Gewohnheitslisten

 

 

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Ich besitze ein giftgrünes Notizbuch im DIN A 4 Format mit weißen Sprenkeln, dessen Seiten mathematisch kariert sind. Mein Vater kaufte es mit einer Reihe anderen vor über 20 Jahren bei einem Urlaub in der Tscheslowakei, also in einem Land, dass es heute so nicht mehr gibt, und ich erinnere mich noch wie stolz und wichtig ihm diese unbedruckten Bücher damals waren. Am Ende landen diese Dinge auf die man einmal stolz war, konsequenterweise in einem, dieses Mal in unserem Keller. Von dort zog ich es vor wiederrum ungefähr 13 Jahren hervor und begann damit, jeden Film den ich zum ersten Mal ansah, dort einzutragen. Seit dem 30.11.2003 sind es – verklagt mich nicht auf Lückenlosigkeit – 1516 Filme gewesen.

Der Gedanke zu diesem Listenwesen drängte sich mir auf, da ich zu jener Zeit fast täglich in die Videothek ging und Filme auslieh, in einer so großen Zahl sogar, dass ich manche Videokassetten 2 bis 3 Mal auslieh, da ich einfach nicht mehr wusste, das ich sie schon gesichtet hatte. Nun. Mit der Liste. Konnte ich nachschlagen. Was ich nebenbei so gut wie nie getan habe. Sie aber in die Liste einzutragen, das wurde mir unglaublich wichtig. Ich mache das auch heute noch, wobei es mich eher nervt.

 

Das sollte jetzt eine Metapher dazu sein, warum ich in den letzten Wochen und auch schon Monaten keinen Blog mehr geführt habe: Es war alles zu einer unattraktiven Gewohnheit verkommen, die auf einem Grund basiert, die man in der gegenwärtigen persönlichen Entwicklung der blanken Jetzigkeit nur noch erahnen kann.

 

Auch meinen eigenen Blog lese ich so gut wie nie wieder, keine Ahnung wie ihr es mit euren haltet. Der Blog ist für mich immer mehr eine Liste gewesen, dessen Register man täglich aufzufüllen hat, zugegebener maßen mit Tagebuchartigen Zügen, denn der, der schrieb, war ich im Jahre des Monats am Tage in der Stunde: Einzigartig. Kein anderer. Ich, das vergangene Ich, eine fast schon vergessene Kompletterzählung, sowie ein Film  je nach Betrachtung immer auch ein Meilenstein oder ein Relikt seiner Zeit ist.

 

Ich hatte mir Mühe gegeben meine Betrachtung ins Weltgeschehen einzuordnen (auch wenn es eher umgekehrt der Fall war) und irgendwann war die Energie vom Tage Null weg, aufgebraucht, versprüht, was auch mit dem Jahr 2016 zu tun hat. Ein Jahr der Umwälzungen, von den Meisten von uns nicht positiv konnotiert.

In diesem Jahr habe ich wenige Blogs oder auch Zeitung gelesen, mehr Kurznews, wie es in der Gegenwart der Fall ist und die haben mich nicht intellektuell stimuliert, nein, sie haben meinen Geist beschnitten, ihn mit ihrer blanken Fülle erschlagen (was ich hier oft zum Thema machte). Zudem waren mir die Veränderungen, die Themen zu komplex um sie mit dem löcherigen mir zur Verfügung stehenden Schmetterlingsfangnetz meiner eigenen Psychologie zu fangen, und katalogi- und kategorisieren; die Menge an Umwälzungen war mir einfach to much als sie auf simple Formeln zu reduzieren, was leider wieder von anderen übernommen wurde. Das war schwach von mir, denn gerade in diesem Jahr wäre es wichtig gewesen dauerhaft und überall die richtige Haltung auszustrahlen und von sich zu geben. Aber ich war so erschlagen von der Arbeit, so gelangweilt von dem Listenwesen meiner Philosophie und auch viel zu satt von meinem persönlichen und sozialen Wohlstand, als dass ich noch Lust gehabt hätte mich an den Übergroßen Debatten zu beteiligen. Es kam viel zusammen was mir als Ausrede dient. Und doch fehlte mir die letzten Wochen das gewisse Etwas, durch das ich mich komplett fühlte. Also muss ich wieder Schreiben lernen, was in unserem Fall Sprechen lernen bedeutet.

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Als ich die Film-Liste begann, dachte ich, dass jeder gesehene Film auch irgendwie ein Teil von mir sein würde, da er mich mit seiner Geschichte, seiner Handlung, mehr oder weniger prägt und dass ich bestimmte Genres von Filmen sehen müsste, um der zu werden, der ich bin, auch, wenn ich viel lieber die schnelle und kurzweilige Unterhaltung hätte, die mich nicht fordert und mich menschlich nicht voranbringt und ganz egal wie Mühsam es war sich  viele Jahrelang die Arthouse-Filme, die Lars von Triers und die Hanekes anzusehen, hatte ich damals doch auch Recht: Man muss sich selbst bis zu einem gewissen Grad fordern, gerade geistig, sonst ist man nur noch ein Streaming-Dienstdurchklicker, der dünne Serielle Unterhaltung als großen Gesellschaftsroman missversteht… Also ja, nach der schlechten zweiten Jahreshälfte 2016 ist es wieder Zeit geworden sich selbst eine Stimme zu geben, sich selbst zu quälen und sich Gedankensphären auszusetzen, die mich nicht nur fordern, sondern überfordern. Was solls? Also ran an den Speck.

