Das ewige Leben

Ich habe mir gestern den Film „Das ewige Leben“ mit Josef Hader angesehen, ganz, obwohl ich nur die Anfangssequenz sehen wollte. Der vierte Film um Simon Brenner (gespielt von Josef Hader) beginnt damit, dass der Brenner am Bodensatz der Gesellschaft angekommen ist. Er ist seit Jahren arbeitslos, ist nicht mehr sozialversichert, hat kaum Anspruch auf Rente und ist selbstverständlich finanziell total abgebrannt. Familie hat er auch keine die sich um ihn kümmern könnte, doch beim Thema „Familie“ erinnert er sich an ein altes Haus welches er geerbt hat, in Graz, zu welchem er in der erwähnten Eröffnungsszene mit dem Zug fährt.

Es schüttet wie aus Kübeln und als der bis auf die Knochen durchnässte Brenner das Häuschen erreicht, hat dieses ein Loch im Dach (durch das es natürlich hineinregnet) und keinen Strom. Er setzt sich an den dunklen Küchentisch, blickt ins Nirgendwo, und setzt dann, um im Haus wenigstens etwas gegen die Kälte zu unternehmen, seine Wintermütze auf. Dann wird der Titel des Filmes eingeblendet, quasi als Kommentar zur Szene: „Das ewige Leben“.

Dieses Bild fand ich schon damals im Kino ungeheuer traurig und stark.

Gestern fragte ich mich, wieso wir das überhaupt wollen: Ewig Leben. Denn unterbewusst leben wir so, als würden wir es ewig können, dieses leben,  auch wenn wir es vielleicht gar nicht bewusst wollen. Alle wollen krampfhaft lange leben, ganz egal wie lebenswert dieses Hiersein überhaupt ist. Oder ob es. Sich dabei nicht eher um einen Fluch handelt. Dieses scheinbar ewige Leben.

Wenn man jung ist hält man sich für unsterblich. Man denkt nicht allzu viel über die Zukunft nach und geht an seine Körperlichen und Physischen Grenzen, ohne Gnade und Rücksicht auf sich selbst; man nimmt die Verluste gerne in Kauf. Wenigstens war das in meiner Jugend so. Vielleicht war das noch eine andere Generation. Keine Ahnung. Oberflächlich wird heute auf jeden Fall viel mehr vernünftelt.

Die Zukunft und die mit ihr verbundenen Probleme sind weit entfernt und man denkt recht wenig an die unterschwelligen Ergebnisse seines Handelns. Zwar habe ich immer gewusst, dass mein Tun Konsequenzen haben würde, richtig geglaubt habe ich es aber nie. Wer wollte schon ernsthaft 50 werden?

Am liebsten wäre ich einfach mit 27 tot umgefallen. Ein finaler Schlag gegen mich Selbst, oder anders ausgedrückt: Die Erlösung.

Dieses Feeling von damals hing damit zusammen, dass ich mit mir und meinem Leben unglücklich war und ich es mir schwer mit allen möglichen Mitteln „besorgte“, um die Trauer und den Schmerz zu überspielen, nicht das Leben zu leben, das ich gerne hätte. Unterbewusst wollte ich vielleicht gar nicht mehr leben, auf jeden Fall (und ganz sicher) nicht ewig. Das Leben läuft in Wellen ab, in Phasen, und das ist kein Geheimnis. Irgendwie weiß das jeder, dass es gute und schlechte Tage gibt, sehen und verstehen will das dann aber auch irgendwie kaum jemand. Bist du in einer schlechten Phase, glaubst du, dass es nie wieder besser werden kann, und auch in guten Zeiten bist du blind für das Unglück, welches vielleicht schon vor deiner Türe steht. Ich wusste nie wo ich in 5 Jahren bin.

Die Freunde um mich herum bekamen Kinder, finanzierten Häuser, bauten sich ein bürgerliches Leben auf, und ich blieb immer 20 Jahre alt und goss die Kübel meines Daseins achtlos ins Nichts. Was für eine überschwänglich gute und sorglose Zeit, und doch: Was für eine Verschwendung.

