Der Terroranschlag in Berlin und seine Gewinner und Verlierer

Am 10.03.2006 raste nicht weit von hier ein Kleintransporter ungebremst in einer Trauergemeinde. Der Fahrer hatte einen Herzinfarkt erlitten und töte damit 3 Menschen und verletzte 50 schwer. Daran musste ich denken als gestern die Meldung durch getickert wurde, dass ein LKW mit hoher Geschwindigkeit in einen Weihnachtsmarkt in Berlin gerast ist und (Stand heute, am Tage danach) 12 Menschen tötete und ebenfalls 50 schwer verletzte.

Meine Freundin und ich sprachen diese Woche darüber, dass wir letztes Jahr an Silvester in München einer Terrorwarnung ausgesetzt waren und was für ein Zufall das war, dass wir am Neujahrstag genau in dem gleichen Mc Donalds waren, in dem Monate später ein einzelner Amokläufer wahllos sein Feuer auf Passanten eröffnete (noch heute liegen dort Blumen um der Toten zu gedenken).

Ein leichtes Gefühl von Terror glaube ich deswegen zu kennen und deshalb würde ich nicht in den Tenor einstimmen, dass der Terror jetzt auch UNS erreicht hat. Für mein Gefühl spielt es keine Rolle ob Leute in Frankreich oder Berlin von fahrenden Mordmaschinen getötet werden: Es ist gleich schlimm. Es ist für mich die gleiche Gesellschaft.

Schlimm, tragisch, unmenschlich, wahnhaft und viel zu unfair ist so ein Terroranschlag immer. Und vor allem feige. Wobei ich aus meiner Warte heraus gar nicht sagen kann (Stand jetzt) aus welchen Motiven der Mörder gehandelt hat, der (das folgt alles meinem Wissensstand nach) den Fahrer des LKWs töte und das Gefährt stahl um damit zu töten. Sicher ist, dass es aus Hass auf unsere Gesellschaft geschah. Religiöse Motive drängen sich auf, die drängten sich aber auch auf bei dem Amokschützen in München und bei dem absichtlichen Absturz des German Wings Flugzeug auf. Noch. Wissen wir so gut wie gar nichts. Halbinformationen hängen im Raum, nach denen der Attentäter aus Pakistan kommen soll, hier schon straffällig war und mehrfach seinen Namen gewechselt haben soll (wobei man inzwischen nicht einmal mehr sicher ist, ob sie den richtigen Mann haben).

Für meinen Begriff gibt es Terroranschläge – und Terroranschläge. Eine Form des Terroranschlags ist die einer Organisation, Al-Qaida am 11ten September von mir aus. Die andere Form ist der irre Einzeltäter. Ich finde, das sind zwei unterschiedliche Dinge, auch wenn es am Ergebnis nicht viel ändert, dem Tod und das Leid der Opfer. Der Unterschied ist, dass man gegen eine Organisation vorgehen kann, gegen Einzeltäter ist dieser Kampf fast sinnlos. Organisationen kann man infiltrieren, sie verfolgen und zerschlagen. Der Einzeltäter ist einfach nur einer unter Millionen. Ironischer weise ist es schwerer einen Einzelnen aufzuhalten, als eine ganze Organisation.

