Das Glück der anderen

Ich will mich nicht immer erklären müssen. Ich will verstanden werden. Dafür ist ein Mindestmaß an Empathie nötig; jene Empathie, gleicher Form, die ich euch gegenüber ebenfalls aufbringe. Wir sind Freunde. Da müssen die Erzählungen nicht immer wieder bei Eva und Adam beginnen.

Ich verstehe. Verstehe die Wut. Verstehe die Gier. Und ich verstehe den Schmerz, den man  mit einer lachenden, polternden Robustheit von sich vorschiebt. Vorrübergehende Blindheit kann manchmal nur im Nachhinein als solche erkannt werden. Solange sieht man seine Schwäche als Stärke an. Gleichfalls sind wir alle zu jeder Zeit blind für gewissen Aspekte des Lebens, die uns im Später erst gewahr werden können. Und doch ist man nicht „nachher immer schlauer“. Das ist nicht wahr. Nachher sieht man die Welt einfach anders. Selbst wenn sich Gesichter nicht großartig ändern. Prioritäten tun es.

Irgendwo muss es dann um den gemeinsamen Level gehen. Dass, was vom Herzen übrig bleibt. Da wäre es doch gar nicht so schwer sich gegenseitig anzuerkennen. Wenn man denn will.

Aber Anstrengungen, Bemühungen, kann man heutzutage ebenso leicht aus dem Weg gehen wie der Langeweile. Wer würde sich auch den eigenen Neid gerne eingestehen? Ich habe. Dafür. Mein ganzes. Bisheriges. Halbes. Leben. Gebraucht.

Das Sprichwort von „den Früchten im Garten des Nachbarn, die einem besser als die im eigenen Garten erscheinen“, ist wahrer als man sich eingestehen will. Weil so gut wie jeder zu sich sagt (und es heute auch von allen Orten eingeredet bekommt), dass er nicht so  wie die anderen sei. Man selbst hält sich ja für stärker und klüger. Nur wer ehrlich zu sich selbst ist sollte sich eingestehen können, dass wenn man nicht so ist wie die anderen, diese in ihrer Andersartigkeit auch Stärken gegenüber einem selbst besitzen, um die wir sie insgeheim beneiden. „Ich will nicht so sein wie du“, kann nicht bedeuten, ich bin in allem besser wie der andere. Es heißt nur. Dass man sich in bestimmten Situationen anders verhalten will. Eine Generalisierung ist immer ein Trugschluss. Deswegen ist es falsch sich ständig zu sagen, dass die Früchte im Garten des anderen immer besser sind. Immer schlecht. Oder dass sie uns nie interessieren. Das sind alles Lügen. Tatsache ist dagegen: Mein Nachbar ist mein Nachbar. Wir haben beide Früchte im Garten. Und je nach Gefühls- sowie Lebenslage beurteile und vergleiche ich uns unterschiedlich miteinander.  Wie immer sind die „Extreme“ das Problem. Nicht der manchmalige Neid. Nicht das hin und wieder auftretende Gefühl der stolze Gewinner zu sein. Das Extrem vom ständigen Gewinnen und seinem Gegenteil machen uns blind und roh; wer sich ständig für einen Gewinner-Typ hält, sieht seine Schwächen nicht mehr, wie der ständige „Verlierer“ sich seine Stärken nicht mehr zugestehen kann. Wer zu anderen empathisch sein will, sollte es auch zu sich selbst sein können. Wer also meiner Meinung nach über andere urteilen will, sollte auch über sich selbst urteilen können.

Neid ist ein stärkeres Gefühl als ich dachte. Es gab Zeiten. Jahre. Da glaubte ich frei davon zu sein. Weil ich den Mangel an bestimmten Dingen in mir selbst überspielte. Wobei genau diese Mangelerscheinung die Triebfeder für jeglichen Neid ist.

Ich verstand mich selbst nicht als ich behauptete, dass meine Freunde schlechte Freunde wurden, nur weil sie Kinder hatten. Verabscheute ihre neue Rolle. Verabscheute Kinder an sich. Nur weil ich selbst in mir einen Mangel spürte. Den Mangel nicht dazuzugehören. Die Tatsache zu fühlen. Dass mir etwas entgeht und fehlt. Ich musste in meiner eigenen Zeitrechnung sehr alt werden um das zu verstehen. Ganz begriffen habe ich es vielleicht heute noch nicht.

