Gottes Tod auf der Nature One

Als Gott starb war ich 20 Jahre alt. Ich stand mitten auf dem Camping-Platz der Nature One und war plötzlich frei.

Es gibt viele unzählige Festivals in Europa, viele davon sind in Deutschland. Und auch Techno-Festivals sind Meister aus Deutschlands. Die Nature ist dabei immer ein wenig besonders geblieben. Hier schlägt man nicht nur sein Zelt auf und 50 oder 100 Meter weiter steht ein noch viel größeres Zelt wo vlt jemand Musik laufen lässt. Nein. Auf der Nature One ist es so, dass der Nachbar (gefühlt: Jeder Nachbar) zuerst seine dicke fette Anlage aufbaut, und dann sein Zelt darum herum errichtet. Was bei der Mayday in Dortmund früher ihre Parkplatzpartys waren, auf welchen die Prolls ihre dicken Anlagen wie Kampfhunde aus ihren Kofferraum springen ließen, ist hier der ganze Camping-Platz. Überall donnert ein stumpfer und doch energetischer Beat umher. Ein Soundmatsch wie eine lebende Donnerwolke, die sich auf den Wiesen vor dem Festival niedergelassen hat.

Das Festival. Ist das Festival. Klar definiert, ausgetüftelt. High-End-Anlagen. Fluchtwege. Chill-Out. Mit allem drum und dran gut anzusehen und dabei eindeutig von der Optik sehr einzigartig auf der Welt. Nur schon oft kopiert. Und dabei sogar so gut, dass die Nature One irgendwie ein wenig altbacken herüberkommt. Die Leute mögen das. Es ist ihre Nature.

 

Und so stehe ich hier, ich alter Tor. Und bin so klug als. Wie. Zuvor.

15 Jahre ist es her dass Gott für mich starb. Auf diesem Acker. Irgendwo da drüben. Kein Plan. Schwer zu sagen. Es war irgendwie tiefer in der Gewitterwolke der Sounds. Das Ecstasy zerriss mich und ich setzt mich wieder zusammen. Ähnlich wie Doctor Manhatten. Nur ging es bei mir in Sekundenschnelle. Das Gefühl des Zerreißens war vielleicht auch das Bersten eines Knotens in mir und in Wirklichkeit hat es nicht wirklich mich zerrissen, sondern nur etwas in  mir. Es spielt gar keine Rolle: Hier war es gewesen.

 

Schon komisch wie man die Dinge im Nachhinein betrachtet, wenn man mehr über das Leben gelernt hat, wie es ist, ohne Gott zu leben. Wie es ist wenn man sich für nichts mehr rechtfertigen muss. Welche negativen Konsequenzen dieses Wissen mit sich bringt.

Zwei Jahrzehnte lang lebte ich in Schuld. 20 Jahre lang, hatte ich lernen müssen was es heißt ich zu sein, in dieser Welt der anderen. In diesem Universum der Regeln. Ich war gar kein richtiger Mensch gewesen. Vorher.

 

Das Lustige an solchen Erweckungserlebnissen ist manchmal, dass sie an Orten geschehen, die rein intellektuell nicht viel zu bieten zu haben. Verstehen wir uns richtig: Das sind gute Leute hier. Keine Crowd hat weniger Vorurteile  anderen Menschen gegenüber als die Technoleute. Denn elektronische Musik versteht jeder. Die Sprache oder Nationalität die der DJ da oben spricht und lebt, ist Nebensache. Techno verbindet die Kulturen, da es eine Wortlose Kunst ist. Ja. Aber seien wir mal ehrlich: Für eine Hochkultur gibt sich Techno schon sehr Proletenhaft. Die Meisten hier sehen so aus, als würden sie glauben die „Fast and the Furious“-Reihe wären gute Filme. Sie wirken so als würden sie den ganzen Tag nur RTL schauen, dabei kiffen und/oder Dosenbier trinken. Am Wochenende werden dann Steine zu Pulver gedrückt und die Pillen gedroppt. Sie sehen dich mich provokant hohlem Lächeln an, als hätten sie nur dann eine Uni von innen gesehen, wenn sie dort der Arbeit wegen einen Getränke-Automaten auffüllen. Sie scheinen sogar stolz darauf zu sein nicht zu wissen, wer denn gerade Bundespräsident ist.  Dagegen spricht nichts. Wozu auch? Was ändert es denn groß.  Aber als Ort für ein Erweckungserlebnis? Das ist der Witz mit den Drogen: Sie beschleunigen und bremsen deinen Geist gleichzeitig.

