Smartphones im Hallenbad

„Hilflos“ ist man dann recht schnell. Dazu reicht schon ein Smartphone, wohin keines gehört. Schon fühlt man sich überrumpel, übervorteilt, entblößt. Daran habe ich gar nicht gedacht, an diese Möglichkeit ob, und dass… Nicht einmal als wir vorhin das Schwimmbad betraten und da dieser Comic hing, der von der Frau, in dem sie einmal in einer Burka, einmal im Bikini und einmal in Straßenkleidung abgebildet ist, mit dem Zusatz auf Englisch, Arabisch und Deutsch, dass Frauen in jedem Aufzug zu respektieren seien. Und da ist dann dennoch auf einmal dieses Handy in der wechselnden Hand dieser 4 Typen, Jungs für mich, so Typen um 20, die sich selbst als super cool und sympathisch empfinden, im Wasser herum tollend, hinein hechtend, lachend, „angekommene Flüchtlinge“, die mit ihren Blicken, Gesten und Bewegungen die Räumlichkeit so sehr dominieren, das die restliche Hallenbad-Besucher sich dazu bewegt fühlen, einen großen Bogen um sie zu schwimmen, obwohl es nur ein standardisiertes Schwimmbecken ist, 5 Schwimmbahnen breit.

Als Mann denke ich mir anfangs nicht viel dabei, außer dass, was ein Mann immer schnell und oft denkt, nämlich das es mir lieber wäre wenn diese „Jungs“ nicht da wären, besonders auch deshalb, weil ich selbst einmal in dem pubertären Alter war, in dem sie mir erscheinen, auch wenn ich nie Flüchtling war, nie, nicht einmal ansatzweise, und wie stark ich mich ebenfalls in ihrem Alter fühlte, und wie blöd mir das heute vorkommt, wie pubertär, wie unausgewachsen. Das Smartphone nehme ich nicht wahr, meine Freundin macht mich darauf aufmerksam.

 

Es ist ziemlich brutal wie so ein Smartphone am falschen Ort das Gleichgewicht zwischen der Menschen verschieben kann, besonders, da diese Telefone heute WASSERDICHT sind und man auch noch unter Wasser damit Fotos machen kann, was sich hier im künstlichen gechlorten Indoor-Wasser anbietet. Mir ist unwohl in der Situation. Fühle mich schwach und unmännlich, da ich nichts unternehme, auch wenn im Prinzip nichts passiert, gegen das ich aktiv eingreifen könnte. Ich lasse meine Freundin neben mir schwimmen, ich zwischen ihr und den Typen, damit da ein gewisser Abstand zu den Kerlen und dem Ding ist, dass Fotos macht.

Die Kerle kauern sich immer wieder als halbrundes Grüppchen am Beckenrand zusammen, wie eine Wasserballmannschaft ohne die lächerlichen Badekappen, sehen sich Fotos an, die sie scheinbar voneinander gemacht haben, als sie in der Wasser sprangen; die vielleicht aber auch unter Wasser aufgenommen wurden, und Frauenkörper zeigen, wer weiß das schon?

Vom Herz her bin ich kurz davor einfach rüber zu schwimmen und mich hinter sie zu stellen, damit ich auch in das Wasserdichte Display, des Multifunktionsgeräts sehen könnte. Wären dann da ein Foto von meiner Freundin, über oder unter Wasser: Aber dann!

Tatsächlich ist es aber so, dass ich keinen von ihnen dabei ertappt hätte, wie sie das Handy als Spanner-Werkzeug eingesetzt haben. Der Rest ist Kopfkino.

 

Meine Freundin sagt, es mache ihr nichts aus. In der Großstadt im Hallenbad war ihr das, wenn sie mit ihrer Mutter unterwegs war, auch schon untergekommen, viel extremer und penetranter. Diese Erklärung. Macht es für mich natürlich nicht besser. Wie jeder Mann in dieser Situation denke ich mir nur, dass  es die Situation nur irgendwie schlimmer macht, wenn sie sagen muss: Es macht mir nichts aus. Da will Mann gleich zuschlagen. Dazwischen gehen. Wie man es früher gemacht hätte. Als man so alt war wie diese Typis.

Sie sagt zu mir: „Du regst dich mehr darüber auf, als ich.“

Das mag stimmen. Und wer kennt schon die Wahrheit? Und hätte ich nicht als Jugendlicher (nicht mehr in dem Alter dieser Kerle, eher ein halbes Dutzend Jahre vorher) auch mit dem Gedanken gespielt, was Ähnliches zu machen? Aber das waren nur Gedanken.

 

Als die Jungs weg sind schwimmen alle Besucher wieder schön ihre Bahnen. Es ist nichts passiert. Und es ist irgendwie doch sehr viel passiert. Entspannung sieht man in den Gesichtern der Frauen, von denen mir nur die vom Schwimmen roten Köpfe sichtbar sind, die an mir vorbeitreiben.

 

Am Hallenbad-Eingang sehe ich mir die „Benimm-Regeln“ an, suche nach einem Absatz, in dem etwas über „Smartphones“ steht. Da ist nichts. Von „Respekt“ gegenüber Frauen kann ich lesen. Ich finde dabei, dass es der Respekt gebiert, kein Handy mit ins Schwimmbecken zu nehmen. Und fühle mich dadurch auf der richtigen Seite der Medaille. Beim Hinausgehen sehe ich in den Glaskasten des Bademeisters, der auch nur in sein Smartphone starrt.

