Frohes Neues euch Leuten

Während ihr wahrscheinlich gerade runter, ach was, ne, RICHTIG drauf kommt bin ich schon wieder am Arbeiten und ein wenig habe ich das auch gemacht die letzten zwei Urlaubswochen: Arbeit am „Text zur Nacht“, Arbeit an meinem Roman, um finanzielle unabhängig von meinem Broterwerb zu werden und um nur noch an Texten arbeiten zu müssen… Jetzt nicht ganz im Ernst, doch das mit dem Herumwerkeln stimmt. Ein Viertel habe ich schon, nur leider das leichte Viertel… Vielleicht wird es deswegen hier ein wenig stiller. Schließlich kann man nicht überall gleichzeitig sein.

 

Ich stehe beim Korrigieren vor einem Luxus-Problem, denn ich habe viel zu viel geschrieben und muss jetzt meine Feinde „Rotstift“ und „Radiergummi“ ansetzen um da mal kräftig umzuräumen. Ihr wisst ja was ich für ein Plappermaul bin und das muss ich jetzt selbst ausbaden… Schreiben selbst ist viel leichter als zu kürzen. Irgendwie erscheint Alles wichtig zu sein, da es ja um das gesamte Ding geht, um „die totale Wahrnehmung der Sucht“; Roman und Ratgeber in Einem. Und kaum habe ich mich dafür entschieden einiges in die Tonne zu klopfen, nehme ich später im Text doch nur wieder Bezug darauf… Schwierig, schwierig…  Gar nicht so dumm was ich früher auf Droge geschrieben habe. Nur auch nicht wirklich gut genug.

 

Also ein frohes neues Jahr von mir und bis demnächst. Man liest sich bestimmt 🙂

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Der Text zur Nacht – Versuch eines Nachworts

Irgendwann blickt man auf dieses vertraute, plötzlich scheinbar fremde Leben zurück, und wundert sich, wundert sich darüber, wie krank und zerstört man damals war, wie verloren, und wie wenig Hilfe und Unterstützung man bekam, von denen, die man liebte, brauchte und für die man auch selbst dagewesen war. Zwar hatte man immer wieder – so weit wie möglich – ein Geheimnis aus der Sucht gemacht, doch jetzt, Jahre später, wo der Kopf langsam aufgeht wie ein verkrampfter, verzogener Muskel der vom Bewusstsein gedehnt und reaktiviert wird, jetzt, wenn ich die Gespräche mit meinen langjährigen Freunden suche und ich von ihnen und vor mir zugebe, wie absolut verloren, krank und Drogensüchtig ich war, wie unnormal dieses Leben, mein Leben, von statten ging und mit wie viel Gewohnheit und Normalität wir an die Sache herangingen, absolut blind für die Wahrheit: Dass wir krank und hilflos waren, den Fluss hinab trieben wie ein ausgedörrte Zweige, die sich durch einen kleinen, seichten, nicht einmal starken, Windstoß vom Baum des Lebens lösten, herab fielen, da die Verbindungen ohnehin nicht mehr stark zum gesunden Baum-, Trieb- und Knospenwerk zu nennen gewesen wären.
Ja. Ich war krank. Wir alle waren das.

Ebenso wahr ist es, dass wir natürlich selbst schuld an unserer Krankheit waren. Wir hatten die Realität auf eine zu leichte Schulter genommen, hatten uns selbst überschätzt, was aber spielt das für eine Rolle, wenn man am Ende wirklich nur krank und fertig ist, woher diese Krankheit kam? Hat denn der Suchtkranke, ebenso wie derjenige, der an einer Geschlechtskrankheit leidet, nicht das gleiche Recht auf Versorgung und Hilfe verdient wie jener, der eine Krankheit durch Unachtsamkeit oder aus ihm nicht nachvollziehbaren Quellen? Auch, wenn man eindeutig persönliche Fehler gemacht hat? Aber es ist schwer in unserer Gemeinschaft zwei Dinge gleichzeitig anzuerkennen: Fehler UND Krankheit? Das geht schwer zusammen in der halbherzigen Toleranz eines scheinbaren Perfektionismus, der uns allerorts indoktriniert wird…

Da war diese Zeit, in der ich gar nicht mehr Leben wollte. Wozu auch? Es gab nichts was mich hielt, was mich glücklich machte. Kein Wunder dass ich damals zu Rauchen begann… Da waren nur die Drogen und das Trauma, dass dieses Nachtleben der einzige Anker zum Dasein sein konnte und das Nachtleben ist nun einmal eine schwere Geliebte, da sie einen aufzehrt und einen mit kurzer Lebenserwartung zurücklässt – und ja natürlich, irgendwo hat man sich doch frei dafür entschieden. Ein Paradox, ja. Doch war diese Entscheidung nicht das eigentliche Hauptmerkmal der Krankheit? Und ist es nicht mehr als logisch dass man sich im Krankheitsfall an das Umfeld hängt, in dem man sich auskennt, dass man liebt?

Ich hätte zu dieser Zeit sicherlich auch keine Hilfe angenommen. Dafür war ich viel zu arrogant, selbst bezogen und blind. Später ist irgendwann und damit eh egal. Und irgendwie hing man die ganze Zeit mehr im Gestern als in der Gegenwart fest; trauerte um alte Liebe, seien es Frauen, Freunde, Musik und Familie. Drogensucht ist wie eine alte Platte, die immer wieder an der gleichen Stelle springt. Man hängt fest.
Also nein. Ich will mich gar nicht beschweren, dass meine Freunde, meine Familie nicht für mich da waren, da sie es a) teilweise gar nicht wusste und b) ich diese Hilfe gar nicht angenommen hätte. Wundern muss ich mich aber dennoch, dass einen nie jemand zur Seite genommen und gefragt hat: „Du Fleming? Ist mit dir alles in Ordnung? Kann ich etwas für dich tun?“ Und um noch ehrlicher zu sein könnte ich nicht einmal sagen, ob das nicht doch jemand versucht hätte…

Ich wollte nicht mehr leben, gefangen im süßen Thanatos, dabei fühlte ich mich so unglaublich lebendig, leuchtete, glühte so stark aus meinem Innersten heraus, dass ihr, die keine starken chemischen Drogen genommen habt, das wahrscheinlich gar nicht verstehen könnt. Ich fühlte mich so lebendig, wohlwissend dass ich mich damit zugrunde richtete und gerade dieser absolut überzogene, grenzenlose Drang sich lebendig zu fühlen, war das größte Symbol meines Todestriebes; lieber jetzt und sofort verglühen, als mit den Konsequenzen meines Daseins klar kommen zu müssen, das war meine Formel, auch wenn ich sie erst jetzt entschlüsseln kann. Denn diese Krankheit ist wie ein großes Bild, dessen ganze Ausmaße man erst erkennen kann, wenn man zwei Meter zurücktritt.
Es war nicht alles schlecht – ach was, so etwas zu sagen ist Unsinn. Alles war super, schön, Übermenschen überlebensgroß. Man hatte die besten Freunde, die schönsten Träume und war von den tollsten Frauen umgeben. Und das war nicht nur Lüge, schlecht und asozial wie einen die Drogen-Prävention der 80ger und 90ger Jahren beibringen wollte, das war auch die Wahrheit. Würde ich alles noch einmal so machen, hätte ich die Chance dazu? Nein, sicherlich nicht. Deswegen gibt es selbstverständlich dennoch Momente die ich niemals hergeben wollen würde, die so unglaublich wichtig und schön waren und es in meinem Herzen immer noch sind. Und auf der anderen Hand ist all das Leid was ich verursacht habe, dass mir unendlich leid tut, für das ich mich schäme und selbst nicht verstehe; Drogensucht und Krankheit ist eine Sache, aber was getan wurde, wurde von mir getan und da gibt es keine Ausreden. Dazu muss man stehen.

