Gewalt als Zeichen von Schwäche

Nach der 0 zu 1 Heimpleite des FC Augsburg, bei der er neben einem großen, nervigen Typen und seinen Freunden gesessen war, die für den FC Ingolstadt krakelten, obwohl sie ihrem Akzent nach eindeutig aus der Region hier kamen, verließ er das Stadion in dem  Geistesabwesenden Verlierertrott, den Fans nach einer Heimniederlage ihren Füßen und vor allem ihrem Schultern angedeihen lassen. Sieg oder Niederlage – danach gemessen wird aus einem normalen Samstag ein Tag der Euphorie oder der Depression.

Der Augsburger FC hatte auch wirklich schlecht gespielt. Ohne Ideen. Sogar ohne Leidenschaft.

Eine gute Anzahl der Besucher strömte direkt vom Stadion zum Plärrer, dem großen Volksfest in der Fuggerstadt. Sie tragen Lederhose und Dirndl. Er nicht. Ohnehin war er alleine gekommen und würde ebenso alleine gehen. Den heißen Asphalt entlang. Zur überfüllten Straßenbahn. Nachhause. Der Ort, an dem er mit seiner Frau und seinem Kind lebt. Doch wenn zuhause der Ort ist, wo das Herz ist, wo ist dann sein Zuhause?

Seine Frau hasst ihn. Sie hat auch allen Grund dazu. Sie wollte das Kind nicht, nicht von ihm – hatte es dann aber doch bekommen und ihn behalten, so wie man einen Ausschlag zu lange Zeit erträgt und nicht wirklich behandelt… Es war nicht immer alles schlimm gewesen. Da gab es diese Jahre der Hoffnung. In der dieser kleine, hilflos Wurm mit seiner Aura auch die zerstrittesten Menschen versöhnen kann. Babys haben magische Kräfte, die sie auf der Gefühlsebene ausspielen. Sie verzaubern dich. Sie retten dich. Nur leider sind diese magischen Kräfte wie immer nicht von langer Dauer. Magie verfliegt. Das hat sie immer getan.

Seine Frau verachtet ihn. Sie hasst seine Unbildung. Seine Dummheit. Die ihm wie ins Gesicht geschrieben steht. Er hat nie studiert. Nicht einmal Abitur. Sie natürlich schon. Die Germanistin, die im Leben viel Besseres verdient hätte als ihn. Den Klotz am Bein. Den ungebildeten Handwerker. „Der Dummkopf“, das sagte sie die ganze Zeit zu ihm. „Du Dummkopf!“ „Du Blödmann.“ „Du dummes Arschloch!“ Sie trichterte ihm ein, dass er Schuld an ihrer Miesere war. Und er glaubt es ihr bis aufs Blut. Und so sah man ihn manchmal fast weinend in der Kirche stehen, wenn die Messe an der Stelle angekommen ist an dem die Gläubigen auf sich selbst zeigen und zusammen sprechen: „Durch meine Schule. Durch MEINE SCHULD. Durch meine GROßE Schuld.“

Sie hat ja Recht. Sie hatte etwas Besseres verdient. Nicht ihn. Den ungebildeten Hohlkopf, der sprachlich und gedanklich zu keinem Zeitpunkt mit ihr mithalten kann. Ja. Er ist ein Idiot. Ein Dummkopf. Nie auf ihrer Höhe.

Aber er liebt  sie. Manchmal denkt er, dass das etwas ändert. Diese Liebe. Doch in klareren Moment wird ihm immer wieder spürbar, dass auch diese Liebe ein Teil seiner Dummheit ist. Liebe allein ändert nichts.

Er liest keine klugen Bücher. Weiß nichts über die Tiefe der Themen. Über die Umstände. Die Kausalitäten, die die Gegenwart bestimmen.

Er hat keine gebildeten Freunde. Nur alte „Kollegen“, mit denen er früher an Motorrädern herum geschraubt hat. Mit denen er die Lieder der Böhsen Onkelz sang, die von Aufrichtigkeit und Zusammenhalt handelten.

Er hat Angst vor den Asylanten, da er Angst um die Zukunft seines Kinds hat. Und er verabscheut die Bildungsintelligenzija aus dem Fernsehen, diese Politiker und Böhmermanns, die so superklug über seine Ängste lachen und zetern, ohne ihn auch nur ein wenig verstehen zu wollen.

