Auf der #PulseofEurope Demonstration

Es soll ja Leute geben, Leute wie mich, die auf einer Demo stehen und sich plötzlich fragen: Bin ich hier eigentlich richtig? Stehe ich überhaupt für das Gleiche, wofür die Typen hier herumstehen? Europa… Europa war für mich doch immer dieses Bürokratie-Monster, das mit mir nichts zu tun hat. Wenigstens war das vor ein paar Jahren so gewesen. Vor der „Flüchtlingskrise“ (komisches Wort in dem Zusammenhang: „Krise“. „Krisen“ enden. Die Flüchtlinge vor Krieg und Armut wird es aber immer geben…). Vor der „AFD“. Vor „Pegida“. Vor dem „IS“. Vor dem neuen kalten Krieg. Heute ist  vieles ganz anders und Dinge die man als selbstverständlich angesehen hat, sind es einfach nicht mehr. Die Sicherheit ist weg.  Nicht nur die innere Sicherheit; die innerste Sicherheit der Menschen ist beschädigt.

Lustig ist: VOR der Krise haben Freunde von mir noch behauptet, dass sie auf ein bisschen Wohlstand verzichten würden, wenn es dadurch den Armen der Welt ein wenig besser gehen würde. Und ein Jahr später nahmen ihnen die Flüchtlinge ihren Wohlstand weg. Wirklich? Wie arm sind wir denn jetzt? Vielleicht doch eher, moralisch arm während wir immer reicher werden?

„Wohlstand“ ist ein Wort, das ich sehr eng mit Europa verbinde. Nicht dass ich überall hin reisen kann, ohne Grenzen zu fürchten. Das ist eine Sache, die andere Leute glücklicher macht als mich. Nein. Ich, WIR sind so reich, dass wir uns auf einem realistischen Level über ein Bedingungsloses Grundeinkommen unterhalten können. Zwar glaube ich nicht, dass dieses Bedingungslose Grundeinkommen umgesetzt wird. Doch wir könnten es uns leisten.

Und wenn man „Wohlstand“ vor „Frieden“ bringt, sagt das eigentlich schon alles aus. Verdammt geht es uns gut heutzutage. Dass hier sin die fetten Jahre. Sie sind noch nicht vorbei. Die „Freiheit“ dagegen ist etwas, dass wir gerade im Begriff sind zu opfern, für „Frieden“ und „Wohlstand“; wir opfern unsere persönliche „Freiheit“ sogar in einem so hohen Maß, dass sich schon die Frage aufdrängt, was „Frieden“ und „Wohlstand“ in dem Zusammenhang noch bedeuten… Denn nichts von unseren Privilegien ist selbstverständlich. Millionen sind dafür gestorben.

Da steht man dann plötzlich mit 2 Hundert anderen vor dem Augsburger Rathaus und demonstriert für Europa. Wofür? Für den Status-quo? Ja genau, für den Status-quo. Das muss man sich einmal überlegen, wie konservativ dass eigentlich ist. Aber es ist richtig. Und man hebt sein Fähnchen in den Wind, welches man dort vorne an dem kleinen Stand bekommen hat. Es zeigt 12 gelbe Sterne auf einem satten, einem deftig selbstzufriedenem Blau…

Niemand behauptet, Europa wäre perfekt. Niemand würde verneinen, dass das Europa in dem wir leben, nicht nur vom Terror, sondern viel mehr vom Kapitalismus bedroht ist. Europa wird sich nicht durch den Terror zerstören lassen – da steht man zusammen. Aber nicht wenige munkeln, dass die Konzerne die Staaten schon längst geschluckt haben…

Vielleicht hätte man früher auf die Straße gehen sollen. Wahrscheinlich hätte man früher zusammen stehen müssen, doch die Zeiten müssen erst richtig alarmierend werden, bevor man sich aufmacht. Dass die europäischen Staaten für sich in Nationalistisches Denken zurückfallen würden, ist kein Wunder. Die Menschen haben Angst vor Neuerungen. Die Menschen haben Angst vor Veränderungen. Die Menschen fürchten die Fremden. Ich auch. Deswegen ist es gar nicht so konservativ zu Europa und brüderlichen Werten zu stehen. Es ist sogar sehr mutig. Denn Europa verändert sich mit der Zeit. Und vielen Menschen geht und ging dass zu schnell. Sie fühlten sich abgehängt, entmündigt und bekamen plötzlich Angst vor der Zukunft, hatten Angst davor zu ENDEN wie die Spanier, Italiener und Griechen, deren Jugend jetzt schon als VERLOREN gilt. Ja. Europa ist eine Maschine die knirscht und kracht. Und die viele Verlierer produziert. Und gerade wegen dieser Verlierer muss Europa wieder europäischer werden. Was die Gleichheit und die Sozialleistungen angeht… Man muss auch ein wenig von seinem Reichtum abgeben können, ohne in Panik zu geraten… Und wir denken gleich nur an „die Faulen“ und „die Schmarotzer“… Dass ist etwas was wir uns nicht einreden lassen dürfen.

