Der Status quo zu „Verlorene Jungs“ und wie über Techno-Leute berichtet wird

Wie so mancher Blogger vor mir (und sicherlich auch in Zukunft) versuche ich nach einer langen Korrekturphase meinen Roman „Verlorene Jungs“ zu „verkaufen“. Wäre ja ganz praktisch mit dem Hobby Geld zu verdienen. Hobby? Der Blog, der die Ur-Suppe war aus der mein Roman entsprang, war ein Jahrzehnt lang mehr als nur mein Hobby. Es war ein Herzensprojekt. Dann: Zack! „Blog.de“ geht den Bach runter und all das was man sich über so viele Jahre aufgebaut hat, ist einfach so weg. Und ich hadere wirklich mit mir, dass ich ausgerechnet zu WordPress umgezogen bin. Zwar habe ich hier, nachdem ich nach dem „Blog.de“ im Limbus des Internets verloren gegangen ist, so gut wie alle meine Follower und Freunde verloren habe, wieder neue Freunde auf und über WordPress gefunden, ebenso Blogs die ich gerne lese. Jedoch bin ich beim Thema „Kommentieren“ etwas faul geworden. Auch dieser unsägliche „Like“-Button hätte sich WordPress sparen können… Aber kommentiert muss werden wenn man eine neue „Reichweite“ aufbauen will. Doch ich will mich auch nicht anbiedern. Oder aufdrängen. Neue Freunde finden ist im Digitalen Bereich ein mühsames Ausschlussverfahren. Denn selbst wenn mich die Themen interessieren, werden sie halt nicht von den Leuten geschrieben, die man einmal ins Herz geschlossen hat und jetzt irgendwo im Nirvana des Netzes der unbegrenzten Möglichkeiten tätig sind. Oder vielleicht auch nicht. Wahrscheinlich wäre eine Plattform aus Deutschland besser gewesen; mich beschleicht bei WordPress das Gefühl, dass wir zwischen den ganzen Amerikanern und was weiß ich woher die Menschen hier kommen, einfach untergehen. Die deutsche WordPress-Enklave funktioniert zwar. Sie ist aber auch ein zu sehr in sich geschlossener Kreis.

Eigentlich wollte ich ja über den Roman sprechen.

Letztes Wochenende war ich mit Freunden auf dem „Ikarus-Festival“. Ein Techno-Festival. Dort wurden mir wieder einmal vor Augen und Ohren geführt, dass es einen Markt für meinen Roman gibt. Auf dem Festival wankten eben keine Stricher und Hyper-Junkies in der Gegend herum, die keinen Plan mehr vom Leben haben und sich wortwörtlich in die Hosen machen vor lauter unvorstellbarer Zerstörtheit. Wie es ansonsten so ist in der „Literatur“, wo Romane gerne mal Untertitel tragen wie „Meine Horrorjahre in der Techno-Bewegung“ oder „“Ehebruch, Ecstasy und Electro – mein langer Weg zurück in das Leben“. Nein. Auf dem Ikarus waren ganz normale Leute: Stephan aus Ulm. Und Jessica aus Heidelberg. Zum Beispiel. Die habe ich dort getroffen und für gut befunden. Die Zwei waren nicht zusammen unterwegs und ich bin nicht extra los gewankt um Menschen wie sie zu finden. Die trifft man halt. Während man irgendwo ansteht. Entlang geht. Eine Zigarette raucht. Oder ganz klassisch beim oder nach dem Tanzen. Stephan und Jessica sind kein Paar. Ich traf sie nicht zusammen zur gleichen Zeit. Ein paar Stunden vergingen bis ich nach Jessica den Stephan traf. Und dann haben wir dann da so geredet. Mehr oder weniger locker über Drogen und wie das so ist mit dem normalen Leben. Kein AUSFRAGEN. Das funktioniert nicht. Sondern so mit Jägermeister am Mundwinkel. Während sich da ein Gespräch entwickelt. Und ich war ja auch neugierig gewesen, ob sich Leute REPRÄSENTIERT fühlen von den Medien. Wie über sie gesprochen wird. Über die normalen Leute. Die halt ein paar Jahre feiern gehen. Und dann halt nicht mehr. Wir sind ja kein Abschaum.

