Gürtel und Türklinke

1: „Wart mal kurz.“

2 nickt 1 zu während die Kellnerin die von ihnen bestellten Longdrinks auf den Tisch stellt. Als sie wieder außer Hörweite ist und die beiden Männer in ihren späten Dreißigern die beschlagenen Gläser prostend aneinander klirren lassen, grinst 2 seinen Freund süffisant an: „Ja, ja. Wir benutzen Smartphones aus China und von Apple und schämen uns dann mit unseren Geschichten vor einer Kellnerin. Schon ironisch!“

1: „Ich besitze kein Smartphone.“

2: „Echt nicht?“
1: „Total.“

2: „Cool.“
1: „Aber zu meiner Geschichte.“
2: „Stimmt. Du WOLLTEST mir ja gerade was erzählen. Bevor die… Und so weiter.“

1: „Genau. Weißt du… Ich habe diese Geschichte nie jemanden erzählt. Weil… Wem kann man heutzutage noch vertrauen? Und. Wer versteht einen heutzutage denn überhaupt noch? Das Internet ist ja gleich überall. Die Leute reden.“

2: „Schwiiiierig. Ich weiß.“

1: „Es ist auch ein eher… Besonderes Hobby.“

2: „Ach ja?“

1: „Ja. (Pause) Wenn man es überhaupt Hobby nennen kann. Weißt du. Ich bringe Menschen um.“

2: „Hm. Das klingt für mich nicht nach einem Hobby. Das klingt nach Vollbeschäftigung.“ Lacht.

1: „Ich lebe ja nicht davon. Es ist mehr so eine… Masche…“

2 (lacht) „MIICH bringst du aber nicht um, oder?“

1: „Ah geh! (lacht mit) du passt gar nicht in mein Profil… Wie gesagt normalerweise rede ich da so nicht drüber. Jedoch. Ich hatte erst 25 Jähriges. Das macht schon melancholisch. Vor 25 Jahren. Da hatte ich meinen Ersten. Kennst ihn bestimmt.“

2: „KANNTEST ihn bestimmt (lacht erneut).“

1: „Genau. Hahaha. Kurt Kobain.“

2: „Ja genau. Der hat sich doch vor 25 Jahren erschossen. Wie die Zeit vergeht, oder?“

1: „Der hat sich nicht erschossen. Das war ich.“

2: „Ja genau. DU! Hahaha! Der war gut.“

1: „Ja der Kurti. Der war der Erste. Weil. Hast die Geschichten bestimmt gehört gehabt. Dass jemand der so stoned war wie der dazu gar nicht fähig war.“

2: „Ja. Hab ich gehört.“

1: „Ich war auch eher zufällig da. Das erste Mal ist selten geplant. Ist aber meistens so.“

2: „Aha.“

1 „Ge-nau. Ich habs dann auch ne Weile bleiben lassen. Gute 13 Jahre. Weil. Beim ersten Mal denkt man ja nicht, dass man damit davonkommt. Es war ja auch ne wild Geschichte. Ich war ja auch total drauf und so. Wir zwei haben uns nach dem Kurti ja auch bald kennen gelernt. Du und ich. Mein alter 2. Aber. Ich konnte es dir damals nicht erzählen. Ich hatte dann doch noch Angst, dass sie mich kriegen… Mann, Mann… War das ne wilde Zeit und mit dem Kurti und der Kurtney. Die hat mir dann schon ne Weile leidgetan. Aber… Ja mei. Ich konnte mich einfach nicht beherrschen. Das war wie ein Rausch im Rausch…“

2: „Und was war dann nach 13 Jahren?“

1: „Ja da habe ich mir eine neue Masche ausgedacht.“

2: „Welche?“

1: „Also. Pscht!“

Kellnerin: „Darfs bei euch no was sein?“

2: „Zwei Jägermeister.“

1 räsupert sich.

2: „VIER Jägermeister!“

Kellnerin: „Da schau her.“ Dann geht sie weg.

1: „Also. Hör zu. Die neue Masche war die Sache mit dem autoerotischen Tod. Weil. Da werden keine Fragen gestellt.“

2: „Was ist autoerotischer Tod?“

1: „Okay. DIE Frage wird IMMER gestellt. Ist aber ganz einfach. Nach der Sache mit dem Kurti, gab´s noch die Geschichte mit den INXES-Sänger.“

2: „Das warst AUCH du?“

1: „Ne. Das war wohl WIRKLICH ein Unfall. Hat mich aber auf die Idee gebracht. Asphyxie. Schon mal gehört? Okay, ich sag es dir. Das ist, wenn du dir beim Runterholen kurz vorm Orgasmus die Luft abschnürst. Das macht dich dann noch schärfer.“

2: „Total bescheuert. ABER davon habe ich gehört. Das gab´s doch in diesem Film mit dem Skaterjungen.“

1: „Den kenne ich jetzt nicht. Spielt jetzt auch keine Rolle. Auf jeden Fall bin ich dann in meinem Thailand Urlaub David Karabiner begegnet.“

2: „Der Typ aus der Serie KUNG-FU-KÄMPFER!“

1: „Genau der. Der auch  den Will in KILL WILL gespielt hat. Und weil ich eh gerade in Thailand beim ÜBEN war, dachte ich, den probiere ich gleich aus. Weil. Ich muss zugeben. Bei meinem Hobby kommt es schon auf die Reichen an. Okay. David Karabiner war jetzt nicht SOOO reich. Trotzdem sehr berühmt. Und ich hab´s dann wie´n accidental autoerotic death aussehen lassen.“

2: „Hä?“
1: „Als hätte er sich beim Wichsen stranguliert, Mänsch!“

Kellnerin: „Hier eure Jäger.“
1: „Danke Frau Meister!“ Lacht laut

Kellnerin: „So.“

2: „Ähm… Danke.“

1 und 2: „Aaahhh“ nachdem sie den ersten Jägermeister-Kurzen geext  haben.

