Nur ein Traum

Wie meistens in meinen Träumen war einiges unklar. Irgendwas war da mit einem Gefangenlager im zweiten Weltkrieg. Definitiv kein Kriegsgefangenenlager von patriotischen Vaterlandsverteidigern, woher auch immer. Aber darum ging es auch gar nicht. Ich. Irgendwie ein Ich. War zu Kriegszeiten in Berlin. Bei einer Parade von Schiffen auf der Spree. Die Schiffe waren viel zu groß, viel zu Kriegsgigantisch, für die kleine Spree. Für das triste Berlin sowieso. In Berlin werden seit jeher Revolutionen nur geträumt, nie umgesetzt. Dafür ist Berlin mit seinen Ringen und Kreisen zu sehr ein Verbund von Dörfern, mit dörfischem Denken. Auf jeden Fall war ich dort mit einem Freund, der nicht aufhören konnte zu weinen. Er weinte und weinte und weinte, weil dort unten, am Fuß des Sitzplatzgerüstes auf dem wir saßen, fröhlich Kinder spielten. Warum mein Freund denn so weine, erkundigte sich die Frau neben mir. Sie war gerade und deutsch, störrisch und direkt. Unweiblich. Unerotisch. Unverzehrbar. Eine echte Berlinerin. Ich sah die Frau nur traurig an und belog sie: Mein Freund weinte wegen den Kindern, die er vor einer Weile aus einem Fluß gerettet hätte. Die Wahrheit war leider nur, dass er und ich ganz im Gegensatz die Kinder nicht gerettet hatten. Eigenhändig hatten wir sie ersäuft. Die Gegenwart der Umstände hatte uns keine Wahl gelassen. Denn im Krieg sind Kinder nicht nur Kinder. Sowie Taten keine Untaten sind. Welcher Fluss dass denn gewesen sei? Fragte die Berlinerin und ich sagte nur so für mich dahin, die Spree. Die Spree? Das könne wohl nicht sein. Überhaupt spräche ich den Begriff „Spree“ nicht richtig aus. So würde das keiner sagen, ich seie doch wohl kein Berliner. Worauf ich nur den Kopf schüttelte. Ne. Mein Freund sei Berliner. Ich nicht. Nun, woher ich denn nun komme? Darauf zuckte ich nur mit den Schultern. Und wie alt ich sei? 23, sagte ich. Ich bin 23. Als ich das sagte, erschrak die spröde Berlinerin. Ich konnte in ihren Augen lesen, dass sie mich auf 37 geschätzt hätte, im gleichen Alter wie sie. Doch nein. Ich war wirklich 23. Nur der Krieg, das Morden und das Elend ließ mich fast 15 Jahre älter aussehen. Ich könnte gar nicht sagen ob ich ein schlechter Mensch war, in diesem Traum. Ich wachte nur auf, war wieder 37 und fühlte mich doch wieder wie ein 23 Jähriger, dessen Untaten ihn vor der Zeit altern ließen. Die Wände die mich umgaben waren die, die mein Großvater mit seinen eigenen Händen errichtet hatten, als er nach dem Krieg, nach der Gefangenschaft, versuchte hier Wurzeln zu schlagen. In Wahrheit war er nie aus dem Krieg zurückgekehrt. Sowie ich nach dem Erwachen. Ich spürte die Last, wie die Schuld meiner Vergangenheit. Wie die Gräueltaten eines Anderen, die in mir schlummern. Vielleicht ist meine Angst vor Kindern nur die Schuld eines anderen Lebens, als ich pflichtschuldig zu viele von ihnen getötet hatte. Und wenn nicht, dann liegt das Potential in mir vergraben. Ein guter Deutscher zu sein.

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Absolution – 8 – Die Nächte durchmachen

„Was machst du?“ stand da. Paul verstand nicht. Was hatten diese Worte, was hatte diese Frage zu bedeuten? Sie ergaben keinen Sinn. Und doch. War ihm in jeder Sekunde seiner Verwirrtheit bewusst. Dass ihm sein Freund Fettsack geschrieben hatte. Um mit ihm Kontakt aufzunehmen.

„Was machst du?“ Ja. Was tat er? Was geschah überhaupt mit der Welt? Paul sah sich in seiner Wohnung um. Dieses von ihm selbst eingerichtete Stillleben. Alles hier war unbelebt. Statisch. Konstruiert. Angefüllt mit einer Stille, die ihm die Luft nahm. Er traute sich kaum. Zu Atmen. Sein Körper schmerzte. Das hatte er sicherlich schon seit Stunden getan. Paul war nur zu weit von ihm entfernt gewesen. Seine Blase explodierte förmlich. Die Droge drängte danach in Sturzbächen ausgeschieden zu werden. Aber Paul saß einfach nur da. Total weg. Durch. Und drauf. Auf seinen Amphetaminen. Unfähig. Aufzustehen.

