Thomas Meinecke und Avina Vishnu im Kulturhaus Abraxas, es war der 29.02.2020

Plötzlich steht Thomas Meinecke da. Ja. Genau. Da vorne in der Türe. Im Flur. Im Abraxas in Augsburg. Schaut der so nach rechts und links. Als würde er gerade nicht wissen wohin. Und ob. Der Meinecke Thomas, dem genau in der gleichen Woche den Berliner Literaturpreis überreicht worden war. Nicht wisse wohin. Ein unwirklicher Jetzt-Moment für mich. Dabei bin ich genau wegen ihm, und nur wegen ihm, in das „Kulturhaus Abraxas“ gekommen.

Auf Meineckes Werk stieß ich vor 15-20 Jahren. Als junger, wirrer Drogen- und Technokopf stand ich in einem Geschäft vor einem Bücherregal und wusste nicht, was ich kaufen/lesen sollte. Hat man einen gewissen Anspruch an sich selbst und sein Leseverhalten, gibt es oft diese Momente, in denen man nicht weiß, welches Buch das richtige in eben genau dieser konkreten Lebensphase für einen selbst ist. Da tat ich. Was ich niemals mache. Ich zog fast blind ein Buch aus der Rubrik „Deutsche Literatur“ aus dem strammen Regiment der hier versammelten Werke. Es war folgendes Buch:

Ich schlug es auf. Blätterte darin herum und stieß auf den Begriff „Underground Resistance“. Und ich so: „Aha. Na das ist ja mal ein Zufall.“ Buch gekauft und dann – zugegebenermaßen – total erschlagen gewesen ob der unermesslichen, für mich wirren Themenvielfalt. Wenn es bei einem Autor auf die beste Art um Alles-auf-einmal geht. Dann bei Thomas Meinecke. Es war zu viel für mich. Trotzdem ließ der Mann, der nicht nur Bücher schreibt, sondern den hochkulturellen Menschen dieses Landes als Mitbegründer der Band F.S.K. längst bekannt war, mich über die Jahre nicht los. Gerade die Projekte, die er mit Move D umgesetzt hat, schlagen mich heute noch in ihren Bann. In diesem Projekt vertont Move D mit elektronischer Musik die Worte Thomas Meineckes auf die mir einzig bekannte gelungene Weise. Bei allen anderen Projekten ähnlicher Bau- und Machart fehlte mir seitjeher der Flow. Es klang immer zu hölzern oder zu gewollt. Sogar beim Projekt von Rainald Goetz und Westbam. Zudem halte ich wenige Sprechstimmen für einprägsam und verehrenswert (ich kam darauf bei meinem Eintrag letzte Woche über Deichkind und Werner Herzog zu sprechen); die von Thomas Meinecke gehört jedoch zweifellos dazu. In der Gender-Diskussion sind diese Texte leider ein Jahrzehnt ihrer Zeit voraus… Oder anders betrachtet, war es für solche Spoken-Words-Texte genau der richtige Zeitpunkt, um die breite Debatte darüber in Gang zu setzen. Seine Abhandlungen über Pop, Underground-Techno über Disko, bis hin zu weiblichen Ikonen des Weltgeschehens wie Josephine Baker und Judith Butler, die mehr als nur zitiert, tatsächlich sprachlich inszeniert wurden. Ja. Nein. Bestimmt sogar würde vor meinem Haus in Bayern keine Fahne in den Farben der LGBT-Bewegung im stürmischen Frühjahrswind wehen (obwohl ich sexuell gesehen der Mann/Frau-Typ bin), ohne diese Werke von Thomas Meinecke und Move D. Seine Texte haben meine Art über die Gesellschaft zu denken und wie wir miteinander umgehen schon beeinflusst, bevor diese Themen (zum Glück) Mainstream wurden. Mit seinen Büchern tat ich mich dennoch weiterhin schwer. Lookalikes hätte ich so gerne gemocht, war mir am Ende doch auch wieder zu überambitioniert. Auf Facebook sind Meinecke und ich schon seit Jahren „befreundet“ und so sah ich, dass er als DJ im Abraxas tätig sein würde.

