Absolution – 23 – Liebe in Gedanken

„Ach Paul… Seltsam das Vertrauen für manche Menschen oft nur eine Einbahnstraße ist…”

„Wie kommst du denn…“

„Das ist doch wohl offensichtlich Dicker… Rede doch mal mit Katha!“

Paul war müde. Es war ein langer Tag. Eine lange Nacht. Und ein langer Tag. Mit diesem GZSZ-Kram kam er gerade gar nicht klar. Katha mag mich wirklich? Wie könnte man jemanden wie ihn überhaupt mögen? Chris nahm ihn auf den Arm. Warum auch nicht? Der wollte doch nur von der Sarah-Geschichte ablenken.

„Wie auch immer. Was geht zwischen Sarah und deinem Freund Fettsack?“ Paul beantwortete diese Frage mit einer genauso hilflosen Geste wie er sich fühlte. Im Augenblick konnte er weder Informationen verarbeiten, noch austeilen. Paul war unbrauchbar. Außer in seiner Funktion als Zuhörer.

Chris: „Der Fettsack ist ja verheiratet… Kein Plan wie der so drauf ist… Und ehrlich gesagt könnte ich nicht mal sagen wie Sarah so drauf ist…“

„Bei denen läuft bestimmt nichts…“

„Ach Paul. Weißt du was dein Problem ist?“ Chris beantwortete die Frage selbst. „Du bist zwar nicht ganz auf den Kopf gefallen. Bist aber katastrophal naiv was Menschen angeht.“ Pause. „Na ja, dafür mag ich dich ja.“

„Du. Chris. Im Ernst. Ich bin total fertig… Lass uns n andermal drüber reden.“

„Klar.“

Es folgte die typische Menschenunwürdige Szene, in der der Gast auf dem Boden sitzend seine Schuhe anzog. Was wie immer eine Ewigkeit zu lange dauerte. Dann stand der ganze Chris fertig angezogen und ausgerüstet vor seinem Freund. „Ja. Lass uns noch mal darüber reden“, erklärte Chris, „Aber mit dem Fettsack… Da muss eine Lösung her.“

„Findet sich bestimmt. Immer.“

„Ich lass mir schon was einfallen.“

Die Tür klackte hinter Chris in das Schloss und hinterließ Paul in einer stumpfen, ausweglosen Stille.

9.

Paul brachte die Woche hinter sich, wie Millionen anderer Menschen auch. Er war ein Rädchen im Getriebe. Hielt es am Laufen. In der Arbeit zeigte er sich nützlich. Abends fiel er früh und müde ins Bett. Nur um am nächsten Tag weiterhin seinen Dienst an der Gesellschaft leisten zu können. Es war nicht leicht bis unmöglich seine Gedanken zu sammeln. Der Gedanke an Katha und das was Chris gesagt hatte, trieb ihm gleichermaßen Furcht und Schmetterlinge in den Bauch. Die Frau verunsicherte ihn, wie sie ihn beflügelte. Obwohl er gar keine richtige, reale Beziehung mit ihr wollte. Schließlich hatte er in seinen Drogenträumen schon die perfekte Beziehung mit ihr. Die Realität würde Konflikte bereithalten. Da Menschen für ihn wie tektonische Platten waren, die sich aneinander reiben. Um sich am Ende am Anderen vorbei zu schieben.

Paul dachte, dass seine Drogenträume eine besondere Spinnerei seien. Ein abnormes Verhalten, dass nur er kannte. Dabei machen Menschen so etwas jeden Tag. Sie denken sich Beziehungen zu Menschen aus, die sie gar nicht oder kaum kennen. Man kennt sich vom Sehen aus der Straßenbahn, der Schule oder sogar aus einem echten sozialen Biotop, in dem Gespräche geführt werden. Dabei bleibt nur diese Distanz zwischen Menschen vorhanden, die für manche so leicht und für einige doch niemals zu überwinden ist. Natürlich war seine Verhaltensweise ein außergewöhnliches Extrem. Doch sich mit Menschen „etwas vorstellen zu können“, ist das Normalste der Welt. In jeder Freundschaft zwischen Mann und Frau gibt es diesen Punkt, diesen Nerv, der nie berührt und selten besprochen wird, da er das Ende der Freundschaft markieren würde. So eiern Männer und Frauen um diesen G-Punkt herum, währenddessen sie ihr Leben in Gedanken führen. Paul würde die Frage stellen, was falsch daran sei.

Am Ende hatte er es doch geschafft seine Reise in sein Traumland bis auf das Wochenende hinaus zu schieben. Direkt nach der Arbeit bereitete er seine ganz persönliche Tee-Zeremonie vor, die darin bestand die Drogen und seinen Arbeitsplatz vorzubereiten. Lächelnd dachte er beim „Hacken“ an „Total Recall“, wie Arnold Schwarzenegger in die Maschine gespannt wurde, die ihn im Geiste zum Mars brachte. Bis der Zuschauer am Ende des Filmes nicht mehr sicher sein konnte, ob der Protagonist nicht vielleicht wirklich dort gewesen war. Paul startete seinen Rechner. Schaltete sein Handy aus. Atmete sein Traummittel ein.

Am Anfang war er sich nicht sicher, was geschehen würde. Er war sogar ein wenig aufgeregt; anders aufgeregt, als es ihn die Droge von Natur aus sein ließ. Diese Irritation vom letzten Wochenende war über die Tage immer unwichtiger geworden. Andere Probleme hatten sich in den Vordergrund gedrängt. Arbeitstechnische Probleme. Alltag. Und Katha. Aber die Wachheit ohne Verwirrtheit die er jetzt spürte (die Verwirrtheit würde erst in den nächsten Stunden einsetzen) knüpfte bewusst an das Feeling an, welches er letzte Woche gehabt hatte. Gleich würde die Droge die Alltagsprobleme hinfort spülen, wie ein Wasserschlauch der den achtlos fallengelassenen Unrat von den Plätzen und Trottoirs  der Partyhauptstädte spült. Paul war noch nicht in der „richtigen Stimmung“. Sein Gehirn musste erst die richtigen Impulse ausschütten. Zur Einstimmung sah er sich Pornos aus. Sie blieben seine Eintrittskarte. Auch wenn ihn langsam das Gefühl beschlich, dass da mehr war… Mehr als er sich vielleicht eingestehen konnte.

