Die Metaebene zu „the hateful 8“

Wir waren gestern bei „the hateful 8“ im Kino und gingen ein wenig unbefriedigt aus dem Kino. Nach den „Basterds“ und „Django“ hatte ich einen Film mit einem großen Kniff erwartet und den hat „the hateful 8“ nur auf der Metaebene. Das ist nichts Schlimmes. Die „höhere Ebene“ ist nur so versteckt, dass sie dem „gewöhnlichen“ Kino-Zuschauer einfach verborgen bleibt. Der sieht nur ein paar Leute die sich über den Haufen schießen und das mit einem ordentlichen Gore- Anteil. Es ist sogar so viel Blut, dass sie der Handlung nicht hilft, sondern einen ziemlich blind für das macht, was die Protagonisten  sagen und tun.

 

Der folgende Text wird einige Spoiler enthalten, also ab hier nicht weiterlesen wenn man den Film noch sehen will. Und bei dem Rest gehe ich davon aus, dass er den Film gesehen hat.

 

Tarantino schafft es in diesem Dialoghaltigen Film nicht, gute Dialoge zu schreiben. Die Figuren sind einem weites gehend ziemlich egal und bis auf die Erzählung (plus Rückblende/oder ist es nur eine Vision?) von Samuel ist der ganze Film  kaum auf einen Moment verdichtet. Es zieht sich über die komplette Handlung. Das ist natürlich eine Verbeugung vor „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder anderen Genre-Klassikern, es verlangt einem aber auch viel Geduld ab. Das ist sicherlich vom Regisseur gewollt, ist nur für den selbigen ziemlich schwach, wenn man seine anderen Filme mag.

 

Jede Figur in diesem Film ist böse und handelt unmoralisch. Nur ein Protagonist entwickelt sich wirklich weiter und am Ende sind entweder alle Tod oder dem Tod geweiht. Eine direkte Moral die Tarantino dir ins Gesicht ledert, gibt es also nicht. Das geschieht auf einer anderen Weise.

„The hateful 8“ ist eine Parabel über Kopfgeldjäger/Gesetzeshütern, die auf Verbrecher treffen. Doch es ist mehr. Es eine Geschichte über Rassismus und noch viel mehr darüber, dass auch „Gesetzesvertreter“ schlimmere Verbrecher sein können, als die Leute, die sie jagen. Das folgende „10 kleine (Pardon) Negerlein“-Prinzip nimmt der Geschichte nur die Tiefe, da die Figuren an sich gar keine Möglichkeit haben um sich zu entwickeln, was zeigt, dass Tarantino in der Enge einer Hütte keine packendes Kammerspiel inszenieren kann, weswegen er auf der einen Hand kein guter Theaterregisseur wäre. Auf der anderen Hand will er das auch gar nicht unter Beweis stellen.

Tarantino benutzt die Figuren um eine Geschichte über Amerika zu erzählen, über Polizeigewalt, über deren Willkür, jedoch auch über Rassismus, in welcher der Schwarze aber auch nicht einfach nur der „Gute“ ist (erinnert euch an die Szene, in der Samuel erzählt, wie der Kerl ihm seinen dicken schwarzen Schwanz lutscht, und tauscht hier die Rolle aus, schwarz gegen weiß, und überdenkt wer sich hier wem für einen Decke erniedrigt, im gesellschaftlichen Sinn).

 

Die beiden roten Faden die sich durch die Geschichte ziehen, sind die Selbstjustiz und die Lüge; nicht umsonst lässt er den „Engländer“ die Geschichte des Henkers erzählen, der seinen Job ohne Emotionen nachgeht, nur für Geld, als Broterwerb, was sein Handwerk zu einem gerechten Handwerk macht, da er ohne persönlichen Bezug oder Urteil ans Werk geht, während die Selbstjustiz immer nur eine unfaire Form von Rache ist, die auf Selbstbefriedigung setzt, und eben nicht auf kühle Gerechtigkeit, und aus dieser Geschichte wird schlussendlich in der vorletzten Einstellung der berühmte Schuh, während sich die beiden „Helden“ am Ende darüber kaputt lachen (man kann sich bei dem Gelächter sogar eine passende blutige Erektion in ihren Hosen vorstellen), wie Daisy an dem Galgen stirbt, dessen Strick sie selbst halten, ja, „der Henker“ (Kurt Russel) war gerecht, sie sind es aber nicht, sie verstehen nicht den Unterschied zwischen einem Urteil und Meuchelmord; und nicht umsonst lässt Tarantino kurz vor dem Tod aus dem gefälschten Lincoln-Brief vorlesen, dessen Echtheit der naive Henker länger als Wahrheit voraussetzt (eine weiter Möglichkeit zur Interpretation: Man muss naiv sein um einem Schriftstück/dem Gesetz zu vertrauen), und nicht umsonst sind die meisten Charaktere nicht das, was sie am Anfang vorgeben zu sein, teilweise dürfen die Schauspielerischen Handlung gar nicht zur vorgegebenen Vita der Hüttenbewohner passen.

