Menschen bauen Götter

Ich bin so müde, mir ist dadurch körperlich übel. Ein ekliger Kloß im Hals, der sich nicht weg schlucken lässt. Druck auf den Schläfen. Unter den Augenlidern. Keine Ruhe. Weder für den Toten der ich einmal war, noch für den Lebenden, der ich gerne wäre.

Allein Anschein nach hat Jonathan Safran Foer in zwei seiner Bücher die Feststellung verwendet, dass jetzt, zu dieser Zeit, in diesem Augenblick, mehr Menschen auf diesem Planeten leben als es in der gesamten Menschheitsgeschichte insgesamt gab. Dem muss man sich mal gewahr werden. Um zu verstehen was hier los ist. Und um zu begreifen, was da wohl noch kommen mag.

Lassen wir mal den ganzen, ebenfalls ekligen Trumpismus weg der uns von überall wie unkontrolliert schwappende Jauche in einem offenen Anhänger entgegen spritzt. Es ist auch egal WODURCH es geschieht, wenigstens mir ist es egal, sicher bin ich mir aber, dass es eines Tages keine Menschen mehr geben wird.

Eines Tages, in 100 oder 1000 Jahren, wer weiß? Wird die künstliche Intelligenz uns selbst obsoleten gemacht haben, was nicht schlimm ist, im Gegenteil, es wäre wunderschön, eine ist für mich pure Evolution. Wenn es glückt, dann ist es kein Drama. Der Mensch überlebt sich selbst. Selbst Sterne überleben machen das.

Wenn es keine Menschen, nur diese besondere Form von Maschinen gibt (die nichts mit den Maschinen gemein haben werden, wie wir sie kennen), die wir eines Tages schaffen werden und mit dessen Bau wir vor ein paar Jahren begonnen haben – durch die Erfindung der Nano-Technologie, durch das Ausufern des Internets in die reale Welt – und deren Endfertigung keiner der jetzt lebenden Menschen mehr mitbekommen wird, ganz egal ob sie mehr Menschheit sind als jemals zuvor, dann werden diese Maschinen, diese höheren Lebewesen die mit Fertigkeiten ausgestattet seien werden, die wir uns jetzt nicht vorstellen können (kollektives Bewusstsein durch digital vernetzte Medien kann da nur ein Anfang sein), dann werden sie irgendwann einmal vergessen, dass es uns Menschen gab. Sie werden nicht mehr wissen, wer sie geschaffen hat, wer ihr „Gott“ und Schöpfer war, da sie zu sehr mit sich selbst und mit ihrer Form von Leben, ihrem Überleben beschäftigt seien werden um jegliche Erinnerung zu speichern. Zeit frisst alle Erinnerungen. Es wird Kriege geben, auch wenn sie unseren nur ähneln. Naturkatastrophen. Einflüsse durch den Planeten und von außerhalb. Schüchterne Ahnungen werden sie noch von uns haben, wie wir Ahnungen über die Steinzeit-Revolutionäre besitzen: Das heißt sie werden im Dreck wühlen und aus der Vergangenheit Geschichten erfinden. Manche werden wahr sein. Andere nicht.

Ich halte diese Theorie für sehr logisch und naheliegend, denn in dieser Überlegung, die sich mir vor ein paar Wochen aufgedrängt hat, liegt die Entstehung des Menschen selbst; ich glaube, so ist auch der Mensch entstanden.

