Absolution – 6 – Wunscherfüllung Internet-Pornografie

3.

Nachdem sie den Club verlassen hatten. Nachdem sie den Feierstrich des Münchner „Kunstpark“, eine Partyzone, im Osten der bayrischen Hauptstadt, verlassen hatten. Nachdem sie die U-Bahn zum Hauptbahnhof und von dort den Regionalzug bis 2 Stationen nach Augsburg genommen hatten. Nachdem sie auf dem Weg von München über Augsburg noch ein paar Lines nachgelegt hatten. Nachdem sie sich am Bahnhof unspektakulär mit ein paar Umarmungen getrennt hatten; die anderen machten noch Afterhour, nur Paul sagte, er würde nicht mitkommen. Nachdem Paul durch den Regen zu seiner Wohnung gelaufen war, die 2 Gramm Speed in seiner Faust wie Frodo den Ring umklammernd, zog er dort angekommen sofort die Vorhänge zu, und  machte Paul seinen PC an. Er schob  flink seinen Sessel vor den Rechner. Stellte schnell zwei Flaschen Wasser daneben. Warf im Gehen eine Packung Tempo-Taschentücher auf den PC-Tisch. Und riss dann endlich, endlich, endlich, sein Speed, das von ihnen so genannte „Pep“ auf, so dass es wie eine wunderschöne Miniaturlawine auf seinen Glastisch fiel.

Der ganze Weg zurück aus München war für Paul eine nicht  enden wollende Tortur aus Zurückhaltung gewesen. Eine bloße Anmaßung, eine Bestrafung durch den Prozess des Reisens, der ihn von diesem Moment hier ferngehalten hatte. Während sein Herz. Seine Seele. Und besonders sein Schwanz nichts anderes wollten als hierher zu kommen. Hierher. In die Einsamkeit: In die Freiheit. Da es unmöglich war die Reise zu beschleunigen, beschleunigte er nun umso mehr den Prozess des Drogennehmens, während er gleichzeitig die Rahmenbedingungen für das schuf, was er sich die letzten Stunden, die vergangenen Tage so sehr herbeigesehnt hatte. Was nun folgte war das abschließende Abtauchen in eine viel höhere und ehrliche Form des Rausches, als man sie unter Menschen mit ihren privaten Ansichten und den damit automatisch einhergehenden Urteilen erleben kann. Dies hier. War sein privater Kick.  Der niemanden etwas anging.

Das Pep bröselte noch ein wenig aus seiner Nase, als er sich auf den Sessel  warf und seine Unterhose auszog. Normalerweise achtete er auf jeden einzelnen Krümel den er konsumierte. Jetzt. Wo es endlich los ging. War es ihm egal geworden. Er wollte nur so schnell wie möglich SEINEN Film schieben. In sich selbst Abtauchen. Bei sich selbst ankommen. Die rechte Hand öffnete den Internet-Browser. Die linke lag auf seinem schlaffen Schwanz. Seine Augen, panisch weit aufgerissen, klebten auf der einzigen Lichtquelle im Raum. Seinem Bildschirm. Auf dem ihm Seiten angezeigt wurden, deren Bezeichnung mit dem Wort „porn“ begannen. Er klickte sich euphorisch durch einen bestimmten, vor wem auch immer versteckten, Ordner in seiner „Lesezeichen“-Leiste um das Traum-Programm im PC wie in sich selbst hochzufahren. In bestimmter Weise musste sich der Geist nun mit dem Internet verbinden. Die Phantasie-Welt der Porno-Industrie musste sich mit der Gefühlswelt von Paul verbinden. In der es Vorlieben und Wünsche gab. Sehnsüchte und bare Geilheiten. Bei der schier unzähligen Auswahl von Videos und Bildern musste Paul nun gerade die finden, die er benötigte um sich selbst von der Welt zu entkoppeln. Das richtige Video. Mit der richtigen Frau. Im richtigen Setting. Mit der exakt richtigen Laufzeit. Alles musste perfekt sein. Denn Träume machen keine Konzessionen. Und es würde nur Leute wundern die Paul Fleming nicht wirklich kannten oder verstanden, dass er sich Videos von Frauen ansah, die seinen Freundinnen Sarah und Katha auf eine gewisse Art sehr ähnlich sahen. Dies. Waren die privatesten Momente im Leben von Paul Fleming.