 

Und doch stirbt hier für viele der böse, böse Gott, der die Leute in ihre Schranken verweist. Manchmal ein Leben lang. Der Tu-Dies-Nicht-Tu-Das-Nicht-Gott, ganz gleich ob es in Wahrheit die Angst vor den Eltern ist, oder vor dem Chef oder vor der eigenen Freundin oder dem Freund, die sie insgeheim fürchten. Gegen die sie sich nicht wehren können. Hier, auf diesem heiligen Rasen des Lärms, sind sie frei von all dem Druck, von all den Schmerzen und Wunden, die die Welt ihnen zufügt. Dabei muss nichts Kluges herauskommen; wann hat die Freiheit schon einmal klug ausgesehen?  Bestimmt aber etwas sehr wahrhaftiges, was die jungen Grützköpfe erst viel später, vielleicht sogar erst Jahre später verstehen werden. Wenn überhaupt.

Festivals sind die Erholungsoasen der Leistungsindustrie geworden. Und der arbeitslose Prolet wirkt wie der Heiland, der sich dem Druck des Kapitalismus und der übertechnologisierten Welt erfolgreich und lachend entziehen kann. Wieso also nicht ein Wochenende im Jahr dieser Prolet sein? Und wenn dann schon, warum nicht gleich 5 Wochenenden im Jahr? Das Geld ist doch da. Genauso wie der Druck.

Steigt der Druck, braucht jeder Maschine immer mehr Ventile um ihn schonend ablassen zu können? Weshalb sollte es beim Menschen anders sein?

 

Ich nicke das ab. Während um mich herum sich die Jugendlichen befreien. Ihre Götter töten. Und neu geboren werden.

Nur.

Ist man einmal 15 Jahre älter als die anderen, sieht dieses Erweckungserlebnis nicht mehr ganz so ansprechend aus. Camping an sich begreift man schnell als Menschenunwürdig. Und wer will mit Mitte 30 noch auf einer Wiese in einem Stoffzelt schlafen, wenn nebenan Boxen stehen, die das 100 fache an Watt von dem haben, der gerade seine Platten auflegt? (aber Hauptsache Vinyl 😉 ). Mit Mitte 30 hätte man das alles doch lieber ein wenig gemütlicher. Weniger anstrengend. Nicht ganz so eng. Nicht ganz so voll – sei es das Areal als auch die Menschen in ihm. Orgasmen nimmt man ja auch nicht mehr so stark war, wie in der Jugend…

Und der alte, längst befreite Mann sehnt sich nach seinem Kanapee. Wundert sich darüber, weshalb lauter Jugendliche zu DJs feiern, die bald schon ihre Großväter seien könnten… Die Headliner bei der Nature sind genauso wenig eine Überraschung, wie die gewohnte Schokoladenform in einem Weihnachtskalender.

Oh Sven Väth. Oh Chris Liebing. Oh Adam Beyer. Oh Felix Kröcher. Oh Paul Van Dyk…

Oder verglichen mit dem Weihnachtskalender: Oh ein Horn. Oh ein Schlitten. Oh ein Krippe. Oh eine Schleife…

Aber jeder mag Schokolade. Und jeder der mal auf der Nature One war, geht gerne wieder zur Pydna.

Nur. Mit Mitte 30 brauchen die meisten auch keinen Weihnachtskalender mehr. Und glauben dafür plötzlich wieder an Gott…

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Treffen mit der Ex

Alle ein bis zwei Jahre treffe ich meine Ex-Freundin, immer auf dem gleichen Geburtstagsfest. Wir haben nur noch diese eine unwahrscheinliche Freundin, die uns zusammenbringt. „Unwahrscheinlich“ deswegen, da es niemals absehbar war, dass wir uns gerade wegen dieser fröhlichen Person wiedersehen würden, die relativ spät mit ihrer freundlichen Art in unser Leben getreten ist. Die Zukunft ist nicht vorhersehbar, auch nicht planbar, auch wenn die sogenannte Ratio in uns uns glauben machen will, es sei so (die Ratio  muss an sich selbst glauben um zu funktionieren, was lustiger weise ein großer Selbstbetrug ist, jedoch auch der Grund für all unsere Handlungen, die irrationale Totalität in unserem lächerlichen Streben nach planbarer Rationalität, nach der wir unsere Zukunft ausrichten).

