Thomas Meinecke und Avina Vishnu im Kulturhaus Abraxas, es war der 29.02.2020

Plötzlich steht Thomas Meinecke da. Ja. Genau. Da vorne in der Türe. Im Flur. Im Abraxas in Augsburg. Schaut der so nach rechts und links. Als würde er gerade nicht wissen wohin. Und ob. Der Meinecke Thomas, dem genau in der gleichen Woche den Berliner Literaturpreis überreicht worden war. Nicht wisse wohin. Ein unwirklicher Jetzt-Moment für mich. Dabei bin ich genau wegen ihm, und nur wegen ihm, in das „Kulturhaus Abraxas“ gekommen.

Auf Meineckes Werk stieß ich vor 15-20 Jahren. Als junger, wirrer Drogen- und Technokopf stand ich in einem Geschäft vor einem Bücherregal und wusste nicht, was ich kaufen/lesen sollte. Hat man einen gewissen Anspruch an sich selbst und sein Leseverhalten, gibt es oft diese Momente, in denen man nicht weiß, welches Buch das richtige in eben genau dieser konkreten Lebensphase für einen selbst ist. Da tat ich. Was ich niemals mache. Ich zog fast blind ein Buch aus der Rubrik „Deutsche Literatur“ aus dem strammen Regiment der hier versammelten Werke. Es war folgendes Buch:

Ich schlug es auf. Blätterte darin herum und stieß auf den Begriff „Underground Resistance“. Und ich so: „Aha. Na das ist ja mal ein Zufall.“ Buch gekauft und dann – zugegebenermaßen – total erschlagen gewesen ob der unermesslichen, für mich wirren Themenvielfalt. Wenn es bei einem Autor auf die beste Art um Alles-auf-einmal geht. Dann bei Thomas Meinecke. Es war zu viel für mich. Trotzdem ließ der Mann, der nicht nur Bücher schreibt, sondern den hochkulturellen Menschen dieses Landes als Mitbegründer der Band F.S.K. längst bekannt war, mich über die Jahre nicht los. Gerade die Projekte, die er mit Move D umgesetzt hat, schlagen mich heute noch in ihren Bann. In diesem Projekt vertont Move D mit elektronischer Musik die Worte Thomas Meineckes auf die mir einzig bekannte gelungene Weise. Bei allen anderen Projekten ähnlicher Bau- und Machart fehlte mir seitjeher der Flow. Es klang immer zu hölzern oder zu gewollt. Sogar beim Projekt von Rainald Goetz und Westbam. Zudem halte ich wenige Sprechstimmen für einprägsam und verehrenswert (ich kam darauf bei meinem Eintrag letzte Woche über Deichkind und Werner Herzog zu sprechen); die von Thomas Meinecke gehört jedoch zweifellos dazu. In der Gender-Diskussion sind diese Texte leider ein Jahrzehnt ihrer Zeit voraus… Oder anders betrachtet, war es für solche Spoken-Words-Texte genau der richtige Zeitpunkt, um die breite Debatte darüber in Gang zu setzen. Seine Abhandlungen über Pop, Underground-Techno über Disko, bis hin zu weiblichen Ikonen des Weltgeschehens wie Josephine Baker und Judith Butler, die mehr als nur zitiert, tatsächlich sprachlich inszeniert wurden. Ja. Nein. Bestimmt sogar würde vor meinem Haus in Bayern keine Fahne in den Farben der LGBT-Bewegung im stürmischen Frühjahrswind wehen (obwohl ich sexuell gesehen der Mann/Frau-Typ bin), ohne diese Werke von Thomas Meinecke und Move D. Seine Texte haben meine Art über die Gesellschaft zu denken und wie wir miteinander umgehen schon beeinflusst, bevor diese Themen (zum Glück) Mainstream wurden. Mit seinen Büchern tat ich mich dennoch weiterhin schwer. Lookalikes hätte ich so gerne gemocht, war mir am Ende doch auch wieder zu überambitioniert. Auf Facebook sind Meinecke und ich schon seit Jahren „befreundet“ und so sah ich, dass er als DJ im Abraxas tätig sein würde.

Meine Frau kam mir zu liebe mit. Innerhalb einer Woche waren wir wie hier im Blog besprochen bei Deichkind und AnnenMayKantereit gewesen. Jetzt also auch noch das. Und Dienstag gehen wir dann noch zu Mark Benecke. Das ist schon ein straffes Programm mit 40, wenn man immer mindestens eine Stunde Autofahrt hin zur Veranstaltung hat – und beide Vollzeit arbeiten. Beim zweiten Vorbeilaufen vor der Restaurant-Türe des Reesegarden im Abraxas, hielt ich den Autor einen Moment lang (ich hoffe) nicht übertrieben penetrant auf, um mir mein Buch zu signieren. Eben jenes, welches ich einstmals einfach so aus der Wand gezogen hatte. Der Autor lenzte sich megalässig und riesengroß wie er ist und wirkt, auf einen nahegelegenen Barhocker samt Hochtisch und schrieb mir mit meinem Stift folgenden Wunsch in das Buch:

