Absolution 33 – Eine Welt ohne Schauspieler

Eine dreiviertel Stunde, eine Flasche „Fritz Kola“ und 0,6 Gramm eher mäßiges Pep später, befindet sich Paul wieder im Körper Banyardis. Was die letzte Zeit mit einer starken psychischen Anstrengung verbunden war, gelang ihm nun, ohne dass er es forcieren musste. Er musste es nicht einmal wollen. Der Übergang vollzog sich ähnlich des Einschlafens, denn wie zu Beginne eines Traumes konnte sich Paul nicht an den Moment des Wechsels in einen anderen Bewusstseinszustand erinnern. Es war wie durch eine offene Tür ins Paradies zu treten, nach dem er sich nach dem ganzen Wirrwarr mit Katha außerordentlich sehnte. Plötzlich war die „andere Welt“, wie Paul sie unterbewusst schon bezeichnete, jene geworden, in der er sich sicherer und behüteter fühlte, als in seinem tatsächlichen Leben. Die Fronten waren ebenso geklärt, wie die Ziele. Warum konnte es im normalen Leben nicht genauso sein? Warum konnte er nicht einfach Kathas Held sein? Und warum wusste er nicht einmal für sich, ob er das überhaupt wollte?

Kaum war er in Banyardis muskulösem, wildem Körper angekommen, fühlte er sich endlich bei sich selbst angekommen. Die Verwandlung „in“ Banyardi war wie ein Upgrade zum Superhelden. Banyardi kennt keine Zweifel. Keine Furcht. Banyardi ist ein Fels. Ein Mann wie ein Nietzsche Zitat, dessen „Formel meines Glücks“ lautete: „Ein Ja, ein Nein, eine gerade Linie, ein Ziel.“

Banyardi würde sich die Frauen so nehmen wie er wollte. Er würde sich auch niemals lächerlich machen. Niemals wanken. Niemals zweifeln. Banyardi stand über der Meinung der anderen. Seine Welt war einfach und deswegen voller Hoffnung.

 

Die Welt der Ma-Fag liegt schon in der Dämmerung. Der Krieger ist auf dem Weg zu den gefangenen Frauen der Mi-Cock. Erschüttert über dieser Erkenntnis öffnet er dumpf seinen Mund und bleibt stehen, denn: Noch nie wusste Paul, was Banyardi vorhatte und woher er kam. Bisher war Paul immer einfach nur in die Welt der Ma-Fag eingetaucht, ohne auch nur im mindesten zu wissen, was sein Auftrag ist. Er war einfach nur immer dagewesen. Mitten im Geschehen. Jetzt ist sich Paul bewusst, indessen Banyardi seinen Weg fortsetzt, dass er auf den Weg zu den gefangenen Frauen der Mi-Cock ist, die von den männlichen Gefangenen separiert worden waren. Und. Banyardi hatte bereits eine weitere Begegnung mit Ylva geführt. Die blonde Frau vom Wasserfall, die den Jungen mit so stolzem Blick Paroli geboten hat. Die Tochter Murdocks.

Wie findet man Vertrauen zu einer Person, die man gefangen hält? Über die man verfügen und richten könnte, wie es einem beliebt? Die Ältesten hatten entschieden: Durch Menschlichkeit – und Schwäche. Menschlichkeit signalisierte der Mann, der vor ihren Augen ihren Beschützer, wenn das Biest nicht sogar ihr Freund war, getötet hatte, in dem er sich auf die gleiche Stufe stellte, wie die Gefangene. Er ermahnte die Wärter der Gefangenen sie gut zu behandeln und sprach davon, dass auch die Ma-Fag eines Tages Geflüchtete sein könnten, sollten die Mi-Cock recht behalten. Würden die Wachen es denn nicht auch wollen, dass ihren Frauen kein Leid zugefügt werden würde? Würden sie selbst denn nicht Obdach bei Fremden finden wollen, würden sie vertrieben werden? Und was wäre wenn es tatsächlich diesen einen großen Feind gäbe, gegen den sie alle zusammenstehen mussten, ganz egal aus welchem Teil der Welt die künftigen Alliierten kommen würden? Das müssten sich die Wachen doch einmal klarmachen!

 

Tatsächlich war das alles nur Show für die Gefangenen, denn noch niemals hatte ein Bübchen wie Banyardi den tapferen Kriegern der Mi-Cock überhaupt irgendetwas zu sagen gehabt. Bei den Mi-Cock gab es eine klare Rangordnung, die an das Alter geknüpft war, nicht an Erfolge. Was für Erfolge außer der Jagd könnte so ein Wald-Volk schon vorweisen könne?  So nickten die Krieger nur müde und sahen erschöpft vor lauter Langeweile in den Urwald. Sollte er doch reden, der Kleine.

