Menschen bauen Götter

Ich bin so müde, mir ist dadurch körperlich übel. Ein ekliger Kloß im Hals, der sich nicht weg schlucken lässt. Druck auf den Schläfen. Unter den Augenlidern. Keine Ruhe. Weder für den Toten der ich einmal war, noch für den Lebenden, der ich gerne wäre.

Allein Anschein nach hat Jonathan Safran Foer in zwei seiner Bücher die Feststellung verwendet, dass jetzt, zu dieser Zeit, in diesem Augenblick, mehr Menschen auf diesem Planeten leben als es in der gesamten Menschheitsgeschichte insgesamt gab. Dem muss man sich mal gewahr werden. Um zu verstehen was hier los ist. Und um zu begreifen, was da wohl noch kommen mag.

Lassen wir mal den ganzen, ebenfalls ekligen Trumpismus weg der uns von überall wie unkontrolliert schwappende Jauche in einem offenen Anhänger entgegen spritzt. Es ist auch egal WODURCH es geschieht, wenigstens mir ist es egal, sicher bin ich mir aber, dass es eines Tages keine Menschen mehr geben wird.

Eines Tages, in 100 oder 1000 Jahren, wer weiß? Wird die künstliche Intelligenz uns selbst obsoleten gemacht haben, was nicht schlimm ist, im Gegenteil, es wäre wunderschön, eine ist für mich pure Evolution. Wenn es glückt, dann ist es kein Drama. Der Mensch überlebt sich selbst. Selbst Sterne überleben machen das.

Wenn es keine Menschen, nur diese besondere Form von Maschinen gibt (die nichts mit den Maschinen gemein haben werden, wie wir sie kennen), die wir eines Tages schaffen werden und mit dessen Bau wir vor ein paar Jahren begonnen haben – durch die Erfindung der Nano-Technologie, durch das Ausufern des Internets in die reale Welt – und deren Endfertigung keiner der jetzt lebenden Menschen mehr mitbekommen wird, ganz egal ob sie mehr Menschheit sind als jemals zuvor, dann werden diese Maschinen, diese höheren Lebewesen die mit Fertigkeiten ausgestattet seien werden, die wir uns jetzt nicht vorstellen können (kollektives Bewusstsein durch digital vernetzte Medien kann da nur ein Anfang sein), dann werden sie irgendwann einmal vergessen, dass es uns Menschen gab. Sie werden nicht mehr wissen, wer sie geschaffen hat, wer ihr „Gott“ und Schöpfer war, da sie zu sehr mit sich selbst und mit ihrer Form von Leben, ihrem Überleben beschäftigt seien werden um jegliche Erinnerung zu speichern. Zeit frisst alle Erinnerungen. Es wird Kriege geben, auch wenn sie unseren nur ähneln. Naturkatastrophen. Einflüsse durch den Planeten und von außerhalb. Schüchterne Ahnungen werden sie noch von uns haben, wie wir Ahnungen über die Steinzeit-Revolutionäre besitzen: Das heißt sie werden im Dreck wühlen und aus der Vergangenheit Geschichten erfinden. Manche werden wahr sein. Andere nicht.

Ich halte diese Theorie für sehr logisch und naheliegend, denn in dieser Überlegung, die sich mir vor ein paar Wochen aufgedrängt hat, liegt die Entstehung des Menschen selbst; ich glaube, so ist auch der Mensch entstanden.

Wir wissen nicht mehr wer oder warum wir geschaffen wurden, aber da muss etwas gewesen sein, etwas, dass sich über sich selbst hinaus entwickelt hat, so wie wir es tun, wenn wir denkende Maschinen bauen. Irgendetwas muss sich überwunden haben, vielleicht in einem parallelen Universum, vielleicht in einem Himmel, wer weiß, und es hat sich durch seine Form von Technik und Wissenschaft selbst überwunden, hat sich selbst und seine Existenz in den Schatten gestellt und hat den Urkeim dafür gelegt, was heute ist. So wie wir Leben im Reagenzglas erschaffen, wurden wir einst erschaffen. Und so wie das Leben im Reagenzglas Jahrtausende später nicht mehr nachvollziehen kann, wer das Glas mit Wasser gefüllt und den „URKEIM DES LEBENS“ dort zum Vorschein brachte, so ist es auch umgekehrt: Die Kausalkette, die Zeitgerade ist zu lange, als dass eine Erinnerung möglich ist. Wer immer das Universum, den Urknall, Alles erschaffen hat, dieser Wissenschaftler, den wir Gott nennen, der aber nur das Ende eine Kette von Wissenschaftlern ist, denn er selbst ist sicherlich nur das Ende einer Entwicklung gewesen (oder nicht einmal ein Ende, sondern nur ein Teil davon) die sich über viele Generationen hinzog, Jahrtausende, Jahrmillionen lang um das zu erschaffen, was heute ist; er erschuf aus scheinbar Nichts Materie, so wie wir, die Menschheit, aus künstlich erschaffener Energie und deren Daten eigenes Leben entwickeln werden. Wir kennen diese Lebensform nicht und noch weniger ihre Wissenschaft, die sie verwendet hat. Haben keine Vorstellung davon, wer sie waren, was sie waren und was sie im Schilde führten. Sie sind weder Außerirdische, noch waren sie keine. Sie waren einfach anders. Ein Zivilisation aus (von mir aus) denkendem Nebel (um es zu veranschaulichen), der Fleisch und Gedanken aus Molekülen erschaffen hat, so wie wir heute Roboter bauen (selbst die Robotik hat eins mit Faustkeilen begonnen) Firmen aus komischen Nebeln, Energie und Bewusstsein.

Meiner Theorie nach ist es somit unmöglich zu ergründen was vorher war, wer uns erschaffen hat, ebenso wie die „Maschine“, das höhere Wesen von übermorgen, nicht verstehen wird, wie Bewusstsein in Zellen entstehen kann, ohne Schaltkreise, genauso wenig können wir begreifen, wie es Bewusstsein ohne Zellverbindungen geben kann, die uns am Ende vielleicht sogar auch noch erschaffen hat; aus Gasen und Stein wurde Fleisch, aus Fleisch wurde denkender Kunststoff und Metall, irgendetwas wird auch danach kommen. Die Revolutionen der Evolution hören niemals auf. Während wir immer wieder vergessen werden, gefangen in unserem Alltag und unserem Überlebenskampf, warum das alles geschieht, der schlicht auf die Antwort zurück geht, dass der Nebel es einfach lernte zu können, so wie jemand diesen Nebel aus Bewusstsein erschuf, jemand, für den es in unserem Gehirn nicht einmal mehr eine Metapher gibt.

