Absolution – 8 – Die Nächte durchmachen

„Was machst du?“ stand da. Paul verstand nicht. Was hatten diese Worte, was hatte diese Frage zu bedeuten? Sie ergaben keinen Sinn. Und doch. War ihm in jeder Sekunde seiner Verwirrtheit bewusst. Dass ihm sein Freund Fettsack geschrieben hatte. Um mit ihm Kontakt aufzunehmen.

„Was machst du?“ Ja. Was tat er? Was geschah überhaupt mit der Welt? Paul sah sich in seiner Wohnung um. Dieses von ihm selbst eingerichtete Stillleben. Alles hier war unbelebt. Statisch. Konstruiert. Angefüllt mit einer Stille, die ihm die Luft nahm. Er traute sich kaum. Zu Atmen. Sein Körper schmerzte. Das hatte er sicherlich schon seit Stunden getan. Paul war nur zu weit von ihm entfernt gewesen. Seine Blase explodierte förmlich. Die Droge drängte danach in Sturzbächen ausgeschieden zu werden. Aber Paul saß einfach nur da. Total weg. Durch. Und drauf. Auf seinen Amphetaminen. Unfähig. Aufzustehen.

Er stand schließlich doch auf. Setzte sich auf seine Toilettenschüssel, zwängte seinen halb erigierten Penis hinein und ließ es laufen. Gefühlt eine halbe Stunde. Jede Sekunde. War zu lange. Er wollte nur wieder zurück. Zurück zu seinen Drogen. Zurück zu seinem Sessel. Zurück in seine Träume.

Er wusste was er tat. Warum musste man da nachfragen?

Als er in sein Wohnzimmer zurück kam ging hinter den Rollläden schon wieder die Sonne unter. Wie lange war er jetzt wach? Gestern. Heute. Waren sie doch in München gewesen. Er konnte sich nicht genug konzentrieren um diesen Worten Bilder in seinem Verstand zuzuordnen. Es waren nur Worte. München. Feiern. Freunde. Geschehnisse die auch einem anderem passiert seien könnten. Eine Nacherzählung von Tatsachen. Nichts, was ihm selbst passiert sein musste. Er zwang sich einen Schluck Wasser zu nehmen. Dann noch einen. Seit heute Morgen hatte er kaum etwas getrunken. Zu tief war er in seiner Traumwelt versunken gewesen. Zu weit war er von seinem Körper entfernt gewesen. Und die Nacht davor gab es nur Jägermeister. Und XTC. Man könnte ja vielleicht etwas essen? Paul machte sich noch zwei krumme, brockige Lines, von der er nicht einmal die Erste gänzlich in sich einsaugen konnte. Was er aber einatmete, versuchte sein Körper, sein Verstand, der unsichtbare Dritte in ihm wieder abzustoßen. Pauls Körper verkrampfte sich. Brechreiz kam auf. Er würgte seine Zunge aus seinem Schlund heraus während er sich die Nase zu hielt, um ja nichts von dem kostbaren Dreck zu verlieren, der seine Eintrittskarte in einer bessere Welt war. Chemische Lava lief seinen Hals hinunter. Er spülte mit Tränenden Augen nach. Auf seinem Sessel atmete er erleichtert auf. Das hatte er doch ganz gut hinbekommen. Und versank noch viel schneller und beschleunigter als zuvor in seine Traumwelt.

Um etwa ein Uhr nachts entschied er sich noch seine letzte Line zu nehmen. Dann musste Schluss für heute sein. Schließlich musste er um 6 Uhr für die Arbeit aufstehen. Diese eine „Nase“ noch. Dann würde es gut sein. Dann würde es reichen. Eine „Gute-Nacht-Nase“. So zum Einschlafen. Das war ein Scherz: „Gute-Nacht-Nase“. „Nasen“ bringen einen niemals ins Bett.  Aber es war auch eine seiner innersten Überzeugungen. Paul war verschwitzt und eklig von der ganzen Onanierrerei. Ausgepowert. Ausgetrocknet. Ausgehungert. Um 20 nach 4 zwang er sich selbst ins Bett zu gehen. Aber auch ohne Computer verfolgten ihn die Bilder. War seine Traumwelt noch ganz bei ihm. An Schlaf war nicht zu denken. Keine Chance. So etwas wie Reue kam in ihm auf. Verzweiflung. Über seine eigene Dummheit. Wie war denn DAS jetzt schon wieder passiert? Und warum war es so klar gewesen? Wenn nur nicht die blöde Außenwelt wäre. Wenn er nur für immer hier bleiben könnte…

