auf meiner ersten Nature One „Rave“ von ihm gelesen habe, als mein Kollege schlief. Morgens. Draußen der Dauerregen.
Zudem hat der Mann mit seiner Art zu schreiben auch meinen Stil über Jahre weg sehr beeinflusst, wobei das nun auch schon wieder (bei mir) länger rückgängig ist; mein Stil ist eher im Verfall begriffen, was verschiedene Gründe hat, vor allem durch den Arbeits-, also durch den Lebensdruck.

Davon abgesehen ist mir dieser hektische Autor, dem die Worte nur so aus Mund schießen und welchem dabei doch die Kunst der Scherzens (auch nach eigener Aussage) total abgeht, mit seiner ungeheuer sprühenden Intellektualität und der überbordenden Wortgewandtheit, seinem ganz eigenen Form Charme und seiner unermüdlicher Bissigkeit und Klugscheißerei einfach nur ungeheuer sympathisch; besonders die von ihm selbst eingesprochenen Hörbücher haben da auch einen großen Anteil geleistet. Immer wieder gern blättere und lese ich in seinem „Abfall für Alle“, seinem Internet-Tagebuch über das Jahr 1998. Eines der besten Deutschsprachigen Bücher, da dort so viel mit Form und Sprache gearbeitet und versucht wird, dass es einfach nur eine Freude ist.

Das Goetzsche Wesen hat mich seit Jahrzehnten sehr beeindruckt und geprägt. Diese Verbindung aus Verkopfheit und Lebenswillen. Darin war er mir immer ein großes Vorbild. Den Doktor Rainald Goetz hat bewiesen, dass die Feierei Intelligenz nicht ausschließen muss.

Also Glückwunsch Rainald. Und hau die 50 Tausend auf den Kopf. Die hast du dir verdient 😉

Imperium von Christian Kracht

Mit Freude und Spaß gelesen und für gut befunden. Besonders wegen dieser ganz tollen, antimodernen Sprache, für die sich der Herr Kracht vom Herr Dietz (im SPIEGEL) – auch, nicht nur – anhören musste, dass er ein rassistisches Weltbild besitze; kann ich hier überhaupt nicht herauslesen. Im Gegenteil. Diesen Zivilisationsekel in „Imperium“ fand ich besonders gelungen. Den generellen Deutschlandhass des „Heldens“ sehr nachvollziehbar. Wobei, man könnte auch sehr gut Deutschland hassen und ein Rassist sein. Na egal… Dieses Buch zeigt keine rassistischen Züge, nicht einmal in der Metaebene, auf der hier einiges los ist.

Kracht lässt nebenbei noch ein paar historische Figuren durch das Bild laufen, wie z.B. den Nazi-Maler Nolde; da waren wir erst in Lindau bei einer kleinen Ausstellung und der Herr Nolde ist schon ein lustige Figur, Vollblut-Rassist war der und im Prinzip ein vorbildlicher Nazi, nur bewerteten die Nazi seine Bilder nicht als vor-bild-lich, nein, sie nannten sie entartet und belegten den armen Nazi-Nolde mit Berufsverbot, dumm gelaufen für den Nazi-Fanboy…
Solche Figuren huschen angenehm luftig durch die Erzählung und mit seiner ganzen Klugheit und Beobachtungsgabe, macht Kracht in seinem historischen Roman „Imperium“ (er spielt maßgeblich kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges auf einer deutsche Koloni) alles richtig, viel und noch mehr als Daniel Kehlmann, dessen „Vermessung der Welt“ ich zwar ganz nett aber auch ein wenig schal und mau fand, wenn auch gut weg zu lesen. So für die Bildungsbürgermasse halt. Hm… Darf man jetzt über Kehlmann lästern, wo der doch von jüdischer Abstammung ist? Klar. Darf man das. Hat mit den Büchern ja nichts zu tun. Hm. Wäre ich berühmt würden aber findige Arschlöcher, die sich Journalisten schimpfen, mir daraus einen Strick drehen. Da lob ich mir doch mal meine Unbekanntness durch welche ich alles sagen und meinen darf wie mir es passt – auch nicht schlecht.