Er stand schließlich doch auf. Setzte sich auf seine Toilettenschüssel, zwängte seinen halb erigierten Penis hinein und ließ es laufen. Gefühlt eine halbe Stunde. Jede Sekunde. War zu lange. Er wollte nur wieder zurück. Zurück zu seinen Drogen. Zurück zu seinem Sessel. Zurück in seine Träume.

Er wusste was er tat. Warum musste man da nachfragen?

Als er in sein Wohnzimmer zurück kam ging hinter den Rollläden schon wieder die Sonne unter. Wie lange war er jetzt wach? Gestern. Heute. Waren sie doch in München gewesen. Er konnte sich nicht genug konzentrieren um diesen Worten Bilder in seinem Verstand zuzuordnen. Es waren nur Worte. München. Feiern. Freunde. Geschehnisse die auch einem anderem passiert seien könnten. Eine Nacherzählung von Tatsachen. Nichts, was ihm selbst passiert sein musste. Er zwang sich einen Schluck Wasser zu nehmen. Dann noch einen. Seit heute Morgen hatte er kaum etwas getrunken. Zu tief war er in seiner Traumwelt versunken gewesen. Zu weit war er von seinem Körper entfernt gewesen. Und die Nacht davor gab es nur Jägermeister. Und XTC. Man könnte ja vielleicht etwas essen? Paul machte sich noch zwei krumme, brockige Lines, von der er nicht einmal die Erste gänzlich in sich einsaugen konnte. Was er aber einatmete, versuchte sein Körper, sein Verstand, der unsichtbare Dritte in ihm wieder abzustoßen. Pauls Körper verkrampfte sich. Brechreiz kam auf. Er würgte seine Zunge aus seinem Schlund heraus während er sich die Nase zu hielt, um ja nichts von dem kostbaren Dreck zu verlieren, der seine Eintrittskarte in einer bessere Welt war. Chemische Lava lief seinen Hals hinunter. Er spülte mit Tränenden Augen nach. Auf seinem Sessel atmete er erleichtert auf. Das hatte er doch ganz gut hinbekommen. Und versank noch viel schneller und beschleunigter als zuvor in seine Traumwelt.

Um etwa ein Uhr nachts entschied er sich noch seine letzte Line zu nehmen. Dann musste Schluss für heute sein. Schließlich musste er um 6 Uhr für die Arbeit aufstehen. Diese eine „Nase“ noch. Dann würde es gut sein. Dann würde es reichen. Eine „Gute-Nacht-Nase“. So zum Einschlafen. Das war ein Scherz: „Gute-Nacht-Nase“. „Nasen“ bringen einen niemals ins Bett.  Aber es war auch eine seiner innersten Überzeugungen. Paul war verschwitzt und eklig von der ganzen Onanierrerei. Ausgepowert. Ausgetrocknet. Ausgehungert. Um 20 nach 4 zwang er sich selbst ins Bett zu gehen. Aber auch ohne Computer verfolgten ihn die Bilder. War seine Traumwelt noch ganz bei ihm. An Schlaf war nicht zu denken. Keine Chance. So etwas wie Reue kam in ihm auf. Verzweiflung. Über seine eigene Dummheit. Wie war denn DAS jetzt schon wieder passiert? Und warum war es so klar gewesen? Wenn nur nicht die blöde Außenwelt wäre. Wenn er nur für immer hier bleiben könnte…

Das Problem auf diese Art Drogen zu nehmen ist, dass keine Erinnerung oder Befriedigung an das Getane zurück bleibt. Du kannst keine Kicks oder gutes Gefühl mit in den Tag nehmen. Der Traum ist vergessen sobald er beendet ist. Fotos und Filmaufnahmen sind dem Gehirn nicht gestattet. Und ein klein wenig erschrak Paul immer wieder, wenn um 6 Uhr sein Wecker schellte. Jedes Mal war es ein wenig überraschend. Obwohl er seit Stunden darauf gewartet, sich davor gefürchtet hatte. Dann schleppte er sich – wie immer – durch seine Wohnung, die er irgendwie doch in der Nacht ziemlich verwüstet hatte obwohl er nichts nennenswertes getan hatte, sah sich – wie immer- im Spiegel an und stellte – wie ebenfalls immer – fest, so nicht in die Arbeit gehen zu können. Mit diesen riesigen, beschissen großen Pupillen. Dann öffnete er wie immer seine Duschkabine und machte sich mit zittrigen Händen fertig für den Arbeitstag.

