Thomas Meinecke und Avina Vishnu im Kulturhaus Abraxas, es war der 29.02.2020

Plötzlich steht Thomas Meinecke da. Ja. Genau. Da vorne in der Türe. Im Flur. Im Abraxas in Augsburg. Schaut der so nach rechts und links. Als würde er gerade nicht wissen wohin. Und ob. Der Meinecke Thomas, dem genau in der gleichen Woche den Berliner Literaturpreis überreicht worden war. Nicht wisse wohin. Ein unwirklicher Jetzt-Moment für mich. Dabei bin ich genau wegen ihm, und nur wegen ihm, in das „Kulturhaus Abraxas“ gekommen.

Auf Meineckes Werk stieß ich vor 15-20 Jahren. Als junger, wirrer Drogen- und Technokopf stand ich in einem Geschäft vor einem Bücherregal und wusste nicht, was ich kaufen/lesen sollte. Hat man einen gewissen Anspruch an sich selbst und sein Leseverhalten, gibt es oft diese Momente, in denen man nicht weiß, welches Buch das richtige in eben genau dieser konkreten Lebensphase für einen selbst ist. Da tat ich. Was ich niemals mache. Ich zog fast blind ein Buch aus der Rubrik „Deutsche Literatur“ aus dem strammen Regiment der hier versammelten Werke. Es war folgendes Buch:

Ich schlug es auf. Blätterte darin herum und stieß auf den Begriff „Underground Resistance“. Und ich so: „Aha. Na das ist ja mal ein Zufall.“ Buch gekauft und dann – zugegebenermaßen – total erschlagen gewesen ob der unermesslichen, für mich wirren Themenvielfalt. Wenn es bei einem Autor auf die beste Art um Alles-auf-einmal geht. Dann bei Thomas Meinecke. Es war zu viel für mich. Trotzdem ließ der Mann, der nicht nur Bücher schreibt, sondern den hochkulturellen Menschen dieses Landes als Mitbegründer der Band F.S.K. längst bekannt war, mich über die Jahre nicht los. Gerade die Projekte, die er mit Move D umgesetzt hat, schlagen mich heute noch in ihren Bann. In diesem Projekt vertont Move D mit elektronischer Musik die Worte Thomas Meineckes auf die mir einzig bekannte gelungene Weise. Bei allen anderen Projekten ähnlicher Bau- und Machart fehlte mir seitjeher der Flow. Es klang immer zu hölzern oder zu gewollt. Sogar beim Projekt von Rainald Goetz und Westbam. Zudem halte ich wenige Sprechstimmen für einprägsam und verehrenswert (ich kam darauf bei meinem Eintrag letzte Woche über Deichkind und Werner Herzog zu sprechen); die von Thomas Meinecke gehört jedoch zweifellos dazu. In der Gender-Diskussion sind diese Texte leider ein Jahrzehnt ihrer Zeit voraus… Oder anders betrachtet, war es für solche Spoken-Words-Texte genau der richtige Zeitpunkt, um die breite Debatte darüber in Gang zu setzen. Seine Abhandlungen über Pop, Underground-Techno über Disko, bis hin zu weiblichen Ikonen des Weltgeschehens wie Josephine Baker und Judith Butler, die mehr als nur zitiert, tatsächlich sprachlich inszeniert wurden. Ja. Nein. Bestimmt sogar würde vor meinem Haus in Bayern keine Fahne in den Farben der LGBT-Bewegung im stürmischen Frühjahrswind wehen (obwohl ich sexuell gesehen der Mann/Frau-Typ bin), ohne diese Werke von Thomas Meinecke und Move D. Seine Texte haben meine Art über die Gesellschaft zu denken und wie wir miteinander umgehen schon beeinflusst, bevor diese Themen (zum Glück) Mainstream wurden. Mit seinen Büchern tat ich mich dennoch weiterhin schwer. Lookalikes hätte ich so gerne gemocht, war mir am Ende doch auch wieder zu überambitioniert. Auf Facebook sind Meinecke und ich schon seit Jahren „befreundet“ und so sah ich, dass er als DJ im Abraxas tätig sein würde.

