Fight Club im Fussball-Stadion

„Ist ein Fußballturnier, ist dem Pöbel alles egal.“

„Wer sagt denn das?“

„Na die Medien.“
„Hm. Stimmt ja jetzt auch nicht. Man sollte nicht vergessen, dass die Medien nur noch über Fußball berichten… Es wird einem normalen Menschen fast schon erschwert an normale Infos zu kommen.“

„Vor ein paar Jahren haben die im Bundestag in der Zeit unbeliebte Gesetze durchgedrückt. Hat ja keiner gemerkt.“

„Welche UNBELIEBTEN Gesetze denn?“

„Ja keine Ahnung.“

„Mhm…“
„Auf jeden Fall wird so getan, als hätten wir nur noch Fußball im Kopf während so ner EM.“
„Weil wir der Pöbel sind?“

„Na ja… Vielleicht sind wir schon eher das Pack.“

„Immerhin sind wir in der Gewerkschaft.“

„Pack ist dann auch ein wenig übertrieben. Und als Bildungsferne Schicht würde ich nur die Jungs in der Nachtschicht bezeichnen.“

„Sehr witzig.“

„Aber es ist doch eh Quatsch. Als würden wir uns ansonsten nur über die Flüchtlingskrise, Griechenland oder unsere Renten unterhalten. Der Normalo ist ein Depp. Der redet da kaum drüber. EM hin oder her. Soma gibt es immer…“

„Soma… Weißt du, das Wort „Flüchtlingskrise ist furchtbar. Weißt du warum?“

„Tja…“

„Krisen enden.“

„Genauso wie Kriege… Das hast du aus the wire, stimmts? Krieg gegen die Drogen…“

„Jo.“

„Vielleicht geht es auch darum, dass wir bei so einer WM unsere Leute rumlaufen sehen. Fussballer sind doch in Wahrheit auch eher Pöbel, so denken doch die Anderen. Die Gebildeten.“

„Die Anderen… Hm…“

„Ja du weißt doch. Gut aussehen dürfen Fußballer. Am Besten sind sie noch lustig. Mehr wird denen aber auch nicht zugestanden. Die sind doch für DIE ANDEREN auch nur ein Haufen Hauptschüler. Und das ist noch milde ausgedrückt. So wie wir. Ein Fußball-Spieler ist quasi das Idealbild, der König und zugleich  Prototyp der Proleten. Muskulös. Gut aussehend. Eher selten in ner Bibliothek anzutreffen.“

„Ein Fußballer muss ja nicht klug sein.“
„Kann er aber! Und das wird von den Anderen gerne absichtlich übersehen.“

„Dann noch der richtige Abschaum. Das totale Pack. Die Nazi-Schläger.“

„Die Hooligans… Hm. Weißt du was mich wundert? Du und ich, wir würden niemals Karten für so ein Spiel bekommen. Die Schläger schaffen das aber cool easy. Wo bekommen die die Tickets eigentlich her?“

„Hooligans müssen nicht im Stadion sein um Prügeln zu können.“
„Manche aber schon. Meine Theorie ist ja, dass das gar nicht das Pack ist, dass da zum Schlagen auf die Straße geht.“

„Die mit den Reichsfahnen sind kein Abschaum?…“

„Ich sag nicht das sie kein Abschaum sind, ich sage nur, dass das keine Hartzer oder Geringverdiener sein müssen; woher sollen die eigentlich das Geld für so ne Karte haben?“
„Das unterstellt man recht schnell.“

„Ja. Die Medien suggerieren das nur. Weil. Alle gleich sind. Die Zuschlagen. Zuschlagen ist gleich dumm.“

„Und das stimmt nicht?“

„Ein Bekannter von nem Freund von mir ist Manager bei BMW und der macht bei so was gerne mit. Dafür nimmt der sich extra Urlaub.“

„So ein Filial-Leiter?“
„Ne. So richtig Manager. Der geht gerne zu solchen Kloppereien. So richtig aufs Maul. Der findet das gut. Das reinigt die Seele: Irgend nem Fußball-Ausländer aufs Maul zu hauen.“
„Und das Hotel zahlt bestimmt auch noch die Firma.“

„Würde mich nicht wundern.“

„Schon eine krasse Vorstellung. Manager die normale Fußball-Fans zusammenschlagen.“