Ich weiß gar nicht ob ich das hier wirklich denke, während ich auf dem Rathausplatz stehe und mir die Kinder der Demonstranten etwas von ihrer Zukunft erzählen, die wir doch bitte bewahren sollen (Sätze, die ihre Eltern ihnen eingeflüstert haben, die sie selbst gar nicht verstehen), oder ob es nur der verblendete Traum der Leute hier ist, die die Vergangenheit heller und die Zukunft schöner zeichnen, als die vergangenen Tage es jemals waren und einmal sein könnten. Alles ist voller Kitsch. Politischem Kitsch. Humanitärem Kitsch. Irgendwie glaube ich nicht daran. Aber… Ich würde auch ganz gerne daran glauben. Sowie ich die „Europa-Hymne“ gerne mitsingen würde, in die einige hier einsteigen, während sie aus den Boxen dröhnt; aber ich kann nicht. Ich würde mir dabei nur lächerlich vorkommen…

EUROPA… Dass ist doch nur ein Traum. Eine Phantasmagorie. Eine Fata Morgana, die in Wahrheit ganz anders aussieht, als wir sie uns hier herbeisehnen. Und doch leben wir in diesem merkwürdigen Traum, der auf der einen Seite korrupte, bestechlich und ausgehöhlt ist, während er auf der anderen Seite all das bietet, was ich in den Gesichtern der Leute hier ablesen kann: „Frieden“, „Freiheit“ und „Wohlstand“.

Ja. Es ist merkwürdig für den Erhalt des Status-Quo zu demonstrieren. Das ist wie für die eigene Selbstzufriedenheit auf die Straße zu gehen. Und doch kann ich nichts Falsches daran feststellen. Denn ich würde Leuten denen es nicht so gut geht wie uns, das Gleiche gönnen. Ganz egal ob sie in Italien, Griechenland oder in Nord-Afrika leben. Oder in der Zukunft.

Josef Hader GANZ privat – „Wilde Maus“

 

Josef Hader ist eh toll. Jeder mag ihn und das was er macht. Filme, Kabarett, Drehbücher – Wurscht: Guter Mann.

Bereits zum zweiten Mal in meinem Leben stellte der wichtigste, beste, klügste und lustigste aller jetzt lebenden Österreicher einen Film in Augsburg vor. Das letzte Mal war es „Das ewige Leben“. Dieses Mal war es „Wilde Maus“, der Film, bei dem Hader nicht nur die Hauptrolle spielt, denn hier hat er auch das Drehbuch geschrieben und erstmalig Regie geführt.

Die Leute vom Kino-Dreieck hatten unsere Karten verplant, deswegen waren wir bei der falschen Aufführung im kleineren Kino mit schlechten Plätzen, bei den beiden fast synchron laufenden Vorstellungen. Wir, die „Thalia“-Leute, mussten nach der Vorstellung runter ins „Mephisto“, wo dann der Josef Rede und Antwort stehen sollte.

„Wilde Maus“ ist ein unterhaltsamer Film über die Sprachlosigkeit in Beziehungen, dessen Rahmenprogramm der Rachefeldzug eines gescheiterten Journalisten gegen seinen Ex-Chef bildet.

Ich hatte bis nach der ersten Stunde viel gelacht und mit dem Toiletten-Gang gewartet. Dann schien mir der Moment gekommen. Also schnell rausraus und loslos auf Toilette, nur nichts verpassen. Ich dann also rein zu den Pissoirs und da stand dann Josef Hader, der schon voll dabei war. Es war strange, denn ich konnte sein Gesicht gar nicht sehen, wusste aber doch dass er es war. Und sich so richtig danebenstellen und Pimmel-Bruder mäßig zu ihm  rüber schauen wollte ich dann auch noch. Denn. Welche Momente könnten denn privater sein als diese? Dass ist schon eine unangebrachte, ungerechtfertigte Penetrantheit, wenn man nicht einmal beim Pinkeln seine Ruhe hat… Ich schaue ja schon beim Vorbeifahren immer schon demonstrativ NICHT bei Autounfällen nach, was da passiert ist, da ich diese Starrer so abartig blöd finde, wie könnte ich jetzt den armen Mann da beim Pinkeln begaffen? Und trotzdem war ich alleine mit Josef Hader auf einer Toilette. Blöde Situation irgendwie. Gerade weil ich dieses Promi-Ding gar nicht mag, dieses automatische Klassendenken, was sich da im Kopf abspielt, eben weil man am Ende doch hinschauen, irgendwas tun will, da man den Kerl und das was er macht gut findet und auf irgendeine Art mit dem in Kontakt treten will. Eine unwürdige Situation. Nicht nur auf einer Toilette. Denn man stellt den Promi über sich…

Als ich dann wieder alles eingepackt hatte, hatte der Künstler seinerseits seine Hände fertig gewaschen; ja, Josef Hader wäscht seine Hände nach dem Pinkeln, ein Vorbild in allen Lebenslagen. Der sah mich dann so an und sagte leise und schüchtern: „Hallo…“ Und ich gleichzeitig: „Guter Film“, „Wilde Maus“, ihr wisst schon, den ich gerade drinnen im Kino mit meinen Freunden ansah. Ein Kompliment kann ja schnell eine Reaktion provozieren. Falsch gedacht. Und dann war er schon wieder weg.

Für ihn eine Szene zum Vergessen, für mich etwas besonderes. Ganz schlimm: Ich werde jetzt ewig erzählen dass ich JOSEF HADER beim Pinkeln getroffen habe; das sagt einiges über mich aus. Viel mehr aber auch, wie der Mensch so funktioniert. Denn der hat mich – natürlich – sofort vergessen als er zur Türe raus war, während ich total geflasht war. Und dabei ging es natürlich um die natürlichste und privateste Sache der Welt. Sich die Hand geben wäre da eh nicht angebracht gewesen.

„Wilde Maus“ ist ein guter Film. Einer der wie zu erwarten Spaß macht, der aber auch Schwächen besitzt. Die Wandlung des Charakters zum Negativen, Depressiven ist in seiner Totalität und Rücksichtslosigkeit nicht ganz nachzuvollziehen, dabei gibt es aber auch ein paar offensichtliche Logiklöcher und Drehbuch-Kniffe:

SPOILER dass er seiner Frau nicht sagt, dass er gekündigt wurde ist zwar wichtig für die Story, es IST sogar die Story, bleibt jedoch total unlogisch. So verhalten sich die Leute nur in Filmen und Büchern SPOILER ENDE.

