„The OA“ Ein Gefühl und ein Trailer zur Serie

Während meines Heimaturlaubs sehe ich mir auf Netflix die Serie „The OA“ an. Dabei fällt mir auf, wie komisch es ist, dass man die Geschichten die man dort sieht, in deren Universum sofort als „wahr“, „echt“ und „real“ anerkennt, während wir in unserem Universum überhaupt nicht an Geschichten glauben, sondern nur an Fakten… Als gäbe es keine Grauzonen der Vernunft…

Keine Angst, ich zitiere jetzt nicht Hamlet, sondern stelle nur den Trailer online.

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Tel Aviv, Strand- und Party-Stadt, ein Erlebnisbericht

Schon vor Jahren wurde ich durch Guy Gerber im positiven Sinn auf Israel aufmerksam. Obwohl. Dass der gute Mann ein Israeli ist, wurde mir erst einige Jahre später klar, als ich seine Produktionen längst lieben gelernt hatte. So ist das mit elektronischer Musik: Von Desinteressierten mag sie als kalt und Gesichtslos interpretiert werden. Kann man so sehen. Man kann es aber auch so begreifen, dass bei dieser Form von Musik jegliche Stände und Kategorisierungen aufgehoben werden. Zwar klingt elektronische Musik in Vietnam anders als in Lateinamerika oder in Italien, doch die Konturen und Umrisse in den Spielarten verschwimmen und gehen ineinander auf, egal ob der Beat nun schnell ist, für sich hin tröpfelt oder die Synths lauter oder leiser sind. Es braucht keine Texte, keine poltische Message und erst recht keine Hautfarbe um elektronische Tanzmusik zu verstehen. Du musst nicht glauben zu wissen was cool/hip, angesagt  oder Gangsta ist. Du lässt es einfach laufen. „Gesichtslose“ Musik hat mehr Vorteile  als der Sound vieler Idole, die entweder irgendwann sterben müssen oder lebendig verfallen und währenddessen zu einer Karikatur ihrer selbst werden.

 

Auch Guy Gerber produziert diesen „gesichtslosen“ Sound, nur als KALT kann man ihn beim besten Willen nicht kategorisieren.

Ich folge ihm seit ein paar Jahren auf Facebook (was ich bei nicht gerade vielen DJs mache) und mich beeindruckten die Fotos die er aus seiner Heimat Tel Aviv postete. Und wie wenig diese Bilder mit meinen Assoziationen von Israel zusammen passten.

Tel Aviv ist der Sommer/Sonne/Strand- und Party-Bereich des Landes und tritt sehr westlich orientiert auf. Fast schon zu westlich. Ich hatte mir die halbe Millionen Einwohnerstadt – sorry – arabischer, basarischer vorgestellt, auch wenn es in Richtung Jaffa, der Altstadt von Tel Aviv, solche Ecken gibt, die jedoch touristischer Natur sind.

Wäre man blind für die Gesichter der Menschen dort, die selbstverständlich jüdisch anmuten, könnte man sich in einer westlichen Großstadt wähnen. Ein wenig berlinerig sieht Tel Aviv aus, oder wie Hamburg oder Köln, in ihren gechillten Ecken.

Die Skyline der Stadt ist weltbekannt, in der Menge mit den  spacigen Wolkenkratzer ziemlich futuristisch und kann, wenigstens als Postkartenmotiv mit seinen Hotels die direkt an das Meer gebaut sind, mit Rio konkurrieren. Der Strand ist wunderschön, sauber,  und das Wasser außerordentlich klar. Und auch das Klima im Oktober ist super angenehm. Und ich bin keiner, der auf Hitze steht. Dort aber ist diese Mittelmeerische Hitze, die sich nicht aufdrängt, eher einschmeichelt. Mit 30 Grad.

Am Positivsten am Strand empfand ich überraschenderweise die Menschen. Die Israelis sind tolle Strand-Menschen, da sie nicht wie Proleten auftreten; kein Gegröle, keine fetten Anlagen, kein übermäßiger Alkohol-Konsum. Die nervigsten, lautesten Menschen dort waren die Ausländer. Selbst die Kinder der Israelis sind besser und ruhiger erzogen, als die Meisten die ich kenne. Und so was feiert jeder Urlauber (und ich im Speziellen) mit einem gechillten Lächeln auf der Strandliege leise sehr ab.

Von Freitagabend (Sonnenuntergang) bis Samstagabend (Sonnenuntergang) ist Shabbat, also Feiertag und in dieser Zeit sind die Strände gefüllt,  während nach dem Abtauchen der Sonne Party gemacht wird.