Noch viel schlimmer als das Schauspiel der Wachen war der Beginn dieser ganzen Szene, die sich Masiyo ausgedacht hatte. Sie sollte als Türöffner zum Vertrauen der Gefangen benutzt werden. In diesem Szenario stürzte sich Masiyo als Vergewaltiger auf die eingesperrten Weiber, vor welchem Banyardi die Frauen retten sollte. Dadurch würde Banyardi als tapferer Held und Retter der Frauen ihre Gunst erwerben. Jedoch geriet die Aktion genau zu der Farce die eintreten musste, wenn sich zwei Ureinwohner vornehmen, Theater zu spielen, ohne jemals auch nur ein Schauspiel gesehen zu haben, nein, ohne überhaupt zu wissen, was Theater ist. In der Welt der Ma-Fag gibt es zwar gewissen Riten und Feste, die sich jedoch ausschließlich an den Jahres- und Mondzeiten, sowie an den Brunftzeiten der Tiere orientieren. Das Wort „Schauspieler“ gibt es un Dorf nicht. Wozu auch? Die Ma-Fag sind ehrliche Leute, denen es gar nicht in den Sinn kommt dem Gegenüber etwas vorzuspielen. Schließlich kennt im Ma-Fag-Dorf jeder jeden und es ist geradezu lächerlich seinem Nachbarn, der ohnehin alles über einen weiß, eine große Lügengeschichte vorzuspielen. Gerade deshalb empfand Masiyo seine Geschichte auch als so genial: In seiner Welt hatte er etwas erfunden, was es bei den Ma-Fag nicht gab. Das „So tun, als ob“. Schließlich kannten die Mi-Cock die Ma-Fag nicht, wie sollten sie also zwischen Wahrheit und dem Schauspiel unterscheiden können? Eine geniale Idee für einen Dorflehrer, der niemals das Dorf verlassen hatte. Masiyo ist wahrlich ein großer Geist. Ein Visionär, der etwas erdacht hatte, was kein Ma-Fag vorher auch nur denken konnte. Der Plan MUSSTE einfach funktionieren.

 

Das traurige Ende der Geschichte war ein absolut überzogenes, grauenvolles Schauspiel von Masiyo und Banyardi, dessen Lächerlichkeit seines Gleichens suchte. Alles daran improvisiert. Nichts war einstudiert (auf den Gedanken vorher zu üben, wären die beiden Wilden nie im Leben gekommen). So ging schief was schiefgehen konnte. Das Timing stimmte nicht. Der Mut zu Aktion fehlte total. Dass sie sich nicht versprochen und damit gänzlich verraten hatten, war schon alles. Hätten sie wenigstens die Wachen in ihre Idee eingeweiht doch die lagen einfach nur gelangweilt in der Sonne und verzogen keine Miene, als Banyardi theatralisch und mit großen Worten (und wenig Kraftaufwand) den Erektionslosen Masiyo von Ylva riss. Masiyos Gesicht war bei der ganzen Geschichte rot wie eine Tomate ob der Peinlichkeit, Ylva überhaupt so nahe zu kommen. Noch nie hatte der alte Dorflehrer eine andere Frau berührt als seine eigene. Schon gar nicht so eins junges und pralles Weib wie Ylva. So gab der „Vergewaltiger“ nach dem Eingreifen des Heldens auch sofort auf und trollte sich. Nicht in Hast, Furcht oder mit sonstigen großen Gesten: Er ging einfach davon, als hätte er gerade ein Bier von einer Bar geholt. Nach dem Motto: „Meine Aufgabe ist erledigt. Ich geh dann mal nachhause.“  Die ganze Szene war furchtbar unglaubwürdig und Banyardi hatte kurz das Gefühl, das Ylva und die Frauen es sich verkneifen müssten laut los zu lachen, als Masiyo – wenn auch nicht gleich pfeifend – vollkommen gechillt seines Weges ging.

Paul stöhnte im Kopf Banyardis peinlich berührt auf, als ihm diese Farce gewahr wurde. Absolut lächerlich.

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Heimat Sharing- Ein Augsburger Bürger Bühnen Stück

 

Das Gegenteil von gut ist eben nicht immer nur gutgemeint.

In diesem (ich nenne es einmal: ) „integrativen“ Theaterstück traten 14 Laiendarsteller auf.  Diese brachten ihre einzelnen Lebenswege aus verschiedenen Bereichen der BRD, der Türkei, der Mongolei, dem Senegal, Rumänen und Russland   in die Stadt Augsburg. Die Grundfrage war: Was ist Heimat? Was bedeutet sie für mich? Kann man mehrere davon haben? Kann man Heimat teilen?

 

Jeder Selbstdarsteller (im positiven Sinn) erzählte ein wenig von seiner Lebensgeschichte und trat nicht nur als Einwanderer oder Zugezogener auf, sondern – viel wichtiger – als Mensch. Ja. Das Prinzip des Stückes war den Menschen hinter dem Etikett „Ausländer“ (besser: Nicht-Augsburger) erkennbar zu machen. Und es wurde auch der Frage nachgegangen, wie das so ist mit Augsburg und seinen Ausländern. Dabei wurde auch nicht an Kritik am provinziellen Augsburger gespart, aber auch nicht am Lob der ansässigen Bürger. Ein versöhnlicher Abend sollte es sein, bei dem Fehler eingestanden und benannt wurden.