1: „Ich muss zugeben, ich war mir nicht sicher ob ich aus der Geschichte so einfach heraus kommen würde. Und es war dann doch so… Dermaßen einfach. Die Thailänder haben auch keinen Bock drauf das Prominente bei ihnen sterben. Die wollen Touristen. Und gut ist.“

2: „Das die dir da nicht drauf gekommen sind. Da muss doch der Winkel beim Strangulieren passen. Und man muss einbrechen. Gerichtsmedizin! Du bist doch ein Lügner!“

1: „Iwo Lügner. Glaub mir. Bei diesen Fällen schaut die Polizei nicht so genau hin. Das ist ja eh jedem peinlich. Besonders der Familie. Da werden bei solchen Ermittlungen schnell die Akten geschlossen. Oder das Etikett DEPRESSION daran gehängt. Weil lieber sind die unglaublichen Superstar am Ruhm zerbrochen. Als dass sie perverse Wichser waren. Glaub mir. Und wenn du den Dreh mal raus hast, dann kommt dir da keiner drauf.“

2: „Du willst mir also erzählen, dass es dein Hobby ist berühmte Leute umzubringen.“

1 hebt den 2ten Jägermeister zum Gruß: „So isses!“
1 und 2: „Ahhhhh…..“

1: „Im Moment halte ich mich an Bandmitglieder von Bands, die ich nicht leiden kann. Vor ein paar Jahren den Lester von Linked im Park. Furchtbare Musiker. Gutes Opfer. Der hat richtig Spaß gemacht. Gürtel rum. Fertig. Die Medien erzählen was von Depression. Und das man da nicht darüber berichten darf. Weil Nachahmer. Dann so einen Electro-Pop-Bübchen. Grauenhafte Musik.“

2: „Davici?“

1: „Gürtel rum und weg damit.“

2: „Unglaublich…“

1: „Der letzte war der Sänger von Prodogy.“

2: „Prodogy ist doch toll.“

1: „Ja stimmt. Das letzte Album war aber trotzdem schlecht.“
2: „Das stimmt.“

1: „Also ran an die Türklinke mit dem Kerl.“

2: „Puh.“

1: „Und bei dir so?“

2: „Bei mir? Bei mir ist alles gut.“
1: „Joa. Bei mir auch.“
2: „Dann ist ja alles gut.“

1: „Sag ich doch.“

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Das übersteigerte Bewusstsein der Menschen

Beim Frühstück im Urlaub mit Ei im Mund kann man sich die wunderbarsten Fragen stellen. Schön, wenn man zu viel Zeit hat. Ein Zustand, den ich mir selbst selten zugestehe. Dumm wie ich bin. Gerade poppte die Frage in mir auf, weshalb der Mensch beim Sex Lust empfindet. Würde der Mensch keine Lust beim Sex empfinden, hätten wir sehr viele Probleme auf dem Planeten weniger. Es gäbe nicht nur weniger Kriege auf dem Planeten (spontan muss ich da an die alten Griechen denken: Paris, der mit Helena durchbrennt – zum Thema Liebe kommen wir später – worauf das Resultat Krieg ist) auch die Pubertät wäre viel leichter zu ertragen usw. usf.

Die Lust wurde in vergangenen Zeiten oft als „viehisch“ bezeichnet, was für mein Befinden totaler Unsinn ist. Sexuell erfüllt sieht ein Fisch beim Laichen nicht aus. Zugvögel pimpern auch nicht unkontrolliert voller Lust in der Gegend herum, sie warten viel mehr auf die richtigen Umstände um eine Nachkommenschaft zu gründen. Und auch bei den Säugetieren wird nicht jeden Tag gevögelt bis zum geht nicht mehr. Die Tiere ficken eigentlich mit viel mehr Vernunft als wir Menschen, unsere Art, die mindestens ein Jahrzehnt im Leben extrem, wenn nicht gar ein ganzes Leben lang auf Sex fixiert ist. Ich hab auch nie davon gehört (wie immer kann ich gerne darüber berichtigt werden), dass sich Affen oder Löwen stundenlang zum Kuscheln und tagelangen Ficken irgendwo verstecken würden. Klar. Der Affe verhält sich ähnlich wie der Mensch (oder war es umgekehrt?), jedoch bei weitem nicht so extrem.

Zusammengefasst: Extremer Sex und Perversionen (gibt es die heute überhaupt noch in unserer hyperliberalen Gesellschaft?) sind typisch menschliche Eigenschaften. Niemand lebt und empfindet seine Lust so sehr wie wir.

Bei unserer Gattung wird gerne mit der Vernunft argumentiert. Wir Menschen sind die Vernunftgesteuerten, die ein Bewusstsein über ihr Tun besitzen. Was richtig ist. Bewusstsein ist genau dass, was uns vom Tier unterscheidet. Aber macht uns das per se vernünftiger? Es ist ein alter Hut wenn ich jetzt mit der Zerstörung unseres Lebensraumes komme (was ich an dieser Stelle leider muss), so wie all den unvernünftigen Entscheidungen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens trifft, sei es nun Selbstzerstörung (Rauchen, Trinken, Drogen, usw.) oder Selbstvernachlässigung (falsche Ernährung, falsche Entscheidungen usw.). Zwar können wir auch Flugzeuge und Smartphones bauen. Aber der Mensch ist nicht von seinen Grundzügen aus vernünftig. Er ist vernünftig genug um durch den Alltag zu kommen und viel zu alt zu werden. Dabei kann er aber auch gleichzeitig höchst unvernünftig agieren. Eben. Weil der Mensch bei „Bewusstsein“ ist (was auch immer das bedeuten soll). Der Mensch ist sich nämlich nicht nur dessen bewusst, dass er tot ist wenn er von einem Auto überfahren wird. Er ist sich auch dessen bewusst, wie viel Spaß es macht schnell Auto zu fahren oder viel Sex mit vielen verschiedenen Partnern zu haben; zwei Punkte, die gute Beispiele dafür sind, wie der Mensch sich selbst schadet und seine Art zerstört. Der Mensch hat ein übersteigertes Bewusstsein entwickelt, dass ihm bestimmte Dinge wichtiger erscheinen, als im Einklang mit sich und seinem Planeten zu leben. Dabei ist noch kein einziger Mensch außerhalb des Planeten gestorben (höchstens vlt noch in dessen Atmosphäre). Das ist von einem vernünftigen Standpunkt ausgesehen gelebter Wahnsinn. Ebenso ist der Humanismus den ich vertrete, gelebter Wahnsinn. Es gibt nun einmal viel zu viele Menschen, die nicht mehr im Einklang mit der Natur leben – eigentlich fast alle. Wäre es da nicht vernünftiger Milliarden von ihnen zu vernichten um die Menschheit an sich zu retten? Wäre es nicht am Klügsten vor allem alle „erste Welt-Menschen“ auszurotten, da wir maßgeblich an der Vernichtung unseres Lebensraumes beteiligt sind? Sind wir denn nicht die eigentlichen Wilden, die ihr Leben wie wild und ohne Rücksicht auf Verluste führen? Gehören denn nicht gerade die Deutschen ausgerottet? (Hier: gewollte Provokation).

