Absolution – 14 – Erfundene Erinnerungen

5.

Ein paar Stunden später saß er wieder mit brennenden Augen vor seinem Bildschirm.

Paul dachte an die Frauen die er gehabt hatte. Meistens an jene Zeit, als er noch ein Jugendlicher war und die Frauen Mädchen. An die Unschuld ihrer Berührungen. Dem schamvollen Ertasten. Dem Erforschen der eigenen Lust. Wie weit man zu gehen bereit war.

Er rief sich die Szenen nicht nur ins Gedächtnis, er erlebte sie noch einmal neu. Jedes Detail. Sogar jedes Atemgeräusch, jeder Blick… Jeden einzelnen Sieg, den er auf dem liebevollen Schlachtfeld der Sexualität  gewonnen hatte. Wie ein Geistkörper fuhr er zurück durch die Zeit, schlich unbemerkt in seinen jungen Körper, und schmeckte und erlebte die Mädchen und Frauen immer wieder neu. Und oh Wunder: Je häufiger er mit den Drogen durch die Zeit zurückreiste, desto mehr Details entdeckte er. Manchmal sogar ganz neue Situationen oder andere Tatsachen, als er sich noch vor einiger Zeit daran erinnern konnte. Das ging so weit, bis er irgendwann, verschwitzt, mit blutig geschürften Penis, in seinem nassgeschwitzten Bett lag, und sich fragte, was war denn nun wirklich passiert? Hatte die Droge ihm geholfen sich besser zu erinnern? Oder war der Drogenrausch nur eine zweite, bessere Wirklichkeit gewesen, die er sich ausgedacht hatte?

 

Er wusste. Wir erinnern uns in Wahrheit nicht so sehr an Erinnerungen. Erinnerungen erinnern sich an Erinnerungen; wir erinnern uns an eine Vision der Vergangenheit, die wir uns – jedes Mal wenn wir allzu fest daran glauben – ein wenig anders zu recht legen. Drogen sind nicht besonders gut um Wahrheit zu erforschen. Und doch… Vielleicht war es doch so gewesen, wie er es sich apathisch im Drogenrausch vorgestellt hatte. Sicherlich hatte er doch was mit dem Mädchen A gehabt – er hatte es nur vergessen gehabt…

Am nächsten Tag glaubte er sich wieder erinnern zu können. Ja. Nein. Das hatte er sich in seiner Drogengeilheit nur ausgedacht… Doch ein kleiner Makel blieb auf seinem Herzen zurück. Es hatte sich doch so real angefühlt. BESSER als die Realität. Und als er sich auf dem Wochenende darauf, und auf dem darauf folgenden wieder in diese Scheinwelt seiner Vergangenheit  begab, als die Szenarien immer bildlicher, größer und wahrhaftiger geworden waren, wurde er sich sicher, dass es so geschehen war wie er sich JETZT daran erinnerte. Sein Verstand musste ihn bisher belogen haben…

Er konditionierte sich und seine Erinnerungen neu – und merkte es nicht einmal. Auch. Wenn er immer mehr von sich selbst, von seiner eigenen Vergangenheit in Frage stellte. Da er mit niemanden darüber sprach, spielte es keine Rolle was er über seinen One-Night-Stand mit dem Mädchen XY dachte zu wissen. Doch langsam. Nach und nach. Hatte er das Gefühl, sich selbst nicht mehr trauen zu können. Was war denn nun wahr? Und was hatte er sich ausgedacht? Spielte das überhaupt eine Rolle? Die Grenzen. Die Verfugungen zwischen Traum und Wirklichkeit lösten sich nach und nach auf. Was keine große Reaktion in Paul auslöste. Ihm war es egal was wahr war und was nicht. Hauptsache er konnte es wieder und wieder durchleben. Seine Realität war wie eine Menge Filmmaterial. Filmmaterial und Nachdrehs, welches er erst im Schnitt zu einem fertigen Film zusammenfügte. Bis er am Ende nicht mehr wusste, wie die Original-Version ausgesehen hatte. War das denn so wichtig? Hatte das irgendeine Auswirkung auf sein Leben wenn er glaubte mit der oder der intim gewesen zu sein? War er das Produkt seiner Vergangenheit? Oder das Produkt seiner Einbildungen? Oder war er Beides? Es war doch egal ob Katha und er vor einem Jahr aneinander herumgefummelt hatten. Oder er Sarah schon einmal geküsst hatte. Ob Judith ihm damals einen geblasen hatte. Oder ob all das nur in seinem Kopf geschah. Er war er. Und die Frauen waren die Frauen. Und die Droge war die Droge. Er könnte ewig so weiter machen und dabei glücklich sein. Was war falsch daran?

