Der Niveauvolle Absturz

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Den Satz habe ich noch nie begriffen, bedenkt man, dass man immer und überall aufgefordert wird, unter seiner Würde behandelt zu werden. Siehe „Subways“, „Ikea“ usw. diese Orte, an denen man aufs härteste Gedutzt wird, total lässig und Amerikanisch soll das sein. Ich. Finde. Das gar nicht lässig. Es ist unhöflich auch wenn man hier noch nicht vom totalen Verlust der Würde sprechen kann.

Als Fußball-Fan (von Eishockey ganz zu schweigen) ist es auf eine andere Art schwer seine Würde zu behalten, da der von der Gesellschaft vorgeschriebene Fan-Code, dieses Wie-ein-Fan-auszusehen-und-sich-zu-verhalten-hat, ultrabrutal und unwürdig ist. Ohne Ballermann-Auftreten und Gegröle scheint es nicht zu gehen. Noch schlimmer dieses grauenhafte (noch einmal: grauenhafte) Merchandise in Schwarz/Rot/Geld (von wegen GOOOLD): Nichts gegen Schals… Doch was sollen diese Maler/Fischer-Cappys, Pickelhauben oder Perücken in den Nationalfarben? Diese eingefärbten Sonnenbrillen, die angemalten Gesichter und die Fähnchen-Mützen? Die Speedsuits, die Schwarzrotgelben Blümchenketten, Cowboy-Hüte, Zylinder oder altgriechischen Kampfhelme? Und nun mal ehrlich: Welcher Bierbäuchige Fan sollte ein Trikot tragen, in das eigentlich ein Mario Götze oder Schweinsteiger passen sollte?

Weshalb ist das Fan-Verhalten oft so Stil- und ja, Würdelos? Weshalb brauchen die Massen überhaupt diesen Herdentrieb, dessen Vorbild der irische Dorfsäufer aus dem 18ten Jahrhundert ist? Da würde sich sogar James Joyce im Grabe umdrehen…

Man muss diese Gesellschaftsspiele nicht mitspielen und am Ende greift einen doch der Gruppenzwang am Schlawickel und zieht einen mehr oder weniger hinein…

Weshalb verfallen unsere Sitten so derart, schon im Kleinen? Es ist ja nicht „der Einzelne“, es ist das große Ganze. Das „Öööööööööiiiiiii!!!“ der Betrunkenen ist zu dem Schlachtruf ganzer Generationen geworden. Und bedenke: Heute wird weniger gesoffen als früher. Und die Gesellschaft ist sehr viel freier als noch vor 40, 30 oder sogar vor 20 Jahren; wovon müssen sich die Leute denn heute noch freifeiern und trinken, als vor der eigenen Langeweile? Nimmt uns der Wohlstand die Würde? Steht die Dystopie von „Idiocracy“ nicht schon längst in den Startlöchern?

Die kultivierte Dummheit, die man mit der kultivierten Niveaulosigkeit gleichsetzen kann, ist allgegenwärtig. Auch. Und gerade weil diese Niveaulosigkeit anfangs sicherlich – und davon bin ich überzeugt – aus der Ironie geboren wurde, bis aus dieser Ironie eine Lebenshaltung geworden ist; das ist in etwa so wie es Leute gibt, die die Ironie von K.I.Z. oder eines Mc Fitti als ernste Überzeugungen auffassen. Solche Trottel gibt es. Und sie bestimmen, nach und nach unsere Würde.

Es geht nicht nur um die Verrohung der Sitten. Es geht viel mehr um die Einstellung dazu, wie man sich einen Traumgeisteszustand imagisiert und dann auch durchlebt.

Ich weiß, dass ist jetzt mal wieder sehr schwarz in schwarz geschrieben und das Thema kommt immer wieder bei mir. Doch ich werde nicht wanken. Und immer wieder für den Niveauvollen Absturz eintreten. Den es gibt. Und der jedem zusteht.  So wahr mir Gott helfe.