Meine Frau kam mir zu liebe mit. Innerhalb einer Woche waren wir wie hier im Blog besprochen bei Deichkind und AnnenMayKantereit gewesen. Jetzt also auch noch das. Und Dienstag gehen wir dann noch zu Mark Benecke. Das ist schon ein straffes Programm mit 40, wenn man immer mindestens eine Stunde Autofahrt hin zur Veranstaltung hat – und beide Vollzeit arbeiten. Beim zweiten Vorbeilaufen vor der Restaurant-Türe des Reesegarden im Abraxas, hielt ich den Autor einen Moment lang (ich hoffe) nicht übertrieben penetrant auf, um mir mein Buch zu signieren. Eben jenes, welches ich einstmals einfach so aus der Wand gezogen hatte. Der Autor lenzte sich megalässig und riesengroß wie er ist und wirkt, auf einen nahegelegenen Barhocker samt Hochtisch und schrieb mir mit meinem Stift folgenden Wunsch in das Buch:

Das anschließende Gespräch zwischen „Fan“ (Ich habe mich noch nie als „Fan“ von irgendjemanden gesehen, nicht einmal wenn ich Sven Väth traf, in den ich in meiner erwachsenen Jugend total vernarrt war. Wir sind ja alle nur Menschen) und Autor war locker, aufmerksam und von gegenseitigem Respekt geprägt. Wie ich denn heiße wollte er wissen, obwohl ich es nicht im Buch haben wollte. Keine große Sache natürlich. Und obwohl ich irgendwie süß und naiv dastand wie ein Schuljunge, der sich gerade eine gute Note vom Herrn Lehrer abholte, war es ein Moment in dem sich alles richtig anfühlte. Komischerweise ist es als Mensch im Menschsein oft gar nicht so leicht, angemessen nett und freundlich zu sein. Zu viele Alltagsschlachten werden bewusst oder unbewusst in unseren Köpfen ausgefochten, um so zu sein, wie es das Gegenüber in den allermeisten Fällen verdient hätte: Einfach nur nett. So kurz diese drei, vielleicht 4 Minuten auch waren, so wichtig fühlen sie sich für mich im Nachhinein an. Auf ein Foto mit ihm verzichtete ich absichtlich. Diese gestellte Lächelei wäre dem Moment nicht gerecht geworden.

Der Grund weshalb Thomas Meinecke in Augsburg war, bezog sich auf genau auf das Buch, welches er mit gerade signiert hatte. In „Hellblau“ schreibt Meinecke auch über Heinrich Mueller, besser bekannt als Gerald Donald. Für mich bekannt als ein Teil von Dopplereffekt. Meinecke hatte Mueller/Donald selbst noch nie getroffen, bis zu dem Abend, um den es hier geht. Die Verbindung zwischen uns allen ist dieses Buch. „Hellblau“. Man hätte die Geschichte nicht besser schreiben können.

Gerald Donald machte höchstpersönlich das Video seines neuen Projekts namens Avina Vishnu auf seinem Laptop an, welches 40 Minuten lang als Installation im Abraxas ausgestrahlt wurde; wir haben es nicht ganz ausgehalten. Sorry. Da schon hundemüde 40 Minuten lang Ambient-Musik mit Bildern von Seen und Flüssen aus (wahrscheinlich) der Augsburger Umgebung war uns dann in seiner softness doch zu hart. Wieder einmal. Hätte man so etwas gerne als gut befunden. Ging nur leider nicht.  Den DJ-Gig drüben im Nebengebäude gaben wir uns folgerichtig auch nicht mehr. Der angekündigte neue heiße Scheiß aus Augsburg (Sedef Adasi) hatte sich ohnehin krankheitsbedingt entschuldigen lassen. Auch. Wenn ich das Set von Meinecke gerne gehört hätte.

Und Thomas. Falls du Lust hast mein Buch über die Techno-Szene zu lesen, folge einfach diesem Link. Das Buch ist umsonst.

