Modisch geht die Welt zugrunde – ein Genuß

Wieder habe ich mir die Vogue gekauft. Wieder ist es ein angenehmes Gefühl darin zu blättern (Ich habe schon einmal darüber geschrieben). Die Vogue ist ja auch ein wenig Menschenverachtung; Verachtung ihrer Probleme, ihres Leidens und eine Flucht hin zu den vom kleinen Mann als „extrabanal“ gedeuteten, von anderen als „Salz in der Suppe“ verstandenen Dingen. „Kunst hilft uns die Welt besser zu verstehen.“ Und Mode ist ja auch Kunst.

Diese Vogue-Welt ist die elitäre Weltspitze,  dass, was ich sonst Dekadenz nenne; die Rede ist vom Luxus an sich. Luxus ist nicht wichtig für das Überleben und damit ist Luxus ähnlich der Kunst, denn Beides zeigt durch seine Extravaganzen, ein anderes Verständnis zur und in der Welt.

 

Das Dilemma ist: Wir alle wollen es schön haben. Zuhause. Auf der Arbeit. In der Erholung. Früher wollte ich das nicht; früher war, bevor ich mein konservatives Glück mit meiner Freundin gefunden habe. Da war mir das alles egal und gleich, die oben erwähnte Extrabanalität des kleinen Mannes: Es gibt doch so viel Wichtigeres! Und das stimmt. Dabei hatte ich aber auch kein Auge für die schönen Dinge des Lebens, nur für jene, die mir als existentiell wichtig erschienen… Mein heutiges Ich würde ich wohl nicht ganz ernst nehmen, außer in dem Bestreben sich zu öffnen und weiterzubilden.

Ja. Schön geht die Welt zugrunde. Das lernt man sehr schnell wenn man eine Wohnung neu einrichtet und durch die endlosen, seelenlosen Parcours von Möbelhäusern schlendert, in denen, ganz Plastik-Life und Wohnungspornografisch falsche Leben ausgestellt werden, potentielle Idealleben, aber auch das Leben so, wie es sich die Industrie vorstellt. Und plötzlich und ganz schnell ist man gefangen in dieser Traumblase des Man-will-es-schön haben. Bedenken über Herstellungsarten, Ausbeutung von Menschen und konkreter Verarsche am Kunden (wie zum Beispiel im XXXL Lutz in Augsburg) werden über Bord geworfen, da alle total gestresst und gewahnt sind in dem Flash, es jetzt hier und total abklären zu müssen wie und was, damit man es zuhause SCHÖN hat. Gestern war es einem noch egal, heute, als Freund und Mann ist es einem plötzlich besonders wichtig. Und du weißt genau, dass du durch diesen kleinbürgerlichen Drang zur Schönheit einen weiteren Schritt tiefer in die Falle des weltweiten Kapitalismus geschritten bist und damit zum Problem wirst: Du bist, durch dein Ideal vom „perfekten Wohnzimmer“, zum konkreten Problem geworden – und wirst es sogar gerne. Motto: My home is my castle. Scheiß auf den Rest der Welt. Es geht nur um das UNS.

 

So sehr ich jetzt in diesem Gedankengang (der mich unterbewusst schon lange umgetrieben hat) selbst angreife, so ergeben bin ich dabei auch in die Tatsache selbst. Ja. Mit dem Nestbautrieb wird man Teil eines globalen Problems, denn 7 Milliarden können es zuhause gar nicht schön nach Katalog haben, ohne dass irgendwo auf der Welt Unrecht geschieht um diese Welt zu bewerkstelligen.

Das Schönheitsversprechen der Hersteller und Designer ist für mich DER Grund, warum diese Welt des Menschen zum Scheitern verurteilt ist. NICHT wegen dem Luxus. Nicht ob der Zerstreuung. Wenn Schönheit in Möbelhäuser an Pornografie grenzt, sind Luxus und Kunst ala Vogue und z.B. Theater (wir haben uns gestern ebenfalls in Augsburg den „Platonow“ angesehen) die Pornostars der Menschheit, Idealbilder, wie sie die Griechen und Römer früher als Götter und Halbgötter imaginierten. Asexuelle Wichsvorlagen fürs Gemüt.