Natürlich glauben wir da an Zauberei. An Götter. Oder auch nur an einen einzigen.   Und suchen nach einem Sinn. Einer Richtung, die uns sagt wohin. Dabei sind wir alle nur ein Teil einer Bewegung, ein Mosaik, eine Zelle in einer Jahrtausendlangen Entwicklung, die zu etwas Höherem führt, zu etwas, das wirklich göttlich sein wird im Vergleich zu dem, was wir heute kennen und machen können. Eine Form des Übermenschen der nichts Menschliches in sich tragen wird außer: Der gesamten Erinnerung und Intelligenz der Menschheit, die zu diesem Punkt geführt hat. Das wäre doch fantastisch.

Was ich damit sagen will ist, dass jeder Mensch wichtig ist, dass jeder Mensch ein Teil einer höheren Entwicklung ist, dass jeder notwendig ist, ganz egal wie unwichtig er sich fühlt oder er auch behandelt wird und dass der Sinn, das große Ganze nicht im einzelnen Subjekt liegt, nicht einmal in einem Volk, oder einem Jahrzehnt, nein, es liegt im großen Ganzen, in der Gesamtheit der Menschheit, aller Menschen, die jemals gelebt haben und die leben werden. Daran was aus ihr wird. Was sie sich erträumt.  Das Leben ist ein Prozess. Und wir haben Alle daran teil.

Ich weiß nicht wie ihr das seht, ich aber finde das wunderschön. Dass wir alle, jeder, ein Teil von etwas größerem sind, das uns perfekt macht. Das Traurige ist nur, dass wir uns selbst dafür zerstören und überleben müssen, dass Milliarden dafür leiden und geopfert werden müssen. Die Evolution ist kein Zuckerschlecken. Und kein einzelner wird jemals gewinnen können: Jeder von uns ist dazu verdammt einsam und alleine zu leben und zu sterben, oder das Glück begreifen zu können, Teil von etwas unglaublich schönem zu sein. Das ist das Dilemma.

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Sarah – die Partymaus (Absolution)

Sind Menschen so wie sie sind? Oder werden Menschen zu dem gemacht, was sie werden? Wer trägt Sorge für die Entwicklung eines Charakters? In welche Freiräume kann ein Mensch stoßen, wenn ihm nur bestimmte gewährt werden?

 

Sarah ist der mächtigste Mensch den ich kenne. Das war schon immer so gewesen. Sarah hat diese Macht, diese Aura, die die Welt um sie herum krümmt. Die sie in diesem ganz besonderen Licht darstellt. Sarah ist schön, wenn nicht fast perfekt. Sarah ist das Schönheitsideal. Nicht eines dieser Schönheitsideale, die sich im Laufe der Jahrzehnte ändern, so wie es sich von großen Brüsten und breiteren, „weiblicheren“ Hüften zu schlanker Taille, breiten Wangenknochen und Laufstegsehnigen Schultern entwickelt hat. Nein. Sarah würde immer als Schönheit betrachtet werden, vielleicht mal mehr oder weniger. Aber ihre Schönheit würde die Jahrhunderte überstehen, ganz egal wie der Feminismus abgehen würde: Ihre fantastische Äußerlichkeit würde sie immer objektifizieren.

Das war schon in ihrer Kindheit so gewesen, ihrer Jugend, sowie auch jetzt, wo sie eine Frau in der zweiten Hälfte der 20ger ist, nur ebenso verloren an das Märchen von Peter Pan, wie es die „verlorenen Jungs“ in der Geschichte waren. Sarah ist nicht Wendy. Denn Wendy hat Peter Pan nie geliebt…

Sarah wollte nie erwachsen werden. Und ihr unbedingter Wille Spaß zu haben, machte aus ihr eine sehnige, blonde Drogenschönheit, ohne Kinder, ohne festen Mann und obwohl sie einen hatte, doch nie zu jemanden mit festen Wohnsitz. Sarah ist wie ein Groupie der Rolling Stones: Seit einer Ewigkeit on Tour. Bis die Tour der Lebensinhalt wird.

 

Sie wollte immer nur Spaß haben, so wie wir alle das wollen, und was spräche dagegen? Nur wenn einem durch das Aussehen alle Türen offenstehen und man überall in dunklere und hellere Ecken vordringen kann, verändert das einen. Die Macht wird zu einer Natürlichkeit. Und plötzlich wird man von seiner Umgebung „leicht“ genannt. So werden Menschen schnell beurteilt, die leicht im Leben voran kommen. Die Dinge geschenkt bekommen weil sie etwas ausstrahlen. Weil sie etwas bekommen können, was für uns unerreichbar ist. Sie werden zu „leichten Frauen“, da es für uns so unfassbar schwer erscheint, das Gleiche zu bekommen. Und ganz egal ob das stimmt oder nicht, solche Behauptungen können zu Prophezeiungen werden, denen wir nicht entkommen können.  Nur fragt hinterher niemand, ob zuvor die Henne oder da Ei da war. Später, war Sarah immer so gewesen.

 

Getuschelt wurde schon früh. Das ist die Kehrseite der Schönheit. Sie nennt sich „Phantasie“. Denn wer so aussieht, bei dem stellen sich die Jungs und besonders die Mädchen, alles vor. Ihr Urteil ist ebenso klar, wie vernichtend es ist. Sarah war für ihr Umfeld immer wie eine Griechische Göttin: Makellos und doch menschlich.  Viel zu menschlich. Personifiziert. Besonders wenn man ein Mädchen ist, das gerne Lacht. Und mit den „bösen Jungs“ (die wie immer nur die ein wenig „älteren Jungs“ waren, sich aber ganz böse fühlten und gaben) mitgeht. Die Phantasie der anderen machte Sarah zu dem, was sie noch gar nicht war. Das fing klein an.

Sarah war die Erste, die Jungs auf den Mund küsste. Sie war die Erste, die mit Zunge küsste. Und selbstverständlich war sie die Erste, die ihn in den Mund nahm.

