Über mich

Er hatte so viel Angst vor dem Tod, dass er dachte das Leben in vollen Zügen genießen zu müssen, wodurch er sich schließlich selbst nach und nach umbrachte.

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Falsche Familienmitglieder

Warum sterben dieses Jahr so viele Stars? Lemmy Kilmister. Prince. David Bowie. Muhammed Ali. Götz George. Der verdammte, einzigartige Muhammed Ali. Onkel Buds Spencer.

Seiner Vermutung nach hat diese Häufung mit der Popularisierung bestimmter Teile der Gesellschaft zu tun. Populäre Gesellschaftschichten gab es schon immer. Am Anfang der Stammesführer. Dann Könige. Prinzen. Später wurden sogar Frauen wichtig. Es handelte sich dabei nur immer um einen eingegrenzten Bereich. Eine Elite. Und heute, ach was, seit Jahrzehnten, dank dem Kino, Radio, dank dem Fernsehen gibt es immer mehr populäre Menschen in unserer Wahrnehmung. Einen König und einen Promi unterscheidet bei nüchterner Betrachtung nicht viel: Beide leben und handeln durch die Aura, die ihnen andere zusprechen. Jeder ist nur ein Mensch, dessen Macht ihm andere zusprechen und ihn deswegen achten. Ein König ist auch nur ein Mensch. Und nicht einmal Brad Pitt wer Besonderes. Und da wir in einer popularisierten Gesellschaft leben die irgendwann ihren Anfang nahm und in welcher theoretisch jeder berühmt werden kann, ist es kein Wunder das man schließlich an einen Punkt gelangt, an denen die Stars von Gestern beginnen reihenhaft weg zu sterben. So ist das, wenn man inflationär mit dem Begriff, vor allem mit dem Gefühl für  „große Menschen“ umgeht.

Lemmy war der Fuck-Off-Rebel. Prince und David Bowie standen für die Befreiung der Sexualität durch Musik. Götz George war der, der die „Scheiße“ aus Duisburg Salonfähig machte. Ali war der erste schwarze Superstar. Und Buds Spencer war… Der HELD unserer Kindheit. Was zum Teufel das auch  bedeuten soll.

Auf eine gewisse Art waren sie alle Vorbilder. Prototypen dafür, was wir sein wollten. Nicht jeder im Einzelnen. Keiner war ein Held. Zusammengenommen jedoch waren sie DIE Helden, die unsere Gesellschaft einschneidend geprägt haben. In einer Zeit wie unserer, in denen es keine realen Vorbilder mehr für Menschen gibt, waren sie wenigstens die Hologramme davon. Man darf ja auch nicht vergessen, dass kaum einer von uns diese Leute wirklich gekannt hat. Sie standen einfach nur für etwas – und das reichte schon. Sie waren jemand für uns, mit Visionen aufgeladenen Leuchttürme unserer Wünsche.  Ja, im Prinzip waren sie eigentlich nur Wunschvorstellungen für uns, wie zuvor Sagenhelden oder andere Leute, die es in Wahrheit gar nicht geben musste. Mit Bedeutungen aufgeladene Monolithen der Austauschbarkeit.

 

Er ist traurig bei jeder einzelnen Todesnachricht. Egal ob Lemmy, Prince oder Bowie. Er fühlt jeden dieser Tode wie den Verlust eines Familienmitglieds. Diese Stars waren immer für ihn da gewesen. Diese Helden hatten ihn immer umgeben. Sie hatten sich nie beschwert wenn er launisch oder wütend war. Sie hatten ihm immer das Richtige eingeflüstert, zu jeder Lebenslage. Nicht so wie seine echten Freunde und Verwandte.

Fakt ist doch, dass er öfter Götz George dabei zugesehen hatte wie man Menschen behandelt, als seinem großen Bruder. Es stimmt auch, dass er mehr Zeit dabei verbrachte hatte als Kind Buds Spencer bei seinen zweifelhaften Abenteuern zuzusehen, als mit seinem eigenen Großvater zu verbringen. Und sein Großvater war weit weniger gewalttätig als dieser aggressiver Italiener, der zwar in sich zu ruhen schien, doch viele Leute zusammenschlug.  Und sein Großvater war im Krieg gewesen. Er hatte häufiger mit Prince und David Bowie über den Wolken geschwebt, als mit seinen Freunden. Und mit Lemmy konnte man so wunderbar krass rebellieren.