Plump betrachtet war es ein krasser und klarer Fall von der Sucht nach Internet-Pornografie und Drogen, ein Mischkonsum-Verhalten, welches noch von keiner wissenschaftlichen Richtung jemals erforscht wurde. Eine Grau-Zone, über die niemand gerne spricht, da das Bild eines erwachsenen Mannes auf Drogen der sich vor dem PC stundenlang seinen Schwanz wichst nicht gerade die Form von Wahrnehmung ist, die der arme kleine Wichser von sich auch noch in die Welt transportieren will. Doch wie es ist mit den Wahrheiten so ist, ist sie, wie ihre kleine Schwester, das Klischee“ weiterverbreitet als Mann und Frau sich zugestehen wollen. „Wer seinen Trieb verleugnet, verleugnet sich selbst“, heißt es, nur ist der Triebhafte der Coole und Angesehene, der seine Neigung im realen Leben Taten folgen lässt, ausschließlich in seinem Kopf; wo aber ist der Unterschied? Wo ist die Grenze zwischen realem Verhalten und imaginiertem, wenn es nur um eine einzige Sache geht, nämlich der Triebabfuhr?

Ja Paul war sich sicher: Wer seinen Trieb verleugnet, verleugnet sich selbst. Und das war genau dass, was er tat.

 

Dieses wiederholte Verhalten zog einige Probleme nach sich, Erklärungsnöte, denn das Problem wenn man Freunde hat die einen mögen und leider so gut wie nie schlafen, ist ihre Sorge um einen oder wenigstens eine virtuelle Dauerpräsenz, wenn sie denn nicht ganz auf dem eigenen Sofa verschraubt erscheinen und man sie, ganz gleich wie geil einen die Drogen in den letzten Stunden schon gemacht haben, nicht aus dem eigenen Haus bekommt um sie endlich loszuwerden. Und Amphetamine machen relativ schnell geil.

Jetzt mussten also Ausrede her oder Tabula Rasa Entscheidung, um zu seinem einsamen Frieden vor dem PC zurückkehren zu können; „zurückkehren“ deswegen, da die Stunden vor dem PC, die an ihm abperlten wie Sekunden, ihm nach und nach als die wahre Lebensessenz erschienen. Bald fühlten sich sein zombiehaftes Verhalten und seine Flucht in sexuelle Träume an als die „bessere“ Art von Leben, eine Art von Leben, in dem es kein NEIN gab, und selbst wenn, dann war es ein inszeniertes Nein, welches er als großer Regisseur leicht in ein JA umdrehen konnte.

Häufig  hielt er einfach seine Freunde aus bis in die Morgenstunden um sie dann hochkant rauszuwerfen. Er sei – Haha – müde. Das klappte zwar manchmal ganz gut, doch nie ohne Nachdruck, da die Freunde die wie Blutegel in seiner Wohnung hingen, noch bei ihren Eltern wohnten und nicht mit Druffi-Augen nachhause gehen wollten. Somit musste vor der endlich erwarteten Meditation vor dem PC erst einmal gestritten werden. Und das war eklig und anstrengend. Besonders, da er im Prinzip eine ehrliche Haut war und es nicht mochte seine Freunde anzulügen.

Die weitausbessere Möglichkeit war es, sich die Drogen schon im Vorfeld zu beschaffen um sich dann nach der Arbeit am Wochenende einzuschließen und vor der ganzen Welt zu verleugnen.

„Ja ich bin krank.“

„Mir geht es nicht gut.“

„Kopfweh.“

„Magendarm“

„Müde“.

„Keine Lust.“

„Ein anderes Mal.“

„Familientag.“

Oder es gab gar keine Antwort.

 

Das Problem mit Methode Nummer 2 war nur, dass er schon so tief dem Sog seines Mischkonsums und seine Sehnsucht auf Erlösung in seinen Träumen verfallen war, dass es nur schwer möglich war bis Arbeitsende am Freitagnachmittag mit dem Konsum zu warten. Und unter der Woche Drogen zu nehmen barg nicht nur das Problem eine ganze Nacht vor der Arbeit nicht geschlafen zu haben, sondern in seinem speziellen Fall auch das Desaster, sich die ganze Nacht wie irr wundonaniert zu haben, was zudem einer Sportlichen Leistung gleichkam, wie eine Etappe der Tour de France zurückzulegen – und danach Arbeiten zu gehen. Davon war er heute noch weit entfernt. Noch hatte er mehr als genug Zeit. Dafür brauchte er nicht auf die Uhr zu sehen. Denn noch schien die Sonne auf seine Festung der Einsamkeit. Drogen- und Pornografie-Süchtige bemessen ihr Leben nicht nach Minuten und Stunden. Sie fühlen nur noch die Tageszeiten.