Nein. Repräsentiert fühlt sich der kleine Tänzer nicht durch die Filme und Serien über das Thema. Von den Büchern auch nicht. Obwohl da natürlich viele kluge Sätze geschrieben wurden. Über das Feiern. Geile One-Liner. Doch die Wahrheit. Die findet man dort selten; wenn dann „Wahrheit“, dann halt immer die viel zu krass kaputte Wahrheit. Siehe „Berlin Calling“, „Der Nachtmahr“, wo dann halt auch gleich wieder die „Verrücktness“ durch die Drogen das Thema ist. Nicht das Glück. Denn die Menschen nehmen den Müll doch nicht weil sie so geil davon verrückt werden. Nein. Sondern. Weil es Beides ist: Der Spaß und seine Schatten.

Es ist ja auch schwer für einen Niemanden wie mich ein Buch zu verkaufen. Hab nicht studiert. Kenne keine wichtigen Leute, habe also kein Vitamin B. Und wenn ich mir die Bücher so ansehe die ich im Schrank habe, auch zum Thema Techno und Jugendkultur, da sind es dann halt die Medienpanzer wie Moritz von Uslar oder Tobias Rapp (oder gleich Rainald Goetz), die mindestens schon einmal irgendwo fest bei einem riesigen Medienimperium gearbeitet oder häufiger veröffentlicht haben, bis schließlich ihr eigenes Buch über das Herzensthema heraus gebracht wurde. Da ist jetzt auch kein Neid dabei. Moriz von Uslar – super sympathisch kommt der rüber. Das Buch Tobias Rapp fand ich zwar nicht so geil, folge ihm trotzdem auf Facebook. Ne. Darum geht es nicht. Ich glaube nur, dass es einfacher ist wenn man schon wer ist und dann zu Mister X oder Mister Y sagen kann: „Du, ich hab hier auch was geschrieben. Was LÄNGERES. Schau dir das doch mal an.“ Vielleicht sind das nur Verschwörungstheorien von mir. Leicht möglich, was weiß ich schon wie das funktioniert? Vom Gefühl her aber ist der Feuilleton mit seinen Lieferanten schon so ein in sich verschworener und verwobener Bereich, dass man Normalproleten wie mich gar nicht ernst nehmen will (was man übrigens auch dadurch merkt, wie man von den Verlagen TEILWEISE behandelt wird. Teilweise). Während MIR jedes Mal ein Schaudern beim Ingeborg-Bachmann-Preis über den Rücken läuft was da für Gestalten auflaufen, wer da beurteilt und wie sich alle verwursten lassen. Das kann man sich gar nicht anschauen. Wie die sich gegenseitig aufeinander einen runter holen. Der ERLESENE Kreis.

Und dann wundern sich die gleichen Leute auch noch darüber, dass immer weniger gelesen wird. Und wenn dann. Das Falsche. Ja eben weil ihr an den Leuten, an der Wahrheit vorbei redet. Weil man heutzutage glaube ein Studium und ein wenig Wikipedia-Recherche würden ausreichen um in jedem Thema gleich Fachfrau oder -mann zu sein. Es reicht nicht Bildungsbürger zu sein… Klar können die Schreiben. Sonst wären die nicht da im Fernseher und würden… VORLESEN. Bei aller Freundschaft: Nichts ist langweiliger als eine Lesung. Selten ist ein Buch so gut, dass man gleich Seitenweise daraus vorgelesen bekommen will. Es geht aber nicht nur um das Schreiben. Sondern darum, ob die Leute auch was ZU SAGEN haben. Denn es reicht halt nicht (und da spricht der Handwerker aus mir) wenn man handwerklich gut arbeiten kann, weil man das von ehemals wichtigen Leuten beigebracht bekommen hat. Denn am Ende wird das was man erschaffen kann nur ein Imitat dessen, was man an der Uni gelernt hat. Es fehlt leider der besondere Moment. Es mangelt an gelebter Erfahrung die Ding anders anpacken zu können oder auch nur zu wollen. Nicht an Schreiberfahrung. Nicht an Büchererfahrung. Nicht einmal an Lebenserfahurng. Es fehlt der Mut sich von diesem ganzen Akademischen Quatsch zu lösen. Deswegen sind diese Bücher auch so tot. Und sollte dann doch mal einer um die Ecke kommen und seine Wahrheit aus sich herauspressen. Eine Wahrheit die schmutzig ist, weil sie ECHT ist. Unbequem. Dann… Ja dann… Leider… Klingt das nicht danach als könnte es sich gut verkaufen. Es muss ja so oder so sein. Am Besten wie… Weil die Leute das so nicht mögen… Wenn…

Und dann wundert man sich noch. Das keiner mehr eure Lügen lesen will.