Heute sehe ich milder auf mich und meine Freunde. Nicht herablassend, nein. Die Distanz zur Vergangenheit macht mich nur zu einem reuigen, milderen Menschen. Wahrscheinlich hätte ich das früher „Altersdummheit“ genannt und vielleicht stimmt das ja auch. Was bleibt ist die Vergangenheit mit der man hadert und- da springt die Platte wieder – die man gerne einmal wieder zurückhaben würde, nur für ein paar Stunden, ein Wochenende, einen Tag. Doch das geht nicht. Ja. Man kann druff sein und sich in seiner eigenen Melancholie sonnen. Aber das bin nicht ich von damals, das bin ich der ich heute bin. Drogen machen aus dir vielleicht einen Zeitreisenden, nicht aber dein jüngeres Ich. Denn es reist immer der, der du an einem bestimmten Zeitpunkt ist mit der Zeitmaschine, und das ändert alles. Menschen sind Menschen, keine Symbole.
Was will ich eigentlich sagen?
Ich weiß nicht. Es gibt keinen Major Point auf den ich hinaus will. Würde nicht sagen das ich heute klüger bin als damals. Ich bin einfach ein anderer geworden. Der ebenso ein Arsch ist und sein kann, wie meine frühere Ausgabe. Heute begreife ich vielleicht besser, dass ich wahrscheinlich nicht so lange leben werde wie ihr anderen und vielleicht auch nicht so gut altern werde. Krebsrisiko, Spätfolgen. Plötzlich klingt das nicht mehr nach Abstraktion. Das klingt nach morgen. Übermorgen. Viel zu bald.
Selber schuld? Ich weiß nicht. Menschen haben gute Gründe um Drogenkrank zu werden. Und das sollte man ihnen nicht auch noch vorhalten, auch wenn es unmöglich ist mit Süchtigen nicht die Geduld zu verlieren. Ich will auch gar kein Mitleid haben. Ach Gott nein. Darauf bin ich gar nicht aus. Noch ist nichts passiert. Noch geht es mir gut. Doch wer einen Roman über seine Drogensucht verfasst, muss auch die späteren Kapitel im Auge behalten, in der sich die Perspektive gewechselt hat. Ich wollte ja nie bewundert, bemitleidet oder von besonders vielen Menschen gehört werden:
Von Anfang an wollte ich nur meine eigene Wahrheit erzählen. Und das ist ein verdammt großes Unterfangen.

Der Ur-Text zur Nacht, Kapitel 1

 

(Hab ich nach 10 Jahren wieder gefunden.  Ohne dsl hat man einfach mehr Zeit. )

Das ist ein Leben. Wir sitzen draußen auf dem Balkon. Auf dem knallig rotem Sofa, welches wir durch die halb geöffnete Glastür, vorbei an den vertrockneten und verdorrten Kakteen, getragen haben. Unser Blick ist gegen Süden gerichtet. Während die Sonne auf uns herab brennt. Vor uns brachliegende nackte Felder. Hinter uns blitzt der tonlose Flachbildfernseher. Und über und um uns wummert der Technosound. Wir sitzen hier. Auf Karls Balkon.

Karl. Hauk. Und ich. Alle mit nacktem Oberkörper, zum ersten Mal in diesem Jahr.

Ich kenne Hauk nicht wirklich. Seinen Namen habe ich vorher schon einmal gehört, doch erinnert er mich weniger an mich, sondern eher an eine meiner beiden Schwestern – ich weiß nicht warum. Hauk ist schizophren, das hat er wenigstens vorhin erzählt. Warum er es mir erzählt hat, weiß ich nicht. Er fand es wohl wichtig das dieser Umstand erwähnt und erledigt wird; sei es aus einem lächerlichem Geltungsdrang heraus oder einfach nur um die Karten auf den Tisch zu legen. Ich nahm es mit einem Kopfnicken hin, und nippte an meinem Glas mit Wodkacolazero. Er fragte mich wie alt ich sei.

„26″, meinte ich sachlich.

„Dann bist du noch in der Gefahrengruppe. Ab 30 ist man weniger gefährdet.“

Ohne nachzufragen warum dies so ist, akzeptierte ich diese Aussage. Ich habe in meinem Leben genug LSD-Trips überstanden um von mir zu behaupten, dass ich wirklich nicht zu dieser Gefahrengruppe zähle, doch darüber schwieg ich.

Rechts neben mir sitzt der Karl, in dessen Wohnung wir uns befinden. LSD wäre für ihn das Stichwort gewesen. Ein Grund für ein wissendes Lächeln und ausufernden Geschichten, die sicherlich damit enden würden, dass es gut wäre, wenn wir im Besitz von LSD beträufeltem Löschpapier wären. Was das jetzt für ein Spaß wäre.

Es ist schwer bis geradezu unmöglich den Karl zu beschreiben. Man könnte versuchen sein Porträt mit einzelnen Details zu entwerfen, und würde doch nur eine verschwommene, Irvine Welshe Karikatur entstehen sehen – und vielleicht ist er genau das. Schon in der Hauptschule gab er an, einmal Drogendealer werden zu wollen – und dies in einer Kleinstadt im beschaulich aufgeräumten Freistaat Bayern, in einer Zeit vor lächerlichen Großstadtrappern, die das Gangstersein propagieren. Schon als Minderjährigen zog es ihn mit seiner damaligen Clique in das Ultraschall nach München, und verfiel sofort der Lebensart Techno, der er sich vollkommen verschrieb; viele Jahre schon bevor ich von diesem „Way of Life“ erfuhr. Einige Jahre später lernten wir uns kennen.

Im Gegensatz zu mir sieht der Karl aus wie aus dem Drogenklischee entsprungen: Das ganze Gesicht gepierct, gegeltes, pechschwarzes Haar, schlechte Zähne, und sein Körper ist so dürr, dass man sich bei seinem Anblick nicht vorstellen kann, dass er wirklich einer körperlichen Arbeit nachgehen kann, doch arbeitet er tatsächlich als Hilfsarbeiter in einer Metallverarbeitungsfabrik. Es ist fast überflüssig zu erwähnen, dass er seinen Führerschein schon zwei Mal abgeben musste und keinen mehr besitzt.

