Menschenkenntnis

Eben. Gerade. Stand ich am Fließband. Bei der Kasse. Beim Rewe. Drei Kunden vor mir war ein älterer Mann. Verschlissene Schildmütze. No-Name-Trainingsjacke. Alkoholiker-Gesicht; definitiv eine Alkoholiker-Nase. Der wollte sich zusätzlich zu seinen Besorgungen Zigaretten kaufen, hatte irgendwas mit einem Gutschein durcheinander gebracht und nun zu wenig Geld. Immer wieder zog er ein paar Cent aus seinen Taschen und der picklige Azubi an der Kasse zählte sie. Es reichte wieder nicht. Es mutete wie ein Spiel an, bei dem nicht klar war wer zuerst aufgab. Der Kunde oder das materialisierte Gesicht des Rewe-Unternehmens. Das zog sich ungelogen ein paar Minuten so hin und ich dachte mir: Wollen wir doch mal nicht so sein. Ich entschuldigte mich und reichte dem Jungen an der Kasse mit der Marco Reus Frisur 2 Euro. Der fehlende Betrag. Mir wurde von dem Alten zugenickt. Er sah mich nur aus dem Augenwinkel an. Der Jüngling lächelte erleichtert auf. Eine Minute später war ich an der Reihe und der junge Marco Reus bedankte sich noch einmal für das Geld. Worauf ich nur ehrlich sagen konnte: Ich hatte auch schon mal zu wenig Geld dabei. Da lachte Marco nur. So in Gedanken: „Das DABEI war hier nicht das Problem.“ Aber gar nicht böse.

Ich gehe dann also da so raus und da lädt der Mann mit der Alkoholiker-Nase sein Zeug in den Kofferraum seines alten Autos und ich denke mir so: „Warum eigentlich nicht?“ Gehe rüber und frage ihn freundlich, ob ich nicht auch eine Zigarette haben könnte. Und er sieht mich an und sagt: „Nein.“ Steigt in sein Auto und fährt davon.

Absolution – 9 – Auf Amphetaminen arbeiten gehen

Schon der Weg in die Arbeit war in diesem Zustand die Hölle. „Lieber Gott lass mich gut ankommen“, sagte er sich jedes Mal im Geiste, wiederholte es wie ein Mantra, obwohl sein Verhältnis zu Gott alles andere als geklärt war. Unter der Dusche konnte man sich noch einreden „normal“ zu sein. Das es „gar nicht so wild“ sei. Hinter dem Lenkrad eines Autos gibt es nichts mehr zu verbergen. Hier wurde ihm ein um das andere mal sofort klar, wie drauf er eigentlich noch war. Und dann fuhr er los. „Hauptsache ankommen“. „Nur keinen Unfall bauen“. „Gleich bin ich da“. So sollte es sein: Paul kam ohne sich oder jemand anderen verletzt zu haben sicher in der Arbeit an. Parkte seinen Wagen. Zerkratze nicht mal den Lack eines anderen Autos. Vielleicht. War diese ungesühnte Narrenfreiheit sogar das Heftigste für Paul. Dass er immer wieder und wieder damit durchkam. Bis zu diesem Punkt. In der Arbeit angekommen dachte er sich nach jeder Drogennacht: „Normal verhalten“. Doch wie verhält man sich eigentlich normal? Was redet man denn so normalerweise? Wer ist man denn, wenn man nüchtern ist? Wie sieht einen das Umfeld im Gegensatz dazu, wie man sich selbst einschätzt? Am besten. Gar nichts sagen. Auf den Boden sehen und ansonsten seine Arbeit machen. Unter dem Radar bleiben. Das wird schon. Und möglichst viel Flüssigkeit in sich hineinschütten um den Wasserhaushalt wieder auszugleichen. Bloß keinen Kaffee trinken! Der Extra-Kick-Kaffee würde ihn nach der durchgemachten Nacht, in der er Kalorien verbrannt hatte wie ein Hochleistungssportler, komplett wahnsinnig machen. Das Koffein würde ihn nur noch wirrer machen als er ohnehin schon war. Sein Herz schlug ihm so schon unaufhörlich bis zum Hals. Irgendwie kam er so jedes Mal durch den Tag. Machte seinen Kram. Mucksmäuschenstill. Blieb unter dem Radar. Benahm sich „normal“ und fand darin Erleichterung. Wie gut er seine Prallheit verbarg. Bis irgendein Arbeitskollege angewidert raunte, wie beschissen Paul schon wieder aussah; einfach Überhören, einfach gar nicht darauf eingehen. Und damit kam Paul durch. Seit Jahren. Er musste nur kommen und scheinen Scheiß gebacken bekommen. Der Rest interessierte niemanden… Bis auf einmal. Dieses eine Mal brachte der Stress, den er sich selbst machte, dazu, dass er hyperventilierte. Paul klappte damals zusammen. Spürte seine Arme und Beine nicht mehr. Ihm wurde schwindlig. Kippte um. Ein Arbeitskollege brachte ihn zum Arzt. Der sah Paul mitleidig an. Ob er unter Stress stehe. Ob er vielleicht Ärger mit der Freundin hätte. Paul, total auf Amphetamine, nickte nur wie ein Idiot: „Ja, ja. Ärger mit der Freundin“. Obwohl er gar keine hatte. Dabei lachte er sich ins Fäustchen über die Blödheit des Arztes. Der einen eindeutig Megadruffen und irren Typen wie ihn nicht all das identifizieren konnte, was er war. Ein toller Arzt. Und dieser Arzt ist selbstverständlich auch heute noch Pauls Hausarzt. Nachdem der ihn krankgeschrieben hatte fuhr Paul nachhause, machte das nächste Briefchen Speed auf, und lachte darüber wie dumm alle anderen Menschen seien.