Ja. Jede einzelne Todesnachricht hatte ihn mehr geschockt als die Beerdigungen aller seiner Großeltern. Seine Großeltern waren alle nur irgendwelche Menschen gewesen. Sie lebten und starben – für nichts. Für was hatte dagegen ein Lemmy Kilmister gelebt! Oder der unglaubliche Muhammed Ali!

 

Er weiß nichts von meiner Meinung, dass wir Menschen nur so wahrnehmen, wie wir sie mit Wert aufladen. Welche Macht wir ihnen zugestehen. Und würde ich ihm die Frage stellen, weshalb er nicht seinen Großvater mit diesen Werten bedacht hat, würde er mich nur verwirrt ansehen. Was hat das Eine denn mit dem Anderen zu tun?

Schon in seiner Kindheit hat er sich von seiner Familie abgewandt und eine neue gefunden. In diesem Punkt kommt das „Superstar“-System einer Sekte gleich.

Heute ist schlimmer als gestern

Bamm. Da ist es passiert. „Dumm gelaufen“ bin ich, wortwörtlich. Bin in der Arbeit gegen eine offene Dachlucke gekracht. Die Kopfhaut unter dem Haaransatz öffnete sich wie eine pralle Frucht und das Blut färbte meine blonden Haare rötlich. Meine darauf greifende Hand sah aus wie ein Händeabdruck an einer Kindergartenwand.

Heute ist schon wieder ein Tag später. Mein Gehirn ist leicht erschüttert, mir ist übel. Der Kopf tut etwas weh. Ich fühle mich ein wenig doof; sehr doof sogar. Der Arzt erklärt mir, dass das ein normales Gefühl sei. Boxer zum Beispiel dürfen nach einem Kampf auch 2 Monate nicht mehr trainieren oder kämpfen. Möglich dass das wahr ist. Mir aber haut man in der Arbeit nicht häufiger auf den Kopf, ich sehe den Zusammenhang nicht. Werde aber dennoch von dem studierten Mann mit dem komischen Vergleich krankgeschrieben. Heute. Morgen. In die Arbeit gehe ich natürlich trotzdem. Ein paar Stunden lang. Weil jeder von uns einzigartig und nicht zu ersetzen ist.

 

Bei dem Arzt, der nicht mein gewohnter Hausarzt ist, arbeitet eine liebe Freundin von mir. Deswegen nahm der Chef mich früher dran. Und sie setzte mich zum Warten für den Krankenschein vor das Labor, nicht zurück ins Wartezimmer, wo Kinder und alte Frauen krakeln, als gäbe es keine Schönheit auf der Welt und keinen Morgen mehr. So fühle ich mich auch. Heute ist schlimmer als gestern im Kopf. Merkwürdig.

 

Neben mir sitzt ein alter Lehrer von mir, den ich lange aus den Augen verloren habe und erzählt  die Geschichte, die er unserer Klasse damals erzählte, als er ganz traurig war. Damals erzählten Lehrer noch private Geschichten im Unterricht. Einfach so. Ich weiß nicht wie das heute so ist.

Es war die Geschichte seines Bruders, der, ich weiß nicht mehr in welchem Jahr, von einem Bombenanschlag getötet wurde. Der Bruder war ein kollateraler Schaden, vielleicht war er auch mit ein Hauptanschlagsziel, so genau lies und lässt sich das bei der Form des Terrorismus nicht sagen, der möglichst viele Menschen umbringen will, wenn er schon nicht das Hauptziel terminieren kann. Ich weiß nicht mehr mit Bestimmtheit ob es die „RAF“ war, „die Bewegung 2ter Juni“ oder sonst für ein Verein. Auch jetzt frage ich den alten Lehrer nicht danach.

