Der Therapiehund

„Das Traurigste was ich jemals erlebt habe?“ der Alte hält inne. „Ich weiß nicht… Darauf kann man keine Antwort geben. Denn das Traurigste was man erlebt hat, ist immer das Persönlichste. Der Tod von Eltern, Geschwistern oder noch viel schlimmer, der des eigenen Kindes, diese melodramatischen Momente des Daseins… Wenn ich aber ein Bild auswählen müsste, ein Ereignis, dass ein großer Regisseur oder Autor in einem Buch verwenden würde, wäre meine Wahl wohl dieses 18 jährige Mädchen aus Thailand.

Ich wurde dorthin eingeladen, in dieses Bordell und wir gehen dort in dieser unglaublich aufgeheizten Stimmung, ja, das darf man zweideutig sehen, den offenen Gang entlang und am Ende dieses Ganges sitzt dieses 18 Jährige, Aids-kranke Mädchen, offensichtlich – Pardon, mir fällt dafür kein besseres Wort ein – schwachsinnig. Ein Gespräch mit ihr war nicht wirklich möglich. Wohl aber konnte ich mich mit einigen ihrer Freier unterhalten, die ebenfalls längst an Aids erkrankt waren und an der armen Kleinen ihre Schwäche und Minderwertigkeitsgefühl auslassen konnten, die eine der wenigen Menschen war, mit denen sie selbst noch Sex haben konnten… Und diese Schwachsinnige hat gelächelt dabei. War immer fröhlich… Nein… Ja. Würde ich eine Szene wählen, wäre es wohl diese…“

 

Die Hand des Alten strich bei seinem Monolog versonnen über den Kopf des Hundes, der seinen großen, schweren immer lächelnden Kopf zwischen die Beine des Mannes gelegt hat und ihm mit großen Augen, Ohren und heißem Maul zuhörte.

Der Hund ist ein trainierter „Therapiehund“, der, so wie heute, auch seine Dienste als „Besuchshund“ anbietet. Er ist ausgebildet sorgsam mit traumatisierten oder verletzten Kindern zu spielen, bettlägerig alte Menschen aufzuheitern, sich von alten Leuten, so wie jetzt, streicheln zu lassen; letztes Jahr hat er sogar zu Weihnachten den Geschenkwagen des Weihnachtsmannes gezogen und somit behinderten Kinder ihre Geschenke apportiert. Doch das ist nur ein Nebenjob des Hundes. In Wahrheit ist er speziell geschult um in der Heilpädagogik eingesetzt zu werden, zu der Ganzheitlichen Heilung eines Menschen…

 

Unser alter Mann weiß das. Er ist vom Fach. Er kennt die Kniffe und Tricks dieser Hundeseele, ist sogar mit ein paar Ausbildern von solchen Tieren bekannt. Es spielt für ihn keine Rolle.

Er lädt seine schweren, bösen Gedanken auf diesem freundlichen Tier ab, dass nichts versteht und der Alte fühlt sich wohl dabei. Der Hund ist wie dieses Loch in einem Baum, in das man einer chinesischen Sage nach seine Geheimnisse erzählt, um es dann mit Wachs zu verschließen, wonach die Sorgen dort – verschlossen vor den Ohren und Augen der anderen – zurückbleiben. Der Hund als  ein ewig lächelndes Gefäß des Schmerzes. Das Tier kann unendlich viel Trauer und Wut aufnehmen, da es in Wahrheit nichts versteht. Mit seiner übermenschlich positiven Ausstrahlung. Tim Allen hat nicht umsonst gesagt: „Der Hund ist deshalb der beste Freund des Menschen, da er keine Menschenkenntnis hat.“

Könnte dieser Hund verstehen. Könnte er sprechen. Würde er dann weinen über all die Trauer die er empfang hat? Oder würde er die Menschheit an sich verachten?

Und ist es nicht bezeichnend, dass nur ein Tier die gesammelten Schmerzen der Menschheit lächelnd ertragen kann?