Ich bleibe dabei. Die Welt der Menschen (nicht der Planet, der wird uns alle überleben) wird vlt hässlich untergehen, nur aber durch unseren Drang es bis dahin schön zu haben…

 

Wisst ihr, ich kann auch trotz dieser Überzeugung weiter ins Museum gehen, weiter dieses Mode-Blatt durchblättern oder auf stilvollen (oder extra stillosen) Partys feiern, denn es ist auch meine Überzeugung, dass man den Untergang, wenn man ihn schon nicht aufhält, doch wenigstens genießen sollte. Ich weiß auch gar nicht, wie man diese destruktive Spirale des allgegenwärtigen Schönheitsdrangs und –versprechen als einzelner aufhalten soll (außer, Achtung Wiederholung, in dem man sich am nächsten gesunden Baum aufhängt); wirklich nicht. Ich weiß nicht wie man aus dem System Mensch aussteigen soll, deshalb verachte ich ja auch die sogenannten Aussteiger sei, da sie glauben dass sie, wenn sie in einen anderen Waggon umsteigen, das Gleis zu wechseln. Das stimmt aber nicht. Denn egal wie viele Menschen ach so „alternativ“ denken, denken sie in Wahrheit nur die einzige und ebenso von der Gesellschaft vorgegebene Alternative, die Teil des Systems ist…

Es bringt alles überhaupt nichts.

Deswegen wähle ich trotzdem die richtigen Parteien. Deswegen trenne ich trotzdem meinen Müll. Deswegen verhalte ich mich dennoch moralisch. Das sollte ein Mensch so oder so machen. In den Möglichkeit die er hat. Denn dieses Kleinklein ist nicht wie die Lüge von der Weltrevolution die wir uns ständig erzählen und die uns irgendwann man „retten soll“, sondern das, was jeder Mensch machen kann, damit alles nicht sofort und gleich bergab geht. Immer noch der gleiche Zug auf dem immer gleichen Gleis, nur ein wenig verlangsamt. Schön ist es hier. Und damit sind wir zufrieden.

 

Ein Wahnsinn das Alles. Vielleicht auch ein Wahnsinn des Selbstbetrugs…

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Inszenierte Würde

Neben lächerlichen Mittelalter-Erzählungen lese ich dieses Wochenende die „Vogue“. Es war gar nicht so leicht das Magazin bei mir im Kaff zu besorgen. Mit Mode habe ich nicht viel zu tun und lebte in meinen Jugendjahren bis Ende 20 in totaler Verachtung gegenüber dieser aufgesetzten Scheinwelt, die die Menschen nur gleich machen will – und da der Mensch an sich nun einmal eher hässlich (oder versteckt schön) ist, eher Komplexe ausgelöst werden, als Wirklichkeit dargestellt.

Die Mode-Interviews der SPEX gefielen mir komischerweise sehr und nun habe ich mir also versuchsweise die „Vogue“ gekauft, die – was die meisten Männer nicht wissen – zu 90 Prozent aus Werbeanzeigen  der bekanntesten und dadurch besten Mode-Labels besteht (Prada, Chanel, Ralph Lauren, Gucci, Dior und wie sie alle heißen). Da wird viel geblättert und geschaut, wenn man den Sinn danach und die Augen dafür besitzt.

Doch  die zwei, drei Interviews fand ich sehr gut, mit Santigold (Musikerin), Schweighöfer & Florian David Fitz (Schauspieler) und Nicolas Ghesquiére (Modeschöpfer für Louis Vuitton). Unter der Woche blätterte ich auch durch das Gegenstück zur Vogue, den „Playboy“, und obwohl ich dort die Interviews ansonsten sehr mag, waren die mit Til Schweiger und Ben Stiller (beide Schauspieler) einfach nur doof und belanglos (wie man sich nun einmal Interviews mit Schweiger und Stiller vorstellt…)

 

Natürlich habe ich auch jetzt nichts für Haute Couture übrig, das ist mir viel zu abgehoben, doch ich verstehe langsam den Gedanken dahinter, die Idee dieser Scheinwelt, die man nur nicht zu ernst nehmen darf – was die Menschen leider machen, seien es die Kunden oder die Schöpfer. Denn für mein Befinden ist ein negativer Nebeneffekt des Feminismus (den ich ansonsten gut heiße – wenn es denn bedeutet, gleiche Rechte und Möglichkeiten für beide Geschlechter), dass es immer weniger „Damen“  und „Herren“ gibt. Die Geschlechter vermischen sich und manchmal kann man vom Gestus der Sprache und des Verhaltens kaum mehr zwischen Mann und Frau unterscheiden. Das ist natürlich eine Errungenschaft, doch diese vernichtet leider auch dieses typisch weibliche oder männliche, dass in unserer Zeit heruntergeschraubt wird auf den Begriff der „Tussi“ (weiblich) und des „Proleten“ (männlich). Wobei man doch durchaus sehr weiblich oder sehr typisch männlich sein kann, ohne wie eine Nutte oder ein Hafenarbeiter herumzulaufen, zu denken, oder zu fühlen. Ich vermisse das Intellektuelle Auftreten beider Geschlechter, auch in dem Stil wie man sich kleidet. Dieser ganzheitlichen Komposition, wie man sich gibt, aber auch handelt. Denn auch wenn der Hipster (gibt’s den außerhalb Berlins überhaupt noch? Das ist so 2012…) natürlich sehr Stilbewusst aussieht, lässt er meistens einen gewissen Grad von Männlichkeit in seinen Fähigkeiten wie in seiner Bildung vermissen (da kann der Bart noch so lang und gepflegt sein). Und auch bei den Frauen hat man mehr das Gefühl eines Entweder/Oders.

