Meine Mutter ist schuld.

Paul verlor seine Mutter in seinen Jugendjahren und auch wenn er sich das niemals eingestehen würde, so hatte ihn das sehr geprägt.

Er verlor sie nicht auf einen Schlag. Es gab nicht „das Ereignis“. Sie verwelkte über die Jahre vor seinen Augen, ohne dass das Kind welches er war, begreifen konnte was damals vor sich ging.

Mutter liebte ihn. Vielleicht nicht mehr oder weniger als seine beiden Geschwister und er stellte auch keine Vergleiche an, wen Mutter mehr liebte. Aber sie liebte ihn. War immer für ihn da und wenn man im Nachhinein verstand wie sehr abgekoppelt diese Frau von der Realität war, war es auch kein Wunder, wie „anders“ sie sich als andere Mütter verhielt.

Später, als die Frau lange fort war, weggesperrt in einer Einrichtung mit 24 Stunden Umsorgung, erinnerten sich er und seine Geschwister nur daran, was ihre Mutter ihnen alles vorenthalten hatte, was ihnen im Vergleich zu anderen Kindern gefehlt hatte.

Mutter liebte ihre Kinder und wollte sie vor allem beschützen. Für sie waren ihre Kinder immer ihre Babys und sie ließ sie, auch wenn andere Eltern dies vom Gedanken her ähnlich praktizieren, nie erwachsenwerden. Sie wollte die Kinder vor allem schützen, was sie vergiften könnte. „Gift“ war sowohl die Ernährung, als der unsittliche Umgang mit den Geschlechtern und davor versuchte sie Paul und seine Schwestern zu behüten, einerseits durch Aufklärung, andererseits durch die blanke Abwesenheit davon. Sie konnte stundenlang über die Giftigkeit von Zucker referieren, den Zusatzstoffen im Essen, der Monsterdroge „Coca Cola“ oder der heilenden Wirkung von Dinkelkorn (sie blieb zeitlebens ein Dinkelfan und war davon überzeugt, das Dinkel Krebs heilen konnte), nur von den Vorzügen oder auch Gefahren der Sexualität   erzählte sie nie. Sie erzog ihre Kinder in einer Reformhaus-Gesundheitsblase, der sich mit katholisch religiösem Eifer für die Monogamie aussprach, was sicherlich auch daran lag, dass ihre Ehe sich langsam als ein einziges Desaster darstellte.

Am Ende wollen Kinder, ganz egal ob sie 7 oder 37 Jahre zählen, genau das haben, was ihnen in der Kindheit verwehrt blieb. Und so sprachen Paul und seine Schwestern Jahre, Jahrzehnte später, nur über das, was ihnen versagt blieb, am Meisten blieb der Entzug von Zucker in Gedächtnis. Zucker, Süßigkeiten, das gab es für sie nicht. Und es wurde fast schon ein Klassiker das Paul auf fast jeder Familien-Feier die Geschichte von dem „Lutscher“ erzählte.

Mutter hatte ihm einen „Lutscher“ geschenkt. Einen von diesen biologischen Dingern, ohne Farbstoff, mit reichlich wenig Zucker und noch weniger Geschmack. Kein Riesen-Lolli oder etwas dergleichen. Ein ganz normaler Lutscher. Paul durfte ihn eine Minute lang genießen, dann stellte sie ihn ein Glas. MORGEN dürfte er daran weiterlecken. Sie gab Wasser in das Glas um ihn „frisch“ zuhalten und am nächsten Tag – wir können es uns denken – war der Lutscher verschwunden. Der kleine Paul war am Boden zerstört. Auch wenn er sich daran nicht erinnern konnte, wie sehr er nach dem „Verschwinden“ des Lutschers geweint hatte, so vergaß er doch nie die Geschichte an sich. Die Geschichte darüber, wie er von seiner Mutter um einen weiteren Genuss betrogen wurde.

 

Seine Mutter glaubte, durch den Entzug von Giften die Kinder auf die Zukunft vorbereiten zu können, doch sie verstand nicht, dass sich Kinder, dass sich Jugendliche hin und wieder die Finger verbrennen, sich immer wieder Gefahren aussetzen müssen, um komplette erwachsene Menschen zu werden. Seine ältere Schwester Claudia, die ein paar Jahre jünger war als sein Bruder Kurt, wurde durch den „Schutz“ der Mutter nicht auf die harten Tatsachen der Liebe vorbereitet.