 

Dann muss der Hund fort. So wie alle Dinge irgendwann gehen müssen. Der alte Mann. Dieser große Weltreisende. Bleibt alleine mit seinen Gedanken zurück. Die Trauer und die Vergangenheit sind nicht da. Für ein paar Stunden ist er davon befreit. Sie hängen wie ein Schleier an dem Tier fest. Das schwanzwedeln und unbeschwert damit davon zieht und bald dem nächsten Patienten die Pfote reicht.

Sorgen werden manchmal weniger wenn man von ihnen erzählt. Und später, im Bett, dass links und rechts der Matratze das Hochklappbare Gitter besitzt, damit der alte Mann nicht herausfallen und zerbrechen kann, fragt sich unser alte Freund und pensionierter Psychologe, ob er selbst nicht mehr oder weniger war und ist wie dieser Hund. Eine Ablagefläche, ein Loch ohne Boden für die Sorgen der Menschen mit denen er „gearbeitet“ hat. Ja. Der Hund und er, sie sind sich gar nicht so unähnlich. Bis auf eine Ausnahme.

 

Friedrich Nietzsche hat geschrieben: Wenn man lange in einen Abgrund schaut, schaut der Abgrund auch in einen.

Die verlassene Familie

„Tagsüber sind die Politiker in Heidenau. Nachts die Nazis.“ So ähnlich  hatte ich das gestern gelesen gehabt, irgendwo im Netz,  auf dem Smartphone, wo alle Informationen wie Fast-Food-Brei ineinander verschwinden, da ich sie dort eher in der Intensität von Werbespots wahrnehme, als wirkliche Nachrichten. Ich denke daran während ich die Gesichter der Familie meines Schwagers in einer kurzen Tisch-rund-um-Kamerafahrt abtaste. Sind diese Bauern/Proleten auch so drauf? Oder sind das meine Vorurteile?

Es ist Kindergeburtstag. Mein kleiner Neffe Timmi hat Geburtstag, er ist 7 Jahre alt geworden. Timmi hat strohblondes Haar und ein heiteres Gemüt. Natürlich trägt er ein FC Bayern-Trikot. Wir sind in Bayern.

Würde ich Timmi danach fragen, weshalb er Bayern-Fan ist, würde er das Gleiche sagen, wie Millionen Kinder auf der ganzen Welt: „Weil mein Papa das auch ist.“  Ich blicke in die Gesichter am Tisch, denke noch einmal kurz an „Heidenau“ und da ist noch einmal der Satz, verbunden und dabei doch zusammenhanglos, ohne Pathos: Weil mein Papa das auch ist…

Mein Vater ist schon vor einer Weile weg. Der Kindergeburtstag läuft schon seit 4 Stunden. Ich bin spät dran. Mein Schwager Thomas, der Vater von Timmi, hat mir ein Stück Torte hingestellt, die selbst angeschnitten noch aussieht wie ein Fußball, die ich esse und dazu brav lobe. Schwager Thomas meint darauf: „Den hat Claudia ausgesucht.“

Claudia… Meine Schwester. Seine Frau.

Die ihn vor ein paar Wochen verlassen hat – die Kinder hat sie bei ihm zurückgelassen. Seine Familie sieht ihn mitleidig an. Der Moment schwebt eine Sekunde über der Szene. Stillstand. Einige Blicke heben sich auf ihn. Andere wenden sich in Gedanken ab. Münder werden geöffnet. Doch keiner sagt etwas. Und ich nur so um die Situation zu retten: „Ich finde die Torte TROTZDEM gut.“ Erleichtertes Auflachen um mich herum; die Doppeldeutige Aussage wurde als guter Witz anerkannt.

Meine Schwester hat einen „Neuen“, und den „Alten“ mit den Kindern zurückgelassen. Harte Geschichte. Heftige Geschichte. Nicht mal jetzt am Geburtstag ihres Jüngsten ist sie da. Kein Bisschen, womit ich meine, dass sie bis auf diese kurze Episode überhaupt gar keine Erwähnung an diesem Nachmittag gefunden hat. Wenigstens nicht als ich dort war.

