Mit 30 schon gestorben, mit 70 erst begraben

Wir sitzen an einem langen Tisch. Die Zeiger der Uhr an der Wand sagen: Es ist nicht mehr früh, auch noch nicht spät nachts. Genauer: Kurz nach Geisterstunde. Und doch schweben die Geister der Vergangenheit noch über uns. Sie haben es verpasst zu gehen.

Es ist Geburtstag und der Gefeierte geht auf die 40.

Auf dem langen Tisch liegen die Zeichen des Tages, Brösel von Salz-Zeug („Sticks“, „Chips“ „Goldfischli“), getrocknete Flecken, vergessene Servietten, leere Flaschen, halb volle Gläser. Das Tischtuch ist an mehreren Stellen aufgequollen, an manchen Stellen zerschnitten.

Alle sprechen durcheinander und ich erzähle meinem Nachbarn, einem langjährigen besten Freund (von dem es in der persönlichen Wahrnehmung so viele gibt), von dem neuem Video der Sofa Surfers.

Er: „Sofa Surfers?“

Ich: „Die machen auch den Soundtrack für diese Brenner-Filme. Josef Hader.“

„Kenne ich nicht.“

„Hab ich dir mal die DVD gegeben. Dieses Österreichische Krimi-Zeug.“

„Habe ich nicht gesehen.“

„Egal. In dem neuen Video haben die so ne Table-Dancerin. Das Lied an sich ist nicht sooo überragend. Doch wie die tanzt: Voll gut! Musst du dir ansehen.“

„Sieht die toll aus?“

„Hat schon nen tollen Körper. Darum geht es aber nicht. Es hat wirklich so einen künstlerischen Touch. So ästhetisch.“

„Ja zeig mal.“

„Jetzt?“

„Warum nicht?“

Ich ziehe mein I-Pad heraus und zeige ihm das Video.

Ich: „Siehst du was ich meine? Diese Schwerelosigkeit? So ein großer Körperlicher Aufwand und es sieht so mühelos aus. Als würde sie schweben.“

Er: „Geile Sau!“

Ich: „Hm?“

Seine Frau dreht sich zu uns um.

Sie: „Was seht ihr da für einen Schwein-Kram? Muss der Porno-Fleming jetzt auch schon hier sein Zeug auspacken?“

Ich: „Was? Wie hast du mich genannt?“

Wir sehen uns irritiert an.

Ich: Fassungslos.

Sie: Irgendwie enttäuscht und doch… Herausfordernd.

„Mir geht es dabei um die Ästhetik. Nicht um die Alte.“

Sie: „Ja. Klar. Mhm. Wenn du es sagst.“

Ich seufze.

Der Unterschied ist, dass die meisten hier am Tisch mindestens schon 6 bis 10 Jahre verheiratet sind. Ich dagegen nicht. Überhaupt nicht. Unsere Leben unterscheiden sich komplett. Ich, der ewig Junggebliebene, der sich noch mit Mitte 30 für Dinge interessiert, für die sie sich kurz in der Jugend Zeit nahmen. Sie, die totalen Eltern, die ihr Leben glücklich für ihre Kinder hingeben und  durch diese SELBSTLOSIGKEIT glauben, sich jedes Urteil über mich erlauben  können dürfen. Neidisch sind beide Positionen aufeinander, was keiner zugeben würde. Akut lächerlich finden sich beide Lager aber auch.

Die in Wahrheit gar nicht mal so superjunge Frau in dem Video sieht eindeutig NICHT so aus wie die Frau meines Freundes.

Mich erinnern die Beine und der Arsch der Künstlerin an eine Dame, die ich einmal näher kennen lernen durfte. Ich bin gar nicht so stolz auf diesen Fakt wie die hier am Tisch Versammelten vielleicht meinen könnten.  Und ich sehe in Wahrheit überhaupt nicht auf meine hier zusammen gefundenen Kollegen und Freunde herab, die wilden Sex nur noch als Geburtstagsgeschenk von ihren Frauen bekommen (wenn überhaupt).

Unsere Leben sind einfach anders verlaufen.