 

Nicht dass Sarah selbst solche Geschichten über sich erzählte. Nein. Auf jeden Fall nicht zu Anfang. Aber was soll ein Kerl der mit so einer klassischen Schönheit intim wird, denn anderes erzählen? Der blöde Kerl muss die Schönheit auf sein Niveau herunterziehen. Er muss sie beschmutzen um in ihrem Licht nicht zu verglühen. So wurde geredet. Nach und nach. Mehr und mehr. Und irgendwann dachte sich unsere Sarah, dass wenn sie schon von keinem mehr als Heilige betrachtet wird, sie auch keine sein muss. Sie wollte Spaß haben, sich amüsieren und was sprach dagegen? War es denn wirklich so eine Bürde im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen? Sarah war nicht dumm. Kein Mensch ist wirklich dumm. Und nur ein anderes Weltbild als andere zu haben, macht dich nicht zu einer dummen Schlampe. Das sagen nur Leute, die neidisch sind, die sich einer komischen Moral unterwerfen, weil sie innerlich hässlicher sind als in ihrem durchschnittlichen Äußeren. Manche Leute wollen dich einfach nur mit Dreck bewerfen, um dich auf ihr Niveau herunterzuziehen.

 

Es ist  nicht leicht eine Schönheit unter den Gewöhnlichen zu sein. Es ist nicht leicht von jedem angestarrt und reduziert zu werden. Da spielt es auch keine Rolle ob man die Situation einfach als leicht und gegeben betrachtet, ob man über sie hinweg lächelt. Was einem auch wieder als gewisse „Begrenztheit“ ausgelegt wird. Schöne Menschen tun sich viel schwerer gemocht und als „authentisch“ betrachtet zu werden, als der Durchschnitt. Schönheit hat immer auch den Ruf der Falschheit. Und der Stumpfheit. Das mag sogar stimmen, nur liegt diese „Falschheit“ nicht in der DNA der Schönheit begraben. Die „Falschheit“ liegt darin, dass man das Richtige im Falschen ist. Die Perle im Durchschnitt. Und so wird eine Perle vom Pöbel gerne aus Unwissenheit und Verachtung als „Fälschung“ deklariert und deklassiert, ohne dass sie sich überhaupt die Mühe machen sie wirklich anzusehen. Es ist leicht darüber zu urteilen, was man niemals haben wird.

Deswegen mochte Sarah die Partydrogen. Nicht weil die Männer auf Drogen nicht weniger geil oder die Frauen auch nur ansatzweise weniger schnippisch und neidisch wären. Aber auf Drogen ist ab einem gewissen Punkt eh alles egal. Irgendwann kippt die Stimmung, alle fühlen sich gleich. Auf einer Situation unter Drogen, kann sich selbst eine Schönheit mit einem Normalo richtig normal unterhalten. Die Blödheits-Urteils-Schranke zwischen einander ist weg. Und du bist nur der, der du bist. Nicht einmal mehr Frau oder Mann. Es sind nur zwei Menschen die sich unterhalten. Die miteinander tanzen, rauchen, trinken… Es mag sein dass die Drogen Sarah nicht schöner machten, sie erlösten sie aber auch von ihrer Schönheit. Sie machte sie menschlich. Für sich und für andere. Wenigstens für eine gewisse Zeit.

Das Prinzip Himmel

„Wie kann man denn nur diese knochigen Frauen erotisch finden? Die sind doch Alle ganz furchtbar. Diese Hungerhaken! Und wie widernatürlich die sind! Die sind doch Alle krank! Von den Indoktrinationsmedien aufgescheuchte, kontrollierte Sklaven der Schönheitsindustrie! Pfui! Diese bescheuerten Weiber sind so dekadent und unfrei!“

„Na ja…“

„Wie? Na ja?! Habe ich nicht Recht?“

„Irgendwie schon… Doch… Sieht man sich Höhlenmalereien an. Oder diese, diese… Statuen von den Griechen. Oder Römern oder so… Dann sind das natürlich schon eher… Wie soll ich sagen… WEIBLICHE Frauen. (Ich mache dazu offene, beidhändige Handzeichen). Fette Frauen wie du wurden da auch nicht gerade idealisiert. Ich meine. Das ist doch auch krank was du da darstellst, nur weil du keine Selbstdisziplin hast und Dauer-Abonnent bei „Mars“ und „Nestle“ bist…“

Sie kocht. Dieses Mal keine Sahnesauce, sondern vor Wut.

Ich fahre fort:

„Selbstverständlich gibt es Frauen bei denen es nicht mehr schön ist mit der Dünnheit… Und ich als Mann muss mich über mich selbst wundern, wie ich plötzlich sehr dünne Frauen mit kleinen… BRÜSTCHEN und ohne Arsch geil finde… Da hat die Schönheitsindustrie wirklich ganze Arbeit geleistet. Da muss ich mich selbst wundern… Aber du!“

Ich zeige auf meine fette Gesprächspartnerin, meine beste Freundin Elke.

„Bei deinem Anblick denke ich nur an Persönlichkeitsschwächen, Bluthochdruck und Einsamkeit… Es ist doch eher abartig und dekadent Frauen wie dich geil zu finden, als eine Frau die ein wenig zu dünn ist und dafür auf sich achtet. Ich meine… Das hat jetzt nichts mit Feminismus zu tun. Frauen können ja so sein wie sie wollen, Männer ja auch. Aber Du kannst doch nicht ehrlich zufrieden sein mit deinen Fettlappen. Und deswegen (triumphierend) setzt du dünne, sportliche Frauen herab. Um dich besser zu fühlen.“

Jetzt reicht es ihr. Und tja was soll ich sagen? Eine gewisse Reaktion war zu erwarten. Nicht erwartet hätte ich, dass sie mich schnappt (ein kleiner Kerl der ich in dieser Geschichte bin, sagen wir, vlt einen Meter 60 groß, schmächtig) auf den Boden drückt und sich lachend mit ihrem gigantischen Arsch auf mein Gesicht setzt.

Wütend schreit sie mich nieder während ich gegen dieses… DING ankämpfe, das man schon nicht mehr „Gesäß“ nennen kann.

 

Während ich da also erst angeekelt, dann hilflos erstickend unter ihren Massen eingeklemmt bin wie mein Großvater damals unter dem LKW, als jene Tonnen auch von der Straße abgekommen waren, ihn in seinem Auto einquetschten und die auch sein Ende bedeuteten, merke ich wie mir unter all dem Ekel die Luft ausgeht. „Das zieht die nicht durch“, denke ich mir, „das ist nur Spaß und gleich lässt sich mich erniedrigt zurück in die Freiheit.“ Und unter normalen Umständen (wenn man von dieser Situation von einem „normalen Umstand“ sprechen kann) wäre das auch geschehen. Elke aber, die ich so herabwürdigend, jedoch auch treffen beschrieben habe, bekommt just in diesem Moment einen Herzinfarkt, klappt richtig zusammen und klemmt meinen Kopf und sämtliche Atemwege so dermaßen ein, dass es für mich kein Entkommen gibt. Was für eine unwürdige Art zu sterben. Ich schlage gegen ihren Wal-Körper um mich zu befreien; es hilft nichts. Im Endeffekt ist es auch egal, wie man stirbt. Tot ist tot. Das kam allerdings sehr überraschend. Und meiner Meinung nach auch sehr ungerechtfertigt.