Meine Frau kam mir zu liebe mit. Innerhalb einer Woche waren wir wie hier im Blog besprochen bei Deichkind und AnnenMayKantereit gewesen. Jetzt also auch noch das. Und Dienstag gehen wir dann noch zu Mark Benecke. Das ist schon ein straffes Programm mit 40, wenn man immer mindestens eine Stunde Autofahrt hin zur Veranstaltung hat – und beide Vollzeit arbeiten. Beim zweiten Vorbeilaufen vor der Restaurant-Türe des Reesegarden im Abraxas, hielt ich den Autor einen Moment lang (ich hoffe) nicht übertrieben penetrant auf, um mir mein Buch zu signieren. Eben jenes, welches ich einstmals einfach so aus der Wand gezogen hatte. Der Autor lenzte sich megalässig und riesengroß wie er ist und wirkt, auf einen nahegelegenen Barhocker samt Hochtisch und schrieb mir mit meinem Stift folgenden Wunsch in das Buch:

Das anschließende Gespräch zwischen „Fan“ (Ich habe mich noch nie als „Fan“ von irgendjemanden gesehen, nicht einmal wenn ich Sven Väth traf, in den ich in meiner erwachsenen Jugend total vernarrt war. Wir sind ja alle nur Menschen) und Autor war locker, aufmerksam und von gegenseitigem Respekt geprägt. Wie ich denn heiße wollte er wissen, obwohl ich es nicht im Buch haben wollte. Keine große Sache natürlich. Und obwohl ich irgendwie süß und naiv dastand wie ein Schuljunge, der sich gerade eine gute Note vom Herrn Lehrer abholte, war es ein Moment in dem sich alles richtig anfühlte. Komischerweise ist es als Mensch im Menschsein oft gar nicht so leicht, angemessen nett und freundlich zu sein. Zu viele Alltagsschlachten werden bewusst oder unbewusst in unseren Köpfen ausgefochten, um so zu sein, wie es das Gegenüber in den allermeisten Fällen verdient hätte: Einfach nur nett. So kurz diese drei, vielleicht 4 Minuten auch waren, so wichtig fühlen sie sich für mich im Nachhinein an. Auf ein Foto mit ihm verzichtete ich absichtlich. Diese gestellte Lächelei wäre dem Moment nicht gerecht geworden.

Der Grund weshalb Thomas Meinecke in Augsburg war, bezog sich auf genau auf das Buch, welches er mit gerade signiert hatte. In „Hellblau“ schreibt Meinecke auch über Heinrich Mueller, besser bekannt als Gerald Donald. Für mich bekannt als ein Teil von Dopplereffekt. Meinecke hatte Mueller/Donald selbst noch nie getroffen, bis zu dem Abend, um den es hier geht. Die Verbindung zwischen uns allen ist dieses Buch. „Hellblau“. Man hätte die Geschichte nicht besser schreiben können.

Gerald Donald machte höchstpersönlich das Video seines neuen Projekts namens Avina Vishnu auf seinem Laptop an, welches 40 Minuten lang als Installation im Abraxas ausgestrahlt wurde; wir haben es nicht ganz ausgehalten. Sorry. Da schon hundemüde 40 Minuten lang Ambient-Musik mit Bildern von Seen und Flüssen aus (wahrscheinlich) der Augsburger Umgebung war uns dann in seiner softness doch zu hart. Wieder einmal. Hätte man so etwas gerne als gut befunden. Ging nur leider nicht.  Den DJ-Gig drüben im Nebengebäude gaben wir uns folgerichtig auch nicht mehr. Der angekündigte neue heiße Scheiß aus Augsburg (Sedef Adasi) hatte sich ohnehin krankheitsbedingt entschuldigen lassen. Auch. Wenn ich das Set von Meinecke gerne gehört hätte.

Und Thomas. Falls du Lust hast mein Buch über die Techno-Szene zu lesen, folge einfach diesem Link. Das Buch ist umsonst.

Stereotyp – 1 – Techno ist etwas für Idioten

Am „Jahrestag der Gründung der vereinigten Staaten von Europa“, befand sich Paul Fleming in einem Technoclub. Ausgerechnet Techno. Paul hatte diesen Techno-Raver-Unsinn schon immer gehasst.  Diese furchtbare elektronische Nicht-Musik, die von allen, die sie „abfeiern“, auch nur mit bewusstseinsvermindernden Drogen ertragen werden kann. Wenn man sich den unmündigen Bürger einmal zugute führen wollte, musste man nur in einen Techno-Club gehen und sich die Gesichter dieser Wohlstandskrüppel zu Gemüte führen. Mit ihren panisch starrenden, schlicht wahnsinnigen Augen. Den sinnlos mahlenden Kiefern. Und ihrer verschwitzten, pickeligen Haut. Manche Menschen trugen ihren Charakter tatsächlich im Gesicht.  Von dem Unsinn, den diese Unmenschen von sich gaben, einmal ganz zu schweigen. Denn wenn sie nicht wie selbstverliebt geile Roboter stakkatohaft tanzten, erbrachen sich die „Raver“ aufeinander mit ihrer ekelhaft feuchten, brülllauten Aussprache. Ganze Sturzbäche von geistiger Galle spien sie sich ständig gegenseitig in ihre Gesichter. Ohne Luft zu holen. Ohne nachzudenken. Doch wohin hätte Paul in so einer Situation in Berlin auch sonst gehen sollen?