Der Mann mit seinem dunklen Bart, der damals als ich ein Kind war viel älter aussah als jetzt, wo er im genau gleichen Alter wieder neben mir sitzt, erzählt die traurige Geschichte aus der Ich-Perspektive, die Geschichte aus dem Blick der Hinterbliebenen, wie das so ist, wenn der eigene Bruder, die eigene Frau oder, Gott bewahre, das eigene Kind, Opfer einer Terroristischen Mörderei wird. „Früher, da waren Terroristen Teil eines kollektiven Wahns. Heute, sind das nur noch Werte Egoisten. Jeder tötet für sich allein. Jeder stirbt für sich allein. Für sich ganz allein.“ Genau das Gleiche hat er auch damals gesagt, im Klassenzimmer, als es auch 35 Grad draußen waren und wir nicht nach draußen konnten. „Und das Allerschlimmste an der Sache ist die Sinnlosigkeit. Ermordet zu werden hat selten Sinn, wer stirbt denn schon für eine bessere Sache? Wessen Ende ist denn schon ein neuer Anfang? Aber von einer Organisation getötet zu werden, die nichts bewirkt und deren Opfer nur gut für eine Statistik des Mordens sind; was könnte noch deprimierender sein?“

Gestorben für die Statistik. Gemordet durch Mörder, die sich für Revolutionäre hielten. Und sich heute dafür schämen. Wo die Revolution ausgeblieben ist. Es sind Opfer volle Schande. Peinlich für jeden Beteiligten. Heute, wie damals.

Und ich stelle die gleiche Frage wie damals: „Heute aber geht es ihnen besser oder? Heute ist alles vorbei und sie können vergeben?“ Worauf er, natürlich, die gleiche Antwort gibt wie damals: „Nein. Heute ist es schlimmer als gestern.“

 

Meine hier arbeitende Freundin weckt mich aus meiner Abwesenheit. Überreicht mir den Krankenschein. Und wie ich so aufstehe, mich bedanke, mit meiner Übelkeit im Magen und meiner Wirrness im Kopf, fühle ich mich auch sehr peinlich berührt darüber, dass unsere Opfer umsonst sind, egal was wir betrauern müssen. Ich schäme mich und weiß, dass diese Scham noch schlimmer werden wird. Ganz gleich was uns die Alten am Lagerfeuer für Lügen erzählen. Die Alten erzählen immer nur die Sieger Lügen. Nie die gescheiterten Verlierer Wahrheiten.

Ich fahre mit dem Auto vorsichtig nachhause, ohne noch weitere Menschen zu verletzen.

Das Prinzip Himmel

„Wie kann man denn nur diese knochigen Frauen erotisch finden? Die sind doch Alle ganz furchtbar. Diese Hungerhaken! Und wie widernatürlich die sind! Die sind doch Alle krank! Von den Indoktrinationsmedien aufgescheuchte, kontrollierte Sklaven der Schönheitsindustrie! Pfui! Diese bescheuerten Weiber sind so dekadent und unfrei!“

„Na ja…“

„Wie? Na ja?! Habe ich nicht Recht?“

„Irgendwie schon… Doch… Sieht man sich Höhlenmalereien an. Oder diese, diese… Statuen von den Griechen. Oder Römern oder so… Dann sind das natürlich schon eher… Wie soll ich sagen… WEIBLICHE Frauen. (Ich mache dazu offene, beidhändige Handzeichen). Fette Frauen wie du wurden da auch nicht gerade idealisiert. Ich meine. Das ist doch auch krank was du da darstellst, nur weil du keine Selbstdisziplin hast und Dauer-Abonnent bei „Mars“ und „Nestle“ bist…“

Sie kocht. Dieses Mal keine Sahnesauce, sondern vor Wut.

Ich fahre fort:

„Selbstverständlich gibt es Frauen bei denen es nicht mehr schön ist mit der Dünnheit… Und ich als Mann muss mich über mich selbst wundern, wie ich plötzlich sehr dünne Frauen mit kleinen… BRÜSTCHEN und ohne Arsch geil finde… Da hat die Schönheitsindustrie wirklich ganze Arbeit geleistet. Da muss ich mich selbst wundern… Aber du!“

Ich zeige auf meine fette Gesprächspartnerin, meine beste Freundin Elke.