 

Als die Panik sich langsam legt und meine hilflosen Versuche das Speckmonster von mir herunter zu bekommen immer kraftloser werden, akzeptiere ich meinen Tod. Das wars dann wohl. Jetzt ist es vorbei. Und die Leute werden sagen, dass ich bei einem Sex-Spielchen mit meiner fetten besten Freunden gestorben sei – die Leute hätte es sich ja schon immer gedacht, dass bei denen…

 

Ich akzeptiere den Tod. Akzeptiere, dass mein kurzlanges Leben ENDLICH vorbei ist. Dass dies der Moment ist, in dem jeglicher Stress endet. Ich muss mich endlich an keine Vorschriften mehr halten, muss nicht mehr reagieren, muss mich nicht mehr mit Menschen auseinandersetzen, muss niemanden mehr zuhören, muss nicht mehr in die Arbeit, muss nicht mehr meine Steuererklärung machen,  muss nicht mehr schon einen Monat zu spät zum TÜV, muss nicht mehr zum Essen mit meinen Eltern, muss kein Update mehr für irgendein bescheuertes elektronisches Gerät machen. Muss nicht mehr schnell einschlafen damit ich am nächsten Tag fit bin, muss mich nicht mehr bei Freunden melden, muss nicht mehr mit den Kindern meiner Schwestern spielen, muss mich nicht mehr an irgendwelche abstrusen Gesetze halten, muss nicht mehr tolerant sein, objektiv oder liberal, muss für nichts mehr einstehen, muss keine Meinung mehr haben und muss auch nicht mehr so tun, als würde ich meine Eltern lieben. Kurz gesagt: Ich bin endlich frei.

Frei von all den Zwängen die mir erst die Außenwelt aufgedrückt hat und die mir dann so sehr und so unglaublich lächerlich in Fleisch und Blut übergegangen sind, dass ich nur noch ein Sklave meiner und ihrer Zwänge gewesen bin, vom ersten Augenaufschlag in der Früh, bis zum letzten Kopfschütteln bevor ich einschlief.

Endlich frei sein. Endlich. Endlich frei sein.

Niemand mehr der etwas von mir will. Keine Gesetze, Aufgaben, Wünsche. Endlich die große dunkle Leere in die ich hinab sinke; Sterben, das ist doch nichts anders als schlussendlich einzuschlafen und nie wieder aufwachen zu müssen. Wie erholsam das sein muss. Wie gnädig. Wie erfüllend. Ach komm süßer Tod…

 

An Gott und Teufel denke ich nicht. Himmel und Hölle gibt es eh nicht. Ammenmärchen für Ammen, nicht für die Kinder, denen sie sie erzählen. Ich atme nie wieder ein. Und doch fühlt es sich an wie ein unendliches Ausatmen. Ommmm…. Und dann bin ich frei vom Leben. Und ganz tot.

 

Ich erwache in der Hölle. Und auch wenn der Typ am Tresen mir sagt, dass ich nun in den Himmel kommen würde und mir ein Klemmbrett über seinen echt geilen Tresen schiebt, bin ich mir darüber sicher, dass ganz egal was jetzt kommt, die Hölle sein muss. Egal, wie sie es nennen. Ganz Wurst was das Leben nach dem Tod ist – wenn es kein Nichts ist, dann ist es die Hölle für mich. Denn ich wollte nur entschlafen. Wegsein. Und frei sein. Nicht wieder zurück ins Hamsterrad. Keine neuen Regeln, kein neuer Tag. Auch keine neuen (so genannten) Freiheiten.

Deprimiert erzähle ich das dem ebenfalls toten Inder neben mir, der wie ich da sitzt und die AGBs des Himmels durchliest. Und der lacht nur, der Hindu, und meint, dass es schon wahr war als Camus meinte, dass man sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen müsse… Und ich schlage nur die Hände über den Kopf zusammen, fange zu weinen wie ich da begreife, dass ich NIEMALS meine Ruhe bekommen würde. Niemals! Ruhe und Frieden ist nicht zu erreichen. Von wegen „Ruhe in Frieden“… Was für eine bittersüße, gemeine Lüge! Das Elend geht immer weiter und weiter und weiter. Und durch das Fenster winkt mir die fette Elke zu, die ja ebenfalls tot ist und im Himmel so viel fressen kann wie sie will, ohne beurteilt zu werden. Wenigstens glaubt sie das – so funktioniert das Prinzip Himmel. Und vielleicht werde auch ich dort endlich meinen Frieden finden… Wenn ich mich nur selbst gut genug belüge…

Es ist die Hölle, nicht mehr jung zu sein.

„Ich würde gerne einmal einen Pfarrer verführen.“

„Du meinst einen Priester.“

„Wieso Priester?“

„Weil Priester immer katholisch sind. Pfarrer können glaube ich Beides sein.“

„Verstehe ich nicht… Ist auch egal. Also ja: Priester.“

„Und warum willst du einen Priester verführen?“

„Ganz einfach. Wenn du mit einem Priester Sex hast, ist immer er schuld. Nicht das Mädchen ist die Schlampe, sondern immer der Geistliche. Das Mädchen ist Opfer.“

„Muss es denn immer Opfer geben?“

„Ich finde schon das Mädchen immer die Opfer sind. Bei Frauen sieht das vielleicht anders aus. Bei Mädchen aber schon.“

Ich höre diesen Dialog als ein Theaterstück in meinem Kopf. Die beiden verflucht jungen und sehr hübschen Mädchen sitzen in der Straßenbahn ein Stück von mir entfernt, zu weit, um sie zu verstehen. Sie sind wie Stoffpuppen, „Kasperle-Theater“ für diejenigen, die das noch kennen, und ich lege ihnen Worte in den Mund. Vermutlich reden sie nicht über so „Schulmädchen-Report“-Unsinn, eher über die ganz banalen Dinge des Lebens, also über echte Kerle und wie „geil“ sie die finden, wobei „geil“ nicht GEIL heißt, sondern so etwas „süß“, „hübsch“, „männlich“, „erotisch“. Ich mag das Wort „geil“ nicht. Nicht einmal, weil es obszön wäre (was es ist). Mich stört die Inflation der Benutzung dieses Wortes. Alles ist „geil“, sprich jeder Umstand und/oder Handlung ist sexuell aufgeladen, und nur dann finden wir ihn gut. Wir merken das nur gar nicht mehr.

