Gewinnen kann jeder

Nach der Ansprache von Crazy Cadoc, muss er schwer schlucken, während sein Unterbewusstsein sich an eine ähnliche extreme Szene erinnert.

 

Damals war er noch ein kleiner Junge gewesen. 7, acht, vielleicht auch 10 oder 6 Jahr alt, er wüsste es nicht mehr und es macht auch keinen Unterschied wie viele Lenze er damals zählte. Es war ohnehin schon längst und tief verschüttet, im Bergwerk seiner Seele.

In jener unbestimmten Zeit, wollte er zu einer „Bande“ dazugehören. In seiner Kindheit gab es so etwas noch. Klar definierte Gruppen, die sich, wenn sie das Wort verstanden hätten, „cool“ vorkamen zusammen abzuhängen.  Und auch wenn man im Prinzip nicht wirklich beliebt oder „besonders“ war, gab es doch Möglichkeiten zu so einer Bande zugehören: Eine Mutprobe. Solche Dinge gab es früher, in der der Proband, der Weltraumaffe, in eine Situation geschossen wurde, in der er sich beweisen und Charakter zeigen musste. Was für eine herrliche alte Zeit. Als noch nicht der Materialismus Kinder ihren Rang zuordnete. Nein, der Charakter war es, der geprüft, gewogen und hiernach als gut oder schlecht befunden wurde. Überflüssig zu erwähnen, dass auch diese Gesellschaftsstruktur nicht zu jedem fair sein konnte, denn wie die finanziell Ausgestoßenen heute gab es damals jene, die einfach nicht so taper oder lebensmüde sein konnten wie die anderen.

 

Er konnte sich beim besten Willen nicht an die Rede vom Banden-Chef Udo Kovacic erinnern. Denn Erinnerungen an uralte Erinnerungen sind immer durchsetzt mit der jeweiligen Gegenwart, aus der man zurückdenkt, weswegen immer mehr bewertete Vergangenheit zum Damals dazu addiert wird.

Sicher war, dass Kovacic wollte, dass er eine Schlägerei verlieren sollte. Ungesichert ist der Text der folgenden Rede:

„Du beginnst einen Kampf – und du verlierst ihn! Du gehst rüber zur Bande von Max, redest die dumm von der Seite an und lässt dir ein paar ordentlich reinhauen. Aus dem ganz einfachen Grund: Wer einmal ein paar verpasst bekommen hat, der ist ein richtiger Kerl. Und wer einmal einen Kampf verloren hat, der weiß was Wut und Ehre wirklich bedeutet. Denn mit der Schande des Verlierens ist mehr moralische, innere Ehre verbunden als mit einem Sieg. Gewinnen kann im Prinzip jeder. Glück gehört bei jedem Kampf dazu. Die Tagesform auch. Du aber, du wirst verlieren. Ich weiß, du hast Angst zu Kämpfen. Und du hast Angst vor den Schmerzen. Das ist normal. Und das ist auch sehr gut so. Aber diese Erfahrung wird dich abhärten. Sie wird einen Mann aus dir machen. Dann gehörst du zu uns. Und WIR passen auf das unseren Leuten nichts passiert.“

 

Daraufhin musste der Junge der er damals war, schwer schlucken, so wie jetzt. Dann ging er los, fing Streit an und bekam ordentlich aufs Maul. Und ja, er wurde Teil der Bande von Udo Kovacic. Viel wichtiger jedoch war es die Erfahrung gemacht zu haben, dass man, selbst wenn man der eindeutige Verlierer ist, als Gewinner aus einer Situation hervorgehen kann. Denn du gewinnst, wenn du eine Prüfung überstehst und deine Schlüsse daraus ziehst.

Das wusste er auch jetzt. Hier, in der Gefängnisdusche, umringt von nackten Männern.