 

Wir haben sehr viele junge Leute in Tel Aviv gesehen. Und am Strand auch außerordentlich hübsche Frauen (die hübscheste Frau hatte ich ja eh mitgebracht 😉 ). Kein Wunder also dass die Stadt ein sehr aktives Nachtleben besitzt. Ob Tel Aviv aber „eine der besten Partystädte der Welt ist“ wie man dort vollmundig behauptet, wage ich zu bezweifeln. Man muss aber auch dazu sagen, dass mir Sommer, Sonne, Strand und Kultur wichtiger waren, als die Nächte durchzumachen, schließlich habe ich ein sehr, sehr hartes Arbeitsjahr hinter mir, da war mir Erholung wichtiger als die Nächte durchzutanzen. Zwar hatte ich mir den angesagten Techno-Club „The block“ im Internet ausgespäht, und „Roman Flügel“ aus Deutschland wäre dort auch als Identifikationsfigur am Start gewesen, wir einigten uns dann doch auf die Touristischere Variante, wir buchten den „pub crawl“.

Beim „pub crawl“ wird man von einem Guide durch 4 oder 5 Locations in Tel Aviv gelotst, bekommt dort je einen Shot umsonst, freien Eintritt und muss nicht in der Warteschlange stehen.

Ja, ja. Das haben wir uns jetzt auch gedacht: Das kann voll furchtbar werden. Wurde es nur nicht.

Erstens hätten wir die Bars/Clubs alleine niemals gefunden. Die Eingänge sehen aus wie Hinterhof-Zugänge, oft ohne einem Namensschild darüber. Tel Aviv ist da sehr erfinderisch und verwinkelt. Dagegen haben Berliner Clubs Eingangsschilder wie das „Titty Twister“ in „from dusk till dawn“.

Zweitens handelte es sich bei den Läden wirklich um angesagte Locations, was man nicht nur daran spürte dass die Orte immer so gut gefüllt waren, dass man sich zur Bar durchkämpfen musste, nein, als wir rauskamen standen im Schnitt 30 bis 40 Leute an, die nicht mehr hinein durften.

Drittens bekamen wir für die 20 Dollar Tour-Gebühr ein Bier und die  4- 5  Shots frei. Das ist wichtig. Denn Alkohol ist Sau teuer in Israel. In den Clubs zahlten wir zwischen 6 und 8 Euro für ein 0,33 Liter Bier (und ja, das Bier dort kann man wenigstens trinken), da kommt dann noch 10 Prozent Trinkgeld dazu. Ein Vollrausch ist also eher nicht drin, außer man gönnt sich was und deswegen fand ich es im Nachhinein gut lieber einmal und damit richtig wegzugehen.

Viertens wird man von der Touri-Leitung gleich mit der Gruppe bekannt gemacht und hat weniger Berührungsängste. Zwar verabschiedete sich der sympathische Erfinder der Tour recht schnell wieder, und die angehende Schauspielerin die die Tour dann übernahm, war dann doch um ein vielfaches weniger motiviert als ihr Chef, aber wir lernten sehr unterhaltsame und motivierte Leute kennen, die aus den unterschiedlichsten Ländern kamen (Brasilien, 2 mal USA, 2 mal Italien, einmal Finnland und Deutschland – und wir) um ein wenig Spaß zu haben.

Da war es dann auch ganz gut dass sich unsere Tour-Leiterin nicht allzu sehr für uns interessierte 😉 Wir mussten uns also gegenseitig die Zeit versüßen und das klappte dann für mein Gefühl sehr gut, auch wenn die Oberflächlichkeit der Beziehungen zueinander selbstverständlich im Vordergrund stand. Scheißdrauf. Ich hätte nie gedacht das ich mit Italienern so viel Spaß haben könnte 😀

 

Hier trafen dann natürlich zwei Weltbilder aufeinander: Hostel versus Hotel. Wir wollten eher Ruhe und Entspannung und keine nervige Hostel-Situation, was die Hostel-Leute in unserer Gruppe gar nicht verstanden; so lernt man doch keine Leute kennen! Ja eben doch. Nur auf eine andere Art. Und in unserem Hotel wurden wir im Gegenzug schief angesehen, als wir die Sauf-Tour buchten, so ist das halt mit den Weltbildern.

Es war. Auf jeden Fall. Ein gelungener Abend.

 

Wir waren in 4 Bars/Clubs.

Wir trafen uns im „Sputnik“, das ein wenig berlinerig sein wollte. Verschlunge Räumchen mit schön draußen, locker gechillt. Angenehme elektronische Musik. Kennt man aus Köln oder Hamburg, in deren guten Momenten. Nur nicht abgefuckt genug um sich mit Berlin vergleichen zu lassen, was der Tour-Veranstalter gar nicht so recht glauben mochte: Wie, hier ist es nicht schäbig genug?