„Bumsvoll“ war der Laden. Diesen Ausdruck hatte einer dieser Techno-Schreiaffen vorhin Paul gegenüber gebraucht, was der nur fade lächelnd abgenickt hatte. Diese verdammten Feiertage. Es war so schon schlimm in diesen „Läden“, wie die Techno-Affen ihre Clubs nannten, an den Feiertagen war es nur noch umso schlimmer. Paul konnte vor lauter Touristen kaum die Hand vor den Augen sehen. Dann hatte der dumme Techno-Schreiaffe noch zwei, drei weitere Male auf die Bumsvolligkeit des Ladens hingewiesen. Er schrie Paul weiter an, was für eine furchtbare Situation das sei in den Berliner Technoclubs.  Vor lauter Bumsvolligkeit traf man kaum mehr normale Menschen, also ECHTE Berliner in den angesagten, also guten Läden. Da müssten Typen wie er und Paul doch ein kleinwenig zusammenhalten, lachte und spuckte der Typ weiter. Paul. Nickte dem schwitzenden, stierenden Kerl einfach nur zu. Denn ganz egal wie furchtbar sich dieser Techno-Raver-Unsinn für ihn anfühlte: Draußen, im Vorher seines Lebens war es noch viel furchtbarer gewesen. Was konnte es da schaden mit einem ihm wildfremden Kerl via Jägermeister Bruderschaft zu trinken? Der Jägermeister riss Paul die Augen auf. Der Fremde lachte ihn brüderlich an. Klapste ihm auf die Schulter und frohlockte lachend: „Geht doch!“

Der Laden in dem sie sich befanden und in welchem sich die Menschen wie Kälber in einer Schlachtanlage drängten, hieß „Wilde Barbara“. Die „Wilde Barbara“ entsprach der dritten Generation von Techno-Clubs.  Nach den verbotenen illegalen Raves und nach den danach legal angemieteten Industriehallen, waren ganze, ehemalige Wohnhäuser das neueste Dinge in Berlin. Es gab nicht mehr den Hauptfloor mit dem Main-DJ. Im Jahre 2015 war auf jedem Stockwerk, in jedem Raum Party angesagt. Überall wurde gefeiert und so etwas Ähnliches wie getanzt. Alles war durchzogen mit dieser Mega-Underground-Berlin-Attitüde, die sich durch abgeklebte Handykameras und verrücktes Level-Design der einzelnen Locations wiederspiegelte. Jeder Raum musste als Event ein wenig aus dem Rahmen gefallen erscheinen, ohne allzu sehr zu irritieren. Da stand dann also ein alte Leute-Sofa und -Tisch neben einer Art Kachelofen in einem Folterkeller, dafür hingen die Klischee-Gittern und -Ketten an den Wänden. Dazu lief monotoner Minimal-Sound oder angesagter House von einem jedem Anwesenden unbekannten DJ, der gerade durch seine Unbekanntheit in diesem Räumen den Spirit eines Weltklasse-DJs anhaftete, ganz gemäß dem Berliner Motto: Hauptsache Underground – nur nicht zu berühmt sein. Die Besucher, die im gefühlten Alter von 18 bis 88 waren, saßen auf dem Sofa, dem Tisch und auf dem Kachelofen herum, schrien sich gegenseitig an, lachten ein Lachen, dass wegen der Druck aus den Boxen nirgendwo ankam und zeigten sich gegenseitig auf ihren Smartphones Bilder von Ecstasy, welches sie gerade im Begriff waren zu kaufen oder vor einer Stunde, fünf Tagen oder zwei Jahren gekauft hatten. Was diese Techno-Haus-Clubs nun von Großraumdiskos mit mehreren Floors und Sangria unterschied, konnte Paul beim besten Willen nicht erkennen. Er war aber weiß Gott auch nicht die Zielgruppe dieses Drogenlochs, in der nun schon zum zweiten Mal ein Rudel von halbnackten Feuerschluckern durch die Gänge zog und warme Luft verbreitete. Paul sollte es recht. Dies. War genau das, was er jetzt brauchte. Hier war jeder so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass ihn sicherlich keiner wiedererkennen würde. Ob er Ketamin wolle? Er mit ihm, da drüber auf der Toilette? Sein neuer „Freund“ geiferte ihn an. „Nein danke.“ Dass waren die ersten Worte, die Paul Fleming in diesem Laden von sich gab, und doch fasten sie alles was er sah treffend zusammen. Sein Schreiaffen-Freund stand auf und verschwand „auf Toilette“. Währenddessen schwang sich ein etwa 20 Jähriger Kerl mit Hippster-Bart und roten Haaren voller Bartwichse auf die oberste Stufe des Kachelofens, zog sein Shirt aus und brüllte etwas unverständliches in die leicht amüsierte Menge, bevor er fast umgehend vom Ofen abrutschte und Kopfüber auf den Boden knallte. Vermutlich hatte ihm ein Reiseführer-Vlog so ein Verhalten in einem Berliner Technoclub nahegelegt. Hashtag: Echtesberlin. Die Raver dankten es ihm mit hämischen Gelächter. Paul schüttelte nur den Kopf und dachte an die Worte seines Freundes Niti: „Wenn der Erfolg den wenigen Recht gibt, gibt der Misserfolg den vielen Unrecht.“