Also: Gutes Buch. Der Kracht jetzt. Netter Abenteuer-Roman für Fortgeschrittene.

Die furchtbaren Berliner

Als Christian Kracht damals (jetzt wirklich schon sehr, sehr lange her) bei Harald Schmidt sagte: „Berlin ist die schrecklichste Stadt der Welt“, entsetzlich, widerwärtig, ekelerregend (wie Schmidt zusetzte) , musste ich schon schmunzeln, hier das Video, so ab Minute 6 -aber es lohnt sich das ganze Interview

Gerade lese ich das Kracht-Buch „Imperium“, in dem es um einen deutschen Aussteiger vor dem ersten Weltkrieg in einer ebenfalls deutschen Kolonie geht. Dort gibt es auf Seite 92 eine kurze Passage darüber, wie der Held Engelhardt von der deutschen Zivilisation abgestoßen wird, die mich laut auflachen ließ (und lautes Lachen gibt es bei mir beim Lesen nun nicht wirklich), gerade auch im Hintergedanken an das Schmidt-Video
Sie lautet:

„Ein paar Haltestellen weiter, am Alexanderplatz, lehnt ein durchnäßter Berliner an einer Hauswand und ißt, mesmerisiert kauend, eine jener labberigen Bratwürste. Das gesamte Elend seines Volkes steht ihm ins Gesicht geschrieben. Die überfette, gleichgültige Trostlosigkeit, das graue Lamentat seiner borstig geschnittenen Haare, die öligen Wurstsprenkel zwischen seinen groben Fingern – eines Tages wird man ihn so malen, den Deutschen. Engelhardt, ebenso hypnotisiert, fixiert ihn, während der Omnibus durch die Wasserwand vorbeirattert. Für eine Sekunde ist es, als ob ein glühend heller Strahl die beiden verbindet, Erleuchteter und Untertan.“

Vielleicht erschließt sich einem der Humor nur im Zusammenhang mit dem wirklich geistreichen aber doch sehr komisch lustigen Buch; einen Zusammenhang mit dem Schmidt-Video gibt es aber auch.

Ach. Einfach herrlich. Ich freue mich schon darauf das Buch weiterzulesen.

Buchkritik: "Das größere Wunder" von Thomas Glavinic

Mann, Mann, Mann, Mann, Mann… Habe ich das Buch bei der Hälfte gehasst… Und jetzt, am Schluss, am Ende… Musste ich sogar vor Ergriffenheit ein paar echte Tränen kullern lassen… Dabei wäre es so vorhersehbar gewesen, hätte man denn Sehen wollen… Wollte man aber auch gar nicht und da zeigt sich, dass Glavinic trotz oder gerade wegen des restlichen Buches ein toller Schriftsteller ist.

Wir waren letztes Jahr (oder?) auf einer Lesung von Thomas Glavinic zu „Das größere Wunder“ in Augsburg gewesen, und da machte es mich gar nicht an: Ein Schriftsteller mit Höhenangst der seinen Protagonisten auf den Gipfel des Mount Everest schickt… Das ist Handlung A). Handlung B ) Ist die Lebensgeschichte des Helden, Jonas.

Der Gag an der ganzen Sache ist, dass der Handlungsstrang auf dem Mount Everest – Glavinicsche Höhenangst hin oder her – der viel, viel, viel bessere ist, was durchaus auch daran liegt, dass der Autor Jonas Leben so dermaßen übertrieben und doch glattgebügelt hat, dass es fast schon ärgerlich ist, denn Jonas wächst bei einer Art Mafia-Boss auf und hat sein ganzes Leben lang ALLES was er will. Der Typ muss sich um nichts Sorgen und unternimmt nur Blödsinn, reagiert sogar absolut lächerlich auf das Ableben von Personen die er liebt oder verachtet, auch weil Glavinic viel Zeit damit verbracht hat Jonas Dinge tun zu lassen, ohne sie als Monolog der Figur zu deuten oder als allwissender Erzähler darüber ein paar Zeilen zu verlieren. Das kann man mögen: Ich fands blöd und hohl. Das macht doch keiner.