Das anschließende Gespräch zwischen „Fan“ (Ich habe mich noch nie als „Fan“ von irgendjemanden gesehen, nicht einmal wenn ich Sven Väth traf, in den ich in meiner erwachsenen Jugend total vernarrt war. Wir sind ja alle nur Menschen) und Autor war locker, aufmerksam und von gegenseitigem Respekt geprägt. Wie ich denn heiße wollte er wissen, obwohl ich es nicht im Buch haben wollte. Keine große Sache natürlich. Und obwohl ich irgendwie süß und naiv dastand wie ein Schuljunge, der sich gerade eine gute Note vom Herrn Lehrer abholte, war es ein Moment in dem sich alles richtig anfühlte. Komischerweise ist es als Mensch im Menschsein oft gar nicht so leicht, angemessen nett und freundlich zu sein. Zu viele Alltagsschlachten werden bewusst oder unbewusst in unseren Köpfen ausgefochten, um so zu sein, wie es das Gegenüber in den allermeisten Fällen verdient hätte: Einfach nur nett. So kurz diese drei, vielleicht 4 Minuten auch waren, so wichtig fühlen sie sich für mich im Nachhinein an. Auf ein Foto mit ihm verzichtete ich absichtlich. Diese gestellte Lächelei wäre dem Moment nicht gerecht geworden.

Der Grund weshalb Thomas Meinecke in Augsburg war, bezog sich auf genau auf das Buch, welches er mit gerade signiert hatte. In „Hellblau“ schreibt Meinecke auch über Heinrich Mueller, besser bekannt als Gerald Donald. Für mich bekannt als ein Teil von Dopplereffekt. Meinecke hatte Mueller/Donald selbst noch nie getroffen, bis zu dem Abend, um den es hier geht. Die Verbindung zwischen uns allen ist dieses Buch. „Hellblau“. Man hätte die Geschichte nicht besser schreiben können.

Gerald Donald machte höchstpersönlich das Video seines neuen Projekts namens Avina Vishnu auf seinem Laptop an, welches 40 Minuten lang als Installation im Abraxas ausgestrahlt wurde; wir haben es nicht ganz ausgehalten. Sorry. Da schon hundemüde 40 Minuten lang Ambient-Musik mit Bildern von Seen und Flüssen aus (wahrscheinlich) der Augsburger Umgebung war uns dann in seiner softness doch zu hart. Wieder einmal. Hätte man so etwas gerne als gut befunden. Ging nur leider nicht.  Den DJ-Gig drüben im Nebengebäude gaben wir uns folgerichtig auch nicht mehr. Der angekündigte neue heiße Scheiß aus Augsburg (Sedef Adasi) hatte sich ohnehin krankheitsbedingt entschuldigen lassen. Auch. Wenn ich das Set von Meinecke gerne gehört hätte.

Und Thomas. Falls du Lust hast mein Buch über die Techno-Szene zu lesen, folge einfach diesem Link. Das Buch ist umsonst.

Deichkind in Augsburg, Schwabenhalle, es war der 18.02.2020. Erfahrungsbericht

Ironischerweise waren Deichkind zu jenen Zeiten als sie berühmt und irgendwie auch legendär wurden, überhaupt nicht so meins. Diese geravete Bierseligkeit fand ich blöd. Ich selbst war Anfang, Mitte der Nuller Jahre, als die Pyramidenköpfe die Bühnen eroberten, eher der vergeistigte Feier-Typ und schob vom Kopf her Deichkind in die Ecke, in der später die Atzen unterwegs waren: Laut und prollig. Mit den Jahren entwickelten sich Deichkind immer mehr und mehr zur Kopf-Band und wurden so für mich interessant. Auf der Bühne live erlebt habe ich sie trotzdem gerade zu ihrer Anfangszeit. Deichkind spielten auf so vielen Festivals VOR den Bands die ich hören wollte, dass Deichkind für mein Befinden zur nervigen Vorband verkamen. Hüpfburg und riesige Fahnen hin oder her. Man darf ja nicht vergessen, dass der Electroclash in dieser Zeit mega abging und Deichkind von ihrem Gestus her nichts Außergewöhnliches waren. Boys Noize, Bloody Beetroots, die Ed Banger Posse oder die Soulwax/2manyDJs Ecke ließen die Menschen auf den Tanzen reihenweise eskalieren. Und doch waren Deichkind halt die einzigen, die das mit einer gewissen Deutschen Attitüde machten – und über ihre Slogans gibt es (selbst wenn man die Band nicht mag) nicht wirklich zwei Meinungen. Ich bin mit den Jahren kein Deichkind-Fan geworden. Ihre neuen Texte und ihre frisch zelebrierte Attitüde finde ich dennoch ganz cool. Zudem sind Deichkind auf eine gewisse Art die letzten Übriggebliebenen der lauten und krawalligen Nuller-Jahre. Klar. Ed Banger usw. gibt es auch heute noch. Nur bis auf wenige Ausnahmen wie zB. Justice bringt die Musik niemanden mehr zum eskalieren. Deichkind sind dieser Erwartungshaltung treu geblieben, doch sie haben sich in eine gute Richtung weiterentwickelt. Und doch holen sie ihre alten Fans noch ordentlich ab. Und scheißdrauf. Wenn Deichkind schon einmal nach Auxburg kommen, dann geht man halt hin. Wer seid ihr nur, wenn ihr nur zu Lieblingsbands geht?