Worakls in der Kantine Augsburg, es war der 9.11.2018

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Beim Feiern bin ich der emotionale Typ. Ich buhe auch mal einen „Künstler“ aus, wenn mir seine Performance nicht passt. Das empfinde ich nicht als „böse“ oder „gemein“. Es ist legitim. Erstens ist es im Theater gängiger Brauch nach der Vorstellung seine Meinung kundzutun. Zweitens ist es für mich ein Unding, dass Künstler immer nur durch Klatschen belohnt werden, nie getadelt. Der Tadel in der westlichen Hemisphäre besteht ausschließlich darin, nicht zu Applaudieren. Doch gerade im Feier-Performance-Bereich gilt: Irgendein druffer Trottel klatscht immer. Auch. Wenn man oft nur den einen Künstler von und den folgend auf die Bühne jubeln will. Meine Frau schämt sich dann natürlich regelmäßig immer wieder schrecklich, wenn ich aus der Masse heraus DJs ausbuhe, die nach ihrem Set immer (wirklich: Immer) selbstverliebt auf dem Podest stehen und sich für die/den Geilste/n halten. Da gibt es nie auch nur den Zweifel einer Unsicherheit über die eigene Performance. Klar. Man muss sich ja nicht gleich entschuldigen nach seinem Auftritt. Das ist natürlich auch Quatsch. Doch ein wenig sollte die Einsicht dann doch durchblitzen, dass man gerade am Publikum vorbeigespielt hat. Leider.

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Wir waren wegen „Worakls“ in die Kantine nach Augsburg gekommen (ja, ja, schon wieder die Kantine…) und der hat mit seinem Live-Act (also Live-Auftritt) erst um halb 3 angefangen. Die Uhrzeit geht in Ordnung, schließlich war es ein Event mit elektronischer Musik und keine Rockmusik, zu der man sich schnell besaufen muss, als wäre man in einem englischen Pub von vor 10 Jahren (nein, ich werde diesen Spruch nicht erklären). Wichtig ist: Wenn man den Künstler, dessen Name auf den Karten steht (auch wenn man ihn falsch darauf gedruckt hatte…) so spät spielen lässt, braucht man ein tüchtig gutes Vorprogramm, welches (wir erinnern uns an den ersten Absatz) leider nicht vorhanden war. Der erste DJ, ein junger schwarzer Typ, machte seine Sache noch ziemlich gut. Er versuchte sich wenigstens dem Sound der spät live und in Echt aus den Boxen dröhnen wurde, ein wenig gerecht zu werden. Der zweite Typ, ein junger weißer Kerl, spielte nicht nur einen unbedeutenden, langweiligen und austauschbaren Sound herunter, nein, er hatte auch nichts mit Worakls zu tun. Da lief ewig austauschbarer Techno/Minimal, der alles andere als relevant war. Keine Hits von Niemanden, dabei hat der gute Worakls nen guten großen Freund, N´To, dessen Platten sich super als Warm-Up geeignet hätten. Man muss ja nicht gleich nur N´to spielen, ein wenig Spirit hätte auch gereicht.

Ich ziehe hier mal das Zitat meiner Frau heran, die wie wir inzwischen wissen, gnädiger mit Künstlern umgeht als ich, welche am Tag nach dieser Nacht meinte: „Mir schmerzen richtig die Füße vom vielen Herumstehen.“ Das sagt doch alles.