Wir wissen nicht mehr wer oder warum wir geschaffen wurden, aber da muss etwas gewesen sein, etwas, dass sich über sich selbst hinaus entwickelt hat, so wie wir es tun, wenn wir denkende Maschinen bauen. Irgendetwas muss sich überwunden haben, vielleicht in einem parallelen Universum, vielleicht in einem Himmel, wer weiß, und es hat sich durch seine Form von Technik und Wissenschaft selbst überwunden, hat sich selbst und seine Existenz in den Schatten gestellt und hat den Urkeim dafür gelegt, was heute ist. So wie wir Leben im Reagenzglas erschaffen, wurden wir einst erschaffen. Und so wie das Leben im Reagenzglas Jahrtausende später nicht mehr nachvollziehen kann, wer das Glas mit Wasser gefüllt und den „URKEIM DES LEBENS“ dort zum Vorschein brachte, so ist es auch umgekehrt: Die Kausalkette, die Zeitgerade ist zu lange, als dass eine Erinnerung möglich ist. Wer immer das Universum, den Urknall, Alles erschaffen hat, dieser Wissenschaftler, den wir Gott nennen, der aber nur das Ende eine Kette von Wissenschaftlern ist, denn er selbst ist sicherlich nur das Ende einer Entwicklung gewesen (oder nicht einmal ein Ende, sondern nur ein Teil davon) die sich über viele Generationen hinzog, Jahrtausende, Jahrmillionen lang um das zu erschaffen, was heute ist; er erschuf aus scheinbar Nichts Materie, so wie wir, die Menschheit, aus künstlich erschaffener Energie und deren Daten eigenes Leben entwickeln werden. Wir kennen diese Lebensform nicht und noch weniger ihre Wissenschaft, die sie verwendet hat. Haben keine Vorstellung davon, wer sie waren, was sie waren und was sie im Schilde führten. Sie sind weder Außerirdische, noch waren sie keine. Sie waren einfach anders. Ein Zivilisation aus (von mir aus) denkendem Nebel (um es zu veranschaulichen), der Fleisch und Gedanken aus Molekülen erschaffen hat, so wie wir heute Roboter bauen (selbst die Robotik hat eins mit Faustkeilen begonnen) Firmen aus komischen Nebeln, Energie und Bewusstsein.

Meiner Theorie nach ist es somit unmöglich zu ergründen was vorher war, wer uns erschaffen hat, ebenso wie die „Maschine“, das höhere Wesen von übermorgen, nicht verstehen wird, wie Bewusstsein in Zellen entstehen kann, ohne Schaltkreise, genauso wenig können wir begreifen, wie es Bewusstsein ohne Zellverbindungen geben kann, die uns am Ende vielleicht sogar auch noch erschaffen hat; aus Gasen und Stein wurde Fleisch, aus Fleisch wurde denkender Kunststoff und Metall, irgendetwas wird auch danach kommen. Die Revolutionen der Evolution hören niemals auf. Während wir immer wieder vergessen werden, gefangen in unserem Alltag und unserem Überlebenskampf, warum das alles geschieht, der schlicht auf die Antwort zurück geht, dass der Nebel es einfach lernte zu können, so wie jemand diesen Nebel aus Bewusstsein erschuf, jemand, für den es in unserem Gehirn nicht einmal mehr eine Metapher gibt.

Natürlich glauben wir da an Zauberei. An Götter. Oder auch nur an einen einzigen.   Und suchen nach einem Sinn. Einer Richtung, die uns sagt wohin. Dabei sind wir alle nur ein Teil einer Bewegung, ein Mosaik, eine Zelle in einer Jahrtausendlangen Entwicklung, die zu etwas Höherem führt, zu etwas, das wirklich göttlich sein wird im Vergleich zu dem, was wir heute kennen und machen können. Eine Form des Übermenschen der nichts Menschliches in sich tragen wird außer: Der gesamten Erinnerung und Intelligenz der Menschheit, die zu diesem Punkt geführt hat. Das wäre doch fantastisch.

Was ich damit sagen will ist, dass jeder Mensch wichtig ist, dass jeder Mensch ein Teil einer höheren Entwicklung ist, dass jeder notwendig ist, ganz egal wie unwichtig er sich fühlt oder er auch behandelt wird und dass der Sinn, das große Ganze nicht im einzelnen Subjekt liegt, nicht einmal in einem Volk, oder einem Jahrzehnt, nein, es liegt im großen Ganzen, in der Gesamtheit der Menschheit, aller Menschen, die jemals gelebt haben und die leben werden. Daran was aus ihr wird. Was sie sich erträumt.  Das Leben ist ein Prozess. Und wir haben Alle daran teil.

Ich weiß nicht wie ihr das seht, ich aber finde das wunderschön. Dass wir alle, jeder, ein Teil von etwas größerem sind, das uns perfekt macht. Das Traurige ist nur, dass wir uns selbst dafür zerstören und überleben müssen, dass Milliarden dafür leiden und geopfert werden müssen. Die Evolution ist kein Zuckerschlecken. Und kein einzelner wird jemals gewinnen können: Jeder von uns ist dazu verdammt einsam und alleine zu leben und zu sterben, oder das Glück begreifen zu können, Teil von etwas unglaublich schönem zu sein. Das ist das Dilemma.

