Wenn die Tiere aufhören zu sprechen

Was machen Kindern wenn sie spielen? Sie trainieren es erwachsen zu sein. Zwar macht ihnen ihr Spiel Spaß und es unterhält sie, doch sie loten auch die Realität aus. Noch können Tiere sprechen. Noch können Menschen fliegen. Noch sind Männer stärker als Frauen. Aber nach und nach drängt sich immer mehr der erlebte Alltag, immer mehr Wirklichkeit in ihr Spiel. Die Traumwelt wird realistisch.

Sind die Kinder dann alt genug, hören sie auf zu spielen. Auch ihr Umfeld sagt: Jetzt ist Schluss mit der Spielerei. Dafür bist du zu alt. Jetzt kommt der Ernst des Lebens. Genug trainiert also. Schluss mit den Träumen. Und setz das um was du gelernt hast: Ein Mensch der Gegenwart zu sein. Und das bedeutet  nur noch Spiele zu spielen, die unterhalten, die aber jegliche Form von Traum verbieten. Träume lernen nicht fliegen. Im Gegenteil.

Wir müssen aufhören die Kindheit und die Jugend zu idealisieren.

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KRANKkrankKRANK

Ich bin schon wieder krank und zwar nicht so cool krank wie in: „Seht mal da drüben, dieser voll kranke Irre! Boah! Was geht denn mit dem an?!!!“ Nein. Langweilig krank. Magendarm. Schon wieder.

Die letzten Monate war ich alle paar Wochen krank und langsam nervt es.

Wahrscheinlich versucht mir mein Geist via dem Körper etwas mitzuteilen, so von der Art her: Junge, änder deinen Lebenswandel, deine Ernährung. Oder lös mal deinen Stress. Dann läuft es auch wieder mit dem Nordwind.

Was weiß ich schon?

Kranksein, also dieses Dämmrige, Angestrengte wenn man gerade so wach ist, hat auch eine schöne Komponente. Man denkt anders nach über die Welt und kommt auf Schlüsse, Rückschlüsse, die einen sonst nie in den Sinn gekommen wären. Man erahnt neue Verbindungen, Geheimnisse, Rätsel und fürchtet und liebt darüber neue Feinde und Freunde.

Die Krankheit an sich ist eine Garantie auf einen freien, unbeeinflussten Geist, der leider (und natürlich, eh klar) bei realer und gesunder Betrachtung wenig Sinn macht. Das ist schön. Und abstrakt.

Vorhin, wie gestern, hörte ich die jungen Arabischen Menschen bei meinem Nachbarn ein und ausgehen; ich sah sie gestern sogar, als ich meine besudelte Wäsche zur Waschmaschine brachte, und komisch: Sonst bekommt der doch nie Besuch, der 40 Jahre ältere Mann mit Hörschaden. Später gingen sie im Streit auseinander. Und ich lag da so mit der Bettdecke bis zum Hals und fragte mich, was die zwei Mädchen und der Junge beim Alten wollten. Bis meine Träume mir die Geschichte zu Ende erzählten.

Heute Morgen vor dem Spiegel, als ich mich für die Arbeit fertig machte, was ich natürlich gar nicht dürfte, in einem Lebensmittelbetrieb, mich aber mein Freund und Geselle quasi anflehte ich solle doch BITTEBITTE kommen, sah ich in meine kranken gespiegelten Stecknadel-Augen und dachte mir den Satz: „Ich kam mir noch nie so wichtig und gebraucht vor.“

Dann ging ich los.

Von Genesungswünschen bitte ich abzusehen.

Es ist die Hölle, nicht mehr jung zu sein.

„Ich würde gerne einmal einen Pfarrer verführen.“

„Du meinst einen Priester.“

„Wieso Priester?“

„Weil Priester immer katholisch sind. Pfarrer können glaube ich Beides sein.“

„Verstehe ich nicht… Ist auch egal. Also ja: Priester.“

„Und warum willst du einen Priester verführen?“

„Ganz einfach. Wenn du mit einem Priester Sex hast, ist immer er schuld. Nicht das Mädchen ist die Schlampe, sondern immer der Geistliche. Das Mädchen ist Opfer.“

„Muss es denn immer Opfer geben?“

„Ich finde schon das Mädchen immer die Opfer sind. Bei Frauen sieht das vielleicht anders aus. Bei Mädchen aber schon.“

Ich höre diesen Dialog als ein Theaterstück in meinem Kopf. Die beiden verflucht jungen und sehr hübschen Mädchen sitzen in der Straßenbahn ein Stück von mir entfernt, zu weit, um sie zu verstehen. Sie sind wie Stoffpuppen, „Kasperle-Theater“ für diejenigen, die das noch kennen, und ich lege ihnen Worte in den Mund. Vermutlich reden sie nicht über so „Schulmädchen-Report“-Unsinn, eher über die ganz banalen Dinge des Lebens, also über echte Kerle und wie „geil“ sie die finden, wobei „geil“ nicht GEIL heißt, sondern so etwas „süß“, „hübsch“, „männlich“, „erotisch“. Ich mag das Wort „geil“ nicht. Nicht einmal, weil es obszön wäre (was es ist). Mich stört die Inflation der Benutzung dieses Wortes. Alles ist „geil“, sprich jeder Umstand und/oder Handlung ist sexuell aufgeladen, und nur dann finden wir ihn gut. Wir merken das nur gar nicht mehr.