Okay, er war Zeit seines Lebens nicht immer auf der Gewinnerstraße geblieben. Hatte trotz vieler Prüfungen nicht jedes Mal die richtigen Schlüsse gezogen. Ein schlechter Kerl war er deshalb nicht geworden. Nur in das Gefängnis hatte es ihn gebracht. „Versuchter Totschlag“. Wie das so klingt. Es war nur eine Schlägerei gewesen, die eskaliert war. Totschlagen wollte er niemanden, so etwas passiert eher, denn in einer Schlägerei gibt es keine Energie-Leiste wie bei Videospielen oder einen Schiedsrichter der dir, während du voll bist mit Adrenalin und „im Tunnel“, sagt, wann es zu viel wird. Er ist kein schlechter Kerl. Er selbst würde sich selbst als sehr anständig bezeichnen. Mit Werten. Komischerweise können einen diese Werte, die gesellschaftlich akzeptiert und von jedem Maulhelden anerkannt sind, dich schnell in den Knast bringen, wenn du sie verteidigst.

 

„Crazy“ Cadoc, der Mann hier hinter Gittern, der, der die Ansagen macht, hatte ihm gerade geflüstert, dass er ihn anal vergewaltigen würde. Nicht später. Jetzt gleich. Hier in der Dusche.

„Ich werde das nicht tun, weil ich auf so hässliche Wichser wie dich stehe. Damit hat das gar nichts u tun. Mein Ding sind Frauen. Hübsche Frauen. Du weißt schon… Solche, die für einen Loser wie dich zu heiß sind. Nein. Das ist kein sexuelles Ding. Hier geht es um Macht. Verstehst du? Wenn ich dir mein Ding rein ramme und dir damit deine Jungfräulichkeit nehme, dann gehörst du mir – auf ewig. Ich werde dich damit brechen. Dich und deinen Stolz. Und immer wenn du an mich denkst, werde ich der sein, der dich in den Arsch gefickt hat. Du wirst es nicht zugeben wollen: Aber dein Arsch wird auf ewig MIR gehören. Selbst wenn du auf den Geschmack kommen solltest… Aber hey, sorry. Das will ich dir nicht einmal unterstellen. Nein. Ich werde dir jetzt zeigen, wo DU hier in der Rangordnung stehst. Ich und die Jungs könnten dir natürlich ein paar Reinhauen, und ich glaube, du bist nicht blöd. Du würdest schon verstehen wie der Hase hier läuft. Ich will aber nicht nur dass du mich rational verstehst. Ich will, dass du meine Überzeugung spürst. Und danach wirst du auch ewig meine kleine Hure bleiben. Du gehörst mir.“

Dann geht es los.

 

Und er weiß, wie er da von den anderen Schlägern auf den Boden gedrückt wurde, bis er kaum mehr Luft bekommt, dass Crazy Cadoc Unrecht behalten würde. Udo Kovacic würde Recht behalten. Du darfst nur nicht an einer Situation zerbrechen. Du musst sie annehmen und daran wachsen. So zu denken war verrückt. Besonders wenn man so ein stolzer Mann ist wie er. Aber man muss noch verrückter als ein Crazy Cadoc sein, um in so einer Situation zu überstehen.

Advertisements

Gewalt gegen Frauen

Silvester wirkt nach. Seien es die Erlebnisse und Gefühle die ich selbst in München in der Silvester-Nacht hatte, sowie die schleppende Berichterstattung aus Köln, aus derselben Nacht. Zufällig waren wir das Jahr zuvor zur Jahreswende auch in Köln gewesen, deswegen gibt es dazu von mir eine besonders emotionale Bindung dazu, eines dieser „Hätte-auch-uns-passieren-können“-Gefühle, auch wenn Deutschland vor einem Jahr noch ein ganz anderes Land war.

 

Auch wenn ich weiterhin für ein menschliches Miteinander bin, für Offenheit, Toleranz und auch ein gutes Stück weit für Vergebung, ja, sogar bereit bin einen Schritt zurückzugehen in meinem Selbstverständnis, und einen Quadratmeter Boden meiner eigenen Überzeugungen für andere aufgeben würde, wurden in Köln Grenzen überschritten, die nicht überschritten werden dürfen. Nicht bei uns. Nicht anderswo.