 

Ja. Tarantino hat auf der Metaebene den Swag voll aufgedreht (es gibt schließlich noch mehr davon, man erinnere sich daran, dass der verlogene Lincoln-Brief der Samuel-Figur das Leben gerettet hat und er dazu meint, dass ein schwarzes Mann solche Dinge braucht um gehört zu werden usw. usf.) doch man muss sich wirklich hinsetzten und über das Ganze noch einmal tüchtig nachdenken. Macht man das nicht, sieht man nur einen hohlen Plot, in der nach dem Vorbild von Anime/Mangas, oder japanischen Regisseuren wie Takashi Miike oder nach Kitano die Menschen praktisch zerfetzt werden oder teilweise explodieren. Und der Clou dass einer im Keller versteckt war… Nun ja. Das ist kein Twist, das ist einfach Verarsche des Zuschauers (denn wenn ich schon weiß das vermutlich ein Verräter unter den Leuten ist, trinke ich nicht jeden Kaffee und schaue sicherlich auch mal im Keller nach…), denn die Erzählung macht absichtlich den Anschein, dass es sich nur um die Leute im Raum  dreht…

Wer nicht genau hinsieht, findet hier nur eine hohle, wenn auch brutale Handlung. Und ohne arrogant wirken zu wollen, das machen die meisten Leute auch nicht. Deswegen gefiel ihnen auch der meiner Meinung nach dürftige „Django“, der zwar ein perfekter Unterhaltungsfilm mit typischen Tarantino-Momente und grandiosen Schauspielern war und ist, auf der Meta-Ebene jedoch nichts zu erzählen hatte – außer das ein Schwarzer Kopfgeldjäger war. Nun ja. Das trägt auch keinen ganzen Film.

Nein. Ja. Nach dem Kino fand ich „the hateful 8“ wirklich mehr als dürftig. Aber er hat etwas. Und sollte reichlich für Diskussionen mit den Kumpels auf dem Heimweg sorgen.

Die Stimme aus dem Erstaufnahmelager

Ich habe noch nie einen Facebook-Eintrag in einem anderen sozialen Netzwerk geteilt, der hier ist wert. 

Er stammt von Raphaele Lindemann

Liebe Leute,

nach nun fast vier Wochen im Erstaufnahmelager, finde ich endlich mal die Zeit ein paar Zeilen zur wirklichen Situation vor Ort zu schreiben und diese in Absprache mit der Camp-Leitung hier zu veröffentlichen.
In der aufgeheizten Stimmung zwischen allen politischen Lagern können ein paar Fakten aus erster Hand nicht schaden. Ich habe mir vorgenommen, diesen Bericht möglichst neutral zu verfassen. Das ist mir allerdings aufgrund der erschütternden Realität nicht gelungen und am Ende ist doch die Polemik und meine eigene Meinung mit mir durchgegangen…aber das wird man ja wohl noch sagen dürfen…

Ich bin zur Zeit als Arzt für die medizinische Erstversorgung der neu in Deutschland ankommenden Flüchtlinge zuständig. Diese findet nahezu vor jedem weiteren Schritt statt. Also vor der Registrierung (inkl. Fingerabdrücke und Foto!), der Versorgung mit gespendeter (Marken-)Kleidung, der Möglichkeit sich zu duschen, etwas zu essen oder der Verteilung auf das restliche Bundesgebiet etc. Das heißt im Klartext, dass man hier einen Eindruck in Reinform über die tatsächliche Situation der ankommenden Flüchtlinge erhält.

Dieser Eindruck ist pur und absolut ungefiltert. Ich kann Euch versichern, dass es absolut unmöglich ist, z.B. einen Fuß mit Erfrierungen zu versorgen, der über 500km in kaputten Schuhen, mit nassen Strümpfen durch den Winter marschiert ist und dabei durch eine „naive rosarote Gutmenschbrille“ zu schauen. Oder einen 4 Wochen alten Säugling in feuchter Kleidung mit Lungenentzündung zu behandeln, der zusammen mit einem Einjährigen und einer Vierjährigen, ganz alleine von der Mutter über das Mittelmeer, über Griechenland bis hier her geschafft wurde und sich dann den Vorwurf der Weltfremdheit anzuhören. Das hier ist die Welt! Und das hier ist sehr real und nirgends „rosarot“! Der Vater der 3 Kinder kam übrigens in Syrien ums Leben.