Er wählte Videos von blonden Frauen, um sich wieder an die Blonde von letzter Woche zu erinnern. An die Frau, für die er getötet hatte. An die Frau, für die sein Freund Paco getötet wurde. Er gab die Namen wie „Sandra Russo“, „Silvia Sainth“ und „Gina Blue“ in das Suchfeld ein. Frauen also, die zwar blond waren, sich aber nicht besonders ähnlich sahen. Die aber dennoch mehr vereinte als die Haarfarbe. Es war die Aura die Paul in ihnen sah. Diesen Touch von Würde und majestätischer Weiblichkeit. Paul hatte keine Ahnung mehr wie die Frau in seinem Traum ausgesehen hatte. Irgendwie war sie eine Mischung aus anbetungswürdigen, weiblichen Attributen. Die Essenz von unterschiedlichen Idealen. Nur leider. Öffnete sein Verstand nicht von sich aus die Pforte in sein Unterbewusstsein. Er kam. Nicht voran.

Mehr Drogen mussten eingeatmet werden. Mehr Zeit musste verstreichen. Selbst wenn es erst Nachmittag war. Pauls Herzschlag hatte es eilig.

Dann polterte es an Pauls Tür.

Vor Schreck hielt Paul die Luft an. Sein Herz blieb stehen. Sein ganzer nackter Körper fror ein. Denn es polterte nicht an Pauls Haustür. Es polterte an seiner Balkontüre. Pauls Wohnung befand sich im ersten Stock. Das. War creepy.

 

 

 

 

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Absolution – 21 – Die Anarchie in Gedanken

8.

Als Paul am nächsten Tag in seinen von Schweiß durchnässten Bettlaken erwachte, stand diese eine Frage vor ihm, total wie der brennende Busch aus der Bibel, imposant wie dieser Monolith aus „2001“: „Warum hast du sie nicht vergewaltigt?“ Paul. Fragte sich selbst nicht wie und wann er eingeschlafen war. Genauso wenig wie er wissen wollte, wann er den PC ausgeschaltet hatte und in sein Bett ging. Diese banale Vergangenheit voller Ursachen und Wirkungen war ihm unwichtig. Obwohl er sich normalerweise in diesen Nächten an das huschige Prozedere des Ortswechsels wenigstens schemenhaft erinnern konnte… Im gewohnten Regelfall war die größte Verwunderung nach dem Erwachen, dass er überhaupt eingeschlafen war. Denn die wichtigste und schlimmste Nebenwirkung seiner Lieblingsdroge war die ewige Schlaflosigkeit. Wie viele Tage hatte er in seinem Leben damit verbracht, sich selbst in den Schlaf zu treiben? Es müssen Wochen echter Lebenszeit gewesen sein, in denen er versucht hatte sich und die Droge zu überlisten, bis er langsam zu fallen begann und sein Bewusstsein endlich verstummte. Gestern. Vorhin. War er einfach so eingeschlafen. Und das nicht einmal durch den erlösenden sexuellen Höhepunkt, der als einziger die Fähigkeit besaß seine inneren Lichter wie ein Magier auszuknipsen. Es war „einfach so“ passiert.

Paul wendete sein feuchtes Kissen, das sich unter dem Bettbezug durch seine nächtlichen Aktionen schon längst karamellgelb verfärbt hatte, und starrte in die von seinem Kopf aufgewühlte Dunkelheit seines Schlafzimmers. „Wieso habe ich sie mir nicht… GENOMMEN?“ Hätte er es getan, wäre es kein Verbrechen gewesen. Nur eine Phantasie. Nichts weiter. Und an Phantasien war nichts Schlechtes. Die Gedanken sind frei. Ebenso, wie die Geilheit. Es wäre weiß Gott nicht das erste Mal gewesen, dass er sich eine Frau in seinen Träumen NAHM. Und in diesem Träumen hatte es ihnen später immer gefallen. Mehr oder weniger. Dafür hat man ja auch Phantasien. Um das ausleben zu können, was einem die Wirklichkeit nicht nur verwehrt; da es in Wirklichkeit nicht nur moralisch falsch, sondern gar ein Verbrechen ist. Paul war nie ein  Verbrecher. Nur ein Süchtiger. Was zählt schon ein Verbrechen in Gedanken, dass man nie ausführt? Von dem man sich nicht einmal träumen lassen würde, es in die tatsächliche Tat umzusetzen? Genau. Gar nichts. Natürlich durfte man nie mit irgendjemanden darüber sprechen. Nein. Das durfte man nicht. Man konnte ja auch zu niemand sagen, dass man manchmal gerne seinen Chef oder seine Frau töten könnte. Das sind nur Emotionen. Neandertaler-Regungen. Die nichts mit der zivilisierten Welt, die wir kennen, lieben und achten, zu tun hat. In unseren gesellschaftlichen Umgängen miteinander sind wir an das Gesetzbuch gebunden. An Konventionen. Die das Zusammenleben ermöglichen. Diese Errungenschaft macht uns zu gleichen Teilen frei, als auch unfrei. Sie schützt uns vor Übergriffen und verschiebt die Freiheit der Anarchie in unsere Träume. Und warum zum Himmel besaß er dann in seinem Traum von gestern Abend nicht die Wut sich diese Frau zu nehmen? Er hatte getötet für sie. Sein bester Freund war dafür gestorben. Sie war der Preis dafür. Sie war der Mittelpunkt des Schwarzen Loches seiner Phantasien. Sie war die Singularität, um die sich all seine sexuellen Wünsche drehten. Wer war sie? Und wie konnte sie sich seiner mentalen Gier entwinden?