 

Absolution – 7 – Der Pfad der Dämmerung

Den richtigen Zustand der phantasiert/realen Euphorie zu erreichen war zu seinem Lebensziel geworden. Alles andere war nur Beiwerk. Und konnte er nun, so wie es jetzt geschah, in sich selbst und in seiner Traumwelt onanierend wegdämmern, war ihm so, als würde sich seine Persönlichkeit auflösen. Er war nicht der verschwitzte Typ der sich Stundenlang vor dem Rechner seinen Schwanz rieb und massierte bis dieser blutig und an den Seiten merkwürdig geschwollen war (wie ein Gesicht, dem man einen gezielten Schlag versetzt hatte); Paul war gar nicht da. Paul war weg. Paul war fort. Sein Körper war nur eine Hülle. Ein Gefäß in dass er zurückkehren musste: Irgendwann. Nein. Der echte Paul war weg. Der echte Paul erzählte sich Geschichten. In diesen erotischen, eindeutigen Geschichten ging es nicht nur darum mit Frauen den Akt zu vollziehen. Es ging um Alles. Um das Ganze darum herum. Er sah nicht nur die Göttin und die Lust. Das hatte ihm schnell nicht mehr ausgereicht. Nein. Um die Lust zu erleben, musste ein ganzes Universum erfunden werden. Eine Parallelwirklichkeit. In der er ein Szenario entwarf, aus dem die Lust entspringen konnte. Sein chemisch verbesserter, übereuphorisierter Verstand schrieb den Frauen Biografien auf die Seele, Charaktereigenschaften, Wünsche, Ängste und Nöte, warum sie in diese Situation gekommen war, was sie wollten, was nicht und was sie zusammen erlebten. Der Sex war immer nur Sex. Und es wäre gelogen gewesen wenn dieser Sex nicht wichtig wäre. Er war tatsächlich der Dreh- und Angelpunkt des ganzen Geschehens. Viel wichtiger erschien ihm aber die erfundene Person hinter seinem Begehren. Eine Person. Eine Frau. Die er nach seinen eigenen Wünschen erschaffen konnte. Paul merkte es nicht einmal, dass er sich zwar nach Sex und Zuneigung sehnte. Es ihm aber die größte Lust verschaffte, Gott zu spielen. Die größte Befriedigung war es. Allmächtig zu sein. Nicht nur irgendein kleines Rädchen im Getriebe einer Welt die ihn nicht brauchte um sich selbst zu erhalten.

 

Er sah gar nicht mehr nicht auf den Bildschirm. Seine Augen waren lächerlich lustvoll zur Wohnungsdecke verdreht. Während er von einer Katha träumte, von der er mehr wusste, als von der echten Katha selbst. Er begehrte einen Körper, der perfekter war, als der es von Katha jemals sein konnte. Und doch. War er der ihre. Er verzehrte sich nach ihrem Schamgefühl, welches er tiefer und intensiver spüren konnte, als es jemals möglich gewesen wäre, wenn er wirklich mit ihr in einem Bett gelegen hätte. Paul schrieb ihr seine Gedanken auf ihre Seele. Und konnte so ihre eigenen lesen. Es war das ultimative Verständnis zwischen Mann und Frau. Da waren keine Grenzen mehr. Sie verbanden sich zu einem Wesen. Einem Wesen voller Perfektion. Unter dem Kick einer Drogen, die sein Herz fliegen ließ… Er war nicht mehr der kleine Junge der von seiner Mutter verlassen wurde… Er war…

 

Nichts erschreckte ihn schlimmer als wenn er in solchen Momenten aus seinen Träumen gerissen wurde. Er toste auf und sein Herz blieb drei Sekunden stehen. Paul. War unfähig zu atmen. Er stand in seinem Sessel. Dabei hatte nur sein Handy einen Nachricht empfangen. Erschüttert sah er sich um. Das Video auf dem Bildschirm lief Tonlos weiter. Da standen noch die zwei Flaschen Wasser. So gut wie unberührt. Daneben eine Packung Taschentücher. Irgendwo dahinter. War sein Handy. Das vibriert hatte. Warum auch immer. Irgendwer. Von der Außenwelt hatte sich eingemischt. Paul wischte sich mit seiner Hand über sein verschwitztes Gesicht. Lehnte sich wieder in den von seinem Schweiß durchnässten Sessel zurück. Einen Moment lang konnte er seinen eigenen Gestank riechen. Er zwang sich einen Schluck Wasser zu nehmen. Und sah dann auf sein Handy. Sein Blickfeld war verschwommen. Er konnte die Buchstaben kaum entziffern.

Ausgeträumt

Beim Traum geht es nur um den Traum an sich,  nie um die Realisation. Ich wollte nie einen Traum leben, so was ist doch literarischer Unsinn. Meine Träume waren nie Wünsche. Der Traum ist das Ziel.

Die Frage ist doch in Wahrheit die, weshalb man die „Hoffnung“ einen Traum nennen muss um selbst damit klar zu kommen.


Guten Morgen.