Ja.

Nein.

Damals, als ich noch mit meiner „Ex“ zusammen war, hätte ich nie gedacht, dass wir uns auf solchen Partys, die im Stuhlkreis auf 20 Quadratmetern Fläche, so absolut ignorieren würden. Hin und wieder nur ein kleiner entlarvender Blick, so wie man – auch wenn man fest davon überzeugt ist es nicht zu tun – einen kurzen Augenblick dann doch auf der Autobahn zum bereits geschehenen Unfall hinüber blickt, obwohl man sich selbst noch eine Sekunde vorher eingeredet hat, nicht einer von „diesen Gaffern“ zu sein. In diesen kurzen, Sekundenschalen Blicken rüber zur Ex, sieht man dann den Unfall der man einmal war, diese Massenkarambolage auf Zeit, in der Schritt für Schritt, Tag für Tag und ja, auch Kuss für Kuss, Alles das schlimmste, jedoch auch logischste Ende nahm. Und als dann das Elend der Beziehung, dieses viel zu lange Aneinanderklammern endlich beendet war, wurde es schmutzig und böse, noch schmutziger, als es ohnehin schon war. In all der Jahren der Krankheit und Fehler – auf beiden Seiten.

Einfach hat sie mir es am Ende gemacht, da sie schon mit ihrem neuen Freund zusammen war, als sie noch „meine Freundin“ hieß, was ich erst sehr viel später entschlüsselte. Es wollte mir wohl keiner meiner Freunde sagen, ebenso wie ich die gleichen Freunde jahrelang anflehte und anherrschte, ihr nichts über meine Drogenkrankheit zu erzählen. Da zeigte sich, dass man sich gegenseitig verdient hatte.

 

„Liebe ist kälter als der Tod“, so hat Rainer Werner Fassbinder seinen ersten Langfilm genannt. Und wenn man dann diesen fremden, früher ach so vertrauten Menschen einen betrunkenen Abend lang trifft und dermaßen gewollt übersieht, kann man ihm nur Recht geben. Da ist nichts mehr da. Und das ist so unglaublich schade, so Lars-von-Trier-Film-traurig. Nicht weil ich irgendwas zurückhaben wollen würde. Nein. Überhaupt gar nicht. Nur deswegen, weil ja nie immer alles nur schlimm gewesen ist, ganz im Gegenteil. Man wollte halt immer doch was Besonderes sein. Sei es in der Beziehung und wie man im Nachhinein damit umgeht. In diesen Punkten bin ich und war ich immer schon sehr naiv. Und am Ende sind wir, all den Schwüren und Versprechungen zum Trotz, das Ex-Paar auf Partys geworden, das den schlechtesten und schwersten Umgang miteinander pflegt. Das hätte nicht so kommen sollen. Wahrscheinlich aber so kommen müssen.

Zerstörte Liebe ist wie ein kalter Fleck im Herz. Er schmerzt nicht. Er stört nicht. Er fühlt sich nur sehr fremd und leblos an.

 

Dabei hilft es natürlich wenn man in solchen Situationen seine neue, und natürlich aus der Situation heraus, auf alle Fälle BESSERE Liebe dabei hat, mit der man scherzt lacht, sich freut, liebt, lebt und fühlt, ohne aber auch nur eine Sekunde lang darüber nachzudenken, wo auch das einmal enden könnte. Das ist die andere Liebe. Die LiebeLiebe. Die unsere Welt in den Angeln hält.

Ich sah den damals neuen Freund meiner Ex neben ihr. Sie sind immer noch zusammen. Und weil dieser „neue Freund“ auch einmal ein sehr guter, und ich dachte auch lieber, Freund von mir gewesen war, tut es mir leid was aus ihm geworden. Wo ist all seine Lebenslust hin? Und weil ich natürlich ein Idiot bin gebe ich einfach der Ex die Schuld an seinem Verhalten, habe Mitleid mit ihm, weil ich plötzlich so viel von mir in ihm sehe… Aber in Wahrheit habe ich keine Ahnung von den Beiden und kann mir einreden was ich will, nur um mich selbst besser zu fühlen. Ich weiß ja wie dumm es ist einen Abend in dem man jemand sieht auf ein ganzes Leben hinauf zu rechnen. Ebenso dämlich ist es eine Beziehung nur nach den Aussagen eines Partners zu beurteilen – da gehört immer noch ein wenig mehr dazu.