Trotzdem ein empfohlen sehenswerter Film mit tollen Schauspielern, der ein angenehmes Rundumpaket abliefert (Spaß, Tiefgang und nicht überzogene Arthousigkeit), der jedoch auch auf der Metaebene gut funktioniert, man denke an die ständigen im Hintergrund ablaufenden Radio-Nachrichten über Tod, Terror und Krieg, die die Stimmung des Protagonisten wiederspiegeln. Da wurde viel ins Detail hingearbeitet.

 

Wir saßen dann später im „Mephisto“ wirklich in der ersten Reihe und hörten uns das Werbeprogramm Haders an, dass er auf die Fragen des Publikums abspulte, dass von sehr gefälligen Lachen und Klatschen begleitet wurde; es muss auch wirklich immens anstrengend wenn einen ALLE gut finden und bei jedem schiefen Scherz begeistert Lachen, einen Anstarren und man nicht einmal auf der Toilette seine Ruhe hat.

 

 

 

Stehplatz in Augsburg

Freunde muss man haben. Es geht zwar auch ohne, gut aber, wenn man sie hat. Gerade wenn man sehr unterschiedlich ist und sich trotzdem mag. Sehr entgegen kommt es da, wenn man sich erst „im Alter“ kennen lernt und einem die Unterschiede in Ansichten und Hobby als Charaktereigenschaft gewahr werden, während es bei alten Kinder- und Jugendfreunden ein wenig komplizierter ist, denn entweder  verändern die Freunde sich gar nicht, weshalb man sie als totalst langweilig empfindet, oder aber sie verändern sich so sehr, dass man irgendwie enttäuscht ist und kann mit ihnen nichts mehr anfangen. Nicht auserzählte, neue Freunde haben also oft einen gewissen Bonus was die eigene Toleranz angeht. Wenigstens bei mir.

Eine meiner neueren Freunde (Freundin) ist ein großer Fan des Fc Augsburg. An dieser Stelle darf gerne gelacht werden. Und ich finde Fans von Mannschaft die so gut wie immer gegen den Abstieg spielen, auch irgendwie lächerlich, halte sie aber auch für bewundernswert: Es gehört schon einiges dazu jedes Wochenende in ein Stadion zu gehe, wo die Mannschaft regelmäßig verprügelt wird. „Erfolgsfan“ wird man leicht und kann es dann auch ebenso bleiben. Fan einer Bananen-Mannschaft muss man erst mal werden und bleiben können.

Dabei bin ich keiner dieser eingefleischten Traditionalisten. Obwohl es genau darum in dem Freitagsspiel an diesem Wochenende ging: „RB Leipzig“ gegen den „FC Augsburg“ ist ein Spiel eines großen durch Geld gepushten Newcomers gegen einen traditionell „kleinen Verein“, was in Fußballsprache bedeutet, dass der FC A nur einen sehr kleines Budget zu Verfügung hat. Solche „kleinen Vereine“ sehen sich durch die Leipzigs und Hoffenheims schwer unter Druck gesetzt vor, da diese einen Esel besitzen der goldene… Ihr wisst schon. Ich wusste also im Vorfeld das eine aufgeheizte Stimmung in der WWK Arena sein würde. Dazu ist meine Freundin Jahreskarten-Besitzer weswegen sie mir einen guten und billigen Stehplatz an ihrer Seite besorgen konnte. Bisher. Bin ich im Stadion immer nur gesessen.

 

„Sitzen“/“Stehen“ gibt es da einen großen Unterschied? Den gibt es.

 

„Vor dem Spiel ist an der schwarzen Kiste“. Macht man so in Augsburg wenn man 25 Plus ist. Das ist so eine Art Winter-Biergarten, wo man draußen in der Kälte aber sehr gesellig zusammen sitzt und vortrinkt. Nehmen wir es den Augsburgern nicht übel. Bei ihrer Mannschaft muss man vortrinken. Das ist aber richtig schön gemacht an der schwarzen Kiste, Haltestelle Haunstetterstraße. Es ist nicht nur „gemütlich“ oder „urig“, es hat auch ein gewisses Niveau, Schankwagen und Toiletten-Container hin oder her. Das war mir fast schon zu cool für Augsburg. Schön das es hier auch solche Ecken gibt.

Hier waren dann auch. Die Menschen.

Mit großem „Hallo“ kannten sich hier jeder, ich natürlich keinen. Zum Glück wurde eine gewisse Form von Geselligkeit vorausgesetzt, auch wenn mein Gesicht selbst dafür nicht steht. Alle nett und freundlich an der Kiste, keine Berührungsängste, auch wenn ich als BVBler nicht einmal zum Fan-Team gehöre. Dass man mich jetzt nicht gleich verprügelt war mir auch klar, die warme Herzlichkeit die ich erleben durfte war dennoch was Schönes und sollte den ganzen Abend erhalten bleiben.

Da bekam man zum Fußball-Abend die Europa-League-Geschichten der Fans zu hören, die dem FC A das letzte Jahr hinterher gereist waren. Teilweise ein wenig arrogant vorgetragen, was ich aber mit einem amüsierten Zwinkern quittieren konnte; ich selbst kenne es ja zur Genüge, dass wenn man von einer Sache absolut überzeugt ist, Themenfremde Menschen erst einmal belächelt und sie trotzdem beeindrucken will. Insgesamt ein sehr geerdeter Haufen den man da traf.