Manche halten den Karl für zu abgefahren, und Andere vielleicht sogar für dumm, doch ist dieses Urteil in meinen Augen vorschnell und unbegründet. Der Karl ist wie ein Wesen von einem anderen Planeten. Er setzt seine Lebensschwerpunkte einfach anders als das Groß der Gesellschaft. Er ist ein Drogenfreak, keine Frage, doch ist er loyal und ehrlich, ein guter Typ, und kein Opfer der Gesellschaft. Manchmal erscheint mir  sein Bestreben „anders zu sein“ als aufgesetzt und anstrengend, doch kann ein Extrem immer leicht erträglich sein?

„Iiiihhhhhhhh!“ kreischt Karl wie auf ein Stichwort, stiert dabei einen Vogel an und macht Vogelschwingenbewegungen mit seinen beiden Armen.

„Iiiiihhhhhhhh!“ Und dabei lacht er.

Wir drei auf seinem Balkon. Die Sonne über uns. Die brachen Felder vor uns. Mitten. Im Sound.

Es ist Ostermontag.

Ich nippe an meinem Wodkacolazero.

Vor etwa eine Stunde hat der Karl bei mir angerufen. Ich las gerade Balzac als das Handy meinen Klingelton („Human after all“ von Daft Punk, eingeleitet von dem „Wir machen weiter“ -Refrain von W.I.R.) zum Besten gab. Der eingespeicherte Name auf dem Handy lautete „Krampfmaster“. Krampfmaster deshalb, weil der Karl vor Jahren durch den zu hohen Pepkonsum (Pep ist Speed) immer zu wenig Magnesium in seinem Körper hatte, und bei den Afterhourn immer unter Muskelkrämpfe zu leiden hatte. Dazu kam die stundenlange Tanzerei in den verschwitzten Clubs, die seinen gebrechlichen, ausgezehrten Körper ziemlich in Mitleidenschaft zog.

„Heeee, was machs?“ fragte mich der Meister der Krämpfe.

„Lesen“, erwiderte ich kurz.

„Leeeeeeeeeeeeeeeeeeee???Seeeeeeeeeennnn?“ gab er zurück und dehnte dabei das Wort in die Sphären der Lächerlichkeit. Vielleicht war es für ihn ein Buch zu lesen wirklich das Lächerlichste was es gab.

Ich brach in Gelächter aus. Er stimmte mit ein.

„Soll ich rüber kommen?“ fragte ich. „Wodka?“

„Ja klar, cool. Bring Bier mit.“

Ich bin noch nicht lange in meiner eigenen Wohnung (gerade einmal etwa 4 Monate), aber seit dieser Zeit bin ich so gut wie Danis Nachbar.

So kam ich also hierher. Der schizophrene Hauk war schon vor mir da, und hatte schon ein halbes Teil (so nennen wir Ecstasy) vom Karl geschluckt. Ich nahm die andere Hälfte. Eine grüne „&“.

Fast hätte ich ihn gefragt, ob es denn nicht schlechte für jemanden mit seinem Krankheitsbild ist, wenn er Drogen konsumiert, doch dann stellte ich fest das es mir egal ist.

Alles ist mir ganz egal.

„Was ist das?“ frage ich den Karl und deute nach drinnen. Hinein zu den Maschinen. Zu ihrem Gesang.

Dani setzt sein gebräuntes Gesicht in Falten.

„Die von dir. Ellen Alien von der Time Warp“, erklärt er dann.

„Oh…“, richtig. Den Mitschnitt hatte ich ihm gebrannt.

„Ein Elend.“

„Nein Mann“, meint er. „Ist gut.“  Dann ist wieder Ruhe.

Hauk sagt nichts.

Hauk sagt die ganze Zeit nichts.

Ich wünschte er würde gehen, doch wohin sollte er auch gehen? Nach seiner eigenen kurzen Erklärung ließ seine Krankheit es nicht zu, dass er einer geregelten Arbeit nachgeht, was bedeutet, dass er (ich schätze ihn so um die Dreißig) bereits Frührentner ist. Ich würde es nicht aushalten soviel Zeit zu besitzen. Eigentlich würde ich GERADE depressiv oder krank werden, wenn ich viel zu viel Zeit für mich habe. Ich habe das in dem halben Jahr meiner Arbeitslosigkeit gelernt. Der Mensch braucht eine Aufgabe. Hauk hat leider keine.

So liegen wir auf Karls knallrotem Kanapee. Angestrahlt von der heißen Aprilsonne. Während die Musik einer Berliner Technodeejane um uns herum klackert. In unseren Köpfen ein wenig unwirksames Ecstasy. Meine Freundin würde mich verlassen wenn sie von diesem Drogenumstand in meinem Kopf wissen würde…

„Du bist eigentlich das größte Arschloch was ich kenne“, meine ich zum Karl. Der blinzet, lächelt und fragt: „Warum?“

„Da ist es Ostern. Der größte Feiertag der Christen. Die Familien kommen zusammen. Ostereier werden gesucht… Und du beschallst das ganze Haus mit deinem Sound“, antworte ich grinsend.

Karl lacht. Lehnt sich in die Kissen und sagt: „Die haben halt Pech gehabt.“

„Was ist eigentlich mit deiner Nachbarin?“ Sage ich in das Blau des Himmels, während Hauk weiterhin schweigt, und sehe nach rechts unten, zum Balkon von Karls Nachbarin, und dann zu Karl.

„Die stört das bestimmt nicht“, lacht er. Wir lachen.

Hauk lacht nicht, denn er versteht nicht. Hauk schweigt.

Was Hauk eben nicht weiß ist, dass ich vor etwa drei Wochen auch mal hier war. Karl, Chris (ein Ossi der schon länger in unseren Kreisen verkehrt, und dessen Geschichte an einer anderen Stelle erzählt werden wird) und ich lagen angezogen und bei schlechterem Wetter auf Karls Balkon herum, tranken billigen Lidlrum und zogen ein paar Lines Pep. Es unterschied sich nicht viel von dieser Szene, die sich hier und jetzt auf dem Balkon abspielt, außer das wir zweifellos lebhafter waren. Wir lachten, scherzten, tollten herum wie junge spielende Hunde, nahmen kein Blatt vor der Mund, und hätte jemand unserem Genuschel und Gequatsche gelauscht, so hätte er sehr wohl verstanden, dass es nur um Drogen und Unsinn bei uns ging. Irgendwann trat Chris aus Unachtsamkeit gegen mein am Boden stehendes Colazerorumglas. Das gut gefüllte Glas stürzte um und ergoss seine klebrige Flüssigkeit nicht nur über Karls gefliesten Balkonboden, sondern lief auch über die Ränder desselben und tropfte auf das Geländer des Balkons unter uns, was ein wütendes Gezeter des dort sitzenden Mannes zur Folge hatte. Bevor Chris eine Entschuldigung zurückbellen konnte, war jener aber schon wieder verschwunden.