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Ikarus-Festival 2018 in Memmingen – Erlebnis- und Erfahrungsbericht/Kritik

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Bevor das Ikarus-Festivel überhaupt zum ersten Mal abgehalten wurde, schrieb ich einen Verriss darüber. Der Grund für diese Bodenlose Unfairness war mein Besuch auf dem Schwester-Festival „Echelon“, welches bei meinem damaligen Besuch so unglaublich scheiße organisiert war, dass mir jede Unfairness erlaubt war. Da das Ikarus quasi vor meiner Haustüre liegt, bin ich nun entgegen meiner Überzeugung doch mal hingefahren – und bin sehr positiv überrascht. Im Vorfeld hatte ich viel Schlechtes über das Techno-Festival gelesen. Kritische Facebook-Kommentare werden vom Veranstalter gerne mal gelöscht. Und der Kunde sollte dort nicht gerade „König“ sein. Zeit sich selbst ein Bild zu machen.

Gleich vorweg: Das Festival war gut organisiert. Es gab viel mehr Toiletten als in dem Horror-Jahr als ich auf dem „Echelon“ war. Genug zu Essen und zu Trinken. Die Leute an der Bar waren wirklich schnell und freundlich. Auch die Orgas waren okay. Wobei man selbstverständlich immer und überall auf einen Arsch treffen kann. Insgesamt aber war mein Eindruck sehr positiv. Klar. Die Preise waren teilweise schon gesalzen, aber auch nicht exorbitant hoch. 5 Euro fürs Parken z.B. ist doch okay.

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Nervig für die Leute in den Zeltlagern war sicherlich der Umstand, dass der Parkplatz ein gutes Stück vom Campingplatz entfernt liegt. Es ist aber nicht dramatisch. Z.B. ist es nicht im Entferntesten so mühselig sein Zeug vom Auto zum Zelt zu tragen, als Beispielsweise auf dem Southside. Wir haben nicht gecampt, deswegen kann ich dazu nicht mehr sagen.

Wir Tagestickler hatten das Problem, dass wir, nachdem wir das Festival-Gelände einmal betreten hatten, nicht mehr zum Auto zurück konnten. Ist schon ne Frechheit. Bei 56 Euro für einen Tag sollte das schon drin sein. So mussten wir alle Jacken gleich mitschleppen. Denn es war Gewitter angesagt worden – dazu aber später mehr.

Polizei habe ich ehrlich gesagt kaum gesehen. Es war nicht so wie bei der Nature One oder auf dem Sonne-Mond-Sterne-Festival, bei denen es teilweise schon recht ruppige und ausufernde Kontrollen gab. Hier habe ich gar niemand kontrollieren sehen. Ich verlinke hier mal den Polizei-Bericht von 2017 dazu. Im Vorjahr gab es schließlich 290 Straftaten mit 280 Drogendelikten. Irgendwer muss da also kontrolliert haben. Wir wurden nur zwei Mal vom Veranstalter kontrolliert. Was sicherlich auch der Grund war, weshalb man auf dem Campingplatz mehr bekam als auf dem Festival selbst.

Die Polizeizahlen von wegen 30000 Besucher haben mich über die Größe des Festivals getäuscht, da werden nämlich scheinbar an jedem Tag je 15000 Leute zusammen addiert. Ganz egal ob es die GLEICHEN Leute sind wie am Vortag. Ich bin mir sicher: 30000 Leute waren nicht annähernd  anwesend. Wir hatten viel Platz zum Tanzen und das Festival war an diesem Freitag zu keinem Zeitpunkt überfüllt.