Wäre sein Traum wie ein Konzert seiner Lieblingsband von dem er phantasierte, dann hatte er sich vorgestellt wie es ist am Morgen aufzuwachen, in die Arbeit zu gehen, dort alle möglichen Dingen zu tun erledigen, um sich danach  weiterhin vorzustellen wie es ist danach nachhause zu kommen, zu duschen, in sein Auto zu steigen, zu parken, vor dem Konzert Freunde zu treffen, sich anzustellen, Bier zu holen, um dann Schlussendlich das Konzert gar nicht zu besuchen. Die ganze Vorstellung machte keinen Sinn. Wie ein Flugzeug das nicht fliegen kann. Wie ein Fußballspiel ohne Ball. Das war im Prinzip nicht dramatisch. Nur unlogisch. Und Paul schob es auf die Drogen, die ihn wohl verwirrt hatten. Vielleicht war er auch zu lange wach geblieben. Da kann so etwas schon einmal passieren. Auch. Wenn es noch nie passiert war… Irgendetwas Unbekanntes schien in ihm zu sein. Etwas. Was ihm im Weg stand. Dass er nicht erklären konnte… Eine unbekannte Kraft hatte ihn von seinem imaginierten Lustgewinn abgehalten.

Paul zuckte in seinem Bett liegend mit seinen Schultern. Auf Drogen kann man halt auch sehr gut perplex sein.

Fünfundzwanzig Minuten später schellte sein Wecker. Kurzzeitig hatte er noch versucht an Katha zu denken. Doch in seinem Kopf hatte sich nur immer wieder das Bild der Pornodarstellerin „Lexi Belle“ geschlichen, als sie noch jung war. Die auf eine weltfremde Art Katha ähnlich sah. Paul konnte sich nicht mehr auf „die Echte“ konzentrieren. Aber das war jetzt auch schon egal.

Absolution – 20 – Männer vergewaltigen Frauen

Paul. Beide. Der reale und der Dschungel-Paul. Lebten bis hierhin ein privilegiertes Leben. „Schicksalsschläge“ waren etwas für Großeltern oder Verwandte. Eine konstante Größe, von der man zwar weiß, dass es sie gibt, die mit dem eigenen, subjektiven Leben jedoch nicht viel zu tun haben. Haustiere sterben. Großeltern erkranken. Die Kinder von Nachbarn. Dass waren bisher die Adressaten von Schicksalsschlägen. Das Leben hatte bis zu diesem Punkt einen genauen Rahmen. Einen berechenbaren Ablauf. Der Tod war etwas, das leise und doch heimlich angekündigt über Nacht kam. Sich seine Ziele ohne großes Tamtam aussuchte. Es wurde ein wenig Geheult und Gewehklagt. Dann war es auch wieder gut. Die zerstückelte Leiche seines Freundes im Blut der Bestie dort im hohen, niedergetrampelten Grase liegen zu sehen, war etwas vollkommen anderes. Paco hatte sein Leben noch vor sich. Wer weiß, vielleicht wäre er eines Tages Anführer der Ma-Fag geworden? Sicherlich wäre er zu einem stolzen Krieger herangereift. Einer jener stolzen Krieger, die tatsächlich nur Jäger sind und ihre Kriegskunst so gut wie nie unter Beweis stellen müssten. Paco. Und das wusste Paul in diesem Moment, in dem er nicht weinen wollte, war all das Gute gewesen, was Paul nicht war. Dieser Gedanke war affektierter Blödsinn. In der Tatsächlichkeit des Todes seines Freundes war es nicht weniger als die Wahrheit. Das. Hatte Paco nicht verdient. Warum musste das geschehen? Gerade eben hatte er doch noch verdient gelebt… Wie kann man so schnell unverdient sterben?

Obwohl Pauls ganzer Körper schmerzt, schiebt er die stinkende Bestie zur Seite und nimmt sich das Beil aus dem Schädel, der nichts mehr mit seinem Freund gemein hat. Das ist nur eine zerbrochene organische Statue. Eine Hülle. Ein Irgendwas… Nur kein Mensch.

Pauls Hände sind voller Blut. Das Blut aller Beteiligten vermischt sich auf seinen Handflächen.

Er hebt seinen Blick und sieht traurig zu der blonden Frau hinüber, die das mörderische Monster auf ihn gehetzt hat. Sie steht noch immer an Ort und Stelle. Nur bedecken ihre Hände nicht mehr ihren Körper, sondern hängen schlaff an ihren Seiten herab. Sie ist der Spiegel zu der grausamen Szene, dessen Mittelpunkt jetzt nur noch Paul ist. Zusammen ergeben sie, Frau und Mann ein die Wirklichkeit erklärendes Kunstwerk. Sie ist das pralle Leben. Hier bei Paul. Ist nur der Tod. Traurig begutachtet Paul ihren Körper. Ihre Schönheit bedeutet ihm nichts mehr. Die anderen Frauen sind davon gerannt oder verstecken sich irgendwo. Paul ist es gleich. Er sieht nur die Blonde mit dem starren Blick an; ihr Mut, ihr Stolz, ihr Überlebenswille, alles das ist aus ihrem Blick verloren. Sie weiß. Sie hat verloren. Und sie weiß auch, wie diese Geschichte weitergeht. Jede Frau in dieser Situation weiß das. Wie vor dem Kampf der beiden Jünglinge mit dem Monster gibt es nichts zu diskutieren. Sie weiß dass Paul gleich zu ihr hinübergehen und sie vergewaltigen wird. Es ist das Selbstverständlichste der Welt. Diese Tatsächlichkeit das unablässig Frauen auf diesem Planeten vergewaltigt werden, ist ein stilles Geheimnis, dass nur allzu gerne von jeglicher menschlichen Gesellschaftsform verschwiegen wird. Es geschieht überall, auf der ganzen Welt. Es passiert dann, wenn Frauen komplett dem Willen von Männern ausgeliefert sind. Bei Geiselnahmen oder Extremsituationen ist es ebenso der Regelfall, wie das daran verknüpfte Schweigen darüber: Männer vergewaltigen Frauen, sobald sich die Möglichkeit dafür ergibt. In den Nachrichten wird selten darüber berichtet, während in fiktionalen Geschichten wird der Mann als Edelmann dargestellt, der solche Situationen nicht ausnutzt. Doch das ist eine Lüge, die keine Opfer schützt.