Weiter ging es in eine Hip-Hop-Bar (das „Jimmy, who?“) mit Club-Atmosphäre. Hier wirkte der Alkohol schon und die Verbrüderung war im Gange. Ein wenig Galgenhumor dabei, die Italiner: „Ah, the german guys! You´ve never expected to pay 8 euro for one beer, he?“ Die Schauspielerin sah lieber ins Handy und so blödelten wir alle zusammen mit dem Willen zum Wahnsinn auf der Tanze herum. Wir hörten und tanzten in der gleichen Nacht dreimal zu J Lo. Ich glaube das sagt viel über den Musikgeschmack in Tel Aviv aus.

Auch die nächste Bar, das „Radio“ war HipHop. Riesiger Tresen. Shots im „private room“ in den wir durften (in dem NICHTS war, sehr private). Dann zur letzten Adresse.

Das „Lima“. Das kam sehr Pop-prollig herüber (Hallo J Lo) und mir reichte es dann langsam mit der Tour, obwohl mit dem „Breakfast“ noch ein Techno-Club auf uns gewartet hätte. 2 Uhr nachts  sollte genügen (alter Mann der ich bin…). Wir wollten am Tag danach nicht zu sehr kaputt sein. Dieser für mich namenlose Kommerz-Laden entpuppte sich dann noch als Schwulen- und Lesben-Treffpunkt in dem meine Freundin die Props bekam, die eine schöne Frau dort bekommen sollte. Das gab  der Location auch noch eine gewisse Wendung.

Klar bin ich jetzt kein Party-Insider was Tel Aviv angeht wenn man gerade mal 5 Stunden dort im Nachtleben verbringt, 4 Türen hin oder her, für einen Einblick hat es aber gereicht und deswegen würde ich die Tour weiter empfehlen.

Das ich dort keine elektronische Musik miterlebt habe ist im Hinblick auf meine Israel Sozialisierung durch Guy Gerber ein wenig schade, ich habe nur schon mehr als die meisten Menschen zu den verschiedensten Stile dieser Musik gefeiert, über fast 2 Jahrzehnte hinweg, in ganz Deutschland und auch woanders, und glaube da jetzt nicht mehr viel zu verpassen. Berlin finde ich ja auch schon sehr langweilig was das angeht…

Die Israelis sind mir jetzt auch nicht gerade als spektakuläre Tänzer aufgefallen (bei den Schwulen ging es wie zu erwarten am Meisten ab, was sowohl das Abgehen als auch das Auftreten anging), motiviert waren sie aber. Wer weiß, vielleicht sind sie dort Partymäßig so weit, wie sie sich jetzt fühlen. Es ist eine sehr junge Stadt und man muss verstehen, dass dort wo wir gefeiert haben vor einigen Jahrzehnten nicht nur Sprichwörtlich Wüste war. Gebt denen noch ein wenig Zeit.

 

Es war also eine gute Mischung aus Kultur-Urlaub, Strand und Party. Tel Aviv hat alles zu bieten, was man sich wünscht. Okay. Außer vielleicht eine U-Bahn, das wäre dann schon noch ein wenig geiler, mit. Wären nicht die enormen Probleme die dieses Land hat, wäre der Party- und Urlaubstourismus sicherlich viel, viel höher. Uns hat das ja auch ein wenig abgeschreckt. So bleibt Israel ein Land das von allem etwas zu bieten hat und aus dem man im Kopf und im Herzen sehr viel mitnimmt, ob man das nun muss, soll hat jeder selbst entscheiden.

 

Man darf halt nicht in Angst leben und sich immer und ständig die Geschichte vom Terror und Tod erzählen lassen, harte Kontrollen am Flughafen oder am Einkaufszentrum hin oder her. Das ist die Crux und die Antwort auf meine Ausgangsfrage (siehe letzter Text), was uns Israel zum Thema Alltäglichen Terror zu sagen hat. Ob die Deutschen so sein könnte, ich weiß nicht.

Ein Ding ist dort das große Zusammengehörigkeitsgefühl und das haben wir in Deutschland nicht. Vielleicht noch nicht. Die Kulturen sind in Israel auch nicht so durchmischt wie bei uns. Es liegt nun einmal auf der Hand, dass man dort vermehrt auf gewissen Menschen (Juden) trifft und das schafft eine andere Aura, als in unserem Land, dass sich lange nicht einmal moralisch darauf einigen konnte, ob wir hier ein Einwanderungsland sind oder nicht. Ob wir weltoffen sein wollen oder nicht. Dagegen haben wir hier zum Glück keinen gemeinsamen Feind, der uns vernichten will… Die Situation lässt sich nicht eins zu eins umlegen. Lehren muss und sollte man allerdings ziehen. Denn ganz gleich wie man zu Israel steht: Einen Lernwert hat diese Gesellschaft dort. Sogar einen ziemlich großen.

