Josef Hader GANZ privat – „Wilde Maus“

 

Josef Hader ist eh toll. Jeder mag ihn und das was er macht. Filme, Kabarett, Drehbücher – Wurscht: Guter Mann.

Bereits zum zweiten Mal in meinem Leben stellte der wichtigste, beste, klügste und lustigste aller jetzt lebenden Österreicher einen Film in Augsburg vor. Das letzte Mal war es „Das ewige Leben“. Dieses Mal war es „Wilde Maus“, der Film, bei dem Hader nicht nur die Hauptrolle spielt, denn hier hat er auch das Drehbuch geschrieben und erstmalig Regie geführt.

Die Leute vom Kino-Dreieck hatten unsere Karten verplant, deswegen waren wir bei der falschen Aufführung im kleineren Kino mit schlechten Plätzen, bei den beiden fast synchron laufenden Vorstellungen. Wir, die „Thalia“-Leute, mussten nach der Vorstellung runter ins „Mephisto“, wo dann der Josef Rede und Antwort stehen sollte.

„Wilde Maus“ ist ein unterhaltsamer Film über die Sprachlosigkeit in Beziehungen, dessen Rahmenprogramm der Rachefeldzug eines gescheiterten Journalisten gegen seinen Ex-Chef bildet.

Ich hatte bis nach der ersten Stunde viel gelacht und mit dem Toiletten-Gang gewartet. Dann schien mir der Moment gekommen. Also schnell rausraus und loslos auf Toilette, nur nichts verpassen. Ich dann also rein zu den Pissoirs und da stand dann Josef Hader, der schon voll dabei war. Es war strange, denn ich konnte sein Gesicht gar nicht sehen, wusste aber doch dass er es war. Und sich so richtig danebenstellen und Pimmel-Bruder mäßig zu ihm  rüber schauen wollte ich dann auch noch. Denn. Welche Momente könnten denn privater sein als diese? Dass ist schon eine unangebrachte, ungerechtfertigte Penetrantheit, wenn man nicht einmal beim Pinkeln seine Ruhe hat… Ich schaue ja schon beim Vorbeifahren immer schon demonstrativ NICHT bei Autounfällen nach, was da passiert ist, da ich diese Starrer so abartig blöd finde, wie könnte ich jetzt den armen Mann da beim Pinkeln begaffen? Und trotzdem war ich alleine mit Josef Hader auf einer Toilette. Blöde Situation irgendwie. Gerade weil ich dieses Promi-Ding gar nicht mag, dieses automatische Klassendenken, was sich da im Kopf abspielt, eben weil man am Ende doch hinschauen, irgendwas tun will, da man den Kerl und das was er macht gut findet und auf irgendeine Art mit dem in Kontakt treten will. Eine unwürdige Situation. Nicht nur auf einer Toilette. Denn man stellt den Promi über sich…

Als ich dann wieder alles eingepackt hatte, hatte der Künstler seinerseits seine Hände fertig gewaschen; ja, Josef Hader wäscht seine Hände nach dem Pinkeln, ein Vorbild in allen Lebenslagen. Der sah mich dann so an und sagte leise und schüchtern: „Hallo…“ Und ich gleichzeitig: „Guter Film“, „Wilde Maus“, ihr wisst schon, den ich gerade drinnen im Kino mit meinen Freunden ansah. Ein Kompliment kann ja schnell eine Reaktion provozieren. Falsch gedacht. Und dann war er schon wieder weg.

Für ihn eine Szene zum Vergessen, für mich etwas besonderes. Ganz schlimm: Ich werde jetzt ewig erzählen dass ich JOSEF HADER beim Pinkeln getroffen habe; das sagt einiges über mich aus. Viel mehr aber auch, wie der Mensch so funktioniert. Denn der hat mich – natürlich – sofort vergessen als er zur Türe raus war, während ich total geflasht war. Und dabei ging es natürlich um die natürlichste und privateste Sache der Welt. Sich die Hand geben wäre da eh nicht angebracht gewesen.

„Wilde Maus“ ist ein guter Film. Einer der wie zu erwarten Spaß macht, der aber auch Schwächen besitzt. Die Wandlung des Charakters zum Negativen, Depressiven ist in seiner Totalität und Rücksichtslosigkeit nicht ganz nachzuvollziehen, dabei gibt es aber auch ein paar offensichtliche Logiklöcher und Drehbuch-Kniffe:

SPOILER dass er seiner Frau nicht sagt, dass er gekündigt wurde ist zwar wichtig für die Story, es IST sogar die Story, bleibt jedoch total unlogisch. So verhalten sich die Leute nur in Filmen und Büchern SPOILER ENDE.