Männer vergewaltigen Frauen, wenn sie glauben damit ungeschoren davon zu kommen. Moral ist etwas für Mittäter und Voyeuristen. Denn Männer sind triebhafte Tiere, die gerade in Ausnahmesituationen nur eines wollen: Macht. Eine Macht, die sie sich ihr Leben lang wünschen und doch nie erlangen können. Sie wollen ihre unterdrückten Komplexe ausleben. Wollen der Alpha-Mann sein. Mindestens der Beta-Mann. Hauptsache ein Mann, der sich über die arroganten und herabwürdigen Blicke der Frauen hinwegsetzt und sich endlich das nimmt, womit die Frauen ihnen vor der Nase herum wedeln und womit sie sie verspotten: Ihr Übermaß an Sex, von dem sie eine schier endlose Menge zu besitzen scheinen. Jeder Mann. Jeder Mann ist ein Tier. Dass sich das nehmen will, was er sieht. Und ein Leben lang den Zivilisierten zu spielen, ändert gar nichts. Die Wünsche und Phantasien bleiben die Gleichen. Männer wollen Götter sein. Und jeder Gott braucht seine Schöpfung…

Gleich würde sie vergewaltigt werden. Gleich würde er sie zerbrechen. Aus Rache. Dafür. Dass sein Freund gestorben war.   Seine Sexualität würde sie bestrafen – und für immer verändern. Er würde etwas in ihr Zerbrechen, das nie wieder heil werden könnte. Dass sie nachts weinend aufwecken würde. Woran sie jedes Mal denken müsste, wenn sie Verkehr mit ihrem Mann haben würde. Gleich würde es geschehen, diese unabänderliche Veränderung. Die in der Natur der Männer liegt und den Frauen aufgezwungen wird. Gleich würde für immer alles zu spät sein. Gleich würde der „point of no return“ überschritten sein. Gleich. Würde sie sich wünschen lieber tot zu sein.

Paul geht zu ihr hinüber. Er nimmt sie kraftlos an ihrem linken Handgelenk, sagt zu ihr: „Gehen wir“. Und zieht sie durch den Dschungel. Zu seinem Dorf.

In dieser Nacht hört man im ganzen Dschungel das Wehklagen der Ma-Fag.

 

Absolution – 19 – Die Frauen und das Monster

Pauls Augen erkennen  durch den von Pacos Lust zur Seite geschobenen Lendenschurz, dass dieser ähnlich denkt wie er. Mit aufrechter Brust und großer Erektion gehen die Mannknaben um den Wasserfall herum nach unten zu den Frauen. Auf dem Weg dorthin  zeigt sich, dass in Wahrheit nur zwei der fünf Frauen blond sind. Ihr Sonnenhaar hatte die anderen Frauen nur überstrahlt, die rote, brünette und schwarze Haare tragen. Die ganze pornotypische Farbpalette. Mit einem kreischenden Aufschrei der Überraschung zollen die Frauen den beiden Jägern Respekt. Selten. Fühlte sich Paul so männlich wie in diesem Moment. Wie er mit nackter, harter Pracht den Frauen entgegen schreitet, während die Damen sich wie kleine Häschen hinter Bäumen und Büschen, und sogar in das Gewässer am Fuße des Wasserfalls flüchten. Von Paul nimmt ein unanständiges, ungeheures Gefühl der Macht Besitz, zu dem im  Vergleich das Erlegen des Dschungelschweins eine lächerliche Lappalie war. Nur Eine. Eine bleibt stolz stehen. Nur mit ihren Händen versucht sie ihre üppige Scham zu verdecken. Ihr Blick beeindruckt Paul. Er ist stark und gerade aus. Sie identifiziert die Männer als das, was sie erachtet. Als Eindringlinge die hier nichts verloren haben.  Diese da ist kein Häschen. Sie ist ein Tiger.

„Gramon!“ schreit sie. „Verteidige uns!“

Kaum hat die Herrin gesprochen, tritt ein vierarmiger Riese aus den Büschen hervor, der mit dem Rücken zu der Szene unter einem Baum gestanden hatte, so als ob er sich von der Nacktbaderei züchtig abgewendet hätte. Seine Haut ist bräunlich. Aus seinem Mund starren trockene Fangzähne. Die Muskeln seiner Oberarme sind dicker als die Oberschenkel Pacos und Pauls zusammen. Dazu misst er eine Kopfhöhe mehr als Paul. Sein Körper ist definiert wie die eines „Mister Universum“.  Die Bestie schnauft wild – und lächelt. Ein Monster mit Verstand. Mit eiskalten Augen. Er sieht aus wie ein verdammter Endgegner aus „Mortal Kombat“. „Gramon“ scheint kein Tier zu sein. Er ist viel mehr als das.  Der Anblick dieses Wesens ist für Paul so überraschend und erschreckend, dass ihn das Gefühl überkommt, dass sich der Raum um die Bestie zu krümmen scheint: Das kann doch jetzt nicht wahr sein… Ihr Lendenschurze senken sich. Sie umklammern ihre plumpen Speere. Paco. Nickt ihm zu. Es ist ein Moment vollkommener Klarheit. Niemand. Nicht die Frauen. Nicht die Jäger. Noch das Monster. Sagt etwas. Die Karten liegen auf dem Tisch. Worte können nichts mehr ändern.