 

 

 

Abenteuer-Urlaub in Israel?

Noch eine Woche Arbeit, dann beginnt unser Urlaub in Tel Aviv. Israel ist eine merkwürdige Entscheidung für einen Urlaub; nein, ist es nicht.

Seit ich mich erinnern kann hat mir das Fernsehen eingeredet, dass Israel das gefährlichste Land der Welt sei. Unzählige Minuten Nachrichten-Spots und Bilder von Tod, Mord und Trauer. Das seit Jahrzehnten umkämpfteste Gebiet der Welt, mit keinem Ende in Sicht. Wenigstens suggerieren das die Bilder. „Der Nachrichtensprecher macht ein ehrliches Gesicht.“ Und gleichermaßen – wie immer – ist das ganze Unsinn. Tel Aviv hat den sichersten Flughafen der Welt, ist Touristengebiet und die Stadt ist, auch wenn der Strand dort nicht gerade schön sein soll, ein erreichbares Sommerfeeling-Urlaubsziel. Auf Tel Aviv hatte ich wegen Guy Gerber Lust. Dem mehr oder weniger Weltbekannten DJ aus Tel Aviv. Ich folge ihm bei Facebook. Und die Bilder von dort, von den Partys, dem Meer und den fröhlichen Leuten interessierten mich.

Dort wird auch nicht seltener gestorben als irgendwo anders. Der Tod kommt und geht. Das ist aber überall so. Kein Grund um sich Sorgen zu machen. Ying/Yang-Philosophie. Wir lassen uns von dem bisschen Terror doch nicht unterkriegen! Und sterben muss man sowieso. Es geht doch darum, wie du gelebt hast, ihr Hasen.

Ich weiß, das ist pathetisch. Das liegt vermutlich auch daran, dass ich viel Ahnung vom guten Leben habe (keine Anführungszeichen) und so gut wie gar keine vom Tod. Dabei stimmt es doch auch: Man darf nicht nur in Angst leben. Angst vor dem Chef, der Zukunft, dem Ableben… Was weiß ich…

Letztes Jahr waren wir in Kiew. Auch das hatte einen gewissen Touch von Abenteuer-Tourismus. In ein Land zu reisen, in dem ein „eingefrorener“ Krieg ist. Wobei es einfach nur schöne Tage in der Ukraine waren. Kiew ist eine tolle Stadt, auf seine Art. Mit Tel Aviv wird es ebenso sein, nur, wir Kiew wohl um ein vielfaches billiger zu bereisen gewesen sein…

Wenn du einen Job machst, der dir nicht mehr viele geistige Freiheiten lässt (was man in meinem Blog  herauslesen kann, den Verfall der geistigen Möglichkeiten – da war ich selbt unter Drogen noch flexibler), sollte man woanders eine gewisse Form von Freiheit mit gleichzeitiger Gefahr suchen, auch, wenn dieses Abenteuer vor allem nur eines ist: Es ist Einbildung. Das Leben geschieht nur in unseren Köpfen. Also bilden wir uns mal kräftig ein, verrückt und Abenteuerlustig zu sein – was ich schon lange nicht mehr bin 😉

Die Arbeit ein Martyrium. Der Urlaub ein Abenteuer.

Ich will eine Ablenkung durch einen realen Kulturschock, keinen Müßiggang mit Massagen und anschließender Cocktail-Verkostung.

Nach Jerusalem werden wir wohl auch mal vorbei sehen. Das ist dann doch ein Unterscheid zu Tel Aviv. Mal sehen wie das so wird. Die Wiege der Religionen besuchen. Die Orte sehen, an denen mein Chef (Achtung Simpsons-Witz) Jemus gelebt haben soll.

Dabei bin ich kein erfahrener Tourist. Das Gewusel auf Arabisch anmutenden Märkten wird mich in den Wahnsinn treiben (selbstironisches Lachen hier). Auch Hitze finde ich furchtbar… Also ja, ich stelle mir das schon ziemlich geil vor dort drüben und drunten. In Israel. Wo nichts so ist wie ich es kenne und mag. Wo sonst kann man besser Urlaub von seiner eigenen Langeweile machen, von diesem Ich, das sich nur noch um seinen eigenen Lebenserhalt dreht, dass (Vorsicht Kant) nur noch seinem eigenem Bauche hörig ist?