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Die Mainstage hatten sie ganz nett aus Holz gezimmert und die Anlage machte einen guten Sound, an dem es nichts zu beanstanden gab. Wir waren ziemlich früh dran und tanzten da bereits schon um 16 Uhr herum. Und es machte Spaß. Was gibt es denn Schöneres als mit Freunden schönes zu erleben? Nur Sex ist besser. George Townston legte auch passabel auf.

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Im großen Zelt war es mega heiß und deswegen blieben wir dem erst einmal fern. Bis die Durchsage kam: Unwetterwarnung. Geht alle ins Zelt oder in EURE Zelte. Oder in die Bunker. Zum Einen hat mich die Durchsage an sich gefreut. Bei viel zu vielen Open-Air-Veranstaltungen stand ich schon im im unvermittelten  Regenrauscher, weil ich viel zu Betrunken war um in den Himmel zu schauen. Zum Anderen habe hat die spätere „Räumung“ des Geländes den Veranstalter auch an seine Grenzen gebracht. Während an der Mainstage der Sound ausgemacht wurde, gingen wir ins große Zelt – wo es dann wieder hieß, wir sollten doch in die Hangars/Bunker gehen. Weil so ein Zirkuszelt halt doch nicht so sicher ist. Auch wenn die Hangars bis dahin teilweise noch nicht einmal Musik hatten. Wir also in die Hangars (oh Verzeihung, in die Shelter), wo die Laune jetzt nicht so geil war. Auch. Wenn das Publikum im Hade-Shelter mit selbst gemachter Trommelei versuchte Tanzstimmug zu verbreiten. Währenddessen stürzten die Wassermassen aus den Wolken. Zum Glück ohne umgestürzte Bäume oder weggerissene Zelte. Sicherheit geht halt vor und fürs Wetter kann keiner was. Ich war ja schon einmal auf dem Berlin Festival, das in dem Jahr der Loveparade-Katastrophe aus Sicherheitsgründen abgebrochen werden musste – auch wenn 2010 der Organisator schuld war, nicht das Wetter.

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Quizfrage: Wenn wir mit unseren Tagestickets noch nicht auf dem Festival-Gelände gewesen wären, was wäre passiert? Aufs Gelände ließen sie keinen mehr. Alle die Anstanden wurden in ihre Zelte geschickt. Aber hallo: Wir hatten keine Zelte!! Und ins Auto zurück konnten wir ja auch nicht. Dann wäre unsere Karte verfallen. Also im Regen stehen bleiben?

So kleine Kratzer in der Organisation sind bei jeder Party meistens gut fürs Gemüt. Das Jetzt-Erst-Recht-Gefühl setzt ein. Und so war es dann auch. Wir tanzten und feierten: Jetzt erst Recht!

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Den Soundtrack dazu lieferte  im Zelt Magit Cacoon. Während draußen Dominik Eulberg die Mainstage rockte. Was? Dieser Kerl der den „Buchdrucker“ und „die Rotbauchunken vom Tegernsee“ releast hat? Guter Mann. Nur. Ein wenig langweilig… Nicht heute. Der Dominik war super. Also echt jetzt. Es ging ordentlich nach vorne und einem Moment vergaß man sogar das Selfie-Schießen mit den hübschen Freundinnen. Und als der Dominik „la rock“ von Vitalic und gleich im Anschluss einen Remix von „When I rock“ von Electrochemie LK raus haute, war es um uns alte Säcke natürlich geschehen.

Halt mal kurz meinen Becher.“ „Klar…. Warum?“ „UUUUaaaaaaaahhhh (Rumspring)“ „Alles klar.“ (Trinkt aus dem Becher und nickt mit)

Zum Dominik und zu Aka Aka i  Anschluss haben wir wirklich sehr, sehr viel getanzt. Wie überhaupt den ganzen Tag über. Damit waren wir nicht alleine. Die aufgedonnerten Instagram-Kinder waren auch gut mit dabei. Selbst wenn es natürlich nicht so wild und entfesselt herging als wir jung… Hauptsache ihr habt Spaß.