„What the fuck…“, murmelte der reale Paul in seiner Mietswohnung vor sich hin.  Was ist denn HIER los? Unvermittelt versuchte er das Spiel, den Film mit seinen Händen  zu stoppen, doch da war kein Joypad der seine Befehle entgegennahm. Die Hände gehen ins Leere. Das Alles. War nur in seinem Kopf. Aber… „Was zum…“

Paul war total perplex. SOLCHE Visionen hatte er noch nie gehabt… Vielleicht… Lag es… An der Dosis… Wahrscheinlich war er nur zu NÜCHTERN. Die Wirkung des Speeds musste nachgelassen haben. Wie sonst könnte aus seinem geilen Film so ein Fantasy-Quark geworden sein? Und er MOCHTE NICHT einmal Herr der Ringe… Fantasy ist doch die überhaupt  dümmste Form von Unterhaltung. Er wälzte seinen mit kaltem Schweiß überzogenem Körper von seiner Sitzgelegenheit hinab, hinüber zu seinem Wohnzimmertisch, wo das wie nach einer Explosion verteilte Pep  auf dem Glastisch lag. Seine Finger drehten ein gelbes Stück Notizpapier zu einer Röhre. Danach zog er einen dicke Prügel, eine grobkörnige Line, von dem Bild seiner Nichten und Neffen, das unter der Glasplatte seines Tisches lag. Die beiden Kinder lächeln ihr eingefrorenes Lächeln. Er stürze ein Glas stilles Wasser hinterher. Wie er merkte, dass die Hälfte der Droge aus seiner Nase bröselte, hielt er sich den Riechkolben zu und sog mit Lungengewalt die trockene Chemie so tief und fest in sich hinein, wie er nur konnte. Ein kurzes Würgen (das so heftig war, dass er aufstehen musste und dann bis auf sein T-Shirt nackt im Raum stand) und ein Glas Wasser später, war auch dieses Problem gelöst. Es konnte weiter gehen.

Und es war schon weiter gegangen.

Der Kampf gegen die Bestie ist im vollen Gange.  Die gute Nachricht ist: Die Bestie blutet bereits. Der untere, rechte Arm hängt schwer zerfetzt herab. Auch der obere linke ist schwer in Mitleidschaft gezogen. Noch besser. Der obere linke Arm behindert den sich darunter befindlichen Arm. Das sieht gut aus. Die Jungs schlagen sich wacker. Die schlechte Nachricht ist: Auch Paco und Paul haben mit Verletzungen zu kämpfen. Sie…

Der reale Paul auf seinem Sessel in seiner Wohnung sagt sich: Momentchen Mal. Muss das denn hier weitergehen? Könnte er denn nicht einfach in ein anderes, in ein erotischeres Abenteuer abtauchen? Was soll dieser ganze Unsinn? Dennoch wollte er wissen, wie es weiter geht… Und immerhin gab es dort auch noch die Frauen… Mal sehen wohin ihn das noch führen würde… Er könnte ja einfach ein neues Filmchen starten und sich damit von dieser Geschichte befreien. Sowie er aber seinen durch die Drogen polternden Herzschlag an seiner Kehle spürte, wusste er, dass er wissen musste, wie die Geschichte ausging.

Wieder tauchte er in sich hinab.

Fast trifft ihn das Beil aus der rechten Klaue am Kopf. So gerade noch, mit mehr Glück als Verstand konnte er noch abtauchen. Ein Reflex, der ihm das Leben rettet. Wo kommt überhaupt das Beil her? Paco nutzt den Angriff dazu, um „Gramon“ in den Rücken zu fallen. Mit aller Kraft stößt er seinen Speer so hart und tief in dessen Rücken, dass die Frauen aufkreischen. Das hat gesessen! Auch „Gramon“ stöhnt auf. Die Bestie bäumt sich schmerzverzerrt auf, nicht aber ohne noch dem auf dem Boden liegenden Paul einen Tritt gegen den Hals zu versetzen. Ob dies von der Bestie nun geplant war oder nicht ist Paul egal. Eine brutal schmerzende Sekunde lang glaubt er, dass der Vierarmige ihm den Kehlkopf zertrümmert hat. Die Schmerzen lassen Paul fast ersticken.

„Gramon“ wirbelt herum und packt Paco blitzschnell mit seinem gesunden linken Arm. Mit dieser Wendigkeit und Geschwindigkeit hatte Paco nicht gerechnet. Nie hätte er gedacht, dass das Monster ihn nach dieser Attacke noch so schnell und leicht erwischen könnte. Er ist  unvorsichtig gewesen. Und er ist sich darüber im Klaren, dass er damit sein Leben verwirkt hat. „Gramon“ hebt das Beil mit seiner rechten, gesunden Hand. Nun ist es an Paul seinen alten Freund zu retten. Nur er ist noch dazu in der Lage einzugreifen, seinem Freund zur Seite zu stehen. Ebenso wie er es schon in tausenden Filmen gesehen hat. Der Hauptdarsteller ist in einer schier ausweglosen Situation. Er ist an ein Auto gekettet, dass auf einen Abhang zurast. Er führt einen Kampf gegen eine Übermacht, die er nicht gewinnen kann. Oder aber ein Gewehrlauf ist auf ihn gerichtet: Der Abzug wurde schon betätigt. Die Kugel fliegt dampfend in Zeitlupe aus der Mündung. Im Hintergrund hören wir einen dumpfen Knall. Doch da ist der tapfere Freund mit dem „niemand mehr gerechnet hat“, der den Held in letzter Sekunde rettet und alles wieder ins Lot bringt. Nur. Der Tritt gegen den Hals hat Paul nicht nur weites gehend kampfunfähig gemacht, sondern ihn auch noch zu weit vom „Gramon“ und seinem Freund Paco  fortgeschleudert, als dass er noch eingreifen könnte. So lässt „Gramon“ mit aller Kraft sein Beil auf seinen Freund Paco fallen und trifft ihn tief in die linke Schulter. Paco brüllt vor Schmerzen auf, während die Bestie das Beil unter einer Blutfontäne schon wieder aus seinem Freund heraus reißt. Pacos glorreicher linker Arm, mit der Hand, mit der Paul und er eins Bruderschaft geschlossen hatten, fällt samt Schulterblatt unbedacht zu Boden. Lapidar, geräuschlos, wie ein Kissen, dass von einem Sofa fällt. Der nächste Beilhieb trifft Paco mitten im Schädel, womit das Schreien endgültig beendet ist. Die Frauen: Jubilieren. Das Beil bleibt in Pacos Kopf stecken. So als ob sein Freund versuchen würde, wenigstens damit ein paar Sekunden für Paul zu ergaunern. Paul. Kann nicht glauben was gerade passiert ist. Und doch schafft er es auf die Beine zu kommen. Seinen Speer zu nehmen. Und das Monster damit im Hals zu treffen. Ein Glücksstoß. Nicht mehr. Und auch nicht weniger. „Gramon“ bricht in sich zusammen, als sich die Schlagader öffnet. Paul geht auf die Knie. Neben ihm sackt die Bestie in sich zusammen.