Er weiß, dass die Asylanten auch nur Menschen sind, die vor Krieg und Tod flüchten. Ja. Er würde es genauso machen. Würde sein Kind und seine Frau retten. Aber in seiner stumpfen Welt erscheint es ihm auch legitim, Angst und Vorurteile über diese Menschen zu haben, da ihm bisher schon kein Mensch bei seinem Problem geholfen hatte, niemand ihn ernst nahm, und wenn jetzt noch mehr Hilfsbedürftige kommen, ist der Traum von seiner und der Rettung seiner Familie gänzlich ausgeträumt. Der Traum, kein Niemand mehr zu sein. Will das keiner verstehen? Dass es nicht darum geht den Anderen ihre empfangene Hilfe zu neiden, sondern darum, dass einem selbst nie geholfen wurde? Es geht um Respekt. Die Art von Respekt, die einem selbst nie zu Teil wird, nur den anderen, weil das Elend der anderen immer wichtiger zu sein schien, als das was man selbst durchlebt… Wie kann man jetzt „Unterstützung“ und „Solidarität“ predigen, ohne sie vorher der eigenen Gesellschaft gegeben zu haben?

Am Ende fühlen wir uns alle wie die ungeliebten Kinder eines Vater Staats, der die verlorenen Söhne oder gebildeten Schwestern uns selbst vorgezogen hat…

Er weiß auch, er ist kein Mann mehr. Nicht wie sein Vater einer war. Erst recht nicht wie sein Großvater. Sie waren keine Berserker, Machos oder Schläger. Sie waren nicht gewalttätig. Sie waren einfach nur Männer, die sich nichts vorschreiben ließen. Die kamen wann sie wollten,  und besonders gingen wann sie wollten. Sie, die Kinder, standen nicht im Mittelpunkt. Und wie er daheim seinen FC Augsburg-Schal abnimmt, findet er es das auch ganz gut so. Es ist gut wenn sich das Leben um die Schwachen der Gesellschaft dreht. Um die Frauen und Kinder. Doch der Rest muss auch einen Wert haben.

„Mann ist ein Schimpfwort“ hatte Thomas Meineke neulich in einem Interview gesagt, und würde unser FC A Fan diese Worte aus dem Mund eines Mannes hören, hätte er vielleicht zu weinen begonnen.

Mann… Lass mich nicht hängen…

Ja. Nein. Männer sind keine Männer mehr. Vielleicht ist das gut so. Vielleicht ist das schlecht. Gewalt an sich wird als etwas Dummes, Schlechtes dargestellt und womöglich stimmt das auch. Nur warum fühlt es sich für ihn so an, als würde man damit aussagen, dass auch das Mann sein an sich dumm und schlecht wäre?

Ja. Nein. „Wer sich nicht mit Worten sondern mit Händen verteidigen muss ist dumm“, das hatte man ihm sein Leben lang vorhergebetet. Und ja, er ist sich sicher, dass das die Wahrheit ist. Nur. Was bleibt dir wenn du zu dumm bist um dich mit Worten zu verteidigen, und die anderen (Frau, Arbeit, Medien) die ganze Zeit mit ihren überheblichen, für dich viel zu klugen Worten, auf dich einprügeln? Ja. Du bist wahrscheinlicher dümmer als sie. Okay. Aber hast du deswegen nicht ein wenig Gnade verdient? Ein wenig Mitgefühl? Und gibt es da nicht diesen Spruch dass ein Hund, der in die Ecke getrieben wird dazu gedrängt wird, zuzubeißen? Und was ist, wenn man den Hund an diesem Punkt schon so weit konditioniert hat, dass er nicht einmal jetzt mehr beißen kann? Was bleibt da für ein Wesen übrig?

Er ist noch nicht einmal zur Türe ins Wohnzimmer hinein, schon schreit seine Frau ihn an. Den Dummkopf. Und wieder einmal ballt er schon die Hände in seinen Taschen zu Fäusten, die er aber nie herausholt. Er weiß nicht viel. Er weiß aber, dass er seiner Frau körperlich in allen Belangen überlegen ist. Ja. Womöglich auf keinem anderen Gebiet. Nur in der Physis. Das ist seine einzige Trumpfkarte. Die Trumpfkarte, die die körperlich schwachen Leute ihm durch ihre Intelligenz und schlauen Reden nur nicht ausspielen lassen. De facto hat er Nichts. Nur Spott. Und Häme. Und wenn er eines Tages nicht mehr anders kann und seine Faust, oder auch nur die flache Hand, aus seiner Hosentasche ziehen würde, würden sie nach seinem „Schwächeanfall“, über ihn herfallen und in der Luft zerreißen. Den Schläger. Das Monster. Den Abschaum. Der typische Dummkopf. Der MANN.

Im Wohnzimmer nennt ihn die Furie, die er in Wahrheit so sehr liebt, einen „Schlappschwanz“, vor seinem Sohn, und spuckt ihm noch weitere Beleidigungen ins Gesicht.

Schade dass auch der FC Augsburg nicht gewonnen hat.

Das wäre doch immerhin „etwas“ gewesen.

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