Kurz mal ins Internet gekotzt

„Wir müssen unbedingt KETAMIN nehmen!“

„Wie? Was? Ne du… Lass mal.“

„Ja wie jetzt? Das ist voll lustig! Da kann man nicht mehr Sprechen! Wir haben uns so kaputt gelacht. Mann, Mann… Wenn der Fleming nur dabei gewesen wäre, habe ich mir da gedacht. Aussprechen konnte ich es ja nicht…“

„Ne du… Ich bin 35…“

„FÜNFunddreißig fünfunddreißig 35… Ist doch egal.“

„Ich habe keinen Bock mehr auf neue Drogen. Ich will einfach nur das was ich kenne, und gut. Obwohl. Eigentlich will ich gar nichts. Eigentlich will ich nur meine Ruhe…“

„Das bist doch gar nicht DU der da aus dir spricht! Das ist deine FREUNDIN.“

„So ein Blödsinn. Hör mir auf mit deinem Pferdeberuhigungsmitteln.“

 

Ich mache Skype zu.

Ganz schön anstrengend, diese Videostream-Konferenzen vom bayrischen Land nach Berlin. Irgendwo sind diese Gespräche auch immer mehr Zeitreise als mir lieb ist. Hm.

Die Gedanken schweifen ab. Danke Alice Wunder mit deinem Ecstasy-Monat. Schon ist man wieder im Thema drin. Gestern wir Beide noch am Handy. Und mir fallen die von ihm selbst gesprochen Worten von Rainald Goetz bei seinem „Heute morgen“-Hörbuch ein, die Stelle wo es heißt:

 

„Und so liege ich da also in der Hell-Night im Suicide, im Garten, des nach Klo-Containern stinkenden Outdoor-Suicides, unter den Bäumen im Gras, irgendwo bei oder unter den sogenannten Hackeschen Höfen, in Mitte, wie hier gesagt wird, in Berlin, und breche da vor mich hin, und denke: das paßt schon. Das tut mir jetzt gut.

Irgendwann hört das Würgen auf, die Krämpfe werden seltener, und ich schaue ruhig auf den quer im Bild liegenden Baumstumpf, Baumstamm vor mir. Zu erschöpft, das jetzt genauer zu untersuchen, zu verstehen. Von hinten kommt wer, fragt, ob er helfen kann, und ich drehe mich ganz leicht hoch mit aller Kraft, vorsichtig, und sage sehr geordnet: „Nein, vielen Danke. Ich raste nur ein bisschen hier.“

 

Daran muss ich denken und weiß mich zu erinnern, dass auf XTC nicht einmal das Kotzen schlimm war. Nicht gerade angenehm, nur auch nicht schlimm. Die Droge ist wie die Mama die vorbei kommt – die MA-MA ich niemals hatte – die aufwischt und sagt: „Jetzt ist aber wieder gut.“ Und das ist es dann auch. Kein Drama. Der Rausch geht weiter.

 

Blöde Melancholie. Und doch. So wie ich hier sitze und daran zurückdenke, hier, in meiner Baseball-Jacke. Bin das noch ich?

 

Tags darauf sehen meine Freundin und ich „Batman versus Superman“. Ich mag den Film; sie schaut gelangweilt ins Handy. Ich mag die Erzählung wegen diesem Konflikt zwischen Übermensch und Mensch, auch wegen dieser Vorstellung, das quasi ein Gott unter uns weilt und wir deswegen unsere gesamte Existenz hinterfragen (witziger weise lese ich im Moment auch noch „Es ist nicht leicht ein Gott zu sein“ von den Strugatzki-Brüdern, ähnliches Thema). Mir egal wie andere den Film werten. Filmfehler hin oder her.

Superman, der Supermann, der eigentlich nur ein normaler Farmer-Junge sein will. Und Batman, das traumatisierte Millionärs-Kindchen, das immer Superheld sein will. Und ist. Nur ausgestattet mit einer einzigen, doch allzu weltlichen  Superkraft: Er ist unermesslich reich.

Interessanter Konflikt…

Das sind auch die zwei Herzen die in meiner Brust schlagen: Auf der einen Seite will man auch FÜMPFund30 noch Superdrogen-Feierman sein. Auf der anderen der brave Kerl mit studierter Freundin, der sich auf seine Bildungsbürgerlichkeit einen herunterholt und leicht abschätzig die Nase rümpft, wenn neben ihm eine Drogenleiche liegt. Total lächerlich. Das Männer immer Beides sein wollen und nichts davon richtig können.

Ich dachte. Ich kotze das schnell mal ins Internet. Dann ist wieder gut.

Rainald Goetz im Porträt (2000)

Dieser Beitrag auf KulturZeit von vor 15 Jahren hat damals mein Leben verändert. Heute kann ich nicht mehr sagen, WAS es eigentlich war. Es war der Tropfen Input, der ein Rinnsal entstehen lässt, aus dem ein reißenden Strom wurde, der mich fortriss, und über den ich niemals wieder Kontrolle erlangen sollte. Ich schluckte eine zähe Substanz, das Weltenwasser, verschluckte mich daran, ging unter, wurde panisch, ergab mich und kämpft doch, glücklich und neu geboren, nicht minder ausgekotzt, mich an die Ufer des Stromes, und wachte schließlich auf an einem Kieselsteinigen Strand und sah fröhlich zertrümmert, ernsthaft verstört auf Jahre zurück, in die mich dieses fast schon lächerlich banale Interview gezogen hatte.

Literatur. Techno. Journalismus. Gegenwart. Medien. Drogen. Verstörtheit. Philosophie. Text zur Nacht.