„Ach, der soll sich nicht so anstellen“, meinte daraufhin eine weibliche Stimme, eben jene Mieterin rechts unter uns, die ebenfalls auf ihrem Balkon stand. Ihre Stimme klang kratzig und verraucht, passte aber gut zu ihr, wie sie da über ihr Geländer gelehnt zu uns hinaufblickte. Sie trug eine hellblaue siebenachtel Jeans und ein rotes T-Shirt, dass in ihren weiten Schnitt an die Hippies erinnerte, was durch ihr teilweise filziges, andererseits geflochtenes, blondes Haar das Bild komplettierte. Abgerundet wurde das Bild von einer „Hippie-Tussi“ von einem grinsenden, sabbernden Hund. Aus der Entfernung heraus schätzte ich sie auf etwa 40 Jahre. Sofort standen Chris und Karl wie die Stelzböcke an dem Geländer und stierten zu der Frau hinab. Vielleicht sollte man dabei erwähnen, dass durch den Pepkonsum die Libido angeregt wird… Ich müsste lügen würde ich sagen, dass ich kein Interesse an ihr gehabt hätte, setzte mich aber außer Sichtweite und sah den beiden Anderen zu, wie sie sich über 3 Höhen- und Entfernungsmeter mit der Frau unterhielten. Ihre Stimme klang für mich so, als ob sie Amerikanerin wäre. Diese lange, lallende Betonung. So als ob sie ihrem Klang eine besonders coole Note geben wollte, so wie es die Kinder tun, wenn sie sich untereinander wichtig machen.

So wurde dann ein wenig hin und her gebrüllt. Als uns der Rum ausging erklärte ich mich mit Chris bereit an der Tankstelle eine Flasche zu holen, wobei die Frau, die sich als „Petty“ ausgab, gern eine Schachtel Zigaretten und ein paar Bier wollte, wenn wir sie ihr mitbrachten. Wir brachten also Zigaretten, Wodka, Bier und natürlich  Petty selbst mit in Karls Wohnung.

Petty war keine 30 mehr, sondern ging schon schwer auf die 40 zu, hatte sich aber ihren Körper gut erhalten. Ihr Gesicht jedoch nicht. Dieses war faltig durchfurcht und erzählte die Geschichte eines bewegten Lebens.

Wie Hauk mir als erstes erzählte, dass er der Gruppe der Schizophren zugeordnet wird, erzählte sie uns, dass sie 5 Jahre im Gefängnis war. Wie Hauks Geschichte hinterließ es auf uns nicht die (vielleicht) erwünschte Wirkung. Wir nahmen es einfach hin, fragten nicht einmal, warum sie dort inhaftiert war. Interessanter für mich war aber, dass sie in Aichach inhaftiert war. Im selben Gefängnis wie Brigitte Mohnhaupt (die ironischerweise genau auf den Tag eine Woche später aus der Haft entlassen wurde).

Wenige Themen interessieren mich so sehr wie die RAF, dabei ist es schwer für mich zu sagen, wo der Ursprung für diesen Umstand liegt. Meine erste und zugleich lächerlichste Erinnerung an die RAF ist irgendein Faschingsfest, an dem ich mir mit schwarzem Filzstift die Buchstaben „RAF“ so groß wie möglich auf die Stirn malte – warum weiß ich nicht mehr; ich wusste nicht einmal  was sie bedeuteten. Möglich dass es gerade die Zeit war, als die RAF sich offiziell auflöste, also 1998, (und ich glaube mich daran erinnern, dass diese Faschingszeit  ungefähr in meinem 17tem oder 18tem Lebensjahr war) und ich durch die Medien von dieser Sache erfahren hatte. Möglich. Erst viele Jahre später (mit 23 Jahren) begann ich mich für die Literatur über diesen Abschnitt der deutschen Geschichte zu interessieren, und dann geradezu zu erhitzen. Ich las alles was mir in die Hände viel, sah jeden Film und möglichen Beitrag zu diesem Thema, wobei es mir nach wie vor schwer fällt, worin das Faszinosum Rote Armee Fraktion für mich besteht. Es gibt mehrere Gründe. Ich war immer von dieser ungeheueren Entschlossenheit fasziniert, mit dem die Baader-Meinhof-Gurppe in  ihrer Zeit vorging. Einerseits das selbstmörderische Bestreben für seine Überzeugungen zu sterben (ja, für den höheren Gedanken, eine höhere Sache), andererseits der Wahnsinn den Status Quo der  BRD (auch wenn man natürlich die RAF in der Zeit der 70ger und 80ger Jahren sehen muss) durch Terrorismus umwälzen zu wollen – die Böllschen „6 gegen 60 Millionen“.

Schon immer war ich beeindruckt von der Kraft Einzelner sich gegen das Groß der Anderen  zu stellen, oder überhaupt im großen Stil eine eigene Meinung zu vertreten, um für etwas zu stehen. Für etwas Eigenes. Für etwas Großes. Vielleicht sogar für etwas Falsches, denn wann wäre eine Aktion (nach der Gewinnermentalität gesehen) nicht falsch, wenn sie scheitert? Derjenige der scheitert, über den wird gerichtet, und der wird verurteilt… Ein Sieger hat Kritiker, aber keine Richter. Doch lieber wollte ich ein verurteilter Verlierer sein, als der besiegte Mitläufer, der ich bin… Das faszinierte mich an dem Gedanken RAF. Nicht ihre Ziele, der mörderische Terrorismus oder das Prinzip der „Stadtguerilla“, sondern das Aufbegehren gegen das bestehende Unrecht. Der subjektive Widerstand des Einzelnen. Einer Gruppe. Oder einer Bewegung. Faszination ist das Eine, so eine Wirklichkeit zu leben, ist das Andere…

Petty meinte, was für eine Widerstandskämpferin sie doch gewesen sei, sie, die der Mohnhaupt ein Packung Zigaretten zugeworfen hatte und dafür eine Woche ins Loch ging. Es hörte sich lächerlich an. Wo war da der Widerstand? Dennoch war in dieser Aktion mehr Widerstand als in meiner gesamten Historie.

„Und jedes Jahr fliege ich nach Amerika zu meinen Indianern. Die reden mit Niemandem! Aber mit mir Mann.“ raunte sie betrunken, bei ihrer zweite „Nase“ Pep.

„So Carlos Castaneda Zeug?“ fragte ich doof und besserwisserisch, weil ich diesen Begriff fallen lassen wollte. Schon komisch wie gern man sich wichtig macht.

„Genau Mann. Aber den ham se eh nur verarscht… Wenn der große Krieg kommt, dann geh ich eh in den Wald zu meinen Indianern…“

So ging das die ganze Nacht. Und in uns dichten Deppen hatte sie die geeigneten Zuhörer gefunden. Chris und Karl wurden immer geiler vom Pep, und immer zerstörter vom Wodka, der in Strömen floss… Irgendwann lief ich von diesem grausamen Szenario davon, und legte mich, besoffen und „verrotzt“ wie ich war, vor meinen Fernseher und sah Pornos an. Onanierte. Im banalem Traumland des Fleisches gefangen.