Es war ohnehin brechend voll in der Kantine, da oben im zweiten Floor kaum Besucher waren: Alle wollten Worakls hören, von dem natürlich keiner wusste, wann der anfangen würde; woher auch? Ein gewöhnliches Übel solcher Veranstaltungen, bei denen keine Uhrzeiten promotet werden, damit viele Leute früh kommen und möglichst lange Geld in die Kassen saufen. Schließlich war es dann so voll, dass an Tanzen schon lange nicht mehr zu denken war. Klar, der gesamte obere Floor war in den unteren gerutscht. Das mag brandschutztechnisch legitim sein, für den Kunden ist das aber scheiße. Wir mussten uns also unseren Platz an der Seite sichern, damit wir später überhaupt ein wenig Raum zum Tanzen zu hatten (Randbemerkung: Ich habe erste ein Video von Marika Rossa aus der Kantine gesehen, wo der Tenor in den Kommentaren lautete: „Tolles Set, aber wenig Stimmung in dem Laden! Was ist nur mit den Leuten los?!“ Hier die Antwort: Die hatten einfach keinen Platz für Stimmung.)

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Irgendwann, nach gefühlten Jahren, endete unter Selbstherrlichem Grinsen das Set von dem Typen vor Worakls. Sollten mich doch die Leute blöd ansehen während ich betrunken den Trottel ausbuhte. Drogendruffe Augen. Wie die Schafe blickten sie mich an, als sie sich nach mir Deppen umdrehten, der da krakelte.

Worakls machte gute 1,5 Stunden. Und das ist eine sehr gute Länge für ein Live-Set. Wirklich. Wenn ein DJ nur 2 Stunden seine Platten spielt, gehört er ordentlich verprügelt, wenn mit seinem Name geworben wird: Zwei Stunden sind NICHTS. Eine unglaubliche Frechheit, dass die Jugend von heute ihr teures Geld für 2 Stunden zum Fenster hinauswirft; einfach unbegreiflich. Bei Live-Auftritten wurde man jahrelang mit einer Stunde abgespeist. Was noch okay war. Aber anderthalb Stunden sind schon sehr viel angebrachter und Kundenfreundlicher. Worakls spielte dann seinen Filmmusik-Electro herunter. Viele Flächen. Viele Melodien. Große Gesten. War ganz okay. Was man erwarten konnte. Nur auch nicht mehr. Während er den immer gleichen Wechsel zwischen einem Basslastigen Song und einem Geklimper-Hit machte. Man merkt schon, dass das Vorprogramm für mich auch Auswirkungen auf Worakls selbst hatte. Insgesamt hätte der Veranstalter doch einiges besser machen können.

Schade.

 

Ketamin in der „Wilden Renate“ in Berlin

Wie das halt so ist. Man reist durch die ganze verdammte Republik, durch die ganze abgefuckte Provinz, um schließlich in der Hauptstadt von Ostdeutschland anzukommen. So was merkt man nämlich ganz schnell wenn man durch den Osten fährt, dass Berlin nämlich vor allem die Hauptstadt von Ostdeutschland ist. Vom Rest ist man ziemlich weit entfernt. WEST-Berlin hin oder her. Das hier ist der Osten. Nirgendwo gibt es so viele antisemitische Überfälle in der Bundesrepublik. Ganz klares Ossi-Ding. Oder Dortmund. Aber da bin ich das letzte Wochenende ja nicht hin.

Ich habe eh keinen Plan warum Berlin immer als so tolerant dargestellt wird, denn, nirgendwo wird man auf offener Straße so grundlos und saublöd angemacht wie hier. Das gibt es nicht einmal in Bayern. So was ist doch konservativ. Leute blöd anwichsen wegen nichts. Okay. Meistens ist es dann auch wirklich eh egal was für ne Hautfarbe oder Geschlecht das verabscheute Gegenüber dann hat: Hier hasst einfach jeder jeden. Wenn nicht jeder jedem gerade scheißegal ist. Was dann mit Toleranz verwechselt wird.

Von meinem hierher gezogenem Kollegen bekomme ich erst Mal eine rein gewürgt: „Hör auf so schwäbisch zu sprechen! Das mögen die Leute hier nicht!“ Und ich: „Was willsch denn du? Ich komm hald von da. S´sagt ja auch keiner was wenn einer von Berlin runter kommt: Red mal gscheid. Du Penner. Ich hasse dich, weil du mir die Nachbarschaft gentrifizierst.“ Weil Gentrifizierung. Das weiß der Berliner nicht, der zu 90 Prozent vom verhassten Toursimus lebt, gibt es eben auch in München, Stuttgart, Augsburg: Überall. Da musst du dann halt schon ins Ruhrgebiet oder in den Osten gehen um dem zu entkommen.. Da bekommst du dann halt auch deinen liebgewonnen Antisemitismus.