Vor dem Konzert sah man sich die Konzertbesucher an und kam sich vor wie auf dem Treffen der ansonsten anonymen Raveoholikern; man konnte an der Aufmachung und den Gesichtern sehen, dass das ehemalige Dosenbierstechen gegen Kinder und zumindest Eigentumswohnungen eintauscht wurde. Heute aber, da wollten es die Mittvierziger noch einmal wissen. Junge Leute waren auch am Start, nur nicht sehr viele. Ich war noch nie in der Schwabenhalle und ich fand die Location für eine Konzerthalle mega. Aus dem einfachen Grund, dass das Konzert dort nicht in die Länge gezogen wurde, sondern in die Breite. Viel zu oft stand ich schon in Konzerthallen ala „Zenith“, die wie ein Schlauchlevel viel zu weit weg von der Bühne gestaltet sind. Hier lehnten wir locker. Am ersten Wellenbrecher an der Seite und es war immer noch nah genug. Ja. Lehnten. Es war immerhin ein Dienstag: Wir waren schon müde als wir ankamen.

Im Vorprogramm wurden (und das kannte ich bisher nicht) Musikvideos gespielt. Nicht nur Musik. Was der Stimmung wirklich zuträglich war. Man konnte was ansehen, anstatt nur plump die Zeit abzusitzen, bis es endlich losging. Und. Es gab keine Vorband. Beste Entscheidung ever. Ich weiß schon. Vorbands brauchen eine Bühne um sich präsentieren und bekannt zu werden, blah blah blah. Stimmt ja nicht. Die 80ger sind lange vorbei und wenn ich eine Band „entdecken“ will gibt es mit Youtube und Spotyfy bessere Plattformen, als ne Stunde lang der Band, für die der Kunde Geld ausgegeben hat im Weg zu stehen. Vorbands will doch keiner mehr hören. Deswegen Videos. Tolle Sache. Von 90ger, 80ger Jahre Hip-Hop (die Spaß-Sparte), über Bonaparte, Nirvana, bis hin zum echt lustigen  Video von Salvatore Ganacci – ich hab alles gefeiert.

Dann gings los. Werner Herzog sprach das Intro; ach, Werner Herzog. Ich liebe seine Sprechstimme über alles. Und. Wüsste dabei keinen einzigen Menschen, bei dem ich die Sprechstimme so feiere. Singstimme ja eh. Sprechstimme? Fällt mir sonst keiner ein. Es folgte ein Megalanges Intro-Video, in dem der Schauspieler Lars Eidinger splitterfasernackt quasi als Pinsel blau gemacht und über den Boden gezogen wurde. Das Bühnenbild der Show entsprach dann dieser Video-Installation. Deichkind quasi als lebendige Gemälde. Und so blieb dann auch die erste Stunde des Konzerts, äußerst kunstvoll. Es ging zwar mit „Keine Party“ los und dann mit „Richtig gutes Zeug“ weiter. Jedoch inszenierte die Band ihre gesamte Bühnenshow eine Stunde lang komplett an ihren Fans vorbei. Erst war ich irritiert. Dann habe ich es geliebt. SO konsequent muss man sein, wenn man Neues schaffen will. Eine Stunde lang quasi kaum Hits. Nur neues Material. Um dann in der zweiten Hälfte des Konzerts (noch einmal anderthalb Stunden oben drauf), Deichkind mäßig alles abzureißen. Trotzdem. Dennoch. Diese erste Stunde, die man wirklich als Dadaismus bezeichnen kann, verstörte die alten Deichkind Fans. Sie waren für Abriss gekommen und bekamen erst einmal eine strange Choreographie, die mich in ihren schwachen Momenten an eine Bildschirmschoner-Performance erinnerte. Was sollte das? Warum macht man das? Warum tut man seinen eigenen Fans so was an? Na. Weil man nicht stehen bleiben will. Da wird sich weiterentwickelt und Mensch. So eine Performance lernt man jetzt auch nicht von heute auf Morgen auswendig und Schrittgerecht. Für meine Frau tat es mir etwas leid. SIE wollte Abriss. Den kannte ich ja schon – und – es war klar: Der würde noch kommen.

Die einzigartigen Pyramiden-Hüte wurden ebenso aufgefahren, wie das Bierfass, mit welchem die Band, die keine Instrumente spielte , Flagge schwenkend durch das Publikum kurvten. Da war da noch die Stalin-Orgel, die T-Shirts schoss. Viel „Yippie Yeah und Remmidemmi“, ganz am Ende. So viel waren sie ihren Fans schon schuldig. Doch in Wahrheit waren es zwei Konzerte die man bekam. Sie performten einmal für die Kunst. Und einmal für das Publikum. Und ich fand es toll. „Arbeit nervt“, „Leider geil“, „Illegale Fans“, „Bon voyage“. Es fehlt ja keiner der Hits. Meiner Frau (die wie ich kein Deichkind-Fan ist) fehlte nur noch „Disco Pogo“. Na ja. Kann ja mal passieren… Zu denen gehen wir auf jeden Fall wieder. Wir haben uns dann noch eine große Flagge für den Vorgarten geholt. In schwulen Regenbogen-Farben „Yippie Yippie Yeah“. Wenn schon. Dann ordentlich. Nach 15 Jahren, da bin ich Fan geworden. Schwitzend und grinsend fuhren wir nachhause. Genug Party für einen Dienstag.