Wie konnte das nur passieren?

Das neue Geschlecht

In der Arbeit. Pausen-Situation.

Drei Leute. Typisch: Der Älteste hat die BILD-Zeitung auf dem Tisch. Letzte Seite.

Junger: „Wem gehört eigentlich die gelbe Limo hier?“

Jüngerer: „Mir!“

Ältester: „Da sieht man schon einmal was in diesem Laden falsch läuft! Aller gelber Limo sollte mir gehören!“ Dann Lacht er: „Muahahaha!“ Trinkt einen Schluck aus seiner gelben Brause.

Der Junge macht den Mund auf. Sagt aber nichts. Der Jüngere schaut weiter in sein Smartphone.

Ältester: „Böh… Der Glööckler ist soooo widerlich… Wie der schon aussieht!“ Der Älteste zeigt auf seine letzte Seite der Bild-Zeitung. Auf der der Glööckler ausgedehnt auf einem Kanapee liegt. „Solche Leute brauche ich gar nicht!“

Der Junge: „Hast du ein Problem mit queeren Leuten?“

Ältester: „Mit was für? Mit was für Leuten? Die Conchita Wurst ist genau so eine! Abartig“

Der Jüngere zum Jungen: „Da hast du deine Antwort.“

Junger: „Lass die Leute doch einfach so wie sie sind. Ist jetzt auch nicht mein Fall. Aber für irgendwen ist der Glööckler ein Held so wie der da liegt. Und fürn anderen die Wurst ein Idol. Menschen sind unterschiedlich. Ist halt so.“

Älterer: „Ne die gehen gar nicht. Schau doch mal wie die aussehen!“

Junger, jetzt auch lauter: „Na und! Lass die Leute doch so wie sie sind! Ich sag doch auch nicht dass der Nazi den ganzen gelben Limo für sich behalten will! Ich denk mir okay! Lass ihn doch machen!“

Der Jüngere lacht.

Der Älteste pampig: „Ich bin kein Nazi…“ Gibt dann aber auch Ruhe.

Und ich. Der Junge. Denke mir: „Okay, ja. Nazi ist er natürlich keiner. Das war jetzt schon sehr verallgemeinert.“

 

Ich habe auch noch später über die Szene nachgedacht. Dass Thomas. Der Älteste. Ja auch eine ganz andere Generation ist. Mit Mitte 50. Und dass es in seiner Jugend anders zuging in den Massenmedien. Für mich sind queere Personen fast schon Normalität. Fast schon. Weil ich keine/n persönlich kenne. Und deswegen kann ich ihm keinen Vorwurf machen. Die Leute brauchen Zeit um Veränderungen zu verarbeiten. Und desto älter man ist. Umso…

Bill Burr hat einmal in einem Comedy-Programm die Geschichte erzählt, wie damals der Besitzer irgendeines Basketball-Teams (ein alter Mann, geboren in oder vor der Zeit des zweiten Weltkrieges) zu seiner extrem jungen Freundin gesagt hat, dass sie mit den Schwarzen zwar tun und lassen könne was sie wolle, aber sie solle sie nicht in der Öffentlichkeit treffen, was, laut Burr, doch eine ziemlich liberale Haltung ist. Dieses Gespräch wurde von irgendwem aufgezeichnet und die amerikanische Öffentlichkeit war darüber empört, wie sich der alte Mann gegenüber seiner Freundin generiert hat. Burr fand das widersinning. Denn man müsse dem alten Mann doch zu Gute halten, dass nicht einmal das „N-Wort“ gefallen ist, obwohl es in der Kindheit und Jugend des Mannes vollkommen normal, das Wort zu verwenden.

Ich erinnere mich nach an eine „Otto-Kassette“ aus meiner Kindheit. Da war so eine Episode drauf, wie Otto Englisch falsch übersetzt. Es heißt da:

„This is Alice Schwarzer – Das sind ALLES Neger.

And this is Roy Black! – Und das ist der KÖNIG der Neger!“

Man muss Otto jetzt bestimmt keinen Rassismus unterstellen. Es war einfach eine andere Zeit. Man ging anders mit den Menschen um. Ließ ihnen weniger Freiräume. Die Zeiten haben sich geändert. Und es eine Errungenschaft von „Gayropa“, dass es ein öffentliches (positiv konnotiertes) Podest für queere Menschen wie Glööckler und Wurst gib. Nochmal: Irgendwo fühlt sich ein Mädchen oder ein Junge oder ein … durch die Beiden in ihrer/seiner Daseinsform bestätigt. Ist mir egal ob da in den Online-Medien jetzt viel vom „Gender-Wahn“ zu lesen ist, den man überall antrifft. Lasst die Leute doch einfach in Ruhe. Sie tun euch doch nichts.

Aber.

Ich will ehrlich sein.

Ganz egal WIE liberal und offen ich mich auch fühle. Ich könnte nicht sagen, wie ich sein werde, wenn ich einmal so alt wie mein Arbeitskollege Thomas wäre. Wahrscheinlich komme ich mir dann doch immer noch offen und liberal vor, während der Planet sich weiter gedreht hat. Vielleicht gibt es in 20 Jahren irgendwelche Geschlechterbilder, die ich jetzt nicht kenne und dann auch nicht mehr voll und ganz akzeptieren kann. Weil sie mir als widernatürlich erscheinen. Nur. Weil ich keine Übung darin habe, sie zu sehen.

Es spielt eine Rolle, von wem wir sexuell belästigt werden

Die schlimm dümmsten Beiträge zu einem Thema, welches gesellschaftlich kontrovers diskutiert wird, haben diesen Ton, von wegen: „Ich will nichts beschönigen, aber…“ Dennoch wird mein kleiner Text genau in jene Sparte rutschen. Dabei will ich gar nichts falsch machen – was die schlimmsten Kommentare zu einem Thema überhaupt sind. Wir sind hier aber bei „Strategien gegen Vernunft“, da muss man auch einmal im Halbjahr auf gängige weise unvernünftig sein.