Das Problem auf diese Art Drogen zu nehmen ist, dass keine Erinnerung oder Befriedigung an das Getane zurück bleibt. Du kannst keine Kicks oder gutes Gefühl mit in den Tag nehmen. Der Traum ist vergessen sobald er beendet ist. Fotos und Filmaufnahmen sind dem Gehirn nicht gestattet. Und ein klein wenig erschrak Paul immer wieder, wenn um 6 Uhr sein Wecker schellte. Jedes Mal war es ein wenig überraschend. Obwohl er seit Stunden darauf gewartet, sich davor gefürchtet hatte. Dann schleppte er sich – wie immer – durch seine Wohnung, die er irgendwie doch in der Nacht ziemlich verwüstet hatte obwohl er nichts nennenswertes getan hatte, sah sich – wie immer- im Spiegel an und stellte – wie ebenfalls immer – fest, so nicht in die Arbeit gehen zu können. Mit diesen riesigen, beschissen großen Pupillen. Dann öffnete er wie immer seine Duschkabine und machte sich mit zittrigen Händen fertig für den Arbeitstag.

 

Absolution – 6 – Wunscherfüllung Internet-Pornografie

3.

Nachdem sie den Club verlassen hatten. Nachdem sie den Feierstrich des Münchner „Kunstpark“, eine Partyzone, im Osten der bayrischen Hauptstadt, verlassen hatten. Nachdem sie die U-Bahn zum Hauptbahnhof und von dort den Regionalzug bis 2 Stationen nach Augsburg genommen hatten. Nachdem sie auf dem Weg von München über Augsburg noch ein paar Lines nachgelegt hatten. Nachdem sie sich am Bahnhof unspektakulär mit ein paar Umarmungen getrennt hatten; die anderen machten noch Afterhour, nur Paul sagte, er würde nicht mitkommen. Nachdem Paul durch den Regen zu seiner Wohnung gelaufen war, die 2 Gramm Speed in seiner Faust wie Frodo den Ring umklammernd, zog er dort angekommen sofort die Vorhänge zu, und  machte Paul seinen PC an. Er schob  flink seinen Sessel vor den Rechner. Stellte schnell zwei Flaschen Wasser daneben. Warf im Gehen eine Packung Tempo-Taschentücher auf den PC-Tisch. Und riss dann endlich, endlich, endlich, sein Speed, das von ihnen so genannte „Pep“ auf, so dass es wie eine wunderschöne Miniaturlawine auf seinen Glastisch fiel.

Der ganze Weg zurück aus München war für Paul eine nicht  enden wollende Tortur aus Zurückhaltung gewesen. Eine bloße Anmaßung, eine Bestrafung durch den Prozess des Reisens, der ihn von diesem Moment hier ferngehalten hatte. Während sein Herz. Seine Seele. Und besonders sein Schwanz nichts anderes wollten als hierher zu kommen. Hierher. In die Einsamkeit: In die Freiheit. Da es unmöglich war die Reise zu beschleunigen, beschleunigte er nun umso mehr den Prozess des Drogennehmens, während er gleichzeitig die Rahmenbedingungen für das schuf, was er sich die letzten Stunden, die vergangenen Tage so sehr herbeigesehnt hatte. Was nun folgte war das abschließende Abtauchen in eine viel höhere und ehrliche Form des Rausches, als man sie unter Menschen mit ihren privaten Ansichten und den damit automatisch einhergehenden Urteilen erleben kann. Dies hier. War sein privater Kick.  Der niemanden etwas anging.