Worakls in der Kantine Augsburg, es war der 9.11.2018

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Beim Feiern bin ich der emotionale Typ. Ich buhe auch mal einen „Künstler“ aus, wenn mir seine Performance nicht passt. Das empfinde ich nicht als „böse“ oder „gemein“. Es ist legitim. Erstens ist es im Theater gängiger Brauch nach der Vorstellung seine Meinung kundzutun. Zweitens ist es für mich ein Unding, dass Künstler immer nur durch Klatschen belohnt werden, nie getadelt. Der Tadel in der westlichen Hemisphäre besteht ausschließlich darin, nicht zu Applaudieren. Doch gerade im Feier-Performance-Bereich gilt: Irgendein druffer Trottel klatscht immer. Auch. Wenn man oft nur den einen Künstler von und den folgend auf die Bühne jubeln will. Meine Frau schämt sich dann natürlich regelmäßig immer wieder schrecklich, wenn ich aus der Masse heraus DJs ausbuhe, die nach ihrem Set immer (wirklich: Immer) selbstverliebt auf dem Podest stehen und sich für die/den Geilste/n halten. Da gibt es nie auch nur den Zweifel einer Unsicherheit über die eigene Performance. Klar. Man muss sich ja nicht gleich entschuldigen nach seinem Auftritt. Das ist natürlich auch Quatsch. Doch ein wenig sollte die Einsicht dann doch durchblitzen, dass man gerade am Publikum vorbeigespielt hat. Leider.

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Wir waren wegen „Worakls“ in die Kantine nach Augsburg gekommen (ja, ja, schon wieder die Kantine…) und der hat mit seinem Live-Act (also Live-Auftritt) erst um halb 3 angefangen. Die Uhrzeit geht in Ordnung, schließlich war es ein Event mit elektronischer Musik und keine Rockmusik, zu der man sich schnell besaufen muss, als wäre man in einem englischen Pub von vor 10 Jahren (nein, ich werde diesen Spruch nicht erklären). Wichtig ist: Wenn man den Künstler, dessen Name auf den Karten steht (auch wenn man ihn falsch darauf gedruckt hatte…) so spät spielen lässt, braucht man ein tüchtig gutes Vorprogramm, welches (wir erinnern uns an den ersten Absatz) leider nicht vorhanden war. Der erste DJ, ein junger schwarzer Typ, machte seine Sache noch ziemlich gut. Er versuchte sich wenigstens dem Sound der spät live und in Echt aus den Boxen dröhnen wurde, ein wenig gerecht zu werden. Der zweite Typ, ein junger weißer Kerl, spielte nicht nur einen unbedeutenden, langweiligen und austauschbaren Sound herunter, nein, er hatte auch nichts mit Worakls zu tun. Da lief ewig austauschbarer Techno/Minimal, der alles andere als relevant war. Keine Hits von Niemanden, dabei hat der gute Worakls nen guten großen Freund, N´To, dessen Platten sich super als Warm-Up geeignet hätten. Man muss ja nicht gleich nur N´to spielen, ein wenig Spirit hätte auch gereicht.

Ich ziehe hier mal das Zitat meiner Frau heran, die wie wir inzwischen wissen, gnädiger mit Künstlern umgeht als ich, welche am Tag nach dieser Nacht meinte: „Mir schmerzen richtig die Füße vom vielen Herumstehen.“ Das sagt doch alles.

Es war ohnehin brechend voll in der Kantine, da oben im zweiten Floor kaum Besucher waren: Alle wollten Worakls hören, von dem natürlich keiner wusste, wann der anfangen würde; woher auch? Ein gewöhnliches Übel solcher Veranstaltungen, bei denen keine Uhrzeiten promotet werden, damit viele Leute früh kommen und möglichst lange Geld in die Kassen saufen. Schließlich war es dann so voll, dass an Tanzen schon lange nicht mehr zu denken war. Klar, der gesamte obere Floor war in den unteren gerutscht. Das mag brandschutztechnisch legitim sein, für den Kunden ist das aber scheiße. Wir mussten uns also unseren Platz an der Seite sichern, damit wir später überhaupt ein wenig Raum zum Tanzen zu hatten (Randbemerkung: Ich habe erste ein Video von Marika Rossa aus der Kantine gesehen, wo der Tenor in den Kommentaren lautete: „Tolles Set, aber wenig Stimmung in dem Laden! Was ist nur mit den Leuten los?!“ Hier die Antwort: Die hatten einfach keinen Platz für Stimmung.)

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Irgendwann, nach gefühlten Jahren, endete unter Selbstherrlichem Grinsen das Set von dem Typen vor Worakls. Sollten mich doch die Leute blöd ansehen während ich betrunken den Trottel ausbuhte. Drogendruffe Augen. Wie die Schafe blickten sie mich an, als sie sich nach mir Deppen umdrehten, der da krakelte.

Worakls machte gute 1,5 Stunden. Und das ist eine sehr gute Länge für ein Live-Set. Wirklich. Wenn ein DJ nur 2 Stunden seine Platten spielt, gehört er ordentlich verprügelt, wenn mit seinem Name geworben wird: Zwei Stunden sind NICHTS. Eine unglaubliche Frechheit, dass die Jugend von heute ihr teures Geld für 2 Stunden zum Fenster hinauswirft; einfach unbegreiflich. Bei Live-Auftritten wurde man jahrelang mit einer Stunde abgespeist. Was noch okay war. Aber anderthalb Stunden sind schon sehr viel angebrachter und Kundenfreundlicher. Worakls spielte dann seinen Filmmusik-Electro herunter. Viele Flächen. Viele Melodien. Große Gesten. War ganz okay. Was man erwarten konnte. Nur auch nicht mehr. Während er den immer gleichen Wechsel zwischen einem Basslastigen Song und einem Geklimper-Hit machte. Man merkt schon, dass das Vorprogramm für mich auch Auswirkungen auf Worakls selbst hatte. Insgesamt hätte der Veranstalter doch einiges besser machen können.