Massen-Fan-Veranstaltungen haben ja immer etwas besonders für mich. Sei es bei den Nerd-Veranstaltungen meiner Freundin (Stichwort: Hochbegabt) oder die christliche Sekte die ich auch zwei Mal besucht habe. Egal ob es um Religion, Sport oder sonst etwas geht: Es gibt immer diesen einen bestimmten Menschenschlag, der zwar aus sehr unterschiedlichen Individuen besteht, es aber immer diese gemeinsame Sache gibt, diesen kleinsten gemeinsamen Nenner. Offen feindlich wurde ich nirgendwo aufgenommen. Warum auch? Schließlich nimmt man an der Sache der Anderen Teil und zeigt Interesse. Das Lustige an solchen Ausflügen ist wirklich das unterbewusste Gerede der Menschen, wie sie über ihre Leidenschaft sprechen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Denn egal ob es um „Gott“ oder „die schönste Nebensächlichkeit der Welt“ geht, alle sprechen aus dem Herzen heraus und das ist so ein nacktes und offenes zur Schau stellen der eigenen Herzlichkeit, dass man gar nicht weiß ob man darüber Lachen oder Weinen kann oder sollte.

So ging es  dann auch weiter. In der Straßenbahn. Vor dem Stadion. Darin.

Diese Steh-Atmo mit Schlacht- und Fan-Hymnen kenne ich ja schon längst aus meinen „Böhse Onkelz“-Zeiten, deren Fans sehr nahe am Fußball-Fan gebaut sind. Und ich habe das durchaus (auch wenn es nie ganz meine Welt war und es jetzt auch sicherlich nicht mehr wird) immer sehr genossen. Dieses rohe, in sich abgeschlossene „Wir-gegen-Die“. Auch wenn es halt immer sehr prollig rüberkommt (der Prolet ist nun einmal der „kleinste gemeinsame Nenner“ auch wenn dort nicht alle Proleten sind, ach was, das ist die Minderheiten). Den Gewalt-Fußball-Depp, den Hool suchte ich am Freitag erst gar nicht und es wäre bis auf ein paar Ausnahmeerscheinungen auch gar nicht möglich gewesen. Hier steht und schreit der Mittelstand, der sich in diesem Moment gar keine Zeit für Selbstreflektionen hat. Denn es geht gar nicht darum was du sonst machst, sondern wen du hier, heute und das nächste Wochenende vertreten willst.

 

Vor dem Spiel die Fan-Choreografie gegen Red Bull und ihren Mainstream-Fußball. Hier zeigten die Fans Haltung, wobei dem Einzelnen gar nicht klar war, wogegen:

„Wieso sollen wir jetzt schwarze Pappen hochhalten? Ist das gegen Leipzig oder gegen Red Bull?“

„Ja gegen Beides!“

„Ich will aber nicht bei so einer Gewalt-Scheiße mitmachen! Weiß jemand was da am Ende für ein Bild daraus wird?“

„Wahrscheinlich ein Sarg.“

„Witzbold.“

„Ne, Ne. Das wird nur zur Hintergrund-Untermalung benötigt. Wissenschaftliche Studien haben erwiesen, dass man mit schwarzem Hintergrund die Message besser sehen kann.“

„Aber ich will nichts GEGEN Leipzig unterstützen. Nur gegen Red Bull. Die Leipziger können doch nichts dafür…“

„Jetzt halt einfach die verdammte Pappe hoch.“

Und das machte man dann auch. Kritiklos und doch mit analytischen Hintergedanken.

Das Spiel war dann richtig gut. Okay, die zweite Hälfte der ersten Halbzeit war ein wüstes Getreten und Geschupse auf dem Platz. Ansonsten war es schön anzusehen. Ein 2 zu 2. Hat für Alle was. Und es war richtig „Musik“ im Stadion. Was ich von den blöden Sitzplätzen gar nicht kannte. Aber. Vom Spiel und seinen Nuancen bekommt man auf der Stehplatz-Tribüne überhaupt nichts mit. Ganz egal wie sehr da gehasst und geschrien wird: Aus der Perspektive siehst du eh keine knappen Entscheidungen. Dafür bekommst du aber mal ordentlich stimmungsvoll nach einem Tor einen jubelnden Plastikbecher voll Bier auf die Rübe. Man kann halt nicht Alles haben.

Als das Lachen starb: Andy Sauerwein

Eigentlich wollte ich nicht jeden Tag im Urlaub darüber schreiben, wo ich jetzt schon wieder war; ich wollte lieber eine Kurzgeschichte aus dem erlebten Material basteln. Nur. Der gestrige Abend in der Kresslesmühle (ja, ich war schon wieder da, eine gute Freundin hatte Karten gewonnen und meinte es gut mit mir) war so schlimm, dass ich die Menschheit vor Andy Sauerwein WARNEN muss.

 

Nicht das er ein schlechter Musiker wäre, nein, überhaupt nicht, auf der Ebene kann er wirklich überzeugen – deswegen empfehle ich ihm eine Karriere als Kneipen-Pianist. In solch einer Funktion darf er sein Talent ausspielen und möglichst wenig Schaden anrichten. Zwischen den Stücken kann der den Besoffski seine Sprüchleins erzählen und bekommt dann sicherlich eine viel direkteres Feedback (oder besser gesagt: „Feet-Back“ – der Spruch hat Sauerwein-Niveau) als von einer Bühne herunter, von der er dem Publikum gegenüber in einer stärkeren Position ist und Kritik (die vom Publikum durch Enthaltsamkeit vorhanden war – ICH BIN STOLZ AUF EUCH!) niederbrüllen kann.

 

Als Kabarettist (kann man ihn wirklich so nennen?) ist er ein blanker Reinfall. Unglaublich überspielt und affektiert Jahrhunderte alte Witze zu verkloppen, die teilweise auch noch von diversen – dort auch schon nicht lustigen – Facebook-Seiten gestohlen wurden, ist nun wirklich keine Kunst. Überhaupt. Gar nicht. Und auch die Themen-Auswahl: Zum Davonlaufen.