Josephine Baker

Das wird dann wohl mein letztes T-Shirt in meiner Feminismus-Reihe werden (nach Sasha Grey und den Femen), die fabelhafte und einzigartige Josephine Baker

Einer der ersten und vielleicht unwahrscheinlichsten Pop-Stars überhaupt, die ich, im Gegensatz zu Thomas Meineke, in ihrer Wirkung und ihrer Pop-Historischen-Rolle sehr kritisch sehe (im Hinblick auf den durch sie forcierten Hedonismus der Gesellschaft, den ich nicht in jeder Form einfach nur mit „Freiheit“ gleichsetzen kann und will); über sie als Mensch ist aber jedes Urteil erhaben.

Was bleibt, ist Bewunderung über ihr Leben. 

Ich wäre gerne schwul.

So ein Statement ist natürlich eine Provokation. Dabei will ich weder an homosexuellen Handlungen teilhaben, noch will ich mich von meiner Art her so geben; dass muss man dazu sagen, denn der Wunsch schwul sein zu wollen ist heutzutage ebenso eine anrüchige Aussage, wie in den 60ger Jahre in den USA zu meinen, man wäre gerne Kommunist. Natürlich schlägt mir jetzt für so ein Statement kein blanker Hass entgegen (wir sind doch so super tolerant aufgeklärt), doch für mich als Mann ist es natürlich ein Gebot diese Aussage sofort zu entkräften und zu relativieren. Nicht dass man mich WIRKLICH für schwul hält… Das wäre ja furchtbar, oder?…
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Als schreibender und kreativer Mensch denke ich mich hin und wieder in andere Rollen hinein. Das empfinde ich als durchweg normal, denn wer sich auf nichts einlässt, der kann nichts entdecken und auch nichts erleben.
Heute saß ich in luftiger Höhe auf einem Stahlträger (wie in dem berühmten Arbeiterbild, nur nicht ganz so hoch), ging meiner Arbeit nach und hörte dabei wieder einmal das Hörbuch „Flugbegleiter“ von Thomas Meineke.

In diesem (Hör)Buch geht es um einen heterosexuellen Mann, der im Frauenkontext lebt und arbeitet, androgyne Züge besitzt und auch ausführlich über die Homosexualität in seinem (Arbeits)Alltag und im Pop-Bereich (ganz Meineke) philosophiert, und das in eindeutiger Sprache und passenden Jargon. Für mich hat es immer einen besonderen Touch in meinem eindeutig heterosexuell geprägten Arbeitsleben dieses Hörbuch zu hören (oder auch andere von Meineke wie „Lookalikes“), da die Worte an sich schon eine Provokation auf den hier sehr „männlichen“ Arbeitsalltag sind. Das finde ich witzig, da ich das Ganze überhaupt nicht verklemmt sehe. Wobei ich die Anderen durchaus manchmal als sehr homophob empfinde.

Da sitze ich also sehr männlich herum, arbeite, und höre mir dieses Hörbuch an. Und ich denke nach, über meine Identität. Über die Identität der Männer an sich. Ich bin ein Mann. Ich war ein Mann. Ich werde immer Mann bleiben. Irgendwie fühlt sich der Gedanken langweilig an.
Ich hab in der Richtung nie viel ausprobiert (in der frühen Jugend einmal) und ich hatte auch nie das Gefühl etwas verpasst zu haben. Männer sind für mich nicht anziehend und total unerotisch. Aber, wie gesagt, aus schreibender Sicht (und ich sage absichtlich nicht aus „schriftstellerischer“) ist das für mich – ich kann es nicht erklären – durchaus interessant.
Vielleicht liegt es daran, dass ich in meinem Leben nie eine Metamorphose durchgemacht habe. Ich war immer das was ich bin. Natürlich gab es die Jugend und die LSD-Zeit (die zeitlich sehr nahe beieinander lagen), in der ich mich sehr klar definiert und erforscht habe, aber eines war immer klar: Frauen ziehen mich an. Keine Männer. Ich musste also nie meine Sexualität definieren oder suchen. Meine Identität war schon immer für mich klar. Und wie ich da jetzt so saß und grübelte, kam es mir schon verdammt fad vor, ein Mann zu sein.
Das Geschlecht wird gern mit der Identität verglichen und ich hatte nie eine Identitätssuche… Warum finde ich diesen Gedanken auf mich projiziert so deprimierend? Und warum (viel interessanter) haben andere Männer so sehr Angst davor diesen Gedanken zu haben oder danach zu forschen?