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Ich sehe was, was du nicht siehst

Die Frage ist durchaus, was einen mit den Menschen noch verbindet, mit denen man sich umgibt; viel wichtiger ist die Frage, was man in Zukunft noch für gemeinsame Ideen vertritt – eine Frage, die sich irgendwie verbietet, zu sehr sind wir gefangen in der Kontinuität der Gegenwärtigkeit.

 

Das „Früher“ erscheint einem irgendwie einfacher, selbst wenn man ihm ein gewisses Gewicht zugesteht, denn „Früher“ ist vergangen, ist überlebt, ist durchgestanden und so sieht man dieses „Früher“, selbst wenn man subjektiv an sein Existenzminimum gedrängt worden war (sei es finanziell, geistig, moralisch usw. usf.), als einen Berg den man überqueren musste, um jetzt stark und erfahren sein zu können; früher sind für mich die 90ger, die Nuller Jahre, Jahre der Unschuld und ich kann nicht sagen, ob das vornehmlich mit meinem Alter und der damaligen Politiklosigkeit zusammenhängt, sprich: meiner Jugend, oder ob die Zeit damals nicht wirklich leichter war, wenigstens im direkten Umgang. Die Leute waren sich näher und ferner zu gleich. Es wusste nicht jeder fast alles über den anderen, wie es inzwischen ist, in unserer sozialen Überwachungswelt, und es war auch nicht wichtig unbedingt eine Meinung zu bestimmten Themen zu haben, ohne dafür gleich als „oberflächlich“ oder gar „ignorant“ abgestempelt zu werden. Die Menschen lebten zusammen nebeneinander her und man war weniger vom Export, weniger von der ganzen Welt und ihren Problem abhängig, betroffen und eingeengt. Dabei waren wir auch damals gut genährt, in all dem Reichtum den wir schon damals hatten, der sich nur nicht wie Überfluss anfühlte.

Wir wussten weniger – und hatten mehr davon.

 

Heute geht es dann gleich nach 5 Minuten um „Haltungen“ um Positionierungen, die uns von überall her aufgedrängt werden. Wir müssen von allem „Ahnung“ haben, damit wir auch den pointierten Witz oder das mehr oder weniger unterschwellige Geschimpfe unseres Gegenübers sofort verstehen, denn „2016“ bedeutet ja mehr als in den meisten Jahren, sich in bestimmten Schützengräben der Sprache zu bewegen. Bomben werden dauernd platzen gelassen. Sei es auch nur zwischen den Zeilen. Der Krieg scheint dauernd präsent zu sein, wie ein Film im Hintergrund abzulaufen, auch wenn man sich nur über Kleinigkeiten, richtige Nichtigkeiten unterhält. Irgendetwas trägt immer zu den Planspielen der geistigen Feldherren bei.

Diese andauernde Sprachliche Tortur verändert unsere Sicht aufeinander. Während wir früher unsere politische Meinung oft nur im stillen Kämmerchen mit uns selbst oder in der Wahlkabine abgeschottet (GEHEIM!) mit dem Staat ausmachten, werden wir nun von überall beschossen und befeuert – und ausgefragt („Das musst du doch zugeben, oder?“). Die Intelligenzia muss heute „links“ grollen, die Ängstlichen „rechts“ und zwischendrin sind die Agenten der einzig wahren Matrix, des Internets, dass die Leute die verschiedensten, aufgebrachten Halbwahrheit abschießen lässt, über die man dann kaum mehr diskutieren kann. Wir sprechen zwar darüber, wir hören uns nur nicht mehr, wie Brieffreunde in fremden Ländern, die zwar ein gemeinsames Gespräch führen, nur in verschiedenen Wirklichkeiten leben und dazu noch in einer für beide Parteien nicht Muttersprachlichen Konsenssprache führe, so dass das der zeitverzögerte Papieraustausch an der gewollten Wirklichkeit vorbeispricht.

 

Ich finde das belastend, diese Gespräche. Nicht weil ich am Ende nicht mehr einfach nur „Recht haben“ kann (und wie die meisten Leute habe ich gerne „Recht“), nein, es geht darum, dass ständig so getan werden muss, als müsste jemand am Ende jemand Recht gehabt haben; nach so einem Gespräch gibt sich kaum einer mehr respektvoll die Hände und sprich von einem „schönen Abend“. „Idiot“, „Naiv“ oder „Weltfremd“ wird man geheißen, bestenfalls.

 

Diese ständige Penetranz dieser Schützengrabengespräche bei denen es um jeden Zentimeter geht, führt zur Ausgangsfrage zurück: Was verbindet uns noch miteinander, sei es als Freunde, sei es als Gesellschaft? Ist dieser ständige Haltungsdrang nicht viel zu zersetzend, um ihn auf Dauer aushalten zu können?

 

Die „Gemäßigten“ erscheinen mir nach und nach als die einzig echten Intellektuellen, nicht weil sie Teil einer schweigenden Masse sind (was jedoch auch der Fall sein kann), sondern da sie verstehen, dass die Wahrheit nicht nur Gegen- oder Pro-Asyl, nicht nur Religion oder keine, nicht für oder gegen den Staat und auch kein Wirtschaftsmodell ist, gar nicht sein kann. Alles ist Alles. Alles hat seine Richtigkeit, seine Wertigkeit und seinen Sinn. Man muss also leider jedes Mal neu abschätzen. Nur treibt unsere diese Räson nicht voran, sie ist die ständig getriebene der Extremen. Und ich glaube, das wird noch schlimmer, bevor es besser wird.