Die Berliner Clubs hängen mir schon lange zum Hals raus. Trotzdem gehen wir da natürlich hin. Was in der ersten Nacht immer problematisch ist: Ich bin noch gar nicht vom Kopf her angekommen und muss mich dann von irgendwelchen Arschgeburten an der Türe beurteilen lassen. Mag ich nicht. Wir wollten dann ins „Suicide“. Weil aber Liebesparade (Irgendwas) in Berlin war, war da ein gutes Line-Up gebucht. Nichts gewesen mit der leichten und schnellen Türe. Also dann doch gleich in „die wilde Renate“. Letztes Mal waren wir noch bei der Neueröffnung beim Club gegenüber, in der „Magdalena“; gibt es schon nicht mehr. An der Tür dann also Anstehen und blöde Blicke von blöden Türstehern. Die zwar gar nichts für den Umstand können, trotzdem das Gesicht des beschissenen Berlins sind. Klar. Man will nicht jeden Deppen im Club haben. Doch so was ist halt auch keine Lösung. Wir kommen dann rein, weil mein Kollege sagt, wir sind „Bordell-Nacht-Besucher“. Das ist da so ne Partyreihe. Und dann wird man gleich angegoscht, wegen mir wäre man fast nicht rein gekommen. Ich stand da nur. Und hab nichts gesagt: Aber nach der Ansage hat man gleich gar keinen Bock mehr. Da fährt man durch die ganze verschissene Republik zum Freund, und darf sich von dem Anhören, dass man Schuld ist irgendwo nicht reinzukommen: Was ist dir wichtiger? Die saublöde Location – oder der Freund der einen besucht? Das Ketamin was man drinnen kaufen kann. Ach so. Ja klar. Liebe steht im Raum…

Drinnen also erst Mal Streit. Immer der gleiche Streit über Erwartungshaltungen von dem oder von mir. Müßiges Thema. Das ewiggleiche. Bis man es dann gut sein lässt.

In der „Renate“ darf nicht gefilmt oder fotografiert werden. Da muss man dann wie im Kindergarten seine Handykameras abkleben.

Die Renate ist aber auch ne coole Location. Sehr Berlin like und ich mag ja Club mäßiges Sightseeing. Da bin ich gerne Tourist. Was dem einen sein Eiffelturm. Ist mir mein Cocoon-Club. Ultraschall. Watergate. Oder hier halt der „Salon – zur wilden Renate“. Die Renate ist einfach nur ein mehrstöckiges, verwinkeltes Haus, mit kleinen Zimmerchen, in denen zwar Floors sind, da aber irgendwie wieder Wohnzimmer und Club-Atmo in einem Mit Beichtstuhl und Vulva. Für so was ist Berlin bekannt. Ist auch ehrlich gesagt ganz cool. Gerade wenn man früh genug kommt, um mit zu erleben, wie die Floors nacheinander öffnen. Wie ein Fächer, der sich ausbreitet. Das war cool und machte Spaß. Auch wenn ich nicht auf Krawall gebürstet war. Mit Ende dreißig. Braucht man halt ein paar Stunden um anzukommen.

Der Freund war dann natürlich weg. Ketamin für sich kaufen. Und ich wippte und nippt da so. Alleine. Während die jungen Leute um mich herum feierten. Ich kam mir da schon ziemlich einsam und alt vor. Kein Wunder.

Der Freund kam dann zurück. Plärrte einen an, dass er jetzt Keta hätte. Und dass man nun gefälligst mitkommen solle. Auf Toilette. Zum Nehmen. Und ich: Näh. Ich hab genug Quatsch genommen. Jetzt reicht es aber. Ich will nichts Neues mehr ausprobieren. Ich will einfach nur am Leben sein. Und mich daran freuen.

Ich holte mir dann nen Longdrink und gab Trinkgeld (so euphorisch wie die sich bedankt haben, kommt dass da einmal im Jahr vor) und suchte und fand meinen Freund. Ehrlich gesagt weiß ich nicht viel über Ketamin. „Nahtod-Erfahrungen“ und „Pferdeberuhigungsmittel“ kommen mir in den Sinn. Beobachtet habe ich so was nie. Wie so etwas aussieht?

