Talente, die man verkümmern lassen sollte

Gerade saß ich draußen im Garten meines Großvaters, der nun mein Garten geworden ist, las auf der Bank auf der, der alte Alkoholkranke Mann immer saß, den Spiegel, dieses Leitmedium, das von manchen als Hetzmedium verschrien wird.

Nebenan im Nachbarsgarten saßen die alten, krebskranken Nachbarn und erfreuten sich an dem Geschrei, nein, dem Gequieke ihres Enkels, der froh und unglaublich (nervig) lebensglücklich schien; die Großeltern lassen ihren Enkeln so viel durchgehen, verziehen sie, da sie selbst einmal schlechte Eltern waren und nun wenigstens den unverdorbenen Enkeln etwas zurückgeben wollen. Oder so. Und ich versuche – warum auch immer – den Artikel über Schlöndorffs Max Frisch Spin-Off zu „Montauk“ zu lesen, lasse mich fast gar nicht stressen, die Sonne streichelt mir über mein ausgehendes Haar, und denke mir unterbewusst diesen Satz, ganz vollgesogen durch meine lächerliche Bildung, dass das Kind so schreien und brüllen muss, da es seine eigene Stimme kennen und zuordnen lernen muss. Das gehört zum Kind sein dazu. So klinge ich und der Rest sind die Anderen.

Dann habe ich den Spiegel sinken lassen. Stimmt gar nicht. Das Kind ist viel für zu alt für diese Phase. Nein. Das Kind schreit einfach nur herum und die Großeltern wollen das Glück des Kleinen nicht unterbinden. Sie wollen das Kind nicht einengen. Wollen sein Glück erleben. Wollen irgendein Talent zur Selbstverwirklichung fördern, dass nur Großeltern sehen können; Großeltern sind ja meistens die schlimmsten Egoisten.

Da sitze ich also, mit meiner gesunkenen Zeitung. Werde penetriert durch das viehische Geschrei einer glücklichen Kindheit und frage mich, geistesabwesend, ob es wirklich gut ist jedes Talent eines Kindes zu fördern. Ist es denn nicht besser bestimmte Talente zu fördern, anstatt alle? Denn wenn man alles fördert, fördert man damit schließlich nicht überhaupt nichts? Muss man denn nicht manche Talente ersticken, um andere zum Lodern zu bringen? Muss man denn nicht wie bei Blinden blindwerden, um andere Sinne zu schärfen und die wahren Begabungen zu befeuern? Und versündigt man sich den nicht am Kind, tut man es nicht?

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