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Nach Aka Aka ging es raus. Denn zum Essen gab es im Gelände nichts. Was ein wenig blöd war als das Gelände „geräumt“ war. Denn es gab nichts zu Futtern für uns. Wir chillten dann da ein wenig herum um wieder rein zu gehen zu „Tale of us“. Vielleicht wären wir auch länger am Chillen gewesen. Es regnete nur immer wieder. Und unsere halbnackten Freundinnen brauchten unsere Regenjacken… Mann ist halt doch zu nett. „Tale of us“ waren so na ja. Hat mich jetzt nicht umgehen. Die Kälte treibt einen an. Dann ging es noch aufs Riesenrad (die hatten echt ein verdammtes Riesenrad und Kettenkarussell – zwei Dinge die mir als erstes einfallen wenn ich an Techno denke) und als es dann wieder stärker zu regnen begann und wir uns ins Zelt quetschten, wurde eine kurze Umfrage gemacht: Bleiben oder gehen? Wir waren vor 10 Stunden aus dem Haus, im Zelt war kein Platz mehr zum Tanzen – aber, wir hatten Solomun und Nina Kraviz noch nicht gehört. Wir sind dann trotzdem heim gefahren. Verurteilt uns nicht. Aber uns war nass und kalt und gehen schließlich auf die 40 zu. Lass mer mal gut sein.

Fazit: Gutes Festival mit guten Freunden. Das ist das Wichtigste. Viel gelacht. Und sehr viel Geld ausgeben. Für meine Freunde nur das Beste.

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Persönlich habe ich eine besondere Beziehung zu dem alten Luftwaffenstützpunkt in Memmingen, auf dessen Gelände, zum Teil sogar in alten Flugzeug-Hangars, das Ikarus-Festival abgehalten wurde. Denn. Ich habe zu meiner Bundeswehrzeit dort gedient. 15 Jahre später auf das Gelände zurück zu kommen um, ganz im Gegenteil zur ursprünglichen Planung des Areals, dort friedlich mit Gleichgesinnten zu tanzen, ist doch mit die schönste Form vom Umnutzung militärischen Materials.

Absolution – 28 – Flüchtlinge im Dschungel

Während Pauls Abwesenheit in der realen Welt, waren die Ma-Fag nicht untätig gewesen. Sie hatten die Gruppe aufgespürt, zu denen die Frauen gehören, die Paul und Paco auf ihrer Jagd entdeckt hatten. Insgesamt handelt es sich bei der Gruppe um 20 bis 30 Leute. Vertriebene, wie sie selbst sagten. Sie nennen ihr Volk selbst „Mi-Cock“. Der Name ihres Anführers ist Murdock. Murdock ist ein großer, weißer Mann. Der Anführer der Vertriebenen trägt einen vollen, großen Bart zu seiner Glatze. Und ist im Gegensatz zu den Ma-Fag unglaublich weiß. Fast schon nordisch. Sein Körper scheint ein einziger Muskel zu sein. Wie die Hauptfigur aus dem Videospiel; „Kriegsgott“, kommt Paul in den Sinn. „Thanos“ oder so glaubt Paul sich zu erinnern. Murdock und sein Volk sehen in diesem Dschungeldorf wie Programmierfehler aus: Die Nordmänner in den Tropen. Trotz seiner stattlichen Erscheinung steht Murdock vor den Ältesten wie ein Häufchen Elend. Seine Schultern sind tief eingesunken. Sein Blick ist leer und blass wie seine Haut, die von den Urwald-Mücken als ein Leckerbissen angesehen und regelrecht verspeist wird. Neben ihm steht seine rechte Hand. Ebenfalls eine Eiche von Mann. Ebenfalls ein guter Wikinger-Darsteller.

Die Handvoll „Mi-Cock“ hatten sich kaum bis gar nicht gegen die Gefangennahme durch die Ma-Fag gewehrt. Warum erklärt der geschlagene Gigant auf die Frage Kamyors:

Wir sind schon lange auf der Flucht. Sehr lange… Wir mussten unsere Heimat aufgeben. Unsere Ländereien. Alles.“

Weshalb?“ fragt einer der Ältesten. „Bringt ihr Krankheiten in den Wald?“

Nein. Nein…“ Murdocks Stimme ist hart und rau. „Wenn man so will haben wir versucht die Krankheit zurück zu lassen… Wir fliehen vor einem Feind, der größer und stärker ist als alles was…“ Sein Blick geht ins Nichts. In den Dschungelhimmel. „Wir hatten keine Chance…“

Wer ist euer Feind?“ Kamyor lehnt sich nach der Frage nach vorne. „Diese Vierarmigen Kreaturen?“