Ohne vorzuverurteilen zu wollen. Ohne mit dem Finger auf Leute zeigen zu wollen, die eine große Gruppe sind und unter denen es nicht nur „schwarze Schafe“, sondern schwarze Wölfe gibt, ist dies selbstverständlich ein Integrationsproblem. Und ich habe nicht vor mich auf die Debatten einzulassen, ob dies nun wirklich Muslime waren, die diese Verbrechen verübt haben, obwohl sie als betrunken geschildert wurden, was Muslime ausschließen sollte, ob die jungen Männer aus Afrika oder sonst woher unter sexuellen Druck stehen, den sie nicht ablassen können (als ob nicht jeder Mann schon einmal unter dem Druck gezwungener sexueller Enthaltsamkeit gestanden hätte, deswegen aber nicht gleich zum Vergewaltiger wird) oder ob das einfach „nur“ eine Sache von Bildung und kultureller Unterschied ist: Das ist mir vollkommen egal. So ein Verhalten geht einfach nicht. Man muss dafür kein Verständnis haben und darf sogar keine Begründungen oder Ausreden suchen: Es geht einfach nicht. Wer solche Dinge macht verspielt jeglichen Kredit den man ihm bis dato zugestanden hat. Und wer diese Dinge macht darf sich auch nicht wundern, wenn die Wut die man dadurch auslöst in eine generelle Verurteilung einer ganzen Bevölkerungsgruppe gipfelt.

 

Das was man diesen Frauen konkret in dieser Nacht genommen hat, werden sie niemals wieder bekommen. Ihre Seelen sind beschädigt und eine gewisse Form der Angst und Unsicherheit kann sie ihr ganzes Leben lang begleiten. NIEMAND kann ihnen das wiedergeben. Und ich verstehe jede Frau in diesem Land, die nun Angst hat vor Übergriffen, obwohl ihnen, mir, uns allen klar ist, dass dieses Ereignis in seiner Extremität bisher ein Novum ist, und rein statistisch gesehen die Gefahr viel größer ist von Bekannten, Verwandten oder scheinbaren „Freunden“ vergewaltigt zu werden; doch was sagen schon Statistiken aus? Wir wissen alle, dass Statistiken nicht die Zukunft vorhersagen können…

 

Dieses Ereignis hat die Sprengkraft die Meinungen zu ändern, Menschen den Blick auf das Gegenüber zu trüben, Angst und Hass zu schüren. Und gerade jetzt müsste man noch entschlossener aufeinander zu gehen, müsste noch mehr zu Integration beitragen und nicht nur nach besserer Überwachung, nach noch mehr Schutz rufen, auch, wenn diese Forderung eine Selbstverständlichkeit ist, denn wir wollen unsere Freiheit nicht um deren Freiheit aufgeben; da sind wir also angelangt. Bei „wir“ und „deren“.

 

Ich habe auch viel darüber gelesen, dass man diese Sache nicht politisieren soll, dass es doch in Wahrheit doch wie immer darum geht, dass hier Männer Gewalt gegen Frauen ausüben, und dass man das nun nicht verklären soll, nein, man solle anerkennen, dass dies nicht nur ein ethnisches, sondern ein generelles Problem ist, und ja, natürlich: Das ist so. In diesem Fall ist es aber mehr. Und das meine ich nicht um von mir als Mann abzulenken (auch wenn man mich und meine „Art“ dadurch unter Generalverdacht stellt – damit kann ich leben, denn ich weiß wie ich bin, und andere leider nicht), von der generellen Gewalt und der Unfairness mit denen Frauen auch in unserer Gesellschaft behandelt werden, nur in diesem speziellen Fall (der vielleicht gar nicht so speziell ist, wenn in Stuttgart und Hamburg ähnliche Verbrechen geschehen sind) geht es um mehr als ein generelles Problem zwischen den Geschlechtern, sondern um eine konkrete Tat. Und auch wenn das für manche eine Vorverurteilung ist, eine Woche nach dieser Silvester-Nacht, so glaube ich doch den massenhaften Augenzeugenberichten und den Stimmen der Betroffenen mehr, als der großen Vernunft die besagt, dass man erst einmal die Ermittlungsergebnisse abwarten soll.