Jetzt sitze ich da, mit meinem abgenutzten Körper und schon jetzt mit den Folgen meines Tuns (kaputter Rücken, meine nervöse, unausgeglichene Art) und will mich gar nicht mehr verschwenden, sondern im Gegenteil, alles festhalten und gutmachen, was ich verschwendet habe, nur leider kann man ausgeschüttetes Wasser nicht mehr mit den Händen zurück in den Eimer kratzen.

Mir tut es nicht leid was ich 13 Jahre meines Lebens getan habe, ich würde es aber gerne anders gemacht haben, schonender, angenehmer, für mich und für die Menschen, die mich heute ertragen müssen. Die Zeit kann man aber nicht umkehren. Wohl aber kann man daran arbeiten.

Ich sehne mich nach der bürgerlichen (wenn auch nicht gleich konservativen) Ruhe die ich so lange so sehr abgelehnt habe und freue mich auf ein besseres, geordneteres Leben. Ironie, Ironie. Nun wo ich schon lange, aber immer noch glücklich, verliebt bin, will ich plötzlich ewig leben. Und spüre doch jeden Tag auf eine andere Weise, dass das nicht der Fall sein wird.

Das Leben ist Fluch und Glück zugleich. Und man braucht jemanden im Leben, um das eigene Dasein in den koordinationslosen Gewässern der Möglichkeiten auf Kurs zu halten. Das Leben braucht einen konstanten Sinn. Denn egal was für überbordende Erfahrungen du einmal gemacht hast. Du kannst sie doch nicht mitnehmen. In das Später. Wenn du alt, greise und wund an deinem Küchentisch sitzt und das scheinbar ewige Leben als Last, oder aber als schöne Offenbarung erlebst. Denn auch in Zukunft zählt nur das JETZT, und ob es lebenswert ist. Genauso wie mit und vor 20 Jahren. Nur gab es damals eine Gegenwart ohne Vergangenheit. Heute und in Zukunft wird es nur eine Gegenwart durch Vergangenheit geben. Und ich freue mich darauf. Und bin dankbar, dass der Zug noch nicht abgefahren.

Und zum Glück.

Will ich immer noch nicht so sein, wie die anderen.

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Das leichte Leben ist köstlich

Wenn ich jetzt behaupte, dass ich dadurch weil ich kaum mehr Bücher lese und so gut wie gar nicht mehr schreibe, dümmer werde, ist das fast schon ein Schritt in die Arroganz-Fall; für wen hält sich der Typ denn? So oder so. In Wahrheit ist es nur eine Feststellung, die ich an mir selbst ausmache. Und je weniger ich schreibe und richtig lese – scheiß auf diese Pseudo-Nachrichten die ich mir auf dem Smartphone wie Junk Food reinziehe – umso simpler empfinde ich mich. Meine Gedankengänge waren vorher schon nicht einmalig, okay, sie waren aber da. Jetzt zieht da immer mehr eine wohlige Ödnis ein.

Man lebt ja gut wenn man nur so vor sich hinlebt, nur an sich denkt. An seine Freundin. Klar. Ich habe Sachen in meinem Leben vor mir die geregelt werden müssen. Keine kleinen Dinge für mich. Etwas. Was mein Leben jetzt doch langsam real umkrempeln könnte. Nicht nur in der Reflexion darüber. Es sind keine Projektionen einer ungewissen Zukunft mehr. Sondern real verfügbare Kartenhäuser… Nun. Es geht mir sehr gut. Zu gut. So ist das halt wenn man sich treiben lässt im Stillstand der eigenen Selbstzufriedenheit. Aber man muss das Ich nun einmal auch hassen können, damit man wenigstens versucht ein „besserer Mensch“ zu sein. Ohne den Monolog ist auch ein guter Dialog nicht möglich. Wenigstens ist das meine Erfahrung.