Von Würde in Stil und Sprache ganz zu schweigen.

 

Weiterhin ist die Mode-Industrie immer sexistisch. Der Punkt ist aber, dass sie das schon immer sein wollte. Sie ist eine Traumwelt, eine Kunstwelt, die immer nur als Vorbild dienen kann, nie als wirkliche Realität, auch wenn die sogenannten Superreichen glauben mit ihrem Geld diese Attitüde kaufen zu können – Träume lassen sich aber nicht nachkaufen. Sie lassen sich nur inszenieren und jede Inszenierung ist nur Abbild von etwas, was in Wahrheit nur im Kopf passiert. Diese Mode-Welt ist für mich eine Inszenierung einer Meditation von Würde; es geht darum wie man Würde darstellen würde, nicht wie man sie erreicht (denn man kann leicht Würdevoll sein ohne jemals teure Kleidung, Make-Up oder Autos zu fahren, nur, von außen ist es dann nicht zu erkennen, und der Umkehrschluss liegt eh auf der Hand: Du kannst dich noch so mit vielen Markenklamotten eindecken und jede Form von Würde vermissen lassen).

Die Mode-Welt ist die einzige Utopie einer „besseren Menschheit“, von der uns vorgespielt wird, an ihr teilnehmen zu können.

„James Bond“ ist der Prototyp dieser Welt, der immer gut aussehende Mann der im richtigen Moment immer zupacken kann – auch wenn er nicht gerade sehr vergeistigt daher kommt (na ja, wir als Publikum müssen uns ja noch mit ihm identifizieren können 😉 ).

 

Das kann man als abgehoben, blöde und vor allem überflüssig empfinden. Das ist legitim. Ebenso legitim ist es aber auch, dass einem dieses prollige Wir-sind-Alle-gleich-Getue auf die Nerven geht; ja, natürlich sind alle Menschen gleich! Jeder Mensch ist genauso kostbar wie der andere – jeder! Aber es ist dennoch legitim sich geschmackvoll zu verhalten und einige Stil-Regeln zu beachten, um sich ein wenig individueller zu fühlen. Und das Merkwürdige ist, dass sich in unserer Gesellschaft JEDER für unglaublich individuell hält (kommt mir jetzt ja nicht damit, dass jeder Mensch ein Individuum ist, darum geht es hier nicht), sich aber fast alle gleich verhalten und kleiden (gerade die Hipster und Tussis). Niemand will als zu abgehoben oder arrogant herüberkommen, so als ob das etwas Schlimmes wäre! Nein. Ich empfinde es als viel schlimmer wenn die Menschen sich sehr gewöhnlich und „natürlich“ geben und dann leider auch so denken, denn das sind dann diese Leute, die keine anderen Meinung zulassen und glauben mit ihrer ungebildeten Bauernschläue den wirren Gutmenschen und „abgehobenen Individualisten“ einen entscheidenden Schritt voraus zu sein, da denen ihre Bildung im Weg steht.

 

Aber nein, das ist für mich kein Grund ein Jackett für 2000 Euro zu kaufen oder Schuhe für 500, nur um mich so zu fühlen als wäre ich etwas „Besseres“. Nein. Es geht darum ein wenig in einer Traumwelt zu leben und nicht nur dumpf vor sich her, in dem man nicht nur simple Funktionalkleidung von „H & M“ oder sonst wo trägt, von der jeder weiß wie die hergestellt wird, sie aber billig und damit plötzlich gut ist.

Es geht darum Stil zu haben. Und die einzige Form von zur Schau getragenem Stil ist für mich die Kunst-Welt der Mode.   Es geht um Attitüde an sich. Nicht um Schuhe, Hosen,  oder Blusen/Hemden… Es geht um Würde. Auch wenn der Kontext dieser Form von Würde leider nur auf das Äußere begrenzt wird. Schöner wäre es, wenn es in Wahrheit um zur Schau getragenen Intellektualität gehen würde – doch davon sind wir leider weit entfernt und deswegen wir meine Vorstellung von Mode meine eigene, kleine Traumwelt bleiben. Für immer.  Und weil es nur ein Traum ist, laufe ich als modisches Desaster herum…