Angst essen Seele auf – im Jahr 2015

Flüchtlingskrise, wer will davon noch hören? Von allen Seiten wird man mit dem Thema zugerockt, von allen Fronten wird ständig geschossen.

Wir leben in einem Zwei-Parteien-Nachrichtensystem, in dem einerseits ständig an die Mitmenschlichkeit appelliert wird (und wenn man sie umsetzt sie sofort als „Gutmenschentum“ und eigentlicher Egoismus gegen einen verwendet wird) oder im Gegenteil die großen Warner unterwegs sind, die so einiges behaupten zu wissen, wie zum Beispiel dass die Flüchtlinge selbst ihre (unsere!) Not-Unterkünfte in Brand stecken und es in Wahrheit doch nur eine inszenierte Flüchtlingswelle ist, an denen entweder die Amerikaner schuld sind, um uns wirtschaftlich zu schädigen, oder der Islamische Staat, der uns mit der Waffe Mensch unterwandern und schließlich aushöhlen will. Nur so zum Beispiel.

Mann, Mann, Mann… Was habe ich die letzten Wochen zu dem Thema gehört, gelesen und diskutiert. Bild-Zeitung, Spiegel-Online, Heute-Magazin, Tagesschau, RTL-2-Nachrichten, Verschwörungstheorien und Deutungshoheiten auf Facebook und in allen möglichen Kommentar-Spalten. Ein Wahnsinn.

By the way. Gesehen habe ich in Echt noch keinen einzigen Flüchtling. Das Echteste war noch ein Foto einer Freundin aus einem Österreichischen Bahnhof von vor zwei Wochen.

Es wird so viel geredet und auch gehetzt, dass ich schon längst den Überblick verloren habe, was genau eigentlich gerade wo geschieht. Ich glaube. Damit bin ich nicht alleine. Auch die „Experten“ aus dem Fernsehen scheinen da auch nicht klüger als ich  zu sein, denn jeder „Experte“ erzählt etwas anderes – schließlich werden die nur fürs Reden bezahlt, nicht um wirklich bewegende Aussagen zu treffen.

Die ganze Zeit wird viel über die Flüchtlinge gesprochen, nur irgendwie – nie mit ihnen. Außer es geht darum um sie a) als Flüchtlinge an sich oder b) als Meute dazustellen, die irgendwas will.

Nur. Was wollen diese Leute eigentlich bei uns? Ich meine, was haben sie für eine Vision für die Zukunft? Was haben die vor? Wollen die sich nun – und im Prinzip ist das doch die Debatte um die es doch überall geht – integrieren, oder nicht? Wie weit geht ihre „Dankbarkeit“? Was verlangen sie von uns? Und was sind sie selbst bereit von sich aufzugeben, um bei uns zu leben? Auch ihre religiöse Identität? Auch ihre Kultur? Wie offen sin diese Menschen, die von den Einen mit so genannten offen Armen empfangen werden, während sie Andere wieder zurück jagen wollen woher sie kamen?

Über die Angst unter den gewöhnlichen Leuten hier bei uns, in der Arbeit, im Bekanntenkreis, habe ich schon oft und viel erzählt, auch, dass ich das für ganz gewöhnlich, ja, für vollkommen normal halte: Man kann nicht von Menschen, die man Jahrzehnte lang dazu erzogen hat, vernünftige Bausparer  mit einer „planbaren und vernünftigen Zukunftsplanung“ zu sein, so von jetzt auf sofort erwarten, mit einer so großen vorher nicht ausrechenbarer Unregelmäßigkeit klar zu kommen. Und es hilft dabei noch weniger, diese Furcht vor dem Neuen mit latentem Rassismus gleichzusetzen.  Es ist doch in Wahrheit vernünftig während eines Vorgangs danach zu fragen, wie dieser enden wird…

Gerade habe ich dazu in der SPEX einen guten Artikel gelesen, sehr klug, sehr analytisch, fast schon philosophisch, wenn auch viel zu links für meinen Geschmack, was das Ganze wieder ein wenig schal machte… Da macht die Haltung den Ansatz wieder ein wenig kaputt.

Vor ein paar Monaten forderte ich selbst noch HALTUNG. Die Menschen sollten doch mehr HALTUNG zeigen und sehr schnell musste mir leider klar werden, dass die meisten Leute unter HALTUNG verstehen, sich in ein System einzuordnen um dann den voll nervigen Oberlehrer zu geben… Es geht aber nicht um die Haltung und Positionierung IN einem System. Sondern in einer Haltung über das System hinaus. Ein zwischen den Stühlen stehen.

HALTUNG bedeutet für mich eben sich nicht unter einem Banner zu vereinen um „Arschloch!“ oder „Ausländer raus!“ zu brüllen.

Zurück zum Thema:

Sehr kluger Text. Schön… Und jetzt? Das ist nämlich das eigentliche Problem: Wir können das Thema zerlegen und allen möglichen Partei die Schuld zuschieben, dem Kapital,  den Amerikanern, den Russen, Assad, dem Islamischen-Staat, Angela Merkel, Horst Seehofer, Ungarn, dem Islam an sich, den Links-Wichsern, den dummen Nazis, Schleppern, der Waffen-Lobby, den naiven Deutschen, den reichen und hartherzigen Deutschen, den Syrern selbst – ALLEN. Wir können das Thema auch von allen möglichen Seiten durchleuchten, analysieren, psychologisieren, wissenschaftlich auswerten, es auf linksdrehen und auf den Kopf stellen. Schön.

Was wir aber von nirgendswoher bekommen, ist eine wirkliche Vision für die Zukunft; wie geht es weiter? Und wo sind eigentlich die Science-Fiction-Autoren wenn man sie braucht?

Den ganzen Tag wird man zugeschissen mit Politik und Wirtschaftsdaten, mit realem Elend und Moralin verseuchten Debatten, nur eine wirkliche Zukunftsvision, die findet man nirgends – außer bei denen, die Deutschlands Untergang schon seit dem 11. September 2001 fürchten und vorhersagen.

Wo sind die Denkfabriken? Wo sind die think tanks? Wo sind die verrückten Schriftsteller und Drehbuchautoren, die die Geschichte wenn auch nicht zu Ende,  sondern ein wenig in die richtige Richtung weiterdenken?

Die Frage ist doch: Was macht dieses Flüchtlingsdrama mit unserer Gesellschaft?

Ihr wollt das die Menschen keine Angst mehr haben und offen sind für einen neuen Lebensabschnitt – denn der steht uns bevor – dann nehmt ihnen diese Angst. Sagt ihnen nicht nur, für was ihr sie JETZT haltet. Sondern was man aus ihnen machen kann.

Wer wir werden können. Und wer wir werden müssen.

So etwas sollte Politik leisten können.

Nicht noch mehr Angst und Unsicherheit schüren.

Denn diese Form von Angst. Diese Form der Unsicherheit. Die frisst unsere Seelen auf.

Es reicht nicht nur zu sagen: Wir wissen wer wir sind, und wir wissen, wie wir auf die Umstände reagieren können oder könnten.

Wir müssen wissen was wir wollen. Und warum wir es wollen. Denn eine Reaktion ist immer nur eine flüchtige Bewegung. Doch sie treibt uns in weitere Reaktionen. Man wird zum Getriebenen.