Das Problem mit dem menschlichen Bewusstsein ist halt leider, dass sich unser Bewusstsein nur auf die Gegenwart bezieht. Wir können nur agieren, wie wir jetzt agieren. Natürlich können wir uns Dinge vornehmen, scheitern aber meistens doch ziemlich schnell an der Feststellung, dass es anders oft sehr viel leichter ist. Nämlich in dem wir bewusst auf die Zukunft scheißen. Jetzt geht es mir doch bewusst gut, was sollte mich die Zukunft interessieren? Oder was juckt es mich was woanders auf dem Planeten geschieht? Bewusstsein ist immer mit Ort und Gegenwart verbunden. Und ja, wir können lernen dieses Bewusstsein an einer höhere Vernunft anzukoppeln, um so unseren Lebensstil zu ändern (ähnlich wie wir uns die Regeln des Straßenverkehrs als göttliche Gebote eingeprägt haben), nur leider geht vorher alles den Bach runter, bevor wir unser Bewusstsein maßgeblich der veränderten Lebenslage angepasst haben. Das Umlernen dauert einfach zu lange.

Unser Bewusstsein ist also eine unfertige Sache. Ebenso wie unsere Vernunft. Und wir bilden uns so viel darauf ein. Dabei müssen wir nur einen scharfen Traummann/frau sehen, um unser ganzes Leben in Frage zu stellen. Oder nur ein Kind auf die Welt bringen. Um sämtliche Liebe die wir haben auf das Kind zu fokussieren – um ab diesem Zeit in den meisten Fällen alle andere Menschen als Untermenschen und weniger wichtig zu erachten.

Liebe ist nicht nur unsere Antriebsfeder. Liebe tötet uns.

Da ist ja auch das Geile: Wir Menschen sind bipolare Wahnsinnige, die auch noch stolz darauf sind und uns für sehr vernünftig halten. Selbst wenn die Lust unser Leben bestimmt. Nicht immer. Oft aber in den entscheidenden Momenten. 

Wir brauchen. Eine neue Form von Vernunft.

Dafür stehe ich hier mit meinem Namen.

Absolution – 32 – Gehen wir noch zu dir?

Sie verließen den Club nicht allzu spät (4 Uhr morgens) und fuhren mit der Bahn zurück. Katha und Paul taten so, als wären sie normale Freunde, während Sarah sichtlich von Miguels Annäherungsversuchen genervt war. Miguel erzählte ständig Geschichten um irgendwie doch noch interessant auf Sarah zu wirken, auch wenn seine Erzählungen an Belanglosigkeiten kaum zu überbieten waren; nur die über Story einer ihm bekannten Lesbe fand echten Anklang und Diskussionsbedarf. Die beschriebene Lesbe sei (laut Miguels dramatischer Darstellung, bei der er nicht aufhören konnte zu betonen, wie absolut wahr die Geschichte sei) ständig schwanger, da sie – Hölle Kleinstadt – ständig mit Typen ins Bett stieg, da es „auf dem Dorf“ keine LGBT-Szene gab, zu der sie sich zählen und von der sie zehren konnte.

Tatsächlich hasst sie Männer mit ihren dummen Schwänzen. Es ist eine megamiese und eklige Situation. Sie ist nur so einsam, dass sie dann doch jeden über sich drüber lässt“, erklärte Miguel Achselzuckend.

Das ist ja wohl das Dümmste was ich jemals gehört habe“, verdrehte Sarah ihre Augen.

Aber es ist wahr!“

Sarah weiter: „Du hast doch gar keine Ahnung wie sich eine lesbische Frau fühlt! Die würde doch niemals! Das ist doch lächerlich! Aus Einsamkeit!“
Katha seufzte: „Ich kann schon verstehen aus sexueller Not lesbisch zu werden.“ Sie lachte noch schnell ein wenig falsch ihrer Aussage hinterher.

Was weißt DU denn davon lesbisch zu sein?!“ ging Miguel Sarah an. „Die Story ist wahr!“

Das ist doch nur eine Männerphantasie!“ lachte Sarah Miguel aus und die Frauen lachten zusammen.

Vielleicht ist das ganze Leben nur einer Männerphantasie“, setzte Paul mit einem schiefen Lächeln hinzu. Worauf nun Miguel zu Lachen begann und Paul, der gar nicht verstehen konnte warum, High-Five geben wollte. Es war wie immer: Keiner verstand irgendwen und alle redeten aneinander vorbei.

Die Umarmung zwischen Katha und Paul war merkwürdig und schön zu gleich. Dann öffnete sich die Zugtüre, worauf Miguel und sie aus Pauls Blickfeld entschwanden. Paul glaubte noch, bevor sich die Türe mit dem typischen mechanischem Rucken schloss, zu hören, wie Miguel sagte: „Ich hab die Alte doch AUCH geknallt!“

Vielleicht. War auch das nur eine Einbildung gewesen.

Puh“, seufzte Paul. Das war ja irgendwie eher beschissen gelaufen.