Ein Kabarett-Programm muss keine rote Line besitzen, wünschenswert wäre es. Gestern bekam man leider nur auf der dünnsten und dümmsten Art möchtegern linksliberales Gedankengut serviert (schließlich soll es Kabarett sein), dem zwar sicherlich jeder mehr oder weniger zustimmen kann (an guten Tagen), die Präsentation jedoch ist so dermaßen unpointiert und unter aller Kanone, dass man schon sehr wohlwollend und/oder 50 plus sein muss, um darüber Lachen oder (in den ein, zwei stilleren Momenten) betroffen sein zu können. Dazu ein paar Klischees und „persönliche Erlebnisse“, fertig ist der Sauerwein.

Ehrlich: Ich. Habe. Vielleicht. Zweimal. Geschmunzelt.

Auch meiner Begleitung ging es so.

Und nicht einmal die Niveaulosen Witze waren wirklich böse… Hätte er das Elend doch nur besser erzählen können… Andy ist halt einfach kein Bühnenmensch. Was nicht schlimm ist, ich bin das ja auch nicht, nur weiß ich wo meine Grenzen liegen. Es bedarf halt weniger Kunstfertigkeit um sich selbst als Künstler zu bezeichnen, als solche wirklich produzieren zu können.

 

Die Menschen die dafür Geld ausgegeben haben, die tun mir leid. Noch viel mehr Mitleid (siehe Nietzsche: Mitleid würdigt die Menschen herab) habe ich allerdings mit den Intelligenzwüsten, die über diese Scherze auch noch Lachen konnten: Leute, was ist denn los mit euch?

Dabei. Eine Erklärung hätte ich:

Die Gegenwärtigkeit in so einer Kabarett-Situation entspricht der in einem Tanz-Club (mal wieder…). Denn genauso wie man in einem Tanz-Club aus purer Langeweile zu Musik tanzt, die scheiße ist, weil der DJ nichts kann, man aber halt trotzdem nun einmal da ist und hofft, dass es später vielleicht noch besser wird, lacht man halt im Kabarett notgedrungen zu Witzen, die nicht witzig sind, weil man den Drang verspürt sich zu amüsieren. Verständlich. Ihr habt ja auch Geld ausgeben. Lasst es aber bitte trotzdem. Dadurch werden nämlich vollkommen irrwitzige Leute gezüchtet, die glauben auch nur entfernt eine künstlerische Ader zu besitzen (Kabarettisten, DJs, ist wisst schon), während sie in Wahrheit einfach nur durch ihre Unfähigkeit nerven. Denn in Wahrheit ist es doch so:

Solange dumme und wohlmeinende Leute zu den Scherzchen von Andy Sauerwein lachen, wird er viele intelligente Menschen unglücklich machen.

 

Mit dem hätte ich nicht einmal Mitgefühl, wenn er als Penner in der Fußgängerzone mit seiner Musik um Geld betteln würde. Obwohl ich ein sehr empathischer Mensch bin. Tut mir leid Sauerwein, doch dank dir ist gestern in mir etwas zerbrochen, was ich in den nächsten Monaten wieder mühsam zusammensetzen muss; gib mir meine verschwendete Lebenszeit zurück!

 

Ich füge jetzt einmal ein Video von ihm mit ein. Lasst euch nicht von dem Gelächter des Publikums mitreißen: Das ist das absolute Gegacker geistiger Leere, armes Deutschland… Da wünscht man sich sogar Mario Barth auf die Bühne… Wo ist Josef Hader wenn man ihn braucht?

Hatten wir ein Glück. Neulich, bei Jess Jochimsen..

Grüne Sonne Indoor Festival 2016

„First world problems“ wurden uns vom Veranstalter diagnostiziert, da wir uns auf Facebook darüber mokierten, als der Headliner der Nacht – DJ Hell, schon wieder –  relativ kurzfristig absagte. Na ja. Partys und sich darüber aufzuregen ist natürlich schon ein „erste Welt-Problem“, als zahlender Kunde will man jedoch auch darüber informiert werden „Warum“ und „Weshalb“ der Knilch nicht zum Arbeiten kommen wollte, für den wir da schließlich schon bezahlt hatten – und dafür durfte man sich  vom Social-Media-Typen der Grünen Sonne auch noch blöd anquatschen lassen. Gute Öffentlichkeitsarbeit gibt es halt nicht bei den „Grüne Sonne“-Leuten und so wurde man dann zwar später nach mehrmaligen Nachstochern über die Umstände aufgeklärt (Der DJ Helmut hatte am selben Tag zwei Veranstaltungsorten zugesagt, die dummerweise beide „Kantine“ heißen, da gab es einen Fehler im Booking), doch zur Erklärung  gab es dann noch einen Seitenhieb hinterher, so in die Richtung, dass man als Kunde ein Depp ist wenn man auch noch nachfragt, weshalb man eine gewissen Leistung nicht erhält. So was geht gar nicht. Techno-Jünger sind aber auch sonst nicht die kritischsten Kunden, sondern willenlose Schafe und gnädige Opfer der allmächtigen Veranstalter und der DJs, die immer noch wie Übermenschen betrachtet oder gar verehrt werden… „Wir sind derer unwürdig“, ist die Denke. „Dann ist das halt so.“

 

Warum eigentlich? Was ist aus dem Gleichstellungsgedanken geworden, sei es im Techno- oder im Kapitalgewerbe? (Was dasselbe geworden ist). „Firmenkunden bevorzugt“ = 2 Klassengesellschaft. Der kleine Einzelne, der Lobbylose, zählt nichts mehr. Nur als Flashmob, als Mulitude, tritt man vielleicht noch kurz als Einzelner im Großen in Erscheinung, auf Facebook oder per Petition; bis dato und derweilen ist Ehrerbietung angesagt. Dass die Halbgötter und Wichtigtuer ohne unser Kommen und unser Geld nichts sind, daran denkt niemand mehr. „Qualität lässt sich booken“ ist die Devise. Wenn man denn richtig booken kann… Ne Leute, dann doch lieber auf die Nerven und Barrikaden gehen wenn man sich unfair behandelt fühlt, denn reicht es denn nicht schon wenn das System Verarsche ist? Oder muss man sich von dem System auch noch verarschen lassen?