Wenn ich auf Pep bin und meine Libido sich regt, geht es mir eigentlich nicht wirklich darum, Sex mit einer Person zu haben. Es ist mehr ein „Psychofick“. Die Sexualität wird in der Vorstellung erlebt, in einer bereinigten, perfekten Welt aus Wünschen und Träumen… Ein heiler, kleiner Kosmos. Gebaut aus Lust und Formen… Eine Selbstbejahung. Körperlos. Haltlos. Ohne Zwang und Rücksicht. Ohne Konsequenzen. Ein stiller Ort frei von Schuld und voller Dankbarkeit. Und ohne meine Freundin zu betrügen… Pornografie auf Drogen, so wie man es sich als Laie vorstellt. Dazu Bacardi-Cola.

Zum „Heruntertrinken“, schließlich musste ich am nächsten Tag arbeiten…

Vom Karl erfuhr ich später, dass der Chris den Rest der Nacht in seiner verdrogten Kopulationslust keinen Hehl aus seinen Ambitionen Petty gegenüber machte, sie jedoch seine zwar ambitionierten aber platten Ideen im Sande verlaufen ließ…

„Hast du sie wieder gesehen?“ frage ich Karl. Wir sind draußen. Unter dem blauen Himmel. Und der goldenen Sonne.

„Ne, aber die Bullen wollten erst zu ihr.“

„Die Geschichte kenne ich schon“, sage ich in einem gelangweilten Ton, damit er mich mit seiner Schilderung verschont, doch er denkt in diesem Moment gar nicht daran etwas zu erzählen, sondern hält seine Nase über eine kleine Flasche „Poppers“, aus welcher er die Dämpfe mit großer Lungengewalt einatmet. Ich mag Poppers nicht. Es ist eine Art Lösungsmittel, das nach dem Einatmen kurz die Sinne vernebelt.

Hauk sagt:

„Ich nicht.“

Also erzählt der Karl die Geschichte.

Er (Karl, der ehemalige Krampfmaster) war auf Pilze gewesen. Mehrere Gramm hatte er verzehrt, als er mit Ring und Magge (der vor kurzem schon Ärger mit der örtlichen Polizei gehabt hatte) zu seiner Wohnung gekommen war. Vor der warteten schon zwei Polizeibeamte. Karl: „Ich dachte mir, lieber hier unten vor der Tür, als bei mir oben, und hab dann erstmal gewartet wohin die wollen.“ Sie wollten nicht zu ihm, sondern zu seiner Nachbarin. Aber Petty war leider nicht da. Während die Fünf eine Weile darauf warteten, dass die Türe geöffnet wurde, erkannte einer der Beamten Magge und meinte: „Haben sie neue Freunde? Worauf warten sie eigentlich?“ Dani meinte er wohne hier. „Warum sperren sie dann nicht auf? HABEN SIE ETWAS ZU VERBERGEN?“

Wir drei brechen in Gelächter aus.

„Und dann?“ lachte Hauk.

„Nichts dann“, gähne ich.

„Ein anderer Nachbar kam zufällig und sperrte auf. Da sind wir alle rein.“

Punkt.

Sonne. Himmel. Balkon. Schweigen.

Von drinnen: Minimal-Techno, aufgezeichnet in Mannheim.

Ein Vogel fliegt vorbei.

„Ah. Cristian Vogel (der Name eines DJs),“ lacht Karl.

Lachen.

Ich nippe an meinem Wodkacolazero.

„Ich muss dann mal los“, erklärt Hauk.

„Echt?!“ gebe ich verwundert von mir. Hauk nickt und zieht sein T-shirt über seine buschigen Achseln.

Kurze Verabschiedung. Dann ist er weg.

Ich höre wie Hauk seinen Wagen anlässt und davonfährt.

„Der darf nicht arbeiten, hat aber einen Führerschein?“

„Joa.“

Mir läuft es kalt den Rücken herunter.

„Ich hab jetzt nur „das weiße Rauschen“ gesehen, aber was ist wenn der plötzlich auf den Film kommt und Leute überfahren will?“

„Na ja, dazu bräuchte er eigentlich keinen Führerschein“, gibt der Karl zurück. Lachen, dann: „Merkst du was?“

„Ja. Ein bisschen glaube ich.“ antworte ich. „Wo will der eigentlich hin?“

„Alus Schwester aus der Psychiatrie abholen.“

„Na den Weg kennt er ja. Wusste gar nicht das der Alu eine Schwester hat…“

„Doch, doch. Die war früher mal voll clever, aber die ist dann zusammengebrochen. Hat es nicht ertragen was mit ihrer Familie passiert ist, und so weiter.“

„Hm.“

Ich kann Alu nicht leiden. Er ist hinterhältig und schmierig. Und ein Arschloch. Jemand der mit den Mengen bei Verkäufen bescheißt (sei es bei Freund oder Feind), sich bei den Leuten einschleimt (nur um sie dann hinterrücks nieder zu machen) und sich wichtig macht.

Seine Mutter kenne ich noch aus meiner Kindheit. Sie war eine ganz normale Frau, wie alle in unserer kleinen bayrischen Vorstadt, bis ihr Sohn mit den Drogen begonnen hat. Er hat sie da mit reingezogen, so krass sogar, dass sie sich im Nebenzimmer seinen Kumpels hingab und nach Holland fuhr um im großen Stil Gras zu kaufen – nur um sich erwischen zu lassen und dafür ins Gefängnis zu gehen.

Ein Vogel fliegt vorbei.

„Ah, wie hieß er noch gleich?“ fragt sich Karl.

„Vogel“, gebe ich zurück.

Ich bin in Gedanken und überlege, wie ich eigentlich zu so einem Freundeskreis gekommen bin. Hätte ich die letzten paar Minuten aufgeschrieben, so würden sie klingen wie eine schlechte Kopie von „Trainspotting“. Oder von mir aus auch Filme wie „Spun“, „Clubbed to death“ oder der verdammte „Fear and Loathing in Las Vegas“ (egal ob Film oder Buch).

Das kann doch alles gar nicht war sein.

Was ist aus mir geworden?

Zu alt für den Club (Text zur Nacht)

Es war einmal in einem Menschenleben, da bemaß er selbst,  die Leute um die dreißig bis 40 in einem Club mit abwertenden Blicken, schließlich zählt er selbst gerade 20 Jänner, mehr oder weniger. Was wollen die alten Säcke denn da? Was machen die hier? Wie hat es die denn hierher verschlagen? Der Techno- und Tanzclub war schließlich ein Ort für junge Leute, eine sichere Zone, in denen alte Trottel mit alten Ansichten nichts verloren hatten; alte Menschen gab es im Leben der Jugendlichen schon genug, das hier war UNSEREN Ort, unsere Drogen, unser Sex, unsere Musik. Nach dem Motto: “This is my time, this is my life!” Ihr hattet eure Zeit, eure Chance ist vorbei!