Aber da ist ja noch die Handlung auf dem Mount Everest die quasi als Metapher zum Leben selbst gelesen werden kann, die es schließlich herausreißt. Hier geht der Österreicher Glavinic minutiös ins Detail, was es handwerklich geglückter Kunstgriff ist, während die Lebensgeschichte von Jonas eher so herunter gescheppert wird, und dadurch bekommt der „Tourismus“ auf dem Mount Everest eine solche Dichte, dass es mich wirklich gepackt hat.
Natürlich tummeln sich in der Handlung viele Touristen auf dem höchsten Berg der Welt und ja: Die gehören da nicht hin! Auch Jonas ist. Doch sie sind nun einmal nicht weg zu diskutieren (auch nicht nach dem schlimmen Erdbeben und Unglück dort vor ein paar Wochen). Aber wer gehört schon irgendwohin im Leben? Und stoßen wir nicht im echten Leben auch immer wieder auf Sherpas, die mit der Welt viel besser klarzukommen scheinen und die für uns da sind und teilweise unsere Probleme lösen? Den Weg zu Ende gehen müssen wir aber selbst. Jeder. Kämpft. Für sich allein. Auch wenn man in einer Gruppe unterwegs ist.

Man merkt schon, das Buch hat mir trotz alle dem Schmarrn in Jonas Leben sehr gut gefallen, obwohl es teilweise wirklich grausig schlechte Stellen beinhaltet, da es sich Glavinic mit dem Lebenslauf einfach zu leicht gemacht hat; ich schreibe selbst ja auch ein wenig und habe das Gefühl, dass der Österreicher da ein wenig den Versuchungen und der Allmacht der Schriftstellerei erlegen ist.
Ich habe ja fast alle Bücher von ihm gelesen und würde dieses hier zu seinen Besseren zählen, auch wenn es niemals an „Die Arbeit der Nacht“ heranreicht (also die Wirkung die die „Arbeit auf mich hatte); sei es darum. Macht Spaß zu lesen und es ist wie ein kleiner Urlaub zuhause, denn am Ende ist es natürlich ein Buch – über die LIEBE.
(und Mann, Mann, Mann, Mann, Mann… Gerade das letzte Kapitel rockt ohne Ende. Dieses „Nein“. Diese Zuversicht)

Neuer Roman

Ich habe eine Idee für einen neuen Roman. Im Prinzip steht schon das ganze Gerüst („Text zur Nacht“ trifft „Die Arbeit der Nacht“ trifft „Narnia“), nur bräuchte ich ein wenig mehr Wissen über das „Fantasy“-Genre in Büchern (bei Mangas bin ich ja gut dabei) und über Verschwörungstheorien… Noch besser wäre wohl, ich fange zu kiffen an, scheinbar hilft dieses Klischee um in den Themen voll aufzugehen und das Thema viel zu ernst zu nehmen…

Meine Idee finde ich ganz gut und dieses Mal habe ich auch vor anders an das Thema heranzugehen, d.h. es wird keine Blog-Fortsetzungsgeschichte dazu geben. Deswegen werde ich den Blog aber nicht per se ruhen lassen.

Mal sehen was kommt 🙂

Rassismus ist eine schräge Art von Masochismus

„Wenn alle Schwarzen großartige Tänzer und Sportler sind und alle Asiaten intelligent, identisch und fleißig, wenn alle Juden sich großartig aufs Geld- und Literaturmachen verstehen und sich dank ihrem Zusammenhalt durchboxen, und wenn schließlich alle Latinos großartige Liebhaber und Messerstecher und Grüngrenzgänger sind – ja meine Fresse, was bleibt denn eigentlich noch den weißen angelsächsischen Protestanten? Welche großartige Gemeinsamkeit bringt uns Weißbrote für den Rassisten unter das solide Dach des Stereotyps? Nichts. Ein namen- und gesichtsloser großer weißer Mann. Für Mark ist Rassismus eine Art schräger Masochismus. Eine Methode, dank der wir uns absolut und sinnlos alleine fühlen. Identitätslos.“