Sollte es sich beim dem Mörder um einen Menschen handeln, der in Deutschland Schutz gesucht hat, greift natürlich die AFD-Rhetorik, die wie immer nach solchen Gewalttaten um sich greift. Ja, dann hat dieser Mensch den Schutz den wir ihm geboten haben ausgenutzt um Mitbürger wie dich und mich zu ermorden. Das ist schlimm. Und ja. Es sind Millionen Menschen zu uns gekommen und ja, rein Mathematisch gesehen besteht ein erhöhtes Gefahrenpotential, dass es viele Gewalttäter unter diesen Flüchtlingen gibt (so wie es immer ein erhöhtes Gefahrenpotential gibt, wenn viele Menschen irgendwohin kommen, schließlich steigt mit jedem Menschen das statistische Risiko einer Kriminellen Tat, egal aus welcher Kultur er kommt u welche Hautfarbe er hat). Das ist nicht von der Hand zu weisen. Richtig ist aber auch. Das verhälnismäßig wenige der Flüchtlinge  Straftaten begehen (außer der Straftat, sich illegal in diesem Land aufzuhalten, was auch schon ein Teil der Statistik ausmacht). Und wenn wir schon bei unfairer Mathematik sind, was wäre geschehen wenn wir (gerundet) eine Millionen Menschen nicht nach Europa gelassen hätten, und deswegen davon (geschätzt) 30000 gestorben wären? Wie viele Tote Flüchtlinge ist dann ein Europäer wert? Diese Mathematik ist Menschenverachtend. Doch wer A sagt…

Ich will diesen Anschlag nicht kleinreden. Ich glaube, dass das niemand macht – auch wenn ihr Menschen wie mich als Gutmenschen verlacht – das hat auch keiner bei den Terror-Anschlägen in Paris gemacht.  Nur bei dem was im Bataclan geschehen ist, fühlte ich mich mehr angegriffen als bei dem was jetzt in Berlin passiert ist, denn Feiern und auf Konzerte gehen ist nun einmal meine Lebensart. Und ich habe nicht damit aufgehört auf Konzerte zu gehen, nur weil es verrückte Menschen auf der Welt gibt. Auf Weihnachtsmärkte gehe ich eigentlich nicht. Und ich werde jetzt auch nicht anfangen demonstrativ Glühwein zu saufen und mich auch noch dabei abzulichten, um unsere freiheitlichen Werte zu unterstreichen. Was für ein Unsinn. Es gilt das Gleiche. Heute wie damals. Ja. Ihr könnte uns töten. Ja. Ihr könnt uns erschrecken. Aber nein. Wir werden uns nicht ändern.

Und es ist und bleibt ein feiger Mord, der nichts mit dem Begriff „Märtyrer“ zu tun hat, wenn man Leute hinterrücks erschießt oder überfährt. JEDE Religion verurteilt das.

Ich habe die AFD erwähnt, die natürlich gleich wieder „Merkel“ (so wird die Kanzlerin sogar jetzt schon in der Tagesschau genannt) und den Flüchtlingen die Schuld gibt. Wäre dieser Mann ohne MERKEL hier? Man weiß es nicht. Ganz egal wie sich die Umstände in der nächsten Zeit klären: Die direkte Schuld hat bis jetzt und in alle Zeit der, der tötet. Und jene, die hetzen, sei es in einer Regierungspartei, der Opposition oder auf der Straße. Hat derjenige Schuld der Mitleid hat? Der Mitgefühl zeigt? In anderen Kulturen mag dies der Fall sein. Vielleicht wird es auch bei uns irgendwann soweit kommen, wenn die Gefühllosen gewinnen. Jene, die Menschen hassen weil sie anders sind. Weil sie die falsche Religion haben. Oder die falsche Hautfarbe. Noch ist er aber zum Glück nicht soweit.

Ich fand es auch nicht gut dass so viele Flüchtlinge unregistriert in dieses Land kamen; zu ändern ist es jetzt nicht mehr. Da könnt ihr noch so viel Hass verbreiten und mit dem Hass genau das erzeugen, was ihr euch vorgestellt habt: Eure selbsterfüllenden Prophezeiungen. Das ist ja der Witz an solchen Organisationen wie der AFD, dass sie nicht sinnvoll gegen das Ankämpfen was sie befürchten, nein, sie forcieren die Entwicklung lieber um am Ende sagen zu können: Seht wie Recht wir hatten. Doch wer wirklich Angst um dieses Land hat, der muss gegen die Angst ankämpfen, gegen den Terror arbeiten und keinen Gewinn daraus schlagen.

So werden wir Alle verlieren.

Advertisements