Tatsächlich verstand der junge Mensch damals nicht viel und genau dieses gehört zum Jungsein dazu. Denn die „alten Leuten“ zwischen dreißig und 40 drängten nicht in die Domäne der Jugendlichen. Sie wollten ihnen auch nichts kaputt machen, schon gar nichts wegnehmen. Außer vielleicht die jungen Frauen. Was der junge Depp am alten Depp nicht versteht, auch gar nicht verstehen kann und will, ist der Fakt, dass es ohne den Alten die Jungen hier gar nicht gäbe. Die „zu Alten“ waren und sind die Jungen von Früher, nur haben diese „zu Alten“ etwas getan, was die Jungen aus ihrer Umgebung nicht kannten: Sie haben einfach nie aufgehört das Feiern zu lieben.

Die Jugend glaubt an ihre Einzigartigkeit und ist blind für die fremden Pharaonen und Bauherren derer Welt, die sie für sich deklarieren. Die Nachkömmlinge sind wie spanische Eroberer, die über einen Kontinent herfallen, der weder „neu“ ist, noch „entdeckt“ wurde: Alles war schon vorher da. Doch das versteht der „Eroberer“ nicht. Er kennt nur seine Perspektive, seine eigene Unverbrauchtheit und die drängt danach, sich Platz zu schaffen um sich dabei selbst neu zu entdecken, zu entfalten, ein Larven/Schmetterling-Ding; die verbrauchten Alten dagegen sind keine entwickelten Schmetterling für sie, eher fremde Monolithen, veraltete Technik, wie ein I-Pod neben einem Samsung Galaxy S 7… Nur die DJs im gleichen Alter der „zu alten“ Partygäste, die die jungen Tänzer wie Götter verehren und respektieren, bekommen die nötige Anerkennung, und wie es so Brauch ist – und immer war – pinnen und nageln die Gläubigen ihre Götter dann doch wieder wie tote Schmetterlinge in Setzkästen, um ihnen auch ja keine Möglichkeit mehr zur Veränderung zu lassen: Wenn Sven Väth jetzt so ist, dann ist er immer so gewesen. Oder Moonbootica. Marco Carola. Oder sonst wer. Absichtlich blind für die Historien ihrer Helden, die früher ganz anders klangen, machten und feierten.

 

Die „zu Alten“ stehen hinten im Club, ganz gleich ob bei einem DJ-Set oder einem Live-Konzert. Sie nicken mit den Köpfen, wohlwissend und abgewichst, während in ihrem Unterbewusstsein das Wissen klackert, wie es früher war, dort  vorne, auf der Tanze. Als sie selbst noch die Ersten in einer Nacht waren, die sich mittig auf eine Tanzfläche stellten und den großen Dithyrambus der elektronischen Musik eröffneten, während andere Feiglinge lieber um die Tanzfläche herumtanzten, nur nicht im Mittelpunkt stehen, sich nur nicht lächerlich machen… So war das wirklich. DAMALS waren sie wie die Capos, die aus den  Fußballstadien, die den echten Fans mit dem Megafon in der Schnauze die Schlachtlieder vorgeben, und Tausende bewegen. Und heute? Da stehen sie hinten und nicken. Oder sitzen. Hier wie dort.

Altwerden ist wie eine Polonaise. Wenn man jung ist stellt man sich vor. Später stellt man sich an.

 

Das ist so in etwa was über die Alterspyramide im Club gedacht wird. Und irgendwo stimmt das auch. Und doch ist es auch gar nicht wahr. Denn die Fronten sind schon längst nicht mehr so verhärtet – und das ist gut so. Als ich jung war, da habe ich gegen den „Jugendwahn“ geschimpft, wie grausam es ist sich immer jung fühlen zu wollen, wie dekadent das sei, aber ich habe halt auch nicht begriffen, dass an diesem Ort der Club-Musik die Menschen, die in die Jahre gekommen sind nicht zwanghaft jung sein wollen, sondern sich nur ein paar Stunden so fühlen wollen. Die alten Technomenschen wissen nämlich ganz genau, dass sie nicht mehr so jung sind wie früher. Das dritte Bier zeigt es ihnen recht schnell. Von Drogen ganz zu schweigen. Nein. Man darf nicht verwechseln zwischen einer süßen Form von Melancholie und der Dummheit, niemals erwachsen werden zu wollen. Natürlich gibt es auch die „Peter Pans“. Die „verlorenen Jungs“. Aber die haben den Schuss nicht gehört. Haben nie verstanden, dass das Alter eben nicht nur Kopfsache ist, denn der Körper zeigt dir bald deine Grenzen auf. Das ist okay. Das ist sogar sehr schön. Wenn Menschen verschiedener Generationen zusammenfeiern – wenn sie Respekt voreinander haben.
Ich stehe ja immer noch gerne mitten in der Menge. Manchmal auch ganz vorne. Und es ist gut so, dass es nicht immer so ist.

Elektronische Weihnachten (Text zur Nacht Add-On)

Und dann lacht er dieses Lachen, dieses furchtbare, grausam eklige, widerliche Gelächter, das so klingt, als würde man selbst mit nackter Hand voll in frische, feuchte Scheiße greifen – und zudrücken. Ein röhrendes, Hirschenes Gelächter, tief aus seiner reibeisernen Rasselbande der Seele.  Ein wenig erstickend und dabei doch sehr ungebildet. Sehr frech, noch frecher als die anschließende Frage dazu: „Checkst du es?“

Natürlich checke ich es.

 

Wir sind gerade aus dem Haus Gottes raus und er vergleicht Religion mit Techno (oder EDM, das hängt davon ab, wie alt  – oder gebildet – ihr seid). Nicht gerade der neueste Vergleich versteht sich. Schon Doktorarbeiten wurden über das Thema verfasst: Der Disc-Jockey an Priester, hoch über den Massen, der von seiner DJ-Kanzel herab auf das Volk herab predigt, welches entrückt und in Trance der Sprache Gottes ausgesetzt ist (denn was anderes könnte die Musik sein, als die eigentliche Sprache Gottes?).

 

„Man sollte aber nicht elektronische Musik mit einem Gottesdienst gleichsetzen, sondern umgekehrt. Verstehste?“

„Mhm.“

„Also quasi so ein Weihnachtsgottesdienst als Twentyfourseven-Veranstaltung. Wie so n Festival. Nature One oder von mir aus (für die Dummen) Tomorrowland. Versteheste?“

„Mhm.“

„JEDE Stunde ein anderer Priester, so wie bei den DJs. (Mit verstellter Stimme Mayday-Announcer-Stimme) From Barbados! Priest Carl Cox!!! Verstehste?”
“Oh ja.”