Aus „Alles ist grün“ David Foster Wallace – Seite 171

Sasha Grey "Die Juliette Society" Buch-Kritik

Ein wenig versucht „die Juliette Society“ wie der „Fight Club“ des Sex zu sein, was dem Buch selbstverständlich nur teilweise gelingt. Dennoch bleibt ein starkes Buch über Emanzipation übrig (was auch das Thema von Fight Club ist wenn man genau hinsieht), was so gut wie nichts mit „Shades of grey“ zu tun hat, bei dem ein genau umgekehrtes Frauenbild verkauft wird (die Märchenprinz-Geschichte; und die Frauen verschlingen es…), auch wenn sogar auf dem Cover von Sasha Greys Buch beharrlich mit dem Verweis auf den Weltbestseller geworben wird. „Shades of grey“ ist ein Buch über Mädchen-Phantasien, was auch noch grotten- und furchtbar schlecht geschrieben ist, „Die Juliette Society“ geht erwachsen und psychologisch an das Thema heran; erotisch sind aber beide Bücher nicht.

Terry-Richardson

Die ehemalige Pornodarstellerin Sasha Grey bekommt den Leser über einen Kniff, denn sie weiß genau, was so gut wie alle Leser über ihre Biografie denken: Dummes junges Mädchen geht freiwillig nach erreichen ihrer Volljährigkeit zur Pornografie und lässt sich dann des Geldes wegen von dominanten Männern in alle Körperöffnungen ficken – jetzt hat sie ein Buch darüber geschrieben und will noch mehr Geld umgreifen. Das ist falsch (wobei das mit dem Geld wohl immer stimmt). Jetzt ist man entweder enttäuscht oder positiv überrascht, denn Sasha Grey ist nicht so devot und hilflos wie sie in ihren Filmen dargestellt wird. Sie ist clever, sogar so sehr, dass sie ihre Pornobiografie und die Wirkung die sie auf den Seher hat durch das Buch vom Kopf auf die Füße stellt; im Sexkontext ausgedrückt: Sie sitzt oben und gibt den Rhythmus vor.

Die Ich-Erzählerin ist kein Dummchen, die durch Naivität auffällt (Guten Tag Frau James), sondern eine Film-Studentin, die mit sehr offenen Augen, auch für Metaphern (klar, meistens für Film-Klassiker) und Zusammenhänge, an die Welt herangeht. Sie lebt in einer normalen Zweierbeziehung und ist in dieser auch sehr glücklich. Dennoch ist sie darüber hinaus ein sexuelles Wesen und hat auch ihre Phantasien. Über das Studium und ihre Schwärmerei zu einem ihrer Dozenten, lernt sie Anna kennen, die nicht nur mit Pornografie Geld verdient, sondern es auch genießt. Bald zeigt ihr Anna eine Welt hinter der Welt, die sie so nicht erwartet hätte…

Die Autorin stellt ihrer Protagonistin also eine Art Lehrerin gegenüber, der sie durch die Nächte und die Lust folgen und sie beobachten kann; wenn man psychologisch an die Sache heran geht, könnte man sagen, Sasha Grey hat ihre Erfahrungen aus der Pornoindustrie in beide Figuren gepackt: Anna, die schon Erfahrungen hat und vorbehaltlos im Sumpf von Sex und Macht versunken ist, und die Ich-Erzählerin, die erst nach und nach ihre Erfahrungen machen – WILL!
Dieses Machen-WOLLEN ist die zentrale Aussage von Grey in ihrem Roman, das ist der Feministische Aspekt, das ist es, was sie dem Kenner ihrer Pornografie vor Augen führt, denn sie war nicht nur das kleine Mädchen welches von großen starken Schwänzen dominiert wurde, sondern sie WOLLTE das. Sie genoss es und sie fordert das Recht darauf ein, auch als Frau perverse Wünsche zu haben und sie auch ausleben zu dürfen. Andere Feministinnen mögen da die Hände über den Kopf zusammenschlagen, da das „ein vollkommen falsches Bild der Frau“ vermittelt; Frauen wollen nicht dominiert und genommen werden! Das ist sexistisch! Wirklich? Natürlich geht Grey nicht so weit zu behaupten, dass jede Frau bis zum Ersticken (Sorry für den Ausdruck) in den Hals gefickt werden will, das sagt sie an keiner Stelle. Und auch wenn es nicht erwähnt wird, so kann man klar herauslesen, dass sie nicht dafür ist das Frauen zum Sex gezwungen oder überwältigt werden wollen und niemals sollen (auch wenn sie nicht vor der Aussage zurückschreckt, dass sich viele Mädchen von den Männer übertölpeln und ausnutzen lassen) Ihr Buch aber handelt von Selbstbestimmung: Wenn sie das will, dann ist das auch okay, ganz egal wie das auf andere wirkt.