Ja… Puh…“, meinte Sarah mich hochgezogener Augenbraue. „Du bist´n Idiot.“

Wieder sein schiefes Lächeln. „Ja… Das bin ich wohl…“

Weißt du noch als wir in Stuttgart waren? Bei Carl Cox?“

Klar weiß ich das. Der war suuuper.“

Genau. Was du aber nicht mitbekommen hast, war, dass Katha dich da schon die ganze Zeit wie blöde Angegraben hat.“

Echt? Ja… Ne… Das weiß ich nicht mehr… Das denkst du dir doch gerade aus… Das ist doch… Monate her…“
„Du Idiot. Ich saß hinter euch im Zug zurück, als Katha zu dir sagte, dass ihr zwei doch bestimmt noch zu dir gehen würden. Und du dann so (verstellte Männerstimme) WAS WOLLEN WIR DENN BEI MIR??!!! NENENE! ICH GEHE JETZT SCHÖN ALLEIN NACH HAUSE! ES REICHT JA WOHL LANGSAM MIT FEIERN!“

Wirklich?“ Ein kurzes, echtes Lachen. „Das habe ich überhaupt nicht überrissen…“

Weil du ein Idiot bist. (Pause) Weißt du. Katha ist ein zu gutes Mädchen als dass sie das verdient hätte… Und das wird sie auch nicht ewig mitmachen.“

Die Haltestelle kam und sie stiegen aus.

Du bist´n Idiot Fleming“, sagte Sarah noch während der Abschiedsumarmung. Als sie sich getrennt haben zuckte Paul wieder mit den Schultern: „Ich weiß…“
„Irgendwann wird sie weg sein. Du… Magst sie doch? Oder?…“

Ich mag sie sogar sehr.“

Dann hör auf so ein Idiot zu sein!“

Wirst du mich jetzt immer so nennen?“

Oh ja. So lange bis du die Sache hinbekommen hast. Und hör auf dich ständig zuhause einzusperren. Warum auch immer…“

Ich hab dich lieb.“

Fick dich Paul.“

Lachend und Kopfschüttelnd trennten sie sich.

Auf dem Nachhauseweg war Paul klar wie der Tag weitergehen würde. Der PC und das Speed warteten schon auf ihn. Und trotzdem war er fassungslos darüber, dass er die Avancen Kathas nicht gerafft hatte, sondern heute wie damals nur nach Hause wollte, um weiter in seine Träume zu fliehen. Träume von Katha. Träume von der Zukunft. Träume davon, es beim nächsten Mal besser zu machen.

Nicht um des Sex willens.

Für die Liebe.

Auf gar keinen Fall würde er in die Welt der Ma-Fag zurückkehren. Für so einen Unsinn hatte er nun wirklich keine Zeit. Er musste sein Liebesleben auf die Reihe bekommen.

Nein. Sein ganzes Leben.

Absolution – 29 – Wie der Donner eines aufziehenden Gewitters eine Grundschule zum Schweigen bringt

Kamyor, der Stammesführer der Ma-Fag, erhebt sich. Seine Gefolgschaft verstummt wie ein einzelner Mund. „Wir können die Mi-Cock weder bei uns aufnehmen, noch können wir ihnen vertrauen. Töten, werden wir sie nicht. Wer weiß ob sie Recht behalten und dann sind es eines Tages wir, die Ma-Fag, die sich anderen Ortes Schutz suchen müssen; wie könnten wir dies vor dem Wald, vor dem Tages- und des Nachtgestirnen rechtfertigen?“ Der alte Mann beginnt zu seinen Wortgewordenen Überlegungen den Rat der Männer zu Umkreisen, so wie es schon unzählige Stammesführer vor ihm getan hatten, und es vielleicht nie wieder geschehen würde. „Wir müssen auf der Hut sein. Wir müssen Späher aussehenden, die nach diesen… Wie hat er sie genannt? Monster? Seltsam, dass das Volk der Mi-Cock keinen Namen für ihre Peiniger hat, die sie doch aus ihrer Heimat vertrieben haben sollen… Wir müssen diese Monster finden, bevor sie uns finden, um dann angemessen zu reagieren. Wir haben einen Vorteil, den diese Wesen nicht haben, denn wir wissen, dass jemand, wenn auch nicht WAS kommen wird. Deswegen sollten wir uns weiter mit Murdock und den seinen unterhalten, um mehr über unseren Feind zu erfahren. Seien es diese (er spricht das Wort verächtlich aus) MONSTER… Oder seien es in Wahrheit die Ma-Fag selbst. Sollte es“, fährt er mit einem beißend Ton denen gegenüber fort, die ihn für einen schwachen Führer halten mögen, „keine Monster geben, werden wir die Mi-Cock vertreiben – und weiter von unseren Spähern beobachten lassen. Sollten sie eine Finte vorbereiten, wird der Wald uns schützen. Denn ja. Dieses Volk mag uns an Kraft überlegen sein. Doch im Gegensatz zu uns, den stolzen Ma-Fag, wissen sie nicht den Wald zu lesen, was Banyardi und Paco bewiesen haben… Wir leben hier! Und! Wir sind im Vorteil! (Ruhiger) Was die Frauen betrifft, die überaus reifen und wohlgenährten Frauen der Mi-Cock, so werden wir sie – vorerst! – wie unsere Gäste behandeln. Wer weiß ob wir die starken Arme der Mi-Cock noch benötigen werden… Behandelt sie alle wie unsere Gäste! Nicht wie unsere Eroberung! Doch zuerst. In allen Belangen! Kommt unser Volk!“

Die Ma-Fag nicken. So soll man es schreiben. Und so soll es sein.

Kamyor holt mit einer Geste Masiyo zu sich heran. Sie tauschen Worte. Blicke. Ihre Schultern nicken. So wie es in diesem Stamm üblich ist, wenn sich zwei Männer verstehen. Dann winkt Masiyo, der Dorflehrer, Banyardi zu sich heran, während Kamyor die Ma-Fag zu Bett schickt.

Lass uns ein paar Schritte gehen“, lächelt der Gebildete dem jungen Mann zu. Banyardi schrenkt die Ehre, mit dem Ältesten und dem Lehrer scheinbar ein Geheimnis zu haben, das Schlucken ein.