 

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Inszenierte Würde

Neben lächerlichen Mittelalter-Erzählungen lese ich dieses Wochenende die „Vogue“. Es war gar nicht so leicht das Magazin bei mir im Kaff zu besorgen. Mit Mode habe ich nicht viel zu tun und lebte in meinen Jugendjahren bis Ende 20 in totaler Verachtung gegenüber dieser aufgesetzten Scheinwelt, die die Menschen nur gleich machen will – und da der Mensch an sich nun einmal eher hässlich (oder versteckt schön) ist, eher Komplexe ausgelöst werden, als Wirklichkeit dargestellt.

Die Mode-Interviews der SPEX gefielen mir komischerweise sehr und nun habe ich mir also versuchsweise die „Vogue“ gekauft, die – was die meisten Männer nicht wissen – zu 90 Prozent aus Werbeanzeigen  der bekanntesten und dadurch besten Mode-Labels besteht (Prada, Chanel, Ralph Lauren, Gucci, Dior und wie sie alle heißen). Da wird viel geblättert und geschaut, wenn man den Sinn danach und die Augen dafür besitzt.

Doch  die zwei, drei Interviews fand ich sehr gut, mit Santigold (Musikerin), Schweighöfer & Florian David Fitz (Schauspieler) und Nicolas Ghesquiére (Modeschöpfer für Louis Vuitton). Unter der Woche blätterte ich auch durch das Gegenstück zur Vogue, den „Playboy“, und obwohl ich dort die Interviews ansonsten sehr mag, waren die mit Til Schweiger und Ben Stiller (beide Schauspieler) einfach nur doof und belanglos (wie man sich nun einmal Interviews mit Schweiger und Stiller vorstellt…)

 

Natürlich habe ich auch jetzt nichts für Haute Couture übrig, das ist mir viel zu abgehoben, doch ich verstehe langsam den Gedanken dahinter, die Idee dieser Scheinwelt, die man nur nicht zu ernst nehmen darf – was die Menschen leider machen, seien es die Kunden oder die Schöpfer. Denn für mein Befinden ist ein negativer Nebeneffekt des Feminismus (den ich ansonsten gut heiße – wenn es denn bedeutet, gleiche Rechte und Möglichkeiten für beide Geschlechter), dass es immer weniger „Damen“  und „Herren“ gibt. Die Geschlechter vermischen sich und manchmal kann man vom Gestus der Sprache und des Verhaltens kaum mehr zwischen Mann und Frau unterscheiden. Das ist natürlich eine Errungenschaft, doch diese vernichtet leider auch dieses typisch weibliche oder männliche, dass in unserer Zeit heruntergeschraubt wird auf den Begriff der „Tussi“ (weiblich) und des „Proleten“ (männlich). Wobei man doch durchaus sehr weiblich oder sehr typisch männlich sein kann, ohne wie eine Nutte oder ein Hafenarbeiter herumzulaufen, zu denken, oder zu fühlen. Ich vermisse das Intellektuelle Auftreten beider Geschlechter, auch in dem Stil wie man sich kleidet. Dieser ganzheitlichen Komposition, wie man sich gibt, aber auch handelt. Denn auch wenn der Hipster (gibt’s den außerhalb Berlins überhaupt noch? Das ist so 2012…) natürlich sehr Stilbewusst aussieht, lässt er meistens einen gewissen Grad von Männlichkeit in seinen Fähigkeiten wie in seiner Bildung vermissen (da kann der Bart noch so lang und gepflegt sein). Und auch bei den Frauen hat man mehr das Gefühl eines Entweder/Oders.

Von Würde in Stil und Sprache ganz zu schweigen.

 

Weiterhin ist die Mode-Industrie immer sexistisch. Der Punkt ist aber, dass sie das schon immer sein wollte. Sie ist eine Traumwelt, eine Kunstwelt, die immer nur als Vorbild dienen kann, nie als wirkliche Realität, auch wenn die sogenannten Superreichen glauben mit ihrem Geld diese Attitüde kaufen zu können – Träume lassen sich aber nicht nachkaufen. Sie lassen sich nur inszenieren und jede Inszenierung ist nur Abbild von etwas, was in Wahrheit nur im Kopf passiert. Diese Mode-Welt ist für mich eine Inszenierung einer Meditation von Würde; es geht darum wie man Würde darstellen würde, nicht wie man sie erreicht (denn man kann leicht Würdevoll sein ohne jemals teure Kleidung, Make-Up oder Autos zu fahren, nur, von außen ist es dann nicht zu erkennen, und der Umkehrschluss liegt eh auf der Hand: Du kannst dich noch so mit vielen Markenklamotten eindecken und jede Form von Würde vermissen lassen).