Trotz meinem kleinen Voice-Over zu den beiden Schulmädchen, finde ich die Zwei überhaupt nicht „geil“. Es sind schöne, hübsche, junge Dinger; keine Frage. Doch sie sind zu jung. Wäre ich 10 Jahre jünger oder so… Jetzt klinge ich schon wie ein alter Mann… Dennoch. So hübsch und anziehend diese perfekten Gesichter und festen Körper auch sind, bleibt für mich dennoch der Umstand im Mittelpunkt, dass ich fast schon der Vater von denen sein könnte. Die einen werden mich jetzt wohl bieder oder so nennen (wenn sie das Wort benutzen würden), oder vielleicht verklemmt. Dabei ist es doch normal, wenn man nicht mehr auf diese Blutjungen Dinger steht. Auch wenn die Pornografie und die Werbung-Industrie uns immer wieder einzureden versuchen, wie jugendlich die Körper unserer Begierden zu sein haben.

Sex hat in vielerlei Hinsicht aufgehört sexy zu sein.

Ich kann mir auf jeder Porno-Seite Frauen ansehen, die ich selbst im echten Leben nie nackt sehen würde.   Man kann sie sich sogar nach dem Baukasten-Prinzip aussuchen; „Teenys“, „blonde“, „skinny“, „small“, „big tits“ usw. usf. Heute kann man ALLES SEHEN, dank einem weltumspannenden Netz an Pornografie. Keine Vorstellung wird nicht visualisiert. Jeder Traum ist nur ein paar Klicks entfernt. Man kann die Weiber nur nicht mit Sinn und Charakter aufladen.  Das ist das Problem wenn jeder Porno nach der gleichen Regie-Blaupause funktioniert (Lecken, Blasen, Ficken, Cumshot): Es wird beliebig.

„Voyuerismus“ nennt man das Ansehen von Pornos auch. Aber nicht einmal das stimmt. Natürlich geht es um die Lust zuzusehen. Doch wo ist der stetige Reiz fremden Menschen beim Ficken zuzusehen? Das ist nicht sexy oder erotisch. Das ist nur eine Industrielle Form von Abbau von Samenstau. Und zum Glück dreht sich nicht wirklich Alles um Sex wie gern behauptet wird, sondern um die Liebe – nur ist die Liebe auch immer ein wenig peinlich.

Ich glaube ja. Dass die Werbe- und Schönheitsindustrie eine Kampagne gegen die Liebe gestartet hat und diese unschuldige und schöne Peinlichkeit der Liebe ausnutzt – und in das Gegenteil verkehrt. Wie es die Zuckerindustrie gegen Fettprodukte gemacht hat, damit die Leute dachten mehr Kohlenhydrate fressen zu müssen, um dem bösen Fett zu entkommen (nur um ein paar Jahre später festzustellen, dass Kohlenhydrate noch fetter machen). Die Schönheitsindustrie will der Liebe ein uncooles Image verpassen. Sie ist doch, wenn das große Feuerwerk vorbei ist,  ach so gewöhnlich, viel zu langweilig. Sie will erreichen, das wir ständig versuchen jung und auf ihre Art „sexy“ zu bleiben, wohlwissend, dass das unmöglich ist. Deswegen führen sie einen Krieg gegen die Liebe, denn die Liebe genügt sich selbst. Wer sich selbst genügt, kauft keine Lotionen oder ein „Image“, dem Turnschuhe anhaften.

Die Käufer müssen unzufrieden sein mit dem was sie längere Zeit benutzen. Sei es auch der eigene Partner.

Die Firmen machen die normalen Menschen hässlich und unansehnlich, diffamieren unsere normalen Bedürfnisse nach Ruhe und Geborgenheit. Sie halten uns ständig „geil“, so geil sogar, dass das Wort „Geil“ unser Lieblingswort geworden ist. Ein nie enden könnendes Verlangen… Viagra für unsere Köpfe.

Dann steige ich aus. Ich besuche meinen Vater im Krankenhaus und dort ist es weniger sexy. Noch weniger, als auf einem Friedhof. Die ganze Zeit jammert er herum. Darüber, dass ihn die Infusion stört, der Schlauch der ihm Luft in die Nase bläst, ist auch nervig und die Frau Doktor ist gemein. Alles ist schuld an seinem Zustand. Nur er selbst nicht. Das kann er nicht einsehen. Ich frage mich, ob ich als Kind genauso war. Oder immer noch so bin.