Der Werbe-Slogan: „Be part of the party“. So ein Unsinn. Als ob es die Party ohne uns auch so stattfinden würde und man sich glücklich schätzen müsste, wenn die dann für uns was organisieren und dicke Gagen abgreifen…

 

Dass aber nicht jedes „große Namen“-Booking automatisch funktioniert, zeigte gestern das Grüne-Sonne-Festival in der Indoor-Edition. Denn der große Headliner-Floor in der Kantine Augsburg, unten, im Flammensaal, war der eindeutig schlechter besuchte. Oben im Schwimmbad drängelten sich die Leute, wo neue Gesichter auflegten und keine DJs der Generation 40 plus. Da war die wilde Stimmung, auch wenn der Sound selbst nicht viel moderner war. Techno wurde überall gespielt. Da ein bisschen fresher als dort. Oben ein wenig knackiger, jünger, unverbrauchter. Namentlich benannt: Ferdinand Dreyssig.

 

Da wir alte Verbrauchte sind, trieben wir uns mehr unten rum, auch weil wir Platz zum Tanzen brauchten und dort auch hatten. Mehr als genug. Ohne Drängelei.

Um halb 12 legte der Mann aus unser Nachbarschaft los, Lützenkirchen, der schon auf Facebook angekündigt hatte, mehr seinen „alten Stil“ zu spielen. Und so war das Set wieder mehr Beat orientiert, dunkler, rauer und weniger housig. Ich fands ganz gut. Marke: Das kann man sich immerhin schön trinken.

 

Das Fabelhafte an der Kantine ist meistens nicht das Drinnen mit den Soundgewalten, ach geh: Draußen ums Lagerfeuer herum, wo es keine Musik gibt und Erholung und Konversation angesagt ist, ist es dann schnell und oft viel geiler. Dort werden Freunde mit Freunden bekanntgemacht und schnell das erzählt was uns zwangsläufig verbindet, die alten Schlachtgeschichten der Feierei aus Augsburg (Pleasure Dome, Sound Factory), total faszinierend im Rückspiegel, wie wir so wirklich ehrlich und in Echt klischeevoll ums Lagerfeuer herum saßen, die alten Weisen, die lächelnd und mit großen Augen sprachen, zum Kind in einem und in dem im Gegenüber: „Wisst ihr noch? Damals? Wie schön das war…“ Und dann geht man wieder hinein, 10 oder 15 Jahre zu alt für den Scheiß und erlebt den ganzen Mist noch einmal, nur anders halt, mit mehr Erfahrung. Das Süßsaure  ist nur: Das Themenfeld „Party“ und „Feiern“ ist der einzige Themenbereich, in der Erfahrung etwas eher Schlechtes und Runterziehendes sein kann.  Da kann man sich selbst schnell im Weg stehen. Weil man doch weiß wie es war. Jung zu sein. Und über die Sonne schreiten zu können…

Ein paar Jägermeister später, geht das dann aber auch wieder. Geblieben sind ja nicht nur die Erinnerungen, nein, auch die Freunde. Und das Jetzt. Das Leben endet schließlich nicht zwangsläufig mit 30, 60 oder was weiß ich mit wie viel Jahren. Das Dasein endet dann, wenn es den Sinn verliert.

Währenddessen hatte Anthony Rother zu Arbeiten angefangen. Und wie der da so sein paar Dutzend Leutchens von seinem DJ-Pult bespielte, dachte der sicherlich auch ein wenig darüber nach, was er wohl in 10 Jahren arbeitstechnisch so macht, wenn denn nicht bald wieder ein Hit aus seinen Maschinen stottert. Die Altersarmut könnte bei dieser DJ-Generation vorprogrammiert sein. Eigenes Plattenfirmchen hin oder her.

Der Anthony startete sehr gut, ging dann aber leider nicht in die Westbam-Falle und spielte seine Megahits („Father“, „Break down the wall“) nicht einfach so runter. Er verpackte das gut als SET, mit klassischem Spannungsbogen, nur war das den Jungen zu klassisch und deshalb waren die lieber woanders. Sollte uns Recht sein. Wir lachten uns gegenseitig an. Und taten das einzig Richtige: Tanzen.

 

Zum Abschluss gönnte ich mir dann noch in der „Weltbar“ (dem dritten Floor) eine Pizza. Und wie ich da so wartete, im Geschepper der Boxen, im Beat der Maschinen, fand ich diesen Platz, diese Club-Situation, als den natürlichsten Ort für einen wie mich, eine Pizza zu essen. Nicht leise am Nachmittag, draußen in der freien Natur bei milden Lüftchen und weißen Wein, nein: Nacht musste es sein, scheppern, blitzen und johlen. Während man von betrunkenen Leuten angetanzt und von Druffis angelacht wird: So muss Pizza sein. So und nicht anders.

 

Es war 3 Uhr 30. Und drinnen übernahm Pascal FEOS die Turntables. Der nächste Held der Nacht, der nur noch von seinem Mythos lebt…

Am nächsten Morgen dann das Nachgespräch. Und Weißwürste zum Frühstück.