Die Mode-Welt ist die einzige Utopie einer „besseren Menschheit“, von der uns vorgespielt wird, an ihr teilnehmen zu können.

„James Bond“ ist der Prototyp dieser Welt, der immer gut aussehende Mann der im richtigen Moment immer zupacken kann – auch wenn er nicht gerade sehr vergeistigt daher kommt (na ja, wir als Publikum müssen uns ja noch mit ihm identifizieren können 😉 ).

 

Das kann man als abgehoben, blöde und vor allem überflüssig empfinden. Das ist legitim. Ebenso legitim ist es aber auch, dass einem dieses prollige Wir-sind-Alle-gleich-Getue auf die Nerven geht; ja, natürlich sind alle Menschen gleich! Jeder Mensch ist genauso kostbar wie der andere – jeder! Aber es ist dennoch legitim sich geschmackvoll zu verhalten und einige Stil-Regeln zu beachten, um sich ein wenig individueller zu fühlen. Und das Merkwürdige ist, dass sich in unserer Gesellschaft JEDER für unglaublich individuell hält (kommt mir jetzt ja nicht damit, dass jeder Mensch ein Individuum ist, darum geht es hier nicht), sich aber fast alle gleich verhalten und kleiden (gerade die Hipster und Tussis). Niemand will als zu abgehoben oder arrogant herüberkommen, so als ob das etwas Schlimmes wäre! Nein. Ich empfinde es als viel schlimmer wenn die Menschen sich sehr gewöhnlich und „natürlich“ geben und dann leider auch so denken, denn das sind dann diese Leute, die keine anderen Meinung zulassen und glauben mit ihrer ungebildeten Bauernschläue den wirren Gutmenschen und „abgehobenen Individualisten“ einen entscheidenden Schritt voraus zu sein, da denen ihre Bildung im Weg steht.

 

Aber nein, das ist für mich kein Grund ein Jackett für 2000 Euro zu kaufen oder Schuhe für 500, nur um mich so zu fühlen als wäre ich etwas „Besseres“. Nein. Es geht darum ein wenig in einer Traumwelt zu leben und nicht nur dumpf vor sich her, in dem man nicht nur simple Funktionalkleidung von „H & M“ oder sonst wo trägt, von der jeder weiß wie die hergestellt wird, sie aber billig und damit plötzlich gut ist.

Es geht darum Stil zu haben. Und die einzige Form von zur Schau getragenem Stil ist für mich die Kunst-Welt der Mode.   Es geht um Attitüde an sich. Nicht um Schuhe, Hosen,  oder Blusen/Hemden… Es geht um Würde. Auch wenn der Kontext dieser Form von Würde leider nur auf das Äußere begrenzt wird. Schöner wäre es, wenn es in Wahrheit um zur Schau getragenen Intellektualität gehen würde – doch davon sind wir leider weit entfernt und deswegen wir meine Vorstellung von Mode meine eigene, kleine Traumwelt bleiben. Für immer.  Und weil es nur ein Traum ist, laufe ich als modisches Desaster herum…

Die verschiedenen Gesichter der deutschen Weltmeister

Und wenn schon? Wen interessiert es denn nun wirklich ob die Weltmeisterschaft 2006 gekauft wurde? Korruption ist ein Weltweites Problem und Deutschland war  sicherlich nicht so viele Jahre Exportweltmeister, ohne dass dazu die eine oder andere Mark „spendiert“ wurde.

Korruption ist ne blöde und schlimme Sache, die für viel Ungerechtigkeit auf der Welt sorgt, das ist keine Debatte wert, die Verwunderung darüber das es wohl gesehen ist,  teile ich nur nicht.