Schade.

 

AfD-Parteitag in Augsburg

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Am Morgen beim Frühstück hatten wir es im Fernsehen gesehen: AfD-Parteitag in Augsburg. Quasi Fußläufig von uns. Und da wir eh in die Stadt wollten, sind wir dann noch hin. Sauer war ich am Morgen schon. Da muss man sich von diesen rechten Deppen erzählen lassen, SIE seien das Volk und es würde IHR Land kaputt gemacht. Und bei mir im Kopf so. Momentchen Mal. Ich bin doch auch das Volk. Das ist doch auch mein Land. Da sollte man doch – normal – auch jeder Zeit so Höcke Talkshow mäßig eine kleine Deutschlandfahne bei sich tragen um die den Deutschtümlern bei Bedarf ins Gesicht zu halten; dass ist auch mein Land. Mein liberales Deutschland. Ein buntes Land. Ein Land der Freiheit. Nicht euer CSU/AfD-Nazi-Scheiß. Vor diesem ganzen Krisending gingen mir ja schon die Konservativen auf die Nerven. Jetzt. Nach und im Rechtsruck des Landes halte ich mich selbst fast schon eher für konservativ als für alles andere. Eher links als rechts. Na klar. Mann ist bei Verstand. Aber eine geregelte Zuwanderung wird auch von mir erwünscht. Bin ja nicht blöd.

So gesehen haben Pegida und die AfD natürlich ihren Beitrag geleistet. Denn es wäre sicherlich auch ein Wahn wenn man sagen würde, der Urkern des Problems sei nicht vorhanden. ABER. (Ganz großes ABER). Warum müssen diese Bewegungen und Parteien die ganze Zeit lügen? Nehmt die Sorgen der Mensch ernst. Ja. Aber was soll das mit der Propaganda? Warum muss dauernd übertrieben und den Menschen Angst eingejagt werden? Ebenso ist es irre zu sagen, es kommen nur „gute Menschen“ nach Europa geflohen (warum auch immer), wobei „gut“ eigentlich auch nur „gut ausgebildet“ bedeutet. Deswegen können die Menschen trotzdem Mörder und Bombenbauer sein. Ebenso wie Ingenieure und Ärzte in der zündelnden AfD sind. Nein. Doch. Die Probleme müssen benannt werden. Klar. Aber daraus gleich einen Untergang des Abendlandes zu machen, ist wieder was ganz anderes. Angst wird uns nicht retten. Nur der Mut kann es.

Und ruhig auch mal aggressiv werden. Nicht gleich draufhauen auf den Demos. Sich aber auch nicht immer alles bieten lassen von Leuten, die dieses Land nicht retten, sondern es im Gegenteil kaputt machen wollen. Es gibt Millionen Deutschrussen hier. Millionen Geflüchtete aus dem ehemaligen Jugoslawien. Und die haben auch nicht nur große Europäische Werte nach Deutschland gebracht. Aber. Die sind halt fast alle sehr schön weiß auf der Haut. Dann ist das nicht so schlimm. Die Russen und Serben waren uns in unseren Menschenbild vielleicht auch schon immer einen Schritt voraus. Nicht. Selbstverständlich wird es Jahrzehnte dauern, bis sich die Gesellschaft so sehr verändert und aneinander angepasst hat, dass man die Folgen absehen kann. Aber. Jetzt gegen die Menschen zu sein, die eh schon da sind, schafft nur Gesellschaftliche Probleme in der Zukunft. Siehe Frankreich. Siehe Parallelgesellschaften. Und dass ist das was die AfD über kurz oder lang aufbaut: Sie verhindert nicht die Veränderung des Landes und führt es auch nicht zurück in die wohlige Zeit der grünen Auen, der Volksfeste und pünktlichen Züge. Nein. Sie betreibt eine Spaltung im Land die sie selbst nie wieder auflösen kann. Selbst wenn sie irgendwann mal Regierungspartei wäre. Außer. Diese Regierungspartei würde nach einer Endlösung streben. Denn nur die Endlösung kann die Zukunft stoppen.

Die Angst ist es, die uns genau dahin bringt, wovon die AfD fabuliert. Ich weiß nicht was die Zukunft bringen wird. Ich weiß nur, was ich mir von ihr erhoffe. Was sich all die Leute erhoffen und erträumen, die gestern in Augsburg marschiert und demonstriert sind. Und 5000 sind kein Pappenstiel. Wir träumen nicht von einer Welt des „Friede, Freude, Eierkuchen“. Sondern von einer menschlichen Zukunft. Die wir uns weder von Islamisten. Noch von Rassisten wegnehmen lassen. Wir haben ein Plan für unser Deutschland. Und ja. Es ist verflixt schwer den umzusetzen. Doch noch einmal: Die Angst wird uns nicht retten. Denn Angst ist ein Gift, dass alles und jeden langsam von innen her zersetzt.

Es war eine schöne Demo gestern in Augsburg. Die Leute waren friedlich, aber laut. Sie sangen in der Sonne. Hielten ihre Transparente hoch. Die Jungen. Wie die alten Leute.