Das Pep bröselte noch ein wenig aus seiner Nase, als er sich auf den Sessel  warf und seine Unterhose auszog. Normalerweise achtete er auf jeden einzelnen Krümel den er konsumierte. Jetzt. Wo es endlich los ging. War es ihm egal geworden. Er wollte nur so schnell wie möglich SEINEN Film schieben. In sich selbst Abtauchen. Bei sich selbst ankommen. Die rechte Hand öffnete den Internet-Browser. Die linke lag auf seinem schlaffen Schwanz. Seine Augen, panisch weit aufgerissen, klebten auf der einzigen Lichtquelle im Raum. Seinem Bildschirm. Auf dem ihm Seiten angezeigt wurden, deren Bezeichnung mit dem Wort „porn“ begannen. Er klickte sich euphorisch durch einen bestimmten, vor wem auch immer versteckten, Ordner in seiner „Lesezeichen“-Leiste um das Traum-Programm im PC wie in sich selbst hochzufahren. In bestimmter Weise musste sich der Geist nun mit dem Internet verbinden. Die Phantasie-Welt der Porno-Industrie musste sich mit der Gefühlswelt von Paul verbinden. In der es Vorlieben und Wünsche gab. Sehnsüchte und bare Geilheiten. Bei der schier unzähligen Auswahl von Videos und Bildern musste Paul nun gerade die finden, die er benötigte um sich selbst von der Welt zu entkoppeln. Das richtige Video. Mit der richtigen Frau. Im richtigen Setting. Mit der exakt richtigen Laufzeit. Alles musste perfekt sein. Denn Träume machen keine Konzessionen. Und es würde nur Leute wundern die Paul Fleming nicht wirklich kannten oder verstanden, dass er sich Videos von Frauen ansah, die seinen Freundinnen Sarah und Katha auf eine gewisse Art sehr ähnlich sahen. Dies. Waren die privatesten Momente im Leben von Paul Fleming.

Plump betrachtet war es ein krasser und klarer Fall von der Sucht nach Internet-Pornografie und Drogen, ein Mischkonsum-Verhalten, welches noch von keiner wissenschaftlichen Richtung jemals erforscht wurde. Eine Grau-Zone, über die niemand gerne spricht, da das Bild eines erwachsenen Mannes auf Drogen der sich vor dem PC stundenlang seinen Schwanz wichst nicht gerade die Form von Wahrnehmung ist, die der arme kleine Wichser von sich auch noch in die Welt transportieren will. Doch wie es ist mit den Wahrheiten so ist, ist sie, wie ihre kleine Schwester, das Klischee“ weiterverbreitet als Mann und Frau sich zugestehen wollen. „Wer seinen Trieb verleugnet, verleugnet sich selbst“, heißt es, nur ist der Triebhafte der Coole und Angesehene, der seine Neigung im realen Leben Taten folgen lässt, ausschließlich in seinem Kopf; wo aber ist der Unterschied? Wo ist die Grenze zwischen realem Verhalten und imaginiertem, wenn es nur um eine einzige Sache geht, nämlich der Triebabfuhr?

Ja Paul war sich sicher: Wer seinen Trieb verleugnet, verleugnet sich selbst. Und das war genau dass, was er tat.

 

Dieses wiederholte Verhalten zog einige Probleme nach sich, Erklärungsnöte, denn das Problem wenn man Freunde hat die einen mögen und leider so gut wie nie schlafen, ist ihre Sorge um einen oder wenigstens eine virtuelle Dauerpräsenz, wenn sie denn nicht ganz auf dem eigenen Sofa verschraubt erscheinen und man sie, ganz gleich wie geil einen die Drogen in den letzten Stunden schon gemacht haben, nicht aus dem eigenen Haus bekommt um sie endlich loszuwerden. Und Amphetamine machen relativ schnell geil.

Jetzt mussten also Ausrede her oder Tabula Rasa Entscheidung, um zu seinem einsamen Frieden vor dem PC zurückkehren zu können; „zurückkehren“ deswegen, da die Stunden vor dem PC, die an ihm abperlten wie Sekunden, ihm nach und nach als die wahre Lebensessenz erschienen. Bald fühlten sich sein zombiehaftes Verhalten und seine Flucht in sexuelle Träume an als die „bessere“ Art von Leben, eine Art von Leben, in dem es kein NEIN gab, und selbst wenn, dann war es ein inszeniertes Nein, welches er als großer Regisseur leicht in ein JA umdrehen konnte.