Doch. Nein. Es geht mir nicht um Sex oder irgendwelches Dominanzverhalten, nein, es geht mir um die Gegenwärtigkeiten unseres Daseins; hier an diesem Ort, in diesem Vakuum der Geburtstagsfeierei, dreht sich der ganze Akt des Beisammenseins um früher, damals, „weißt du noch?“ Die Zukunft muss draußen bleiben.

An Geburtstagen ist das schon okay, nur geht es bei diesen Treffen die ganze Zeit nur darum, immer, stetig und doch ohne Bewegung, um die Vergangenheit.

Die Zukunft ist ziemlich egal, außer es hat etwas mit ihren Kindern zu tun, denn die Zukunft „gehört den Kindern“, hier am Tisch kann man das wirklich spüren. Die Vergangenheit gehört uns und damit sollen wir uns doch (bitteschön) zufrieden geben. Dafür kann sie uns niemand nehmen.

Niemals können wir sie loslassen, uns von ihr erholen –  und wir sind noch nicht einmal 40.

Der andere Junggebliebene am Tisch ist noch immer drauf, immer noch auf Speed, und dafür wird er von den Blicken der anderen als ewiger Idioten abgekanzelt; man ey, bekomm doch mal dein Leben auf die Reihe! Und später dann. Beim Rauchen. Fragen sie bei ihm an. So in nem Nebensatz. Ob er für sie was dabei hat. So als Ausnahme. Weil man doch auch gern ein wenig Lebensqualität hätte. Auch wenn er mit seinem Dauerkonsum jedes Gefühl dafür verloren habe.

Irgendwie tut er mir leid. Irgendwie. Doch „jeder ist seines eigenen Schicksals Schmied“; das ist aus „Terminator 2“ und was ist die Zeit anderes, als ein Zerstörer?

Eine andere Bekannte erzählt mir total euphorisch, wie toll der neue Minions-Film sei, dass man sich das auch als Erwachsener supergut mit seinen Kindern ansehen könne. Diese Filme seien für jede Generation gemacht. Wie Kätzchen-Videos. 

Und ich muss dabei an gestern denken, als ich mir im Kino das Bergsteigerdrama „Everest“ angesehen habe, in der die Gruppe von Berg-Touristen auf die Frage des Journalisten, WARUM sie unbedingt auf den Berg wollen keine klare Antwort parat haben, nur irgendwas mit Freiheit, Mystifikationen… Und das Erwachsen werden ist dieser Berg, den einige besteigen und von ihm stolz und aufrecht zurückkommen um ihr Leben lang davon zu erzählen, während andere dabei zugrunde gehen oder gleich in einem Lebenssturm elendig verrecken; das Clou ist die Perspektive: Jeder urteilt anders über den anderen, ob er den Berg gemeistert und nun gesund und prächtig im Leben steht. Und keiner steht dem anderen seine eigene, persönliche Sicht der Dinge zu.

Das ist grausam.

Und deswegen sage ich nur: „Den Minions-Film werde ich mir nicht ansehen.“

Einstmals haben wir als Gruppe begonnen diesen Berg zu besteigen, zurückgekommen sind wir als ein Häufchen Individuen, von denen jede und jeder etwas anderes gelernt hat. Ich weiß gar nicht was uns mehr geprägt hat, die Schrecken oder das erfahrene Glück?

Wir hören alte Musik, teilweise wippt und sing man mit. Es sind die gleichen CDs (ja, echte CDs), die in ihren Autos rauf und runter laufen. Natürlich nicht nur alte Musik. Die Musik klingt nur so. Nach ihren Charakteren.

Die Gläser klirren beim Zuprosten aneinander.

Es wird gelacht. Hauptsache gute Laune. Das ist der Konsens. Den ich auch und noch nie ganz verstanden habe. Diesen zwingenden Faschismus der guten Laune…

Irgendwann kommt der Punkt, an dem über die Asylanten gelästert wird und man hört aus den Männerkehlen mehr Verbitterung und Angst, als den dominanten Hass, den sie absondern wollen. Die Frauen sponsern dazu ihre beruhigenden, schlichtenden Sätze, die dabei doch von der Furcht geprägt sind, ob ihre Kinder es einmal gut haben werden (werden sie Fremde im eigenen Klassenzimmer sein?) – und ob sie sich als Frauen noch sicher über die Straße trauen können. Man hört doch so viel.