SIAS Open-Air 2016

Was erzählt man über eine Party, auf der man nur eine Stunde war? Nicht viel wahrscheinlich.

Das SIAS-Open-Air wird (gerade in diesem Moment während ich hier sitze) vor den Toren der „Kantine“ in Augsburg abgehalten. Die „Kantine“ selbst ist ein Teil einer alter US-Amerikanischen Militär-Einrichtung und der Parkplatz dazu heißt deswegen nicht umsonst „Exerzierplatz“, jener Platz, um den die SIAS-Veranstalter einen Zaun gezogen haben um hier eine Party abzufeiern. Der Eintritt beläuft sich auf Spendenbasis – so sieht es dann da drinnen im eingezäunten Bereich dann auch aus.

Komisch.

Während der Eine mit dem wir ins Gespräch kamen von der „Kommerzialisierung der SIAS-Party“ sprach, ist im Gelände nur eine einzige schnöde, kleine Bar. Und eine Burgerbude. Keine Werbeplakate an den Wänden. Nichts. Kommerziell sieht anders. Anziehend übrigens auch.

Da eh keiner da war konnten wir uns zu Bekannten auf die Sofas setzen und dem DJ-Team zuhören: Sound war okay. Dabei. War es nur zu früh für Alles. Diese Party geht (wenn überhaupt) erst in ein paar Stunden los. Der Headliner sind die „Bunten Bummler“. Kein Hammer-Act, aber okayne Jungs die okaynen Sound machen. Die Promis sind heute alle eh auf der Nature One oder sonst wo.

Mehr kann ich zu der Party eigentlich gar nicht sagen. Ich bin zu früh gekommen. Und zu früh gegangen.

Deswegen ist das auch eine kurze Notiz und Verbeugung an all jene Partys, die man verlassen hat bevor sie angefangen haben. Aus irgendwelchen Gründen musste  man wieder weg und die Party erfüllt nicht den Zweck, was sie eigentlich sein soll: Es ist keine Party. Noch nicht. Und wird es für uns auch nicht mehr. Sie bleibt eine Veranstaltung mit einem gewissen Potential. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist ein wenig wie Karaoke, dass übersetzt „leere Orchester“ bedeutet. Und das sind solche Veranstaltungen manchmal: Leere Partys. Bei denen muss man zwar nicht selbst singen, es tanzt aber auch keiner zu den Hilflosen Bemühungen der Warm-Up-DJs – arme Kerle.

 

Natürlich ist es nett dort Bekannte zu treffen, die von ihrem Partylevel schon ein Stück weiter sind. Man kuckt die da so an, freut sich zwar, doch irgendwas steht zwischen einem.  Von Glas zu Glas, Line zu Line und/oder Pille zu Pille kommt man sich näher, wenn man denn die Zeit dazu hat und die braucht jeder gute Veranstaltungen: Der Punkt an dem die Energien der Menschen zusammen kommen, sich treffen, für ein paar Stunden, die Momente, an denen der kollektive Rausch am Stärksten ist. Geschieht dies nicht, war es nur ein netter Nachmittagsevent, wie eine Grillparty, deren Veranstalter man nicht kennt und wo kaum Freunde da waren.

Ja. Ich stehe dazu. Mir machen Partys nüchtern kaum Spaß. „Mittel“ gehören dazu. Aber ich bin auch der Typ der gerne Riesenrad fährt wegen der Höhe oder auch einmal das Gaspedal beim Auto durchtritt um die Geschwindigkeit zu spüren oder um früher sonst wo zu sein. Manche Dinge gehören zusammen, was auch keine Schande ist. Es ist eher merkwürdig wenn man sich dafür rechtfertigen muss. Wer es nicht mag darf gerne zuhause bleiben. Im Wasser wird man ja auch nass.

 

Party ohne Party ist halt wie Kaffee ohne Koffein. Und Bier ohne Alkohol. Es ist das einfache Leben. Alltag. Trist. „Komm lass uns nachhause gehen.“

Auto.Matic.Open. Festival 2016 in Augsburg, Party Rückblick

Das wird jetzt mal wieder einer dieser ganz furchtbar grauenhaften Gute-Laune Einträge. Jeder hat tausend Leute getroffen, die er von irgendwo her kennt, sehr viel Spaß dabei, riesiges Juhu! Jeder Handschlag musste aufs Glücklichste begossen werden, jeder Scherz um einen weiteren verlängert werden. Ein sagenhaft nerviger Eintrag also, der sich genauso anfühlt wie diese Festival-Zusammenschnitte, die nur ein einziges Bild transportieren wollen, in dem alles geilGEILgeil ist, in dem jeder glücklich und aufs Beste drauf zu sein scheint. Schöne Menschen, die schöne Gefühle zueinander haben.

Als Außenstehender, der vielleicht gar nicht auf der Party war, aber viel zu viele Aftermovies über das Techno/Elektro/EDM(ja leider zählt das heute irgendwie genauso dazu, so wie Scooter früher dazu gezählt wurde)-Genre gesehen hat und gar nicht glauben mag dass all diese gezeigten Menschen ach so fröhlich und unter ihres Gleichens ständig gemeinsam was Schönes erlebt haben – scheiße, so war es aber. Diesmal schon. Die Erinnerung ist ein verdammter Happy-Nation-Best-Of-Zusammenschnitt. Tut mir leid wenn unsere gute Laune nervt. Und dass, obwohl die meisten Aftermovies nur eines machen: Lügen wie gedruckt, in dem sie mit ihrer gefakten guten Laune einen schlechten Event schön künsteln. Seehe das hier. Zum Beispiel. Da war es so „TOLL“, wir sind damals früher gefahren. Den Regen hat man schön herausmontiert aus der „Erinnerung“. 