Ihr wisst ja was Shia LeBeouf sagen würde

😉

Die Abwesenheit von Licht

Außerordentliche Dinge ausprobieren zu können, ist ein Privileg. Dabei muss man gar nicht auf den Mond reisen, mit 1000 Frauen schlafen oder von mir aus mit einem Sumo-Meister ringen können. Das Außergewöhnliche entsteht da und dort, wo man normalerweise nicht ist.

Als „Pokemon Go“ erschien, nahm ich mir die nächsten drei Wochen frei. In meinem Beruf geht das. Es gibt noch Jobs, bei denen sich Leute herumdrücken können und nicht jeder Arbeitnehmer wie ein gehetztes Tier durch eine Koppel aus Stein und Glas gehetzt wird. Freundin habe ich keine. Weshalb also nicht einmal etwas „besonderes“ ausprobieren. Nach Thailand fahren kann ja jeder.

Ich wohne in einem Dorf, das fast nur aus der dort angesiedelten christlichen Behinderteneinrichtung besteht (die immerhin fast 1000 vom Leben Benachteiligter Unterkunft gibt). Dort gibt es noch vereinzelte Geschäfte, solche Verschläge, die es schon immer gab, in einem Dorf, in dem gerade einmal ein 25 Quadratmeter großer Lebensmittelladen vorhanden ist (ein kleiner Edeka), nur kaum Sinn ergeben, Geschäfte wie „Schmidts Schusterei“, „Klaras Brautmoden“ und „Donderers Tischlerei“. Noch nie habe ich Leute in diese Geschäfte ein- und ausgehen sehen. Dennoch „florieren sie“, wenn man sich nach ihnen erkundigt.

In diesem Dorf gibt es überraschend viele Pokemons. Nicht nur Land-Pokemons, einfach viele. Und als dieses inzwischen Weltbekannte Spiel herauskam, war es mir am Anfang außerordentlich peinlich mit Anfang 30 an der Straßenecke neben einer behinderten Lehrgruppe zu stehen und virtuelle Viecher zu fangen, obwohl die geistige Behinderten oder die bezahlten Vertreter der Behindertenindustrie sicherlich schon einmal verrückteres gesehen haben.

Wie man es sich vorstellen kann ist an einem Ort wie diesem, einem gigantischen Reha- und Versorgungszentrum mit zigtausenden Quadratmeter voll Grünanlagen nachts überhaupt nichts los. Ein Eldorado für Vergewaltiger, wenn es hier irgendjemand gebe, den man vergewaltigen könnte. Früher zog ich immer einen Vergleich mit der Motorcity in Wolfsburg. Oder die „Warsteiner-World“, in Warstein. Gigantische Industrie- und Lebenskomplexe, in denen in der Nacht nicht nur tote Hose ist, sondern Hosen vor Langeweile gleich mit sterben würden. Jetzt, nach drei Wochen, würde ich diesen Vergleich nicht mehr ziehen.

 

Also nahm ich mir drei Wochen frei, ging schwer einkaufen und legte meinen Lebensrhythmus so, dass ich erst um 6 Uhr abends aufstand und erst in der Früh ins Bett ging. Denn das Außergewöhnliche für mich war nicht nur in friedlicher Ruhe Pokemons zu sammeln, nein, es ging mir darum ein paar Wochen gar keine Menschen mehr sehen zu müssen. Nicht Frau Bosch von gegenüber, die mir immer wieder gerne eine Gurke aus ihrem Garten schenkt. Keine Arbeitskollegen, keine Postboten, keine Freunde und erst Recht nicht meine Ex-Freundin.

Niemand.

 

Können sie sich vorstellen 3 Wochen lang wirklich GAR niemanden zu treffen?

 

Und plötzlich fühlt man sich doch wie auf dem Mond.

 

Die Nacht ist ja nicht leer, nur weil die Vielzahl der Personen, die unser Leben bestimmen, am  Schlafen ist. Zwar gibt es hier keine nächtlichen Putzabteilungen oder Überwachungsdienste (wozu auch? In Baden-Württemberg geht alles seinen strukturierten Gang und man kann auch am Tag saubermachen; Ordnung und sie zu schaffen ist hier nicht peinlich), es sind die Tiere, die die Herrschaft in der Nacht übernehmen. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie sehr das Tierreich die Welt der Menschen immer noch bevölkert, einfach nur weil  keiner hinsieht. Schon oft musste ich, dumm, starr, unaufmerksam für die echte Welt, im letzten Moment von meiner Pokemon-Jagd zur Seite springen, um nicht einen echten Igel oder Frosch zu zertreten. Unter den Augen von verschiedenen Katzen und Katern, die wie Könige mittig und faul auf der Straßen liegen und mich träge beobachteten.