Meine Kinder sind das Wichtigste in meinem Leben

Das Wasser blubbert ihm um die Ohren. So ein Aufenthalt in der Therme erscheint ihm jedes Mal wieder wie eine dekadente Scheiße. Überall  ist die Wohlstandsgesellschaft sichtbar, die sich hier ausruht. Der erfolgreiche, der dominante Kapitalismus, überall. Und es spielt gar keine Rolle ob hier ein Banker neben einem Zimmermann sitzt, ob der eine jung oder alt ist: Wohlstandsmerkmale trägt jeder von ihnen. Sei es das kleine bisschen Übergewicht, oder eben das eindeutig Fitness definierte Fehlen davon. Kein Körper ist normal. Jedem steht seine Geschichte auf den Leib geschrieben. Und hier, gerade hier, sind ihre Köpfe leer und entspannt, nur am Planschen, Paddeln und Saufen; hier wird die Seele befreit vom Alltagsstress, um morgen oder übermorgen wieder mehr oder weniger fröhlich zurück in das Hamsterrad der Abnutzung zu springen. Es ist weder widerlich noch lächerlich. Für ihn strahlt es einfach nur ein gewisses Quantum an Tatsächlichkeit aus, wie die Leute hier sind, wie sie sich geben – und wofür sich in Wahrheit keiner zu schämen hat. Erste-Welt-Leben. Erste-Welt-Menschen. Die nichts dafür können hier geboren worden zu sein, weder im Schlechten, noch im Guten.

Nein. Er krault sich den Bart, während die Blubber aus den Düsen nachlässt. Es ist genauso falsch sich ständig schuldig fühlen zu müssen, wie im Umkehrschluss auf die Probleme der restlichen Menschheit zu scheißen. Denn wer von uns die Menschheit retten will, der kann nicht nur für sich alleine im Wald leben, sich vegan ernähren, fischen, möglichst autark leben und denken, die Welt damit ein bisschen besser gemacht zu haben. Nein. Der muss nachhause gehen und sich aufhängen. Es gibt keine andere Lösung.

Jedoch. Wozu überhaupt die Menschheit retten? Für die Kinder?

 

Das Wasser hat sich beruhigt und das Schüttelgeräusch vom Barkeeper, der seine Bar IM Pool hat, so dass der Kunde hinschwimmen muss, erweckt seine Aufmerksamkeit. Hm. Wie ist es wohl im Paradies zu arbeiten? Jeden Tag die verdient fetten Leiber zu sehen, die sich an den Körpern der übertrainierten Jugendlichen aufgeilen, denen Facebook und Instagram die Freiheit genommen hat so auszusehen wie man es für richtig hält; immerhin hübsch anzusehen. Daneben die Kinder.

Ja. Die Kinder. Heute ist Kindertag in der Therme, er hat das einfach verdrängt bevor er den Bus hierher nahm. Die verdammten Bälger. Leben ihr Leben als gäbe es keinen Morgen, keine Arbeit, kein Leid. Ihre Eltern spiegeln ihnen die perfekte Welt vor, in denen sie sich um nichts kümmern müssen, bis sie plötzlich eine Ohrwatschn von der Realität bekommen, wenn sie von der Schule abgehen und nun für sich selbst sorgen müssen. Auf einmal. ABER WENIGSTENS HATTEN SIE EINE SCHÖNE KINDHEIT! Ist es denn so wichtig eine schöne Kindheit zu haben? Wäre es nicht vorzüglicher ein gesamt gutes Leben zu haben, als die paar Jahre bis 18? 19? Oder von ihm aus sogar bis 25?

Vielleicht sollte er auch einen Cocktail trinken gehen. Oder ins Dampfbad. Um sich dann mit Salz die Epidermis einzureiben…

 

Ein paar dicke Frauen mit ihren Bälgern „schwimmen“ an ihm vorbei. Schon komisch.  Vor einigen hundert Jahren konnte die Menschheit noch nicht schwimmen. Millionen Menschenähnliche Geschöpfe hat die Flut sicherlich in den letzten tausenden Jahren zu sich geholt. Sind gesunken wie Steine. Hatten keine Ahnung davon, dass ein wenig Armrudern sie leicht gerettet hätte. Heute kann das jedes Kind… Was fällt der Menschheit als Nächstes ein? Was „das Schwimmen“ der Zukunft? Wohin werden wir uns entwickeln? Welche Träume werden wir uns erfüllen? Und noch viel wichtiger: Ist dieses ETWAS heute überhaupt vorstellbar?