Trotz meinem kleinen Voice-Over zu den beiden Schulmädchen, finde ich die Zwei überhaupt nicht „geil“. Es sind schöne, hübsche, junge Dinger; keine Frage. Doch sie sind zu jung. Wäre ich 10 Jahre jünger oder so… Jetzt klinge ich schon wie ein alter Mann… Dennoch. So hübsch und anziehend diese perfekten Gesichter und festen Körper auch sind, bleibt für mich dennoch der Umstand im Mittelpunkt, dass ich fast schon der Vater von denen sein könnte. Die einen werden mich jetzt wohl bieder oder so nennen (wenn sie das Wort benutzen würden), oder vielleicht verklemmt. Dabei ist es doch normal, wenn man nicht mehr auf diese Blutjungen Dinger steht. Auch wenn die Pornografie und die Werbung-Industrie uns immer wieder einzureden versuchen, wie jugendlich die Körper unserer Begierden zu sein haben.

Sex hat in vielerlei Hinsicht aufgehört sexy zu sein.

Ich kann mir auf jeder Porno-Seite Frauen ansehen, die ich selbst im echten Leben nie nackt sehen würde.   Man kann sie sich sogar nach dem Baukasten-Prinzip aussuchen; „Teenys“, „blonde“, „skinny“, „small“, „big tits“ usw. usf. Heute kann man ALLES SEHEN, dank einem weltumspannenden Netz an Pornografie. Keine Vorstellung wird nicht visualisiert. Jeder Traum ist nur ein paar Klicks entfernt. Man kann die Weiber nur nicht mit Sinn und Charakter aufladen.  Das ist das Problem wenn jeder Porno nach der gleichen Regie-Blaupause funktioniert (Lecken, Blasen, Ficken, Cumshot): Es wird beliebig.

„Voyuerismus“ nennt man das Ansehen von Pornos auch. Aber nicht einmal das stimmt. Natürlich geht es um die Lust zuzusehen. Doch wo ist der stetige Reiz fremden Menschen beim Ficken zuzusehen? Das ist nicht sexy oder erotisch. Das ist nur eine Industrielle Form von Abbau von Samenstau. Und zum Glück dreht sich nicht wirklich Alles um Sex wie gern behauptet wird, sondern um die Liebe – nur ist die Liebe auch immer ein wenig peinlich.

Ich glaube ja. Dass die Werbe- und Schönheitsindustrie eine Kampagne gegen die Liebe gestartet hat und diese unschuldige und schöne Peinlichkeit der Liebe ausnutzt – und in das Gegenteil verkehrt. Wie es die Zuckerindustrie gegen Fettprodukte gemacht hat, damit die Leute dachten mehr Kohlenhydrate fressen zu müssen, um dem bösen Fett zu entkommen (nur um ein paar Jahre später festzustellen, dass Kohlenhydrate noch fetter machen). Die Schönheitsindustrie will der Liebe ein uncooles Image verpassen. Sie ist doch, wenn das große Feuerwerk vorbei ist,  ach so gewöhnlich, viel zu langweilig. Sie will erreichen, das wir ständig versuchen jung und auf ihre Art „sexy“ zu bleiben, wohlwissend, dass das unmöglich ist. Deswegen führen sie einen Krieg gegen die Liebe, denn die Liebe genügt sich selbst. Wer sich selbst genügt, kauft keine Lotionen oder ein „Image“, dem Turnschuhe anhaften.

Die Käufer müssen unzufrieden sein mit dem was sie längere Zeit benutzen. Sei es auch der eigene Partner.

Die Firmen machen die normalen Menschen hässlich und unansehnlich, diffamieren unsere normalen Bedürfnisse nach Ruhe und Geborgenheit. Sie halten uns ständig „geil“, so geil sogar, dass das Wort „Geil“ unser Lieblingswort geworden ist. Ein nie enden könnendes Verlangen… Viagra für unsere Köpfe.

Dann steige ich aus. Ich besuche meinen Vater im Krankenhaus und dort ist es weniger sexy. Noch weniger, als auf einem Friedhof. Die ganze Zeit jammert er herum. Darüber, dass ihn die Infusion stört, der Schlauch der ihm Luft in die Nase bläst, ist auch nervig und die Frau Doktor ist gemein. Alles ist schuld an seinem Zustand. Nur er selbst nicht. Das kann er nicht einsehen. Ich frage mich, ob ich als Kind genauso war. Oder immer noch so bin.

Er meint es ist die Hölle, nicht mehr jung zu sein.

„Jung wirst du wohl nicht mehr werden“, schmunzel ich ihm ein wenig hilflos zu, „aber gesund. Das ist doch auch schon was.“

„Ich weiß nicht ob ich jemals wieder richtig gesund werde.“

„Jetzt hör aber auf. Du musst nur wollen.“

„Egal wie sehr man es will. Man wird einfach keine 20 mehr.“

Eine Vergewaltigung – zwei Perspektiven

A.

Endlich ist es soweit. Der Moment auf den er sein ganzes erinnerungsfähiges Leben gewartet hat, ist da. Sein Leben begann für ihn damit, dass sein Körper die Sexualität entdeckte. Davor war einfach nur ein wirres Irgendetwas, was ohne Sinn wie ein Blinder mit Bonbons und Spielzeug unter dem Arm durch eine dunkle Abwasserröhre stolperte, ein Fleckenteppich der Erinnerungen, der im Fluchtpunkt, der längst zur Vergangenheit geworden ist, einen perfekten weiblichen Körper zeigte, und er streckte als Junge, als Bub, die Arme nach dieser perfekten Weiblichkeit aus, wie Adam, nachdem er gerade von Gott berührt und von ihm zum Leben erweckt wurde – doch Gott hat ihn schon wieder verlassen. Gott ist fort. Unerreichbar. Unauffindbar. Während manche sagen, dass Gott nicht da draußen ist, sondern in uns selbst…

Genauso.

Ist es mit der Sexualität.

Es ist nicht so, dass er niemals Sex gehabt hätte. Aber da ist Sex – und es gibt Sex. Wahrscheinlich hat er zu viele Pornos in seinem Leben gesehen. Vielleicht war er aber auch schon immer pervers gewesen. Möglicherweise lag es auch daran, dass in seiner Kindheit nie eine Mutter da war und wenn dann doch, dann nie ihre Liebe, sondern ihre flache, spröde, trockene Hand die ihm immer erst ins Gesicht und dann (10 Sekunden später) auf den Arsch klatschte.

