Es ist leicht, kein Gott zu sein

Nach dem Film lese ich nun die Erzählung „Es ist schwer ein Gott zu sein“, die sich vom Film unterscheidet. Vielleicht war es auch nur so, dass mich der ganze Dreck und das Elend im Film geblendet haben.

In beiden Medien geht es darum, dass die Menschen einen Planeten entdeckt haben, der sich auf dem geistigen Stand unseres finsteren Mittelalters befindet. Auf diesen namenlosen Planeten werden Wissenschaftler entstand, die nicht in die Entwicklung der Welt eingreifen sollten. Sie sind nur zu Dokumentationszwecken dort.

Diese fremde Welt wird von den Dons beherrscht und unser Wissenschaftler Don Rumata will die Weiterentwicklung dieser Menschheit voran treiben, während sein Gegenspieler, Don Reba, im Gegenzug versucht alles Wissen zu zerstören. Dieses  Kampf-Gebilde und ein gewisser Mystizismus über eine höhere Macht sind typisch für die Autoren, die Strugatzki Brüder, die ihre Science-Fiction-Werke zu Zeiten des Kommunismus schrieben. Die Sowjetunion und ihre Verwalter stehen für die Begrenzer und Zerstörer des Wissens, der normale Bürger wird in Dummheit gehalten. Er begnügt sich mit Essen, Fortpflanzung und einem leichten Leben. Und dann ist da wie in so vielen Abenteuer-Romanen der Gegenpol, jene, die mehr wissen wollen und gegen das System kämpfen. Kein Wunder das die meisten Werke der Strugatzkis in der UDSSR verboten waren oder unter Verschluss gehalten wurden.

 

Interessant sind die Gedanken Don Rumatas (der selbst Historiker ist) über die Entwicklung der Menschheit: Man kann Wissen und den Durst danach nicht ewig unterdrücken. Und was die Sowjetunion angeht, haben die Strugazkis Recht behalten. Alle Systeme enden. Das liegt ihnen sogar zu Grunde. Nur der Mensch entwickelt sich fort. Vielleicht gehört es sogar zu unserer Entwicklung (Anmerkung: Ich spiele gerade Fallout 4), dass wir uns und unsere momentane Lebensweise zerstören müssen, um daraus zu lernen (was man grob den Untergang der Welt nennen könnte, wie wir sie kennen – sei es durch Krieg, Naturkatastrophen Umweltverschmutzung usw.). Der Mensch jedoch (wenigstens ist das meine Meinung) wird fortbestehen. Auf irgendeine Weise. So wie es den Planeten schon ohne Lebewesen gab. Und Lebewesen ohne den Menschen. Die Dinge hören nicht einfach so auf zu existieren. Nicht einmal nach einem nuklearen Fallout.

 

Die Angst vor Veränderung ist in der globalisierten Welt gewachsen. Überall sehen wir Gefahren die unsere kulturelle Gesellschaftordnung, und die unser persönliches Leben bedrohen. Dabei ist es egal wie: Unser Leben wird enden. Das ist Teil des Lebens und das ist auch gut so. Und auch unsere Gesellschaft wird nicht unendliche Zeit so weiterbestehen. Sie KANN auch gar nicht unendlich weiterbestehen. Die Dinge sind im Fluss. Und sie werden sich verändern, sei es durch Zuwanderung oder durch andere Dinge.

Das ist ja diese Angst die die Pegida Leute haben: Veränderung durch Überfremdung. Das Ende unserer Abendländischen Kultur. Selbst wenn die Pegidisten nicht so auftreten, als hätten sie unsere humanistische Kultur verstanden. Doch bleiben wir bei den Ängsten.

„Es ist schwer ein Gott zu sein“ hat uns viel über unsere jetzige Zeit zu sagen. Denn es ist genau der Kampf der  kulturell in Deutschland geführt wird: Die, die das Wissen bewahren wollen, gegen jene, die es zu zerstören versuchen. Die Ironie ist (ist das überhaupt noch Ironie oder ist das immer so?) dass sich beide Seite das Gleiche auf die Fahnen geschrieben haben: BEIDE Seiten behaupten, die gesellschaftlichen Werte zu erhalten. Sowohl die Humanisten, als auch die, die Angst vor Überfremdung haben. Beide Seiten glauben, sie würden die Kultur retten. Die einen durch humanistische Integration, die anderen durch entmenschlichte Ablehnung. Die Einen wollen unsere freiheitliche Werteordnung vor dem „Mittelalterlichen Islam“ schützen, während die Anderen unsere freiheitliche Werteordnung vor den Ewiggestrigen des Nationalsozialismus beschützen wollen. Sorge vor der Zukunft treibt beide Parteien um.