Es ist schön ein dankbarer Konsument zu sein. Ich gönne mir Dinge. Ganz bewusst. Früher dachte ich mir: „Geht doch nicht.“ Weil Haltung. Aber wenn man die Haltung ein wenig schleifen lässt. Und sich angenehm berauscht mit einem Glas Jim Beam Honig in der Hand zurücklehnt. Abschaltet. Und die Glotze einschaltet. Und keine Fragen stellt. Zuhört. Ohne zu hinterfragen. Kann man das Leben eines „erste Welt-Menschen“ sehr gut genießen. Eine neue Freiheit ist zu spüren. Die Haltung von bisher erscheint einem plötzlich wie das realere Gefängnis. Und was soll der ganze Kram mit der sozialen, politischen Bildung, wenn man im Prinzip eh nichts verändert? Unwissenheit mag eine Sünde sein, nur wer fühlt sich freier und lebendiger als ein Sünder, der die Belastung des Glaubens verloren hat? Wie ein Soldat der nicht mehr seinem Lehnsherrn dienen muss. Wie eine Arbeitsbiene, die nicht mehr dem Gruppenzwang erlegen ist und einfach im Bett bleibt. Wie ein Arzt, der sich an seinen Eid nicht mehr gebunden fühlt. Wie ein Kerl, nachdem die Scheidung endlich durch ist…

Das leichte Leben ist köstlich. Und je älter man wird, desto selbstverständlicher fühlt sich diese Kost an. Ideale sind dazu da um über Bord geworfen zu werden. Und je älter der Körper wird, desto angenehmer will er behandelt werden, auch von den Idealen… (Und Menschen wurden früher nicht so alt… Vielleicht liegt es daran, dass wir solche Probleme haben… Wer weiß?) Ich weiß nur, dass ich gerne wieder mehr schreiben und lesen wollen würde. Und auch. Dass ich dann deswegen auch kein besserer Mensch wäre. Mich aber wenigstens so fühle. Können wir mehr im Leben erreichen als das?

Im Alter

Als ich selber beim Bund war lehnte ich natürlich den Wehrdienst und den Ausgleichsdienst (Zivildienst) vehement ab, der Gedanke: Was ist das für ein Land, dass dir so viel Lebenszeit stielt und ich dich ZWINGT einen Dienst an der Gesellschaft zu leisten?

Wenn ich jedoch so darüber nachdenke, kommt mir eine Generation von Männern, die zu diesen Pflichten nicht mehr gezwungen wird, von Haus aus schon sehr disziplinlos und unerzogen vor. Und damit meine ich nicht den entwürdigenden Dienst an der Waffe oder am Patienten an sich, nein, ich meine die kollateralen Auswirkungen auf das soziale Verhalten, sei es beim Bund zum Thema „Kameradschaft“ oder als Zivi zu dem „hilfsbedürftigen Menschen“ an sich.
In einer Welt die ausschließlich von Geschäftszahlen und Konsum gesteuert wird, in der Werte nur noch auf den Wert eines Dinges reduziert werden (sei es den Wert eines Dinges lauter Katalog oder dagegen die gewonnene Beachtung einer Tat in den sozialen Netzwerken), klingt es für mich auch wertvoll, einen Dienst an der Gesellschaft ableisten zu müssen. Denn Selbstbestimmung bedeutet nicht (auch wenn sich viele das einreden), dass man dadurch die besseren Entscheidungen trifft.
Man ist ja doch nicht klüger als alle anderen. Selbst wenn einem die Werbung das einreden will.

IM ALTER wird man wie seine Eltern. Was gar nicht so verkehrt ist, bis zu einem gewissen Grad. Nein. Ja. Es ist eine Bereicherung.

Angst vor Jugendlichen

Mit dem Alter versteht man, dass der Körper eben nicht aus Stahl ist. Das dachte ich einmal von mir selbst, auch wenn ich es nicht mit diesen Worten benannte, nein, es fühlte sich einfach so an. Ich war einfach jung und wenn man das ist, fühlt man sich wirklich wie der junge Siegfried. Das Blöde ist nur, dass selbst der große Siegfried, der Drachentöter, eine Stelle hatte, an der er verwundbar, an der er normal menschlich war. Und das sind wir immer. Egal in welchem Alter. Wir verdrängen das.Wollen es nicht wahrhaben. Denken an andere Dinge. Doch die Wahrheit holt uns immer ein.