Ich habe mich einmal vor vielen Jahren über den Wandel des Kleidungsstils hier im Blog echauffiert (siehe damals die fetten Kerle in ihren „Wir sind Opel“-Shirts, kontra die dürren Arbeitslosen im Anzug! während der Weltwirtschaftskrise), jetzt ist mir, im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Beckenbauer-Affäre und den dazu gezeigten Bildern, aufgefallen, wie sehr sich die Art des Feierns der deutschen Nationalmannschaften beim WM-Pokal- Gewinn verändert hat:

1954  

1974

1990

2014

Wenn man den Links folgt sieht man nicht nur 11 Männer die sich freuen. Bei genauerer Betrachtung ist zu sehen, wie die Freude immer erst kindischer, dann viehischer, würdeloser wird.

Heute schreien sich die „Herren“ weg wie die Tiere, während – siehe Beckenbauer 1974 – Jahrzehnte vorher noch, ich würde aus heutiger Sicht sagen, mit verhaltener und doch sichtlicher Freude der Pokal emporgereckt wird (1954 sogar gar nicht, da wurde noch der TRAINER gefeiert, nicht die eigene Leistung…). Heute reißen alle Dämme.

Frage: Wie sieht das beim nächsten WM-Gewinn aus? Reißen sich die Männer dann gleich wie die Tiere die Trikots vom Leib? Pinkeln sie sich dann Jahrzehnte später auch gleich noch ins Gesicht? Klar: Übertreibung. Die Frage bleibt offen: Was wird uns, wenn man diese Entwicklung ernst nimmt und sie auf die gesamte Gesellschaft auslegt, für die diese Fußball-Millionäre eine Metapher bedeuten?

Ich finde es sehr bemerkenswert, wie der deutsche Mann sich über die Jahrzehnte selbst entfesselt hat. Es gibt sicherlich viele Leute die rundum und ohne Vorbehalt sagen würden, dass das eine gute Entwicklung sei; ich bin mir dabei nicht so sicher.

Wo ist die Würde? Wo ist die Größe?

Umgekehrt ist (und das habe ich schon oft festgestellt) es sogar noch erbärmlicher zu sehen, wenn Männer mit Körpern aus Stahl nach einem verlorenen Fußball-Spiel auf dem Boden liegen und weinen wie kleine Mädchen… Sie haben es sich doch so sehr gewünscht zu gewinnen…  

Was soll das? Was wird aus uns? Aus unseren Gefühlen? Wo hat das ein Ende? Wird das Verhalten des Pöbels einem das perfekte Ideal? Werden wir eines Tages zu vollendeten Kindern werden?

Das sind Anzeichen für unseren Ausverkauf an den Jugendwahn.

Der Text zur Nacht (221) Ehemalige Pornostars als DJs mit Vorbildfunktion

„Feminismus? Für Schwule?“ Der macht mich fertig. Ich hänge im All der Ratlosigkeit und im All hört dich bekanntlich keiner schreien; außerdem ist da keiner. Nur Ratlosigkeit. Kein Boden der Tatsachen.

„Na ja, so in der Art. Doch es ist nun mal so dass viele ehemaligen Pornostars wie Nikki Belucci, Sasha Grey oder Lupe Fuentes nach ihren Hardcore-Karrieren zu DJs und Produzentinnen von elektronischer Musik mutieren.“

„ProduzentiNNEN? Hier geht’s um Weiber? Du schaust dir normale Pornos an? Warum denn keine Schwulen-Pornos?“

„Äh. Ja? Na und? Du schaust dir doch auch Pornos an, bis auf die Frau fixiert und deswegen auch nicht schwul weil da ein Mann dabei ist.“

„Ich… Ich…“ Hä? Ich kann der Handlung dieses Gesprächs überhaupt nicht folgen… Mache das: Hä-Gesicht… Das ABSOLUTE Hä-Gesicht.

„Okay“, meint er, „das war jetzt ein wenig unfair dir gegenüber… Sagen wir einfach, ich verfolge die Karrieren von ehemaligen Pornostars, wenn sie danach als DJs enden. Punkt. Jetzt keine Debatten oder Rückfragen mehr.“

Er: Lacht.