Trotzdem ein empfohlen sehenswerter Film mit tollen Schauspielern, der ein angenehmes Rundumpaket abliefert (Spaß, Tiefgang und nicht überzogene Arthousigkeit), der jedoch auch auf der Metaebene gut funktioniert, man denke an die ständigen im Hintergrund ablaufenden Radio-Nachrichten über Tod, Terror und Krieg, die die Stimmung des Protagonisten wiederspiegeln. Da wurde viel ins Detail hingearbeitet.

 

Wir saßen dann später im „Mephisto“ wirklich in der ersten Reihe und hörten uns das Werbeprogramm Haders an, dass er auf die Fragen des Publikums abspulte, dass von sehr gefälligen Lachen und Klatschen begleitet wurde; es muss auch wirklich immens anstrengend wenn einen ALLE gut finden und bei jedem schiefen Scherz begeistert Lachen, einen Anstarren und man nicht einmal auf der Toilette seine Ruhe hat.

 

 

 

Ich schlafe wenn ich tot bin

So heißt auch die Gleichnamige Dokumentation über Steve Aoki. Den fand ich früher ziemlich cool, damals, als er  „Warp“ mit „the bloody beetroots“ gemacht hat und die damals frische Elelctro-Szene richtig kickte. Heute ist er ein Welt-Star. Nicht mehr als Electro-DJ, nein, heute legt er EDM auf, im Übermenschen-, Überlebensgroßen Guetta-Stil, eine Version und Ausgeburt der elektronischen Musik, die ich durch und durch ablehne.

EDM ist der blanke Ausverkauf der Werte, die die elektronische Musik einmal hatte. „Underground“ oder eine „Aussage“ gibt es dort nicht, soll es dort aber auch nicht geben. Es geht nur noch um den Spaß für Alle, der im Prinzip natürlich eine schöne Utopie ist,  doch dieses ultimative, multikulturelle Vergnügen ist und bleibt der möglichst kleinste gemeinsame Nenner, der sich nicht und niemals in einer Avantgarde manifestiert, es richtet sich immer an genau das gleiche Publikum, dass sich auf den selben Nenner  einigen kann: Die hohle Masse der oberflächlichen und durch sexualisierten Ja-Sagern.

Die elektronische Musik hat ein amüsantes Problem mit der Zeit-Verortung. Denn elektronische Musik spielt sich so gut wie nur in der Gegenwart ab. Selbstverständlich gibt es den Werdegang für die Geschichtsbücher (Detroit, Chicago, Manchester, Berlin usw. usf.) doch das hat nichts mit der Totalität der Wahrheit zu tun, wie diese Musik (egal welcher Spielart) in den Clubs oder auf den Festivals erlebt wird: Dort geht es immer um die Gegenwart. Nur um dass, was gerade geschieht. Es geht nur um die Musik, die gerade jetzt aus den Boxen hämmert (oder trällert) und es spielt keine Rolle ob es zuerst Disco, dann House, dann Acid, dann Techno, dann Drum & Bass, Dubstep, Electro, EDM oder im Jetzt abgekommen Deep House gab: An jedem Punkt dieser Evolutionsgeraden geht es nur um das Jetzt; wer man wo ist und mit wem. Gestern ist schon wieder old school.

Wenn ich mich jetzt also hinstelle und sage, dass ich das was Steve Aoki aus dem einstmals frischen Electro mitgemacht habe einmal derbe abgefeiert habe, würde ein ähnlicher Hohlkopf wie ich, der sich im Jahre 2016 verortet, sagen, dass der Aoki doch wohl EDM macht und immer gemacht hätte und ich die Schnauze halten soll wenn ich keinen Plan habe…  Das klingt wie ein Scherz, so tickt „DIE“ Szene aber. Sie ist absolut Zeit- und Argumentationsresistent Das ist sehr lustig. Wohl aber auch sehr anstrengend.