Diese Menschen kommen in einem absolut desolaten und erbarmungswürdigen Zustand hier an. Sicher wird es manchen erstaunen, dass es sich nicht zu 90% um junge, gesunde Männer handelt. Das hat das Wanken der Nachzugsreglung erfolgreich zum Schlechteren gewendet. Ich sehe pro Schicht etwa 300-500 Flüchtlinge. Mindestens 40% davon sind KINDER! Es gibt Familien, es gibt Alte und ja – es gibt auch junge Männer. Warum auch nicht? Allen gemein ist, dass sie absolut entkräftet und fertig sind. Ich habe bisher nie so viel Elend und Verzweiflung auf einem Haufen gesehen.
Neulich haben wir zum Beispiel eine Frau versorgt, deren Beine komplett verbrannt waren. Keine Ahnung wie sie es überhaupt bis zu uns geschafft hat. Wir haben allein eine halbe Stunde gebraucht, um die festgeklebten, schmutzigen und stinkenden Verbände von den vereiterten Wunden zu lösen. Da war aber kein Klagen und da war keine Anspruchshaltung. Diese Frau hat Dankbarkeit ausgestrahlt, weil sie endlich in Sicherheit ist und sich jemand um sie kümmert. Selbstverständlich ist sie nur ein Beispiel. Und selbstverständlich lassen sich mit Sicherheit auch Arschlöcher unter den Flüchtenden finden – wovon wir selbstverständlich schon genug unter den Eingeborenen haben.

Übrigens haben die Flüchtenden natürlich ihre Smartphones dabei. „Die“ haben vorher nicht in der Steinzeit gelebt und sind aus irgendwelchen Buschhütten und Höhlen gekrochen. Und vielen ist es zunächst wichtiger ihre Handys aufzuladen, als etwas zu Essen zu bekommen. Und dreimal dürft ihr raten warum? Was habe ich als erstes gemacht, als ich, bequem mit meinem Auto, trotz Glatteis, sicher im 500 km von zu Hause entfernten Camp angekommen bin?
Dass sie ein Lebenszeichen an die Lieben schicken zu wollen, wird diesen Menschen allerdings regelhaft zum Vorwurf gemacht und als Beleg für die fehlende Hilfsbedürftigkeit gesehen. Mit Verlaub – das ist weltfremd und obendrein arschig! Als würde es eine Pflicht geben, sich vor einer Flucht in Lumpen zu hüllen und bloß alle Wertgegenstände zurück zu lassen – inklusive der einzigen Möglichkeit zur Kontaktaufnahme zu den Angehörigen in Form eines Telefons.

In der aktuellen Situation müssen wir uns verdeutlichen, welchen Selbstanspruch wir an unsere Kultur haben. Natürlich könnten wir die Grenzen dicht machen und so tun als wäre Merkel an allem Elend dieser Welt schuld. Aber glaubt denn wirklich irgendwer damit wäre das Problem gelöst? Ich höre hier im Lager durchgehend weinende Kinder. Und ich weiß, dass sie dann halt vor unseren Grenzen weinen würden. Würden wir damit unsere Zivilisation retten? Nur weil wir es dann nicht mehr sehen und im Fernsehen einfach bequem umschalten können? Es zeugt schon von einer bemerkenswerten Moralvorstellung, wenn man auf fb das Elend eines gequälten Hundes anprangert und gleichzeitig sehenden Auges all diese Menschen vor unseren Grenzen krepieren lassen will – und wenn es nur durch Unterlassung ist. Ob das ein schützenswertes Abendland ist?

Natürlich müssen Lösungen vor Ort gefunden werden. Und natürlich können wir nicht die ganze Welt aufnehmen. Aber löst man einen Konflikt auf der Welt indem man gegen Flüchtlinge wettert und dumpf der Kanzlerin Verrat am Volk vorwirft? Sieht so die Rettung der Welt aus? Wo bleiben die wirklich konstruktiven Vorschläge und Initiativen der ach so besorgten Bürger?

