Der Text zur Nacht (224) Gefangen im Limbus

Gehe ich los.

Alex versucht erst gar nicht mich aufzuhalten.

 

Ich schreite wie ein fremdes, außerirdisches Wesen durch die Party-Crowd. Bin ein Fremdkörper, der sich äußerlich nicht von seiner feiernden Umwelt unterscheidet,  auffällig nur für jene, die die Aura eines Menschen sehen können, die erspähen können, wie viel dunkler, finsterer und von mir selbst entfernter ich dem Hier und Jetzt inzwischen geworden bin, im Gegenspiel zu all den anderen Leuten hier – jung wie alt, Mann und Frau, nüchtern und dicht – die die Totalität ihrer Jetzigkeit bis an die Grenze ausleben; die Hände gehen nach oben. Und Sven Väth sieht, dass es gut ist. Gott lächelt. Und legt die nächste Platte auf.

 

Tatsächlich komme ich gar nicht weit.

Ich setze mich auf eine Bierbank nahe einer Fressbude, wo gerade noch, ganz rechts außen, ein Platz frei ist. Dort an der Kante. Hier setze ich mich neben grölende junge Leiber, die mich kurz und doch gar nicht wahrnehmen, so sehr sind sie mit sich selbst beschäftigt, damit, ihre eigene Jugend zu belachen (Lachen ist der Applaus der Jugend). Überall liegen Plastikschalen herum, aus denen „asiatische“ Nudeln gefuttert wurden.

Mein Blick geht frei ins Leere.

 

Es ist nicht einmal untypisch eine Art Depression auf Droge zu haben. Im Laufe des Textes ist es schließlich schon meine Zweite. Nur. Habe ich das normalerweise nicht so häufig, nicht an einem einzigen Wochenende.

Alle Menschen um mich kommen mir sehr fremd vor. Ich verstehe ihre Handlungen nicht mehr. Und am Allermeisten wundert es mich, dass nicht Alle sehen können, wie verletzlich und fremd ich ihnen geworden bin. Dieser Kontrast ist einfach die Härte; sich erst vor einem Moment mit Allem und Allen  so sehr verbunden fühlen, um dann im nächsten Moment wie eine abgetrennte Gliedmaße am Boden zu liegen, die weder begreifen kann was gerade geschehen ist und die sich dabei selbst noch für „lebendig“ hält. Mein Verstand hat  nicht mehr die Möglichkeit sich effektiv an „vorher“, an die gute Phase, zu erinnern, meine Gefühlshaushalt regelt das scheinbar von alleine.

Ich sinke immer tiefer in meinen eigenen Limbus.

Mein Verstand versucht sich gegen mein rohes, nacktes Unterbewusstsein zu wehren, doch es umhüllt mich und alles was ich bisher gewesen bin wie ein dunkler, schwarzer Nebel, in dem sich, wie in der Vision von John Carpenter, komische Figuren bewegen, zweidimensionale abstrakte Gemälde mit ehemals bekannten Gesichtern, vermischt mit lebendigte fremde, räumliche Plastiken, die ich nicht entschlüsseln kann.

 

Es ist nicht so dass ich die reale Welt, dass ich die Party hier in München nicht mehr wahrnehmen könnte. Alles ist noch da. Aber mein Bewusstsein der Gefühle irrlichtert durch diesen merkwürdigen Nebel, und diese komischen, unkenntlichen Gestalten die ich vor meinem emotionalen, inneren Auge sehen kann, sind Abbilder meiner Gedanken zu Personen die ich kenne; ich kann sie nur nicht verstehen, kann nicht entschlüsseln in welchem Bezug sie zu mir stehen. Weshalb sie mir einmal wichtig waren.

Ich sehe Bobby. Und Andi. Die mir fremd sind. Sehe Caro verbeihuschen und kann ihren Schmerz spüren. Sehe Sierra, wie der Lacht. Und Alex steht bei ihm. Sie lachen zusammen. Blaue Haare gehen aus dem Bild…

 

„Ich will nachhause…“ Wimmert es in meinen Limbus hinein. „Einfach nur nachhause…“ Es hallt durch die leeren Hallen meines Herzens und verebbt ungehört in meinem erfrorenen Unterbewusstsein. Tief im schwarzen Loch meines Limbus… „Bommerland ist…“

 

Und dann sehe ich am Ende meine Ex. Und ich bin einfach nur sprach- und hilflos… Klein. Zerstört. Zerdrückt und erkaltet wie eine Kippe am Straßenrand.

Ich weiß, dass das Alles, dieser ganze Müll, die ganzen Drogen, der ganze verrückte und gestörte Scheißdreck, ja, mein ganzes Leben, nur mit ihr zu tun hat. Nur mit IHRihrIHR. Und ich weiß, dass ich ihr im ganzen Text keine einzige wirkliche Zeile gegönnt habe. Sie, um die sich alles dreht, mein ganzer Wahn, meine ganze Zerstörtheit. Und doch kam sie einfach nicht vor.

Und obwohl sie es war die mich belogen und betrogen hat. Sie es war, die mich abservierte. Sie es war, die mich austauschte wie eine Glühbirne. Herrscht in meinem nackten Unterbewusstsein das Gefühl vor, dass es Alles meine Schuld war, dass ich verantwortlich bin für all das was zwischen uns schiefgelaufen ist; die Drogen, die Lügen; wie ich meinen Konsum, meine Krankheit vor ihr verheimlichte, wie ich diesen kalten, dunklen Keil zwischen uns trieb, wie harter Stahl, der ein Herz spaltet… Und obwohl das Ganze nun schon jahrelang her ist und eigentlich – verdammt nochmal – vergessen gehört, sage ich zu ihr:

„Es tut mir leid.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach einer Unendlichkeit im Limbus, nach einer Ewigkeit der Leere, blinzle ich. Nehme die ravende Gesellschaft um mich wahr. Wie sie tanzen, lachen und sich freuen. Junge, frische, geile Weiber. Starke Burschen mit geschwollenen Muskeln und Egos. Alle sehen aus wie aus einem Video-Clip. Frisch gestilt und ausgeruht. Jung und kräftig. Die Zukunft und die Gegenwart in einem Moment vereint.

 

Und da sitze ich. Alt und zerstört. Selbstvergessen und irritiert, wo denn schon wieder der ganze Dreck unter meinen Fingernägeln herkommt.

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