Absolution – der Kampf gegen den Chef

Ihr System ist aufgebaut auf Überstunden. Anders ist die Arbeit gar nicht mehr zu bewältigen. Überstunden sollen laut Satzung abgefeiert werden. Die Frage ist nur, wann? Wann soll das geschehen, wenn auf Arbeit nur mehr Arbeit folgt? So wird Stunde um Stunde angehäuft. Bei jedem der Mitarbeiter  liegt die Anzahl der Überstunden schon im dreistelligen Bereich. Dieser Umstand – und der, das er gerade ein Buch mit dem gleichen Titel liest – bringt ihn zu der Fragestellung, ob Überstunden nichts anderes  als  Schulden sind, die die Firma bei ihm macht? Und weiter: Was geschieht eigentlich, wenn der Betrieb seine Schulden nicht zurückzahlen kann? Und wie soll sich ein System weiter entwickeln, dass auf Schulden errichtet wurde?

 

Seine Chefs erinnern ihn an Generäle bei der Schlacht um Verdun. Weit entfernt, hinter der Front treffen die Generäle Entscheidungen, die viel zu spät im wahren Kriegsgeschehen ankommen oder, im Gegenteil, die Berichte über die Situation kommen viel zu spät im Oberkommando an, so dass auch sie keinen Wert haben, den jegliche Reaktion geht am Zeitgeschehen vorbei.

Die Kompetenz der Generäle steht dabei außer Frage. Sie haben sich verdient gemacht und wissen wie so ein Krieg zu führen ist. Nur leider führen sie einen Phantomkrieg, der nichts mit der Tatsächlichkeit der Ereignisse zu tun hat. Eine kafkaeske Situation. Und dennoch kann der kleine Soldat zu den Ausführungen der Generäle nur anerkennend nicken: „Ja. Das ist gut durchdacht und logisch…“ Dabei denkt er sich, kaum ist der Chef um die Ecke: „Das hat aber mit der Wirklichkeit nur bedingt zu tun. Denn die Umsetzung eurer Strategien sind auf Schuld gebaut, wenn ihr keine neuen Leute einstellt. Ihr stellt Forderung, deren Erfüllung ihr selbst nicht gewährleisten könnt.“

Bei Verdun sind über 300000 wackere Soldaten gefallen. Die Schlacht hatte keinen Einfluss auf den Kriegsverlauf.

 

„Fight Club“ lügt wenn er in seinen Geschichte davon schwärmt, einen Faustkampf gegen seinen Vater und seinen Chef zu führen, denn es ist eher so, dass wir jeden Tag eine Metaphorischen Faustkampf gegen den das System führen, in das uns unser Vater hinein gezeugt hat und einen ebensolchen Kampf führen wir tagtäglich gegen unseren Chef und dessen allwissende Weisheit, der wir immer, da wir in der Rangordnung unter ihm stehen, unterliegen. Daran denkt er, bis er „Hoppla“ murmelt.

 

 

Das Blut ist durch das Pflaster gekommen. Ein Hinweis mehr auf den tagtäglichen „Fight Club“ in dem er sich wähnt. Vorhin, da hat er sich geschnitten gehabt, an einem winzigen Stahlsplitter; Blut auf einer Desinfektionsflasche, wie passend. Er sollte sich ein neues Pflaster holen. Er sollte sich verbinden. Er sollte die Wunde trocknen lassen. Er sollte eine Pause machen. Doch dazu ist keine Zeit. Er will nicht dass der Betrieb noch mehr Schulden bei ihm hat, das der Laden noch mehr in seiner Schuld steht. Lieber bluten und weitermachen. Sonst wird er nie fertig.

Der Chef, der Idiot hat ihm wie immer zu viel Arbeit aufgebrummt. Es ist nun einmal ein Unterschied ob man jemanden 10 Sekunden lang einen Arbeitsauftrag gibt, oder ob man den dann jede Woche 30 Minuten lang ausführen muss. Irgendwie haben die Chefs keine Ahnung mehr von dem, was sie eigentlich hier so ancheffen…

Das Blut dringt immer wieder aufs Neue durch das Pflaster, während das Desinfektionsmittel sich alle paar Minuten einen Weg in die Wunde sucht. Seine Nerven schreien.

Irgendwann einmal, wenn er wütend genug ist, dann wird er sich seinen Chef packen, dieses Würstchen, und wird ihm einmal ins Gesicht bellen, was WIRKLICH abgeht! Was wirklich möglich ist, wie die Wahrheit, die ECHTE Wahrheit aussieht… Diesem blöden Hund, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat! Blöd daherreden, na das kann er selber auch!

Das denkt er bald jeden Tag. Und es ist nicht mehr als die Wut eines Kindes, die sich sagt: „Wenn ich einmal groß bin! DANN aber!“ Es folgen nur keine Konsequenzen darauf.

Er ist noch immer dieses Kind. Wird es immer bleiben.

 

Und auch wenn die Schuldenblase der Überstunden immer größer wird, so groß dass der Betrieb, die Stadt, das ganze Land in seiner Schuld stehen, wird das Zerplatzen dieser Blase vermutlich keine Konsequenzen haben. Nicht für ihn. Und für sonst keinen anderen auch.