 

„Pokemon Go“ wurde nach ein paar Nächten langweilig. Dennoch machte ich weiter. Weiterhin ging ich nach draußen. Es war die Menschenleere die mich anzog. Es ist leicht sich in der Wohnung einzusperren und die Welt nicht hineinzulassen. Wohl aber durch die Welt zulaufen und kaum jemanden zu treffen (ein Auto- oder Fahrradfahrer, ein Betrunkener, oder Beides), keinem Mensch-Tier in die Augen sehen zu müssen, das hatte schon etwas…

Auf der einen Seite wurde mir Mitte der zweiten Woche ein wenig mulmig. Es macht mich aber auch süchtig. Diese Stille. Diese Freiheit. Diese Einsamkeit. Ich fühlte mich wie ein Forscher auf der dunklen Seite des Mondes, während der Rest der Menschen auf der hellen Seite herum krakelt und sich für die Meister des Universums hält, ignorant dafür, was es sonst noch zu erforschen und zu fürchten gibt. Ich fühlte mich wie in einer Parallelwelt, die ich „Freiheit“ nannte. „Ich mache drei Wochen Urlaub in Freiheit“, sagte ich mir. Und ich erschrak dabei ein wenig vor dem Klang meiner eigenen Stimme.

 

Paradoxerweise verflog meine Angst vor der Dunkelheit nicht vollständig. Zwar wurde es besser, nur hin und wieder hatte ich das Gefühl, verfolgt oder beobachtet zu werden. Ich erklärte mir das so, dass mein Verstand etwas kompensieren wollte. Da ich nun einmal NICHT mehr ständig von Leuten umgeben war, suchte mein Verstand einen Ausgleich und BILDETE sich ein, dass da jemand sei. Lange ignorierte ich den Impuls darauf auch körperlich zu reagieren, dann drehte ich mich doch um, schlagartig, und suchte mit meinen Menschenaugen die Dunkelheit ab. Aber da war nichts. Nur dann, wenn ich in die Dunkelheit hinein starrte… Ich weiß nicht… Es erklärt sich wohl am Leichtesten mit Nietzsches Parabel von dem Abgrund,  der, wenn ein Mensch lange genug hinunter starrt, in den Menschen zurückstarrt.

Mit der Dunkelheit ist es genauso.

Nur kann man vor einem Abgrund davon laufen. Die Dunkelheit verfolgt dich. Es ist sogar egal ob du dich in ein Haus rettest, eine Sparkassen-Filiale z.B. oder in dein eigenen Wohnort, wo dir jeder Winkel bekannt und von dir eingerichtet und damit ausgeleuchtet wurde: Die Dunkelheit ist immer da. Sie geht nicht weg, selbst wenn du das Licht anknipst. Die Dunkelheit. Die Finsternis. Ist wie ein Nebel, der nur kurz nicht zu sehen ist, doch nie verschwindet.

 

An meinem letzten Abend, einem Samstag, zwang ich mich – es war eine Mutprobe – hinaus auf das Feld zugehen. Es gibt zwar eine Straße, zwei Kilometer entfernt, die die beiden Nachbardörfer verbindet, ich aber wollte den Feldweg nehmen, der auf verschlungenen Pfaden die gleiche Richtung einschlägt, jedoch auch in verschiedene Himmelsrichtungen auswuchert, am über zwei Meter hohen Mais vorbei. Vor bis zur Mitte, wo der hölzerne Jesus steht, vor dem ich schon als Kind Angst hatte. Dieser blutende Mann aus Holz machte mir schon immer Angst. Der Schmutz der Witterung machte seine Gesichtszüge nur noch realer. Und der Erlöser hatte von seinem Schrecken nichts eingebüßt. Dem war ich mir sicher. So ging ich also, nachdem ich den Ort drei Wochen lang extra wegen ihm gemieden hatte, absichtlich nach draußen. Ich wollte keine Angst mehr vor der Dunkelheit haben. Und als ich dann schließlich dort war, war es ein wenig freaky, es war aber auch nicht schlimm. Dort oben das Mondlicht. Die Sterne. Hier unten das Symbol des aufgehängten Toten, der nicht wirklich tot ist. Der wieder kommt…  Und ein paar Kilometer entfernt die Lichter der Dörfer. Links und rechts von mir. Dazwischen viel Nichts.