 

Diese Welt in der wir leben, ist auf einer Droge. Und diese Droge heißt „Information“. Die Dosis, die wir uns tagtäglich davon verabreichen, ist viel zu hoch, als dass unser Geist sie richtig verarbeiten, dass wir irgendeinen momentanen Nutzen daraus ziehen könnten. Früher oder später werden wir einen Filter, einen Regulator brauchen, wie es früher die sogenannten „Leitmedien“ waren, die großen Print-Medien, die „Tagesschau“, die „Heute“-Nachrichten. Doch solange wir nicht soweit sind, leben wir in einem Wust der Wirrniss, der sich zwischen uns stellt und unsere Kommunikation miteinander entartet, wie einst zum Turme zu Babel. Und die größten Dummköpfe sind jene, die in einer fremden Sprache auf eine fremde Kultur einbrüllen, sie selbst wären im Recht.

 

Das ist das Besondere unserer Zeit: Wir brauchen Informationen und die richtige Bildung um sie begreifen zu können – weder zu viel, noch zu wenig. Denn zu viele Informationen machen den Gebildeten ebenso dumm, wie zu wenig.

Es hilft also nicht nur unzählige Informationen zu horten, man muss sie auch verarbeiten können, und dafür braucht es Zeit und Gewissenhaftigkeit. Wir müssen uns alle mehr Zeit geben um Informationen zu verstehen und sie auszulegen. Um Investitionen in die Zukunft betreiben zu können. Um echte Meinungen zu bekommen, nicht nur Reaktionen auf Umstände…

Der ganze Planet muss entschleunigt werden, nicht nur jeder für sich. Nein. Alle. Insgesamt. Aber wir fangen natürlich wie immer klein an.

Und jetzt muss ich diese Geschichte nur noch denen verkaufen, die ich für im Unrecht halte. Jene die glauben, dass Halloween eine Satansmesse ist… Obwohl, hatten solche Leute nicht schon genug Zeit? Sind 30 Jahre nicht Zeit genug? Und was mache ich mit denen?

 

Zentrum für politische Schönheit: Freiflug

Spielen Sie einmal im Leben de Maizière!

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Heldin Dunja Hayali?

Die Rede hat mich sehr berührt. Dunja Hayali ist sicherlich genau die Art von Journalist, von denen man sich mehr wünscht. Sie zeigt hohen persönlichen Einsatz und bleibt dabei doch menschlich.

Das Traurige dabei ist leider, dass man für ein an sich normales Verhalten Preise verleihen muss. Wieso können nicht einfach die Vielzahl der Journalisten so sein, so authentisch, so offen, so differenziert – so menschlich? Sie sollte nichts besonderes sein. Gerade deswegen taugt sie so sehr als Vorbild

 

Daumen hoch für Dunja Hayali. Wir brauchen mehr von ihrer Art.

Die Stimme aus dem Erstaufnahmelager

Ich habe noch nie einen Facebook-Eintrag in einem anderen sozialen Netzwerk geteilt, der hier ist wert. 

Er stammt von Raphaele Lindemann

Liebe Leute,

nach nun fast vier Wochen im Erstaufnahmelager, finde ich endlich mal die Zeit ein paar Zeilen zur wirklichen Situation vor Ort zu schreiben und diese in Absprache mit der Camp-Leitung hier zu veröffentlichen.
In der aufgeheizten Stimmung zwischen allen politischen Lagern können ein paar Fakten aus erster Hand nicht schaden. Ich habe mir vorgenommen, diesen Bericht möglichst neutral zu verfassen. Das ist mir allerdings aufgrund der erschütternden Realität nicht gelungen und am Ende ist doch die Polemik und meine eigene Meinung mit mir durchgegangen…aber das wird man ja wohl noch sagen dürfen…

Ich bin zur Zeit als Arzt für die medizinische Erstversorgung der neu in Deutschland ankommenden Flüchtlinge zuständig. Diese findet nahezu vor jedem weiteren Schritt statt. Also vor der Registrierung (inkl. Fingerabdrücke und Foto!), der Versorgung mit gespendeter (Marken-)Kleidung, der Möglichkeit sich zu duschen, etwas zu essen oder der Verteilung auf das restliche Bundesgebiet etc. Das heißt im Klartext, dass man hier einen Eindruck in Reinform über die tatsächliche Situation der ankommenden Flüchtlinge erhält.

Dieser Eindruck ist pur und absolut ungefiltert. Ich kann Euch versichern, dass es absolut unmöglich ist, z.B. einen Fuß mit Erfrierungen zu versorgen, der über 500km in kaputten Schuhen, mit nassen Strümpfen durch den Winter marschiert ist und dabei durch eine „naive rosarote Gutmenschbrille“ zu schauen. Oder einen 4 Wochen alten Säugling in feuchter Kleidung mit Lungenentzündung zu behandeln, der zusammen mit einem Einjährigen und einer Vierjährigen, ganz alleine von der Mutter über das Mittelmeer, über Griechenland bis hier her geschafft wurde und sich dann den Vorwurf der Weltfremdheit anzuhören. Das hier ist die Welt! Und das hier ist sehr real und nirgends „rosarot“! Der Vater der 3 Kinder kam übrigens in Syrien ums Leben.