Gramon? Nein Gramon war… Ein Freund von uns… Ein Beschützer… Ein…“ Murdocks Blick sucht unter den Ma-Fag den Mörder Gramons. Doch für ihn sehen alle Ma-Fag ziemlich gleich aus. Noch nie hat er ein Volk wie das ihre gesehen. „Unser Feind sind… Ist… Es sind Kreaturen die vor nichts Halt machen. Sie sind nicht so wie wir… Sie sind auch nicht wie ihr… Sie sind… Anders… Und wir können sie nicht besiegen…“ Sein leerer Blick schweift über das Häufchen, dass der Stamme der Ma-Fag für ihn ist. „Auch nicht zusammen… Wir waren einst 5 bis 6 Mal so viele wie ihr… Wir hatten keine Chance.“

Unruhe breitet sich unter den Ma-Fag aus. Auch Banyardi wird unruhig. Seine Heldentat scheint schon vor Jahren verblasst zu sein. Was für Kreaturen müssen das sein, die so ein physisch starkes Volk vertreiben können?

Euer Krieg geht uns nichts an“, es ist Masiyo der spricht. Der Nachfolger von Kamyor in der Rolle des Dorflehrers. „Wir haben keinen Streit mit deinen… Kreaturen. Eure Probleme sind nicht die unseren.“ Die Ma-Fag nicken. Das Ganze ist nicht ihr Problem. Warum es dazu machen?

Ihr versteht nicht. Selbst wenn ihr uns ihnen ausliefert, wird sich nichts ändern. Selbst wenn ihr euch von ihnen versteckt, werdet ihr nicht davon kommen. Nicht einmal in diesem Wald… Auch wir haben keinen Streit mit ihnen. Wir haben versucht mit ihnen zu verhandeln! Aber… Mit Dämonen kann man nicht verhandeln.“ Erneute Unruhe. Die erst damit endet, als Murdock fortfährt: „Es geht nicht darum wer wir sind und wer ihr seid… Es geht darum, DASS wir sind…“

Die Unruhe nimmt Tumultartige Formen an. Ma-Fag springen auf und schreien Murdock an. Sie schreien sich gegenseitig an. Sie diskutieren laut, fuchteln mit den Händen – ein Verhalten, dass die Ma-Fag ansonsten nicht zeigen. Das besonne Dschungelvolk ist dabei den Kopf zu verlieren. Feinde als solches kennen sie nicht. Sie kennen Zwistigkeiten, Reiberein, auch Mordanschläge von anderen Stämmen. Monster und Soldaten jedoch sind ihnen fremd.

Wir müssen gemeinsam fliehen“, der zweite Mann der Mi-Cock hat zum ersten Mal gesprochen. „Das ist unsere einzige Rettung.“ Auch der zweite Mann der Mi-Cock sieht aus wie ein Nordmann. Lange blonde Haare. Breite Schultern. Hübsches Gesicht. Paul würde es nicht wundern, wäre sein Name „Sven“.

Für euch ist es ein Segen uns getroffen zu haben. Und es hätte nicht zu dem voreiligen Kampf kommen müssen! Das war ein Irrtum! Aber jetzt müssen wir zusammen arbeiten! Wir haben nicht viel Zeit!“ Nach seiner Rede steht „Sven“ impulsiv mit offenen Armen vor dem Rat der Ma-Fag.

Schweig!“ Kamyor steht vor lauter Erregung auf. „Wer hat dir erlaubt zu sprechen! Führt die Gefangenen fort! Wir müssen uns beraten…“

Die Nordmänner nicken unterwürfig und werden abgeführt.

Kamyor: „Was haltet ihr davon?“

Die Stimmen gehen durcheinander: „Ich weiß nicht…“ „Die Lügen doch! Die wollen uns doch nur verunsichern und uns später selbst überfallen!“ „Seht ihr was das für Riesen sind? Wer sollte diese Leute vertreiben?“ „Aber was ist mit dem Monster das Paco getötet hat?“ „Ja! Was ist wenn es MEHR von ihnen gibt?“ „Wir sollten sie erst einmal einsperren…“ „Wie wollte ihr denn so viele Leute verpflegen?“ „Wir haben genug für uns. Weil wir der Wald sind. Aber der Wald kann nicht alle ernähren!“ „Am Ende werden sie uns töten und uns unsere Frauen wegnehmen!“ „Aber was ist wenn sie die Wahrheit sagen?!“ Stille.