Henry Rollins erzählte in einem seiner Spoken-Words-Programme, dass er irgendwo in einem fremden Land unterwegs gewesen war (ich glaube es war Afghanistan oder der Irak – jedenfalls eines dieser Länder, die einem Amerikaner nicht besonders wohlgesonnen sind), auf einer von Straßenlaternen beleuchteten, abgelegenen Straße, die von ein paar Jugendliche aus Spaß an der Freude kaputt geschlagen wurden. Einfach so. In aller Öffentlichkeit. Die 3 Jugendlichen (ich schreibe das aus dem Gedächtnis, bitte verzeiht mir Fehler in der Nacherzählung) waren so um die 13 bis 15 Jahre alt, und er muss damals so um die Mitte 40 gewesen sein, und ihm machten diese Jugendlichen Angst, da er (obwohl er selbst heute noch gut trainiert ist) glaubte, gegen die Kids keine Chance zu haben. Wenn man Mitte 20 ist und im Saft steht, fügte er hinzu, sind das nur ein paar Kids mit denen man locker fertig wird. Wenn man aber einmal die 40 überschritten hat, sieht man das ganz anders.
Der Körper will nicht mehr so. Man hat auch schon ein paar Kämpfe verloren. Und man weiß, wie sich das anfühlt.
Die Kids interessierten sich dann auch nicht für ihn.

Daran dachte ich erst, als wir nach Köln gefahren sind. Die Regionalbahn war, wie im Ruhrgebiet fast schon üblich, übervoll und es saßen ein paar junge Typen arabischer Abstammung auf den Treppen zum Ausgang. Sie waren Anfang 20. Und man merkte ihnen genau, dass sie sich die Hörner noch nicht abgestoßen hatten. Sie sprachen cool und locker daher; überheblich, viel zu laut. Was einer wie ich überhaupt nicht schlimm finden kann. Schließlich. War ich früher auch so. Einer dieser arroganten Kerle, der glaubte etwas zu haben, was andere nicht haben. Das heißt nicht dass diese Jungs aggressiv waren oder mich mehr taxierten als irgendwem anders. Ich war denen sicherlich mehr egal als sie mir. Trotzdem strahlten sie für mein Gefühl eine unangenehme Aura aus. Und es spielte für mich in dem Moment keine Rolle, ob ich vielleicht früher genauso war; das stimmt nicht, vielleicht machte dass die Situation für mich sogar noch unangenehmer,wenigstens unterbewusst… Jedenfalls vermied ich es sie anzusehen, ganz instinktiv. Wie gesagt: Die hätten mir SCHON NICHTS GETAN. Doch darum ging es für mich in dem Moment nicht. Es ging für mich darum, dass ich verstand, nicht mehr jung zu sein. Und ich auch keine Lust mehr auf Konflikte habe.
Darüber habe ich die restliche Fahrt viel nachgedacht. Über dieses Wegsehen. Dieses Abducken.

So ein „Unterlegenheitsgefühl“, welches eine direkte Nähe zur Angst hat, rührt daher, nicht mehr jung und stark zu sein. Der Verlust der Jugend ist nicht nur ein Verlust von Schönheit und Aufmerksamkeit die man generieren kann, sondern es gipfelt direkt in ein Gefühl der Unterlegenheit. Der Schwäche. Und der Beginn der Angst ist bekanntlich der Beginn der Sklaverei… Es muss sehr viele Menschen geben, die in dieser Angst leben, die es gewohnt sind eher auf den Boden zu sehen, als den Mitmenschen ins Gesicht, besonders nicht den lauten Jugendlichen, die sich weder ihrer AusdrucksKRAFT noch ihrer Schönheit bewusst sein. Man sieht weg, weil man nicht da sein will. Weil. Man alleine sein will… Das geschieht einfach aus der Angst heraus. Weil man nicht mehr körperlich mithalten kann.
Ich glaube das geschieht ganz langsam: Am Anfang geht man erst lieber nicht mehr feiern weil es zu anstrengend ist und bleibt lieber zuhause, am Ende hat man Angst vor die Türe zu gehen, da die Welt sich dort nicht mehr „sicher“ anfühlt. Es ist ein schleichender Prozess.
Wenn man jung ist, begreift man das nicht.