Die Wahrheit, ist einfach: Sie hat die Kinder nie gewollt. Und ihn nie wirklich geliebt. Vielleicht dachte sie es. Aber wer sie gut kennt, so wie ich, der weiß, dass sie in Wahrheit immer nur sich selbst geliebt hat. Davor habe ich auf eine komische Art sehr viel Respekt, bei all meiner Abgestoßenheit vor ihrem Tabu-Bruch die Kinder zu verlassen, denn ich kann leichter alle anderen lieben, als mich selbst.

Sie wollte ja nie wie unsere Mutter werden, und nun, wie ich den verlassenen Timmi mit seinem Muffin im Mund da so ansehe, hatte sie ihm genau das angetan, was unsere Mutter…

Mein kleiner Scherz hat – wenn auch nicht für mich – im Raum etwas ausgelöst. Die Stimmung ist lebhafter geworden. Wohl weil die Familie meines Schwagers meiner Antwort auf die Torte als moralische Verortung meinerseits in der Frage der zerbrochenen Ehe interpretiert. Es wird mehr Bier geöffnet, euphorischer angestoßen und herzlicher Gelacht als zuvor. Da bellt auch schon der Hund weil der Pizza-Lieferant  gleich klingt, und schon werden die Party-Pizza-Stücke überall hin verteilt (auch ich bekomme sofort eines, als „Nachspeise zur Torte“, wie mir zugezwinkert wird) und mampfend Späßchen gemacht. Die Esserei hebt noch einmal die gute Laune und schon werden die Witze derber, anzüglicher und die jungen Mädchen in der Runde werden dar ob zum Erröten gebracht. Klarer Schnaps wird eingeschenkt. „Zum Verdauen“ – als wäre der Verdauungsvorgang ohne Schnaps gar nicht vorstellbar.

Selbst mich steckt diese überraschend gute Atmosphäre an, und ich proste den Hinterwäldlern zu, während sie ihre Phrasen heraushauen. Ich vergessen momentan meine Abneigung gegen diese Menschen, die nur darauf beruht, dass wir unterschiedliche Charakter sind, und nicht weil irgendjemand besser oder schlechter wäre, und lasse mich vom Moment und vom Bier treiben, auch in den Bewusstsein, noch mit dem Auto nachhause fahren zu müssen, um dort dann (bald) meine Ruhe zu haben.

Die Kinder sind glücklich.

Auch Timmi, der vergnügt auf seinem neuen Smartphone die Bilder die er von uns geschossen hat, mittels einer App in groteske Monster verwandelt. Alles super. Heile Welt. So viel Spaß hatten wir in dieser Gemeinschaft, so zusammengewürfelt, noch nie.

Da wird mir klar, WIESO wir so gut drauf sind: Weil die Familie meines Schwagers endlich einmal befreit auftrumpfen kann. Weil. Meine Schwester. Claudia. Die Mutter von Timmi. Nicht mehr da ist. Diese Feier ist für sie eine Erleichterung. Ein Triumph über meine Schwester. Die für sie die böse Hexe ist. Die Oberhexe. Die Schlampe. Die Hure… Ja. Sie sind glücklich weil sie nicht mehr da ist. Sie sind froh über ihre Abwesenheit. Denn das ist wahre Freude in solchen Kreisen, an solchen Orten, in solchen Zeiten: Die Abwesenheit von Dingen, die uns zusetzen, die wir nicht leiden können, die uns stören. Endlich kann der ganze Hass in Form von Freude nach außen ausbrechen, den sie solange und dermaßen bitterlich zurückgehalten haben. Die böse Hexe ist tot und hat am Ende gezeigt (wie in allen gerechten Märchen), weshalb sie von allen so gehasst wurde. Wie konnte sie nur? Wie kann sie nur? Was ist sie nur für ein Mensch? Ohne sich auch nur eine Sekunde lang die Frage zu stellen, was man selbst für ein Mensch ist, und warum andere Menschen sich so verhalten, wie sie es tun.

Am Ende haben sie doch gewonnen. Die ehrenvollen, braven Einwohner aus diesem 600 Seelen-Kaff.

Jetzt wo.

Sie weg ist.

Wird Alles besser.

Es sind nur 200 Kilometer von hier bis nach Heidenau. Und es ist tiefste Nacht.