In diesem Dschungel gibt es keine Berge, keine Erhebungen, die die Gruppe von drei Männern erklimmen könnte, um, wie in einem Film, gedankenverloren, jedoch konzentriert, auf das Dorf, dass sie beschützen wollen, hinab blicken könnten. Es gibt auch keinen See, zu dem sie und um den sie spazieren könnten, in welchem sie sich voller Kriegsromantik am Anblick des Mondes suhlen könnten. Tatsächlich gehen die Männer auch zu keiner Glaubensstätte, an welcher sie sich ungestört fühlen würden, deren Winkel und Ecken jedoch mehr als genug Verstecke für lauschende Ohren besitzen könnte. Die Drei gehen einfach ein Stück in den Dschungel. Nahe genug hinein in die grüne Lunge ihrer Welt, um nicht gehört oder beobachtet zu werden. Doch weit genug von den Kreaturen entfernt, vor denen sich jeder Menschen und auch die Ma-Fag in der Nacht in Acht nehmen müssen. Die Monster mögen dort draußen sein oder nicht. Die hungrigen und zur Verteidigung bereiten Tiere sind es auf jedem Fall.

Hier ist es gut“, spricht der Dorflehrer in die Dunkelheit, worauf Kamyor nickt, was die anderen Beiden nur schemenhaft erkennen können. Der Älteste legt seine knochige Hand kalt auf Banyardis starke Schulter. „Für dich Banyardi habe ich einen Spezialgedanken. Denn du sollst dich mit dem blonden Mädchen anfreunden… Ich habe sie in den letzten Tagen beobachten lassen und ich bin mir sicher, dass ihr Vater auf sie hören wird.“

Sie ist also die Tochter von Murdock…“ flüstert Banyardi erkennend vor sich hin.

Natürlich ist sie dass“, raunt Masiyo Fleming an. „Wir haben doch gestern darüber gesprochen!“

Vorsicht! Denkt es da in Paul Fleming/Banyardi. Zwar teilen wir einen Körper in dieser Welt, doch ich weiß nicht, was die letzten Tagen geschehen ist… Wieso nur habe ich keinen Zugang auf Banyardis Erinnerungen?…

Aber wieso ich?“, bringt Paul verwirrt hervor. „Gerade sie hat doch gesehen wie ich ihren Beschützer getötet habe! Wäre es nicht klüger gerade mich als Kundschafter von den Mi-Cock weg zu schicken?“

Leise“, ermahnt Kamyor den Jungen mit den zwei Seelen. „Wir haben dich genau deswegen ausgewählt. Weil sie gesehen hat, dass du dazu fähig bist zu kämpfen und zu töten… Die Mi-Cock sind ein körperlich überraschend starkes Volk.“

Auch wenn sie in Gefangenschaft und mit weniger Nahrung diese Kraft verlieren werden“, wirft Masiyo ein.

Möglich“, fährt Kamyor fort. „Dennoch scheinen sie im Herzen Krieger zu sein. Und Krieger verstehen oft nicht die Kunst der Verhandlung. Jedoch auch nicht der Intrige… Sie hat Respekt vor dir… Denn sie sehen dich auf einer Ebene mit ihnen… Da bin ich mir sicher… Kümmer dich um sie.“

Bei den Worten: „Kümmer dich um sie“ kam Paul, der echte, verschwitzte, wenig glamouröse und gar nicht kriegerische Paul Fleming zu seinem sexuellen Höhepunkt. Er war wieder in seiner Wohnung. Wieder alleine. Wieder. Ein Niemand. Unter Niemanden.

Nach einem Blick auf die Uhr – lächerliche 13 Stunden waren vergangen seit er nach hause gekommen war – und einem tiefen Schluck aus der Wasserflasche, blickte er, wie Menschen es in diesen Tages unbewusst machen, auf sein Handy.

Katha hatte ihm eine Nachricht geschrieben, in welcher sie sich für DIESEN Abend verabreden wollte; und Paul hatte darauf mit „Ja gerne“, geantwortet. Wenigstens stand das hier so. Auf seinem Display. Wobei sich Paul nicht daran erinnern konnte… Er war doch ständig in der Welt der Mi-Cock und Ma-Fag gewesen… Oder etwa nicht?… Wahrscheinlich… War er… Kurz wach gewesen… Und hatte vergessen, wie er sich mit Katha verabredet hatte… Vor gerade einmal 2 Stunden…

Wie konnte er so etwas vergessen?

Pauls Kreislauf klappte zusammen. So wie der Donner eines aufziehenden Gewitters, eine Grundschule zum Schweigen bringt.

Absolution – 23 – Liebe in Gedanken

„Ach Paul… Seltsam das Vertrauen für manche Menschen oft nur eine Einbahnstraße ist…”

„Wie kommst du denn…“

„Das ist doch wohl offensichtlich Dicker… Rede doch mal mit Katha!“

Paul war müde. Es war ein langer Tag. Eine lange Nacht. Und ein langer Tag. Mit diesem GZSZ-Kram kam er gerade gar nicht klar. Katha mag mich wirklich? Wie könnte man jemanden wie ihn überhaupt mögen? Chris nahm ihn auf den Arm. Warum auch nicht? Der wollte doch nur von der Sarah-Geschichte ablenken.

„Wie auch immer. Was geht zwischen Sarah und deinem Freund Fettsack?“ Paul beantwortete diese Frage mit einer genauso hilflosen Geste wie er sich fühlte. Im Augenblick konnte er weder Informationen verarbeiten, noch austeilen. Paul war unbrauchbar. Außer in seiner Funktion als Zuhörer.

Chris: „Der Fettsack ist ja verheiratet… Kein Plan wie der so drauf ist… Und ehrlich gesagt könnte ich nicht mal sagen wie Sarah so drauf ist…“

„Bei denen läuft bestimmt nichts…“

„Ach Paul. Weißt du was dein Problem ist?“ Chris beantwortete die Frage selbst. „Du bist zwar nicht ganz auf den Kopf gefallen. Bist aber katastrophal naiv was Menschen angeht.“ Pause. „Na ja, dafür mag ich dich ja.“

„Du. Chris. Im Ernst. Ich bin total fertig… Lass uns n andermal drüber reden.“

„Klar.“

Es folgte die typische Menschenunwürdige Szene, in der der Gast auf dem Boden sitzend seine Schuhe anzog. Was wie immer eine Ewigkeit zu lange dauerte. Dann stand der ganze Chris fertig angezogen und ausgerüstet vor seinem Freund. „Ja. Lass uns noch mal darüber reden“, erklärte Chris, „Aber mit dem Fettsack… Da muss eine Lösung her.“

„Findet sich bestimmt. Immer.“

„Ich lass mir schon was einfallen.“

Die Tür klackte hinter Chris in das Schloss und hinterließ Paul in einer stumpfen, ausweglosen Stille.