Absolution – 8 – Die Nächte durchmachen

„Was machst du?“ stand da. Paul verstand nicht. Was hatten diese Worte, was hatte diese Frage zu bedeuten? Sie ergaben keinen Sinn. Und doch. War ihm in jeder Sekunde seiner Verwirrtheit bewusst. Dass ihm sein Freund Fettsack geschrieben hatte. Um mit ihm Kontakt aufzunehmen.

„Was machst du?“ Ja. Was tat er? Was geschah überhaupt mit der Welt? Paul sah sich in seiner Wohnung um. Dieses von ihm selbst eingerichtete Stillleben. Alles hier war unbelebt. Statisch. Konstruiert. Angefüllt mit einer Stille, die ihm die Luft nahm. Er traute sich kaum. Zu Atmen. Sein Körper schmerzte. Das hatte er sicherlich schon seit Stunden getan. Paul war nur zu weit von ihm entfernt gewesen. Seine Blase explodierte förmlich. Die Droge drängte danach in Sturzbächen ausgeschieden zu werden. Aber Paul saß einfach nur da. Total weg. Durch. Und drauf. Auf seinen Amphetaminen. Unfähig. Aufzustehen.

Er stand schließlich doch auf. Setzte sich auf seine Toilettenschüssel, zwängte seinen halb erigierten Penis hinein und ließ es laufen. Gefühlt eine halbe Stunde. Jede Sekunde. War zu lange. Er wollte nur wieder zurück. Zurück zu seinen Drogen. Zurück zu seinem Sessel. Zurück in seine Träume.

Er wusste was er tat. Warum musste man da nachfragen?

Als er in sein Wohnzimmer zurück kam ging hinter den Rollläden schon wieder die Sonne unter. Wie lange war er jetzt wach? Gestern. Heute. Waren sie doch in München gewesen. Er konnte sich nicht genug konzentrieren um diesen Worten Bilder in seinem Verstand zuzuordnen. Es waren nur Worte. München. Feiern. Freunde. Geschehnisse die auch einem anderem passiert seien könnten. Eine Nacherzählung von Tatsachen. Nichts, was ihm selbst passiert sein musste. Er zwang sich einen Schluck Wasser zu nehmen. Dann noch einen. Seit heute Morgen hatte er kaum etwas getrunken. Zu tief war er in seiner Traumwelt versunken gewesen. Zu weit war er von seinem Körper entfernt gewesen. Und die Nacht davor gab es nur Jägermeister. Und XTC. Man könnte ja vielleicht etwas essen? Paul machte sich noch zwei krumme, brockige Lines, von der er nicht einmal die Erste gänzlich in sich einsaugen konnte. Was er aber einatmete, versuchte sein Körper, sein Verstand, der unsichtbare Dritte in ihm wieder abzustoßen. Pauls Körper verkrampfte sich. Brechreiz kam auf. Er würgte seine Zunge aus seinem Schlund heraus während er sich die Nase zu hielt, um ja nichts von dem kostbaren Dreck zu verlieren, der seine Eintrittskarte in einer bessere Welt war. Chemische Lava lief seinen Hals hinunter. Er spülte mit Tränenden Augen nach. Auf seinem Sessel atmete er erleichtert auf. Das hatte er doch ganz gut hinbekommen. Und versank noch viel schneller und beschleunigter als zuvor in seine Traumwelt.

Um etwa ein Uhr nachts entschied er sich noch seine letzte Line zu nehmen. Dann musste Schluss für heute sein. Schließlich musste er um 6 Uhr für die Arbeit aufstehen. Diese eine „Nase“ noch. Dann würde es gut sein. Dann würde es reichen. Eine „Gute-Nacht-Nase“. So zum Einschlafen. Das war ein Scherz: „Gute-Nacht-Nase“. „Nasen“ bringen einen niemals ins Bett.  Aber es war auch eine seiner innersten Überzeugungen. Paul war verschwitzt und eklig von der ganzen Onanierrerei. Ausgepowert. Ausgetrocknet. Ausgehungert. Um 20 nach 4 zwang er sich selbst ins Bett zu gehen. Aber auch ohne Computer verfolgten ihn die Bilder. War seine Traumwelt noch ganz bei ihm. An Schlaf war nicht zu denken. Keine Chance. So etwas wie Reue kam in ihm auf. Verzweiflung. Über seine eigene Dummheit. Wie war denn DAS jetzt schon wieder passiert? Und warum war es so klar gewesen? Wenn nur nicht die blöde Außenwelt wäre. Wenn er nur für immer hier bleiben könnte…

Das Problem auf diese Art Drogen zu nehmen ist, dass keine Erinnerung oder Befriedigung an das Getane zurück bleibt. Du kannst keine Kicks oder gutes Gefühl mit in den Tag nehmen. Der Traum ist vergessen sobald er beendet ist. Fotos und Filmaufnahmen sind dem Gehirn nicht gestattet. Und ein klein wenig erschrak Paul immer wieder, wenn um 6 Uhr sein Wecker schellte. Jedes Mal war es ein wenig überraschend. Obwohl er seit Stunden darauf gewartet, sich davor gefürchtet hatte. Dann schleppte er sich – wie immer – durch seine Wohnung, die er irgendwie doch in der Nacht ziemlich verwüstet hatte obwohl er nichts nennenswertes getan hatte, sah sich – wie immer- im Spiegel an und stellte – wie ebenfalls immer – fest, so nicht in die Arbeit gehen zu können. Mit diesen riesigen, beschissen großen Pupillen. Dann öffnete er wie immer seine Duschkabine und machte sich mit zittrigen Händen fertig für den Arbeitstag.