Ich denke, deswegen wird das Buch auch oft kritisiert und als schlecht empfunden, da es nicht einfach nur darauf ausgelegt ist die Triebe des Lesers in Wallung zu bringen, sondern ständig über alles reflektiert und im Zusammenhang gesehen wird. Die Sex-Szenen selbst sind fern ab jeder Erotik und literarisch die schlechtesten Stellen im Roman; mich haben sie eher gestört, da ich mehr über die Gedanken ÜBER Sex interessiert haben, das Philosophieren darüber.
Selbst die Titelgebende Vereinigung, „die Juliette Society“, die zwar der rote Faden und ein netter Schlenker in Richtung Verschwörungstheorien und (natürlich) Kubricks „Eyes Wide Shut“ ist, stellt nur die Rahmenhandlung und eine weitere Metapher für Greys Grundaussage dar. Und auch die Auflösung am Schluss überrascht nun wirklich gar keinen. Darum geht es aber gar nicht. Es geht um Sex an sich – und um eine Reise. Möglich. Dass ich bei dem ganzen zu viel hineininterpretiert habe. Nach der Lektüre aber sieht man Sasha Grey und ihr „Lebenswerk“ mit anderen Augen. Und das finde ich gut. Weil sie das System von innen ausgehöhlt hat. Übrig bleibt für mich das Bild einer starken und klugen Frau – und ich bin gespannt was sie noch schreiben und arbeiten wird: Ihre (Hoppla Wortwitz) Shades of GREY.

Das Buch ist sehr lesenswert – aber auch keine Wichsvorlage. Wer das erwartet, wird enttäuscht und postet so was hier

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weil man das Buch eben nicht verstanden hat ;D

Nachtrag:
Auf Amazon konnte ich die Buch-Kritik nicht veröffentlichen, das sei zu „vulgär“. Aber darum geht es doch! Mänsch…. „Heyne Hardcore“ verkauft Bücher zu dem Thema, doch bitte nur mit Bienchen und Blümchen-Sprache darüber reden – das ist doch schizophren…

Tagebuch der Brüder Goncourt plus Kommentar zu "Das wird man doch wohl noch sagen dürfen"

15.11.1870

„Sodann macht er sich daran, hübsch und geistreich den kommenden Heroismus zu verspotten, dazu sich selbst, der bereit ist, sich töten zu lassen, ja schliesslich verspottet er sogar den Patriotismus seiner eigenen Artikel. Dieser Spott, immer dieser Spott – daran sterben wir, daran mehr als an irgend etwas anderem. Und ich schmeichle mir, der erste gewesen zu sein, der das aufgeschrieben hat.“

Das halte ich für einen guten Kommentar zu allgegenwärtigen Zynismus unserer Zeit, wohlgemerkt notiert vor fast 150 Jahren… Und damit meine ich einen resignativen Zynismus, keinen förderlichen.

Wobei. In heutigen Tagen muss man das dazusagen. Das ich überzeugt bin von einem humanen, europäischen Patriotismus, nicht diesem Fremdenhassenden nationalen Scheiß der uns mal wieder auf den Straßen begegnet, der gegen verfolgte Asylanten wettert und sich dabei so liberal und offen fühlt, nur weil man dazusagt: „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen.“ Man darf alles sagen – man darf aber auch wissen und verstehen WAS man sagt und WARUM man etwas sagt und was es aus dir macht, wenn du bestimmte Dinge sagst.
Angst ist eine verständliche Sache – nur – ihr wisst wie der Fassbinder-Film heißt: „Angst essen Seele auf“ und das stimmt heute wie vor 40 Jahren. Also lasst euch nicht von eurer eigenen Angst zerstören und bleibt menschlich. Das ist es was eure Kinder brauchen – keine vorgelebte Verachtung, die aus Erste-Welt-Bäuchen hervorgärt…