Claudia ging in den 80ger Jahren, den Jahren von Pauls Kindheit, auf eine Klosterschule, und die Nonnen fühlten sich auf dieser gymnasialen Klosterschule nicht verpflichtet im Biologie-Unterricht ihre Schützlinge über die sexuellen Tatsächlichkeiten aufzuklären. Es lag nicht nur an den Nonnen, auch am Zeitgeist selbst, der in einer Kleinstadt (einem großen Dorf mit angeschlossener Kloster mit Behinderteneinrichtung) auch in den späten 80gern eines noch nicht wiedervereinten Deutschlands vorherrschte, dass man auf die sexuelle Aufklärung nicht so viel Wert legte, auch wenn das „Video-Heim-System“ und der „Playboy“ sich Mühe gaben, wenigstens in irgendeiner Form ihren Beitrag zu leisten. Es war eine naive Zeit, in der entweder gar nicht über die Sexualität gesprochen wurde (wie in unserer Familie) oder nur über die Romantik von Hollywood-Filmen, in denen „Dirty Dancing“ wirklich schon als „dirty“ empfunden wurden. Claudia war eine unterzuckerte Prinzessin, die sich unter dem Liebesakt zwar vorstellen konnte was dort geschah, die Realität aber kam für sie mehr einer Vergewaltigung gleich, die mit ihren Schrecken an die Hochzeitsnacht einer arrangierten Zwangsehe erinnerte, in der der Mann schon fast sein ganzes Leben hinter sich gebracht hat und die „Frau“ ein kleines Dummchen von 13 Jahren ist, das nicht erahnen konnte welche Schrecken ihr die Wirklichkeit über „gemachte Liebe“ beibringen würde. Und auch wenn viele Faktoren dazu beitrugen, dass Claudia nicht verstand wie schmerzhaft es sein konnte, einfach so „durch gefickt“ zu werden, blieb die Wut immer bei ihrer Mutter zurück. Mutter. Die sich selbst als Heilige empfand die über den Dingen stand und damit  ihr Umfeld in den Dreck warf…

 

Ein weiterer verworfener Text für den Roman… Der Stil hat mir nicht gefallen… 

 

 

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Der weltbeste Irgendwas

Einmal wäre er gerne „der Beste“ gewesen, in irgendetwas. Der Beste in der Schule. Der beste Autofahrer. Der klügste Redner. Der schönste Auftrumpfer. Der geistreichste Vermittler. Gewinner der Weltmeisterschaft im Brotschmieren. Verteidiger des Titels als bester Filmkenner. Europameister im Schuheaussuchen. Eine Legende in Taktik. Weitsicht. Linguistik. Drogenkonsum. Ganz egal was. Auf welchem Feld. Auf welcher Ebene. Er wollte einfach nur einmal anerkannt werden. Bewundert. Geachtet. Nur für 5 Minuten. Eine Stunde. Eine Woche. Einen halben Tag. Nicht für immer also. Er wollte nur einmal gesehen werden. Von der Welt. Der Familie. Den Frauen. Hätte so gerne einmal eine Hand auf seiner Schulter ruhen gespürt. Achtsames Schulterklopfen. Respektvoller Blick.

 

Es war keine Schande und auch kein Joch für ihn nur Mittelmaß zu sein, denn das Mittelmaß gehört dazu zum Leben im Jahre 2015. Nein. Das war nicht sein Problem. Aber gerne einmal würde er heraus strahlen aus dem Nichts, wie ein kleiner Stern am überwältigenden Firmament, der kurz aufblitzt und aufflackert und nachdem die Menschen den Kopf drehen, verwundert, wenn auch nicht aufgeschreckt. Er wollte keinen Warholschen 15 Minütigen Ruhm von dem er als C-Promi sein Restleben lang zehren könnte, wie ein One-Hit-Wonder, dass man insgeheim verlacht und dessen Hit man dann doch mit summt. Nein. Er wollte es nur für sich. Ein Moment der Lebendigkeit die seine bloße Existenz wenigstens vor ihm rechtfertigen könnte. Und voller lauter Wut verlachte er die Amerikaner, die dem Klischee nach ihre Kinder damit belügen, dass sie „etwas ganz Besonderes“ seien, was nicht der Wahrheit entspricht und wodurch arrogante Idioten konditioniert werden, in Wahrheit jedoch war er traurig, dass in ihn niemals jemals auch nur einen Funken Hoffnung gesetzt hatte. Keine Mutter. Kein Vater. Kein Geschwister. Kein Lehrer. Kein Freund…

Man mag das Selbstmitleid nennen. Und vielleicht war es das auch, selbst wenn er sich das niemals eingestehen würde. Unter dem bitteren Mantel des Selbstmitleids schlummerte jedoch auch ein Traum, eine Phantasmagorie, von einem besseren, sinnvolleren Leben. Meistens kam er auf solche Gedanken nach einer Drogennacht. Nach dem ersten Schlaf. In den Stunden. Wenn der Körper irgendwann einfach einmal umkippt da die Chemie im Körper ihre Andock und Wirkungsstellen verloren hat. Wenn er also frisch verwirrt aufwachte und sich fühlte wie ein kleines bisschen Niemand, und doch noch keine wirkliche Depression in sich finden konnte. Beim Rückschritt in die normale Welt, weg, aus dem Mikrokosmos des Rausches. Bevor der Entzug einsetzen könnte.

Gerne wäre er wieder WER gewesen. Jemand. Der er scheinbar niemals gewesen war. Vielleicht in seinen Träumen. In den Verwirrungen seines Daseins. So als ob ein gewisses Ding in ihm Schlummern würde, ein Ur-Ding, welches in jedem von uns eingemauert ist, nur er konnte es hin und wieder spüren, ja, fast greifen, die Berufung, die an ihm nagte und doch niemals hervordringen konnte, wie ein Seefahrer, der drei Leben in sich spürt: Das Leben auf der See, das Leben in der Fremde und der Langweiler, den man aus der Heimat kennt und dem man nichts anderes zugesteht als dieses eine, letzte und ewige Leben, dass er schon vorher und immer geführt hatte, ganz gleich was er auf See und der Fremde auch geworden war. Denn man lässt die Menschen immer nur so sein, wie man sie kennt. Niemals, wie sie sind.

 

(Das war ein Text-Versuch aus dem Sommer für einen neuen Roman für den ich einfach zu faul bin, ihn wirklich zu schreiben…)