Er meint es ist die Hölle, nicht mehr jung zu sein.

„Jung wirst du wohl nicht mehr werden“, schmunzel ich ihm ein wenig hilflos zu, „aber gesund. Das ist doch auch schon was.“

„Ich weiß nicht ob ich jemals wieder richtig gesund werde.“

„Jetzt hör aber auf. Du musst nur wollen.“

„Egal wie sehr man es will. Man wird einfach keine 20 mehr.“

Wir sind nur irgendwelche Leute

Ich bin auf eine Party eingeladen. Einige der Leute die dorthin kommen kenne ich, manche nicht. Ach. Es wird nett werden, keine Frage. Man lacht. Trinkt. Oder in der anderen Reihenfolge.

Dabei glaube ich nur nicht, dass ich dort interessante Gespräche führen werde. Es kommen normale Leute mit normalen Problemen, die darüber nicht hochphilosophisch sprechen werden.

Gerade haben wir die 6te Folge der zweiten Staffel True Detective gesehen und die ist angefüllt mit Cops und Ganstern, die höchstphilosophisch mit coolen One-Linern, ihr außergewöhnliches Leben am Abgrund fast schon zu sehr reflektieren, um glaubhaft zu sein. Aber es ist verdammt cool und unterhaltsam.

Die paar krumme Gestalten, und diejenigen, die andere vielleicht als so was wie Gangster oder Verbrecher ansehen würden, die ich kenne, sind nicht so. Das sind einfach nur normale Typen, die ein wenig krasser drauf sind. Die gerne mal Drogen nehmen, verkaufen und deswegen hin und wieder ein wenig entarten können (müssen), in dem sie X und/oder Y ihre Faust in den Körper rammen. Und trotzdem sind das wenn man mit ihnen quatscht sehr normale Kerle, mit stinknormalen Problem, wie Haus, Kinder, was weiß ich. Sie sind weder hypercool, noch hyperproletenhaft oder hypergebildet. Und erst recht nicht Alles gleichzeitig.

Das sind einfach nur irgendwelche Leute.

Überall.

Sind einfach nur irgendwelche Leute.

Und wir Alle sehen uns Figuren im Kino, Fernsehen oder im Stream an, die wir toll finden, weil sie eine Mischung darstellen, die wir toll finden, da wir so nicht sein können. Der kluge Mörder. Der feingeistige Verbrecher. Der unmoralische Polizist. Der Gentleman-Kannibale. Mit machen von denen würden wir gerne einmal sogar selber abhängen wollen. Ja. Wir wären gerne ihre Freunde oder glauben, sie würden uns besser verstehen, als es unser echtes Umfeld könnte. Wir sind uns doch so ähnlich…

Das stimmt nicht.

In Wahrheit gibt es solche Typen bestimmt gar nicht. Denn diese Figuren, mit Blut an den Händen und einem Wortschatz wie aus dem Brockhaus, das sind alles nur Erfindungen von irgendwelchen studierten Nerds, die Drehbücher schreiben, in welchen sie aus einem Gangster ein zerrissenen Irgendwas machen, einen vollendeten Prototypen, der Nietzsche zitiert während er mit einer Hand ein Whiskeyglas balanciert und mit der anderen eine Schusswaffe führt, und damit gleichzeitig tötet.

Das ist eine Illusion. Das sind nur Kopfgeburten von gebildeten Leuten, die gerne cool wären. Das sind nur Träume von einem Hybriden, der gleichzeitig Verbrecher und Philosoph in einem ist.

Philosophen sind eher selten Männer der Physis. Und Männer fürs Grobe, selten Philosophen.

Wir sind einfach  nur irgendwelche Leute. Keine gefallenen Superhelden. Oder aus der Reihe fallende, entrückte Genies, die irgendwie doch jeder verehrt. Allerhöchsten sind wir Maulhelden, die Geschichten und Figuren erfinden und sich ausmalen wie WIR gerne in einer extremen Situation wären: Selbstsicher, klug, sexy –  und ein wenig böse.

Wer will schon die Wahrheit sehen, in der wir unsichere Typen sind (wenn nicht gleich Feiglinge), die in ihrem Leben kaum auf wirklich besondere Erlebnisse und Handlungen zurückblicken können?

Wir sind keine gebrochenen Anti-Helden. Dafür ist unsere Seele gar nicht tief genug.

Serien, Filme, Schauspiele, sind nur Visionen von irgendwelchen Leuten, die von anderen Leuten  dargestellt werden: Und Alle wären gerne besser als sie sind.

Und keiner gesteht sich ein, wie das Leben wirklich ist.