Diese Menschen kommen in einem absolut desolaten und erbarmungswürdigen Zustand hier an. Sicher wird es manchen erstaunen, dass es sich nicht zu 90% um junge, gesunde Männer handelt. Das hat das Wanken der Nachzugsreglung erfolgreich zum Schlechteren gewendet. Ich sehe pro Schicht etwa 300-500 Flüchtlinge. Mindestens 40% davon sind KINDER! Es gibt Familien, es gibt Alte und ja – es gibt auch junge Männer. Warum auch nicht? Allen gemein ist, dass sie absolut entkräftet und fertig sind. Ich habe bisher nie so viel Elend und Verzweiflung auf einem Haufen gesehen.
Neulich haben wir zum Beispiel eine Frau versorgt, deren Beine komplett verbrannt waren. Keine Ahnung wie sie es überhaupt bis zu uns geschafft hat. Wir haben allein eine halbe Stunde gebraucht, um die festgeklebten, schmutzigen und stinkenden Verbände von den vereiterten Wunden zu lösen. Da war aber kein Klagen und da war keine Anspruchshaltung. Diese Frau hat Dankbarkeit ausgestrahlt, weil sie endlich in Sicherheit ist und sich jemand um sie kümmert. Selbstverständlich ist sie nur ein Beispiel. Und selbstverständlich lassen sich mit Sicherheit auch Arschlöcher unter den Flüchtenden finden – wovon wir selbstverständlich schon genug unter den Eingeborenen haben.

Übrigens haben die Flüchtenden natürlich ihre Smartphones dabei. „Die“ haben vorher nicht in der Steinzeit gelebt und sind aus irgendwelchen Buschhütten und Höhlen gekrochen. Und vielen ist es zunächst wichtiger ihre Handys aufzuladen, als etwas zu Essen zu bekommen. Und dreimal dürft ihr raten warum? Was habe ich als erstes gemacht, als ich, bequem mit meinem Auto, trotz Glatteis, sicher im 500 km von zu Hause entfernten Camp angekommen bin?
Dass sie ein Lebenszeichen an die Lieben schicken zu wollen, wird diesen Menschen allerdings regelhaft zum Vorwurf gemacht und als Beleg für die fehlende Hilfsbedürftigkeit gesehen. Mit Verlaub – das ist weltfremd und obendrein arschig! Als würde es eine Pflicht geben, sich vor einer Flucht in Lumpen zu hüllen und bloß alle Wertgegenstände zurück zu lassen – inklusive der einzigen Möglichkeit zur Kontaktaufnahme zu den Angehörigen in Form eines Telefons.

In der aktuellen Situation müssen wir uns verdeutlichen, welchen Selbstanspruch wir an unsere Kultur haben. Natürlich könnten wir die Grenzen dicht machen und so tun als wäre Merkel an allem Elend dieser Welt schuld. Aber glaubt denn wirklich irgendwer damit wäre das Problem gelöst? Ich höre hier im Lager durchgehend weinende Kinder. Und ich weiß, dass sie dann halt vor unseren Grenzen weinen würden. Würden wir damit unsere Zivilisation retten? Nur weil wir es dann nicht mehr sehen und im Fernsehen einfach bequem umschalten können? Es zeugt schon von einer bemerkenswerten Moralvorstellung, wenn man auf fb das Elend eines gequälten Hundes anprangert und gleichzeitig sehenden Auges all diese Menschen vor unseren Grenzen krepieren lassen will – und wenn es nur durch Unterlassung ist. Ob das ein schützenswertes Abendland ist?

Natürlich müssen Lösungen vor Ort gefunden werden. Und natürlich können wir nicht die ganze Welt aufnehmen. Aber löst man einen Konflikt auf der Welt indem man gegen Flüchtlinge wettert und dumpf der Kanzlerin Verrat am Volk vorwirft? Sieht so die Rettung der Welt aus? Wo bleiben die wirklich konstruktiven Vorschläge und Initiativen der ach so besorgten Bürger?

Durch ihr „wir schaffen das“ hatte ich zum ersten Mal so was wie Respekt und Anerkennung für die Kanzlerin übrig. Weil sie ohne mit der Wimper zu zucken ihre politische Karriere riskiert hat, um eben jene Menschen nicht vor unseren Grenzen krepieren zu lassen und sie die enorme Herausforderung angenommen hat anstatt ihr übliches Teflonspiel des Aussitzens zu treiben. Und nie hat jemand behauptet, dass es eine leichte Herausforderung wäre. Und sind wir doch mal ehrlich: Wer von all den Hetzern ist denn WIRKLICH so arm, dass er befürchten muss durch die Flüchtlinge plötzlich weniger vom deutschen Wohlstandskuchen abzubekommen? Ist bisher WIRKLICH jemand deshalb ärmer geworden? Ist WIRKLICH jemand deshalb aus seiner Wohnung geflogen? Ist WIRKLICH jemand von einem bösen Asylanten aufgegessen worden? Und damit meine ich nicht denjenigen, der einen kennt, dessen Großcousine einen Nachbarn hat blabla.
Und Nein! Ich möchte nicht „so was“ wie in Köln gutheißen und bin sehr wohl für Sicherheit und Ordnung und eine härtere Bestrafung bei Gewaltdelikten jeglicher Couleur. Übrigens war ich schon bekennender Feminist als der Großteil der jetzigen „Frauenrechtler“ noch fröhlich Tittensprüche gemacht haben.
Was sich für Deutschland in erster Linie durch den Flüchtlingsstrom geändert hat, ist die Tatsache, dass wir zum ersten Mal eins zu eins mitbekommen, was in den armen Ländern dieser Welt absolut üblich ist: Wir nehmen Flüchtlinge im großen Maßstab auf und beweisen dadurch Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und sind bereit wenigstens einen kleinen Teil der Zeche zu zahlen, die die westliche Welt mit ihrer Außen- und Wirtschaftspolitik arrogant hat anschreiben lassen.
Damit sage ich ausdrücklich nicht, dass ruhig jeder hier her kommen soll und machen kann was er will. Natürlich fordere ich Integrationswille und Verfassungstreue ein – aber auch und vor allem von meinen eigenen Landsleuten! Schließlich hätten die schon seit ihrer Geburt die Chance gehabt humanistische Werte zu lernen. Und nicht selten profitieren sie schon viel länger als die Flüchtlinge von unserem Sozialstaat…