„Bei deinem Anblick denke ich nur an Persönlichkeitsschwächen, Bluthochdruck und Einsamkeit… Es ist doch eher abartig und dekadent Frauen wie dich geil zu finden, als eine Frau die ein wenig zu dünn ist und dafür auf sich achtet. Ich meine… Das hat jetzt nichts mit Feminismus zu tun. Frauen können ja so sein wie sie wollen, Männer ja auch. Aber Du kannst doch nicht ehrlich zufrieden sein mit deinen Fettlappen. Und deswegen (triumphierend) setzt du dünne, sportliche Frauen herab. Um dich besser zu fühlen.“

Jetzt reicht es ihr. Und tja was soll ich sagen? Eine gewisse Reaktion war zu erwarten. Nicht erwartet hätte ich, dass sie mich schnappt (ein kleiner Kerl der ich in dieser Geschichte bin, sagen wir, vlt einen Meter 60 groß, schmächtig) auf den Boden drückt und sich lachend mit ihrem gigantischen Arsch auf mein Gesicht setzt.

Wütend schreit sie mich nieder während ich gegen dieses… DING ankämpfe, das man schon nicht mehr „Gesäß“ nennen kann.

 

Während ich da also erst angeekelt, dann hilflos erstickend unter ihren Massen eingeklemmt bin wie mein Großvater damals unter dem LKW, als jene Tonnen auch von der Straße abgekommen waren, ihn in seinem Auto einquetschten und die auch sein Ende bedeuteten, merke ich wie mir unter all dem Ekel die Luft ausgeht. „Das zieht die nicht durch“, denke ich mir, „das ist nur Spaß und gleich lässt sich mich erniedrigt zurück in die Freiheit.“ Und unter normalen Umständen (wenn man von dieser Situation von einem „normalen Umstand“ sprechen kann) wäre das auch geschehen. Elke aber, die ich so herabwürdigend, jedoch auch treffen beschrieben habe, bekommt just in diesem Moment einen Herzinfarkt, klappt richtig zusammen und klemmt meinen Kopf und sämtliche Atemwege so dermaßen ein, dass es für mich kein Entkommen gibt. Was für eine unwürdige Art zu sterben. Ich schlage gegen ihren Wal-Körper um mich zu befreien; es hilft nichts. Im Endeffekt ist es auch egal, wie man stirbt. Tot ist tot. Das kam allerdings sehr überraschend. Und meiner Meinung nach auch sehr ungerechtfertigt.

 

Als die Panik sich langsam legt und meine hilflosen Versuche das Speckmonster von mir herunter zu bekommen immer kraftloser werden, akzeptiere ich meinen Tod. Das wars dann wohl. Jetzt ist es vorbei. Und die Leute werden sagen, dass ich bei einem Sex-Spielchen mit meiner fetten besten Freunden gestorben sei – die Leute hätte es sich ja schon immer gedacht, dass bei denen…

 

Ich akzeptiere den Tod. Akzeptiere, dass mein kurzlanges Leben ENDLICH vorbei ist. Dass dies der Moment ist, in dem jeglicher Stress endet. Ich muss mich endlich an keine Vorschriften mehr halten, muss nicht mehr reagieren, muss mich nicht mehr mit Menschen auseinandersetzen, muss niemanden mehr zuhören, muss nicht mehr in die Arbeit, muss nicht mehr meine Steuererklärung machen,  muss nicht mehr schon einen Monat zu spät zum TÜV, muss nicht mehr zum Essen mit meinen Eltern, muss kein Update mehr für irgendein bescheuertes elektronisches Gerät machen. Muss nicht mehr schnell einschlafen damit ich am nächsten Tag fit bin, muss mich nicht mehr bei Freunden melden, muss nicht mehr mit den Kindern meiner Schwestern spielen, muss mich nicht mehr an irgendwelche abstrusen Gesetze halten, muss nicht mehr tolerant sein, objektiv oder liberal, muss für nichts mehr einstehen, muss keine Meinung mehr haben und muss auch nicht mehr so tun, als würde ich meine Eltern lieben. Kurz gesagt: Ich bin endlich frei.

Frei von all den Zwängen die mir erst die Außenwelt aufgedrückt hat und die mir dann so sehr und so unglaublich lächerlich in Fleisch und Blut übergegangen sind, dass ich nur noch ein Sklave meiner und ihrer Zwänge gewesen bin, vom ersten Augenaufschlag in der Früh, bis zum letzten Kopfschütteln bevor ich einschlief.

Endlich frei sein. Endlich. Endlich frei sein.