 

Über diese ganze Szene hätte ich so wahrscheinlich niemals nachgedacht, hätte ich nicht gerade einfach ein wenig tippen wollen… Das Gestern belastet mich nicht. Im Gegenteil. Es waren zwei schöne Geburtstagspartys auf denen ich war, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, mit Menschengruppen, die auf den ersten Blick sehr unterschiedlich sind, in Wahrheit aber nur das wollen, was jeder will: Geliebt zu werden.

Und ich genieße es unermesslich in einer guten, funktionierenden Beziehung zu sein, in der man der sein darf, der man ist, und der man auch sein muss, um Liebe zu geben und zu erhalten.

 

Danke für Gestern also. Alles Gute zum Geburtstag meinen beiden Geburtstagskindern.

Modular Festival 2016 – Festival-Rückblick

Bei so einem Umzug zeigt sich zwangsläufig, dass ich kein besonders begabter Handwerker bin. Wobei das Dinge sind, die man lernen kann, zeigt man die Bereitschaft dazu. Die Erfahrungen macht es aus. Festival-Erfahrung dagegen habe ich in meinem Leben sehr viel gemacht. Und. Kurioserweise würde ich weder das Eine noch das Andere als weniger wichtig betrachten.

 

Zum dritten Mal also auf dem Modular-Festival, welches ich im ersten Jahr eher belächelt habe. Typischer Augsburger Kinderkram… Mann kam ich mir früher lächerlich cool vor… Heute, im gesetzteren Feieralter finde ich es dort viel entspannter als auf den gigantomanischen Festivals, auf dem sich die Leute tottreten und zusammenzwängen. Foo Fighters oder Chemical Brothers gibt es hier natürlich keine, dafür eine kleine aber feine Musikauswahl. Ja. Das Modular hat gerade die richtige Größe um ein angenehm Minimassenevent zu sein.

 

Bereits also das dritte Mal sitzt man auf der Wiese, trifft Freunde und Bekannte aus Augsburg, die man nur zwei oder drei Mal im Jahr außerhalb von Facebook zu Gesicht bekommt, gibt sich Lebensupdates, während man in die Sonne blinzelt, das Bier im Plastikbecher in der Hand.

 

Die große Bühne haben die Veranstalter so belassen wie die letzten Jahre, die kleinere, zweite Bühne (siehe Foto oben) wurde klugerweise ein wenig nach hinten verschoben, so dass mehr Räum zwischen den Klangräumen entstand. Es hat auch nicht gepasst, wenn die Musikgewalten aus den verschiedenen Horizonten im Wettkampf standen.

Irgendwann wurde auch vermeldet, der Donnerstag sei ausverkauft, was das Alles noch viel angenehmer machte, denn obwohl wirklich Massen von Parade-Hippstern gekommen waren (so Berlin 2010 mäßig) hatte man immer Raum um sich wohl zu fühlen, Raum um sich zu bewegen, zu liegen und zu stehen. Das ist wichtig, denn es baut Stress ab. Und Stress verdammt noch mal haben wir im Alltag doch mehr als genug oder?

 

Das einzige „Problem“ war das Indie-Line-Up dieses Jahr, auch wenn Namenhafte Bands geladen wurden. Der Sound der Marke „Im Zweifel eher schlecht gelaunt bis melancholisch“ ist für meinem Geschmack nicht sehr Open-Air tauglich, ganz gleich ob die Bands aus Aichach oder wie „Blaue Blume“ aus Dänemark kommen. Das hörte man sich so an, war jedoch viel zu gut drauf um sich  von dem speziellen Vibe dieser Musik einsaugen zu lassen.