 

„Hey!“ brüllt ein Kerl in seine Richtung los. Er fühlt sich gar nicht angesprochen. Der Kerl war mal durchtrainiert, hat jetzt einen Bauch und sehr viele Tätowierungen. Noch mal: „Hey!“

Unser Held: „Ähm? Meinen sie mich?“

„Ja genau dich, du perverse Sau!“

„Mi…? Ja was geht denn ab dass DU mich so nennst, du Arsch!“

Kopfmodus: Aktiviert.

Der Andere ist bei ihm angekommen: „Was fällt dir ein meinen Sohn so anzustarren?!“

„Ich hab was? Ich hab gar nicht…“, er macht eine abwinkende Handbewegung, „Ich habe nirgendwohin gesehen. War in Gedanken… Entschuldige dich und die Sache ist vergessen.“

„Ich mich entschuldigen? ICH?! MICH?! BEI SO EINEM PÄDOPHILEN PERVERSEN WIE DIR ENTSCHULDIGEN??!!“ Da guckt der Vater kurz zu seiner Frau rüber um sich durch ihren wohlwollenden Blick sein Lob abzuholen. Verteidiger der Ehre. Held derer, die sich nicht selbst schützen können.

„DU NENNST MICH EINEN PÄDOPHILEN?!“ In unserer Gesellschaft gibt es nichts Schlimmeres als einen Pädophilen genannt zu werden. Denn der Pädophile ist unserer Gesellschaft der Bodensatz des Volkes. Er. Hat jede Rechtfertigung auf Rechtfertigungen verloren.

Unser Held nimmt den Papa mit einer gewitzten auch im Wasser sehr schnellen Bewegung in den Schwitzkasten und zieht ihn unter Wasser. Mama kreischt. Umherstehende lachen. Und das Alles nur wegen den Kindern. Weil Mama und Papa glauben, dass ihre Kinder über allem stehen, und doch von jedem und allem bedroht werden. Das Kind. Das höchste Gut. Die Zukunft. Die Lebensrechtfertigung. Wo der Macho früher knurrte: „Sieh meine Frau nicht so an.“ Heißt es heute wohl: „Augen weg von meinem Kind.“

 

Papa wehrt sich. Papa schluckt Wasser. Papa ertrinkt. Held weiß das. Also zieht er ihn nach oben und haut ihm mit der Faust so dermaßen gekonnt in die Fresse, dass Papas Nase aufplatzt wie eine Tomatenmarktube, über die ein Auto walzt. Das Wasser färbt sich rot. Er schlägt noch mal zu.

„DU NENNST MICH EINEN PÄDOPHILEN?!“ Wenn man Dinge ernst meint, wiederholt man sie.

Noch ein Schlag, dann lässt er den röchelnden Papa frei. Mama kümmert sich.

„Du solltest aufpassen was du sagst!“

 

Nein, denkt er sich, vielleicht entwickelt sich die Menschheit eben gerade nicht hinauf. Und wahrscheinlich muss sie auch gar nicht gerettet werden. Denn. Vielleicht wird es niemals eine neue Art von Schwimmen geben… Nicht für diese Menschen. Oder… Ist es vielleicht  nicht doch eher so… Dass heute auch der letzte Depp schwimmen kann? Was hat das zu bedeuten? Über dich? Und über mich?

Sorgen-Nazi

(Ja, ich weiß, den Titel hatte ich schon einmal…)

Von Wurst bekommt man Krebs. Auch von Pommes. Sogar Wasser kann Krebserregend sein, wenn du es aus Kunststoffflaschen trinkst. Deine Kleidung enthält Krebserregende Stoffe. Dein Jogi Löw Deodorant auch. Und von dem Feinstaub in den Straßen wollen wir mal gar nicht sprechen.