 

Steve Aoki ist – und das wusste ich nicht – der Sohn von Rocky Aoki, welcher tatsächlich eine lebende Legende war, schließlich erfand er die Restaurant-Kette Benihana (die ihn zum Multimillionär machte) und war zudem auch noch ein weltbekannter Ringer, Wrestler und Speed-Boot-Fahrer (und dabei auch noch Rekordhalter). Steve wollte seinem Vater immer beweisen, dass er seiner würdig sei und versuchte mit aller Kraft und Wut immer erfolgreicher zu werden bei dem was er tat; hier wird die Geschichte interessant. Nicht diese Nico Rossberg Geschichte, die vom reichen Sohn eines überpräsenten Vaters handelt der einem (theoretisch) alle Last schon vor der Geburt von den Schultern genommen hat, im Bezug darauf, seinen Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten zu müssen. Ein Umstand, der die Nachgeborenen nicht gerade sympathisch wirken lässt. Normalen Leuten ist es verständlicherweise egal wie viele Komplexe so ein Kind eines Multimillionärs hat, schließlich ist es trotz derer immer in einer besseren Ausgangslage als die Meisten von uns (komm mal klar!). Nein, interessant ist das in Hinblick auf Steve Aokis künstlerische Entwicklung, denn wenn es nur um ein „Höher, schneller, weiter“ geht, dann kann seine Geschichte keine künstlerische, sie MUSS kommerzieller Natur sein. Es kann gar  nicht  dauerhaft um Inhalte oder einer Politik, eines Sozialismus des Tanzens gehen. Wichtiger sind die MASSE, die MENGE (sei es die Stückmenge der verkauften Lieder oder der Menge an Tickets die für einen Gig verkauft werden) und der damit verbundene RUHM. Das mit Qualität aufzuwiegen ist so gut wie unmöglich. Die Frage muss sogar erlaubt sein, ob es überhaupt einen Willen gab die Qualität von der künstlerischen Seite aus erreichen zu wollen.

 

Zwar halte ich von solchen Homestorys nicht viel, in dem Fall war sie doch ziemlich erhellend, denn hinter der Kunst (besser: der Künstlichkeit) die Menschen produzieren, stehen immer Geschichten. Und so wie sich Steve Aoki an das Kamerateam verkauft hat, bietet das sinnvolle Einblicke in das Leben eines Mannes, der von seinem Umfeld anders gesehen wurde, als er es in seinem Innersten war. Es taugt nun mal nicht jeder als Gallionsfigur einer Bewegung auch wenn die Leute einen gern dazu stilisieren. Da kann man jetzt sagen: „Macht korrumpiert“ doch es ist mehr als dass, denn wie entscheidet die Masse überhaupt richtig, wem sie diese Macht gibt? Kennt die Masse überhaupt die Menschen, die sie idealisiert und von denen sie großes erwartet? Können Menschen Erwartungen dadurch enttäuschen, einfach nur dadurch, dass sie nicht so sind wie wir sie gerne hätten?

 

Eine Tatsache bleibt es, dass die meisten die ein Genre einmal geprägt haben künstlerisch weiterziehen und sich neue Herausforderungen suchen, während andere, nachfolgende eine Strömung tot kapitalisieren. Und auch noch stolz darauf sind. Ironischer weise: Zu Recht.

Und der lustigste Fakt zum Schluss: Kein einziges Lied von Steve Aoki wird in der Dokumentation in den Vordergrund gestellt. Da ist einfach nichts.

Außer ihm selbst, einem scheinbar netten Kerl.

Meine Gedanken und Gebete sind mit ihnen…

Das Video ist natürlich nicht ganz fair, da die Leute nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Verbundenheit mit der Gesellschaft, mit dieser Art zu leben Ausdruck verleihen, ganz im Unrecht ist es auch nicht.

 

Zwar habe auch ich große Lust mich über die Ereignisse in Berlin auszulassen, ich warte jetzt aber mal die Pressekonferenz der Polizei ab, bevor ich mich äußere. Was für Informationen habe ich denn bisher?

Als das Lachen starb: Andy Sauerwein

Eigentlich wollte ich nicht jeden Tag im Urlaub darüber schreiben, wo ich jetzt schon wieder war; ich wollte lieber eine Kurzgeschichte aus dem erlebten Material basteln. Nur. Der gestrige Abend in der Kresslesmühle (ja, ich war schon wieder da, eine gute Freundin hatte Karten gewonnen und meinte es gut mit mir) war so schlimm, dass ich die Menschheit vor Andy Sauerwein WARNEN muss.