Ich: Sehe ihn mit unbestimmten, doch verschobenem Gesichtsausdruck an.

Alex erklärt mir, dass er das einfach toll findet, wenn Frauen die sich vor Aller Augen öffentlich prostituiert hätten, sich nach ihrer Porno-Karriere aber nicht verstecken, sondern sich als starke Frauen darstellen, die sich nicht verkriechen und nicht voller Scham gebrandmarkt in einem Cocktail aus Alkohol, Drogen und dem Urteil der Gesellschaft über sich geistig zusammenbrechen, um bis an das Ende ihres Lebens an ihrer „Karriere“ zu leiden.

Nein.

Er fände starke Frauen toll. Für ihn seien sie sogar ein Vorbild. Schließlich hatte er lange genug unter der Verheimlichung seiner sexuellen Identität gelitten und würde selbst jetzt, obwohl er schon seit Jahren ein normales, selbstbestimmtes Leben führt, noch unter den Vorurteilen der Leute in seinem Umfeld leiden.

„Die Menschen tun fast so, als wären Homosexuelle Menschen genauso wie Pornostars, ich meine, als würde es bei Allem was uns antreibt immer nur um den SEX gehen… So ein Quatsch. Menschen sind aber mehr als Sexualobjekte und nicht nur ständig auf der Suche auf der Suche nach dem nächsten Höhepunkt. Was ist mit der Liebe? Warum gesteht man uns nicht einfach Liebe zu? Weil sie einfach nur auf das EKLIGE Treiben im Bett fixiert sind.“

Ich finde Alex Worte ziemlich logisch. Es leuchtet mir ein. Er legt dabei seinen Arm um mich.

Für ihn sind diese ehemaligen Lustobjekte die emanzipiertesten Frauen überhaupt. Sich dann auch noch auf eine Bühne zu stellen und sich eben NICHT zu verstecken. Wohlwissend. Dass nicht jeder im Publikum da ist um die Musik zu hören, sondern um die Schlampe zu sehen, der sie DABEI zugesehen haben – und auf der sie sich ganz nebenbei natürlich auch noch Einen runtergeholt haben. Natürlich spielen diese Frauen mit ihrem Image von früher. Aber dennoch findet Alex das mehr als bewunderungswürdig. Es ist ein Zeichen großer Stärke.

Ich merke gar nicht, wie körperlich nahe ich ihm gekommen bin. Lehne so an ihm dran. Während die Schlangen unter meiner Haut leicht massierend durch meine Muskeln gleiten.

Im Prinzip spielt es auch gar keine Rolle WAS genau er mir erzählt. Es geht um seine Worte an sich. Ich bin hilflos verloren im Raum der Psyche und der Chemikalien. Und er. Gibt mir Sicherheit. Meinem Verstand einen Rahmen. Ganz gleich was er für einen Schwachsinn er da vielleicht auch erzählt. Ich weiß nicht. Es klingt gut… Und ich höre ihn gerne reden. Vielleicht auch. Weil die Drogen mich gerade jetzt im Moment sehr nahe an meine eigene Sonne getrieben haben und er auf eine komische Art meine letzte Verbindung zu dieser Welt ist.

Normalerweise würde ich wissen: Das vergeht. Egal wie heftig das gerade in dir abgeht. Nur wenn du voll drauf bist, weißt du das eben nicht. Und das ist schön. Angenehm. Entspannt. Dieses heftige Glück. Dass aus dir einen sabbernden Idioten macht – wir haben schon ein paar Mal darüber gesprochen 😉

Ich liege in seinem Arm. Total zerstört. Und die Drogen sagen mir, dass es mir gut geht. Mein Körper ist groß. Unglaublich schwer. Ich weiß immer noch nicht. Was. Und doch geht es mir gut. Ein Gefühl der Geborgenheit. Im Meer des inneren Lichts…

Im Prinzip ist mir Alles egal. Es fühlt sich nur nicht so an. Eher irgendwie WICHTIG. Obwohl nichts wichtig ist… Man denkt in solchen Moment ja auch nicht wirklich über den Zustand nach. Der Zustand ist einfach nur da.