Durch ihr „wir schaffen das“ hatte ich zum ersten Mal so was wie Respekt und Anerkennung für die Kanzlerin übrig. Weil sie ohne mit der Wimper zu zucken ihre politische Karriere riskiert hat, um eben jene Menschen nicht vor unseren Grenzen krepieren zu lassen und sie die enorme Herausforderung angenommen hat anstatt ihr übliches Teflonspiel des Aussitzens zu treiben. Und nie hat jemand behauptet, dass es eine leichte Herausforderung wäre. Und sind wir doch mal ehrlich: Wer von all den Hetzern ist denn WIRKLICH so arm, dass er befürchten muss durch die Flüchtlinge plötzlich weniger vom deutschen Wohlstandskuchen abzubekommen? Ist bisher WIRKLICH jemand deshalb ärmer geworden? Ist WIRKLICH jemand deshalb aus seiner Wohnung geflogen? Ist WIRKLICH jemand von einem bösen Asylanten aufgegessen worden? Und damit meine ich nicht denjenigen, der einen kennt, dessen Großcousine einen Nachbarn hat blabla.
Und Nein! Ich möchte nicht „so was“ wie in Köln gutheißen und bin sehr wohl für Sicherheit und Ordnung und eine härtere Bestrafung bei Gewaltdelikten jeglicher Couleur. Übrigens war ich schon bekennender Feminist als der Großteil der jetzigen „Frauenrechtler“ noch fröhlich Tittensprüche gemacht haben.
Was sich für Deutschland in erster Linie durch den Flüchtlingsstrom geändert hat, ist die Tatsache, dass wir zum ersten Mal eins zu eins mitbekommen, was in den armen Ländern dieser Welt absolut üblich ist: Wir nehmen Flüchtlinge im großen Maßstab auf und beweisen dadurch Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und sind bereit wenigstens einen kleinen Teil der Zeche zu zahlen, die die westliche Welt mit ihrer Außen- und Wirtschaftspolitik arrogant hat anschreiben lassen.
Damit sage ich ausdrücklich nicht, dass ruhig jeder hier her kommen soll und machen kann was er will. Natürlich fordere ich Integrationswille und Verfassungstreue ein – aber auch und vor allem von meinen eigenen Landsleuten! Schließlich hätten die schon seit ihrer Geburt die Chance gehabt humanistische Werte zu lernen. Und nicht selten profitieren sie schon viel länger als die Flüchtlinge von unserem Sozialstaat…

Klar muss sich auch „der Islam“ bewegen, möglicherweise eine Reformation durchlaufen, um unseren Lebensstil und die Regeln unseres Zusammenlebens bedingungslos in unserem Land zu akzeptieren. Aber sowas passiert doch nicht indem man alle Flüchtlinge nach Möglichkeit in Ghettos sperrt und die Türen zur gesellschaftlichen Teilhabe tunlichst geschlossen hält. Ein Blick in die Pariser Vororte sollte eigentlich ausreichen um zu erkennen wohin das dann führt. Und ja – dann werden all die Hetzer recht behalten.
Natürlich ist es verlogen, die radikalen Formen des Islam zu tadeln und zu bekämpfen, während man gleichzeitig z.B. mit den Saudis fröhlich Geschäfte macht ohne irgend eine Form des politischen Drucks aufzubauen. Ist ja nicht so, dass es nicht saudisches Geld wäre, welches weltweit Hassprediger mit extremsten Auslegungen des Islam finanziert.
Unabhängig von der moralischen Verpflichtung Menschen in Not zu helfen, verstehe ich einfach nicht, warum die große Chance dieser Flüchtlingswelle nicht erkannt wird. Noch vor wenigen Monaten war die größte Gefahr für unser christliches Abendland das Fortpflanzungsverhalten der Deutschen. In 30 Jahren ist unser Sozialstaat und unser Rentensystem am Ende. Deutschland überaltert. 2060 wird jeder dritte Deutsche über 65 Jahre alt sein. Jeder Zweite ist dann mindestens 51. Aktuell haben wir 49 Millionen Erwerbstätige im Alter zwischen 20 und 64. Im Jahr 2060 werden es nach aktueller Entwicklung nur noch 34 Millionen sein. Diese 34 Millionen müssen dann nicht nur unsere Rente zahlen, sie müssen auch unser gesamtes Gemeinwesen am Laufen halten, dafür sorgen, dass wir satt sind und es warm haben und uns im Zweifel auch den Hintern abwischen und uns das Erbrochene aus dem Gesicht waschen. Außerdem müssen sie natürlich weiterhin innovativ und produktiv sein, damit die Wirtschaftsmacht Deutschland auf dem Parkett des internationalen Markts nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwindet und sich unsere Kinder und Enkel den Luxus der Altenbetreuung überhaupt leisten können, bei immer mehr zu stopfenden Greisenmäulern.
Wer glaubt, er könne dem Dilemma 2060 durch früheres Versterben entgehen muss leider enttäuscht werden: Schon 2035 werden wir fast 8 Millionen Menschen weniger im Erwerbsalter haben. Ich möchte an dieser Stelle daran erinnern, dass wir schon heute – also mit 8 Millionen Erwerbstätigen mehr – über knappe Rentenkassen und ein späteres Renteneintrittsalter diskutieren müssen und man ohne private Vorsorge real von Altersarmut bedroht ist.
Und genau jetzt hat ein weltweiter Exodus begonnen, der ohne jedes Anwerben den wichtigsten Zukunftsrohstoff überhaupt zu hunderttausenden in unser Land schwemmt: Menschen im erwerbs- und zeugungsfähigen Alter.
Natürlich bin ich kein Depp und ich weiß genau, dass wir es hier nicht mit einer Schwemme an Fachkräften zu tun haben (wobei es unter den Flüchtenden sehr wohl auch Fachkräfte gibt. Ich habe schon so einige im Lager getroffen.) und es riesige kulturelle Unterschiede gibt (die sich übrigens auch immer mehr in unserem eigenen Volk kristallisieren). Deshalb schrieb ich auch ROHstoff.
Jetzt können wir folgendes tun: Entweder wir kasernieren und isolieren die Neuankömmlinge, zeigen ihnen die kalte Schulter, fördern die Ghettobildung und versuchen sie schnell wieder abzuschieben und weg zu jagen, oder aber wir fangen an in etwas größeren zeitlichen Dimensionen zu denken.

