Der Text zur Nacht (191) Panikattacken

Während die zwei Idioten zurück in die Wohnung gehen, gehen wir einen Schritt zurück, raus aus der gegenwärtigen Erzählung. Gerade habe ich beschrieben, wie Paul Fleming von kleinen Ticks und Neurosen heimgesucht wird. Bei Folgendem kann ich nicht sagen ob es ein Teil des „Text zur Nacht“ ist – wenn es Drogeninduziert ist, dann ja, doch es ist schwer in die Wahrheit in solchen Dingen zu kennen, selbst für mich, dem allwissenden Erzähler – oder nur eine psychische Spinnerei, eine Krankheit, die Paul vor einigen Jahren heimgesucht hat: Panikattacken.
Es wäre mir jetzt ein Leichtes gewesen Paul eine Erinnerung an so eine Attacke haben zu lassen, oder ihn in der letzten Szene an den Rande einer Panikattacke zu bringen, doch das hätte meiner Meinung nach die Geschichte zu sehr und grundlegend beeinflusst (und es würde kein spaßiger Teil mehr in der Geschichte auch nur möglich sein, aber seht es mir nach: Es darf nicht immer nur lustig oder unterhaltsam und kurzweilig sein – so funktioniert der „Text“ nicht).

Fleming war Anfang 20 als er nach seiner Bundeswehrzeit auf die Berufsoberschule wechselte (BOS). In der Zeit dort holte er sein Fachabitur nach und schaffte es wirklich ein halbes Jahr lang komplett Drogenfrei zu bleiben, bis ihn bei einer Französisch-Prüfung seine erste (und selbstverständlich auch krasseste) Panikattacke überrollte.
Die Ironie bei der Sache war, dass es in der Prüfung um überhaupt nichts ging. Die Note hatte keinen Einfluss auf sein Zeugnis, denn der Sinn des Testes lag einzig und allein darin, dass der Getestete nach der Arbeit wusste, wo er sein Wissen verortet sehen konnte. Davon absehen dass Fleming kaum über nachhaltige Kenntnisse in der für ihn zweiten Fremdsprache verfügte, aß er vor der Prüfung zwei Suppen, zwei Minuten-Terrinen. Das einzig Problematische an der Geschichte war (auch wenn er noch nicht wusste, dass das ein Problem werden würde), dass Fleming in der ersten Stunde nicht auf die Toilette gehen dürfte (weil eine reale Prüfungssituation simuliert wurde). Und da ging es los.

Nach etwa 20 Minuten überrollte ihn die Panikattacke. Wer so etwas nicht kennt, dem kann man die Wahrheit eigentlich nur hinterher erzählen, und ich glaube nicht, dass ich dem Gefühl gerecht werden kann.
Es ist einfach groß. Richtig groß. Deine Welt wird von einem auf den nächsten Moment erschüttert und ballt sich zusammen (man glaubt das sogar so sehen zu können), so als würden alle Pfeiler die dich und dein Weltbild (deine Kraft) aufrechthalten mit einem Schlag umgeworfen. Du verlierst komplett deine Macht um deine Psyche und diese Angst überrennt dich total und du bist ihr (besonders bei ersten Mal) hilflos ausgeliefert. Physisch schnürt es dir deinen Brustkorb zusammen und du bekommst schlecht Luft – mehr ist es in der Beziehung gar nicht. Alles ist Kopfsache.
Dein Umfeld merkt davon überhaupt nichts. Die sehen vielleicht dass du schwitzt, bleich wirst und ihnen nicht mehr in die Augen sehen kannst. Für Fleming war die Situation doppelt bescheiden weil er a) die Panikattacke hatte und b) sie sich darauf bezog, dass er auf Toilette wollte – und was ist peinlicher als sich in einem Raum voller Mitschüler nass zu machen? Das ist ein Fluch, den man seine gesamte Schulzeit nicht mehr los wird; es gibt sicherlich Kinder, bei denen so etwas mehr Einfluss auf ihre Entwicklung hat, als die Scheidung der Eltern. So etwas. Vergessen. Die anderen. Kinder. Nicht. Und Kinder sind grausam.
Doch es geschah nicht. Es geschah nie. Auch die nächsten Jahre nicht als Fleming weiter mit dem Problem zu kämpfen hatte. Er machte sich nie in die Hose. Da war nur diese Angst vor der Situation, was jedoch nicht das Schlimmste ist: Das Schlimmste ist die Angst vor der Angst. Denn als Fleming aus der Situation heraus war, war erst einmal alles gut. Es verging und er tat es als „Flashback“ ab, der sicherlich von den Drogen kam. Davon erzählt man doch oft, dass man sich irgendwann „wie drauf“ fühlt, obwohl man gar nichts genommen hat. Weil sich da im Fett was eingelagert und wenn das irgendwann verbrannt wird. Solche urbanen Drogenlegenden.
Nur war es am nächsten Tag wieder da.