“Und dann kommt der Carl noch oben und so: Oh yes! Oh yes! Oh yes! Und dann haut der voll seine Predigt raus. WAHRLICH ICH SAGE EUCH!“

„Hehe.“

„Und dann stehen da ein paar Ossis herum und maulen: Och Mann. Ick will lieber den DYÄH Rush hörn, wann kommt n derr?“

„Dein Ossideutsch ist auch so naja.“

„Egal. Verstehste? Und dann kommt Sven Väth auf die Bühne und der ist dann richtig gut, weißte, so wie früher? Und er so: WAHRLICH ICH SAG EUCH! GUDE LAUNE LEUDE!“ Alle drehen durch und Gott und Wiederauserstehen und Bombastisch… Und Mosaik-Fenster, voll auf Trip… Und so geht das dann weiter. Mit Camping und Heilsegnungen…“
„Heilsegnungen?“
„Und ALLE voll so am Abgehen: Halleluja! Und Ecstasy und Erlösung! Und voll die Liebe untereinander! Ohne Sex. Einfach nur so ne kindliche Drogen-Jesus-Liebe! Twentyfourseven! Verstehste? Und das Jesus Kind der Krippe! Und der Esel ist auch dabei! Und da kommen schon die Heiligen Drei Könige! Und Mürre… “

„Ja. Is ja gud.“

„Und dann so Sankt Martins mäßig: Statt Mäntel werden Pillen geteilt! Oder NOCH BESSER: Auf den Pillen SIND kleine Mäntel eingeprägt, die man dann teilen kann! Voll GEIL! JAAAAAAAAAAAAAAAAAA!!!!!“

Und dann lacht er wieder dieses Scheiße-Lachen. Und ich denke mir. Eigentlich eine lustige Idee, wenn dieses Gelache nicht wäre.

Der Text zur Nacht (224) Gefangen im Limbus

Gehe ich los.

Alex versucht erst gar nicht mich aufzuhalten.

 

Ich schreite wie ein fremdes, außerirdisches Wesen durch die Party-Crowd. Bin ein Fremdkörper, der sich äußerlich nicht von seiner feiernden Umwelt unterscheidet,  auffällig nur für jene, die die Aura eines Menschen sehen können, die erspähen können, wie viel dunkler, finsterer und von mir selbst entfernter ich dem Hier und Jetzt inzwischen geworden bin, im Gegenspiel zu all den anderen Leuten hier – jung wie alt, Mann und Frau, nüchtern und dicht – die die Totalität ihrer Jetzigkeit bis an die Grenze ausleben; die Hände gehen nach oben. Und Sven Väth sieht, dass es gut ist. Gott lächelt. Und legt die nächste Platte auf.

 

Tatsächlich komme ich gar nicht weit.

Ich setze mich auf eine Bierbank nahe einer Fressbude, wo gerade noch, ganz rechts außen, ein Platz frei ist. Dort an der Kante. Hier setze ich mich neben grölende junge Leiber, die mich kurz und doch gar nicht wahrnehmen, so sehr sind sie mit sich selbst beschäftigt, damit, ihre eigene Jugend zu belachen (Lachen ist der Applaus der Jugend). Überall liegen Plastikschalen herum, aus denen „asiatische“ Nudeln gefuttert wurden.

Mein Blick geht frei ins Leere.

 

Es ist nicht einmal untypisch eine Art Depression auf Droge zu haben. Im Laufe des Textes ist es schließlich schon meine Zweite. Nur. Habe ich das normalerweise nicht so häufig, nicht an einem einzigen Wochenende.

Alle Menschen um mich kommen mir sehr fremd vor. Ich verstehe ihre Handlungen nicht mehr. Und am Allermeisten wundert es mich, dass nicht Alle sehen können, wie verletzlich und fremd ich ihnen geworden bin. Dieser Kontrast ist einfach die Härte; sich erst vor einem Moment mit Allem und Allen  so sehr verbunden fühlen, um dann im nächsten Moment wie eine abgetrennte Gliedmaße am Boden zu liegen, die weder begreifen kann was gerade geschehen ist und die sich dabei selbst noch für „lebendig“ hält. Mein Verstand hat  nicht mehr die Möglichkeit sich effektiv an „vorher“, an die gute Phase, zu erinnern, meine Gefühlshaushalt regelt das scheinbar von alleine.

Ich sinke immer tiefer in meinen eigenen Limbus.

Mein Verstand versucht sich gegen mein rohes, nacktes Unterbewusstsein zu wehren, doch es umhüllt mich und alles was ich bisher gewesen bin wie ein dunkler, schwarzer Nebel, in dem sich, wie in der Vision von John Carpenter, komische Figuren bewegen, zweidimensionale abstrakte Gemälde mit ehemals bekannten Gesichtern, vermischt mit lebendigte fremde, räumliche Plastiken, die ich nicht entschlüsseln kann.

 

Es ist nicht so dass ich die reale Welt, dass ich die Party hier in München nicht mehr wahrnehmen könnte. Alles ist noch da. Aber mein Bewusstsein der Gefühle irrlichtert durch diesen merkwürdigen Nebel, und diese komischen, unkenntlichen Gestalten die ich vor meinem emotionalen, inneren Auge sehen kann, sind Abbilder meiner Gedanken zu Personen die ich kenne; ich kann sie nur nicht verstehen, kann nicht entschlüsseln in welchem Bezug sie zu mir stehen. Weshalb sie mir einmal wichtig waren.

Ich sehe Bobby. Und Andi. Die mir fremd sind. Sehe Caro verbeihuschen und kann ihren Schmerz spüren. Sehe Sierra, wie der Lacht. Und Alex steht bei ihm. Sie lachen zusammen. Blaue Haare gehen aus dem Bild…

 

„Ich will nachhause…“ Wimmert es in meinen Limbus hinein. „Einfach nur nachhause…“ Es hallt durch die leeren Hallen meines Herzens und verebbt ungehört in meinem erfrorenen Unterbewusstsein. Tief im schwarzen Loch meines Limbus… „Bommerland ist…“

 

Und dann sehe ich am Ende meine Ex. Und ich bin einfach nur sprach- und hilflos… Klein. Zerstört. Zerdrückt und erkaltet wie eine Kippe am Straßenrand.

Ich weiß, dass das Alles, dieser ganze Müll, die ganzen Drogen, der ganze verrückte und gestörte Scheißdreck, ja, mein ganzes Leben, nur mit ihr zu tun hat. Nur mit IHRihrIHR. Und ich weiß, dass ich ihr im ganzen Text keine einzige wirkliche Zeile gegönnt habe. Sie, um die sich alles dreht, mein ganzer Wahn, meine ganze Zerstörtheit. Und doch kam sie einfach nicht vor.

Und obwohl sie es war die mich belogen und betrogen hat. Sie es war, die mich abservierte. Sie es war, die mich austauschte wie eine Glühbirne. Herrscht in meinem nackten Unterbewusstsein das Gefühl vor, dass es Alles meine Schuld war, dass ich verantwortlich bin für all das was zwischen uns schiefgelaufen ist; die Drogen, die Lügen; wie ich meinen Konsum, meine Krankheit vor ihr verheimlichte, wie ich diesen kalten, dunklen Keil zwischen uns trieb, wie harter Stahl, der ein Herz spaltet… Und obwohl das Ganze nun schon jahrelang her ist und eigentlich – verdammt nochmal – vergessen gehört, sage ich zu ihr:

„Es tut mir leid.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach einer Unendlichkeit im Limbus, nach einer Ewigkeit der Leere, blinzle ich. Nehme die ravende Gesellschaft um mich wahr. Wie sie tanzen, lachen und sich freuen. Junge, frische, geile Weiber. Starke Burschen mit geschwollenen Muskeln und Egos. Alle sehen aus wie aus einem Video-Clip. Frisch gestilt und ausgeruht. Jung und kräftig. Die Zukunft und die Gegenwart in einem Moment vereint.