 

Noch war es nicht so weit. Noch sahen die Pornodarstellerinnen nicht einmal ganz so aus wie die Frauen die Paul wirklich begehrte. Ähnlichkeiten waren durchaus vorhanden. Aber noch waren sie nicht mehr als plumpe Schlampen die vor der Kamera ihre Würde ablegten. Dagegen konnte etwas unternommen werden. Sportlich sprang er auf und legte sich eine weitere Line, einen echten grobkörnigen Prügel aus Speed, und saugte sie wild entschlossen in seinen Riechkolben hinein. Zuviel ist ja selten genug. Schließlich war er sich darüber im Klaren, dass er der Katha seiner Träume, der wahren Katha, die echter war als die Frau die er vor ein paar Stunden umarmt hatte, nur noch ein paar Milligramm entfernt war. Denn wer einmal auf Drogen zu träumen begonnen hat versteht: Der Rausch ist die bessere Realität. Ist der klarere Traum. In der Hyperrealität des Traumes ist alles geordnet, richtig und unerschöpflich. Dies war der Olymp. In der er ein Gott unter Göttinnen war. Dies war der Harem seiner Seele. Der durch kein falsches Wort, durch keine falsche Geste, durch keine Laune von irgendwem zerstört werden konnte. Dies. War die Perfektion in Gedanken. Die sich echter anfühlte als die Wirklichkeit. Denn wenn man einmal begriffen hat, dass sich das ganze Leben nur im Kopf abspielt, weshalb sollte man sich dann noch mit einer unzureichenden, unbefriedigten Wirklichkeit zufrieden geben? Einer Wirklichkeit, in der man nur einer unter vielen ist? In der man Regeln und Konventionen einhalten muss um ein Abbild davon zu bekommen, was man sich eigentlich erträumt? Die objektive Wirklichkeit war immer ein Fehlerhaftes Zugeständnis an die anderen. Dies hier. War die reine Lust. Das hier. War alles was er wirklich wollte. Dies. War Paul Fleming.

Advertisements

Alkohol ist die Lösung

Es ist ein guter Brauch jeder Augsburger Profimannschaft, zu verlieren wenn ich ihm Stadion bin. Keine Ahnung warum das so ist, denn trotz allem sind die Vereine auf dem Papier immer erstklassig. Gestern war die Ausnahme von der Regel. Die Augsburger Panther fegten die Hamburger Freezers mit 4 zu 1 vom Platz. Ihr erster Auswärtssieg.

Nicht das ich, nicht das wir, große Eishockey-Fans wären; wie so oft sollte es einfach mal wieder was „anderes“ sein.

Ansonsten denkt man gar nicht darüber nach, wie viele tausende, wie viel Millionen Menschen auf der ganzen Welt sich an Wochenenden oder in der Arbeitswoche,  ihren nicht Mainstream-Hobbys hingeben, sich in irgendwelchen Sport-Kathedralen einen hinter die Binde gießen, sich in Wäldern verkleidet mit Schwertimitaten verprügeln, zu für andere seltsamer Musik noch merkwürdiger zu bewegen, in „ihren“ Swinger-Club gehen oder nur mit den Kumpels von der Freiwilligen Feuerwehr abhängen; Menschen machen diese für anderen komischen Dinge die ganze Zeit und sehen darin, wenn nicht gleich ihren Lebensinhalt, ihren Ausgleich zum ganzen Wahn der Arbeits- und Familienwelt.

Da muss ich gleich an den Ulrich Seidl Film „Im Keller“ denken.

Wir haben nicht unser Ding. Sind nirgendswo hängen geblieben. Heute also: Eishockey.

Ich war vor ein paar Jahren schon einmal im Augsburger Panther Stadtion gewesen – dem Curt-Frenzel-Stadion – und hatte es zwar ein Dach, nur leider keine Wände. Und so eine Wintersportart ist gerade im Dezember sehr, sehr kalt, was auch ein Grund dafür sein kann, weshalb die Stimmung dort immer sehr gut war.

– Gegen die Kälte.

Im Jahr 2015 haben sogar die Augsburger ein schönes Stadion (mit Wänden), mit allem möglichen Schnickschnack. Das Spiel war gut. Die Leute okay. Auch wenn man sich selbst natürlich immer ziemlich fremd fühlt gegen die hierherkommenden Gewohnheitstäter und Ultras. Dazu gehören wir bei so Veranstaltungen nie, wie auch?

Und da sind wir jetzt beim Punkt der Geschichte angelangt.

Nüchtern kann ich solche Massenevents kaum ertragen.

Ich.

Bin dann auch schwer zu ertragen.