Heute führe ich eine tolle, liebevolle Beziehung, in der es mir an nichts mangelt. Ich habe alles. Ständig gehe ich auf Konzerte von angesagten und/oder legendären Bands. Mache Urlaube in Köln, Bulgarien, Singapur. Kann mir kaufen was ich will. Und habe eine mich liebende Freundin, die ich eines Tages heiraten will. Die mich, und das ist das Wichtigste, aushält und erträgt. Die nicht nur ein höheres Einkommen als ich einfährt, die mir auch in vielen Geistesdingen voraus ist. Mein Leben an diesem Elften Elften Zweitausendundsiebzehn ist übervoll mit guten, mit hervorragenden Dingen. Und erst jetzt spüre ich, was Neid ist. Denn den eigenen Neid spürt man weniger als den Neid der anderen. Getuschel wird an mich herangetragen. Die habe dieses und jenes gesagt. Deswegen haben sich der und die so und so verhalten, wie man es selbst nicht erwartet hätte. Manche meiner Freunde. Einige meiner Bekannten. Sind neidisch auf mich und meine Freundin.  Anders kann ich es mir nicht erklären. Obwohl ich jedem das gleiche Glück wie mir gerne gönnen würde. Jetzt.

 

 

Kuriose Sache: Die Abwesenheit von Neid macht einen hier mehr zum Außenseiter, als die polternde Bosheit anderen ihr Glück nicht zu gönnen.

Sowie es allen Anschein nach auf andere besser wirkt, ein Drogensüchtiger Versager zu sein. Den man bemitleiden kann.

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In aller Freundschaft: Die Vergangenheit endet nicht

„Was is?“ Daft Punk haben mich geweckt. Mit ihrem Lied/mein Klingelton „Human after all“ haben sie mich aus dem Reich der Träume gerissen, in welchen ich durch Berge und Täler voller Zuneigung und Ablehnung gewandelt bin, ohne zu wissen was Realität überhaupt ist; absolutes, erschreckend klares Traumbewusstsein. Zweites Gesicht.

Der Mund zu dem englischen Namen auf meinem Display krakelt: „Kannst du mich sofort abholen und zu meinem Auto fahren? Ich muss doch meine Tochter abholen!“

Ich seufze. Dann. „Okay. Aber nur wenn du dir dieses Mal nen BH anziehst.“

„Was?“

„Bin gleich da.“

Freunde. Was wäre das Leben ohne sie? Ohne diesen ständigen Input ihrer Charaktere. Ihrer Liebe. Ihrer Lautheit. Ihrem Mitgefühl. Ihrer Wut… Dieser Konfusion wenn verschiedene Gefühlswelten aufeinanderprallen und man im Prinzip gar nicht wirklich versteht, weshalb man mit diesen Menschen befreundet ist, und was die wiederum an einem selbst finden. Man mag und versteht sich – und das reicht. Eine absolute unkomplizierte Bindung zueinander, die man bei echten Freundschaften nicht wirklich in Frage stellt. Wieso auch? Das ist halt einfach so.

Ihr Lippenstift ist blau, das Gesicht bleich geschminkt, die Haare dunkelst schwarz gefärbt. Das Schlagwort heißt: „Technopagen“. Eine Mischung aus Schamanismus und Technologieverliebtheit. So eine Cyberpunk-Geschichte.

Sie zieht die Zusatzlose Lucky Strike aus ihrem blauen Mund und hält sie mir hin: „Da zieh doch mal! Fährst mich ja extra.“

„Ne danke. Dafür ist es jetzt echt zu früh. Und wieso fährt dich eigentlich nicht dein Typ von gestern zum Auto?“

Ich bremse meine Karre bei ihrer ab, woraufhin sie mich auf die Wange küsst und dort einen blauen Fleck zurücklässt, der gar nicht weh tut.

Und was jetzt?

Beim Bäcker treffe ich X, den großen Bruder von Y, wie er gerade sein Kleinkind in den Kindersitz bindet. Wir geben uns die Hände. Smalltalk. Das letzte Mal habe ich X vor ein paar Jahren gesehen, als er irgendeinem Kerl die Scheiße aus dem Leib geprügelt hat; wortwörtlich, echt jetzt. Keine Ahnung worum es da ging und ich habe meine Zweifel, ob X darauf heute oder am Tag nach der Aktion darauf eine vernünftige Antwort hätte geben können. Jetzt hat er seinen eigenen kleinen Scheißer. Und die sehen ganz glücklich aus. Auch wenn das Kind wie irr zu schreien anfängt, als wir beginnen uns zu unterhalten.

