Sorgen-Nazi

(Ja, ich weiß, den Titel hatte ich schon einmal…)

Von Wurst bekommt man Krebs. Auch von Pommes. Sogar Wasser kann Krebserregend sein, wenn du es aus Kunststoffflaschen trinkst. Deine Kleidung enthält Krebserregende Stoffe. Dein Jogi Löw Deodorant auch. Und von dem Feinstaub in den Straßen wollen wir mal gar nicht sprechen.

(Außer vielleicht ganz kurz: Wieso regt sich die ganze Welt nur darüber auf, dass VW über die Schadstoffwerte ihrer Autos gelogen hat und nicht über das wirkliche Problem, nämlich das ihre Autos mehr Schadstoffe ausstoßen und somit dich und mich, den ganz Planeten, krank machen? Alle sprechen von dem Schaden an Vertrauen gegenüber der deutschen (Auto)Industrie, von dem direkten Schaden den allen Nicht-VW-Kunden, Nicht-VW-Aktionären und Nicht-VW-Mitarbeiter angetan wird, spricht kein Mensch – das ist der wahre Skandal. Schließlich sprechen wir hier über den zu dem Zeitpunkt des Skandals größten Autobauer der Welt!)

Krebs. Darum geht es. Und verdammt noch mal, man kann es doch gar nicht mehr anders sagen: Das ganze Leben ist Krebserregend.

Krebs ist wirklich kein Thema mit dem wir uns gerne auseinandersetzen. An die eigene Sterblichkeit erinnert zu werden ist immer ein kleinwenig Scheiße. Auch wenn wir inzwischen wissen dass es im Prinzip sehr normal ist wenn sich Zellen irgendwann einmal nicht mehr so verhalten, wie es vom großen Unbekannten geplant war. Der Mensch an sich ist nicht dafür designt worden um 100 Jahre alt zu werden – trotzdem wird er es. Auch wenn sich die Menschen selbst nicht darüber im Klaren sind, weshalb dies geschieht. Um dem im Besonderen und doch für Alle nahezukommen, versucht die Menschheit mit ihrer sogenannten „Wissenschaft“ die Gefahrenquellen des Daseins theoretisch zu vermindern, wo wir bei der „guten“ Ernährung, dem Sport und der perfekten Umwelt wären.

Der Mensch hat sich selbst eine Umwelt geschaffen, die auf den ersten Blick sehr Menschenfreundlich ist, denn angenehmer als jetzt kann der Mensch höchsten in der Zukunft leben. Das Problem ist nur das Zuviel an Menschen, was aus dem Menschenfreundlichen Raum einen Menschenfeindlichen macht. Die Hölle sind mal wieder die anderen, und so verschmutzen wir uns gegenseitig. Das hat auch viel damit zu tun, dass die Menschen unterschiedlich darin sind, ihre im Prinzip gleichen Bedürfnisse zu genießen.

Der Mensch will zufrieden und glücklich sein. Das ist seine Geschichte und es geht in jedem Film, in jedem Buch und in der Politiksendung in Wahrheit einzig und allein darum. Dem persönlichen Glück. Von sonst wem.

Dieses persönliche Glück ist für viele Menschen unterschiedlich, auch wenn es sich unter Sammelbegriffe zusammenfassen lassen könnte: Der Partner. Die Kinder. Der Urlaub. Die Party. Das I-Phone. Der Feierabend. Sportliche Erfolge. Lob. Freiheit. Wobei es für manche Menschen auch ein ordentliches Glück sein kann, gequält zu werden. Es kann fast ALLES sein.

Jeder dieser Glückszustände ist wieder mit Gefahren verbunden. Ganz automatisch. Lebendig sein ist immer ein Risiko und jede Form von Glück beinhaltet auch eine gewisse Form von Sorglosigkeit. Wer gerne faulenzt wird zu dick, wie auch der, der gerne isst. Wer gerne taucht, der kann ertrinken; wer gerne schnell fährt, kann kollidieren; wer gerne liest, kann den Bezug zur Wirklichkeit verlieren (was oft schlimmer werden kann, als zu sterben); Schleckermäulchen wird ihr Zuckerkonsum zum Verhängnis; wer gerne Raucht, kann daran sterben; usw. usf. Ja, wir wussten es (wie mit dem Fleisch, den Pommes und dem Wasser aus der Kunststoffflaschen) schon vorher: ALLES kann dich umbringen.