Banyardis Hand geht an sein Kinn. Das schlimmste Szenario ist wirklich, wenn sie die Wahrheit sagen…

Die Diskussion geht weiter: „Wir müssen die Bedrohung selbst mit eigenen Augen sehen!“ „Ja. Wir müssen Späher aussehenden!“ „Die Wachen verdoppeln!“ „Wir sollten die Männer und Frauen der Mi-Cock trennen.“ „Genau! Die Frauen gehören uns! So will es der Brauch!“ „Wir haben sie besiegt! Wir werden auch andere besiegen!“ „Lasst uns ihre Frauen nehmen, bevor sie die unseren nehmen!“ „Wir können sie nicht alle verpflegen. Lasst uns die töten, die keinen Nutzen für uns haben!“ „Aber wir können doch nicht einfach Leute umbringen, die Schutz bei uns suchen! Wir sind doch keine Mörder! Sind es nie gewesen!“ „Wenn wir nicht klug handeln, werden wir selbst unter ihren hungrigen Mündern leiden.“ „Der Wald ist zu klein für alle!“ „Nein! Das ist er nicht!“ „Wir müssen gute Gastgeber sein!“ „Wir müssen die Wahrheit heraus finden!“ „Schickt sie doch einfach weg! Sie sagen doch, sie wollen eh nicht hier bleiben!“ „Damit sie uns nächste Nacht ermorden können?“

Absolution – 27 – Ein Wolkenkratzer mitten im Dschungel

Er war es, viele Jahre lang, der die Geister Kinder erzog, sie in den Dingen des Waldes, also des Wissen unterwies, während die Väter in Kamyors Welt lediglich dazu da waren, die Bäuche und Muskelstränge der Menschen zu füllen. Kamyor unterrichtete nur die Knaben. Selbstverständlich. Metoo-Debatten sind im Dorfe der Ma-Fag nicht einmal gedanklich zu begreifen, geschweige denn sie durchzuspielen. Dabei kümmerte sich Kamyor sehr wohl um die Frauen. Um die Mütter, um genau zu sein. Wenn die Väter mal wieder „im Holz“ waren, wie Kamyor es abfällig nannte. Machte er die Beine und Münder der Frauen breit und ihre Bäuche rund. Auch Banyardi. Hat seinen Vater nie kennengelernt.

Der Mann mit 46 Jahren. Der Älteste des Dorfes. Zeigt Banyardi seinen Platz am Feuer. Zum ersten Mal in seinem Leben nimmt Banyardi bei den Kriegern Platz. Bei den Männern.

Obwohl das Volk der Ma-Fag ein sehr friedliches Volk ist, welches im Einklang mit der Natur lebt, dass nur ein Tier tötet oder ein Baum rodet, wenn es das Wohle des Stammes verlangt, ist Banyardi durch seinen Sieg über das Vierarmige Monster zum Mann geworden. Hier ist ein Mann der einen Feind tötet kein Mörder. Er ist ein Held. In der Propaganda der einfachen Männer. Und auch in dem Jungen, der ein Krieger geworden ist, findet sich kein Zweifel oder schlechtes Gewissen über seine Tat. Jetzt nicht mehr. Jetzt. Hier am Feuer. Im Kreise der Männer. Ist Paul ganz Banyardi geworden. Er ist stolz auf seinen Sieg. Im gleichen Maße. Wie er seinen Freund Paco vermisst. Doch über die Toten schweigen die Krieger. So. Wie sie es immer getan haben.