Niemand mehr der etwas von mir will. Keine Gesetze, Aufgaben, Wünsche. Endlich die große dunkle Leere in die ich hinab sinke; Sterben, das ist doch nichts anders als schlussendlich einzuschlafen und nie wieder aufwachen zu müssen. Wie erholsam das sein muss. Wie gnädig. Wie erfüllend. Ach komm süßer Tod…

 

An Gott und Teufel denke ich nicht. Himmel und Hölle gibt es eh nicht. Ammenmärchen für Ammen, nicht für die Kinder, denen sie sie erzählen. Ich atme nie wieder ein. Und doch fühlt es sich an wie ein unendliches Ausatmen. Ommmm…. Und dann bin ich frei vom Leben. Und ganz tot.

 

Ich erwache in der Hölle. Und auch wenn der Typ am Tresen mir sagt, dass ich nun in den Himmel kommen würde und mir ein Klemmbrett über seinen echt geilen Tresen schiebt, bin ich mir darüber sicher, dass ganz egal was jetzt kommt, die Hölle sein muss. Egal, wie sie es nennen. Ganz Wurst was das Leben nach dem Tod ist – wenn es kein Nichts ist, dann ist es die Hölle für mich. Denn ich wollte nur entschlafen. Wegsein. Und frei sein. Nicht wieder zurück ins Hamsterrad. Keine neuen Regeln, kein neuer Tag. Auch keine neuen (so genannten) Freiheiten.

Deprimiert erzähle ich das dem ebenfalls toten Inder neben mir, der wie ich da sitzt und die AGBs des Himmels durchliest. Und der lacht nur, der Hindu, und meint, dass es schon wahr war als Camus meinte, dass man sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen müsse… Und ich schlage nur die Hände über den Kopf zusammen, fange zu weinen wie ich da begreife, dass ich NIEMALS meine Ruhe bekommen würde. Niemals! Ruhe und Frieden ist nicht zu erreichen. Von wegen „Ruhe in Frieden“… Was für eine bittersüße, gemeine Lüge! Das Elend geht immer weiter und weiter und weiter. Und durch das Fenster winkt mir die fette Elke zu, die ja ebenfalls tot ist und im Himmel so viel fressen kann wie sie will, ohne beurteilt zu werden. Wenigstens glaubt sie das – so funktioniert das Prinzip Himmel. Und vielleicht werde auch ich dort endlich meinen Frieden finden… Wenn ich mich nur selbst gut genug belüge…

Der Mensch ist die größte Naturkatastrophe aller Zeiten

Im Jahr 2020 trifft sich eine Gruppe von Jugendlichen in einem Waldstück im Osten Deutschlands. Manche von ihnen sind mit den Bus gekommen, ein paar mit dem Zug, doch  so gut wie Alle wurden von ihren Eltern zu dem Fernreisemittel ihrer Wahl gebracht; einige wenige wurden direkt von ihren Müttern und Väter am Treffpunkt abgesetzt. Von diesem Treffpunkt aus sind sie lachend einen Kiesweg entlang marschiert, der sie in einen wunderschönen Mischwald führt. Die Stimmung ist ausgelassen und heiter, keiner der Teilnehmer der Gruppe wird außen vorgelassen, man fängt sich Stimmungsmäßig gegenseitig auf, treibt sich an, obwohl man sich nur von einem sozialen Netzwerk kennt (nein, nicht Facebook – das gibt es 2020 nicht mehr). Wer sie sieht könnte meinen, sie kenne sich schon ihr ganzes Leben.

Das Waldstück in welches sie wollen, gehört Hendricks Vater, der vermögender Studienrat ist und diesen Wald von seinem Vater geschenkt bekommen hat. Die meisten der Eltern der Kinder sind aus der mittleren Oberschicht, Bildungsbürger, auch wenn einige von ihnen nicht in Deutschland geboren sind, sondern mit der Flüchtlingswelle von vor ein paar Jahren hierher kamen; die Eltern haben ihr Glück gemacht und die Kinder einen guten und schnelle Anschluss gefunden.