9.

Paul brachte die Woche hinter sich, wie Millionen anderer Menschen auch. Er war ein Rädchen im Getriebe. Hielt es am Laufen. In der Arbeit zeigte er sich nützlich. Abends fiel er früh und müde ins Bett. Nur um am nächsten Tag weiterhin seinen Dienst an der Gesellschaft leisten zu können. Es war nicht leicht bis unmöglich seine Gedanken zu sammeln. Der Gedanke an Katha und das was Chris gesagt hatte, trieb ihm gleichermaßen Furcht und Schmetterlinge in den Bauch. Die Frau verunsicherte ihn, wie sie ihn beflügelte. Obwohl er gar keine richtige, reale Beziehung mit ihr wollte. Schließlich hatte er in seinen Drogenträumen schon die perfekte Beziehung mit ihr. Die Realität würde Konflikte bereithalten. Da Menschen für ihn wie tektonische Platten waren, die sich aneinander reiben. Um sich am Ende am Anderen vorbei zu schieben.

Paul dachte, dass seine Drogenträume eine besondere Spinnerei seien. Ein abnormes Verhalten, dass nur er kannte. Dabei machen Menschen so etwas jeden Tag. Sie denken sich Beziehungen zu Menschen aus, die sie gar nicht oder kaum kennen. Man kennt sich vom Sehen aus der Straßenbahn, der Schule oder sogar aus einem echten sozialen Biotop, in dem Gespräche geführt werden. Dabei bleibt nur diese Distanz zwischen Menschen vorhanden, die für manche so leicht und für einige doch niemals zu überwinden ist. Natürlich war seine Verhaltensweise ein außergewöhnliches Extrem. Doch sich mit Menschen „etwas vorstellen zu können“, ist das Normalste der Welt. In jeder Freundschaft zwischen Mann und Frau gibt es diesen Punkt, diesen Nerv, der nie berührt und selten besprochen wird, da er das Ende der Freundschaft markieren würde. So eiern Männer und Frauen um diesen G-Punkt herum, währenddessen sie ihr Leben in Gedanken führen. Paul würde die Frage stellen, was falsch daran sei.

Am Ende hatte er es doch geschafft seine Reise in sein Traumland bis auf das Wochenende hinaus zu schieben. Direkt nach der Arbeit bereitete er seine ganz persönliche Tee-Zeremonie vor, die darin bestand die Drogen und seinen Arbeitsplatz vorzubereiten. Lächelnd dachte er beim „Hacken“ an „Total Recall“, wie Arnold Schwarzenegger in die Maschine gespannt wurde, die ihn im Geiste zum Mars brachte. Bis der Zuschauer am Ende des Filmes nicht mehr sicher sein konnte, ob der Protagonist nicht vielleicht wirklich dort gewesen war. Paul startete seinen Rechner. Schaltete sein Handy aus. Atmete sein Traummittel ein.

Am Anfang war er sich nicht sicher, was geschehen würde. Er war sogar ein wenig aufgeregt; anders aufgeregt, als es ihn die Droge von Natur aus sein ließ. Diese Irritation vom letzten Wochenende war über die Tage immer unwichtiger geworden. Andere Probleme hatten sich in den Vordergrund gedrängt. Arbeitstechnische Probleme. Alltag. Und Katha. Aber die Wachheit ohne Verwirrtheit die er jetzt spürte (die Verwirrtheit würde erst in den nächsten Stunden einsetzen) knüpfte bewusst an das Feeling an, welches er letzte Woche gehabt hatte. Gleich würde die Droge die Alltagsprobleme hinfort spülen, wie ein Wasserschlauch der den achtlos fallengelassenen Unrat von den Plätzen und Trottoirs  der Partyhauptstädte spült. Paul war noch nicht in der „richtigen Stimmung“. Sein Gehirn musste erst die richtigen Impulse ausschütten. Zur Einstimmung sah er sich Pornos aus. Sie blieben seine Eintrittskarte. Auch wenn ihn langsam das Gefühl beschlich, dass da mehr war… Mehr als er sich vielleicht eingestehen konnte.

Er wählte Videos von blonden Frauen, um sich wieder an die Blonde von letzter Woche zu erinnern. An die Frau, für die er getötet hatte. An die Frau, für die sein Freund Paco getötet wurde. Er gab die Namen wie „Sandra Russo“, „Silvia Sainth“ und „Gina Blue“ in das Suchfeld ein. Frauen also, die zwar blond waren, sich aber nicht besonders ähnlich sahen. Die aber dennoch mehr vereinte als die Haarfarbe. Es war die Aura die Paul in ihnen sah. Diesen Touch von Würde und majestätischer Weiblichkeit. Paul hatte keine Ahnung mehr wie die Frau in seinem Traum ausgesehen hatte. Irgendwie war sie eine Mischung aus anbetungswürdigen, weiblichen Attributen. Die Essenz von unterschiedlichen Idealen. Nur leider. Öffnete sein Verstand nicht von sich aus die Pforte in sein Unterbewusstsein. Er kam. Nicht voran.

Mehr Drogen mussten eingeatmet werden. Mehr Zeit musste verstreichen. Selbst wenn es erst Nachmittag war. Pauls Herzschlag hatte es eilig.

Dann polterte es an Pauls Tür.

Vor Schreck hielt Paul die Luft an. Sein Herz blieb stehen. Sein ganzer nackter Körper fror ein. Denn es polterte nicht an Pauls Haustür. Es polterte an seiner Balkontüre. Pauls Wohnung befand sich im ersten Stock. Das. War creepy.

 

 

 

 

Absolution – 21 – Die Anarchie in Gedanken

8.