Was gerade jetzt in unserem Land geschieht ist wahnsinnig spannend. Es ist ein Kampf um die Zukunft.

 

Obwohl ich mich moralisch und faktisch auf der Humanistischen Seite sehe, bin ich nicht blind vor den Ängsten vor Überfremdung, habe ich auch nicht gerade Lust meine sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Stand aufzugeben; wir haben so ein geiles Leben, weshalb sollte ich beim Gedanken daran weniger zu haben, nicht einen kleinen Kloß im Hals haben? Aber ich kann die Zeit nicht stoppen. Und es wird Veränderungen geben. Die Frage ist nur, auf welcher Seite du stehen willst.

 

Nehmen wir einmal an (auch mit einem Blick auf das Buch der Strugatzkis), dass wir uns wirklich wie in Houellebecqs Buch „Unterwerfung“ an den Islam anpassen und nicht umgekehrt: Bedeutet das einen Rücktritt ins zweite finstere Mittelalter? Ich denke nicht. Ich glaube zwar dass die Menschheit sicherlich in irgendeine Form von Mittelalter zurückfallen könnte (siehe Atomkrieg), viel mehr glaube ich aber, dass sich Wissen verbindet. Wenn Ideen zusammenkommen verändert sich nicht nur die westliche Kultur: Es verändert sich auch „der Islam“. Da kann der IS noch so viele Denkmalgeschützte Statuen und Weltkulturerbe Einrichtungen platt machen: Er wird nicht gewinnen. Und selbst wenn er „gewinnen“ sollte: Er wird die Vergangenheit nicht auslöschen können. Der IS ist ohnehin nur das, was bei die RAF früher war – er ist der Gipfel des Eisberges. Das Top einer Strömung. Die Stärkste und größte Ausgeburt eines Extremismus, der versucht die ganze Welt zu infizieren, das funktioniert nur nicht mehr.

Wenn wir die Welt mit ihrem Gedankengebäude, mit ihren Errungenschaften im Jahr 2016 nehmen, das Ganze als einen Organismus aus vielen Einzelteilen sehen wollen, dann ist uns war der IS eine Krankheit, die den Organismus zwar beeinflussen und verändern kann, sie kann ihn nur nicht töten.

Eine Idee kann einen gesunden Menschen zwar krank machen, jedoch wird sie ihn in den seltesten Fällen töten können. Aber, die Erfahrung dieser Idee wird den Organismus beeinflussen oder verändern. Im besten Falle.

 

Für uns als Einzelnen mag das wenig Trost sein, sollten wir doch mal zufällig (Chance von 1 zu mehreren Millionen) in die Luft gesprengt werden, sei es von rechts, links oder im Namen einer Religion. Historisch gesehen jedoch gehört das zum Menschsein dazu.

Den essentiellen Wissensdurst der Spezies Mensch und den Drang nach größtmöglicher Freiheit und Sicherheit wird man aber nicht aufhalten können. Und das ist doch eine schöne Vorstellung.

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Heute ist schlimmer als gestern

Bamm. Da ist es passiert. „Dumm gelaufen“ bin ich, wortwörtlich. Bin in der Arbeit gegen eine offene Dachlucke gekracht. Die Kopfhaut unter dem Haaransatz öffnete sich wie eine pralle Frucht und das Blut färbte meine blonden Haare rötlich. Meine darauf greifende Hand sah aus wie ein Händeabdruck an einer Kindergartenwand.

Heute ist schon wieder ein Tag später. Mein Gehirn ist leicht erschüttert, mir ist übel. Der Kopf tut etwas weh. Ich fühle mich ein wenig doof; sehr doof sogar. Der Arzt erklärt mir, dass das ein normales Gefühl sei. Boxer zum Beispiel dürfen nach einem Kampf auch 2 Monate nicht mehr trainieren oder kämpfen. Möglich dass das wahr ist. Mir aber haut man in der Arbeit nicht häufiger auf den Kopf, ich sehe den Zusammenhang nicht. Werde aber dennoch von dem studierten Mann mit dem komischen Vergleich krankgeschrieben. Heute. Morgen. In die Arbeit gehe ich natürlich trotzdem. Ein paar Stunden lang. Weil jeder von uns einzigartig und nicht zu ersetzen ist.