Fast jeder von uns hatte doch in der Grundschule irgend ein asiatisches Kind sitzen – oder? Diese Kinder waren die ersten in Deutschland geborenen Nachkommen der mit offenen Armen importierten asiatischen Krankenschwestern im großen Pflegenotstand der 60er und 70er Jahre. Enorm viele dieser Kinder sind heute staatstragende DEUTSCHE: Politiker, Richter und Anwälte, Pfleger, Ingenieure, Geschäftsleute, Lehrer und Professoren und auch einige meiner ärztlichen Kollegen gehören dazu.
Das war funktionierende Integration durch frühe Förderung und Bildung. Investition in die Zukunft. Und genau diesen Schritt jetzt zu wiederholen wäre doch eine riesen Chance um diesen Rohstoff – die Kinder der jetzigen Zuwanderer – zu nutzen. Wenn wir uns das leisten wollen. Oder geht es am Ende etwa doch nur um Neid und eine reine Blutlinie?
Für den Neid möchte ich dann nochmal an den erquicklichen Sachverhalt erinnern, dass 62 Personen so viel besitzen wie die Hälfte der Erdbevölkerung. Ich warte noch immer auf den Aufschrei der Empörung und den Futterneid diesbezüglich, den man ja regelhaft gegen die ärmsten der Armen kultiviert.

Vielleicht noch ein kleiner „Gimmick“ zum Abschluss:
Letzte Nacht hatten wir unter vielen, vielen anderen Einzelschicksalen eine junge Schwangere im Lager, die keine Kindsbewegungen mehr gespürt hat. Sie sorgte sich, dass durch das lange Treiben im Mittelmeer – nachdem der Schleuserkutter gekentert war – nun auch ihr letztes Kind gestorben sei. Ihre zwei anderen Kinder sind bereits auf der Flucht im Meer ertrunken weil sie keine Kraft mehr hatte….So eine Sozialschmarotzerin aber auch!

Menschen leiden und sterben. Jetzt. Und wir können das verhindern. Wir schaffen das „wink“-Emoticon

P.S.: Ich habe nirgendwo das Wort „Nazi“ benutzt. Wer sich trotzdem als ein solcher hingestellt fühlen möchte – bitte sehr: Du Nazi!

Lieber rechts als arm

Es ist schon verblüffend wie schnell der Rassismus-Zug im letzten Monat Dampf aufgenommen hat. Vollkommen normale, vernünftige Leute werfen mit Argumenten und (unironischen) Bezeichnungen um sich, dass man nicht nur den Kopf darüber schütteln kann oder dagegen argumentieren, nein, man bekommt eine richtige Wut und Kopfschmerzen von der ganzen Scheiße.

Zuerst: Ich verstehe jede Frau, jeden Mann mit Frau und selbstverständlich auch jeden Mann, der/die hier aufgewachsen sind, die hier leben und es sich schön kuschelig warm in ihrem Leben gemacht haben, dass dieser nichtenden wollende Flüchtlingszustrom ihr/ihnen/ihm Angst macht. Natürlich. Da kommen ja nicht nur die Guten und erst Recht nicht nur die Gebildeten.