Als Paul am nächsten Tag in seinen von Schweiß durchnässten Bettlaken erwachte, stand diese eine Frage vor ihm, total wie der brennende Busch aus der Bibel, imposant wie dieser Monolith aus „2001“: „Warum hast du sie nicht vergewaltigt?“ Paul. Fragte sich selbst nicht wie und wann er eingeschlafen war. Genauso wenig wie er wissen wollte, wann er den PC ausgeschaltet hatte und in sein Bett ging. Diese banale Vergangenheit voller Ursachen und Wirkungen war ihm unwichtig. Obwohl er sich normalerweise in diesen Nächten an das huschige Prozedere des Ortswechsels wenigstens schemenhaft erinnern konnte… Im gewohnten Regelfall war die größte Verwunderung nach dem Erwachen, dass er überhaupt eingeschlafen war. Denn die wichtigste und schlimmste Nebenwirkung seiner Lieblingsdroge war die ewige Schlaflosigkeit. Wie viele Tage hatte er in seinem Leben damit verbracht, sich selbst in den Schlaf zu treiben? Es müssen Wochen echter Lebenszeit gewesen sein, in denen er versucht hatte sich und die Droge zu überlisten, bis er langsam zu fallen begann und sein Bewusstsein endlich verstummte. Gestern. Vorhin. War er einfach so eingeschlafen. Und das nicht einmal durch den erlösenden sexuellen Höhepunkt, der als einziger die Fähigkeit besaß seine inneren Lichter wie ein Magier auszuknipsen. Es war „einfach so“ passiert.

Paul wendete sein feuchtes Kissen, das sich unter dem Bettbezug durch seine nächtlichen Aktionen schon längst karamellgelb verfärbt hatte, und starrte in die von seinem Kopf aufgewühlte Dunkelheit seines Schlafzimmers. „Wieso habe ich sie mir nicht… GENOMMEN?“ Hätte er es getan, wäre es kein Verbrechen gewesen. Nur eine Phantasie. Nichts weiter. Und an Phantasien war nichts Schlechtes. Die Gedanken sind frei. Ebenso, wie die Geilheit. Es wäre weiß Gott nicht das erste Mal gewesen, dass er sich eine Frau in seinen Träumen NAHM. Und in diesem Träumen hatte es ihnen später immer gefallen. Mehr oder weniger. Dafür hat man ja auch Phantasien. Um das ausleben zu können, was einem die Wirklichkeit nicht nur verwehrt; da es in Wirklichkeit nicht nur moralisch falsch, sondern gar ein Verbrechen ist. Paul war nie ein  Verbrecher. Nur ein Süchtiger. Was zählt schon ein Verbrechen in Gedanken, dass man nie ausführt? Von dem man sich nicht einmal träumen lassen würde, es in die tatsächliche Tat umzusetzen? Genau. Gar nichts. Natürlich durfte man nie mit irgendjemanden darüber sprechen. Nein. Das durfte man nicht. Man konnte ja auch zu niemand sagen, dass man manchmal gerne seinen Chef oder seine Frau töten könnte. Das sind nur Emotionen. Neandertaler-Regungen. Die nichts mit der zivilisierten Welt, die wir kennen, lieben und achten, zu tun hat. In unseren gesellschaftlichen Umgängen miteinander sind wir an das Gesetzbuch gebunden. An Konventionen. Die das Zusammenleben ermöglichen. Diese Errungenschaft macht uns zu gleichen Teilen frei, als auch unfrei. Sie schützt uns vor Übergriffen und verschiebt die Freiheit der Anarchie in unsere Träume. Und warum zum Himmel besaß er dann in seinem Traum von gestern Abend nicht die Wut sich diese Frau zu nehmen? Er hatte getötet für sie. Sein bester Freund war dafür gestorben. Sie war der Preis dafür. Sie war der Mittelpunkt des Schwarzen Loches seiner Phantasien. Sie war die Singularität, um die sich all seine sexuellen Wünsche drehten. Wer war sie? Und wie konnte sie sich seiner mentalen Gier entwinden?

Wäre sein Traum wie ein Konzert seiner Lieblingsband von dem er phantasierte, dann hatte er sich vorgestellt wie es ist am Morgen aufzuwachen, in die Arbeit zu gehen, dort alle möglichen Dingen zu tun erledigen, um sich danach  weiterhin vorzustellen wie es ist danach nachhause zu kommen, zu duschen, in sein Auto zu steigen, zu parken, vor dem Konzert Freunde zu treffen, sich anzustellen, Bier zu holen, um dann Schlussendlich das Konzert gar nicht zu besuchen. Die ganze Vorstellung machte keinen Sinn. Wie ein Flugzeug das nicht fliegen kann. Wie ein Fußballspiel ohne Ball. Das war im Prinzip nicht dramatisch. Nur unlogisch. Und Paul schob es auf die Drogen, die ihn wohl verwirrt hatten. Vielleicht war er auch zu lange wach geblieben. Da kann so etwas schon einmal passieren. Auch. Wenn es noch nie passiert war… Irgendetwas Unbekanntes schien in ihm zu sein. Etwas. Was ihm im Weg stand. Dass er nicht erklären konnte… Eine unbekannte Kraft hatte ihn von seinem imaginierten Lustgewinn abgehalten.

Paul zuckte in seinem Bett liegend mit seinen Schultern. Auf Drogen kann man halt auch sehr gut perplex sein.

Fünfundzwanzig Minuten später schellte sein Wecker. Kurzzeitig hatte er noch versucht an Katha zu denken. Doch in seinem Kopf hatte sich nur immer wieder das Bild der Pornodarstellerin „Lexi Belle“ geschlichen, als sie noch jung war. Die auf eine weltfremde Art Katha ähnlich sah. Paul konnte sich nicht mehr auf „die Echte“ konzentrieren. Aber das war jetzt auch schon egal.