Ja ich weiß, dass nicht alle so sind, die in unser Land geflüchtet sind, im Wahrheit weiß das jeder. Und ja ich weiß auch, dass nicht alle Männer hier in Deutschland Frauen wie gleichwertige Mitmenschen ansehen, schließlich gibt es hier genug Strömungen die Frauen als Dinge darstellen, als Gut, als Objekte (und das geht nicht erst bei der Pornografie los, das beginnt in den Massenmedien). Dennoch ist es in diesem konkreten Fall schwer nicht politisch zu denken, wenn man von den Ausmaßen und den Schrecken dieser Nacht hört.

 

Die Fragen sind wie immer, was bleibt? Was wird kommen? Ich weiß es nicht. Niemand weiß es. Und gerade die, die am Meisten behaupten zu wissen was die Zukunft bringt, wissen es am Allerwenigsten. Was ich aber glaube zu wissen, wenigstens für mich, ist die Überzeugung das wir unsere Werte nicht aufgeben dürfen, das wir in unserem Land unseren Frauen nicht das Gefühl geben dürfen, nicht mehr sicher zu sein, nicht mehr frei zu sein, und das wir deswegen endlich – verdammt noch mal – die totale Gleichstellung de facto umsetzen müssen, also auch eine Genderunabhängige Bezahlung und Behandlung, damit auch der Letzte versteht das es keine Unterschiede von Mensch zu Mensch geben darf, dass eine Frau auch hier genauso viel wert ist wie ein Mann.

 

Ich weiß nicht was die Integration bringen wird; ich war ja nie so blauäugig zu sagen, dass das ganze „Projekt“ ohne Blut und Schmerzen vorangehen wird. So verblendet war ich dann doch nie, egal wie humanistisch ich auch drauf bin. Jeder wusste immer, dass schlimme Dinge passieren würden und dass bereits schlimme Dinge geschehen. Verluste und Schmerz gibt es auf beiden Seiten, und es wird noch Jahrzehnte dauern, bis man nicht mehr von „Seiten“ spricht. Ja, wer weiß ob eines Tages alles so weit gekommen ist, dass wir wirklich EINE Gesellschaft geworden sind, doch auch selbst wenn das einmal Wirklichkeit geworden ist, wird das was den Frauen in Köln, Stuttgart und Frankfurt geschehen ist,  für sie nie eine Anekdote der Geschichte geworden sein, es wird immer ihr persönliches Schicksal bleiben. Und sollte dann, irgendwann, das komplette Politische aus der Diskussion verschwunden sein, hoffe ich inständig, dass man sich daran  nicht nur als einen „typischen“ Fall von Gewalt gegen  Frau erinnert, nein, ich hoffe das in dieser zukünftigen Zeit die Männer an sich beschämt auf unsere Zeit zurückblicken, und sich nicht mehr erklären können, wie es soweit gekommen ist, da in dieser Zukunft keine Gewalt mehr zwischen den Geschlechtern ausgeübt wird. Und ich glaube daran, dass das mehr ist als eine Utopie. Das ist unsere Zukunft.

Eine Vergewaltigung – zwei Perspektiven

A.