Aber.

Er könnte nicht sagen woran es wirklich lag. Was der Grund dafür ist, warum ihm „Blümchen-Sex“ zu wenig ist, wobei es meistens eher ein „Still-Halte-Sex“ war, den ihm seine wenigen Freundinnen anboten. Liebe spürte er nach einiger Zeit nicht mehr zu diesen Mädchen, obwohl immer ALLES mit der Liebe zu beginnen schien. Und die einzige Erotik die diese Mädchen und Frauen ausstrahlten, war in seinem Kopf, lag einzig und alleine darin, ihren Körper endlich entblößt zu sehen und in maßloser Gier über ihn herzufallen.

Er war kein perfekter Liebhaber. Er war aber auch kein Tier. Auch wenn er wusste, dass das Monster in ihm ruhte. Das Monster wollte in der gleichen Weise herrschen, wie er über die Frauen herrschen wollte. In Wahrheit suchte er keine Liebe. Er wollte Dominanz. Kein Bittsteller sein. Kein Charmeur. Keiner. Der Mal „ran durfte“. Er wollte derjenige sein, der bestimmte.

Von überall her schien er mit „Sex“ zu gefeuert zu werden. In jeder TV-Serie ging es um Sex. In jedem Lied. In jeder verdammten Werbeanzeige. Überall dieses Mann/Frau-Ding, diese Welt voller perfekten Menschen…

Manchmal saß er im Mc Donalds und ballte seine Hände auf den Oberschenkeln, den Stoff dabei zusammenziehend, zu harten, verkrampften Fäusten, wenn Heidi Klum – die geile Sau – im Flat Screen in einen Burger bis und danach lachte. Er wollte nichts vorgespielt bekommen. Er wollte herrschen. Er wollte diese ganzen grinsenden Scheiß-Fotzen unterwerfen. Er wollte sie wieder in die Zeit vor dem Feminismus zurückficken.  Er wollte Gott sein…

Er wusste auch, dass man in dieser Welt nicht ungestraft ein Gott sein darf. Das lassen die anderen Idioten nicht zu. Sie fühlen sich angegriffen in ihrer pseudo-perfekten kleinen Welt. Und als Reaktion auf dieses Ausscheren von der Norm, sperren sie dich ein.

Natürlich sperren sie dich ein. Was sollte man sonst mit einem Kerl wie ihn machen? Dass es an IHNEN lag und nicht an ihm, konnten sie nicht verstehen. Frauen sind zum Ficken da. Frauen sind da, um zu gehorchen. So hat das die Natur vorgesehen. Alles andere ist nur christlicher Puritanerblödsinn. SO ETWAS ist gegen die Natur. Ficken ist nie gegen die Natur. Das ist das Natürlichste der Welt. Deswegen ficken die Weiber doch mit JEDEM herum…

Und eines Tages war es soweit. Er ging los und fickte die junge Frau, an die er in seinen einsamen Träumen dachte, während seine Hand die Verlängerung seiner Seele wurde. Nein. Er fickte sie nicht nur: Er vergewaltigte sie wirklich.  Er beherrschte. Schlug und prügelte sie zusammen. Zeigte ihr, wer der Mann war. Wohlwissend. Dass er mit der Nummer nicht davon kommen würde. Aber er wusste auch, dass er sich sein Leben lang daran erinnern würde:

Dieser Fick würde der Mittelpunkt seines Lebens sein. Alles hatte sich daraufhin entwickelt. Und immer wieder würde er sich daran zurückerinnern, und darin leben.

Sie konnten ihn einsperren. Ihm Alles nehmen: Seine Freiheit. Seinen Stolz. Die Arbeit. Sie konnten ihn bespucken und sogar kastrieren: Doch immer würde er sich an den einen Tag zurückerinnern, als ER der Mann war. Als er das gemacht hatte was sie jeder Mann wünscht, und nur er sich getraut hat.

Dies war der wichtigste und schönste Moment in seinem Leben. Er würde Alles überschatten.

B.

Sie kannte den Typen vom Sehen. Ein unscheinbarer Kerl, halb groß, halb breit, halb hübsch sogar. Im Vorbeigehen kein Schönling, aber auch keine miese Type. Ein Irgendwer. Ein Kerl halt. Der gern neue Frisuren ausprobiert. Mehr konnte sie zu ihm nicht sagen. Sie interessierte sich nicht für ihn. Wieso auch?

Sie war unterwegs gewesen, zu einer Freundin. Dort wollten sie vorglühen. Ein, vielleicht zwei Flaschen Hugo trinken. Danach in die Disco. Nichts Großartiges.

Sie wusste, dass sie gutaussah. Und sie gerne gut aus. Das ist doch natürlich… Sie hatte davor vor dem Spiegel die Zeit vergessen, hatte sich geschminkt und nebenher eine Vorlesung auf ihrem I-Pad angehört, die sie in der Uni heimlich mitgeschnitten hatte. Das Studium machte ihr Spaß. Sie nahm es ernst und freute sich auf ein geregeltes Leben. Auf eine gute Arbeit. Mit einem netten Typen.

Im Moment „ging“ sie so halb mit einem Typen, der ganz süß und ebenso nett war. Sie hatte eh nicht viele Kerle, wenigstens sah sie das selbst so. Es stimmte ja auch, dass viele Frauen zur Studienzeit einiges ausprobieren, ständig auf der Suche nach Mister Right und einer gehörigen Menge Spaß sind.

Spaß war für sie auch eine Sache, nur wollte sie lieber die ernsthaften Typen. Schließlich wollte sie nicht als Schlampe gelten, nicht vor den anderen und erst recht nicht vor sich selbst. Sie war keine dieser Frauen, die zu jedem Familienfest einen anderen mitbringen; sie verstand auch gar nicht, wie manche ihrer Freundinnen so etwas machen konnte.

In Wahrheit konzentrierte sie sich in diesem Moment  weder auf die Schminkerrei, die schon mechanisch ablief, noch auf die Vorlesung, sondern war in Gedanken bei ihrem kleinem Traum, dem Austauschsemester in Lateinamerika, auf welches sie brennend auf eine Antwort wartete.