Deutschboden

deutschboden

Moritz von Uslar arbeitet als Journalist bei der „Zeit“. Vorher kann er noch den „Spiegel“ und andere „hochwertige Medien-Arbeitsplätze“ vorweisen, und selbst sein „von“ im Namen ist ein echter Adelstitel, keine affektierte Erfindung wie im Fall von Lars VON Trier, Uslar war auf einem Internat und bewegt sich in seiner Heimat Berlin in der besseren Gesellschaft, selbst der besseren Club-Gesellschaft. Dieser Moritz von Uslar – den ich durch seine 4 Fernseh-Auftritten mit Rainald Goetz zum Thema „Fernsehen“ auf 3Sat kannte – hat sich selbst eine Aufgabe gestellt, die er (selbstverständlich) auch als Buch verarbeiten wollte:
Uslar ging in eine Brandenburgische Kleinstadt Zehdenick im Kreis Oberhavel um dort die Menschen zu erforschen, nicht in dem er wie ein Journalist umherging und die Leute interviewte, sonder durch den Kniff sich einfach dort in den Kneipen und auf den Straßen herumzutreiben. Das fand ich natürlich ultrahart von ihm, da er selbst diese ziemlich verzogene, schnöselige Aura hat, dieses extrem Bildungsbürgerliche Auftreten, und mit diesem wollte er dem „Prekariat“ nicht nur gegenübertreten, sondern darin abtauchen. Im ersten Moment klingt das lahm. Ein Buch über einen Journalisten, der die Härten einer Brandenburgischen Kleinstadt erforschen will, nur wenn man dann sieht (also liest) wie er das gemacht hat, kann man nur sagen: Respekt.
Sich als Bildungsschnösel mit Hippster-Hut („Pork Pie Hut“) an den Tresen einer Kleinstadt zu stellen, um in ein Gefüge abzutauchen, wo jeder jeden kennt und man nicht nur optisch sondern wirklicher Außenseiter ist, das braucht schon Mut.

Darum geht es dann auch am Anfang von „Deutschboden“, wie er sich diesen Mut nach und nach erarbeitet, durch seine Angst hindurch. Das Oberhavel seiner Erzählung (und wohl auch in Wahrheit) ist eines dieser Klischee mäßig rechten Käffer, in der der Besucher nicht mit offenen Armen empfangen wird, wenigstens nahm dass der „Reporter“ an, so wie sich von Uslar selbst dort Augenzwinkernd beschreibt.
Er mietete sich dort in eine Pension ein und trieb sich so lange in der Stadt-Kneipe herum, bis die Geschichten zu ihm kamen – nicht umgekehrt. Dabei hilft ihm seine fast schon infantile Bewunderung für das Prollige und seine Verzauberung durch deren Codes, das Dosenbier, das Ausspucken, Tätowierungen und die oberflächliche Kaputtness der Menschen, denen nach dem Mauerfall nur noch Hartz-4 und das Trinken geblieben ist.

Trinken. Ach was. Das Saufen ist ein wichtiger Bestandteil von „Deutschboden“, da der Alkohol mit seiner von fast allen Menschen so geschätzten „Enthemmung“ ihm Türen öffnet und er schließlich, nach und nach, dort sogar Freunde findet, die im Hauptfokus die Mitglieder der Band „5 Teeth less“ beinhaltet.

Mit den Kameraden zieht er umher und erforscht die Tristesse, aber auch die Schönheit der Kleinstadt. Dabei pendelt der Reporter immer wieder hin und her zwischen einer fast schon grotesken Verherrlichung dem Kaputten gegenüber, während er doch immer wieder davon abgestoßen wird. Am Ende wird er respektiert, so sehr sogar, dass die Freunde ihm von ihrer „rechten Zeit“ erzählen, von ihren Träumen, Misserfolgen, dem Alltag der Arbeitslosigkeit und ihren dünnen Perspektiven…

Ich kenne den lakonischen Sprachfluss von Uslars aus dem Fernsehen und Interviews und mit diesem Sound im Kopf habe ich das Buch gelesen, was das Ding superangenehm gemacht hat. Dabei kann ich gut verstehen, dass viele Leute ihre Probleme mit dem Buch haben, gerade weil man lange meinen kann, dass da jetzt so ein abgehobener „Reporter“ daher kommt und über die Leute urteilt. Natürlich macht der Reporter das wirklich, beurteilen und beobachten, nur stellt er dabei immer seine eigenen Ängste und ein bedeutendes Maß an Selbstironie und –zweifel in den Vordergrund. Er macht sich selbst ebenso lächerlich, wie seine Protagonisten. In einem wirklich fairen Verhältnis.