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„Bilderbuch“ in Augsburg, es war der 7.4.2018

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Sind Bilderbuch eigentlich eine „coole Band“? Irgendwie ist das eine gute Frage. Sie nehmen sich halt nicht ernst in ihrer affektierten Ernsthaftigkeit. Nichts ist wichtig, alles ist ein Spaß. Alles was Spaß macht, ist irgendwie auch wichtig, so gesellschaftlich gesehen. Alles ein guter Schmäh, oder? Wie das Leben ein guter Witz ist. Auf eigene oder die Kosten anderer, wer weiß das schon? Spaß soll es machen. Dann schaun wir weiter.

So oder so fällt irgendwann in jedem Gespräch über die Burschen aus Österreich der alles wieder gut machende, größte wie kleinste gemeinsame Nenner auf den man sich einigen kann: Einfach „sympathisch“.

Sie spielten dann so 20 Minuten, ne Halbe Stunde vor Ende ihr bekanntestes Lied. „Maschin“. Wirklich super und toll. Das Publikum voll dabei. Und ich dachte mir so, dass man auch nicht schlecht selbstbewusst sein muss, um seinen Smasher so früh vor Konzertende zu geben. „Augsburg“ war voll am Start und die Band hätte zu diesem Zeitpunkt auf der Bühne eh fast machen können was sie wollte und die Leute hätten sie trotzdem gefeiert. Mein Bewusstsein haben sie nach „Maschin“ trotzdem verloren. Seit ich meinen Roman gekürzt habe, kommt mir alles zu lange vor. Kürzer. Kompakter. Schneller. Straight to the point. Bitte schön. Weniger Blahblah. Doch Konzertbesucher wollen das. Immer mehr und mehr von „ihrer Band“. Am geilsten gleich noch mal 2 Stunden hintendran hängen. Mehr fürs Geld. Wir sind ja in Schwaben. Und wie meine Freundin da mit unseren neuen Freundinnen aus Regenburg herumtanzte (mit der Mutter, die ihre entsetzte 17 Jährige Tochter zuhause zurückließ und ohne  sie zum Konzert fuhr, wo sie die ganze Zeit nur lachte: Ich bin total betrunken! Redet einfach nicht mehr mit mir wenn ich euch nerve! Haha!“), schien das auch nicht wenig Spaß zu machen. Ich mag die Bilderbuchler ja. Wahrscheinlich lag es an mir. Denn im Gegensatz zu dem Entertainer Maurice auf der Bühne muss ich nicht jeden Abend gut drauf sein. Ich stand da mit 37 Jännern auf meinem vielleicht 300sten (400sten?) Konzert und sehnte mich am falschen Ende der Raumes, viel zu nah an der Bühne und mega weit weg von der Bar, nach einem Jacky-Cola und einer Zigarette. Moscow Mule. Auf jeden Fall irgendwas gegen zu viel Nüchternheit. Frinks! Ja. Ich wollte heute mehr Trinken  als Konzert. Das Konzert mehr als Beiwerk zum guten Schluck. Hätte ich aber beim 300sten Konzert besser wissen sollen, dass das nicht funktioniert, wenn Bilderbuch am Start sind. Denn dann ausverkauft. Denn dann Laden brechend voll.

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War ein gutes Konzert. Alles gespielt was man hören will. Und später mit Moscow Mule und Kippe im Maul (gleichzeitig selbstverständlich) kam ich mir ein wenig doof war. Dass ich vorher so unentspannt war. Muss doch nicht alles gleichzeitig sein.

Beste Frage einer Freundin heute Morgen: „Und? Wie war es gestern auf der Lesung?“ Original genialer  Bilderbuch-Witz.

Ein Video habe ich auch gemacht:

Auf der #PulseofEurope Demonstration

Es soll ja Leute geben, Leute wie mich, die auf einer Demo stehen und sich plötzlich fragen: Bin ich hier eigentlich richtig? Stehe ich überhaupt für das Gleiche, wofür die Typen hier herumstehen? Europa… Europa war für mich doch immer dieses Bürokratie-Monster, das mit mir nichts zu tun hat. Wenigstens war das vor ein paar Jahren so gewesen. Vor der „Flüchtlingskrise“ (komisches Wort in dem Zusammenhang: „Krise“. „Krisen“ enden. Die Flüchtlinge vor Krieg und Armut wird es aber immer geben…). Vor der „AFD“. Vor „Pegida“. Vor dem „IS“. Vor dem neuen kalten Krieg. Heute ist  vieles ganz anders und Dinge die man als selbstverständlich angesehen hat, sind es einfach nicht mehr. Die Sicherheit ist weg.  Nicht nur die innere Sicherheit; die innerste Sicherheit der Menschen ist beschädigt.

Lustig ist: VOR der Krise haben Freunde von mir noch behauptet, dass sie auf ein bisschen Wohlstand verzichten würden, wenn es dadurch den Armen der Welt ein wenig besser gehen würde. Und ein Jahr später nahmen ihnen die Flüchtlinge ihren Wohlstand weg. Wirklich? Wie arm sind wir denn jetzt? Vielleicht doch eher, moralisch arm während wir immer reicher werden?

„Wohlstand“ ist ein Wort, das ich sehr eng mit Europa verbinde. Nicht dass ich überall hin reisen kann, ohne Grenzen zu fürchten. Das ist eine Sache, die andere Leute glücklicher macht als mich. Nein. Ich, WIR sind so reich, dass wir uns auf einem realistischen Level über ein Bedingungsloses Grundeinkommen unterhalten können. Zwar glaube ich nicht, dass dieses Bedingungslose Grundeinkommen umgesetzt wird. Doch wir könnten es uns leisten.