Alex redet einfach weiter. Sehr nah und doch sehr… Fern. Bei aller Nähe: „So emanzipiert müsste man auch als normaler Mensch sein, weißt du? So emanzipiert wäre ich gerne auch als sexueller Mensch. Keine Angst haben. Im Gegenteil. Sich lachend und strahlend auf eine Bühne stellen und darüber lachen was die anderen sagen. Das Coming-Out ist eine Sache. Eine große Befreiung. Und danach ist wirklich alles anders, weißt du? Aber dennoch bist du trotzdem immer noch der, den es mehr oder weniger interessiert was die anderen über einen sagen. Verstehst du?“

Und während ich in seinen dünnen, bleichen Armen versinke, glaube ich wirklich so etwas wie einen realen Gedanken zu haben. Oder besser: Der Satz schwebt einfach so an mir vorbei – wäre es nicht auch schön so stark und emanzipiert zu sein, als Drogen-User? Wie viel freier wäre ich dann? Wenn das große und kleine Versteckspiel ein für allemal vorbei wäre. Was würde das mit uns selbst machen? Würde uns das unsere Würde zurückgeben? Wenn wir einfach zu unserem Konsum stehen könnten? Und die große Angst vor der Verurteilung durch die andern einfach nicht mehr da wäre. Und noch wichtiger: Wenn ich mich selbst nicht mehr verurteilen würde…

„Es geht um Wahrheit“, haucht er mir zu und küsst mich, für mich völlig unvermittelt.

Im Nachhinein könnte ich gar nicht mehr sagen, ob ich mich nicht wehren will oder einfach nicht wehren konnte. Und für ein paar Sekunden spielt das gar keine Rolle.

Firmenphilosophie (Guerilla)

„Du bist ja ein Linker“, sagte mein Vater zu mir. Das war damals im Zug gewesen, als wir nach Stuttgart fuhren. Ich war kein Kind mehr, fühlte mich aber in weiten Strecken noch so – ich mit 15 fühlte sich damals viel kindlicher an, als heutige 15 Jährige auf mich wirken, ich war wohl das, was man einen geistigen Spätzünder nennt, am liebsten hätte ich wohl mein Leben lang nur mit Action-Figuren gespielt – und natürlich war ich schon oft mit dem Zug gefahren. Dennoch hatte ich vorher die Frage gestellt: „Wer fährt eigentlich schon in der ersten Klasse?“

Vater: „Leute die das Geld dazu haben. Und natürlich Firmenreisende. Die bekommen das von ihrem Unternehmen bezahlt.“

Ich: „Mhm. Ich dachte die bekommen Mietwagen oder so.“

„Das natürlich auch. Die Firma kann in gewissen Fällen sehr viel für einen guten Arbeiter springen lassen. Oft werden solche Kunden dann sogar von Fluggesellschaften oder so bevorzugt, weil sie wissen, dass es dort mehr Geld zu holen gibt als bei Otto-Normalverbraucher.“
Ich: „Verstehe ich nicht.“

„Was gibt es denn daran nicht zu verstehen?“

„Tja. Ich meine. Kunden sind doch wohl Beide. Der normale Otto und der, der auf Firmenkosten reist. Warum werden dann die Firmentypen bevorzugt? Ist Ottos Wert und Geld denn weniger wert?“
„Da geht es nur um das Geld. Firmen haben nun einmal mehr Geld als Privatleute. Deswegen hoffieren sie die.“

„Ja… Aber ohne das Geld was die normalen Ottos in die Firmen stecken, also wenn die was kaufen oder irgendwas in Auftrag geben, haben diese Firmen doch gar kein Geld. Am Anfang steht doch immer der kleine Mann. Wieso wird der dann nachteilig behandelt?“

„Na weil der nicht so viel zahlen kann wie eine große Firma. Deswegen hat man zum Beispiel vor Bosch und Siemens mehr Respekt als vor einem Herr Schmidt.“
„Aber ohne den Herren Schmidt der die Produkte von Bosch kauft, gibt es Bosch doch gar nicht! Wieso haben die dann weniger Respekt vor dem Herr Schmidt? Mit dem fängt doch alles an und hört alles auf! Menschen gibt es schließlich auch ohne Firmen, aber die Firmen nicht ohne die Menschen.“

„Oh je… Mein Sohn ist ein Linker.“

„Bin ich das?“

War ich das?