Ja. Ich habe schon lange keine Lust mehr auf Ärger. Bin friedlicher geworden, was auch heißt, dass man mehr hinnimmt. Manchmal vermisse ich diese Zeiten in denen ich wild, aber auch sehr dumm war; das Dumme hat sich in diesen Momenten ja nicht so angefühlt, sondern mehr wie eine sehr echte Form der Freiheit, da man ja die Jugend hatte um sich die Freiheit zu nehmen, auch einmal etwas Dummes zu tun. Weil man sich für unzerstörbar hält. Ein paar Wehwechen und mit immer wieder auftretenden Rückenschmerzen später hat man auf die harte Tour gelernt, dass dem so nicht ist. Das ist der normale Gang der Ding: Erst hält man sich für unglaublich stark oder unendlich schön, um dann zu lernen, dass die Schönheit und die Kraft eines Tages weg ist. Dass man sie vergeudet hat. Verschenkt. Verlebt. Für nichts… Im Prinzip. Und dann will man nur noch sein Leben so leben, wie man es am liebsten hätte: In Ruhe und in Frieden. Ohne Schmerzen. Alles andere macht einem Angst.
Das ist natürlich vernünftig. Wenn es im Rahmen bleibt. Doch damit ist es wohl ebenso, wie die Mut nahe zur Dummheit liegt. Es ist eine Gratwanderung. Und es ist sicherlich leichter und in unserer Gesellschaft natürlicher, ängstlich anstatt mutig zu sein.

Die Menschen nutzen das aus. Die Politik, die Medien, die Wirtschaft… Sie spielen mit unserer Angst alt zu werden. Sie schüren sie sogar noch. Sie hetzen uns gegeneinander auf. Kriminalisieren die Jugendlichen, nur um uns Angst zu machen. Damit wir still und brav sind. Unsere Wohnungen wie goldene Festungen schmücken. Und berechenbar bleiben. In unseren Särgen mit Flat-Screen. Sie machen Geld mit unserer Angst. Und obwohl ich das weiß. Und obwohl ich mir sicher bin, dass viele, fast alle Menschen das auch wissen, bin ich mir nicht sicher, ob ich mich nicht eines Tages auch von dieser Angst gefangennehmen lasse…

Kontrollverlust

Karl Lagerfeld hat einmal gesagt: „Wer Jogginghosen anzieht, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Er weiß das, und sitzt da, starrt auf seine Puma-Jogginghose. So weit ist es also gekommen. Der mit Stoff bezogene Ohrensessel in dem er sitzt, die halbhohen Rollläden, die kalte Suppe auf dem Tisch, das warm werdende Bier daneben… Das ist sein Stillleben. Dass ist das Gemälde, dass er jetzt abgibt. Die Rente war viele Jahre sein Traum gewesen, wie so oft aber, war der Weg das Ziel, und das Ziel erwies sich nach dem Ankommen und der Zielfeier als Übergangslinie ins Nichts. Nicht dass ihn das im Großen und Ganzen überrascht hätte. Von solchen Dingen hört man ja oft. Doch es ist immer etwas anderes, wenn es dich selbst erwischt. Die anderen sind immer… Anders…

Die letzten Arbeitsjahre waren hart gewesen und er hatte sich die Rente so sehr gewünscht. Nicht wegen der Arbeit, ach was, auch wenn ihm bestimmte Dinge natürlich nicht leichter gefallen sind. Die physische Welt nahm immer mehr an Gewicht zu, so wie das „Damals“ und „das Früher“ auch immer wichtiger zu werden schien; er erwischte sich selbst immer mehr von seiner Jugend zu sprechen, als er noch fit war und die Dinge im Vorbeigehen erledigte. Doch. Das war nicht das Problem. Nein. In das Altern altert man hinein. Man gewöhnt sich daran und egal wie schlimm die Dinge auch sein mögen: Gewohnheit lässt den Menschen fast alles ertragen. Sein Problem in den letzten Jahren waren aber Dinge, an die er sich unmöglich gewöhnen konnte, da diese bestimmten Dinge sich immer wieder wandelten.