Da wandelte man doch lieber umher. Aß etwas veganes. Oder kaufte sich Steine bei „Wildling“. Oder sah sich das Vinyl-Cap bei „Degree“ an…

 

 

Bei „Get Well Soon“ standen wir ganz, ganz vorne, im Regen, und sahen der Gruppe um Konstantin Gropper zu, wie sie selbst ihre Anlage einstellten. So etwas ist immer sympathisch. Ich mag „Get Well Soon“ seit vielen Jahren, hab sie auch ein paar Mal schon live gehört, nur krankt ihre Musik an dem oben erwähnten Problem: Dass, wofür Festivals heute stehen, dieses „Kraftklub/David Guetta-Mitmachen-Ding“, bei dem die Musik quasi in die Interaktionen der Crowd ge-embed werden, fehlt hier vollkommen. Ganz im Gegenteil: Take it or leave. Dabei war  es wirklich sehr amüsanten Bandleader Konstantin seinen absolut trockenen Humor um die Ohren geschlagen zu bekommen (Stil-Blüten? Statt „Wir sind Get Well Soon“, kündigte er die Band nach dem zweiten Lied als „Wir sind De Pres Sion an.“ Was noch getoppt wurde durch seine ironische, von sich selbst belachte Frage an die Menge: „Seid ihr auch alle gut drauf?“). Der Konstantin tritt eh jedes Mal so abgeschrubbt künstlerisch verbrämt auf, dass es immer eine Freude ist. Seine Schwester Verena neben ihm bringt dagegen die geerdeten Gefühle rüber. Einfach immer wieder nett anzusehen.

 

Obwohl ich die ersten drei „Get Well Soon“ Alben besitze, wundere ich mich jedes Mal wie wenig ich als Kulturbanause da mitsingen kann und wie wenig der catchigen Lieder von ihnen auf Festival-Shows intoniert werden. Nun. Es war auf jeden Fall ein musikalisch tolles Konzert, das den Leuten die zuhören können auch viel mitgab.

 

Danach sind wir rüber zu den Wurzeln. Zum House/Minimal-Floor, wo alte Hits ausgegraben und beschankt, teilweise sogar betanzt wurden. Der elektronische Chill-Out-Floor, warum nicht?

Einen Cuba Libre bitte. Danke. Den Rest kannst du behalten.

Nach einer geschlagenen Stunde Umbaupause spielt der Headliner dieses Abends, Dillon. Auch nicht gerade die Partymucke. Das Problem mit Dillon in diesem Fall ist nicht das sie nicht singen könnte oder schlechte Musik schreibt: Wie sie sich live präsentiert geht einfach gar nicht. Sie am Keyboard, noch ein Typ links von ihr an… Maschinen. Dahinter je ein Scheinwerfer… Und dafür bauen die ne ganze Stunde auf…

Das soll natürlich eine gewisse Stimmung vermitteln, passt jedoch besser in eine Kellerkneipe als auf ein Open-Air-Festival. Und was auch gar nicht ging waren ihre Mitsing-Instruktionen ans Publikum: Bitte nicht zu laut und zu überspannt singen! Nicht aus dem Rhythmus fallen! Dazu wertende, abwertende Handbewegungen, die sehr arrogant herüber kamen (siehe als Vergleich das Ende der Depeche Mode Live DVD „Devotional“, bei dem Dave Gahan am Ende seinem Publikum auch so was vor den Latz knallt). Das sind nun einmal nicht die Wiener Sängerknaben sondern Normalverbraucher dort zu deinen Füßen, Gör.

Die Musik war okay, elektronisch poppig, ganz nett, für meinen Geschmack nur nicht besonders relevant oder innovativ. Nichts. Was man in ähnlichen Nuancen nicht schon woanders gehört hat.

 

Danach sind wir ziemlich bald, sehr gut gelaunt nachhause.

Zu alt für den Club (Text zur Nacht)

Es war einmal in einem Menschenleben, da bemaß er selbst,  die Leute um die dreißig bis 40 in einem Club mit abwertenden Blicken, schließlich zählt er selbst gerade 20 Jänner, mehr oder weniger. Was wollen die alten Säcke denn da? Was machen die hier? Wie hat es die denn hierher verschlagen? Der Techno- und Tanzclub war schließlich ein Ort für junge Leute, eine sichere Zone, in denen alte Trottel mit alten Ansichten nichts verloren hatten; alte Menschen gab es im Leben der Jugendlichen schon genug, das hier war UNSEREN Ort, unsere Drogen, unser Sex, unsere Musik. Nach dem Motto: “This is my time, this is my life!” Ihr hattet eure Zeit, eure Chance ist vorbei!