 

Nachdem den Medien vorgeworfen wurde, dass sie zu spät berichtet hätten, wird jetzt viel zu vieles zu früh „berichtet“, was sich im Nachhinein als Ente herausstellt (siehe Freiburg, siehe vergewaltigtes Mädchen in Berlin, siehe verhungertes – oder erfrorenes – Kind usw. usf.); die Hysterie ist nun schon so groß, dass es fast kaum mehr eine Rolle spielt was wirklich geschehen ist, es geht nur noch darum, was DENKBAR wäre. Was man der anderen Fraktion zutrauen würde.

Also ja, da kommen nicht nur die Guten und nein, es sind nicht alle böse, und nein, den Medien kann man nicht trauen, wenn man selbst nur das Hören will, was einem in sein Weltbild passt.

 

Ich bin jetzt 35 Jahre alt und mir ist nicht erst seit der Aktion von Stephan Weidner im Jahr 2007 klar – in der er für den SPIEGEL ein eigenes Interview über sich erfunden hat, was die dann abgedruckt haben, als er nicht mit dem zufrieden war, dass er dem Reporter gab – dass man so gut wie jede Nachricht a) zuerst einmal kritisch betrachten sollte, da sie b) aus verschiedenen Medien-Häuser kommen, die verschiedene politische Einstellungen in die Perspektive hineinbringen, wie man eine Tatsache betrachten kann und c) dass Nachrichten schon immer geschönt werden. Das hat mit dem Kalten Krieg nicht aufgehört, in der mir in meiner Kindheit ständig erzählt wurde, dass die Amerikaner doch die total Guten sind – und wenn man erwachsen wird versteht man, dass die ebensolche Dreckschweine waren und sind wie die Russen. Wie es in Twin Peaks so schön heißt: Die Eulen sind nicht das was sie scheinen – mit Meldungen ist es ebenso.

Dennoch „entsage“ ich nicht den großen Medienhäusern und muss mir nicht meine „politische Bildung“ bei Ken FM abholen. Man sieht sich Alles ein wenig an und sortiert das aus, bis man sich selbstständig eine Meinung gebildet hat.

In der Youtube-Generation dagegen kann man so lange durch die Video-Blogs klicken, bis man schließlich genau die Meinung erzählt bekommt, die man hören will: „Der hat sowas von Recht! Musst du dir ansehen!“

Niemand hat NUR Recht. Das muss man verstehen.

Man muss dialektisch Denken, um zu seiner Meinung zu kommen, anders wird es nichts und niemand wird dir vorkauen, was richtig und was falsch ist – außer du stehst auf Meinungsmache.

Die, die jetzt von den Massenmedien enttäuscht sind, sind glaube ich aber auch die, die Klaus Kleber immer alles geglaubt haben. Kein Wunder das man sich betrogen vorkommt. Wie? Ach? Der nette Fernseh-Onkel ist ja gar nicht DIE Wahrheit…

 

Und das sind genau die Typen (Youtube ole ole) die immer gesagt haben: „Ach, in der Welt geht es so ungerecht zu. Da gehört einmal was gemacht!“ In Umfragen wurde dann gesagt, dass man gerne ein wenig von seinem Reichtum abgeben würde, damit es auch ärmeren Leuten in Entwicklungsländer besser gehen könnte.

Und jetzt, wo „der Rest der Welt“ nicht nur arm und dumm ist, sondern AUCH Internet hat und dadurch erkennen kann, dass es den Reichen (das sind übrigens wir) viel besser geht als ihnen, denken sie: Wir kommen jetzt mal rüber und werden auch ein wenig reich.  Finde ich jetzt nicht prickelnd (dabei habe ich mich mit meiner Patenschaft für das schwarze Kind in Afrika so wohlig und gnädig gefühlt – ich mache was!), besonders wenn Alle auf einmal kommen. Verdenken kann ich es aber niemanden, der lieber hierher kommt und ein klein wenig mehr so ist wie du und ich, als irgendwo für einen Hungerlohn in Afrika nichts zu verdienen oder in Syrien erschossen zu werden.

Was habt ihr denn gedacht? Das die Welt immer weiter dabei zusieht, wie wir immer fetter und fauler werden und wir ihnen ein paar Brotkrumen hinwerfen und alles gut? Und nein, ich habe im Prinzip auch keinen Bock meinen Wohlstand aufzugeben (schließlich arbeite ich doch hart!), doch ich kann auf jeden Fall auch nicht behaupten, dass ich mich groß darüber wundere, dass es so kommt, wie es kommt; nur dass es auf einen Schlag eine Millionen Menschen in einem Jahr sein würden die nach Deutschland drängen, hätte ich nicht gedacht. Aber es sind MENSCHEN. Keine Heuschrecken, keine Monster, und nicht ausschließlich Verbrecher. Menschen die so gut wie möglich ihr einziges Leben leben wollen, wie sie können. Dass das jetzt bei uns sein soll finde ich jetzt auch nicht so toll, aber ich kann es verstehen.