Ich wendete mich wieder um und wollte zurückgehen, hörte aber von irgendwoher vom Feld, Leute lachen. Sicherlich waren es irgendwelche Jugendliche, die in einem Bauwagen, an einem kleinen See oder sonst wo unter freien Himmel, am Feiern waren. Als ich jung, im selben Alter war hatten wir das auch getan. Und Mann, das war gar keine schlechte Zeit gewesen. Ich entschloss, zur Feier der Nacht. Da einfach einmal vorbei zu gehen. Ich hatte es überstanden. Warum nicht einen Rum-Cola aus einem schlecht gespülten Plastikbecher trinken. Vielleicht hatten die auch einen Joint. Irgendwie würde man sich schon einig werden. Ich sehnte mich plötzlich nach menschlicher Gesellschaft. Sogar nach der von der zurückgebliebenen Landjugend.

Also wieder los. An hohen Mais-Quadern vorbei, immer den Geräuschen nach. Weiter. Vorwärts ins Nichts. Das Holz-Jesus-Erlebnis steckte halb bewusst, halb unterbewusst in meinen Knochen, und meine Nerven waren doch mehr angespannt, als ich es mir eingestehen wollte. Das Gefühl nahm zu.

Überall schien es plötzlich zu Rascheln, zu Fiepsen, der Mais zu knacken. Horrorfilme aus meiner Kindheit kamen mir in den Sinn. „Kinder des Korns“, so ein Stephen Kind Mais-Horror-Sekten-Film. Oder „Kinder des Zorns“? Auf alle Fälle war der Mais mit Blut befleckt und die Kinder hatten mit stumpfen Sicheln jeden über dreißig…. An „Signs“ musste ich denken. Und das ich Angst hätte, einfach so in die Reihen der Maisstauden zu treten. Der Mais kam mir vor wie ein Labyrinth der  Angst. Nicht das ich mich dort verlaufen oder verloren gehen könnte. Nein. In meiner lebhaften Fantasie würde ich dort vor lauter Enge und Leere ersticken.

Endlich war der Mais hinter mir. Ich traute mich nicht ihm nachzusehen. Mais kann wie Abgründe und Finsternis sein… Glauben sie es mir.

Ich ging an dunklen, leeren Felder-Parzellen vorbei, hinüber zu einem Gebüsch und ich wurde mir langsam unsicher, ob ich überhaupt in die richtige Richtung laufe. Sicherlich schallt die Party über das ganze Tal hinweg, in dem ich mich befand. Hallte umher. Aber. So falsch konnte ich nun auch nicht liegen. Und. Umkehren durch den Mais war keine Option. Nicht wenn es nicht sein müsste. Also weiter. Immer weiter, weiter durch die Dunkelheit, sich selbst dazu zwingend, nicht über Tiere und Tollwut nachzudenken; Tollwut ist in Mitteleuropa schon seit Jahrzehnte ausgestorben, ist aber auch eine verrückte Krankheit, quasi DIE Geisteskrankheit an sich, die spät oder lange nach einem Biss ausbrechen kann, unweigerlich zum Tode führt und Menschen absolut verrückt aber auch extrem ruhig macht, verbunden mit dem Drang andere Menschen zu BEIßEN! Um sie mit der Krankheit anzustehen! Wahrscheinlich kommen daher die Horrorgeschichte über ZOMBIES! Lebende Totgeweihte, die andere Menschen beißen. Und wer weiß woher die Behinderungen in meinem Heimatdorf denn in Wahrheit kommen! Und wenn ein entlaufender Beißer von dort, hier und jetzt… usw. usf.; es klappte also nur bedingt mit dem Ignorieren von zu viel Gedanken.

Ich lief  und lief. Hinaus in die Nacht. In die Dunkelheit. Nachdem ich wochenlang keinen wirklichen Menschen gesehen, geschweige denn GESPROCHEN hätte, um (Ironie, Ironie) jetzt auf eine Party zu gehen, die ich – was total abstrus war – ums Verrecken nicht finden konnte. Nein. Ja. Ich stand mitten auf einem Feld und hier war nur ein großes Baum. Eine Kastanie. Der einzige Baum den ich erkenne. Riesig groß und gigantisch im Mondlicht. Wie Kino-Regisseure den Baum des Lebens zeigen würden. Und noch immer die Stimmen und das Gelächter der Party. Aber hier war nichts.

Noch ein paar Schritte. Nur um den Baum herum. Und auf der anderen Seite des Baumes. Da fand ich etwas. Keinen Baumwagen. Keinen See und auch keine Leute. Da stand einfach, einfach so am Boden im feuchten Gras, ein silberner alter Kassettenrekorder aus den 80ger Jahren, einfach so im Gras, aus dem – voll aufgedreht – die Partygeräusche herauskamen. Eine Aufzeichnung, von viel Zugeproste, Lachen. Und Tara. Panik schnellte in mir hoch, noch höher als ich es mir jemals, Maisfeld hin, Tollwut her, hätte vorstellen können.