Häufig  hielt er einfach seine Freunde aus bis in die Morgenstunden um sie dann hochkant rauszuwerfen. Er sei – Haha – müde. Das klappte zwar manchmal ganz gut, doch nie ohne Nachdruck, da die Freunde die wie Blutegel in seiner Wohnung hingen, noch bei ihren Eltern wohnten und nicht mit Druffi-Augen nachhause gehen wollten. Somit musste vor der endlich erwarteten Meditation vor dem PC erst einmal gestritten werden. Und das war eklig und anstrengend. Besonders, da er im Prinzip eine ehrliche Haut war und es nicht mochte seine Freunde anzulügen.

Die weitausbessere Möglichkeit war es, sich die Drogen schon im Vorfeld zu beschaffen um sich dann nach der Arbeit am Wochenende einzuschließen und vor der ganzen Welt zu verleugnen.

„Ja ich bin krank.“

„Mir geht es nicht gut.“

„Kopfweh.“

„Magendarm“

„Müde“.

„Keine Lust.“

„Ein anderes Mal.“

„Familientag.“

Oder es gab gar keine Antwort.

 

Das Problem mit Methode Nummer 2 war nur, dass er schon so tief dem Sog seines Mischkonsums und seine Sehnsucht auf Erlösung in seinen Träumen verfallen war, dass es nur schwer möglich war bis Arbeitsende am Freitagnachmittag mit dem Konsum zu warten. Und unter der Woche Drogen zu nehmen barg nicht nur das Problem eine ganze Nacht vor der Arbeit nicht geschlafen zu haben, sondern in seinem speziellen Fall auch das Desaster, sich die ganze Nacht wie irr wundonaniert zu haben, was zudem einer Sportlichen Leistung gleichkam, wie eine Etappe der Tour de France zurückzulegen – und danach Arbeiten zu gehen. Davon war er heute noch weit entfernt. Noch hatte er mehr als genug Zeit. Dafür brauchte er nicht auf die Uhr zu sehen. Denn noch schien die Sonne auf seine Festung der Einsamkeit. Drogen- und Pornografie-Süchtige bemessen ihr Leben nicht nach Minuten und Stunden. Sie fühlen nur noch die Tageszeiten.

 

Noch war es nicht so weit. Noch sahen die Pornodarstellerinnen nicht einmal ganz so aus wie die Frauen die Paul wirklich begehrte. Ähnlichkeiten waren durchaus vorhanden. Aber noch waren sie nicht mehr als plumpe Schlampen die vor der Kamera ihre Würde ablegten. Dagegen konnte etwas unternommen werden. Sportlich sprang er auf und legte sich eine weitere Line, einen echten grobkörnigen Prügel aus Speed, und saugte sie wild entschlossen in seinen Riechkolben hinein. Zuviel ist ja selten genug. Schließlich war er sich darüber im Klaren, dass er der Katha seiner Träume, der wahren Katha, die echter war als die Frau die er vor ein paar Stunden umarmt hatte, nur noch ein paar Milligramm entfernt war. Denn wer einmal auf Drogen zu träumen begonnen hat versteht: Der Rausch ist die bessere Realität. Ist der klarere Traum. In der Hyperrealität des Traumes ist alles geordnet, richtig und unerschöpflich. Dies war der Olymp. In der er ein Gott unter Göttinnen war. Dies war der Harem seiner Seele. Der durch kein falsches Wort, durch keine falsche Geste, durch keine Laune von irgendwem zerstört werden konnte. Dies. War die Perfektion in Gedanken. Die sich echter anfühlte als die Wirklichkeit. Denn wenn man einmal begriffen hat, dass sich das ganze Leben nur im Kopf abspielt, weshalb sollte man sich dann noch mit einer unzureichenden, unbefriedigten Wirklichkeit zufrieden geben? Einer Wirklichkeit, in der man nur einer unter vielen ist? In der man Regeln und Konventionen einhalten muss um ein Abbild davon zu bekommen, was man sich eigentlich erträumt? Die objektive Wirklichkeit war immer ein Fehlerhaftes Zugeständnis an die anderen. Dies hier. War die reine Lust. Das hier. War alles was er wirklich wollte. Dies. War Paul Fleming.