Der Monolog des Ältesten endet. Der Schamane übernimmt die Leitung der Prozedur. Durch eine ruckartige Bewegung seines Kopfes setzen die Trommeln ein. Und der Tanz beginnt. Es ist das Klischee vom Tanzenden Wilden, der das Feuer umkreist. Der Schlag der Trommeln wird indessen immer wilder und lauter. Das Getrommel brandet an. Leuchtet farblos auf in dunkler Nacht. Wie eine Lawine, die sich vom zentralen Punkte des Feuers aus, in jeder Himmelsrichtung durch den Urwald schiebt. Die Lawine erfasst alles. Die Männer. Die Frauen. Die Kinder. Die Hütten. Die Bäume. Die Tiere – die erschrocken vor so viel Menschlichkeit panisch fliehen. Oder staunend in die Dunkelheit starren. Der Rhythmus der Trommeln errichtet ein Hochhaus, einen Wolkenkratzer, mitten im Dschungel, der mit seiner Präsenz alles überflutet und verdrängt, woran Völker wie die Ma-Fag eigentlich glauben; wovon sie leben. Der menschliche Klang der Trommeln. Der Tanz der Wilden. Schleudert die Natur aus ihren Bahnen. Der Kreislauf, der Vertrag zwischen den Naturvölkern und seiner Umwelt, wird durch das wilde koordinierte, entfesselte Stampfen der Tänzer aus seinen Fugen genommen. Der Mensch wird Mensch im Tanze. Gleichwie sein Geist animalisch und wild wird. Der Kopf wird zum Tier. Während sich der Körper aus dem Einklang mit der Natur löst. Bäume kennen keinen Klang. Tiere keinen Rhythmus. Die Tänzer werden zu Göttern, die zwischen den Welten leben. Um dem toten Jungen zu gedenken. Der für seinen Stamm sein Leben gab. Genauso, wie der Schamane es beabsichtigt hat.

Paul kennt das. Er kennt den Tanz. Er erkennt den Rhythmus. Den Rausch in dem man verfällt, wenn man den Körper einfach machen lässt. Dafür hat er seine Jugend geopfert. Nicht den Drogen. Nein. Es ging immer nur um den Tanz. Um die Heilige Messe. In der der Tänzer Sein selbst aufgibt. Um sich mit anderen Tänzern zu vereinen. Paul weiß was es heißt. Ein Gott zu sein. Aus mehreren Teilen zu bestehen. Teil eines großen, stampfend Bewusstseins einer Tanzfläche zu sein. Nur. Hatte er es irgendwie vergessen… Es missverstanden.. Es… Verloren… Andere Dinge hatten sich in den Vordergrund gedrängt. Ihn von der rechten Bahn abgebracht. Die Drogen hatten ihn vergessen lassen, worum es eigentlich geht. Der Rausch war wichtiger geworden als die Erleuchtung. Umso wilder tanzt er jetzt. Seine Arme und Beine schleudern wie Kreisel um seinen Körper. Sein Blick kennt keinen Halt mehr. Mehrmals wäre er fast lachend in das Feuer gefallen. Doch nie war er wirklich in Gefahr zu fallen. Paul fühlt sich mehr wie Paul, als in all den Jahren zuvor. Er spürt sich selbst, wie er sich lange nicht mehr gespürt hat. Und im gleichen Augenblick erkennt ein junger Wilder der Banyardi genannt wird, dass da etwas in ihm ist, was vorher nicht da war. Ein Fremder… Ein Geist… Ein… Freund? Banyardi und Paul sehen sich in die Augen. Die Zeit bleibt stehen. HAP! Sie halten Beide die Luft an. Die Lichter gehen aus. Vor den Fenstern von Pauls Wohnung. Sein Bildschirm mit dem längst beendeten Porno geht aus. Auch das Feuer im Dschungel erlischt mit einem Schlag. Absolute Dunkelheit kehrt ein. Die Beiden stehen sich gegenüber. Paul und Banyardi. Banyardi. Sie sehen sich. Erkennen sich. Auch ohne Licht. Im leeren Raum. Wie in einem Ladeprogramm der Matrix. Da sind nur die Beiden. Der Krieger und der Konsument. Und der Hall der Trommeln in der Dunkelheit. Die Kamera ihres Bewusstseins fliegt zwischen den Beiden hin und her. Umkreist sie. Bis die Männer anfangen, sich selbst im Tanze zu umkreisen. Sie verfallen wieder in den Singsang der Trommeln. Dann ist das Feuer ist wieder da. Der Urwald leuchtet auf.

Dann ist es vorbei. Die wilden Götter der Ma-Fag werden wieder zu Menschen. Der Dschungel atmet entspannt aus. Alle setzen sich. Die Gefangenen werden vorgeführt.