Der Kassettenrekorder war SO laut und die Party klang so echt und… Um mich herum… Wie echt, alles…  Als würde ich schon längst vor einer Bar stehen… So klar und real… Und ich dachte mir: „Ausschalten. Einfach nur ausschalten! Wer weiß wer dieses Dinge hier hin und wozu….“ Und dann machte es ZACK! Wie es bei alten Kassettenrekordern der Fall ist. Der „Play“-Knopf schnellte in die Höhe und es kehrte Grabesstille ein.

 

Als ich mich ängstlich umsah erwartete ich eine Horde von Menschen, Hunderte von ihnen hinter mir zu sehen, die grinsend auf mich zeigten: Und mich dann auslachten.

Urlaub im Grenzgebiet

„Freilassing“ ist ein seltsamer Name für ein Erstaufnahmelager.

 

Den einzigen Fall vom Rassismus in unserem Urlaub im Grenzgebiet Deutschland/Österreich, erlebte ich in Salzburg. Ein Bettler kniete nahe des Weihnachtsmarktes beim Dom am Boden, die Hände wie eine Muschel vor sich bittend geöffnet, und eine Gruppe von Mittvierzigern passierte den Mann, der allem Anschein und Vermutungen nach ein Flüchtling war. Eine Frau aus der Gruppe gab dem Bettler ein paar Münzen, worauf die andere Dame aus der Entourage lauthals auf sie ein brüllte: „Schämts euch dem was zum gebn! Schämts euch! Wenns wenigstens a Weißer wär!“ Und wütend schnaubend und dann – ich habe das nicht mehr vernehmen können weshalb – lachend, stürmten sie weiter. Triumphierend. Es war ungefähr 14 Uhr 30. An „Heilig Abend“.

Das war also der berühmte Österreichische Rassismus von dem David Schalko so voll erzählt hatte.

 

Es war der letzte Tag unseres Kurzurlaubes, den wir in Bad Reichenhall, im Grenzgebiet verbracht hatten. Mit dem Zug kamen wir  während unseres Tagestrips nach Salzburg durch Freilassing und sahen vom Fenster aus nur ein normales bayrisches Städtchen. Ruhig, aufgeräumt, einladend, schön. Keine Ausnahmesituationen. Nur im Zug selbst eine Schaffnerin, die freundlich zu ausländisch anmutenden Bahnreisenden meinte: „Ah, ihr habt´s bestimmt die Schülerkarte“. Worauf diese lachten. Ja, ja. Haha. Schülerkarte. Mehr war da nicht.

Und wir wunderten uns gestern, als wir in den „Nachrichten“ auf Pro 7 Bilder aus der Erstaufnahmeeinrichtung Freilassing sahen; irgendwie geht dieses ganze Vertriebenending total an uns vorbei, es hat keinerlei Auswirkungen auf uns.

Denn. Wir sind in den letzten Monaten weder belästigt worden. Noch wurden wir ärmer. Noch fühlten wir uns in der Unterzahl. Nur. Ein beschaulicher Urlaub im Grenzgebiet. Der jegliche Propaganda die das Internet und die –idas (Pegida, Legida, usw.) verbreitete, ad absurdum führte.

 

Es war so schön, dass wir sogar noch eine Übernachtung drangehängt hatten, in diesem viel zu warmen und dadurch herrlichen Winter. Wir erklommen unter Schweiß und Wehklagen einen vereisten Berg, auf dem man an den ungesicherten Stellen 1500 Meter die  Steilwänden hinabstürzen konnte, genossen oben die sagenhafte Aussicht und vertrödelten einen ganzen Tag in der größten und besten Therme, in der wir jemals waren. Der perfekte Kurzurlaub in einem perfekten Hotel mit perfektem Wetter. Und kurz. Für ein paar Tage. Waren die Sorgen des Alltags vergessen. Darauf trank man auf dem kleinen Christkindlesmarkt noch einen warmen Pflaumenschnaps.

 

Ein wenig fühlte ich mich in meiner Kleinstadt die letzten Monate, als der Fernseher dröhnte und das Internet tobte, wie in einer künstlichen Blase, die von dem „Aslyanten-Strom“ verschont blieb. Alles schien an einem vorbeizugehen. Wieso zum Geier war es möglich, dass das auch hier im Grenzgebiet der Fall war? Ganz einfach, weil in Wahrheit weder mein Heimatkaff von den kriegsinduzierten weltpolitischen Umwälzungen ausgeschlossen blieb, noch Bad Reichenhall oder Freilassing. Es zeigt sich nur jetzt schon, dass die Apokalypse der Vorstellung wie immer überzeichneter ist, als die Tatsachen der Gegenwart.