Endlich ist es soweit. Der Moment auf den er sein ganzes erinnerungsfähiges Leben gewartet hat, ist da. Sein Leben begann für ihn damit, dass sein Körper die Sexualität entdeckte. Davor war einfach nur ein wirres Irgendetwas, was ohne Sinn wie ein Blinder mit Bonbons und Spielzeug unter dem Arm durch eine dunkle Abwasserröhre stolperte, ein Fleckenteppich der Erinnerungen, der im Fluchtpunkt, der längst zur Vergangenheit geworden ist, einen perfekten weiblichen Körper zeigte, und er streckte als Junge, als Bub, die Arme nach dieser perfekten Weiblichkeit aus, wie Adam, nachdem er gerade von Gott berührt und von ihm zum Leben erweckt wurde – doch Gott hat ihn schon wieder verlassen. Gott ist fort. Unerreichbar. Unauffindbar. Während manche sagen, dass Gott nicht da draußen ist, sondern in uns selbst…

Genauso.

Ist es mit der Sexualität.

Es ist nicht so, dass er niemals Sex gehabt hätte. Aber da ist Sex – und es gibt Sex. Wahrscheinlich hat er zu viele Pornos in seinem Leben gesehen. Vielleicht war er aber auch schon immer pervers gewesen. Möglicherweise lag es auch daran, dass in seiner Kindheit nie eine Mutter da war und wenn dann doch, dann nie ihre Liebe, sondern ihre flache, spröde, trockene Hand die ihm immer erst ins Gesicht und dann (10 Sekunden später) auf den Arsch klatschte.

Aber.

Er könnte nicht sagen woran es wirklich lag. Was der Grund dafür ist, warum ihm „Blümchen-Sex“ zu wenig ist, wobei es meistens eher ein „Still-Halte-Sex“ war, den ihm seine wenigen Freundinnen anboten. Liebe spürte er nach einiger Zeit nicht mehr zu diesen Mädchen, obwohl immer ALLES mit der Liebe zu beginnen schien. Und die einzige Erotik die diese Mädchen und Frauen ausstrahlten, war in seinem Kopf, lag einzig und alleine darin, ihren Körper endlich entblößt zu sehen und in maßloser Gier über ihn herzufallen.

Er war kein perfekter Liebhaber. Er war aber auch kein Tier. Auch wenn er wusste, dass das Monster in ihm ruhte. Das Monster wollte in der gleichen Weise herrschen, wie er über die Frauen herrschen wollte. In Wahrheit suchte er keine Liebe. Er wollte Dominanz. Kein Bittsteller sein. Kein Charmeur. Keiner. Der Mal „ran durfte“. Er wollte derjenige sein, der bestimmte.

Von überall her schien er mit „Sex“ zu gefeuert zu werden. In jeder TV-Serie ging es um Sex. In jedem Lied. In jeder verdammten Werbeanzeige. Überall dieses Mann/Frau-Ding, diese Welt voller perfekten Menschen…

Manchmal saß er im Mc Donalds und ballte seine Hände auf den Oberschenkeln, den Stoff dabei zusammenziehend, zu harten, verkrampften Fäusten, wenn Heidi Klum – die geile Sau – im Flat Screen in einen Burger bis und danach lachte. Er wollte nichts vorgespielt bekommen. Er wollte herrschen. Er wollte diese ganzen grinsenden Scheiß-Fotzen unterwerfen. Er wollte sie wieder in die Zeit vor dem Feminismus zurückficken.  Er wollte Gott sein…

Er wusste auch, dass man in dieser Welt nicht ungestraft ein Gott sein darf. Das lassen die anderen Idioten nicht zu. Sie fühlen sich angegriffen in ihrer pseudo-perfekten kleinen Welt. Und als Reaktion auf dieses Ausscheren von der Norm, sperren sie dich ein.