Die Stimmung ist ängstlich aufgeladen, bei all der Wucht der Phrasen und Parolen. Ich kann es ihnen nicht übelnehmen. Abstoßen tut es mich doch. Jetzt ist keine Zeit für Argumente. Das habe ich gelernt. Sonst werde ich nur wieder als „Judendrecksau“ beschimpft. Und es wäre wie nach dem letzten Disput dieser Art: Nach meinem Abtritt geht alles seinen gewohnten Weg. Die stolzen und aufrichtigen Beteuerungen spielen dann schnell keine Rolle mehr. Schließlich habe man mit XY schon so viel erlebt, dem kann man doch nicht dauerhaft böse sein; wieder die Vergangenheit, wieder das Gestern.

Ich höre mir das an. Trinke meinen Jägermeister. Und denke über das Damals nach. Und an das nicht vorhanden sein der Zukunft in diesem Raum. Ja. Nein. Wenn man so sehr in der Vergangenheit feststeckt, ist es normal feindlich und ängstlich zu gleich zu sein. Weil man ja nichts hat außer der Erinnerung, die man festhalten will.

Und doch ist das keine gute Rechtfertigung.

Man kann seinen Kindern nicht den Frieden seiner eigenen Jugend schenken.

Draußen beim Rauchen entschließe ich mich bald zu gehen. Und in diesem stillen Moment fragt mich meine alte Freundin, ob ich mich noch erinnern kann, an früher, als wir zusammen intim geworden sind. Sie lächelt mich dabei so komisch an. So Schulmädchenhaft. Irgendwie süß. Und ich kann nur die Wahrheit aussprechen, die alles unter sich begräbt: „Das ist doch schon so dermaßen lange her. Das ist doch schon gar nicht mehr wahr. Da waren wir noch ganz andere Menschen.“

Ihre Reaktion zeigt mir: Für sie nicht.

Kurz gehe ich dann noch einmal hinein. Verabschiede mich von diesen Menschen, die an diesem Ort, die in dieser Zeitkapsel, gefangen sind und das richtig abfeiern.

Es ist nicht immer was Gutes, wenn man sich schon so lange kennt. Manchmal kennt man sich einfach zu lange und plant die einzige Form der Zukunft dadurch, dass man sich ewig gemeinsam an Früher erinnert. An die gute, alte Zeit…

Das ist aber nicht meine Vision von der Zukunft…

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Angst essen Seele auf – im Jahr 2015

Flüchtlingskrise, wer will davon noch hören? Von allen Seiten wird man mit dem Thema zugerockt, von allen Fronten wird ständig geschossen.

Wir leben in einem Zwei-Parteien-Nachrichtensystem, in dem einerseits ständig an die Mitmenschlichkeit appelliert wird (und wenn man sie umsetzt sie sofort als „Gutmenschentum“ und eigentlicher Egoismus gegen einen verwendet wird) oder im Gegenteil die großen Warner unterwegs sind, die so einiges behaupten zu wissen, wie zum Beispiel dass die Flüchtlinge selbst ihre (unsere!) Not-Unterkünfte in Brand stecken und es in Wahrheit doch nur eine inszenierte Flüchtlingswelle ist, an denen entweder die Amerikaner schuld sind, um uns wirtschaftlich zu schädigen, oder der Islamische Staat, der uns mit der Waffe Mensch unterwandern und schließlich aushöhlen will. Nur so zum Beispiel.

Mann, Mann, Mann… Was habe ich die letzten Wochen zu dem Thema gehört, gelesen und diskutiert. Bild-Zeitung, Spiegel-Online, Heute-Magazin, Tagesschau, RTL-2-Nachrichten, Verschwörungstheorien und Deutungshoheiten auf Facebook und in allen möglichen Kommentar-Spalten. Ein Wahnsinn.

By the way. Gesehen habe ich in Echt noch keinen einzigen Flüchtling. Das Echteste war noch ein Foto einer Freundin aus einem Österreichischen Bahnhof von vor zwei Wochen.

Es wird so viel geredet und auch gehetzt, dass ich schon längst den Überblick verloren habe, was genau eigentlich gerade wo geschieht. Ich glaube. Damit bin ich nicht alleine. Auch die „Experten“ aus dem Fernsehen scheinen da auch nicht klüger als ich  zu sein, denn jeder „Experte“ erzählt etwas anderes – schließlich werden die nur fürs Reden bezahlt, nicht um wirklich bewegende Aussagen zu treffen.