 

Komischerweise bin ich mit der Einstellung bald schon alleine. Wie gesagt: Der Rassismus nimmt zu. Und komischerweise geht es jetzt, einen Monat nach dem Silvester-Schock, immer weniger um Frauen-Rechte und/oder Sozialisationsproblemen; es geht um das Geld. Der Kapitalismus schlägt wieder knallhart zu. Leute, die als es noch „keine Probleme“ gab, sehr gönnerhaft daherredeten, sind jetzt lieber Menschenhasser, als ärmer.

Ich stehe dazu: Ich habe auch Sorgen vor Überfremdung. Habe davor Angst, dass  die Werte die wir hier leben, langsam aber stetig über Bord geworfen werden.  An denen müssen wir festhalten. Und dafür braucht es INTEGRATION derer, die da sind. Und nicht Ausgrenzung. Die, die da sind und nicht mehr weggeschickt werden, die muss man integrieren und zwar um unserer selbst willen. Denn jene die uns heute verstehen, sind nicht die Parallelgesellschaft von morgen. Und das kostet. Es kostet Geld und Nerven. Dabei werden wir leider nicht nur Dankbarkeit zu spüren bekommen.

Aber es wollen immer weniger Leute hier Zugeständnisse machen. Sie wollen dass Alles so bleibt wie es ist; dafür haben sie ja auch die Merkel gewählt. Aber man kann die Zeit nicht festhalten. Man kann nicht immer Jugendlich sein. Man kann nicht immer nur größere Fernseher kaufen. Und man kann nicht hunderte von Jahren diejenige Gesellschaft sein, der es am Besten geht. Das Leben ist ein einziger  Wandel. Aber das wollen viele nicht erkennen. Sie wollen sich lieber aus- oder besser: abgrenzen.

Realität bleib draußen.

Das geht nun einmal schwer mit einem Flüchtlingsheim vor der Nase. Mit der Fremde in der eigenen Nachbarschaft. Aber die Probleme der Welt gehen nicht weg nur weil man Leistungen kürzt oder eine Brandbombe auf ein Dach wirft.

Die verlassene Familie

„Tagsüber sind die Politiker in Heidenau. Nachts die Nazis.“ So ähnlich  hatte ich das gestern gelesen gehabt, irgendwo im Netz,  auf dem Smartphone, wo alle Informationen wie Fast-Food-Brei ineinander verschwinden, da ich sie dort eher in der Intensität von Werbespots wahrnehme, als wirkliche Nachrichten. Ich denke daran während ich die Gesichter der Familie meines Schwagers in einer kurzen Tisch-rund-um-Kamerafahrt abtaste. Sind diese Bauern/Proleten auch so drauf? Oder sind das meine Vorurteile?

Es ist Kindergeburtstag. Mein kleiner Neffe Timmi hat Geburtstag, er ist 7 Jahre alt geworden. Timmi hat strohblondes Haar und ein heiteres Gemüt. Natürlich trägt er ein FC Bayern-Trikot. Wir sind in Bayern.

Würde ich Timmi danach fragen, weshalb er Bayern-Fan ist, würde er das Gleiche sagen, wie Millionen Kinder auf der ganzen Welt: „Weil mein Papa das auch ist.“  Ich blicke in die Gesichter am Tisch, denke noch einmal kurz an „Heidenau“ und da ist noch einmal der Satz, verbunden und dabei doch zusammenhanglos, ohne Pathos: Weil mein Papa das auch ist…

Mein Vater ist schon vor einer Weile weg. Der Kindergeburtstag läuft schon seit 4 Stunden. Ich bin spät dran. Mein Schwager Thomas, der Vater von Timmi, hat mir ein Stück Torte hingestellt, die selbst angeschnitten noch aussieht wie ein Fußball, die ich esse und dazu brav lobe. Schwager Thomas meint darauf: „Den hat Claudia ausgesucht.“

Claudia… Meine Schwester. Seine Frau.

Die ihn vor ein paar Wochen verlassen hat – die Kinder hat sie bei ihm zurückgelassen. Seine Familie sieht ihn mitleidig an. Der Moment schwebt eine Sekunde über der Szene. Stillstand. Einige Blicke heben sich auf ihn. Andere wenden sich in Gedanken ab. Münder werden geöffnet. Doch keiner sagt etwas. Und ich nur so um die Situation zu retten: „Ich finde die Torte TROTZDEM gut.“ Erleichtertes Auflachen um mich herum; die Doppeldeutige Aussage wurde als guter Witz anerkannt.