Neben den Leuten die man ohnehin die ganze Zeit trifft (und das macht man ja gerne, sonst würde man es nicht machen) sind dann alte Geister von früher dabei. Gestern sogar der Extremfall: Wie war es denn so in den letzten 15 Jahren?

„Boah… Ja also…“ Dann lachen alle: „Ja war gut.“

Die Plastikbecher klonken im Anstoß gegeneinander und man tanzt da irgendwie so rum, während man versucht der verlorenen Zeit hinterher zu erzählen, wobei es jetzt gar nicht so übermäßig wichtig ist WAS man all die Jahre im Leben des anderen verpasst hat, sondern dass man hier und jetzt, live und in der Sonne, zusammen erlebt. Die Jetzigkeit der elektronischen Musik. Dieses Zeitvergessene, in dem es immer nur auf den Moment ankommt. Schön.

Man wippt und tanzt weiter. Hier ein „Servus“, da ein „Hallo“. Und in der übermäßig guten Laune wird man schnell als (Achtung Englisch) „Woo-Girl“ abgestempelt. Wieso auch nicht?

Die Freundin an der Seite, bei der meine Freunde auch schon zu den ihren wurden. Wie ist denn das passiert? Schwein gehabt.

 

(Irgendwo dahinten sind „Kollektiv Turmstraße“ zu sehen, ich mache keine blöden DJ-Fotos von ganz vorne mehr)

Drüben an der Bar werden dann die 15 Jahres-Jubiläums-Gespräche geführt: „Na, wer ist eigentlich im Laufe der Zeit untergangen? Wer ist schüttet worden? Wer hat es nicht geschafft?“
Da kuckt man dann als Angesprochener ziemlich blöd. Selbst überrascht über die Tatsache was man gleich sagen wird: „Ja alle haben es geschafft. Irgendwie. Keiner ist auf der Strecke geblieben. Niemand ist kaputt gegangen. Na ja gut. Niemand jetzt von denen die du kennst und kanntest. Und das waren dann doch ne Menge. Die Medien haben uns da einen Haufen Lügen eingetrichter mit ihrer Drogenpanikmache. Ja ne du. Allen geht es gut.“ „Toll!“

Und das ist es auch.

Wobei ich es vom Herzen her ganz toll finde, wenn Eltern im richtigen Alter, wenn die Kinder gut erzogen sind, die größten Schrecken ausgeräumt, auch mal wieder ein Tablettchen teilen. Wieso auch nicht?

(Irgendwo da vorne: Mann mit Bart = Robag)

Auto.Matic.Open an sich steht für mich jetzt nicht gerade für den geilsten Sound im Süden, obwohl „Gerd Janson“ nen guten Sound vorgelegt hat, am  Nachmittag, in der Sonne. Nicht zu viel, nicht zu wenig Bums. Leicht ankickend ohne auf die Nerven zu brettern. Da kann ich nur lobend in die Richtung des DJs nicken.

Kollektiv Turmstraße“ dagegen spielten genau den Sound für den sie bekannt sind, dieses Minimallastige, das an Stehfußball erinnert. Urlangweilig und nur mit viel Wille zum Wahnsinn zu ertragen. Wobei. Darf man sich denn darüber ärgern dass die Turmstraßenjungs genau das gemacht haben wofür sie bekannt sind? Eigentlich nicht. Der Tänzer in einem hätte es nur gerne anders gehabt, leider.

Dann der typische Auto.Matic.Open-Headliner, der Robag Wruhme, früherer Wighnomy Brother, der eigentlich „Gabor Schablitzki“ getauft wurde. Der Wruhme, unser Robag, machte das da oben sehr ordentlich tanzbar. Die Sonne ging unter und (Achtung Kitsch) unsere Herzen auf. Endlich konnte man gut und schön etwas wegtanzen von all der Realitätslast, die jeden Tag an einem ständig so herum und nach unten zieht; auch wenn ich vor lauter „Hallo, du auch hier?“ nicht wirklich zum Tanzen kam (klingt jetzt besonders wichtig, so war es aber nun einmal, ganz ohne Wichtigness).

Sehr schön ist es zu sehen, wenn die unterschiedlichen Freundesgruppen langsam miteinander können und das zu harmonieren beginnt. Boah… Furchtbar. Ich weiß. Was für ein HAPPYhappyHAPPY-Text. Aber freut euch doch auch mal, dass das noch immer so gut sein kann, elektronische Musik jetzt auch schon seit einigen Jahrzehnten.

„Wir fahren jetzt.“

„Wie? Jetzt?“

„Ja jetzt, jetzt.“

Irgendwer der jetzt lacht, hat vorhin gekotzt. Der da drüben liegt eh schon ziemlich lange ganz zerschossen da und erzählt allen, wie lieb er uns hat. Da kann man gehen, wenns gerade am Schönsten ist. Und das haben wir dann auch gemacht. Alte Leute für die einen, junggebliebene Idioten für die anderen.

Die Rest, die Majorität, ist dann noch ins Kesselhaus selbst eingezogen, um dort weiter zu feiern und zu tanzen. Ich hoffe man musste dort auch nicht lange an der Bar anstehen, sowie es draußen war. Die Damen und Herren am Zapfhahn waren sehr fix, und der große schwere Bösor, der Securitymann dem ich beim Warten an der Theke sagte, dass sie einen guten Job machen würden, schön ruhig hier, lachte mich herzlich an und war gar kein Bösor mehr, sondern ein Liebor 😉 Ein netter Kerl, der dem Betrunkenen noch einen schönen Abend wünschte.

Ja. Was für ein penetrant glücklicher Tag. Nun. Es wird auch wieder andere geben.