„Sexuelle Belästigung“ ist das Thema 2017. Es ist eine große und ebenso wichtige Debatte, die da geführt wird. Diese Debatte läuft nun auch schon so lange, dass ich gar nicht mehr darauf eingehen will, wie und durch was sie in Gang gesetzt wurde. Das ist bekannt. Die Frage die mich und alle Männer und Frauen damit am Meisten beschäftigt ist (oder sie sollte es sein) was mein Part in diesem Spiel ist, also wie habe ich mich verhalten? Was habe ich getan? Was nicht? Und wenn dann, was habe ich daraus gelernt?

Ich war nie ein Heiliger, dachte jedoch, mich bei dem Thema auf die Seite „der guten Männer“ stellen zu können. Frauen habe ich immer respektiert und habe sie seit jeher als gleichwertig zu Männern gesehen. Sie waren für mich nie Freiwild, auch wenn ich sie natürlich objektifiziert habe. Ich glaube, dass es in Gedanken auch gar nicht möglich ist, dass nicht zu tun. Gerade in der Jugend, wenn die Hormone der Verstand nahezu überwältigen. Die Frage ist dann nur, was man herauslässt. Wie man damit umgeht. Es ist ja und sollte nie ein Verbrechen sein, wenn man durch einen Mitmenschen geil wird. Das gehört zum Menschsein dazu. Gedanken, Wünsche und Triebe sind frei. Und auch jetzt fallen mir sofort einige Frauen ein, deren Körper und Aussehen nicht anders als in meine geistige Kategorie „Gerät“ passen. Das hatte bei mir nur immer auch mit einer gewissen Form von Anbetung zu tun, als in dem Wunsch Frauen zu erniedrigen, d.h. auf mein Niveau herunterzuholen. Etwas, was die Machtmenschen mit Minderwertigkeitskomplex in Hollywood und sonst wo getan haben. Ja. Ich glaube dass die falsche Ausübung von Macht so gut wie immer mit einem Minderwertigkeitskomplex zu tun haben, von dem keiner von uns frei ist. Wir kommen nicht als fertige Menschen auf die Welt sondern machen uns zu denen, die wir sind; in diesem Zusammenhang vermeide ich die Formulierung: „Wir werden zu etwas gemacht.“ Das mit den äußeren Einflüssen die uns formen ist natürlich richtig. Hier will ich aber diese Ausrede nicht gelten lassen. Denn selbst wenn wir von außen beeinflusst und geformt werden, liegt es doch an uns was wir daraus machen. „Ich konnte nicht anders“ ist beim Charakter keine Ausrede. Denn wenn wir dachten wir konnten nicht anders, liegt es auch daran, dass wir den leichteren Weg in unserer Entwicklung gewählt haben. Man muss nicht alternativlos ein Verbrecher oder Drogensüchtiger werden, nur weil man in solchen Kreisen aufgewachsen ist. Jeder hat die Wahl. Doch ganz gleich was diese Wahl am Ende mit uns gemacht hat, ist in uns dieser kleine Punkt, dieser kleine oder große Haufen an Erfahrungen, an Komplexen, die unser späteres Verhalten in Machtpositionen erklärt. Es ist keine Rechtfertigung zu sagen, dass weil wir in der Jugend ausgelacht oder nicht gefickt wurden, wir im späteren Leben genau deswegen Frauen erniedrigt oder misshandelt haben. Oder Männer. Es ist keine Rechtfertigung. Aber eine Erklärung. Menschen sind nie von Grund auf Böse. Sie haben Gründe für das was sie tun. Auch wenn im seltensten Fall die Gründe schlimmer sind als das folgende Resultat daraus. Ich glaube diese Gründe, diese Komplexe, häufen sich über die Jahre, über die Jahrzehnte an, werden immer größer und größer, da wir sie nie verarbeiten wollen, da es zu peinlich ist, darüber zu sprechen, und irgendwann ist der Berg aus der Wut der Jugend oder der Kindheit groß genug, um ein ihm angemessenes Verbrechen zu begehen. Und wie es so ist mit Verbrechen für die man nicht bestraft oder belangt wird (das ist ja schon so als Kind wenn man zum ersten Mal lügt), handelt man wieder so. Okay. Das ist jetzt mal wieder ganz schöne Küchenpsychologie. So aber. Erkläre ich es mir. Ich, der gar keine Ahnung davon hat in einer Machtposition  anderen Menschen gegenüber zu sein.

 

Und selbst das ist eine Lüge. Sicherlich war auch ich schon in Machtpositionen Leuten gegenüber, habe es so aber nicht wahr genommen. Und ich weiß auch, dass ich mich nicht immer korrekt verhalten habe. Sei es Freunden gegenüber, die ich Alpha-Männer mäßig dominieren musste. Oder Frauen gegenüber, die ich nicht immer korrekt behandelt habe. Ich glaube nicht, dass ich ein TÄTER bin. Aber wahrscheinlich ist es auch so, dass ich selbst das gar nicht einschätzen kann. Keiner kann von sich selbst sagen, ob er Täter ist. Das müssen die anderen entscheiden. Ich selbst kann nur sagen, ob ich nicht doch einige Dinge im Leben hätte anders machen sollen.