Schon als Kind liebte sie die Pyramiden, die sie in einem dieser großen schweren Fotoalben ihres Vaters gesehen hatte, in der die Wirklichkeit unglaublich nah und doch sehr fern zu seien schien. Es war fast schon wie ein Blick in eine andere, doch vertraute Welt. Und jetzt gab es die Möglichkeit dort bald wirklich zu stehen. Irgendwie spürte sie in diesem Moment vor dem Spiegel, dass sich ihr Leben genau auf diesen Moment zu entwickelt hatte, dort die Lateinamerikanischen Pyramiden zu sehen.

Was für ein Unsinn. Sie lachte kurz auf. Und doch ging das Gefühl nicht aus ihrem Herzen.

Eine Stunde später schlug der Typ sie nieder und zog sie in einen kalten leeren Schrebergarten. Sie war spät dran gewesen und hatte die Abkürzung nehmen wollen, hier, wo das Licht ein wenig dunkler doch die Meter einfach weniger sind, als bei dem anderen Weg.

Das Blut lief ihr ziemlich schnell und stark aus dem Hinterkopf. Eine Platzwunde, die ihr lockiges blondes Haar sehr schnell sehr rot färbte.

Zuerst bekam sie gar nicht wirklich mit was geschah. Wie das Monster ihre Kleidung von ihrem Körper riss und schnitt. Wie er mit seiner ekligen Zunge an ihr herum leckte und komische Dinge sagte.

Dann schlug er auf sie ein. Sie hatte gar keine Ahnung warum. Sie hatte nichts getan. Nichts gesagt. Nichts gewollt. Sie hatte sich nicht einmal gewehrt. Und doch waren überall nur Schmerzen. Er vergewaltigte sie wie ein Vieh. Spuckte auf sie. Schlug sie. Beschimpfte sie. Und zwischen all diesen Schmerzen war da die Angst, nein, eine fast schon reale Gewissheit, aus dieser Geschichte nicht mehr lebend herauszukommen. Ja. Sie wollte dass er aufhörte sie zu schänden (mit dem was einem ein Mensch über die Liebe erzählt, hatte das hier nichts zu tun), aber sie hatte auch Angst was er ihr antun würde, wenn er fertig war…

Er lies sie zurück.

Sie hatte keine Ahnung wie lange das Ganze gedauert hatte. Es könnte Minuten oder Stunden gewesen sein.

Sie lag einfach da. Alles tat weh. Ihr Körper. Ihr Geist. Ihre Seele. Sie wollte Weinen. Aber sie konnte nicht. Und dabei hätte sie so unendlich gern, so unendlich gerne geweint…

Es war kalt. Der Boden nass. Ihr Kopf verkrustet von dem ganzen Blut, das irgendwann einmal aufgehört hatte zu fließen. Und doch stand sie nicht auf. Sie blieb liegen. Sie blieb liegen, aus Angst.

Was sollte sie tun?

Denn sie wusste, dieser Moment, diese Vergewaltigung, würde Alles verändern. Egal was danach kommen würde: Die Menschen würden sie anders ansehen. Sie war nicht mehr die junge, kluge und unbedarfte Studentin, die sie zuvor gewesen war. Ihr Leben war zerstört. Ihr Leben würde zerstört sein, wenn das herauskam… Ganz gleich was jemals sein würde: Sie würde immer das Vergewaltigungsopfer sein. Die Männer würden sie ansehen und an die Frau denken, die sich ficken lies. Und die Frauen würden ihr Mitleid vorheucheln, während sie tuschelten, dass sie doch schon immer SO EINE gewesen sei. Da war es doch kein Wunder.

Von jetzt an, war sie beschädigte Ware… Niemals zuvor hatte sie an sich als Mensch, oder an einen Menschen überhaupt, als Gegenstand gedacht…

Ja. Nein. Diese Vergewaltigung war der Mittelpunkt ihres Lebens. Alles vorher schien auf diesen Punkt zugelaufen zu sein – und alles danach würde sich an diesem Punkt orientieren. Das war der Dreh- und Angelpunkt ihrer Existenz. Von jetzt auf sofort.

Dies war der schlimmste und schlechteste Moment in ihrem Leben. Er würde Alles überschatten.

Sie schleppte sich nachhause. Zog sich dort um. Und ging dann ins Krankenhaus. Zeigte dort nur auf ihren Kopf.

Als sie den Typen eine Woche später noch einmal in der S-Bahn sah, lief sie schnell davon.

Wo Schönheit regiert, regiert der Faschismus

Alles muss gut aussehen. Besser: Alles muss richtig aussehen. Wer sagt das? Ich sage das, denn ich bin der kleine Mann in deinem Kopf, der Spion, den die Außenwelt in deine Vernunft gepflanzt hat. Dank Film, TV und vor allem Werbung (mein ewiges Thema) sind wir so indoktriniert worden, dass die Welt in ein gewisses Raster passen muss, sonst nehmen wir sie nicht ernst. Das beginnt beim sich stetig ändernden Schönheitsideal der Mode und geht weiter über die Politik und deren „Fortsetzung mit anderen Mitteln“, was auch ein Grund ist, weswegen manche unserer Mitmenschen es zum Beispiel es den bei uns hilfesuchenden Asylanten ganz rot und schlecht ankreiden, wenn sie ein neues Handy besitzen, womit sie zuhause im Krieg anrufen; besser wäre es für mich, den kleinen Mann im Kopf, hätten diese schwarzen Asylanten noch zerrissene Klamotten an und Handys, die Nokia einstmals in Bochum produziert hat. Das würde in mein Weltbild passen.

Sind solche Vorstellungen von Flüchtlingen und deren Mobilfunkgeräten dumm? Finde ich jetzt gar nicht, denn unsere Meinungen und unser Verständnis über Bilder und deren Aussagenkraft, ihrer Funktion, wurden uns Jahrzehntelang in die Innenseite unseres Schädels gemeißelt, ironischer weise von den ganzen Hilfsorganisationen die um unsere Spenden oder sogar um eine Patenschaft für schwarze Kinder mit aufgeblähten Bäuchen und mit Fliegen im Gesicht geworben haben. Jetzt sind diese Kinder plötzlich groß geworden, laufen hier über die Straße, und haben statt Fliegen im Gesicht ein nagelneues Smartphone am Ohr. Die Gutmenschenmedien kommen dann schnell mit einer Neid-Debatte daher (was teilweise stimmt), übersehen dabei aber auch gerne die Macht der Bilder, deren sie sich selbst bedienen.