Dann wieder die Hände.

Und schon wieder das Telefon.

10 Minuten später steige ich hinten in den großen, schweren, schwarzen SUV. Sehe durch das Glasdach den blauen Himmel an. Dann stehen wir auch schon im Rohbau, den er sich einen verdammten Haufen Geld kosten ließ. 20 Meter über den Boden, wo letztes Jahr zu dieser Zeit nur eine Grube war. Ein Firmen- und Wohngebäude. Und wie wir da so stehen in der ganzen Wucht des Neuerbauten kann ich dazu nur sagen: „Fuck. Das Ganze sieht so gut aus, man kann sich gar nicht vorstellen, dass du damit etwas zu tun hast.“ „Ich habs ja nicht gebaut oder geplant, sondern nur bezahlt. Komm. Ich zeig dir jetzt mal deine Wohnung.“
Wir gehen also wieder runter vom Penthouse und er zeigt mir eine große, weitläufige Ziegelwohnung, in der ich gut und gerne mit meiner Freundin leben könnte. Seine Frau sagt zu mir: „Der Marmor aus Italien kommt noch.“ Ich nicke. Sehe aus dem frischverglasten Fenster runter zum anliegenden Friedhof. „Ideale Nachbarn“, zwinkert er mir zu.

Wir kennen uns seitdem wir Kinder sind. Haben fast alles miteinander geteilt; die guten und schlechten Freunde, und ebensolche Frauen und Drogen. Haben jeden Quatsch zusammen gemacht. Und die Vergangenheit endet ja niemals wirklich. Die Gegenwärtigkeit unserer gemeinsamen Historie bestimmt jeden Moment während wir zusammen sind. Lausbuben. Schwerenöter. Gelegenheitsjunkies. Witzfiguren. Klugscheißer. Beste Freunde fürs Leben. Und bei aller Freundschaft und Dampfstrahlduschen: Will ich mit dem dann auch noch wirklich in einem Haus wohnen? Das kann doch gar nicht gut gehen…

Er lacht sein großes schweres supersympathisches Lachen und ich kann nicht anders als einfach mit zu Lachen. Wie immer.

Im Briefkasten zuhause finde ich dann doch die Fußball-Karten für nächste Woche, die ich gestern dort wohl übersehen hatte. Eigentlich wollte ich lieber feiern gehen anstatt ins Stadion, die Ukrainerin Marika Rossa legt ihren Stampf-Techno in Augsburg auf. Man hat sich stattdessen auf einen Kompromiss geeinigt, auch wenn der Kompromiss von mir kam. Der andere fühlte sich zu wichtig zum Einlenken. Solche Freunde habe ich auch. Eine ganze Menge sogar. Die, auf die ich wegen meinem Gemüt wohl meistens hereinfalle.

Diejenigen, die erst aus den unterschiedlichsten Gründen den Psychorappler bekommen und dann, wenn es ihnen nach einiger Zeit wieder besser geht, sich erst recht wie Arschlöcher aufführen. Denn sie verstehen nicht, dass sich in ihrer schlechten, psychisch kranken Zeit alles um sie drehen musste, wofür ich Verständnis habe, aber dann immer (bei wirklich jedem) nach der Krankheit sich ein neues Selbstbewusstsein entwickelt und sie sich deswegen – da sie sich geheilt fühlen – noch viel schlimmer, blöder und egoistischer verhalten als jemals zuvor, da sie jetzt glauben, dass sie sich nun nach der langen Krankheit ein gewisses Verhalten verdient hätten und sich ihr Mittelpunktsverhalten einfach vorsetzt, wofür ich kein Verständnis habe.

Wie wäre es denn mal mit ein wenig Demut? Mit Dankbarkeit? Mit Respekt?  Nun. Mit mir kann man das leider machen.

Warum hängst du überhaupt  mit denen rum? Fragen mich Freunde über meine anderen Freunde. Und für mich ist die Antwort ganz einfach: „Weil wir Freunde sind.“ Loyalität hat viel mit Liebe zu tun; Liebe soll bekanntlich auch blind machen.

Wenn ich von hier 500 Kilometer weit wegziehe sollte werden mir meine Freunde sehr fehlen. Aus den falschen und aus den richtigen Gründen. Aber ja. Die Vergangenheit endet nie.