„Eigentlich passt das doch voll ins Klischee-Bild.“

„Ist das nicht etwas zu… Fight Club?…“

„Ja und? Glaubst du die Leute gehen nur aus den RICHTIGEN Gründen in den Fight Club? Glaubst du so eine Selbsterlösung ist per se etwas Gutes?“

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Der Niveauvolle Absturz

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Den Satz habe ich noch nie begriffen, bedenkt man, dass man immer und überall aufgefordert wird, unter seiner Würde behandelt zu werden. Siehe „Subways“, „Ikea“ usw. diese Orte, an denen man aufs härteste Gedutzt wird, total lässig und Amerikanisch soll das sein. Ich. Finde. Das gar nicht lässig. Es ist unhöflich auch wenn man hier noch nicht vom totalen Verlust der Würde sprechen kann.

Als Fußball-Fan (von Eishockey ganz zu schweigen) ist es auf eine andere Art schwer seine Würde zu behalten, da der von der Gesellschaft vorgeschriebene Fan-Code, dieses Wie-ein-Fan-auszusehen-und-sich-zu-verhalten-hat, ultrabrutal und unwürdig ist. Ohne Ballermann-Auftreten und Gegröle scheint es nicht zu gehen. Noch schlimmer dieses grauenhafte (noch einmal: grauenhafte) Merchandise in Schwarz/Rot/Geld (von wegen GOOOLD): Nichts gegen Schals… Doch was sollen diese Maler/Fischer-Cappys, Pickelhauben oder Perücken in den Nationalfarben? Diese eingefärbten Sonnenbrillen, die angemalten Gesichter und die Fähnchen-Mützen? Die Speedsuits, die Schwarzrotgelben Blümchenketten, Cowboy-Hüte, Zylinder oder altgriechischen Kampfhelme? Und nun mal ehrlich: Welcher Bierbäuchige Fan sollte ein Trikot tragen, in das eigentlich ein Mario Götze oder Schweinsteiger passen sollte?

Weshalb ist das Fan-Verhalten oft so Stil- und ja, Würdelos? Weshalb brauchen die Massen überhaupt diesen Herdentrieb, dessen Vorbild der irische Dorfsäufer aus dem 18ten Jahrhundert ist? Da würde sich sogar James Joyce im Grabe umdrehen…

Man muss diese Gesellschaftsspiele nicht mitspielen und am Ende greift einen doch der Gruppenzwang am Schlawickel und zieht einen mehr oder weniger hinein…

Weshalb verfallen unsere Sitten so derart, schon im Kleinen? Es ist ja nicht „der Einzelne“, es ist das große Ganze. Das „Öööööööööiiiiiii!!!“ der Betrunkenen ist zu dem Schlachtruf ganzer Generationen geworden. Und bedenke: Heute wird weniger gesoffen als früher. Und die Gesellschaft ist sehr viel freier als noch vor 40, 30 oder sogar vor 20 Jahren; wovon müssen sich die Leute denn heute noch freifeiern und trinken, als vor der eigenen Langeweile? Nimmt uns der Wohlstand die Würde? Steht die Dystopie von „Idiocracy“ nicht schon längst in den Startlöchern?

Die kultivierte Dummheit, die man mit der kultivierten Niveaulosigkeit gleichsetzen kann, ist allgegenwärtig. Auch. Und gerade weil diese Niveaulosigkeit anfangs sicherlich – und davon bin ich überzeugt – aus der Ironie geboren wurde, bis aus dieser Ironie eine Lebenshaltung geworden ist; das ist in etwa so wie es Leute gibt, die die Ironie von K.I.Z. oder eines Mc Fitti als ernste Überzeugungen auffassen. Solche Trottel gibt es. Und sie bestimmen, nach und nach unsere Würde.

Es geht nicht nur um die Verrohung der Sitten. Es geht viel mehr um die Einstellung dazu, wie man sich einen Traumgeisteszustand imagisiert und dann auch durchlebt.

Ich weiß, dass ist jetzt mal wieder sehr schwarz in schwarz geschrieben und das Thema kommt immer wieder bei mir. Doch ich werde nicht wanken. Und immer wieder für den Niveauvollen Absturz eintreten. Den es gibt. Und der jedem zusteht.  So wahr mir Gott helfe.