 

Bei dem Arzt, der nicht mein gewohnter Hausarzt ist, arbeitet eine liebe Freundin von mir. Deswegen nahm der Chef mich früher dran. Und sie setzte mich zum Warten für den Krankenschein vor das Labor, nicht zurück ins Wartezimmer, wo Kinder und alte Frauen krakeln, als gäbe es keine Schönheit auf der Welt und keinen Morgen mehr. So fühle ich mich auch. Heute ist schlimmer als gestern im Kopf. Merkwürdig.

 

Neben mir sitzt ein alter Lehrer von mir, den ich lange aus den Augen verloren habe und erzählt  die Geschichte, die er unserer Klasse damals erzählte, als er ganz traurig war. Damals erzählten Lehrer noch private Geschichten im Unterricht. Einfach so. Ich weiß nicht wie das heute so ist.

Es war die Geschichte seines Bruders, der, ich weiß nicht mehr in welchem Jahr, von einem Bombenanschlag getötet wurde. Der Bruder war ein kollateraler Schaden, vielleicht war er auch mit ein Hauptanschlagsziel, so genau lies und lässt sich das bei der Form des Terrorismus nicht sagen, der möglichst viele Menschen umbringen will, wenn er schon nicht das Hauptziel terminieren kann. Ich weiß nicht mehr mit Bestimmtheit ob es die „RAF“ war, „die Bewegung 2ter Juni“ oder sonst für ein Verein. Auch jetzt frage ich den alten Lehrer nicht danach.

Der Mann mit seinem dunklen Bart, der damals als ich ein Kind war viel älter aussah als jetzt, wo er im genau gleichen Alter wieder neben mir sitzt, erzählt die traurige Geschichte aus der Ich-Perspektive, die Geschichte aus dem Blick der Hinterbliebenen, wie das so ist, wenn der eigene Bruder, die eigene Frau oder, Gott bewahre, das eigene Kind, Opfer einer Terroristischen Mörderei wird. „Früher, da waren Terroristen Teil eines kollektiven Wahns. Heute, sind das nur noch Werte Egoisten. Jeder tötet für sich allein. Jeder stirbt für sich allein. Für sich ganz allein.“ Genau das Gleiche hat er auch damals gesagt, im Klassenzimmer, als es auch 35 Grad draußen waren und wir nicht nach draußen konnten. „Und das Allerschlimmste an der Sache ist die Sinnlosigkeit. Ermordet zu werden hat selten Sinn, wer stirbt denn schon für eine bessere Sache? Wessen Ende ist denn schon ein neuer Anfang? Aber von einer Organisation getötet zu werden, die nichts bewirkt und deren Opfer nur gut für eine Statistik des Mordens sind; was könnte noch deprimierender sein?“

Gestorben für die Statistik. Gemordet durch Mörder, die sich für Revolutionäre hielten. Und sich heute dafür schämen. Wo die Revolution ausgeblieben ist. Es sind Opfer volle Schande. Peinlich für jeden Beteiligten. Heute, wie damals.

Und ich stelle die gleiche Frage wie damals: „Heute aber geht es ihnen besser oder? Heute ist alles vorbei und sie können vergeben?“ Worauf er, natürlich, die gleiche Antwort gibt wie damals: „Nein. Heute ist es schlimmer als gestern.“

 

Meine hier arbeitende Freundin weckt mich aus meiner Abwesenheit. Überreicht mir den Krankenschein. Und wie ich so aufstehe, mich bedanke, mit meiner Übelkeit im Magen und meiner Wirrness im Kopf, fühle ich mich auch sehr peinlich berührt darüber, dass unsere Opfer umsonst sind, egal was wir betrauern müssen. Ich schäme mich und weiß, dass diese Scham noch schlimmer werden wird. Ganz gleich was uns die Alten am Lagerfeuer für Lügen erzählen. Die Alten erzählen immer nur die Sieger Lügen. Nie die gescheiterten Verlierer Wahrheiten.

Ich fahre mit dem Auto vorsichtig nachhause, ohne noch weitere Menschen zu verletzen.