Selbst habe ich gerade eine Woche Urlaub gehabt, und es hatte schon was dieses „Deutschboden“ zu lesen, während ich selbst nichts anderes gemacht habe als in einer bayrischen Kleinstadt herumzuhängen und nicht besonders viel zu tun; ich würde die Menschen nicht daran beurteilen wer in unsere Treffpunkt-Kneipe geht – und wer eben nicht. Kleinstadt ist halt doch nicht Kleinstadt und es hat seine Gründe warum von Uslar in den „wilden Osten“ gefahren ist, und nicht hierher. Es sind aber gerade auch die Parallelen die man ziehen kann, die die Lektüre interessant machen.
Am Ende ist es ein Buch über Menschen in Deutschland zu einem gewissen Zeitpunkt der Geschichte. Wir haben gerade 25 Jahre-Mauerfall gefeiert und da kommt so ein Buch gerade richtig, welches auch mal die Missverhältnisse persönlich abarbeitet und nicht nur – wie das in Deutschland gefühlt die ganze Zeit passiert – sich nicht nur auf Forschungs- und Finanzdaten berufen wird oder Journalisten von Journalisten abschreiben, wenn man Aussagen über einen bestimmten Lebensraum treffen will. Moritz hat den härteren Weg gewählt, der viel Zeit (hier 5 Monate) brauchte, um einen Tick Wahrheit festzuhalten.
Das Buch ist dabei weder grandios noch maßlos fesselnd. Es ist einfach sympathisch. Nett. Offen. Lustig. Doch auch grausam. So wie das Leben halt so ist. Die Menschen sind nicht nur „gut“ oder „schlecht“. Und sie verändern sich auch. Sehen zurück auf das was sie getan, gelebt und gefühlt haben – und jeder zieht daraus seine Schlüsse. Ob es dann reicht sein Leben zu verändern ist eine andere Frage.

Inzwischen wurde das Ding sogar verfilmt. Den Film werde ich mir auch noch ansehen.

"Back to Blood" von Tome Wolfe – Buchkritik

back to blood

Es hat etwas gedauert mit mir und „Back to Blood“ von Tom Wolfe. Es ist mein erstes Buch welches ich von Wolfe gelesen habe und „BtB“ drängt jetzt nicht gerade seine anderen Werke auf, wenn es auch durchaus seine Stärken hat.
Erfahren habe ich von „BtB“ durch einen Vordruck im SPIEGEL, der eine der interessanteren Szenen im Buch beschreibt, doch fangen wir mal mit den Basics an:

„BtB“ ist von seiner Struktur her ein Gesellschaftsroman, der im Miami der Gegenwart spielt. Ausgangspunkt der Geschichte sind Nestor und Magdalena, die als Kuba-Exilanten in zweiter Generation zu Anfang noch ein Paar sind. Ihre Charaktereigenschaften treiben sie auseinander; genau in die entgegengesetzten Richtungen.

Denn Nestor will Polizist werden, sogar ein vorbildlicher, weswegen er anfangs auf einem Patrouillenboot arbeitet um sich von dort hoch zu arbeiten, und gleich einer seiner ersten Aufträge bringt ihn ins Rampenlicht von Miamis Asylpolitik. Wegen seines Versuchs vor laufender Kamera einen Flüchtling aus Kuba von einem Schiffsmast zu retten, wird er von seinen eigenen Landsleuten und seiner Familie verstoßen, da er sich in ihren Augen für die andere Seite entschieden hat, nicht für die Exil-Kubaner, sondern für die Anglos. In Folge dieser Aktion stolpert Nestor jedoch die Karriereleiter hinauf, bis er wegen Rassismus-Vorwürfen suspendiert wird, doch durch den weißen Journalisten John Smith gerät er in eine Geschichte über eine mögliche Kunstfälschung, in der er privat weiterermittelt…