Tatsächlich verstand der junge Mensch damals nicht viel und genau dieses gehört zum Jungsein dazu. Denn die „alten Leuten“ zwischen dreißig und 40 drängten nicht in die Domäne der Jugendlichen. Sie wollten ihnen auch nichts kaputt machen, schon gar nichts wegnehmen. Außer vielleicht die jungen Frauen. Was der junge Depp am alten Depp nicht versteht, auch gar nicht verstehen kann und will, ist der Fakt, dass es ohne den Alten die Jungen hier gar nicht gäbe. Die „zu Alten“ waren und sind die Jungen von Früher, nur haben diese „zu Alten“ etwas getan, was die Jungen aus ihrer Umgebung nicht kannten: Sie haben einfach nie aufgehört das Feiern zu lieben.

Die Jugend glaubt an ihre Einzigartigkeit und ist blind für die fremden Pharaonen und Bauherren derer Welt, die sie für sich deklarieren. Die Nachkömmlinge sind wie spanische Eroberer, die über einen Kontinent herfallen, der weder „neu“ ist, noch „entdeckt“ wurde: Alles war schon vorher da. Doch das versteht der „Eroberer“ nicht. Er kennt nur seine Perspektive, seine eigene Unverbrauchtheit und die drängt danach, sich Platz zu schaffen um sich dabei selbst neu zu entdecken, zu entfalten, ein Larven/Schmetterling-Ding; die verbrauchten Alten dagegen sind keine entwickelten Schmetterling für sie, eher fremde Monolithen, veraltete Technik, wie ein I-Pod neben einem Samsung Galaxy S 7… Nur die DJs im gleichen Alter der „zu alten“ Partygäste, die die jungen Tänzer wie Götter verehren und respektieren, bekommen die nötige Anerkennung, und wie es so Brauch ist – und immer war – pinnen und nageln die Gläubigen ihre Götter dann doch wieder wie tote Schmetterlinge in Setzkästen, um ihnen auch ja keine Möglichkeit mehr zur Veränderung zu lassen: Wenn Sven Väth jetzt so ist, dann ist er immer so gewesen. Oder Moonbootica. Marco Carola. Oder sonst wer. Absichtlich blind für die Historien ihrer Helden, die früher ganz anders klangen, machten und feierten.

 

Die „zu Alten“ stehen hinten im Club, ganz gleich ob bei einem DJ-Set oder einem Live-Konzert. Sie nicken mit den Köpfen, wohlwissend und abgewichst, während in ihrem Unterbewusstsein das Wissen klackert, wie es früher war, dort  vorne, auf der Tanze. Als sie selbst noch die Ersten in einer Nacht waren, die sich mittig auf eine Tanzfläche stellten und den großen Dithyrambus der elektronischen Musik eröffneten, während andere Feiglinge lieber um die Tanzfläche herumtanzten, nur nicht im Mittelpunkt stehen, sich nur nicht lächerlich machen… So war das wirklich. DAMALS waren sie wie die Capos, die aus den  Fußballstadien, die den echten Fans mit dem Megafon in der Schnauze die Schlachtlieder vorgeben, und Tausende bewegen. Und heute? Da stehen sie hinten und nicken. Oder sitzen. Hier wie dort.

Altwerden ist wie eine Polonaise. Wenn man jung ist stellt man sich vor. Später stellt man sich an.

 

Das ist so in etwa was über die Alterspyramide im Club gedacht wird. Und irgendwo stimmt das auch. Und doch ist es auch gar nicht wahr. Denn die Fronten sind schon längst nicht mehr so verhärtet – und das ist gut so. Als ich jung war, da habe ich gegen den „Jugendwahn“ geschimpft, wie grausam es ist sich immer jung fühlen zu wollen, wie dekadent das sei, aber ich habe halt auch nicht begriffen, dass an diesem Ort der Club-Musik die Menschen, die in die Jahre gekommen sind nicht zwanghaft jung sein wollen, sondern sich nur ein paar Stunden so fühlen wollen. Die alten Technomenschen wissen nämlich ganz genau, dass sie nicht mehr so jung sind wie früher. Das dritte Bier zeigt es ihnen recht schnell. Von Drogen ganz zu schweigen. Nein. Man darf nicht verwechseln zwischen einer süßen Form von Melancholie und der Dummheit, niemals erwachsen werden zu wollen. Natürlich gibt es auch die „Peter Pans“. Die „verlorenen Jungs“. Aber die haben den Schuss nicht gehört. Haben nie verstanden, dass das Alter eben nicht nur Kopfsache ist, denn der Körper zeigt dir bald deine Grenzen auf. Das ist okay. Das ist sogar sehr schön. Wenn Menschen verschiedener Generationen zusammenfeiern – wenn sie Respekt voreinander haben.
Ich stehe ja immer noch gerne mitten in der Menge. Manchmal auch ganz vorne. Und es ist gut so, dass es nicht immer so ist.