Die ganze Zeit wird viel über die Flüchtlinge gesprochen, nur irgendwie – nie mit ihnen. Außer es geht darum um sie a) als Flüchtlinge an sich oder b) als Meute dazustellen, die irgendwas will.

Nur. Was wollen diese Leute eigentlich bei uns? Ich meine, was haben sie für eine Vision für die Zukunft? Was haben die vor? Wollen die sich nun – und im Prinzip ist das doch die Debatte um die es doch überall geht – integrieren, oder nicht? Wie weit geht ihre „Dankbarkeit“? Was verlangen sie von uns? Und was sind sie selbst bereit von sich aufzugeben, um bei uns zu leben? Auch ihre religiöse Identität? Auch ihre Kultur? Wie offen sin diese Menschen, die von den Einen mit so genannten offen Armen empfangen werden, während sie Andere wieder zurück jagen wollen woher sie kamen?

Über die Angst unter den gewöhnlichen Leuten hier bei uns, in der Arbeit, im Bekanntenkreis, habe ich schon oft und viel erzählt, auch, dass ich das für ganz gewöhnlich, ja, für vollkommen normal halte: Man kann nicht von Menschen, die man Jahrzehnte lang dazu erzogen hat, vernünftige Bausparer  mit einer „planbaren und vernünftigen Zukunftsplanung“ zu sein, so von jetzt auf sofort erwarten, mit einer so großen vorher nicht ausrechenbarer Unregelmäßigkeit klar zu kommen. Und es hilft dabei noch weniger, diese Furcht vor dem Neuen mit latentem Rassismus gleichzusetzen.  Es ist doch in Wahrheit vernünftig während eines Vorgangs danach zu fragen, wie dieser enden wird…

Gerade habe ich dazu in der SPEX einen guten Artikel gelesen, sehr klug, sehr analytisch, fast schon philosophisch, wenn auch viel zu links für meinen Geschmack, was das Ganze wieder ein wenig schal machte… Da macht die Haltung den Ansatz wieder ein wenig kaputt.

Vor ein paar Monaten forderte ich selbst noch HALTUNG. Die Menschen sollten doch mehr HALTUNG zeigen und sehr schnell musste mir leider klar werden, dass die meisten Leute unter HALTUNG verstehen, sich in ein System einzuordnen um dann den voll nervigen Oberlehrer zu geben… Es geht aber nicht um die Haltung und Positionierung IN einem System. Sondern in einer Haltung über das System hinaus. Ein zwischen den Stühlen stehen.

HALTUNG bedeutet für mich eben sich nicht unter einem Banner zu vereinen um „Arschloch!“ oder „Ausländer raus!“ zu brüllen.

Zurück zum Thema:

Sehr kluger Text. Schön… Und jetzt? Das ist nämlich das eigentliche Problem: Wir können das Thema zerlegen und allen möglichen Partei die Schuld zuschieben, dem Kapital,  den Amerikanern, den Russen, Assad, dem Islamischen-Staat, Angela Merkel, Horst Seehofer, Ungarn, dem Islam an sich, den Links-Wichsern, den dummen Nazis, Schleppern, der Waffen-Lobby, den naiven Deutschen, den reichen und hartherzigen Deutschen, den Syrern selbst – ALLEN. Wir können das Thema auch von allen möglichen Seiten durchleuchten, analysieren, psychologisieren, wissenschaftlich auswerten, es auf linksdrehen und auf den Kopf stellen. Schön.

Was wir aber von nirgendswoher bekommen, ist eine wirkliche Vision für die Zukunft; wie geht es weiter? Und wo sind eigentlich die Science-Fiction-Autoren wenn man sie braucht?

Den ganzen Tag wird man zugeschissen mit Politik und Wirtschaftsdaten, mit realem Elend und Moralin verseuchten Debatten, nur eine wirkliche Zukunftsvision, die findet man nirgends – außer bei denen, die Deutschlands Untergang schon seit dem 11. September 2001 fürchten und vorhersagen.