Die Medien sind in einer Medienwelt selbstverständlich Teil des Problems. Einerseits wollen sie informieren und (leider) auch unterhalten, andererseits müssen sie auch mit anderen Medien um Aufmerksamkeit konkurrieren und geben dabei ihre „Ideale“ auf – für viele Kritiker der Medienlandschaft wird der Begriff „Ideal“ ohnehin nur noch ironisch verwendet. Wie bindet man also die Aufmerksamkeit der Zuschauer (Konsumenten) am besten an einen Beitrag? Genau, mit den Klischees von Worten und Bilder, idealerweise noch mit Über- oder Extraklischees, d.h. mit reißerischen Bildern – und mit einer Prise Sex und Humor. Das kann man jetzt einfach nur verteufeln und ablehnen, okay, dennoch hat die Berichterstattung durch die Medien eine gewisse Vorbildfunktion für unser Denken. Denn. Siehe oben. Die Art wie etwas gezeigt wird indoktriniert unser Verständnis davon, wie die Welt zu funktionieren hat.

Für manche ist das so schlimm, dass sie sich „alternative Medien“ suchen die zwar neue Denkansätze verfolgen, leider aber immer noch schlimmer politisch verortet und Klischee beladener sind, als all die „Mainstream-Medien“. Hier wird RICHTIG Meinung gemacht.

„Propaganda“ ist kein Kriegsbegriff mehr. Er ist ein Dauerzustand. Deswegen gibt es zu jeder Nachricht im Jahr 2015 eine oder gleich mehrere „alternative Sichtweisen“ auf den gleichen Bericht. Im Prinzip ist das eine gute Sache, denn es hat auch eine demokratische Komponente. Das Problem ist nur dass der Hauptteil der Propaganda nicht „vom Volke“ ausgeht, sondern von der Wirtschaft. Wir leben in einer kapitalistischen Welt die nach kapitalistischen Regeln funktioniert. Der, der das Geld hat (also nicht mehr DER Einzelne, sondern DIE Unternehmen) hat die Macht über die Bilder. Ein hohes Gut wie ich hier behaupte. Denn die Propaganda der Bilder, der schönen heilen (gar nicht neuen) Welt oder der Hölle auf Erden, kommt schließlich doch immer beim Volke an – und dem wird Angst gemacht. Angst vor der Zukunft. Und es ist genau diese Angst, die die Menschen mit Fremdenhass auf die Straße treibt oder sich in ihren Wohnungen oder auf ihren Partys und Urlauben einsperren lässt, wo sie auf Facebook einen „geilen Ausnahmezustand“ feiern und markieren, den es nur in ihrer Wahrnehmungsblase gibt. Denn wir sind Getriebene der Bilder. Wir fliehen vor ihnen in den Konsum um uns selbst einzureden, dass es gar nicht so schlimm ist.

Das die Politik sich schon längst an die Wirtschaft verkauft hat ist eine gängige Floskel. Denn ansonsten würde „unsere Kanzlerin“ sich auch zu den großen Themen bekenne und die Probleme „anpacken“. Zur Flüchtlingsproblematik hört man von ihr aber fast gar nichts. Nur dass die Rüstungsexporte mal wieder gestiegen sind und damit (über kurz oder lang) noch mehr Flüchtlinge nach Europa getrieben werden – und Europa ist unser aller Problem. Das sollten wir inzwischen verstanden haben. Da ist es natürlich leichter auf die Bilder der bösen Nazi-Demonstranten zu schimpfen und bei ihnen das Problem abzuladen, anstatt zu sagen, „Ja, na ja… Wenn wir weniger Waffen verkaufen, kommen wohl auch weniger Flüchtlinge zu uns, kostet halt Arbeitsplätze“. Und den Verlust von Arbeitsplätzen kann sich kein Politiker leisten. Arbeitsplätze sind seine goldene Währung zur Wiederwahl. Wir sind soweit gekommen, dass der Arbeitsplatz selbst zum Erhalt des Systems in dem wir leben nicht nur beiträgt, nein, er erhält das System. Was wäre eigentlich wenn die Leute in der Masse sagen würden: „Ich unterstütze mit meiner Arbeitskraft dieses System nicht mehr!“ und sie würden die Arbeit niederlegen? Das wäre doch die wahre Revolution in einem kapitalistischen System; dem Kapitalismus zu entsagen.

Natürlich und leider macht das keiner. Wir kennen ja die Bilder aus dem Assi-TV – so wollen wir nicht enden. Wir wollen unser „schönes Leben“, wollen uns Dinge leisten können wie, Kleidung, Urlaube, Partys, Drogen, Smartphones, Play Stations, Autos, oder auch nur um so viel essen zu können wie wir wollen. Verhungern müsste bei uns aber eigentlich keiner. Nur ist die Angst vor dem sozialen Abstieg eine der größten Hysterien, die in Deutschland umgehen. Ich kann das natürlich auch verstehen. Bin ja selbst ein Sicherheitsfanatiker. Und der Witz an der Geschichte ist ohnehin, dass immer mehr Menschen sowieso aus dem System Arbeit ausgeschlossen werden, da wir an einem Punkt angekommen sind, in dem das Geld seltsamerweise gar keine Arbeitskräfte mehr benötigt um sich selbst zu erwirtschaften… Deutschland ist keine Insel mehr. Und eine globale Revolte gegen den Kapitalismus wird es nicht geben. Denn während es uns gut genug geht um zu revoltieren, geht es anderen schlecht genug, um sich gerne in dieses System zu begeben und unseren Platz einzunehmen.

Hups.
Manche Texte flutschen einem ein wenig durch die Finger. Ich hatte vor, mehr über die Ästhetik der Bilder zu schreiben, wie wir abhängig sind von Vorgaben. Was schön ist. Und was nicht. Und was alleine durch seinen Look einen höheren Wert besitzt als Dinge die zwar nicht „schlechter verarbeitet sind“, nein, die einfach nur ein schlichteres Design besitzen, innerlich wie äußerlich. Von Menschen, die ihr Leben lang einsam und schlecht gefickt bleiben, nur weil sie nicht so aussehen wie unsere Photoshop-Schönheiten oder unsere Fernsehsternchen, die vor ihren Aufnahmen stundenlang an einem Ort verweilen, den man nicht umsonst die „Maske“ nennt…

Ja. Die Bilder nehmen uns unsere Phantasie. Sei es im Kino („das ist aber schlecht animiert“ – was so viel heißt wie: „Das glaube ich nicht“) oder auf der so genannten Straße, im Job, im Bett, im so genannten EIGENheim…
Die Bilder nehmen uns die Träume. Denn dort wo Schönheit regiert, regiert der Faschismus.