Und wenn man „Wohlstand“ vor „Frieden“ bringt, sagt das eigentlich schon alles aus. Verdammt geht es uns gut heutzutage. Dass hier sin die fetten Jahre. Sie sind noch nicht vorbei. Die „Freiheit“ dagegen ist etwas, dass wir gerade im Begriff sind zu opfern, für „Frieden“ und „Wohlstand“; wir opfern unsere persönliche „Freiheit“ sogar in einem so hohen Maß, dass sich schon die Frage aufdrängt, was „Frieden“ und „Wohlstand“ in dem Zusammenhang noch bedeuten… Denn nichts von unseren Privilegien ist selbstverständlich. Millionen sind dafür gestorben.

Da steht man dann plötzlich mit 2 Hundert anderen vor dem Augsburger Rathaus und demonstriert für Europa. Wofür? Für den Status-quo? Ja genau, für den Status-quo. Das muss man sich einmal überlegen, wie konservativ dass eigentlich ist. Aber es ist richtig. Und man hebt sein Fähnchen in den Wind, welches man dort vorne an dem kleinen Stand bekommen hat. Es zeigt 12 gelbe Sterne auf einem satten, einem deftig selbstzufriedenem Blau…

Niemand behauptet, Europa wäre perfekt. Niemand würde verneinen, dass das Europa in dem wir leben, nicht nur vom Terror, sondern viel mehr vom Kapitalismus bedroht ist. Europa wird sich nicht durch den Terror zerstören lassen – da steht man zusammen. Aber nicht wenige munkeln, dass die Konzerne die Staaten schon längst geschluckt haben…

Vielleicht hätte man früher auf die Straße gehen sollen. Wahrscheinlich hätte man früher zusammen stehen müssen, doch die Zeiten müssen erst richtig alarmierend werden, bevor man sich aufmacht. Dass die europäischen Staaten für sich in Nationalistisches Denken zurückfallen würden, ist kein Wunder. Die Menschen haben Angst vor Neuerungen. Die Menschen haben Angst vor Veränderungen. Die Menschen fürchten die Fremden. Ich auch. Deswegen ist es gar nicht so konservativ zu Europa und brüderlichen Werten zu stehen. Es ist sogar sehr mutig. Denn Europa verändert sich mit der Zeit. Und vielen Menschen geht und ging dass zu schnell. Sie fühlten sich abgehängt, entmündigt und bekamen plötzlich Angst vor der Zukunft, hatten Angst davor zu ENDEN wie die Spanier, Italiener und Griechen, deren Jugend jetzt schon als VERLOREN gilt. Ja. Europa ist eine Maschine die knirscht und kracht. Und die viele Verlierer produziert. Und gerade wegen dieser Verlierer muss Europa wieder europäischer werden. Was die Gleichheit und die Sozialleistungen angeht… Man muss auch ein wenig von seinem Reichtum abgeben können, ohne in Panik zu geraten… Und wir denken gleich nur an „die Faulen“ und „die Schmarotzer“… Dass ist etwas was wir uns nicht einreden lassen dürfen.

Ich weiß gar nicht ob ich das hier wirklich denke, während ich auf dem Rathausplatz stehe und mir die Kinder der Demonstranten etwas von ihrer Zukunft erzählen, die wir doch bitte bewahren sollen (Sätze, die ihre Eltern ihnen eingeflüstert haben, die sie selbst gar nicht verstehen), oder ob es nur der verblendete Traum der Leute hier ist, die die Vergangenheit heller und die Zukunft schöner zeichnen, als die vergangenen Tage es jemals waren und einmal sein könnten. Alles ist voller Kitsch. Politischem Kitsch. Humanitärem Kitsch. Irgendwie glaube ich nicht daran. Aber… Ich würde auch ganz gerne daran glauben. Sowie ich die „Europa-Hymne“ gerne mitsingen würde, in die einige hier einsteigen, während sie aus den Boxen dröhnt; aber ich kann nicht. Ich würde mir dabei nur lächerlich vorkommen…

EUROPA… Dass ist doch nur ein Traum. Eine Phantasmagorie. Eine Fata Morgana, die in Wahrheit ganz anders aussieht, als wir sie uns hier herbeisehnen. Und doch leben wir in diesem merkwürdigen Traum, der auf der einen Seite korrupte, bestechlich und ausgehöhlt ist, während er auf der anderen Seite all das bietet, was ich in den Gesichtern der Leute hier ablesen kann: „Frieden“, „Freiheit“ und „Wohlstand“.

Ja. Es ist merkwürdig für den Erhalt des Status-Quo zu demonstrieren. Das ist wie für die eigene Selbstzufriedenheit auf die Straße zu gehen. Und doch kann ich nichts Falsches daran feststellen. Denn ich würde Leuten denen es nicht so gut geht wie uns, das Gleiche gönnen. Ganz egal ob sie in Italien, Griechenland oder in Nord-Afrika leben. Oder in der Zukunft.

Josef Hader GANZ privat – „Wilde Maus“

 

Josef Hader ist eh toll. Jeder mag ihn und das was er macht. Filme, Kabarett, Drehbücher – Wurscht: Guter Mann.