Klar muss sich auch „der Islam“ bewegen, möglicherweise eine Reformation durchlaufen, um unseren Lebensstil und die Regeln unseres Zusammenlebens bedingungslos in unserem Land zu akzeptieren. Aber sowas passiert doch nicht indem man alle Flüchtlinge nach Möglichkeit in Ghettos sperrt und die Türen zur gesellschaftlichen Teilhabe tunlichst geschlossen hält. Ein Blick in die Pariser Vororte sollte eigentlich ausreichen um zu erkennen wohin das dann führt. Und ja – dann werden all die Hetzer recht behalten.
Natürlich ist es verlogen, die radikalen Formen des Islam zu tadeln und zu bekämpfen, während man gleichzeitig z.B. mit den Saudis fröhlich Geschäfte macht ohne irgend eine Form des politischen Drucks aufzubauen. Ist ja nicht so, dass es nicht saudisches Geld wäre, welches weltweit Hassprediger mit extremsten Auslegungen des Islam finanziert.
Unabhängig von der moralischen Verpflichtung Menschen in Not zu helfen, verstehe ich einfach nicht, warum die große Chance dieser Flüchtlingswelle nicht erkannt wird. Noch vor wenigen Monaten war die größte Gefahr für unser christliches Abendland das Fortpflanzungsverhalten der Deutschen. In 30 Jahren ist unser Sozialstaat und unser Rentensystem am Ende. Deutschland überaltert. 2060 wird jeder dritte Deutsche über 65 Jahre alt sein. Jeder Zweite ist dann mindestens 51. Aktuell haben wir 49 Millionen Erwerbstätige im Alter zwischen 20 und 64. Im Jahr 2060 werden es nach aktueller Entwicklung nur noch 34 Millionen sein. Diese 34 Millionen müssen dann nicht nur unsere Rente zahlen, sie müssen auch unser gesamtes Gemeinwesen am Laufen halten, dafür sorgen, dass wir satt sind und es warm haben und uns im Zweifel auch den Hintern abwischen und uns das Erbrochene aus dem Gesicht waschen. Außerdem müssen sie natürlich weiterhin innovativ und produktiv sein, damit die Wirtschaftsmacht Deutschland auf dem Parkett des internationalen Markts nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwindet und sich unsere Kinder und Enkel den Luxus der Altenbetreuung überhaupt leisten können, bei immer mehr zu stopfenden Greisenmäulern.
Wer glaubt, er könne dem Dilemma 2060 durch früheres Versterben entgehen muss leider enttäuscht werden: Schon 2035 werden wir fast 8 Millionen Menschen weniger im Erwerbsalter haben. Ich möchte an dieser Stelle daran erinnern, dass wir schon heute – also mit 8 Millionen Erwerbstätigen mehr – über knappe Rentenkassen und ein späteres Renteneintrittsalter diskutieren müssen und man ohne private Vorsorge real von Altersarmut bedroht ist.
Und genau jetzt hat ein weltweiter Exodus begonnen, der ohne jedes Anwerben den wichtigsten Zukunftsrohstoff überhaupt zu hunderttausenden in unser Land schwemmt: Menschen im erwerbs- und zeugungsfähigen Alter.
Natürlich bin ich kein Depp und ich weiß genau, dass wir es hier nicht mit einer Schwemme an Fachkräften zu tun haben (wobei es unter den Flüchtenden sehr wohl auch Fachkräfte gibt. Ich habe schon so einige im Lager getroffen.) und es riesige kulturelle Unterschiede gibt (die sich übrigens auch immer mehr in unserem eigenen Volk kristallisieren). Deshalb schrieb ich auch ROHstoff.
Jetzt können wir folgendes tun: Entweder wir kasernieren und isolieren die Neuankömmlinge, zeigen ihnen die kalte Schulter, fördern die Ghettobildung und versuchen sie schnell wieder abzuschieben und weg zu jagen, oder aber wir fangen an in etwas größeren zeitlichen Dimensionen zu denken.