Helena Hauff im City Club Augsburg

Ich war ja nicht da. Bin auch irgendwie in dem Alter angekommen, wo man nicht mehr zu jedem Act geht, den man interessant findet; Faulheit siegt. Wenn man nicht mehr in den Club geht, sich zuhause aber die Videos ansieht, ist das irgendwie auch eine Form von Internet-Pornografie, da man im Geist den Porno träumt, im Club gewesen zu sein.

Schon komisch. Vor 15 Jahren war es oft so gut wie unmöglich die Platten zu finden die ein DJs spielt, zum Wunsch-DJ ist man aber immer gegangen. Heute.  Ist es dank Internet sehr leicht die Platten zu finden – nur in den Club geht man nicht mehr 😉

Nun ja. War gestern bestimmt gut bei der Helena. Helena wer?

Schaust du:

Hörst du:

Mr. Oizo @ Sonne Mond Sterne Festival

Das war damals schon ein legendäres Live-Set. Obwohl. Die große Electro-Zeit damals auch schon wieder vorbei war.

Es hat schon einen Höchstgrad an Ironie das ich genau dieses Video ausgewählt habe, denn damals ging mir dieses andauernde WIRMÜSSENUNSJETZTHINSETZENUNDHOCHSPRINGEN tierisch auf die Nerven. Plötzlich MUSSTE man das machen, bei jedem Electro-Set.

Doch der Schauwert ist nicht zu leugnen.

Ach, ich habe damals ja auch ein Video auf YouTube hochgeladen

An den schon zu dieser Zeit bekannten Film-Regisseur musste ich gerade denken, da ich seine – mehr als typische  – EP vom letzten Jahr gerade gehört habe. Being flat. Da bin ich aber platt…

Mediziner-Abschluss-Party

Uni ist halt doch wie Schule, wenigstens wenn es um die Abschlussfeiern geht. Eine heiter quirlige Energie allerorts, die fast schon pubertär anmutet, und das viele ihre Eltern mitgebracht haben, verstärkt den Eindruck noch; neben den Alten sehen die Jungen gleich noch viel jünger aus.

 

Es ist ein fettes „600 plus X“-Leute-Event, in einer festlich ausgeleuchteten Mensa, nur leider hilft das neue schummrige  Licht dem Essen selbst wenig… Wie man sich Mensa-Mahlzeiten halt so vorstellt. Doch der Sekt ist umsonst und die Getränke billig (was immerhin für mich von Vorteil war) und alle Studenten, die man jetzt zu den „Ehemaligen“ zählen kann, sind happy und gut drauf, „schön sich noch einmal zu sehen“, während sie sich selbst abfeiern. Das haben sie sich verdient. Dennoch sehen die grauen Mäuschen und Pseudo-Coolen-Typen in ihrem schicken Outfit ein wenig überstylt aus, ein harter Backflash zu all den inszenierten Abschlusspartys, die man aus US-Amerikanischen Filmchen kennt. Die Erkenntnis reift heran, dass man dem (so sagte man früher, heute würde es Scham hervorrufen) „großen Bruder“ doch ähnlicher ist als man dachte.  Trotz der teilweise sehr tief ausgeschnittenen Kleider und anderen Blickfängern (man denke an den Titel der Band von „ Joe Caputo“ in „Orange is the new black“) bleibt es eine mehr als biedere Veranstaltung, die niemals ihre angenehm infantile und dennoch akademische Würde verliert. Schließlich sind heute Mediziner am Start und keine High-School-Proleten. Hier ist die Verpackung nicht der Inhalt.

Es werden unzählige Fotos geschossen. In jeder möglichen Konstellation.

„Verdammt wir sind jetzt Ärzte!“ Nur das hier keiner VERDAMMT sagen oder herumschreien würde… Das wäre peinlich.