Mein Kollege stand mit weit ausgebreiteten Armen in der Ecke von einem kleinem Floor (roter, grüner Raum – was weiß ich) und hielt sich damit alle anderen Menschen vom Leib. Seine Zunge war mehr als träge. Der Verstand entrückt. „ÜÜÜäää üüüäää ääää“. Mehr kam da eigentlich nicht raus. Ich setzte ihn dann lieber auf ein Sofa. Wo er mir irgendwas davon erzählte, dass er das Universum sehen könnte. Tiefere Einblicke in unglaubliche Verhältnisse, wurden da behauptet. Mit einer Gestik, die er von einem irischem Dorftrunkenbold aus dem 18ten Jahrhundert gelernt zu haben schien. Der war vollkommen hinüber. Absolut. Vollkommen. Hinüber. Er torkelte und fiel über alles was da war (Menschen, Möbel, Emotionen) und war einfach total im Arsch. Ich übertreibe nicht wenn ich sage, dass Johnny Depp bei seiner Darstellung des Äther-Rausches in „Fear and Loathing in Las Vegas“ nüchterner und beherrschter rüberkam als mein Freund auf Ketamin. Ich dachte dann irgendwie, dass es eine gute Idee wäre ihn an die frische Luft zu bringen – was sich mehr als schwierig gestaltete, wenn man durch den ganzen Club im ersten Stock muss. Der war vollkommen hinüber. Kugelte am Boden herum. Blieb da einfach liegen. Gerne hätte ich sein Verhalten gefilmt – nur gerade wegen solchen Aktionen ist das Filmen hier verboten.

Ehrlich. Ich gehe jetzt bald seit 20 Jahren auf Techno weg. Habe mehr Drogen genommen und Druffis gesehen, als es sichtbare Sterne am Himmel gibt. So etwas. Ist mir jedoch noch nie untergekommen. Er lag dann da in ausgelaufenem Bier wie ein Schildkröte auf dem Rücken, in so einem kleinem Boot, was da als Zierde in der Gegend herumsteht. Klar kann man sich da auch rein setzen und schön drauf sein und die Sterne bewundern. Oder halt voll im Arsch sein und Stöhnen. Seine total Überdosierung wurde mir dann zu blöd. Ich stellte ihn irgendwann auf die Beine. Machte ihm die Jacke zu. Und brachte ihn irgendwie nach draußen. Wo wir einen netten schwarzen Taxi-Fahrer fanden, der auch solche Ruinen von Menschen nach hause fährt.

Die Tage danach waren sehr schön in Berlin. Der erste Tag. War von unermesslichem Grauen durchzogen. Nicht weil es so „unglaublich heftig war“. Ne. Es war eher unglaublich langweilig. Denn so ein Verhalten ist bei weitem nicht abendfüllend.

Wenn euch mein Beitrag zur „Wilden Renate“ gefallen hat, empfehle ich euch meinen Roman „Verlorene Jungs“. In dem erzähle ich am Beispiel eines verrückt/normalen Wochenendes von meinem durchgeknallten Techno- und Drogenleben. Klickt entweder hier bei Amazon oder hier Bookrix rein, von wo aus ihr auf weitere eBook-Shops Zugriff bekommt.

Viel Spaß damit!

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Absolution – 30 – Welcher Tag ist heute?

Er wartete bis der ANFALL vorbei war. Ein paar Gläser Wasser. Eine kleine Nase Speed. Schon ging das wieder. An Schlaf war eh nicht zu denken, auch wenn das Treffen mit Katha erst in vielen Stunden sein würde. Und sicherlich würde er nicht nur Katha alleine treffen. Vielleicht war Sarah dabei. Stevo (kannte der Katha überhaupt?) Chris. Sonstwer. Da blieb noch genug Zeit um noch einmal tüchtig über die Katha-Geschichte nachzudenken… Natürlich fasste sich Paul dabei an.

Bevor er spätnachmittags aufbrach, duschte Paul zur Sicherheit zwei Mal um den Geruch von dem Sex, den er mit sich selbst gehabt hatte, los zu werden. Nichtsdestotrotz fühlte er sich schmutzig. Dreckig. Vergiftet von dem, was ihm so viele Stunden so unglaublichen Spaß breitet hatte. Die Ironie war, dass er am Liebsten hier geblieben wäre. Warum sich „in Echt“ mit dieser blöden Katha-Situation auseinandersetzen? Wie könnte man ihn auch lieben? Alles was er in Wirklichkeit brauchte war eine neue Flasche Gleitcreme. Ohne Geschmack. Was bedeutet ohne Geruch: Den Gerüche stören die Träume.

Die Ma-Fag und Mi-Cock hatte Paul totalst vergessen, als er mit panischen Drogenpupillen ausgestattet seine Haustüre hinter sich schloss. Ein müdes Lächeln rang das Baugerüst an seiner Fassade ihm dann aber doch ab.