 

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Der Text zur Nacht (223) Ich will nachhause.

Vielleicht sind es auch nur die Drogen.

„Zuhause“. Dieses Wort trage ich oft in meinem Herzen, es stolpert regelmäßig aus meiner Seele, nicht aber weil ich „Zuhause“ angekommen bin, nein, es ist die Sehnsucht nach einer Heimat, die ich längst verloren habe und bewusst gar nicht mehr kenne.

Selbst als ich noch bei meinem Vater wohnte, oder jetzt, wenn ich in meinen gemietet vier Wänden sitze, kommt oft und unvermittelt dieser Satz daher, manchmal denke ich ihn nur unbewusst aus meinem Ich heraus. Manchmal spreche ich ihn auch in die Stille meiner Einsamkeit: „Ich will nachhause.“

Dabei weiß ich gar nicht. Wo das sein soll. Wo ist das? Dieses Zuhause?

Heimat ist für mich ein verlorener, ein zerstörter Begriff. Wie ein Vertriebener aus einem Garten Eden, ohne Möglichkeit zurückzukehren. Wie ein Flüchtling, der in Wahrheit ein Vertriebener ist, und nur nachhause will, zu seiner damals noch intakten Familie; nachhause in die Vergangenheit. Bevor der Krieg des Erwachsenwerdens mich für immer entstellte.

(Denn die Menschen erlangen durch das Erwachsenwerden keinen Charakter wie man fälschlicherweise glaubt; „Charakter“, „Erwachsen“, das sind nur Begriff für die Vernarbungen unseres inneren Kindes, für die Entstellungen unserer Reinheit).

Ich weiß nicht wo ich daheim bin. Vielleicht nehme ich deswegen Drogen. Obwohl… Ja… Nein… Ich weiß es nicht. Sicher ist nur, dass ich keines dieser Opfer sein will, deren Psychologie so einfach gestrickt und damit erklärbar wäre: Ja klar, die Kindheit ist daran schuld.

Das Trotz-Ich in mir lässt ein Kausales Nachdenken über mich selbst nicht zu.

„Heimat“ war für mich schon immer ein anderes Wort für „Erlösung“ gewesen…

Leider gibt es keine Erlösung mehr.

Ich will nachhause…

„Doch Bommerland ist abgebrannt“…

Ich will nachhause… In das Tal meiner Erinnerungen. Wo Maikäfer fliegen und blühen.

Wie oft flüchtete ich schon von sonst wo (aus der Schule, der Arbeit, von Freunden, Feinden und Gliebten) zu dem Ort an dem ich lebte, mein Jugendzimmer, eine meiner Single-Wohnungen, nur um dort schreckliche Einsamkeit unter Menschen oder alleine vorzufinden, doch keine Ruhe vor den Stürmen der Seele, vor dem unbewussten Bewusstsein am falschen Ort, in der falschen Zeit zu sein.

Das Herz und seine Seele sind die einzigen Koordinaten, nach denen wir in  der Raumzeit manövrieren können.

Heimat. Erlösung… Ich weiß nicht. Vielleicht geht es auch nur um Vergebung…

Ich will nachhause.

Zurück in die Kindheit. Wo man bedingungslos lieben und geliebt werden kann. Nachhause in die Unschuld…

Denn wisst ihr? (Seufzen) Es fällt mir nicht leicht es euch so zu sagen: Aber ich habe viele schlimme Dinge getan… Wirklich schlimme Dinge… Gegen Menschen die ich liebte. Auch wenn ich es nicht wollte. Gar nicht… Doch ich habe es getan… Es ist meine Schuld. Nicht die von jemand anderem.

Es war immer meine eigene Schuld.

Der Finger zeigt auf mich: „Durch meine Schuld. Durch meine Schuld. Durch meine große Schuld…“

Hier schließt sich die Türe.

Ich entwinde mich aus Alex Umarmung.