Wo sind die Denkfabriken? Wo sind die think tanks? Wo sind die verrückten Schriftsteller und Drehbuchautoren, die die Geschichte wenn auch nicht zu Ende,  sondern ein wenig in die richtige Richtung weiterdenken?

Die Frage ist doch: Was macht dieses Flüchtlingsdrama mit unserer Gesellschaft?

Ihr wollt das die Menschen keine Angst mehr haben und offen sind für einen neuen Lebensabschnitt – denn der steht uns bevor – dann nehmt ihnen diese Angst. Sagt ihnen nicht nur, für was ihr sie JETZT haltet. Sondern was man aus ihnen machen kann.

Wer wir werden können. Und wer wir werden müssen.

So etwas sollte Politik leisten können.

Nicht noch mehr Angst und Unsicherheit schüren.

Denn diese Form von Angst. Diese Form der Unsicherheit. Die frisst unsere Seelen auf.

Es reicht nicht nur zu sagen: Wir wissen wer wir sind, und wir wissen, wie wir auf die Umstände reagieren können oder könnten.

Wir müssen wissen was wir wollen. Und warum wir es wollen. Denn eine Reaktion ist immer nur eine flüchtige Bewegung. Doch sie treibt uns in weitere Reaktionen. Man wird zum Getriebenen.

In aller Freundschaft: Die Vergangenheit endet nicht

„Was is?“ Daft Punk haben mich geweckt. Mit ihrem Lied/mein Klingelton „Human after all“ haben sie mich aus dem Reich der Träume gerissen, in welchen ich durch Berge und Täler voller Zuneigung und Ablehnung gewandelt bin, ohne zu wissen was Realität überhaupt ist; absolutes, erschreckend klares Traumbewusstsein. Zweites Gesicht.

Der Mund zu dem englischen Namen auf meinem Display krakelt: „Kannst du mich sofort abholen und zu meinem Auto fahren? Ich muss doch meine Tochter abholen!“

Ich seufze. Dann. „Okay. Aber nur wenn du dir dieses Mal nen BH anziehst.“

„Was?“

„Bin gleich da.“

Freunde. Was wäre das Leben ohne sie? Ohne diesen ständigen Input ihrer Charaktere. Ihrer Liebe. Ihrer Lautheit. Ihrem Mitgefühl. Ihrer Wut… Dieser Konfusion wenn verschiedene Gefühlswelten aufeinanderprallen und man im Prinzip gar nicht wirklich versteht, weshalb man mit diesen Menschen befreundet ist, und was die wiederum an einem selbst finden. Man mag und versteht sich – und das reicht. Eine absolute unkomplizierte Bindung zueinander, die man bei echten Freundschaften nicht wirklich in Frage stellt. Wieso auch? Das ist halt einfach so.

Ihr Lippenstift ist blau, das Gesicht bleich geschminkt, die Haare dunkelst schwarz gefärbt. Das Schlagwort heißt: „Technopagen“. Eine Mischung aus Schamanismus und Technologieverliebtheit. So eine Cyberpunk-Geschichte.

Sie zieht die Zusatzlose Lucky Strike aus ihrem blauen Mund und hält sie mir hin: „Da zieh doch mal! Fährst mich ja extra.“

„Ne danke. Dafür ist es jetzt echt zu früh. Und wieso fährt dich eigentlich nicht dein Typ von gestern zum Auto?“

Ich bremse meine Karre bei ihrer ab, woraufhin sie mich auf die Wange küsst und dort einen blauen Fleck zurücklässt, der gar nicht weh tut.

Und was jetzt?

Beim Bäcker treffe ich X, den großen Bruder von Y, wie er gerade sein Kleinkind in den Kindersitz bindet. Wir geben uns die Hände. Smalltalk. Das letzte Mal habe ich X vor ein paar Jahren gesehen, als er irgendeinem Kerl die Scheiße aus dem Leib geprügelt hat; wortwörtlich, echt jetzt. Keine Ahnung worum es da ging und ich habe meine Zweifel, ob X darauf heute oder am Tag nach der Aktion darauf eine vernünftige Antwort hätte geben können. Jetzt hat er seinen eigenen kleinen Scheißer. Und die sehen ganz glücklich aus. Auch wenn das Kind wie irr zu schreien anfängt, als wir beginnen uns zu unterhalten.

Dann wieder die Hände.