Absolution – 20 – Männer vergewaltigen Frauen

Paul. Beide. Der reale und der Dschungel-Paul. Lebten bis hierhin ein privilegiertes Leben. „Schicksalsschläge“ waren etwas für Großeltern oder Verwandte. Eine konstante Größe, von der man zwar weiß, dass es sie gibt, die mit dem eigenen, subjektiven Leben jedoch nicht viel zu tun haben. Haustiere sterben. Großeltern erkranken. Die Kinder von Nachbarn. Dass waren bisher die Adressaten von Schicksalsschlägen. Das Leben hatte bis zu diesem Punkt einen genauen Rahmen. Einen berechenbaren Ablauf. Der Tod war etwas, das leise und doch heimlich angekündigt über Nacht kam. Sich seine Ziele ohne großes Tamtam aussuchte. Es wurde ein wenig Geheult und Gewehklagt. Dann war es auch wieder gut. Die zerstückelte Leiche seines Freundes im Blut der Bestie dort im hohen, niedergetrampelten Grase liegen zu sehen, war etwas vollkommen anderes. Paco hatte sein Leben noch vor sich. Wer weiß, vielleicht wäre er eines Tages Anführer der Ma-Fag geworden? Sicherlich wäre er zu einem stolzen Krieger herangereift. Einer jener stolzen Krieger, die tatsächlich nur Jäger sind und ihre Kriegskunst so gut wie nie unter Beweis stellen müssten. Paco. Und das wusste Paul in diesem Moment, in dem er nicht weinen wollte, war all das Gute gewesen, was Paul nicht war. Dieser Gedanke war affektierter Blödsinn. In der Tatsächlichkeit des Todes seines Freundes war es nicht weniger als die Wahrheit. Das. Hatte Paco nicht verdient. Warum musste das geschehen? Gerade eben hatte er doch noch verdient gelebt… Wie kann man so schnell unverdient sterben?

Obwohl Pauls ganzer Körper schmerzt, schiebt er die stinkende Bestie zur Seite und nimmt sich das Beil aus dem Schädel, der nichts mehr mit seinem Freund gemein hat. Das ist nur eine zerbrochene organische Statue. Eine Hülle. Ein Irgendwas… Nur kein Mensch.

Pauls Hände sind voller Blut. Das Blut aller Beteiligten vermischt sich auf seinen Handflächen.

Er hebt seinen Blick und sieht traurig zu der blonden Frau hinüber, die das mörderische Monster auf ihn gehetzt hat. Sie steht noch immer an Ort und Stelle. Nur bedecken ihre Hände nicht mehr ihren Körper, sondern hängen schlaff an ihren Seiten herab. Sie ist der Spiegel zu der grausamen Szene, dessen Mittelpunkt jetzt nur noch Paul ist. Zusammen ergeben sie, Frau und Mann ein die Wirklichkeit erklärendes Kunstwerk. Sie ist das pralle Leben. Hier bei Paul. Ist nur der Tod. Traurig begutachtet Paul ihren Körper. Ihre Schönheit bedeutet ihm nichts mehr. Die anderen Frauen sind davon gerannt oder verstecken sich irgendwo. Paul ist es gleich. Er sieht nur die Blonde mit dem starren Blick an; ihr Mut, ihr Stolz, ihr Überlebenswille, alles das ist aus ihrem Blick verloren. Sie weiß. Sie hat verloren. Und sie weiß auch, wie diese Geschichte weitergeht. Jede Frau in dieser Situation weiß das. Wie vor dem Kampf der beiden Jünglinge mit dem Monster gibt es nichts zu diskutieren. Sie weiß dass Paul gleich zu ihr hinübergehen und sie vergewaltigen wird. Es ist das Selbstverständlichste der Welt. Diese Tatsächlichkeit das unablässig Frauen auf diesem Planeten vergewaltigt werden, ist ein stilles Geheimnis, dass nur allzu gerne von jeglicher menschlichen Gesellschaftsform verschwiegen wird. Es geschieht überall, auf der ganzen Welt. Es passiert dann, wenn Frauen komplett dem Willen von Männern ausgeliefert sind. Bei Geiselnahmen oder Extremsituationen ist es ebenso der Regelfall, wie das daran verknüpfte Schweigen darüber: Männer vergewaltigen Frauen, sobald sich die Möglichkeit dafür ergibt. In den Nachrichten wird selten darüber berichtet, während in fiktionalen Geschichten wird der Mann als Edelmann dargestellt, der solche Situationen nicht ausnutzt. Doch das ist eine Lüge, die keine Opfer schützt.

Männer vergewaltigen Frauen, wenn sie glauben damit ungeschoren davon zu kommen. Moral ist etwas für Mittäter und Voyeuristen. Denn Männer sind triebhafte Tiere, die gerade in Ausnahmesituationen nur eines wollen: Macht. Eine Macht, die sie sich ihr Leben lang wünschen und doch nie erlangen können. Sie wollen ihre unterdrückten Komplexe ausleben. Wollen der Alpha-Mann sein. Mindestens der Beta-Mann. Hauptsache ein Mann, der sich über die arroganten und herabwürdigen Blicke der Frauen hinwegsetzt und sich endlich das nimmt, womit die Frauen ihnen vor der Nase herum wedeln und womit sie sie verspotten: Ihr Übermaß an Sex, von dem sie eine schier endlose Menge zu besitzen scheinen. Jeder Mann. Jeder Mann ist ein Tier. Dass sich das nehmen will, was er sieht. Und ein Leben lang den Zivilisierten zu spielen, ändert gar nichts. Die Wünsche und Phantasien bleiben die Gleichen. Männer wollen Götter sein. Und jeder Gott braucht seine Schöpfung…

Gleich würde sie vergewaltigt werden. Gleich würde er sie zerbrechen. Aus Rache. Dafür. Dass sein Freund gestorben war.   Seine Sexualität würde sie bestrafen – und für immer verändern. Er würde etwas in ihr Zerbrechen, das nie wieder heil werden könnte. Dass sie nachts weinend aufwecken würde. Woran sie jedes Mal denken müsste, wenn sie Verkehr mit ihrem Mann haben würde. Gleich würde es geschehen, diese unabänderliche Veränderung. Die in der Natur der Männer liegt und den Frauen aufgezwungen wird. Gleich würde für immer alles zu spät sein. Gleich würde der „point of no return“ überschritten sein. Gleich. Würde sie sich wünschen lieber tot zu sein.

Paul geht zu ihr hinüber. Er nimmt sie kraftlos an ihrem linken Handgelenk, sagt zu ihr: „Gehen wir“. Und zieht sie durch den Dschungel. Zu seinem Dorf.

In dieser Nacht hört man im ganzen Dschungel das Wehklagen der Ma-Fag.