(Außer vielleicht ganz kurz: Wieso regt sich die ganze Welt nur darüber auf, dass VW über die Schadstoffwerte ihrer Autos gelogen hat und nicht über das wirkliche Problem, nämlich das ihre Autos mehr Schadstoffe ausstoßen und somit dich und mich, den ganz Planeten, krank machen? Alle sprechen von dem Schaden an Vertrauen gegenüber der deutschen (Auto)Industrie, von dem direkten Schaden den allen Nicht-VW-Kunden, Nicht-VW-Aktionären und Nicht-VW-Mitarbeiter angetan wird, spricht kein Mensch – das ist der wahre Skandal. Schließlich sprechen wir hier über den zu dem Zeitpunkt des Skandals größten Autobauer der Welt!)

Krebs. Darum geht es. Und verdammt noch mal, man kann es doch gar nicht mehr anders sagen: Das ganze Leben ist Krebserregend.

Krebs ist wirklich kein Thema mit dem wir uns gerne auseinandersetzen. An die eigene Sterblichkeit erinnert zu werden ist immer ein kleinwenig Scheiße. Auch wenn wir inzwischen wissen dass es im Prinzip sehr normal ist wenn sich Zellen irgendwann einmal nicht mehr so verhalten, wie es vom großen Unbekannten geplant war. Der Mensch an sich ist nicht dafür designt worden um 100 Jahre alt zu werden – trotzdem wird er es. Auch wenn sich die Menschen selbst nicht darüber im Klaren sind, weshalb dies geschieht. Um dem im Besonderen und doch für Alle nahezukommen, versucht die Menschheit mit ihrer sogenannten „Wissenschaft“ die Gefahrenquellen des Daseins theoretisch zu vermindern, wo wir bei der „guten“ Ernährung, dem Sport und der perfekten Umwelt wären.

Der Mensch hat sich selbst eine Umwelt geschaffen, die auf den ersten Blick sehr Menschenfreundlich ist, denn angenehmer als jetzt kann der Mensch höchsten in der Zukunft leben. Das Problem ist nur das Zuviel an Menschen, was aus dem Menschenfreundlichen Raum einen Menschenfeindlichen macht. Die Hölle sind mal wieder die anderen, und so verschmutzen wir uns gegenseitig. Das hat auch viel damit zu tun, dass die Menschen unterschiedlich darin sind, ihre im Prinzip gleichen Bedürfnisse zu genießen.

Der Mensch will zufrieden und glücklich sein. Das ist seine Geschichte und es geht in jedem Film, in jedem Buch und in der Politiksendung in Wahrheit einzig und allein darum. Dem persönlichen Glück. Von sonst wem.

Dieses persönliche Glück ist für viele Menschen unterschiedlich, auch wenn es sich unter Sammelbegriffe zusammenfassen lassen könnte: Der Partner. Die Kinder. Der Urlaub. Die Party. Das I-Phone. Der Feierabend. Sportliche Erfolge. Lob. Freiheit. Wobei es für manche Menschen auch ein ordentliches Glück sein kann, gequält zu werden. Es kann fast ALLES sein.

Jeder dieser Glückszustände ist wieder mit Gefahren verbunden. Ganz automatisch. Lebendig sein ist immer ein Risiko und jede Form von Glück beinhaltet auch eine gewisse Form von Sorglosigkeit. Wer gerne faulenzt wird zu dick, wie auch der, der gerne isst. Wer gerne taucht, der kann ertrinken; wer gerne schnell fährt, kann kollidieren; wer gerne liest, kann den Bezug zur Wirklichkeit verlieren (was oft schlimmer werden kann, als zu sterben); Schleckermäulchen wird ihr Zuckerkonsum zum Verhängnis; wer gerne Raucht, kann daran sterben; usw. usf. Ja, wir wussten es (wie mit dem Fleisch, den Pommes und dem Wasser aus der Kunststoffflaschen) schon vorher: ALLES kann dich umbringen.

Ich nahm früher gerne Drogen. Und die machen einen wirklich kaputt. Sie machen dich aber auch sehr frei, wenn auch nur für einen begrenzten Augenblick. Sie machen auch dumm, asozial, unglücklich und zerstören deinen Körper. Und sie machen dich dennoch eine Weile sehr glücklich. Ich kann mich eines Tages nicht darüber beschweren, wenn ich davon Bluthochdruck oder gleich Krebs bekomme. Auch wenn ich mich dann natürlich dennoch darüber beschweren WERDE. Aber es war meine Sache und ich habe immer gewusst und es auch häufig gesagt, dass ich eines Tages die Rechnung dafür begleichen muss. Wenn die Zeitgerade lange genug ist, hat man halt irgendwann einmal Pech gehabt.