Verdammt, es war Sonntagnachmittag. Er hatte ein „Date“ mit der Frau die er… Mit der irgendwas war. Im Endeffekt wussten sie es selbst nicht genau. Und er hatte noch keine Minute geschlafen. Paul. Sah erbärmlich aus. Das wusste er. Und er fühlte sich bombig. Noch Megadrauf. Die letzte Line war eine zu viel gewesen. Und die davor. Und die davor. Und die… Okay. Die Viertletzte war wohl mehr als angebracht. Irgendwie muss man doch durch den Tag kommen.

Logischerweise ging Paul nicht gleich zu Katha. Ne. Erst einmal musste er in den Bosporus. Zum Fettsack. Er würde ein paar Teile mitnehmen. Denn. Die könnten sicherlich nicht schaden. Die besten Momente mit Katha hatte er immerhin auf Drogen mit ihr gehabt. Der Fettsack gab sie ihm gerne, nicht ohne den väterlichen Zusatz: „Hol das Zeug lieber bei mir als woanders. Dann bekommst du sauberes Zeug. Nicht den Dreck, den du über 3 Hände bekommst…“ Und nicht ohne sich Auslachen zu lassen: „Es ist Samstag! Du blöder Hund! Nicht Sonntag!“ Selten hatte Paul den bekifften Fettsack so vor Freude Lachen und Weinen sehen. Nicht dass das selten vorkam. Dieses Lachen/Weinen wenn er bekifft war. Nur halt nicht SO sehr…

Paul. War noch mehr neben der Spur als vorhin. Als… Als wann eigentlich? Irgendwas war auch schon vorhin „komisch“ gewesen. Aber jetzt ergab es einen Sinn, dass diese Bauarbeiter am Samstagmorgen an seiner Balkontüre gerüttelt hatten: Es war gar nicht Samstagmorgen gewesen – es war Freitagnachmittag. Sein Verstand hatte ihm einen Streich gespielt. Da war was mit der Zeit durcheinander gekommen. Verwirrt aber glücklich lachte Paul mit seinem tollen Freund, der ihm die Drogen geschenkt hatte. Nur. War dass Paul noch nie passiert. Denn Normalerweise wurde die Zeit auf Drogen immer SCHNELLER. Nicht langsamer… Das hatte er in all seinen User-Tagen noch nie erlebt… Immer war er zu spät. Nie zu früh…

Alter… Geil… Aber…

Bei einem Bier und einer Zigarette dachte er gleich mal gar nicht mehr darüber nach.

Außerdem war Sarah vorhin schon da und hat ein paar Teile geholte“, zwinkerte ihm sein Freund Fettsack zu, während der sich einen Dübel drehte. Fasziniert sah Paul ihm dabei zu. Ganz ergriffen von der Feststellung, dass er es noch nie erlebt hatte, dass der Fettsack zu bekifft war um sich einen Dübel zu drehen. Da blieb die Lust aufs Kiffen immer stärker als die eigene Kaputtness.

Wie? Sarah? Kommt die jetzt häufiger?“ Paul war nicht wirklich überrascht.

Ja“, antwortete der Fettsack mit hochgezogener Augenbraue. „Die KOMMT jetzt häufiger.“ Dass er bei dem doppeldeutigen Spruch nicht gezwinkert hat, war alles.

Aber ist doch cool wenn die Mädels schon Teile haben. Ich meine. Da weißt du schon mal worauf du dich einlassen kannst.“ Grinsend steckte der Fettsack sich sein architektonisches Meisterwerk mit einem Wegwerffeuerzeug an.

Ich weiß nicht…“, seufzte Paul. Nahm einen Schluck von seinem Bier und sah aus vom Rollladen verschlossenen Fenster. Der Fettsack redete irgendeine Weisheit auf ihn ein, während sich Paul darüber wunderte, welcher Tag es war.

Wo gehen wir eigentlich hin?“ wollte Paul wissen, nachdem er Katha und Sarah umarmt hatte. Miguel hatte er die Hand gegeben.

So etwas. War eher der Normalfall. Gerade war er noch war er beim Fettsack auf dem verranzten Designersofa gelegen. Bis er irgendwie plötzlich woanders war. So hatte das zu funktionieren mit der Wirklichkeit. Nicht andersherum. Denn er konnte sich sehr wohl erinnern, wie er hierher gekommen war. Es spielt nur keine Rolle mehr. Diese ganze Aufregung, die er sich vorher gemacht hatte. Sei es zuhause. Beim Fettsack. Auf dem Weg zu Katha. Genau jene Aufregung, die sich in dem Moment als er vor ihr stand, mehr als berechtig anfühlte.

Na Tanzen“, lächelte ihn Katha an. Mit diesen unglaublich tollen Augen. Die über Pauls Zustand einfach so hinweg lächeln konnten. „Das magst du doch oder?“