Als er noch jung war, noch lernte und sich „sein Leben aufbaute“, da hatte man ihm Respekt beigebracht. Es war normal zu grüßen wenn man jemanden traf, zu antworten wenn man gefragt wurde, eine Tür aufzuhalten und wenigstens nach außen Respekt vor dem Alter zu haben. Ganz natürliche, kleine Dinge des Alltags, die – und das war sein Problem – langsam verschwanden. „Die Jugend von heute“ war sein Problem. Nicht weil sie jung waren und er nicht… Mit den Jahrzehnten hatte er ja die verschiedensten Generation an sich vorbei gehen und aufwachsen sehen, und überall gab es zuvorkommende Knaben, und die Rüpel. Er würde nicht einmal sagen, dass es schlimmer geworden wäre – leider aber waren die letzten Jahre besonders schlimm gewesen. Die jungen Leute in der Arbeit hatten einfach keinen Respekt vor ihm – und – es mag naiv von ihm gewesen sein, doch er hatte schon erwartet, dass nach all den Jahren des Schuftens und Schwitzens, während er seinen Körper für die Firmen ruiniert und sich hunderte Mal die Hände blutig gewerkelt hatte, am Ende so etwas wie Respekt kommen müsste. Stattdessen wurde er gehänselt, „gemobbt“ und als quasi unnütz dargestellt: „Der ist doch im Kopf eh schon in der Rente.“
Vielleicht meinten es die Jungen gar nicht böse. Möglicherweise verstand er nur ihren Humor nicht. Nur spielte dass mit den Monaten auch keine Rolle mehr. Übrig blieben die Worte, ganz gleich ob die jungen Chaoten am Ende der Worte einen lachenden oder einen zwinkernden Smiley gesetzt hätten, wäre das Leben einer ihrer SMS-Chats. Nein. Ja. Worte verlieren nicht ihren Inhalt, nur weil man es „anders meint“. Was man sagt, meint man auch.

Er fühlte sich nicht mehr wohl in der Arbeit und wollte nur noch weg, heim, in „die Ruhe“ zu seiner Frau, zu seiner Martha. Die fing ihn auf, gab ihm Kraft. Ja. War einfach seine Frau, so wie man es von einer Frau erwartet: Sie war perfekt. Ja. Perfekt. Perfekt bis zum Ende… Und jetzt wo sie weg ist, ist auch etwas von ihm mit ihr gegangen. Ihr Tod hatte nicht nur Liebeskummer in ihm ausgelöst (was man Menschen seines Alters nicht einmal zugesteht), sondern Lebenskummer… Nun war die Rente nicht mehr die Erfüllung eines Traumes, sie war ein großes Loch, ein großes Nichts, das die ganze Zeit nur auf ihn gewartet hatte.
Es klingt verrückt. Es ist verrückt. So wie er da sitzt. In seinem Stillleben. Nur. Jetzt fehlen ihm sogar die Respektlosigkeiten von der Arbeit, ganz gleich wie schlimm es sich noch vor einem halben Jahr angefühlt hatte. Denn Qualen zu haben bedeutet, wenigstens am Leben zu sein… Er lacht darüber, wenn er kann und er ist sich durchaus klar, dass er der Einzige ist, der an seinem Schicksal etwas ändern konnte. Er ist ja nicht alleine. Es gibt Viele wie ihn. Sie sind da draußen, in ihren Wohnungen, alleine wie er. Einsam wie er… Er müsste nur… Doch er kann nicht. Er will auch gar nicht.

Die Bilder an den Wänden zeigen ihn mit seiner Frau. Lachend. Und die Kinder. Lachend. Aber das sind nur tonlose, eingefrorene Momente aus der Vergangenheit. Mit Zukunft und Gegenwart haben sie nichts zu tun…

Er schluckt. Ja. Er weiß. Er müsste doch nur… Es gibt doch Angebote für Menschen mit ihm. Hilfe. Hilfe?… Er seufzt. Blickt auf die Jogginghose. Streicht sie glatt. Ja. Er hat die Kontrolle über sein Leben verloren…

Quizfrage mit Hexe

Vorhin im Zug saß Stundenlang so eine alte Hexe neben mir. Von außen betrachtet vielleicht eine alte Frau, doch sie hatte so etwas Abstoßendes an sich, was wohl daran lag, dass sie sich auf den Platz neben mir setzte, obwohl dort schon eine andere Frau saß. Die Hexe meinte nur: „Ich sitze dort!“ Von einer Reservierung erzählte sie nichts. Hatte sie auch nicht, wie ich später auf ihrem Ticket sah.

Da kam mir der Gedanke, dass ältere Menschen nicht nur viel Weisheit mit den Lebensjahren anhäufen können, sondern auch mehr Zeit dafür haben, Boshaftigkeiten zu begehen; wer ist schon alt und ohne Schuld? Weshalb soll ich also Respekt vor alten Menschen haben, wenn sie 100 Prozentig mehr Schlechtes im Leben verbrochen haben, als es mir möglich ist?
Umso älter der Mensch, desto schlechter ist er auch.