Meine Schwester hat einen „Neuen“, und den „Alten“ mit den Kindern zurückgelassen. Harte Geschichte. Heftige Geschichte. Nicht mal jetzt am Geburtstag ihres Jüngsten ist sie da. Kein Bisschen, womit ich meine, dass sie bis auf diese kurze Episode überhaupt gar keine Erwähnung an diesem Nachmittag gefunden hat. Wenigstens nicht als ich dort war.

Die Wahrheit, ist einfach: Sie hat die Kinder nie gewollt. Und ihn nie wirklich geliebt. Vielleicht dachte sie es. Aber wer sie gut kennt, so wie ich, der weiß, dass sie in Wahrheit immer nur sich selbst geliebt hat. Davor habe ich auf eine komische Art sehr viel Respekt, bei all meiner Abgestoßenheit vor ihrem Tabu-Bruch die Kinder zu verlassen, denn ich kann leichter alle anderen lieben, als mich selbst.

Sie wollte ja nie wie unsere Mutter werden, und nun, wie ich den verlassenen Timmi mit seinem Muffin im Mund da so ansehe, hatte sie ihm genau das angetan, was unsere Mutter…

Mein kleiner Scherz hat – wenn auch nicht für mich – im Raum etwas ausgelöst. Die Stimmung ist lebhafter geworden. Wohl weil die Familie meines Schwagers meiner Antwort auf die Torte als moralische Verortung meinerseits in der Frage der zerbrochenen Ehe interpretiert. Es wird mehr Bier geöffnet, euphorischer angestoßen und herzlicher Gelacht als zuvor. Da bellt auch schon der Hund weil der Pizza-Lieferant  gleich klingt, und schon werden die Party-Pizza-Stücke überall hin verteilt (auch ich bekomme sofort eines, als „Nachspeise zur Torte“, wie mir zugezwinkert wird) und mampfend Späßchen gemacht. Die Esserei hebt noch einmal die gute Laune und schon werden die Witze derber, anzüglicher und die jungen Mädchen in der Runde werden dar ob zum Erröten gebracht. Klarer Schnaps wird eingeschenkt. „Zum Verdauen“ – als wäre der Verdauungsvorgang ohne Schnaps gar nicht vorstellbar.

Selbst mich steckt diese überraschend gute Atmosphäre an, und ich proste den Hinterwäldlern zu, während sie ihre Phrasen heraushauen. Ich vergessen momentan meine Abneigung gegen diese Menschen, die nur darauf beruht, dass wir unterschiedliche Charakter sind, und nicht weil irgendjemand besser oder schlechter wäre, und lasse mich vom Moment und vom Bier treiben, auch in den Bewusstsein, noch mit dem Auto nachhause fahren zu müssen, um dort dann (bald) meine Ruhe zu haben.

Die Kinder sind glücklich.

Auch Timmi, der vergnügt auf seinem neuen Smartphone die Bilder die er von uns geschossen hat, mittels einer App in groteske Monster verwandelt. Alles super. Heile Welt. So viel Spaß hatten wir in dieser Gemeinschaft, so zusammengewürfelt, noch nie.

Da wird mir klar, WIESO wir so gut drauf sind: Weil die Familie meines Schwagers endlich einmal befreit auftrumpfen kann. Weil. Meine Schwester. Claudia. Die Mutter von Timmi. Nicht mehr da ist. Diese Feier ist für sie eine Erleichterung. Ein Triumph über meine Schwester. Die für sie die böse Hexe ist. Die Oberhexe. Die Schlampe. Die Hure… Ja. Sie sind glücklich weil sie nicht mehr da ist. Sie sind froh über ihre Abwesenheit. Denn das ist wahre Freude in solchen Kreisen, an solchen Orten, in solchen Zeiten: Die Abwesenheit von Dingen, die uns zusetzen, die wir nicht leiden können, die uns stören. Endlich kann der ganze Hass in Form von Freude nach außen ausbrechen, den sie solange und dermaßen bitterlich zurückgehalten haben. Die böse Hexe ist tot und hat am Ende gezeigt (wie in allen gerechten Märchen), weshalb sie von allen so gehasst wurde. Wie konnte sie nur? Wie kann sie nur? Was ist sie nur für ein Mensch? Ohne sich auch nur eine Sekunde lang die Frage zu stellen, was man selbst für ein Mensch ist, und warum andere Menschen sich so verhalten, wie sie es tun.

Am Ende haben sie doch gewonnen. Die ehrenvollen, braven Einwohner aus diesem 600 Seelen-Kaff.

Jetzt wo.

Sie weg ist.

Wird Alles besser.

Es sind nur 200 Kilometer von hier bis nach Heidenau. Und es ist tiefste Nacht.