Bereits zum zweiten Mal in meinem Leben stellte der wichtigste, beste, klügste und lustigste aller jetzt lebenden Österreicher einen Film in Augsburg vor. Das letzte Mal war es „Das ewige Leben“. Dieses Mal war es „Wilde Maus“, der Film, bei dem Hader nicht nur die Hauptrolle spielt, denn hier hat er auch das Drehbuch geschrieben und erstmalig Regie geführt.

Die Leute vom Kino-Dreieck hatten unsere Karten verplant, deswegen waren wir bei der falschen Aufführung im kleineren Kino mit schlechten Plätzen, bei den beiden fast synchron laufenden Vorstellungen. Wir, die „Thalia“-Leute, mussten nach der Vorstellung runter ins „Mephisto“, wo dann der Josef Rede und Antwort stehen sollte.

„Wilde Maus“ ist ein unterhaltsamer Film über die Sprachlosigkeit in Beziehungen, dessen Rahmenprogramm der Rachefeldzug eines gescheiterten Journalisten gegen seinen Ex-Chef bildet.

Ich hatte bis nach der ersten Stunde viel gelacht und mit dem Toiletten-Gang gewartet. Dann schien mir der Moment gekommen. Also schnell rausraus und loslos auf Toilette, nur nichts verpassen. Ich dann also rein zu den Pissoirs und da stand dann Josef Hader, der schon voll dabei war. Es war strange, denn ich konnte sein Gesicht gar nicht sehen, wusste aber doch dass er es war. Und sich so richtig danebenstellen und Pimmel-Bruder mäßig zu ihm  rüber schauen wollte ich dann auch noch. Denn. Welche Momente könnten denn privater sein als diese? Dass ist schon eine unangebrachte, ungerechtfertigte Penetrantheit, wenn man nicht einmal beim Pinkeln seine Ruhe hat… Ich schaue ja schon beim Vorbeifahren immer schon demonstrativ NICHT bei Autounfällen nach, was da passiert ist, da ich diese Starrer so abartig blöd finde, wie könnte ich jetzt den armen Mann da beim Pinkeln begaffen? Und trotzdem war ich alleine mit Josef Hader auf einer Toilette. Blöde Situation irgendwie. Gerade weil ich dieses Promi-Ding gar nicht mag, dieses automatische Klassendenken, was sich da im Kopf abspielt, eben weil man am Ende doch hinschauen, irgendwas tun will, da man den Kerl und das was er macht gut findet und auf irgendeine Art mit dem in Kontakt treten will. Eine unwürdige Situation. Nicht nur auf einer Toilette. Denn man stellt den Promi über sich…

Als ich dann wieder alles eingepackt hatte, hatte der Künstler seinerseits seine Hände fertig gewaschen; ja, Josef Hader wäscht seine Hände nach dem Pinkeln, ein Vorbild in allen Lebenslagen. Der sah mich dann so an und sagte leise und schüchtern: „Hallo…“ Und ich gleichzeitig: „Guter Film“, „Wilde Maus“, ihr wisst schon, den ich gerade drinnen im Kino mit meinen Freunden ansah. Ein Kompliment kann ja schnell eine Reaktion provozieren. Falsch gedacht. Und dann war er schon wieder weg.

Für ihn eine Szene zum Vergessen, für mich etwas besonderes. Ganz schlimm: Ich werde jetzt ewig erzählen dass ich JOSEF HADER beim Pinkeln getroffen habe; das sagt einiges über mich aus. Viel mehr aber auch, wie der Mensch so funktioniert. Denn der hat mich – natürlich – sofort vergessen als er zur Türe raus war, während ich total geflasht war. Und dabei ging es natürlich um die natürlichste und privateste Sache der Welt. Sich die Hand geben wäre da eh nicht angebracht gewesen.

„Wilde Maus“ ist ein guter Film. Einer der wie zu erwarten Spaß macht, der aber auch Schwächen besitzt. Die Wandlung des Charakters zum Negativen, Depressiven ist in seiner Totalität und Rücksichtslosigkeit nicht ganz nachzuvollziehen, dabei gibt es aber auch ein paar offensichtliche Logiklöcher und Drehbuch-Kniffe:

SPOILER dass er seiner Frau nicht sagt, dass er gekündigt wurde ist zwar wichtig für die Story, es IST sogar die Story, bleibt jedoch total unlogisch. So verhalten sich die Leute nur in Filmen und Büchern SPOILER ENDE.

Trotzdem ein empfohlen sehenswerter Film mit tollen Schauspielern, der ein angenehmes Rundumpaket abliefert (Spaß, Tiefgang und nicht überzogene Arthousigkeit), der jedoch auch auf der Metaebene gut funktioniert, man denke an die ständigen im Hintergrund ablaufenden Radio-Nachrichten über Tod, Terror und Krieg, die die Stimmung des Protagonisten wiederspiegeln. Da wurde viel ins Detail hingearbeitet.

 

Wir saßen dann später im „Mephisto“ wirklich in der ersten Reihe und hörten uns das Werbeprogramm Haders an, dass er auf die Fragen des Publikums abspulte, dass von sehr gefälligen Lachen und Klatschen begleitet wurde; es muss auch wirklich immens anstrengend wenn einen ALLE gut finden und bei jedem schiefen Scherz begeistert Lachen, einen Anstarren und man nicht einmal auf der Toilette seine Ruhe hat.