Nüchtern sein langweilt dann einfach. Natürlich habe ich in meinem Leben mehr als genug Drogen genommen aber das ist jetzt auch schon ne Weile her. Trotzdem muss ich, wie Millionen Deutsche und sicherlich Milliarden Menschen auf diesem Erdenrund, ein Bier in der Hand und eines in der Kehle haben um mich entspannen zu können. Und. Um in solchen Veranstaltungen aufgehen zu können.

„Für mittendrin statt nur dabei“ bedarf es für mich des Angeschickertseins. Keiner Volltrunkenheit, es genügt der berühmte gewisse Level.

Darüber denkt man mit Mitte dreißig gar nicht groß nach, wenn man vor einigen Jahren noch eine Flasche Wodka mit einem Gram Speed innerhalb einer Stunde plattmachen konnte. Alkohol gehört dazu. Er ist Lebensgefühl. Und früher war eh alles schlimmer, hefiger, totaler (ehemalige Drogensüchtige haben immer ihren eigene NSDAP-Mitgliedschaft und ihren persönlichen zweiten Weltkrieg hinter sich).

Meine Freundin hält mir natürlich immer vor, dass man auch ohne Alkohol Spaß haben kann. Da gebe ich ihr Recht. Nur warum sollte ich versuchen ohne Alkohol Spaß zu haben, wenn ich ihn garantiert MIT haben kann? Seien wir doch mal ehrlich: Jede Sportveranstaltung, egal im Stadion oder vor der Glotze, ist besser wenn man ein Bier, Wein oder was weiß ich in der Hand hat.

Alkohol hilft uns los zu lassen.

Ich weiß nicht in welcher Welt ihr lebt. In meiner Welt muss man schuften wie ein Irrer, um durch den Tag zu kommen. Und hin und wieder ein wenig Alkohol zum Entspannen zu trinken, ist für mich Normalität. Er hilft zu vergessen. Loszulassen. Und in dem Punkt kann ich auch jeden Kiffer verstehen, wenn er es einfach zum Entspannen. Braucht. Jeder klardenkende Kiffer oder Alkohol-Trinker sollte dabei auch die Einstellung haben, dass er froh wäre, den Alkohol NICHT zu brauchen. Es ist nur die Welt, die einen dazu treibt.

Das klingt nach einer Ausrede. IST eine Ausrede. Und doch auch die Wahrheit.

Selbstverständlich will ich nicht dauernd breit sein. Ich will nicht damit vor meinen Problemen davonrennen. In gewissen Situationen MUSS und will man auch nüchtern sein. Zum Beispiel würde ich nie hier auf Droge an dieser Tastatur sitzen, weil ich einfach nichts lesbares produzieren könnte. Auch kann ich nicht einmal nach einem Bier ein Buch lesen. Nein. Alkohol und Drogen machen NICHT Alles besser. Es hilft nur den Lebensdruck zu senken, gerade in Situationen wie gestern. Denn ich kann mich nicht sofort supernüchtern in ein Stadion stellen wie gestern, und mich dort nicht erst einmal deplatziert fühlen. Ich brauche mindestens zwei Bier, um meine eigenen Kritiker-Radar herunterzufahren um die Menschen um mich herum in ihrem Fetisch zu akzeptieren und um ein Teil von ihnen zu werden.

Nüchtern bin ich eher ein zurückhaltender Charakter, angeschickert nicht. Wahrscheinlich liegt mein Denk-, mein Emotionsfehler darin, dass man sich in jede Situation hinein fühlen muss, um daran Teil haben zu müssen. Wenn ich aber NICHT Teil habe, werde ich als ein unmöglicher Charakter beschrieben, der einem alles schlecht macht…

Das letzte Drittel des Eishockey-Spiels war das Beste. Die Fans gerieten außer Rand und Band. Die donnernden Gesänge wurden noch einmal unfassbar lauter, einnehmender… Aus der Menge auf den Rängen wurde eine kraftvolle Singularität, die wie ein Mann agierte. Keiner krakelte aus der Reihe.  Die Hände hoben sich nach dem Vorbild und Diktat des großen, unsichtbaren Choreographen, der überall seine Fäden zieht. Alle hüpften im Einklang umher. Frauen. Männer. Kinder. Alt und jung. Und auch wenn die Kinder nicht betrunken waren, so eiferten sie doch dem betrunkenen Vorbild ihrer Erziehungsberechtigten nach, denn im letzten Drittel eines Eishockey-Spiels (welches mit Unterbrechungen ziemlich lange dauern kann) sind die meisten Fans eh nicht mehr nüchtern. Wieso auch? Denn entweder haben sie gerade gewonnen, verloren… Oder Alles stellt sich als ein unglückliches Unentschieden heraus.