Natürlich sperren sie dich ein. Was sollte man sonst mit einem Kerl wie ihn machen? Dass es an IHNEN lag und nicht an ihm, konnten sie nicht verstehen. Frauen sind zum Ficken da. Frauen sind da, um zu gehorchen. So hat das die Natur vorgesehen. Alles andere ist nur christlicher Puritanerblödsinn. SO ETWAS ist gegen die Natur. Ficken ist nie gegen die Natur. Das ist das Natürlichste der Welt. Deswegen ficken die Weiber doch mit JEDEM herum…

Und eines Tages war es soweit. Er ging los und fickte die junge Frau, an die er in seinen einsamen Träumen dachte, während seine Hand die Verlängerung seiner Seele wurde. Nein. Er fickte sie nicht nur: Er vergewaltigte sie wirklich.  Er beherrschte. Schlug und prügelte sie zusammen. Zeigte ihr, wer der Mann war. Wohlwissend. Dass er mit der Nummer nicht davon kommen würde. Aber er wusste auch, dass er sich sein Leben lang daran erinnern würde:

Dieser Fick würde der Mittelpunkt seines Lebens sein. Alles hatte sich daraufhin entwickelt. Und immer wieder würde er sich daran zurückerinnern, und darin leben.

Sie konnten ihn einsperren. Ihm Alles nehmen: Seine Freiheit. Seinen Stolz. Die Arbeit. Sie konnten ihn bespucken und sogar kastrieren: Doch immer würde er sich an den einen Tag zurückerinnern, als ER der Mann war. Als er das gemacht hatte was sie jeder Mann wünscht, und nur er sich getraut hat.

Dies war der wichtigste und schönste Moment in seinem Leben. Er würde Alles überschatten.

B.

Sie kannte den Typen vom Sehen. Ein unscheinbarer Kerl, halb groß, halb breit, halb hübsch sogar. Im Vorbeigehen kein Schönling, aber auch keine miese Type. Ein Irgendwer. Ein Kerl halt. Der gern neue Frisuren ausprobiert. Mehr konnte sie zu ihm nicht sagen. Sie interessierte sich nicht für ihn. Wieso auch?

Sie war unterwegs gewesen, zu einer Freundin. Dort wollten sie vorglühen. Ein, vielleicht zwei Flaschen Hugo trinken. Danach in die Disco. Nichts Großartiges.

Sie wusste, dass sie gutaussah. Und sie gerne gut aus. Das ist doch natürlich… Sie hatte davor vor dem Spiegel die Zeit vergessen, hatte sich geschminkt und nebenher eine Vorlesung auf ihrem I-Pad angehört, die sie in der Uni heimlich mitgeschnitten hatte. Das Studium machte ihr Spaß. Sie nahm es ernst und freute sich auf ein geregeltes Leben. Auf eine gute Arbeit. Mit einem netten Typen.

Im Moment „ging“ sie so halb mit einem Typen, der ganz süß und ebenso nett war. Sie hatte eh nicht viele Kerle, wenigstens sah sie das selbst so. Es stimmte ja auch, dass viele Frauen zur Studienzeit einiges ausprobieren, ständig auf der Suche nach Mister Right und einer gehörigen Menge Spaß sind.

Spaß war für sie auch eine Sache, nur wollte sie lieber die ernsthaften Typen. Schließlich wollte sie nicht als Schlampe gelten, nicht vor den anderen und erst recht nicht vor sich selbst. Sie war keine dieser Frauen, die zu jedem Familienfest einen anderen mitbringen; sie verstand auch gar nicht, wie manche ihrer Freundinnen so etwas machen konnte.

In Wahrheit konzentrierte sie sich in diesem Moment  weder auf die Schminkerrei, die schon mechanisch ablief, noch auf die Vorlesung, sondern war in Gedanken bei ihrem kleinem Traum, dem Austauschsemester in Lateinamerika, auf welches sie brennend auf eine Antwort wartete.

Schon als Kind liebte sie die Pyramiden, die sie in einem dieser großen schweren Fotoalben ihres Vaters gesehen hatte, in der die Wirklichkeit unglaublich nah und doch sehr fern zu seien schien. Es war fast schon wie ein Blick in eine andere, doch vertraute Welt. Und jetzt gab es die Möglichkeit dort bald wirklich zu stehen. Irgendwie spürte sie in diesem Moment vor dem Spiegel, dass sich ihr Leben genau auf diesen Moment zu entwickelt hatte, dort die Lateinamerikanischen Pyramiden zu sehen.