Es stimmt nun einmal: Unsere Gesellschaft (Mode, Musik, Design usw. usf.) wird und wurde in hohen Maße von den Homosexuellen geprägt. Deswegen sehe ich sie nicht als die besseren Männer an, aber ich spreche ihnen (unbewusst, ja unterbewusst) einen kreativen Touch zu, dem den normalen Mann natürlich nicht abgeht (das wäre Unsinn), aber hier (bei uns) auf eine viel plumpere Art daherkommt. Es geht ja immer auch um Attitüde, gerade in der heutigen Zeit.

Ich komme nun einmal aus dem Dance-Aspekt und es ist (das kann man nicht verleugnen) eine Bewegung, die ihren Ursprung im Homosexuellen Bereich hat. In Amerika ist das sogar immer noch so. Wir sind Kinder einer homosexuellen Kultur, was das angeht. Deswegen habe ich Respekt vor den Vätern der Bewegung, auch wenn ich nicht so bin wie sie, auch nicht so sein will, aber von meiner Art zu Feiern her bin ich natürlich von dieser Kultur beeinflusst worden, denn ich feiere eben NICHT wie meine Vorväter – was natürlich auch etwas mit Pop an sich zu tun hat. Doch dieser Disco/Dance-Pop ist eindeutig homosexuell geprägt. Und die Gesellschaft hat das nicht nur angenommen, sondern übernommen. Auch die Technik- und Designverliebtheit unserer Zeit (z.B. Apple). Und das ist nicht nur „gut so“, das ist Normalität. Und das is gut so.

Möglich das die Angst der Heteros auch etwas mit dem drohenden Identitätsverlust zu tun hat; sie mussten nie suchen oder sich zur Wehr setzen, weswegen sie sich angegriffen vorkommen, wenn eine „andere Lebensform“ auf sie trifft, denn sie mussten sich nie anpassen, Konzessionen oder Kompromisse machen, weswegen sie sich oft wie 5 Jährige in Abwehrhaltung benehmen und sich bedroht fühlen. Manchmal könnte man meinen als gäbe es eine Grenzlinie zwischen Homos und Heteros und dass manche Heteros in Angst davor leben, von den Homos auf die anderen Seite geschuppst zu werden, worauf sie dann sofort schwul werden würden – sie würden also „schwul gemacht“; was für eine surreale und bescheuerte Vorstellung. Allein die Reflexion über die Möglichkeit der eigenen, potentiellen Homosexualität gilt als Sakrileg. Wieso? Kann man denn nicht einfach sagen: Ich habe darüber nachgedacht, und es wäre nichts für mich?

Ich werde in meinem Leben keine Metamorphose mehr durchleben. Ich bin ein Mann und werde immer ein Mann bleiben. Würde ich meine Identität wirklich verändern wollen, wäre es meine einzige Möglichkeit, schwul zu werden. Nur das würde meine Identität verändern. Ich kann keine Frau mehr werden. Kein Tier. Kein Fels. Kein Gott. Als Mann bleibt mir nur diese eine, einzige Möglichkeit. Und vielleicht verstehen deswegen Männer diese Möglichkeit als Bedrohung.
Selbstverständlich werde ich als Mann reifen. Werde altern, vielleicht heiraten, Kinder bekommen. Aber ich werde immer ich bleiben. Immer ein Kerl – mit allen Vorteilen, Klischees und dem Korsett dieses Daseins. Und wenn ich so darüber nachdenke – nur heute, nur an diesem Tag – stelle ich es mir als verdammt langweilig vor, immer der Gleiche zu bleiben. Immer derselbe Kerl. Der kann von mir aus auch mal auf dem höchsten Berg der Welt stehen. Oder zu Korallen tauchen. Der kann (wie gesagt) auch Kinder haben. Oder mehrere Frauen gleichzeitig. In verschiedenen Ländern. Aber dieser Kerl wird immer der gleiche Kerl sein. Und deswegen wäre ich gerne schwul. Nur ein bisschen. Damit ich die Welt etwas anders sehen, nein erleben könnte. Der Welt wäre deswegen nicht größer, aber Facettenreicher.