Das mit DEM Linken habe ich damals nicht verstanden. Dafür war ich zu jung. Und auch Jahre später zerbrach ich mir den Kopf darüber, ob mein Vater, wenn er eben kein Linker ist, ein Rechter sei; Nazis sind jetzt ja auch nicht gerade dafür bekannt große Kapitalisten zu sein… Nein. Ja. Ich bin im Prinzip genau das, was mein Vater auch schon damals war, ein konservativer Mensch, nur bedeutet „konservativ“ für mich nicht gegen der Fortschritt und intolerant zu sein, sondern sich an gewissen Werten zu orientieren. Ganz vorne dabei: Der Humanismus. Was kann den falsch daran sein, Humanist zu sein?

Auch heute empfinde ich es noch als sehr unfair, wenn Firmenangehörige mir irgendwo vorgezogen werden. Business vor Economy-Class. Wieso ist das so?

Das Kapital ist schuld. Natürlich.

Es ist nicht humanistisch und orientiert sich an keinen gesellschaftlichen, sondern an Markt-Werten. Um das Kapital zu erwirtschaften verfolgt jedes Unternehmen eine eigene, wenn auch oft zu anderen Unternehmen identische, Firmenphilosophie – ich finde alleine schon das Wort geil, da sich darin ausdrückt, dass das mit den einzelnen Menschen die dort arbeiten, oft nichts zu tun hat. Es ist die Philosophie der Firma. Aha. Kann denn eine Kapitalistische Wertegemeinschaft philosophisch sein? Und wenn ja, darf solch eine Firmenphilosophie über dem Humanismus stehen? Denn diese „Vision“ einer Firma die in ihrer Philosophie zum Tragen kommt, orientiert sich am Kapital, nicht am Menschen, denn das zu erwirtschaftende Kapital ist der Grund für den Erhalt dieser Wertegemeinschaft und fordert es heraus, andere Leute, die nicht Teil dieses Unternehmens sind, wenn nicht gleich zu schaden, so doch zu benachteiligen um den Umsatz oder gleich den Gewinn eines Unternehmens im Gegensatz zur Konkurrenz zu vergrößern. Eh klar…

Ich finde nur, dass keine Wertegemeinschaft über einer anderen stehen sollte. Sei es eine Firma, eine Religion oder auch nur ein Fußballverein. Es sollte nichts per se BESSERES geben, auch wenn die Meinungen darüber was zu bevorzugen ist, natürlich unterschiedlich ausfallen und Jedem selbst überlassen sind.

Man kann doch nicht die „Identität“ einer Firma, Religion oder eines Staates (wie die Philosophie hier auch genannt wird) über die reale Identität von Menschen stellen. Und doch ist es so: Firmen sind mehr wert als Menschen. Sie gehen über Leichen, für den Profit.

Ja. Für mich ist ein Kunde ein Kunde. Und ein Bürger ein Bürger. Jeder ist gleich. Niemand ist gleicher. Selbstverständlich hat jeder andere Talente und/oder Vorfahren und je nachdem andere finanzielle Möglichkeiten; das ist in Ordnung. Nur für mein Befinden sollten Geschäftsreisende und – kunden keine Privilegien genießen.

Das mag daran liegen, dass ich ein Kinder der 80ger bin, wo die Menschen noch brav und in Reihe in der Post an Schaltern anstanden und einfach warten mussten, bis sie an der Reihe waren. Das war doch ein gutes System. Nervig, doch demokratisch.

Alleine schon die Macht sich über das System des Schlagestehens hinwegzusetzen zu können, zeigt eine Schieflage der Gesellschaft an sich an: „Ich kann etwas, was du nicht kannst. Ich bin besser als du.“

Bist du das?

Wie war das noch einmal mit der verfassungsrechtlich garantierten Würde? Kann man diese Würde erwirtschaften? Wirklich?

So in etwa war meine Grundhaltung, als ich die Guerilla-Schneiderin kennenlernte.