Am nächsten Tag fuhr unser Paul über eine vierspurige Bundesstraße und da war sie wieder da, die Panik. Denn mitten im Verkehr hatte er keine Möglichkeit auszutreten, was schon genug für seine Panik war um „Hallo“ zu sagen. Und so ging es weiter.
Er nahm wieder mehr Drogen weil er dachte, es damit kontrollieren zu können. Unter Drogen vergisst man leichter, kann sich in bestimmten Situationen unterbewusst neukonditionieren; irgendwie so dachte Fleming in der Zeit. Aber er konnte nicht einmal in den Club fahren, ohne total durchzudrehen, denn um vom Münchner Hauptbahnhof zu den Clubs zu kommen, musste er die S-Bahn nehmen, welche bekanntlich keine Toiletten haben. Die Hinfahrt alleine wurde schon zur Hölle und die ganze Zeit im Club konnte er nicht genießen, weil er schon Angst vor der Rückfahrt hatte. Es war ein Teufelskreislauf, ein scheinbare Perpetuum Mobile der Angst, Angst vor etwas, was passieren KÖNNTE, doch nie geschah. Doch spielte auch keine Rolle dass es nie geschah. Das änderte gar nichts. Es war der Wahnsinn und so fühlte sich Fleming auch. Er ging zum Arzt, der ihm nicht wirklich helfen konnte. Dann zum Psychologen, der Fleming empfahl „es leichter zu nehmen“. Das half Fleming überhaupt nicht (weswegen er auch heute noch eine totale Abneigung gegen dieses Volk hegt, auch wenn des Psychologen seiner damaligen Freundin).

Flemings Leben begann sich zu ändern. Er versuchte Situationen zu meiden, die seine Angst auslösen könnten, knetete Taschentücher wenn die Angst da war und ging überall und die ganze Zeit auf Toilette, nur um sicher zu gehen, dass niemals DIESE Situation eintreten könnte – und es war ihm unendlich peinlich. Er schämte sich dafür jedes Mal wieder, als hätte man ihn immer wieder aufs Neue beim Onanieren erwischt. Und diese Scham, die kannst du den Menschen auch schlecht ausreden, wenn sie von diesem Ding in sich selbst überrollt werden. Man fühlt sich wie ein kleines Kind…

Flemings Freundin (die besagte) war ihm damals auch keine Hilfe. Sie hatte selbst genug psychische Probleme, als dass sie sich auch noch mit Flemings Spinnerrein hätte abgeben können. Sie machte von Natur aus jetzt schon das, was ihr Psychologe ihr später ans Herz legte, kurz bevor sie Fleming für Sierra verließ: Egoistischer sein. Nur. War sie es auch schon davor. Das ist der Denkfehler der Psychologen, denn sie raten Egoisten, noch egoistischer zu werden und lässt sie so auch noch auf ihr Umfeld spucken, dass jahrelang versucht hat ihnen zu helfen.…
Er erzählt es also niemanden und litt vor sich hin. Bis eines Tages…
Eines Tages fuhr Paul mit einem Freund auf die Time Warp in Mannheim, ein großes Technofestival, ein Halle-Rave mit Star-DJs, zu dem die beiden Jungs ganz entspannt mit dem Bus fahren wollten. 4 oder mehr Stunden. Bei der Rückfahrt waren es 5 oder 6. Wenn man so lange mit dem Bus unterwegs ist, dann gibt es da natürlich Toiletten in dem Gefährt. Geht doch gar nicht anders.
Zu Anfang verkündete der „Reiseleiter“, dass dieser Bus zwar keine Toilette hätte, es aber ein Raucherbus sei, das sei doch viel besser als ne Toilette. Dafür hätten sie mehr Platz für ihre riesige Soundanlage, aus der die ganze Zeit ohrenbetäubender Lärm kam, wüstes Geschranze, was natürlich sehr hilfreich ist wenn man eine Panikattacke hat.

Auf der Hinfahrt kam Fleming einigermaßen klar. Klinkte auf der Party ein paar Teile und hatte seinen Spaß, auch wenn DER BUS wie ein Damoklesschwert über allem hing. Als er dann in den Bus stieg um nachhause zu kommen, war die Panik sofort da. Sie hatte dort auf ihn gewartet. Wie ein Wand. Diesmal aber war es anders als sonst. Fleming kämpfte. Er kämpfte die Angst in sich nieder. Er konnte ja auch nicht aus der Situation fliehen! Seiner Meinung nach ist es einer der größten Siege, die er jemals errungen hat. Und er lernte daraus, wie es geht. Was er tun muss, wie er sich Mut zusprechen muss, um aus der Geschichte herauszukommen. Es wurde nicht sofort leichter, im Gegenteil. Es gab Rückfälle (aus dem Nichts) doch er fightete weiter – nicht umsonst hatte er sein Leben lang neben dem Techno auch noch Böhse-Onkelz-Texte mitgesungen. Jetzt waren solche Parolen wie „Lieber stehend sterben als kniend leben“ seine Munition geworden. Auch wenn er Jahrelang immer noch vor jedem Ausflug dreimal auf Toilette ging. Man will ja nur ganz sicher gehen…

Weshalb ich das in den „Text zur Nacht“ hineingenommen habe, ist, weil Fleming nie erfuhr (und ich werde ihm das Glück auch nicht zu Teil werden lassen), was die Angst in ihm auslöste. Damals. Bei der Französisch-Prüfung. Waren es wirklich die Drogen?
Ich habe es hier bestimmt schon tausendmal erwähnt, doch Drogen sind kein Spielzeug. Sie fressen dich auf, kauen dich durch und spucken dich wieder aus. Du hast Moment der Schizophrenie, Wahrnehmungsstörrungen usw. usf. Warum sollte dich das später, wenn du keine Drogen nimmst oder sogar ganz aufgehört hast in Ruhe lassen? Wenn du dicht bist lachst du darüber, wenn du nüchtern bist bekommst du Angst. Und mit dieser Angst verlierst du die Kontrolle über dich selbst. Die Angst wird für dich eine größere Religion als alles was du bisher kanntest. Die Angst wird Gott. Wir spielen mit unserer Psyche herum und sind so unglaublich frei und glücklich – und es ich habe schon zigmal erwähnt: Wir bezahlen unseren Preis dafür. Es ist wie mit dem Rauchen: Wir bereuen erst danach wenn es zu spät ist. Wenn man kaputt ist.

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