 

Nicht das er ein schlechter Musiker wäre, nein, überhaupt nicht, auf der Ebene kann er wirklich überzeugen – deswegen empfehle ich ihm eine Karriere als Kneipen-Pianist. In solch einer Funktion darf er sein Talent ausspielen und möglichst wenig Schaden anrichten. Zwischen den Stücken kann der den Besoffski seine Sprüchleins erzählen und bekommt dann sicherlich eine viel direkteres Feedback (oder besser gesagt: „Feet-Back“ – der Spruch hat Sauerwein-Niveau) als von einer Bühne herunter, von der er dem Publikum gegenüber in einer stärkeren Position ist und Kritik (die vom Publikum durch Enthaltsamkeit vorhanden war – ICH BIN STOLZ AUF EUCH!) niederbrüllen kann.

 

Als Kabarettist (kann man ihn wirklich so nennen?) ist er ein blanker Reinfall. Unglaublich überspielt und affektiert Jahrhunderte alte Witze zu verkloppen, die teilweise auch noch von diversen – dort auch schon nicht lustigen – Facebook-Seiten gestohlen wurden, ist nun wirklich keine Kunst. Überhaupt. Gar nicht. Und auch die Themen-Auswahl: Zum Davonlaufen.

Ein Kabarett-Programm muss keine rote Line besitzen, wünschenswert wäre es. Gestern bekam man leider nur auf der dünnsten und dümmsten Art möchtegern linksliberales Gedankengut serviert (schließlich soll es Kabarett sein), dem zwar sicherlich jeder mehr oder weniger zustimmen kann (an guten Tagen), die Präsentation jedoch ist so dermaßen unpointiert und unter aller Kanone, dass man schon sehr wohlwollend und/oder 50 plus sein muss, um darüber Lachen oder (in den ein, zwei stilleren Momenten) betroffen sein zu können. Dazu ein paar Klischees und „persönliche Erlebnisse“, fertig ist der Sauerwein.

Ehrlich: Ich. Habe. Vielleicht. Zweimal. Geschmunzelt.

Auch meiner Begleitung ging es so.

Und nicht einmal die Niveaulosen Witze waren wirklich böse… Hätte er das Elend doch nur besser erzählen können… Andy ist halt einfach kein Bühnenmensch. Was nicht schlimm ist, ich bin das ja auch nicht, nur weiß ich wo meine Grenzen liegen. Es bedarf halt weniger Kunstfertigkeit um sich selbst als Künstler zu bezeichnen, als solche wirklich produzieren zu können.

 

Die Menschen die dafür Geld ausgegeben haben, die tun mir leid. Noch viel mehr Mitleid (siehe Nietzsche: Mitleid würdigt die Menschen herab) habe ich allerdings mit den Intelligenzwüsten, die über diese Scherze auch noch Lachen konnten: Leute, was ist denn los mit euch?

Dabei. Eine Erklärung hätte ich:

Die Gegenwärtigkeit in so einer Kabarett-Situation entspricht der in einem Tanz-Club (mal wieder…). Denn genauso wie man in einem Tanz-Club aus purer Langeweile zu Musik tanzt, die scheiße ist, weil der DJ nichts kann, man aber halt trotzdem nun einmal da ist und hofft, dass es später vielleicht noch besser wird, lacht man halt im Kabarett notgedrungen zu Witzen, die nicht witzig sind, weil man den Drang verspürt sich zu amüsieren. Verständlich. Ihr habt ja auch Geld ausgeben. Lasst es aber bitte trotzdem. Dadurch werden nämlich vollkommen irrwitzige Leute gezüchtet, die glauben auch nur entfernt eine künstlerische Ader zu besitzen (Kabarettisten, DJs, ist wisst schon), während sie in Wahrheit einfach nur durch ihre Unfähigkeit nerven. Denn in Wahrheit ist es doch so:

Solange dumme und wohlmeinende Leute zu den Scherzchen von Andy Sauerwein lachen, wird er viele intelligente Menschen unglücklich machen.

 

Mit dem hätte ich nicht einmal Mitgefühl, wenn er als Penner in der Fußgängerzone mit seiner Musik um Geld betteln würde. Obwohl ich ein sehr empathischer Mensch bin. Tut mir leid Sauerwein, doch dank dir ist gestern in mir etwas zerbrochen, was ich in den nächsten Monaten wieder mühsam zusammensetzen muss; gib mir meine verschwendete Lebenszeit zurück!

 

Ich füge jetzt einmal ein Video von ihm mit ein. Lasst euch nicht von dem Gelächter des Publikums mitreißen: Das ist das absolute Gegacker geistiger Leere, armes Deutschland… Da wünscht man sich sogar Mario Barth auf die Bühne… Wo ist Josef Hader wenn man ihn braucht?

Hatten wir ein Glück. Neulich, bei Jess Jochimsen..