Ich nahm früher gerne Drogen. Und die machen einen wirklich kaputt. Sie machen dich aber auch sehr frei, wenn auch nur für einen begrenzten Augenblick. Sie machen auch dumm, asozial, unglücklich und zerstören deinen Körper. Und sie machen dich dennoch eine Weile sehr glücklich. Ich kann mich eines Tages nicht darüber beschweren, wenn ich davon Bluthochdruck oder gleich Krebs bekomme. Auch wenn ich mich dann natürlich dennoch darüber beschweren WERDE. Aber es war meine Sache und ich habe immer gewusst und es auch häufig gesagt, dass ich eines Tages die Rechnung dafür begleichen muss. Wenn die Zeitgerade lange genug ist, hat man halt irgendwann einmal Pech gehabt.

Andere Leute fahren gerne in den Urlaub. Das macht sie glücklich. Sie wollen ebenfalls ihr Bewusstsein erweitern und die Welt sehen. Strände aus Sand oder Eis entlang gehen, die ich niemals sehen werde. Sie wollen auf Bergen stehen, an reißenden Wasserfällen. Ans Ende der Welt fliegen. Und fremde Kultur kennen lernen… Klingt doch viel romantischer als Drogen zu nehmen und dicht in der Ecke zu liegen, oder? Auch wenn wir tolerante Menschen sind die zugeben müssen, dass jeder sein eigenes Glück erfahren soll. Dennoch halten wir es für besser, wenn ein Mensch auf Reisen geht als sich z.B. mit MDMA niederzuballern. Obwohl die reisenden Leute mit dem Flugzeug abstürzen, am Sandstrand verdursten, in der Arktis erfrieren, von Bergen stürzen oder von fremden Kulturen getötet werden können. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit dafür nicht sehr hoch ist. Pech kann aber auch hier jeder haben.

Es ist wie mit dem Drogen: Jeder hat ein eigenes Karma.

Das Leben bringt uns um. So oder so. Und doch wollen wir anderen Menschen erzählen, was besser für sie ist. Wir wollen ihnen vorschreiben, was für ein Leben sie leben sollen – alleine aus egoistischen Gründen: Aus der Liebe zu ihnen heraus. Wir wollen, das dem geliebten Menschen kein Unheil geschieht, damit wir länger mit ihm zusammen sein können. Dabei sagt uns unsere Vernunft, dass wir dem anderen nicht vorschreiben können, wie er glücklich zu sein hat. Dennoch wollen wir ihn darin beeinflussen.

Für uns selbst aber blenden wir die Gefahrenquellen einfach aus. Für uns ist eine Reise ein Abenteuer, keine Gefahr. Der Drogenkonsum ein großer Spaß und kein selbstzerstörerischer Irrsinn. Da wir unterschiedlichen Formen wählen, glücklich zu werden.

Auf den Gedanken kam ich durch das Lottmann-Buch „Endlich Kokain“. Das Ich vorbehaltlos empfehlen kann.

In dem Buch geht es um einen dicken, jedoch gar nicht so alten Mann, dem die Ärzte aufgrund seiner Fettleibigkeit prognostiziert haben, dass es bald sterben könnte, und in ein paar Jahren sicher sterben wird. Der Mann (Stephan Braum)  wurde von seiner Frau verlassen und war bisher nicht sehr glücklich in seinem bürgerlichen Leben, bis er schließlich den Rat bekam, Kokain zu nehmen, um dadurch abzunehmen. Fortan konsumiert  Braum und steigt bei seinem Versuch abzunehmen immer tiefer ab in einen Drogensumpf, der ihm aber – oh ha – all die Wünsche erfüllt, die er sich früher nicht erfüllen konnte. Plötzlich hat er Sex mit jungen hübschen Frauen (auch wenn sie alle verrückt sind) und Freunde (auch wenn alle Drogensüchtig sind oder es waren) und findet genau die Lebensfreude, die er bisher vermisst hat. Der Kniff ist (ich bin noch nicht durch mit dem Buch) durchaus der, dass Braum zwar eine totale Wesensveränderung durchlebt und ein Opfer seines Konsums wird, er aber durch das Kokain genau das bekommt, wovon er immer geträumt hat.

Braum ist dabei selbstverständlich ein Sonderfall, denn er hat wirklich nichts zu verlieren, da er ein Todgesagter ist und nichts mehr zu bedauern hat. Das eigentlich Verwunderliche ist die Tatsache, dass er nicht stirbt. Alles andere ist ein Bonus.

Ich bin gespannt wie das Buch ausgeht. Wobei ich hoffe, dass es am Ende keines dieser typischen „Am-Ende-bereue-ich-Alles“-Bücher wird.

Denn Sterben müssen wir am Ende sowieso. Und wir sollten uns nicht von irgendwelchen Sorgen-Nazis einreden lassen, wovor wir uns zu fürchten haben, um länger zu leben. Länger, aber nicht glücklicher.

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