 

Die Reden sind teilweise trocken und peinlich – das macht aber nichts. Denn der Dekan reißt durch eine ernste Aussage seine bis dahin  so dermaßen furchtbar gewollt lustige  Rede ins Plus des Gedächtnisses, in dem er die versammelten jungen Ärzte daran erinnert, dass sie nun gleich den „Hippokratischen Eid“ ablegen werden. Diesem zufolge  verpflichten sie sich JEDEM Menschen zu helfen, ganz egal ob er Deutscher oder Flüchtling ist, schließlich ist es immer ein Mensch der vor einem steht. Immer ein Mensch der Hilfe braucht. Was das für ein Mensch ist, ist zweitrangig. Mensch ist Mensch. Und auch wenn der Herr Dekan mit dem Angela Merkel Zitat „Wir schaffen das!“ für meinen Geschmack dann doch ein wenig mit seiner Rede überpaced hat, fand ich den Gedankengang einfach nur richtig, wahr, klar und verständlich. Und auch mir, der ich hier nur Besucher und Zaungast war, gab diese in Wahrheit sehr simple Erkenntnis neuen Mut und Kraft.

So einfach ist das mit der Wahrheit.

Köln hin und eingewanderter Verbrecher her.

Mensch bleibt Mensch. Ganz egal ob er dir fremd ist oder du ihm. Und auch wenn der Fremde Verbrechen begeht und du ihn aus verständlichen Gründen hasst, so ist er nur ein einzelner Mensch, der weder mit seinen Taten, noch mit seinen Worten für alle sprechen darf oder kann. Das hat nichts mit „Gutmenschentum“ zu tun. Das ist simple Logik:

Ich bin nicht du. Ich bin wie du.

 

Natürlich kam einem diese ganze Problematik, die jeden in Deutschland seit Wochen umtreibt, auf diesem Akademiker-Treffen sehr weit entfernt vor.  Die „Anderen“ sind nicht hier. Können nicht bekehrt und belehrt werden. Für sie ist der Zugang zu dieser hohen, höchsten Form der Bildung verwehrt. Und gerade ihr Mangel an Bildung lässt sie Dinge tun, die sie in unserer Gesellschaft „unmöglich“ machen; das stimmt aber nicht. Aus dem „Unmöglichen“ muss hier ein „Zusammen“ gemacht werden. Sonst funktioniert das Miteinander nicht. Kann es denn funktionieren?

 

Da stand ich dann also mit der Kamera in der Hand und wartete darauf, dass meine Freundin auf die Bühne gerufen wurde; jeder Absolvent wurde einzelnen auf die Bühne gerufen und geehrt. Ihr Nachname kommt nur leider sehr spät im Alphabet, weswegen ich/wir sehr lange warten mussten. Viele Männer und junge Frauen kamen breitgrinsend auf die Bühne, „Wuuuhooo! Endlich Arzt!“ sagten ihr innere Sonnen, die über ihre Augen nach außen strahlten. Wirklich sehr viele neue Ärztinnen waren dabei, mehr als ihre männlichen Kollegen. Darunter sehr viele mit Migrationshintergrund. Da fragte ich mich: Für wie viele war es vor einigen Jahren  noch „unmöglich“  Arzt in Deutschland zu werden? Es war eine Aneinanderreihung von integrativen Erfolgsgeschichten. Und seit wie lange dürfen Frauen in Deutschland überhaupt Medizin studieren?

Was ich da sah, war eine einzige emanzipatorische Erfolgsgeschichte. Wer hätte das vor ein paar Jahrzehnten noch gedacht? Also…. Funktioniert es, oder?…

Ich weiß, das ist sehr patethisch. Es klingt ziemlich idealistisch. Fast schon verblendet…

Und doch entspricht es der Wahrheit.

 

Zum Schluss kam der peinlichste Auftritt der Abends: Die Finale musikalische Einlage der Professoren-Band, die furchtbar  gezwungen eingedeutschte Lieder zum Thema „Medizin“ zum Besten gaben. Wirklich ganz furchtbar. Die Schul-Klischees wurden vollkommen erfüllt. Aber was soll´s? Da gibt es Schlimmeres.

 

Es war der Abend meiner Freundin und ich freute mich sehr für sie. Ich war (und bin) stolz auf sie. Freute mich daran wie sie mit ihren Freundinnen feierte und lachte. Auch wenn ich mir teilweise schwer vorstellen konnte, dass diese aufgedonnerten Weiber einmal meine Ärztinnen seien könnten (da kam mein persönlicher Sexismus durch: Die waren teilweise viel zu hübsch! Die kann ich doch gar nicht ernst nehmen…).

 

Dann gingen wir nachhause. Einfach so. Und die Studienzeit war ein für allemal vorbei.