Fast jeder von uns hatte doch in der Grundschule irgend ein asiatisches Kind sitzen – oder? Diese Kinder waren die ersten in Deutschland geborenen Nachkommen der mit offenen Armen importierten asiatischen Krankenschwestern im großen Pflegenotstand der 60er und 70er Jahre. Enorm viele dieser Kinder sind heute staatstragende DEUTSCHE: Politiker, Richter und Anwälte, Pfleger, Ingenieure, Geschäftsleute, Lehrer und Professoren und auch einige meiner ärztlichen Kollegen gehören dazu.
Das war funktionierende Integration durch frühe Förderung und Bildung. Investition in die Zukunft. Und genau diesen Schritt jetzt zu wiederholen wäre doch eine riesen Chance um diesen Rohstoff – die Kinder der jetzigen Zuwanderer – zu nutzen. Wenn wir uns das leisten wollen. Oder geht es am Ende etwa doch nur um Neid und eine reine Blutlinie?
Für den Neid möchte ich dann nochmal an den erquicklichen Sachverhalt erinnern, dass 62 Personen so viel besitzen wie die Hälfte der Erdbevölkerung. Ich warte noch immer auf den Aufschrei der Empörung und den Futterneid diesbezüglich, den man ja regelhaft gegen die ärmsten der Armen kultiviert.

Vielleicht noch ein kleiner „Gimmick“ zum Abschluss:
Letzte Nacht hatten wir unter vielen, vielen anderen Einzelschicksalen eine junge Schwangere im Lager, die keine Kindsbewegungen mehr gespürt hat. Sie sorgte sich, dass durch das lange Treiben im Mittelmeer – nachdem der Schleuserkutter gekentert war – nun auch ihr letztes Kind gestorben sei. Ihre zwei anderen Kinder sind bereits auf der Flucht im Meer ertrunken weil sie keine Kraft mehr hatte….So eine Sozialschmarotzerin aber auch!

Menschen leiden und sterben. Jetzt. Und wir können das verhindern. Wir schaffen das „wink“-Emoticon

P.S.: Ich habe nirgendwo das Wort „Nazi“ benutzt. Wer sich trotzdem als ein solcher hingestellt fühlen möchte – bitte sehr: Du Nazi!

Lieber rechts als arm

Es ist schon verblüffend wie schnell der Rassismus-Zug im letzten Monat Dampf aufgenommen hat. Vollkommen normale, vernünftige Leute werfen mit Argumenten und (unironischen) Bezeichnungen um sich, dass man nicht nur den Kopf darüber schütteln kann oder dagegen argumentieren, nein, man bekommt eine richtige Wut und Kopfschmerzen von der ganzen Scheiße.

Zuerst: Ich verstehe jede Frau, jeden Mann mit Frau und selbstverständlich auch jeden Mann, der/die hier aufgewachsen sind, die hier leben und es sich schön kuschelig warm in ihrem Leben gemacht haben, dass dieser nichtenden wollende Flüchtlingszustrom ihr/ihnen/ihm Angst macht. Natürlich. Da kommen ja nicht nur die Guten und erst Recht nicht nur die Gebildeten.

 

Nachdem den Medien vorgeworfen wurde, dass sie zu spät berichtet hätten, wird jetzt viel zu vieles zu früh „berichtet“, was sich im Nachhinein als Ente herausstellt (siehe Freiburg, siehe vergewaltigtes Mädchen in Berlin, siehe verhungertes – oder erfrorenes – Kind usw. usf.); die Hysterie ist nun schon so groß, dass es fast kaum mehr eine Rolle spielt was wirklich geschehen ist, es geht nur noch darum, was DENKBAR wäre. Was man der anderen Fraktion zutrauen würde.

Also ja, da kommen nicht nur die Guten und nein, es sind nicht alle böse, und nein, den Medien kann man nicht trauen, wenn man selbst nur das Hören will, was einem in sein Weltbild passt.

 

Ich bin jetzt 35 Jahre alt und mir ist nicht erst seit der Aktion von Stephan Weidner im Jahr 2007 klar – in der er für den SPIEGEL ein eigenes Interview über sich erfunden hat, was die dann abgedruckt haben, als er nicht mit dem zufrieden war, dass er dem Reporter gab – dass man so gut wie jede Nachricht a) zuerst einmal kritisch betrachten sollte, da sie b) aus verschiedenen Medien-Häuser kommen, die verschiedene politische Einstellungen in die Perspektive hineinbringen, wie man eine Tatsache betrachten kann und c) dass Nachrichten schon immer geschönt werden. Das hat mit dem Kalten Krieg nicht aufgehört, in der mir in meiner Kindheit ständig erzählt wurde, dass die Amerikaner doch die total Guten sind – und wenn man erwachsen wird versteht man, dass die ebensolche Dreckschweine waren und sind wie die Russen. Wie es in Twin Peaks so schön heißt: Die Eulen sind nicht das was sie scheinen – mit Meldungen ist es ebenso.

Dennoch „entsage“ ich nicht den großen Medienhäusern und muss mir nicht meine „politische Bildung“ bei Ken FM abholen. Man sieht sich Alles ein wenig an und sortiert das aus, bis man sich selbstständig eine Meinung gebildet hat.

In der Youtube-Generation dagegen kann man so lange durch die Video-Blogs klicken, bis man schließlich genau die Meinung erzählt bekommt, die man hören will: „Der hat sowas von Recht! Musst du dir ansehen!“

Niemand hat NUR Recht. Das muss man verstehen.

Man muss dialektisch Denken, um zu seiner Meinung zu kommen, anders wird es nichts und niemand wird dir vorkauen, was richtig und was falsch ist – außer du stehst auf Meinungsmache.