Lebensleistungsrente

Was braucht ein Mann um komplett zu sein? Eine Frau. Ein Kind. Ein Stück Land mit einem Haus darauf (am besten sein eigenes). Und Arbeit. Arbeit. Arbeit…
Es ist schwer das zuzugeben. Aber das größere Glück als die eigenen Kinder, sind die Enkel. Die Kinder sind ein glorreicher Kampf, den man Jahrelang zu gewinnen und dann ab der Pubertät zu verlieren glaubt; am Ende geht das meistens besser aus als man befürchtet, nachdem sie einem zu ersten Mal die Türe vor dem Gesicht zuschlugen, schlechter jedoch als in den Moment, wenn das lachende Kindergesicht: „Mehr! Mehr!“ ruft, und du den kleinen vor Gelächter bebenden Körper fest und doch zärtlich in die Luft wirfst. Das ist das Schöne an den Enkeln, das man ihnen nicht nahegenug kommt, um ihren inneren Konflikt mitzuerleben. Sie sind die Zukunft, die man niemals sieht. Ein ewiger Sonnenaufgang. Die Vision eines besseren Lebens.

Die Arbeit ist da längst vorbei. „Die Rente“ gesichert, diese jahrzehntelange Unbekannte. Zu viel zum Sterben. Zu viel zum Leben. Und so sitzt er auf der Bank. Draußen. Im Vorgarten. Und will nirgends mehr hin.
Nicht das er überall gewesen wäre. Die größte Reise war der Krieg gewesen. Und selbst der 2te Krieg der Welt ist noch keine Weltumrundung, für einen Einzelnen. Sein Sohn war später auch auf Reisen gegangen. Südostasien. Lateinamerika. Die Elfenbeinküste… Wunderbare Traumnamen, die das sind. Und als die Arbeit getan war fragte ihn der Sohn, warum er nicht (wie er auch) verreisen wolle, jetzt, da er frei sei von der Arbeit, worauf der Vater nur meinte – die Enkel spielten im Garten, tollten umher – das er schon alles gesehen habe, was ihm bestimmt gewesen sei. Und meinte damit, dass die Menschen seiner Generation, seines Schlages, nicht aus Spaß und Eitelkeit verreist waren, sondern nur um ihre Liebsten zu schützen, ganz egal was in den Geschichtsbüchern steht, und das es ihm – wie jedem ehrlichen Reisenden – nie vergönnt war in der Heimat die Reise hinter sich zu lassen.
Das war seine Globalisierung. Seine ganz persönliche. Und dadurch wurde auch für ihn die Welt viel, viel kleiner, als davor.

Die Arbeit hielt ihn am Leben. Die Kameradschaft des Betriebs. Das raue Lachen. Die schweren Balken. Die Nägel die er einschlug oder zog. Es war und ist nur eine kleine Stadt, doch er hatte sie mit aufgebaut. Mit diesen Händen – und wenn man sich umsieht: Wie könnten diese Hände jetzt nicht zittern?
Der ewige Kampf der Ehe endete mit dem Tod seiner Frau, doch er hatte nicht gewonnen, sondern nur ewig verloren. Jeden Tag mehr. Ganz egal wie oft er sagte, er liebe sie.
Nach ihrer Beerdigung saß er alleine zu hause. Alleine wie ein Mensch nur sein kann. Ganz egal was war: Es zählt immer nur der Moment, der jetzt ist.

Irgendwann. Ging er spazieren. In seiner kleinen Stadt. Zog seine Kreise. Grüßte, manche. Mied, andere. Doch er war auch nur einsam in der Wahrnehmung anderer.
Da. Sah er wie ein paar Jungs mit dunkler Hautfarbe und gebrochenem Deutsch ein Mädchen an den Haaren zogen. Ein Mädchen so alt wie sein Enkel. Und er meinte nur, dass die Jungs das lassen sollten. Worauf ein Junge das Mädchen zu Boden stieß und mit Glut in seinen Augen auf unseren alten Opa zustürmte, ihn bespuckte, in seinem gebrochenen Deutsch bellte: „Wir wissen wer du bist! Wir wissen wo du lebst! Und es gibt KEINEN Grund um dir zu vergeben!“