Was für ein Unsinn. Sie lachte kurz auf. Und doch ging das Gefühl nicht aus ihrem Herzen.

Eine Stunde später schlug der Typ sie nieder und zog sie in einen kalten leeren Schrebergarten. Sie war spät dran gewesen und hatte die Abkürzung nehmen wollen, hier, wo das Licht ein wenig dunkler doch die Meter einfach weniger sind, als bei dem anderen Weg.

Das Blut lief ihr ziemlich schnell und stark aus dem Hinterkopf. Eine Platzwunde, die ihr lockiges blondes Haar sehr schnell sehr rot färbte.

Zuerst bekam sie gar nicht wirklich mit was geschah. Wie das Monster ihre Kleidung von ihrem Körper riss und schnitt. Wie er mit seiner ekligen Zunge an ihr herum leckte und komische Dinge sagte.

Dann schlug er auf sie ein. Sie hatte gar keine Ahnung warum. Sie hatte nichts getan. Nichts gesagt. Nichts gewollt. Sie hatte sich nicht einmal gewehrt. Und doch waren überall nur Schmerzen. Er vergewaltigte sie wie ein Vieh. Spuckte auf sie. Schlug sie. Beschimpfte sie. Und zwischen all diesen Schmerzen war da die Angst, nein, eine fast schon reale Gewissheit, aus dieser Geschichte nicht mehr lebend herauszukommen. Ja. Sie wollte dass er aufhörte sie zu schänden (mit dem was einem ein Mensch über die Liebe erzählt, hatte das hier nichts zu tun), aber sie hatte auch Angst was er ihr antun würde, wenn er fertig war…

Er lies sie zurück.

Sie hatte keine Ahnung wie lange das Ganze gedauert hatte. Es könnte Minuten oder Stunden gewesen sein.

Sie lag einfach da. Alles tat weh. Ihr Körper. Ihr Geist. Ihre Seele. Sie wollte Weinen. Aber sie konnte nicht. Und dabei hätte sie so unendlich gern, so unendlich gerne geweint…

Es war kalt. Der Boden nass. Ihr Kopf verkrustet von dem ganzen Blut, das irgendwann einmal aufgehört hatte zu fließen. Und doch stand sie nicht auf. Sie blieb liegen. Sie blieb liegen, aus Angst.

Was sollte sie tun?

Denn sie wusste, dieser Moment, diese Vergewaltigung, würde Alles verändern. Egal was danach kommen würde: Die Menschen würden sie anders ansehen. Sie war nicht mehr die junge, kluge und unbedarfte Studentin, die sie zuvor gewesen war. Ihr Leben war zerstört. Ihr Leben würde zerstört sein, wenn das herauskam… Ganz gleich was jemals sein würde: Sie würde immer das Vergewaltigungsopfer sein. Die Männer würden sie ansehen und an die Frau denken, die sich ficken lies. Und die Frauen würden ihr Mitleid vorheucheln, während sie tuschelten, dass sie doch schon immer SO EINE gewesen sei. Da war es doch kein Wunder.

Von jetzt an, war sie beschädigte Ware… Niemals zuvor hatte sie an sich als Mensch, oder an einen Menschen überhaupt, als Gegenstand gedacht…

Ja. Nein. Diese Vergewaltigung war der Mittelpunkt ihres Lebens. Alles vorher schien auf diesen Punkt zugelaufen zu sein – und alles danach würde sich an diesem Punkt orientieren. Das war der Dreh- und Angelpunkt ihrer Existenz. Von jetzt auf sofort.

Dies war der schlimmste und schlechteste Moment in ihrem Leben. Er würde Alles überschatten.

Sie schleppte sich nachhause. Zog sich dort um. Und ging dann ins Krankenhaus. Zeigte dort nur auf ihren Kopf.

Als sie den Typen eine Woche später noch einmal in der S-Bahn sah, lief sie schnell davon.