Ein Lagerfeuer wird geplant und Holz aus der Umgebung herangeschleppt. Die ganze Zeit über wird viel gelacht, auf kleine und große Bildschirme gezeigt, sich gegenseitig fotografiert und in sozialen Netzwerken geteilt. Die Stimmung ist so ausgelassen wie sie nur sein kann, wie es ohne Alkohol und Drogen überhaupt möglich ist, nicht einmal sexuelle Interferenzen stören das lustige Beisammensein.

Als der Mond sich langsam den Steilhang empor pirscht, packen die zwanzig bis 30 Jugendliche, die keine Frauen und Männer, jedoch auch keine Mädchen und Jungen mehr sind, ihre Wahlgegenstände aus.

Eine Vielzahl der Jugendlichen haben sich – wie sie es im Internet gegoogelt haben (ja, Google gibt es noch) – einen dicken, biologisch einwandfreien Hanfstrick besorgt. Einige haben Messer, andere Tabletten, nur Verena hat eine Pistole dabei, von der sie nur nicht weiß, ob sie sie auch wirklich benutzen kann; ob nicht jemand aus der Gruppe ihr helfen könne, wenn sie sich nur anschießt? Könnte ihr jemand dann in den Kopf schießen damit sie nicht leiden müsse?

„Ja klar! Kein Problem!“ Die Gruppe ist voll und ganz auf ihrer Seite. Schließlich treffen sie sich hier um das Leiden zu erleichtern. Der strebsame Issam sichert ihr zu ihr ins Gesicht zu schießen, sollte es Probleme geben, auch wenn er es nicht gerade als besonders ökologisch empfindet, Stahl zu verwenden. Er bietet auch gerne einen Strick an. Verena strahlt über das ganze Gesicht und dankt ihm.

Um Punkt 12 ist es dann soweit. Die ersten tapferen Jungen und zwei Mädchen klettern unter dem johlenden Applaus der übrigen Gruppe auf die große Kastanie hinauf, die die ganze Zeit über die lustige Gesellschaft mit ihren wunderschönen Ästen beherbergt hat. Und schon im nächsten Moment –  Schwupdiwup – baumeln die Jugendlichen erstickend und röchelnd an den Ästen, wo sie (Ironie, Ironie) durch das Unterbrechen ihres Blutkreislaufs teilweise ihre ersten, doch in jeder Hinsicht stärksten Orgasmen erfahren. Dann hängen sie dort wie tote Fische.

Die Gruppe unten gesteht es sich nicht zu erschrocken zu wirken (auch wenn sie es in Wahrheit natürlich sind) und singen gemeinsam an der Gitarre ein Lied über kleine Tiere, dass sie aus dem Kindergarten kennen. Um ein Uhr sind die nächsten dran, sie schneiden sich die Pulsadern auf, bis ihr Blut sich mehrere Meter weit spritzend in die Sommernacht  verliert. Sie kippen einfach nur bibbernd, blas und ängstlich um.

„BAMM!“ Erschrocken fahren die 4 Übrigen herum. Dabei hat sich Verena nur in den Kopf geschossen. Alles ist gut gegangen. Worauf Issam sich seinen Strick nimmt.

Die drei Übrigen haben ihre biologischen Gifte schon lange genommen und warten, während der Morgen dämmert, darauf, dass die Wirkung einsetzt.

Am Morgen ist keiner mehr am Leben.

Seit dem Jahr 2019 gibt es eine Jugendbewegung, die sich klar gegen die „Errungenschaften der Menschheit“ stellt und dagegen protestiert. In ihrer Sicht der Dinge ist der Mensch das schlimmste Virus auf Erden. Nichts ist grausamer und uneinsichtiger als der Mensch. Und der Mensch kann nicht auf normalen Wegen von seinen Eigenarten geheilt werden. Die einzige Möglichkeit wirklich etwas zu unternehmen, um all die kleinen süßen Affen, Pandas und Eisbären zu retten, ist die letzten Konsequenz, die einzig wesentliche Korrektur: Der Mensch muss sich selbst dezimieren um das Leben auf Erden zu retten. Ihr Tod ist der ultimative Beitrag zur Erhaltung der Schönheit der Natur und zur Rettung der Artenvielfalt.

Die Zeit des Redens, der nachhaltigen Ernährung, das Ablehnen tierischer Produkte und der lächerlichen Facebook-Bilder mit erhobenem Zeigefinger sind vorbei:

Jetzt werden Konsequenzen gezogen!