Heute ist mein erster Urlaubstag, mal sehen ob das so klappt wie ich mir das vorstelle.

 

Und an meine Blog-Freunde: Hallo Leute, schön das ihr noch da seid 🙂

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Gedanken zum Ende von Blog.de

Lassen wir das Persönliche gleich mal beiseite. Nichts von den wunderbaren Frauen die ich über diese Plattform kennen gelernt habe, jene, die mich retten wollten und mir dabei mein Herz stahlen (und es heute noch besitzen; Mii 😉 ). Nichts von den verrückten Kerlen mit denen ich mich anfreundete, lachte und mich teilweise dann auch wieder verstritt. Nichts von den Tagen in den Kommentarfunktionen, die wie in einem Sog aus Ironie verflogen. Nein. Es soll nicht um Paul Fleming gehen. Nur die GANZHEIT der Funktion macht Sinn.

 

Denn was endet denn am 15.12.2015? Nicht weniger als ein ganzes, virtuelles Universum an Geschichten, Abenteuern und Scheinrealitäten. Wenn die Plattform stirbt, stirbt auch ein Teil von uns der dort seit Jahren registrierten und eingeloggten Usern. Es verendet ein Teil unserer Realität, ganz gleich ob wir uns dort selbst erfunden oder nur inszeniert haben.

Dieses soziale Netzwerk war mehr wert als ein läppisches Facebook, diese Schmuddel-Ecke, in der keine Geschichten erzählt werden können; deshalb ist Facebook ja auch so erfolgreich als „soziale Plattform“ – weil es sich hierbei um den kleinsten gemeinsamen Nenners des Miteinanders handelt. Dort muss man sich nicht mit langen Texten und mit allzu vielen Visionen der Wirklichkeit auseinander setzen: Ein Blick genügt. Das ist mehr als nur Benutzerfreundlich, es ist Idiotensicher.

 

Auf Blog.de und allen anderen Blog-Portalen musste man sich hineinlesen, nachdenken, eine Meinung und Stellung zu den erdachten und wirklichen Problem haben, ganz egal ob das Alles nun besonders wichtig war oder nicht; ob es nun um Philosophie und Politik ging oder es doch nur ein Blog über den Lieblingshund war oder über Beauty-Produkte. Denn jeder Blog war und ist ein kleines Abbild eines Menschen, ein kleiner Taschenspiegel, den jeder von uns in seiner Herz- und Brusttasche mit sich herumtrug.

Der gute Blogger ist mehr als nur sein Blog. Ein Blog ist nur ein Teil von ihm, ein Teil seiner Wirklichkeit. Eine Nuance deines Ichs, das du, ich, wir alle, durch Zeichen und Buchstaben verstärken, aus uns herauskehren und dadurch die ganze Welt daran teilhaben lassen.

 

Ein Blog ist eine Spielwiese der eigenen Persönlichkeit, der viel mehr wert ist als der einzelne Eintrag. Und eine Plattform wie Blog.de oder auch WordPress, ist ein Spiegelbild der Wirklichkeit, ein besseres, idealeres weil erträumtes „Hier“, ein Paralleluniversum unserer Wünsche und Vorstellungen, dass jeder von uns betreten kann. Eine Landkarte der Träume. Ohne Ausgrenzung.

Und all das wird in ein paar Wochen einfach so verpuffen und sich in Luft auflösen. Diese Bibliothek an Menschlichkeit,  in der jeder User sein eignes Buch ist – was für eine Verschwendung! Was für ein Vergeuden an Potential.

 

Natürlich war nicht Alles gut. Mann, was haben wir uns schon über die Seite geärgert? Wie oft wollten wir schon umziehen? Wie oft ging dies nicht, und das andere sowieso noch nie?

Doch am Ende haben wir die Bugs tapfer ertragen, darüber den Kopf geschüttelt und weiter gemacht. Haben neue Freunde gefunden, alte verloren oder ewig behalten. Wir dachten ja trotz des ganzen Ärgers, dass es immer so weiter geht. Und jetzt. Stirbt uns die Plattform unter den tippenden Fingern weg.

 

Schade.

 

Alles muss enden. Das gehört dazu. Auch wenn ich sicherlich nicht der Einzige bin, der gerne dort für die Ewigkeit aufrufbar gewesen wäre. Ein klein wenig Unsterblichkeit, mehr wollten wir doch gar nicht.

Hat nicht funktioniert.

Und doch war jeder Tag vor Tastatur ein kleiner Ausweg aus einer langweiligen oder nervigen, gar aggressiven Realität, die wir uns in der virtuellen Welt zu Recht biegen, oder zumindest bejammern konnten, bis wir damit klar kamen. Ja. Blog.de war eine Form der virtuellen Realität, für die wir keine Brillen und Handschuhe brauchten. Es war ein eigener Kosmos. Eine Phantasie-Welt. Weit größer, spannender und zugleich doch banal realer, als jede Traumwelt, die sich ein einzelner Fantasy-Autor hätte ausdenken können.

 

Nachtrag: 

Ich habe gerade gesehen, das einige Blogs von Blog.de von Archiv.org gespeichert wurden, um sie für die „Nachwelt zu erhalten“. So auch meiner  Es sind aber  nur ein bis zwei Seiten aufrufbar. Sonst hätte ich mir Sorgen über die Kontrolle über den alten Blog gemacht 😉