Und schon wieder das Telefon.

10 Minuten später steige ich hinten in den großen, schweren, schwarzen SUV. Sehe durch das Glasdach den blauen Himmel an. Dann stehen wir auch schon im Rohbau, den er sich einen verdammten Haufen Geld kosten ließ. 20 Meter über den Boden, wo letztes Jahr zu dieser Zeit nur eine Grube war. Ein Firmen- und Wohngebäude. Und wie wir da so stehen in der ganzen Wucht des Neuerbauten kann ich dazu nur sagen: „Fuck. Das Ganze sieht so gut aus, man kann sich gar nicht vorstellen, dass du damit etwas zu tun hast.“ „Ich habs ja nicht gebaut oder geplant, sondern nur bezahlt. Komm. Ich zeig dir jetzt mal deine Wohnung.“
Wir gehen also wieder runter vom Penthouse und er zeigt mir eine große, weitläufige Ziegelwohnung, in der ich gut und gerne mit meiner Freundin leben könnte. Seine Frau sagt zu mir: „Der Marmor aus Italien kommt noch.“ Ich nicke. Sehe aus dem frischverglasten Fenster runter zum anliegenden Friedhof. „Ideale Nachbarn“, zwinkert er mir zu.

Wir kennen uns seitdem wir Kinder sind. Haben fast alles miteinander geteilt; die guten und schlechten Freunde, und ebensolche Frauen und Drogen. Haben jeden Quatsch zusammen gemacht. Und die Vergangenheit endet ja niemals wirklich. Die Gegenwärtigkeit unserer gemeinsamen Historie bestimmt jeden Moment während wir zusammen sind. Lausbuben. Schwerenöter. Gelegenheitsjunkies. Witzfiguren. Klugscheißer. Beste Freunde fürs Leben. Und bei aller Freundschaft und Dampfstrahlduschen: Will ich mit dem dann auch noch wirklich in einem Haus wohnen? Das kann doch gar nicht gut gehen…

Er lacht sein großes schweres supersympathisches Lachen und ich kann nicht anders als einfach mit zu Lachen. Wie immer.

Im Briefkasten zuhause finde ich dann doch die Fußball-Karten für nächste Woche, die ich gestern dort wohl übersehen hatte. Eigentlich wollte ich lieber feiern gehen anstatt ins Stadion, die Ukrainerin Marika Rossa legt ihren Stampf-Techno in Augsburg auf. Man hat sich stattdessen auf einen Kompromiss geeinigt, auch wenn der Kompromiss von mir kam. Der andere fühlte sich zu wichtig zum Einlenken. Solche Freunde habe ich auch. Eine ganze Menge sogar. Die, auf die ich wegen meinem Gemüt wohl meistens hereinfalle.

Diejenigen, die erst aus den unterschiedlichsten Gründen den Psychorappler bekommen und dann, wenn es ihnen nach einiger Zeit wieder besser geht, sich erst recht wie Arschlöcher aufführen. Denn sie verstehen nicht, dass sich in ihrer schlechten, psychisch kranken Zeit alles um sie drehen musste, wofür ich Verständnis habe, aber dann immer (bei wirklich jedem) nach der Krankheit sich ein neues Selbstbewusstsein entwickelt und sie sich deswegen – da sie sich geheilt fühlen – noch viel schlimmer, blöder und egoistischer verhalten als jemals zuvor, da sie jetzt glauben, dass sie sich nun nach der langen Krankheit ein gewisses Verhalten verdient hätten und sich ihr Mittelpunktsverhalten einfach vorsetzt, wofür ich kein Verständnis habe.

Wie wäre es denn mal mit ein wenig Demut? Mit Dankbarkeit? Mit Respekt?  Nun. Mit mir kann man das leider machen.

Warum hängst du überhaupt  mit denen rum? Fragen mich Freunde über meine anderen Freunde. Und für mich ist die Antwort ganz einfach: „Weil wir Freunde sind.“ Loyalität hat viel mit Liebe zu tun; Liebe soll bekanntlich auch blind machen.

Wenn ich von hier 500 Kilometer weit wegziehe sollte werden mir meine Freunde sehr fehlen. Aus den falschen und aus den richtigen Gründen. Aber ja. Die Vergangenheit endet nie.