 

Und da sitze ich. Alt und zerstört. Selbstvergessen und irritiert, wo denn schon wieder der ganze Dreck unter meinen Fingernägeln herkommt.

Springteufel

Was würdest du tun, wenn dein Leben als einziger Witz wahrgenommen werden würde? Was würdest du machen, wenn jeder über dich lacht? In dein Gesicht, nicht einmal hinter deinem Rücken? Wie würdest du reagieren wenn du die Last deines Versagens nicht mehr ertragen könntest?

 

Seine Lösung war, der zu werden, den die Leute sehen wollten. Er lachte einfach mit, ist doch ohnehin alles ein riesiger Scherz. Das ganze Leben. Und wenn man lange genug über sich selbst und die eigene Unfähigkeit gelacht haben würde, hören die Leute bestimmt auch damit auf. Schließlich wird jeder Witz einmal alt… Glaubte er. Dabei hatte er die Grausamkeit der Menschen unterschätzt. Denn nichts fühlt sich für jemanden, der sich selbst in verschiedenen Situationen erniedrigt fühlt (im Job, in der Schule, auf dem Sportplatz, im Bett), verlockender und vergnüglicher an, als den zu treten, der unter einem steht.

Ein Clown ist ein Clown ist ein Clown. Und wenn jemand für uns einmal eine Rolle spielt, dann lassen wir ihn dort nicht mehr heraus. Er wird zu „Jack in the box“.

 

Aus Andi wurde so ein Clown. Das hatte auch viel damit zu tun, dass er nicht so wie die anderen Arbeitssklaven sein wollte. Andi wollte die ewige Party. Immer auf Speed oder LSD wollte er sein, was bedeutet, immer anders als andere Menschen zu denken, zu fühlen und zu handeln, diese Leute, die nur hin und wieder Drogen nehmen – oder gar nicht. Immer dicht zu sein eckt auf Dauer zwangsläufig an, denn wir leben in einer paranoid nüchternen Welt; „paranoid nüchtern“ deswegen, da die „normalen“ Menschen anderen Menschen ihren Rausch verzeihen, wenn er nur hin und wieder eintritt. Doch wer  aus diesem Rahmen des Arbeits- und Ruhetags Rhythmus heraus fällt,  ist für uns schon ein Freak. Jemand. Der sein Leben nicht mehr unter Kontrolle hat. Und was macht man mit so einem Kerl? Wie nennt man den? Wie viel Respekt haben wir für solche Menschen?

 

Am Schlimmsten waren für Andi nicht die Beleidigungen, das „Nicht-Ernst-Nehmen“ seiner Weltsicht oder das Gelächter. Viel furchtbarer waren diese ständigen Belehrungen, wie man dies und das zu machen hätte, diese arroganten Sprüche von angepassten Spießern, die, seien wir ehrlich, selbst gerade so über die Runden kamen in einer Welt voller Regeln und Gesetze, die sie auch nicht gänzlich verstanden und vor allem nicht zu ihrem Vorteil nutzen konnten und dennoch vehement so taten, als würden sie ihre Leben so-viel-besser auf die Reihe bekommen als er; dabei wollte der Andi nicht nur nicht so sein wie sie, er konnte es auch nicht. Er kam aus seiner eigenen Philosophie nicht mehr heraus, denn wenn du einmal in deiner eigenen Welt gefangen bist, kannst du dich ohne Hilfe daraus nicht befreien, wie eine Fliege in einem umgedrehten Glas, die nicht begreifen kann, was nicht stimmt, weshalb sie da nicht mehr heraus kommt.

Gutzureden hilft da nichts.

Die Fliege im Glas ist dabei ebenso wenig dumm wie Andi es anfangs war, denn ein Mangel an Verständnis ist kein Mangel an Intelligenz, da sowohl die Fliege als auch Andi Fähigkeiten und Möglichkeiten die Welt zu entschlüsseln besitzen, die all uns Spießern für immer verborgen bleiben. Uns. Steht unsere Vernunft im Weg.

 

Eines Tages entschied sich Andi – aus Hilflosigkeit- dann doch für die Dummheit. Er war ja auch nicht so „klug“ wie all die anderen und wenn er es doch war, wollten sie es ohnehin nicht sehen. Wieso nicht einfach die Rolle spielen, die der große Unbekannte für ihn vorgesehen hat? Und schnell begriff er, was für Vorteile es hat wenn niemand großes von dir erwartet: Du kannst so tief fallen wie du willst. Andi entdeckte dadurch, die Freiheit Alles tun zu können was er wollte. Es erwartet ja auch niemand was anderes von dir. Denn „erst wenn wir alles verloren haben, haben wir die Freiheit alles zu tun“.

 

Diese Freiheit aber, ist ein Gefängnis. Dummheit ist ein Gefängnis.

Und die einzige Hilfe die er von seinem Umfeld bekam, war Gelächter über seine Situation. Ja. Er hatte schon lange keine Freundin mehr gehabt. Ja. Er hatte seinen Job verloren. Ja. Er wohnte wieder bei seinen Eltern. Ja. Die Arbeitsagentur und die Zeitarbeitsfirma hatten ihn über den Tisch gezogen. Ja. Er musste in den Knast wegen NICHTS, da er es auch nicht besser wusste und konnte um sich herauszureden. Ja. Er hatte nie Geld. Ja. Er hatte schon lange keinen Führerschein mehr. Und ja: Er hatte eindeutig ein Drogenproblem, welches er nur lachend als das Nonplusultra der Philosophien darstellte. Und ja. Andi ist 35 Jahre alt.

 

Das Alles nagte an ihn. Auch wenn er es nicht sagte. Vielleicht kannte er dafür inzwischen gar keine Worte mehr. Seine Räusche wurden nur noch extremer. Niemand verstand mehr sein Gelalle, denn betrunken sein geht immer und in seinen Alkoholräuschen entblößte sich seine wahre Lebenssituation. Man hätte zuhören können. Man hätte helfen können. Aber man gab eh nichts mehr auf diesen Freak der ehrlich glaubte, dass „Freak“ kein Schimpfwort, im Gegenteil eine Auszeichnung sei.

Diese Woche war es dann soweit, und dieser kleine Artikel hier reichte als Auslöser:

 

„Hängetrauma!“ lachte sein Arbeitskollege als er den Beitrag las und zeigte auf Andi. „Das kann man auch gut zu dir sagen! Du Nicht-Ficker! Hängetrauma mit abgestorbenen Schwanz!“

Es war Zufall, dass Andi das Messer in der Hand hatte. Doch schließlich war gerade Brotzeit. Und es war einfach ein Witz zu viel.

Keiner hätte es Andi zugetraut. Er war ein wenig dumm. Okay. Aber gewalttätig?

Die Kurbel war überdreht worden. Der Clown hatte die Kiste verlassen.