Andere Leute fahren gerne in den Urlaub. Das macht sie glücklich. Sie wollen ebenfalls ihr Bewusstsein erweitern und die Welt sehen. Strände aus Sand oder Eis entlang gehen, die ich niemals sehen werde. Sie wollen auf Bergen stehen, an reißenden Wasserfällen. Ans Ende der Welt fliegen. Und fremde Kultur kennen lernen… Klingt doch viel romantischer als Drogen zu nehmen und dicht in der Ecke zu liegen, oder? Auch wenn wir tolerante Menschen sind die zugeben müssen, dass jeder sein eigenes Glück erfahren soll. Dennoch halten wir es für besser, wenn ein Mensch auf Reisen geht als sich z.B. mit MDMA niederzuballern. Obwohl die reisenden Leute mit dem Flugzeug abstürzen, am Sandstrand verdursten, in der Arktis erfrieren, von Bergen stürzen oder von fremden Kulturen getötet werden können. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit dafür nicht sehr hoch ist. Pech kann aber auch hier jeder haben.

Es ist wie mit dem Drogen: Jeder hat ein eigenes Karma.

Das Leben bringt uns um. So oder so. Und doch wollen wir anderen Menschen erzählen, was besser für sie ist. Wir wollen ihnen vorschreiben, was für ein Leben sie leben sollen – alleine aus egoistischen Gründen: Aus der Liebe zu ihnen heraus. Wir wollen, das dem geliebten Menschen kein Unheil geschieht, damit wir länger mit ihm zusammen sein können. Dabei sagt uns unsere Vernunft, dass wir dem anderen nicht vorschreiben können, wie er glücklich zu sein hat. Dennoch wollen wir ihn darin beeinflussen.

Für uns selbst aber blenden wir die Gefahrenquellen einfach aus. Für uns ist eine Reise ein Abenteuer, keine Gefahr. Der Drogenkonsum ein großer Spaß und kein selbstzerstörerischer Irrsinn. Da wir unterschiedlichen Formen wählen, glücklich zu werden.

Auf den Gedanken kam ich durch das Lottmann-Buch „Endlich Kokain“. Das Ich vorbehaltlos empfehlen kann.

In dem Buch geht es um einen dicken, jedoch gar nicht so alten Mann, dem die Ärzte aufgrund seiner Fettleibigkeit prognostiziert haben, dass es bald sterben könnte, und in ein paar Jahren sicher sterben wird. Der Mann (Stephan Braum)  wurde von seiner Frau verlassen und war bisher nicht sehr glücklich in seinem bürgerlichen Leben, bis er schließlich den Rat bekam, Kokain zu nehmen, um dadurch abzunehmen. Fortan konsumiert  Braum und steigt bei seinem Versuch abzunehmen immer tiefer ab in einen Drogensumpf, der ihm aber – oh ha – all die Wünsche erfüllt, die er sich früher nicht erfüllen konnte. Plötzlich hat er Sex mit jungen hübschen Frauen (auch wenn sie alle verrückt sind) und Freunde (auch wenn alle Drogensüchtig sind oder es waren) und findet genau die Lebensfreude, die er bisher vermisst hat. Der Kniff ist (ich bin noch nicht durch mit dem Buch) durchaus der, dass Braum zwar eine totale Wesensveränderung durchlebt und ein Opfer seines Konsums wird, er aber durch das Kokain genau das bekommt, wovon er immer geträumt hat.

Braum ist dabei selbstverständlich ein Sonderfall, denn er hat wirklich nichts zu verlieren, da er ein Todgesagter ist und nichts mehr zu bedauern hat. Das eigentlich Verwunderliche ist die Tatsache, dass er nicht stirbt. Alles andere ist ein Bonus.

Ich bin gespannt wie das Buch ausgeht. Wobei ich hoffe, dass es am Ende keines dieser typischen „Am-Ende-bereue-ich-Alles“-Bücher wird.

Denn Sterben müssen wir am Ende sowieso. Und wir sollten uns nicht von irgendwelchen Sorgen-Nazis einreden lassen, wovor wir uns zu fürchten haben, um länger zu leben. Länger, aber nicht glücklicher.