Die, die jetzt von den Massenmedien enttäuscht sind, sind glaube ich aber auch die, die Klaus Kleber immer alles geglaubt haben. Kein Wunder das man sich betrogen vorkommt. Wie? Ach? Der nette Fernseh-Onkel ist ja gar nicht DIE Wahrheit…

 

Und das sind genau die Typen (Youtube ole ole) die immer gesagt haben: „Ach, in der Welt geht es so ungerecht zu. Da gehört einmal was gemacht!“ In Umfragen wurde dann gesagt, dass man gerne ein wenig von seinem Reichtum abgeben würde, damit es auch ärmeren Leuten in Entwicklungsländer besser gehen könnte.

Und jetzt, wo „der Rest der Welt“ nicht nur arm und dumm ist, sondern AUCH Internet hat und dadurch erkennen kann, dass es den Reichen (das sind übrigens wir) viel besser geht als ihnen, denken sie: Wir kommen jetzt mal rüber und werden auch ein wenig reich.  Finde ich jetzt nicht prickelnd (dabei habe ich mich mit meiner Patenschaft für das schwarze Kind in Afrika so wohlig und gnädig gefühlt – ich mache was!), besonders wenn Alle auf einmal kommen. Verdenken kann ich es aber niemanden, der lieber hierher kommt und ein klein wenig mehr so ist wie du und ich, als irgendwo für einen Hungerlohn in Afrika nichts zu verdienen oder in Syrien erschossen zu werden.

Was habt ihr denn gedacht? Das die Welt immer weiter dabei zusieht, wie wir immer fetter und fauler werden und wir ihnen ein paar Brotkrumen hinwerfen und alles gut? Und nein, ich habe im Prinzip auch keinen Bock meinen Wohlstand aufzugeben (schließlich arbeite ich doch hart!), doch ich kann auf jeden Fall auch nicht behaupten, dass ich mich groß darüber wundere, dass es so kommt, wie es kommt; nur dass es auf einen Schlag eine Millionen Menschen in einem Jahr sein würden die nach Deutschland drängen, hätte ich nicht gedacht. Aber es sind MENSCHEN. Keine Heuschrecken, keine Monster, und nicht ausschließlich Verbrecher. Menschen die so gut wie möglich ihr einziges Leben leben wollen, wie sie können. Dass das jetzt bei uns sein soll finde ich jetzt auch nicht so toll, aber ich kann es verstehen.

 

Komischerweise bin ich mit der Einstellung bald schon alleine. Wie gesagt: Der Rassismus nimmt zu. Und komischerweise geht es jetzt, einen Monat nach dem Silvester-Schock, immer weniger um Frauen-Rechte und/oder Sozialisationsproblemen; es geht um das Geld. Der Kapitalismus schlägt wieder knallhart zu. Leute, die als es noch „keine Probleme“ gab, sehr gönnerhaft daherredeten, sind jetzt lieber Menschenhasser, als ärmer.

Ich stehe dazu: Ich habe auch Sorgen vor Überfremdung. Habe davor Angst, dass  die Werte die wir hier leben, langsam aber stetig über Bord geworfen werden.  An denen müssen wir festhalten. Und dafür braucht es INTEGRATION derer, die da sind. Und nicht Ausgrenzung. Die, die da sind und nicht mehr weggeschickt werden, die muss man integrieren und zwar um unserer selbst willen. Denn jene die uns heute verstehen, sind nicht die Parallelgesellschaft von morgen. Und das kostet. Es kostet Geld und Nerven. Dabei werden wir leider nicht nur Dankbarkeit zu spüren bekommen.

Aber es wollen immer weniger Leute hier Zugeständnisse machen. Sie wollen dass Alles so bleibt wie es ist; dafür haben sie ja auch die Merkel gewählt. Aber man kann die Zeit nicht festhalten. Man kann nicht immer Jugendlich sein. Man kann nicht immer nur größere Fernseher kaufen. Und man kann nicht hunderte von Jahren diejenige Gesellschaft sein, der es am Besten geht. Das Leben ist ein einziger  Wandel. Aber das wollen viele nicht erkennen. Sie wollen sich lieber aus- oder besser: abgrenzen.

Realität bleib draußen.

Das geht nun einmal schwer mit einem Flüchtlingsheim vor der Nase. Mit der Fremde in der eigenen Nachbarschaft. Aber die Probleme der Welt gehen nicht weg nur weil man Leistungen kürzt oder eine Brandbombe auf ein Dach wirft.

Heimat Sharing- Ein Augsburger Bürger Bühnen Stück

 

Das Gegenteil von gut ist eben nicht immer nur gutgemeint.

In diesem (ich nenne es einmal: ) „integrativen“ Theaterstück traten 14 Laiendarsteller auf.  Diese brachten ihre einzelnen Lebenswege aus verschiedenen Bereichen der BRD, der Türkei, der Mongolei, dem Senegal, Rumänen und Russland   in die Stadt Augsburg. Die Grundfrage war: Was ist Heimat? Was bedeutet sie für mich? Kann man mehrere davon haben? Kann man Heimat teilen?

 

Jeder Selbstdarsteller (im positiven Sinn) erzählte ein wenig von seiner Lebensgeschichte und trat nicht nur als Einwanderer oder Zugezogener auf, sondern – viel wichtiger – als Mensch. Ja. Das Prinzip des Stückes war den Menschen hinter dem Etikett „Ausländer“ (besser: Nicht-Augsburger) erkennbar zu machen. Und es wurde auch der Frage nachgegangen, wie das so ist mit Augsburg und seinen Ausländern. Dabei wurde auch nicht an Kritik am provinziellen Augsburger gespart, aber auch nicht am Lob der ansässigen Bürger. Ein versöhnlicher Abend sollte es sein, bei dem Fehler eingestanden und benannt wurden.