 

Alleine schon die Form war sehr ansprechend erdacht: Durch ein Zufallslos wurde man verschiedenen Gruppen zugeteilt, durch die der Besucher in drei verschiedene Bereiche des Kultur-Theaters Abraxas geleitet wurde, in der die Leute aus den verschiedensten Regionen der Welt im kleinem Rahmen von ihren Erlebnissen mit Augsburg, Bayern und Deutschland berichteten, von ihren Erfahrungen mit dem öffentlichen Verkehrsnetz, der medizinischen Versorgungen bis hin zur unterschiedlichen Ernährung; der besondere Fokus lag selbstverständlich auf die Behandlung des Einzelnen durch andere Einzelne. Das war hart und nah dran am Menschen und es war so gut wie unmöglich sich den Sympathien zu entziehen, die in einem aufkommen mussten, wenn es so sehr menschelt. Das ist etwas sehr Gutes. Und das Symbol mit dem gemeinsamen Essen welches während jeder Episode gekocht und geschnitten wurde – welches man nach dem Stück zusammen mit den Darstellern verspeißen konnte – war ein so herzerweichend simples, klares und durchaus positiv naives Symbol, dass es nur funktionieren konnte. Ja. Man verstand die Leute, die hier in erster, zweiter oder dritter Generation in Augsburg waren, ein wenig besser und auch wenn man sich ihnen nicht krass verbunden vorkam, verstand man deren Zweifel und Probleme, denn recht schnell war der innere moralische Zeiger auf dem Empathie-Manometer ganz weit oben angekommen.

Doch was sagt so ein Stück über unsere Zeit aus? Das war unsere Frage.

Natürlich braucht es Offenheit um zwischenmenschliche Grenzen zu überwinden. Und ebenso ist es wichtig zu erfahren, was für Schicksale hinter den Hunderttausenden, hinter den Millionen Menschen stehen, die jetzt nach Deutschland kommen.

Das Thema hier war die gelungene Integration und sparte dabei die zentrale Frage aus, die uns seit Monaten umtreibt: Ist diese gelungene, gegenseitige Integration auch noch dann möglich, wenn eine Millionen Menschen, vielleicht sogar zwei Millionen Menschen innerhalb von ein, zwei Jahren unkontrolliert nach Deutschland kommen? Das ist doch die Frage um die es geht. Auch wenn es selbstverständlich sehr wichtig zu erkennen ist, das Integration in den meisten Fällen sehr gut funktioniert. Denn ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch. Aber Menschen brauchen Zeit um sich aneinander zu gewöhnen (was auch eine Grundaussage des Abends war) – und   meine Begleitung und mich trieb natürlich die Frage um, ob das in der gegenwärtigen Debatte, ja, in der gerade geschehenden Krise noch möglich ist? Bisher ist es geglückt und selbst hier war es nicht leicht:  Wird es auch in Zukunft funktionieren? Und zu welchem Preis? Wie weit werden wir voneinander wegtreiben, bis wir beieinander ankommen? Wie viel Opfer und Verstümmelungen müssen wir dafür in Kauf nehmen? Nicht nur moralische und ethische. Denn so manches Subjekt wird konkret psychisch und physisch davon betroffen sein.

 

Die Antwort hier lautete: Wenn wir zusammen – und doch jeder für sich – aneinander arbeiten. Dann schaffen wir das. Dennoch ist eine gewisse Skepsis bei diesem Europa ohne Grenzen mehr als angebracht. Besonders, wenn man in München am Bahnhof arbeitet, und jeden Tag die Flüchtlinge ankommen sah. Wie viel Zeit wird es brauchen bis diese Leute, bis diese Menschen integriert sind? Und ist es nicht auch berechtigt Angst zu haben, ob man selbst unter die Räder der Zeit gelangt bei dem Prozess des sich aneinander anpassen?

Ich kann auch jede Frau verstehen, die sich in diesen Tagen Tränengas kauft um sich zu schützen. Nicht weil man allen anderen nicht traut. Nein, weil man eben nicht JEDEM trauen kann. Hier erzeugt die Berichterstattung und ihr reales Fundament Ängste.

 

Der Abend war – bis auf den Herren aus Senegal – eine Zelebration des gelungenen Miteinanders. Dafür muss und sollte Zeit sein, gerade in diesen Tagen der Vorbehalten und der Sorgen unter den Deutschen. Es ist ein Abend der Versöhnung gewesen, der Hoffnung macht. Der an die Menschlichkeit in jedem von uns appelliert hat. Es war aber auch ein Abend, in dem liberale Besucher auf ein liberales Konzept getroffen sind; wieder einmal wurden weit offene Türen eingerannt.

Man sollte solche Stücke für Schulen machen. Für Arbeiter. Für die, mit den härtesten Vorurteilen. Nicht für ein Theaterpublikum.

 

Es hat Spaß und Freude gemacht den Laiendarstellern zuzusehen, zuhören und ein wenig an ihrer Biografie u schnuppern. Es hat durchaus ein wenig in mir verändert. Dennoch fühlte es sich an wie ein kleiner Anachronismus.

Doch selten an so einem so guten, gutgemeinten Kunststück teilgenommen.