Sex ist ein schwieriges Thema. Denn zuerst dreht sich alles um Sex. Und dann um Macht. Über diese beiden Themen kann man natürlich den Hauptbegriff LIEBE schreiben, doch die Liebe ist so ein heiliger, also ein schwammiger, Begriff, dass er alles und nichts aussagt…

Über mich selbst würde ich sagen, dass ich Fehler gemacht habe. Auch wissentlich. Ich daraus aber die richtigen Schlüsse gezogen habe. Ich war in meiner Schulzeit ja auch dass, was ich heute einen „Bully“ nennen würde. In meiner Jugend war ich schon ein ziemlicher Prolet und Alpha-Depp, der andere gemobbt hat. Das tut mir im Rückblick sehr leid. Aber ich musste das auch tun, um heute der zu werden, der ich bin. Das ist keine Entschuldigung. Doch es war leider ein Weg, den ich gehen musste. Wie gesagt. Niemand kommt fertig auf die Welt. Und wahrscheinlich ist dies die Erklärung dafür, warum wir Menschen keine Heiligen sind. Wir alle tragen die Narben der Vergangenheit an uns. Wir alle sind Täter und Opfer zu gleich. Auch und im besonderen in sexuellen Dingen. Daran müssen wir arbeiten. Und deswegen ist diese Debatte auch so wichtig.

Die eigentliche Sache, auf die ich mit dem ersten Absatz einleiten wollte, ist eine andere. Ich sah mir vorhin auf Bild (jaja) ein Textchen über die Prominenten aus Hollywood an, denen sexuelle Gewalt oder Übergriffe nachgesagt wurden. Und mir fiel auf, dass diese Machtmenschen entweder a) nicht gerade schön gewachsen waren, oder aber  b)  sie haben gleichgeschlechtliche Grenzen überschritten haben, also Homosexuelle Männer haben Heterosexuelle begrabscht. Auffällig ist doch – ohne das Thema bagatellisieren zu wollen – dass sich keine Frauen melden, die von den Brad Pitts dieser Welt sexuell belästigt wurden…

Absolution – 14 – Erfundene Erinnerungen

5.

Ein paar Stunden später saß er wieder mit brennenden Augen vor seinem Bildschirm.

Paul dachte an die Frauen die er gehabt hatte. Meistens an jene Zeit, als er noch ein Jugendlicher war und die Frauen Mädchen. An die Unschuld ihrer Berührungen. Dem schamvollen Ertasten. Dem Erforschen der eigenen Lust. Wie weit man zu gehen bereit war.

Er rief sich die Szenen nicht nur ins Gedächtnis, er erlebte sie noch einmal neu. Jedes Detail. Sogar jedes Atemgeräusch, jeder Blick… Jeden einzelnen Sieg, den er auf dem liebevollen Schlachtfeld der Sexualität  gewonnen hatte. Wie ein Geistkörper fuhr er zurück durch die Zeit, schlich unbemerkt in seinen jungen Körper, und schmeckte und erlebte die Mädchen und Frauen immer wieder neu. Und oh Wunder: Je häufiger er mit den Drogen durch die Zeit zurückreiste, desto mehr Details entdeckte er. Manchmal sogar ganz neue Situationen oder andere Tatsachen, als er sich noch vor einiger Zeit daran erinnern konnte. Das ging so weit, bis er irgendwann, verschwitzt, mit blutig geschürften Penis, in seinem nassgeschwitzten Bett lag, und sich fragte, was war denn nun wirklich passiert? Hatte die Droge ihm geholfen sich besser zu erinnern? Oder war der Drogenrausch nur eine zweite, bessere Wirklichkeit gewesen, die er sich ausgedacht hatte?

 

Er wusste. Wir erinnern uns in Wahrheit nicht so sehr an Erinnerungen. Erinnerungen erinnern sich an Erinnerungen; wir erinnern uns an eine Vision der Vergangenheit, die wir uns – jedes Mal wenn wir allzu fest daran glauben – ein wenig anders zu recht legen. Drogen sind nicht besonders gut um Wahrheit zu erforschen. Und doch… Vielleicht war es doch so gewesen, wie er es sich apathisch im Drogenrausch vorgestellt hatte. Sicherlich hatte er doch was mit dem Mädchen A gehabt – er hatte es nur vergessen gehabt…

Am nächsten Tag glaubte er sich wieder erinnern zu können. Ja. Nein. Das hatte er sich in seiner Drogengeilheit nur ausgedacht… Doch ein kleiner Makel blieb auf seinem Herzen zurück. Es hatte sich doch so real angefühlt. BESSER als die Realität. Und als er sich auf dem Wochenende darauf, und auf dem darauf folgenden wieder in diese Scheinwelt seiner Vergangenheit  begab, als die Szenarien immer bildlicher, größer und wahrhaftiger geworden waren, wurde er sich sicher, dass es so geschehen war wie er sich JETZT daran erinnerte. Sein Verstand musste ihn bisher belogen haben…

Er konditionierte sich und seine Erinnerungen neu – und merkte es nicht einmal. Auch. Wenn er immer mehr von sich selbst, von seiner eigenen Vergangenheit in Frage stellte. Da er mit niemanden darüber sprach, spielte es keine Rolle was er über seinen One-Night-Stand mit dem Mädchen XY dachte zu wissen. Doch langsam. Nach und nach. Hatte er das Gefühl, sich selbst nicht mehr trauen zu können. Was war denn nun wahr? Und was hatte er sich ausgedacht? Spielte das überhaupt eine Rolle? Die Grenzen. Die Verfugungen zwischen Traum und Wirklichkeit lösten sich nach und nach auf. Was keine große Reaktion in Paul auslöste. Ihm war es egal was wahr war und was nicht. Hauptsache er konnte es wieder und wieder durchleben. Seine Realität war wie eine Menge Filmmaterial. Filmmaterial und Nachdrehs, welches er erst im Schnitt zu einem fertigen Film zusammenfügte. Bis er am Ende nicht mehr wusste, wie die Original-Version ausgesehen hatte. War das denn so wichtig? Hatte das irgendeine Auswirkung auf sein Leben wenn er glaubte mit der oder der intim gewesen zu sein? War er das Produkt seiner Vergangenheit? Oder das Produkt seiner Einbildungen? Oder war er Beides? Es war doch egal ob Katha und er vor einem Jahr aneinander herumgefummelt hatten. Oder er Sarah schon einmal geküsst hatte. Ob Judith ihm damals einen geblasen hatte. Oder ob all das nur in seinem Kopf geschah. Er war er. Und die Frauen waren die Frauen. Und die Droge war die Droge. Er könnte ewig so weiter machen und dabei glücklich sein. Was war falsch daran?