 

Alleine schon die Form war sehr ansprechend erdacht: Durch ein Zufallslos wurde man verschiedenen Gruppen zugeteilt, durch die der Besucher in drei verschiedene Bereiche des Kultur-Theaters Abraxas geleitet wurde, in der die Leute aus den verschiedensten Regionen der Welt im kleinem Rahmen von ihren Erlebnissen mit Augsburg, Bayern und Deutschland berichteten, von ihren Erfahrungen mit dem öffentlichen Verkehrsnetz, der medizinischen Versorgungen bis hin zur unterschiedlichen Ernährung; der besondere Fokus lag selbstverständlich auf die Behandlung des Einzelnen durch andere Einzelne. Das war hart und nah dran am Menschen und es war so gut wie unmöglich sich den Sympathien zu entziehen, die in einem aufkommen mussten, wenn es so sehr menschelt. Das ist etwas sehr Gutes. Und das Symbol mit dem gemeinsamen Essen welches während jeder Episode gekocht und geschnitten wurde – welches man nach dem Stück zusammen mit den Darstellern verspeißen konnte – war ein so herzerweichend simples, klares und durchaus positiv naives Symbol, dass es nur funktionieren konnte. Ja. Man verstand die Leute, die hier in erster, zweiter oder dritter Generation in Augsburg waren, ein wenig besser und auch wenn man sich ihnen nicht krass verbunden vorkam, verstand man deren Zweifel und Probleme, denn recht schnell war der innere moralische Zeiger auf dem Empathie-Manometer ganz weit oben angekommen.

Doch was sagt so ein Stück über unsere Zeit aus? Das war unsere Frage.

Natürlich braucht es Offenheit um zwischenmenschliche Grenzen zu überwinden. Und ebenso ist es wichtig zu erfahren, was für Schicksale hinter den Hunderttausenden, hinter den Millionen Menschen stehen, die jetzt nach Deutschland kommen.

Das Thema hier war die gelungene Integration und sparte dabei die zentrale Frage aus, die uns seit Monaten umtreibt: Ist diese gelungene, gegenseitige Integration auch noch dann möglich, wenn eine Millionen Menschen, vielleicht sogar zwei Millionen Menschen innerhalb von ein, zwei Jahren unkontrolliert nach Deutschland kommen? Das ist doch die Frage um die es geht. Auch wenn es selbstverständlich sehr wichtig zu erkennen ist, das Integration in den meisten Fällen sehr gut funktioniert. Denn ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch. Aber Menschen brauchen Zeit um sich aneinander zu gewöhnen (was auch eine Grundaussage des Abends war) – und   meine Begleitung und mich trieb natürlich die Frage um, ob das in der gegenwärtigen Debatte, ja, in der gerade geschehenden Krise noch möglich ist? Bisher ist es geglückt und selbst hier war es nicht leicht:  Wird es auch in Zukunft funktionieren? Und zu welchem Preis? Wie weit werden wir voneinander wegtreiben, bis wir beieinander ankommen? Wie viel Opfer und Verstümmelungen müssen wir dafür in Kauf nehmen? Nicht nur moralische und ethische. Denn so manches Subjekt wird konkret psychisch und physisch davon betroffen sein.

 

Die Antwort hier lautete: Wenn wir zusammen – und doch jeder für sich – aneinander arbeiten. Dann schaffen wir das. Dennoch ist eine gewisse Skepsis bei diesem Europa ohne Grenzen mehr als angebracht. Besonders, wenn man in München am Bahnhof arbeitet, und jeden Tag die Flüchtlinge ankommen sah. Wie viel Zeit wird es brauchen bis diese Leute, bis diese Menschen integriert sind? Und ist es nicht auch berechtigt Angst zu haben, ob man selbst unter die Räder der Zeit gelangt bei dem Prozess des sich aneinander anpassen?

Ich kann auch jede Frau verstehen, die sich in diesen Tagen Tränengas kauft um sich zu schützen. Nicht weil man allen anderen nicht traut. Nein, weil man eben nicht JEDEM trauen kann. Hier erzeugt die Berichterstattung und ihr reales Fundament Ängste.

 

Der Abend war – bis auf den Herren aus Senegal – eine Zelebration des gelungenen Miteinanders. Dafür muss und sollte Zeit sein, gerade in diesen Tagen der Vorbehalten und der Sorgen unter den Deutschen. Es ist ein Abend der Versöhnung gewesen, der Hoffnung macht. Der an die Menschlichkeit in jedem von uns appelliert hat. Es war aber auch ein Abend, in dem liberale Besucher auf ein liberales Konzept getroffen sind; wieder einmal wurden weit offene Türen eingerannt.

Man sollte solche Stücke für Schulen machen. Für Arbeiter. Für die, mit den härtesten Vorurteilen. Nicht für ein Theaterpublikum.

 

Es hat Spaß und Freude gemacht den Laiendarstellern zuzusehen, zuhören und ein wenig an ihrer Biografie u schnuppern. Es hat durchaus ein wenig in mir verändert. Dennoch fühlte es sich an wie ein kleiner Anachronismus.

Doch selten an so einem so guten, gutgemeinten Kunststück teilgenommen.