Mohrenkopfsemmel

Ich würde die Situation als „komisch“ bezeichnen.

Vor einer Stunde bin ich bei dem neuen Liebhaber meiner Schwester angekommen. Ihre Kinder sitzen uns gegenüber, er rechts neben mir, wir spielen „Mäxle“ und uns damit gegenseitig den Würfelbecher in die Hand.

Es ist jetzt ein gutes halbes Jahr vergangen seitdem meine Schwester mit diesem Kerl ihren damaligen Mann und meinen Noch-Schwager betrogen hat, und ich sehe den Typen heute zum ersten Mal. Anlass meines Besuches bei ihm zuhause (in dem Haus, in dem auch meine Schwester jetzt lebt) ist der Geburtstag meiner Nichte. Sie sitzt mir gegenüber.

Komisch ist die Situation für mich deswegen, da ich nicht genau weiß wie ich mich verhalten soll. Schließlich kenne und brauch ich den Typen nicht. Wieso auch? Er hat eine Familie zerstört, auch wenn dafür zugegebenermaßen mehr gehört als ein Mann alleine.

Da ich ein nervig reflektierter Mensch sein kann, weiß ich nicht wie ich mich fühlen soll. Soll ich mich nett geben? Oder mürrisch? Würde ich denn wollen, dass ich diesen Kerl mag? Würde ich denn selbst gerne von ihm gemocht werden? Schließlich steht das Moralische zwischen, meine Moral, die mir (antrainiert durch zu viele amerikanische Filme in meiner Kindheit/Jugend) ständig von innen gegen die Schädeldecke pocht und darüber lamentiert, dass man bestimmte Sachen nicht macht. Hier: Trotz des Wissens dass eine Frau verheiratet ist und Kinder hat, versuchen mit ihr etwas anzufangen.

Für mich geht das gar nicht. Wohl auch deswegen, da ich auch schon einmal der Gehörnte war.

Der Würfelbecher wird herumgegeben und der Lover meiner Schwester macht Witzchen um die Kinder zum Lachen zu bringen. Es freut mich dass sie lachen; ich weiß dennoch nicht ob ich das gut finden soll. Dieser Familien-Stunt, diese Parodie einer Familie, irritiert mich zusehends. Und wie das so ist mit den Beobachtern von solchen Situationen, bin ich nicht gerade gesprächig, werfe nur hin und wieder ein paar Brocken hin.

Der Jüngste am Tisch, der kleine Timmi, gerade einmal 9 Jahre alt, benimmt sich wie die Axt im Walde, rülpst herum und pöbelt seine Schwester von der Seite an, dass sie ganz schön große Brüste bekommen hätte, die schon hängen würden. Mich will er mit „meiner Glatze“ aufziehen und dem Lover-Bauern wirft er einfach so Spielkarten ins Gesicht. Absolut Respektlos. Meine Schwester, die früher in der Ehe noch so aufbrausend und herrisch war, nimmt das gelassen wie eine Hindu-Kuh hin. Sie schwebt in ihrer Heile-Welt-Luftblase und idealisiert den Jungen im Kopf wohl zum Opfer der Ehelichen Umstände, weshalb sie ihm einige Privilegien einräumt. Sicherlich ist der Knabe Opfer, was jedoch auch kein Grund ist um ihm alles durchgehen zu lassen und ihn zu verziehen.

Das Spiel ist lustig, wir Lachen viel. Und dabei gar nicht so oft gezwungen wie ich es in Erinnerung habe. Einmal sage ich aus dem Spaß heraus: „Ja leck mich am Arsch, wie kann man so viel Glück haben?“, wofür ich indirekt von dem Kerl getadelt werde, da doch Kinder im Raum sind.

Der Typ verunsichert mich. Er ist so etwas, was man einen „gestandenen Mann“ nennen würde. Er ist ein wirklicher Bauer, handwerklich sehr begabt und sehr direkt im Umgang; ich habe einen kleinen Minderwertigkeitskomplex gegenüber solchen Kerlen mit fundierten Handwerklichen Wissen und Geschick, ganz egal wie ungebildet sie auch sonst sind. Ich bin kein Superhandwerker, und das bedrückt mich. Ganz klare Kindheitsneurose: Ja Vater! Ich war niemals der Sohn den du dir gewünscht hast!

Daher meine Verunsicherung.

Aber das ist mein Ding.

Also lasse ich mich indirekt über mein Schandmaul tadeln, bis mir bewusst wird wie GROTESK das Ganze doch ist, sich von einem Kerl darüber belehren lassen zu müssen, dass man ANSTÄNDIG vor Kinder zu sprechen hat, der doch in Wahrheit die UNANSTÄNDIGKEIT in Person ist, da er die Ehefrau eines anderen bumst und dann mit deren Kindern auf heile Welt macht, beim „Mäxle“ spielen –  wie Doppelmoralisch ist das denn bitteschön? In was für einer Welt lebt der denn überhaupt?

Am Ende des Abends bekommt Timmi von Mama noch einen Mohrenkopfsemmel gemacht. Ich wusste gar nicht was das ist: Dazu wird ein Semmel aufgeschnitten und echter Mohrenkopf hineingelegt.

Ich: „Das passt doch gar nicht zusammen.“
Und meine Schwester darauf nur so: „Ja geht so. Ihm schmeckt das. Andere essen das aus Gewohnheit gern.“

Und Timmi sagt trotzig: „Es hat zusammenzupassen. Weil es mir schmeckt.“

Das Statement zum Abend: Es hat zusammenzupassen.

Ich verabschiede mich. Wundere mich nur noch im Hinausgehen darüber, dass alle Kerle meiner Schwester die gleiche Frisur haben.

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