Magdalena dagegen ist eine junge, umwerfend hübsche Krankenschwester, die bei einem Arzt arbeitet, der sich auf die Behandlung von Sex-Sucht spezialisiert hat. Durch ihn bekommt sie Einblicke in die High-Society Miamis, bis sie schließlich einen jungen, hübschen und reichen Russen kennen lernt, der dem neuen Museum von Miami Bilder im Wert von mehreren Millionen geschenkt hat…

Man muss jetzt kein Genie sein um zu sehen, dass diese beiden Geschichten sich wieder kreuzen werden. Zudem sind sowohl „Nestor“ als auch „Magdalena“ schon sehr Scherenschnittmäßig angelegt, da der totale Kerl, während sie als die totale Tussi beschrieben wird, die aber beide ein gutes Herz und einen Sinn für Moral besitzen, die über ihre eigenen Interessen hinausgehen.

Moral ist in „BtB“ kaum vorhanden, was das Buch dann doch wieder lesenswert macht, gerade die Szenen auf der Boots-Havarie und auf der „Miami Basel“ in der die High-Society Miamis und damit stellvertretend in den USA als Sex- und Jugendsüchtig dargestellt wird. Da werden so gut wie alle Klischees die man als Normalverbraucher über „die Reichen und Mächtigen“ hat bedient, und das sehr lesenswert. Alle wollen dabei sein beim Großen Ficken-und-Feiern und desto reicher die Menschen sind, umso dekadenter scheinen sie zu sein. Das ist genauso lächerlich als auch unterhaltsam, doch nicht weniger abstoßend. Ebenso wie die Sprache in „BtB“.

Wie erwähnt, ich kenne nur dieses eine Buch von Tom Wolfe doch die Gedankengänge und Einwürfe seiner Figuren sind oft schon sehr plump und assi. Ich war noch nie in Miami oder den USA überhaupt, dennoch fühlt sich das Alles schon all zu plump an.
Das Buch versucht ein Gesellschaftsroman zu sein (es dreht sich um viel mehr Personen als um Nestor und Magdalena) doch wenn man alle Staffeln von „the wire“ gesehen hat, kommt das Werk eher schmal und unfertig daher. Die Rollen sind auch zu eindeutig verteilt, denn es gibt kaum Reiche die „gut“ sind und die richtig Armen sind nur Randnotiz.

Der Titel „Back to Blood“ deutet der Subtext des Buches an, in dem es viel um Rassismus und Unterschwelligen Rassismus geht; verschiedene Ethnien leben zusammen, bleiben dabei nur größtenteils unter sich, sei es auch nur wenigstens in den Köpfen. Das ist wohl wahr und aktuell (auch hier in Deutschland) nur kommt das immer ziemlich gewollt herüber. So wie ich Rassismus kennengelernt habe (auch bei mir) ist das eher ein unterschwelliges Ding (so gesehen finde ich den „Chief“ sehr treffend) und nichts Permanentes. Das sind eher die Ausnahmen. Wenn aber die Menschen in den Staaten so generell und spezifisch über Hautfarben und deren vermeintliche Aussagen denken: Dann Prostmahlzeit…

Das Buch mit seinen 760 Seiten (großbedruckt) hat mich nicht geärgert oder total gelangweilt. Es ist Unterhaltung und holt dabei noch ein paar Leser mit ab zu anderen Themen, die nur unterhalten werden wollen. Aber große Literatur sieht anders aus. Gerade auch weil vieles so vorhersehbar ist und deswegen kaum Spannung aufkommt; nicht das ich jetzt auf einmal plötzlich spannende Bücher lesen wollen würde: Das Buch will es stellenweise sein.
Insgesamt kommt sowohl Story, wie die Charaktere als auch die Schreibart einfach veraltet daher. Dann wirklich lieber „the wire“ gucken (wobei da die erste Staffel auch ziemlich überholt ist).
Und was sollte an Tom Wolfe jetzt bitte so toll sein?