Meine Kinder sind das Wichtigste in meinem Leben

Das Wasser blubbert ihm um die Ohren. So ein Aufenthalt in der Therme erscheint ihm jedes Mal wieder wie eine dekadente Scheiße. Überall  ist die Wohlstandsgesellschaft sichtbar, die sich hier ausruht. Der erfolgreiche, der dominante Kapitalismus, überall. Und es spielt gar keine Rolle ob hier ein Banker neben einem Zimmermann sitzt, ob der eine jung oder alt ist: Wohlstandsmerkmale trägt jeder von ihnen. Sei es das kleine bisschen Übergewicht, oder eben das eindeutig Fitness definierte Fehlen davon. Kein Körper ist normal. Jedem steht seine Geschichte auf den Leib geschrieben. Und hier, gerade hier, sind ihre Köpfe leer und entspannt, nur am Planschen, Paddeln und Saufen; hier wird die Seele befreit vom Alltagsstress, um morgen oder übermorgen wieder mehr oder weniger fröhlich zurück in das Hamsterrad der Abnutzung zu springen. Es ist weder widerlich noch lächerlich. Für ihn strahlt es einfach nur ein gewisses Quantum an Tatsächlichkeit aus, wie die Leute hier sind, wie sie sich geben – und wofür sich in Wahrheit keiner zu schämen hat. Erste-Welt-Leben. Erste-Welt-Menschen. Die nichts dafür können hier geboren worden zu sein, weder im Schlechten, noch im Guten.

Nein. Er krault sich den Bart, während die Blubber aus den Düsen nachlässt. Es ist genauso falsch sich ständig schuldig fühlen zu müssen, wie im Umkehrschluss auf die Probleme der restlichen Menschheit zu scheißen. Denn wer von uns die Menschheit retten will, der kann nicht nur für sich alleine im Wald leben, sich vegan ernähren, fischen, möglichst autark leben und denken, die Welt damit ein bisschen besser gemacht zu haben. Nein. Der muss nachhause gehen und sich aufhängen. Es gibt keine andere Lösung.

Jedoch. Wozu überhaupt die Menschheit retten? Für die Kinder?

 

Das Wasser hat sich beruhigt und das Schüttelgeräusch vom Barkeeper, der seine Bar IM Pool hat, so dass der Kunde hinschwimmen muss, erweckt seine Aufmerksamkeit. Hm. Wie ist es wohl im Paradies zu arbeiten? Jeden Tag die verdient fetten Leiber zu sehen, die sich an den Körpern der übertrainierten Jugendlichen aufgeilen, denen Facebook und Instagram die Freiheit genommen hat so auszusehen wie man es für richtig hält; immerhin hübsch anzusehen. Daneben die Kinder.

Ja. Die Kinder. Heute ist Kindertag in der Therme, er hat das einfach verdrängt bevor er den Bus hierher nahm. Die verdammten Bälger. Leben ihr Leben als gäbe es keinen Morgen, keine Arbeit, kein Leid. Ihre Eltern spiegeln ihnen die perfekte Welt vor, in denen sie sich um nichts kümmern müssen, bis sie plötzlich eine Ohrwatschn von der Realität bekommen, wenn sie von der Schule abgehen und nun für sich selbst sorgen müssen. Auf einmal. ABER WENIGSTENS HATTEN SIE EINE SCHÖNE KINDHEIT! Ist es denn so wichtig eine schöne Kindheit zu haben? Wäre es nicht vorzüglicher ein gesamt gutes Leben zu haben, als die paar Jahre bis 18? 19? Oder von ihm aus sogar bis 25?

Vielleicht sollte er auch einen Cocktail trinken gehen. Oder ins Dampfbad. Um sich dann mit Salz die Epidermis einzureiben…

 

Ein paar dicke Frauen mit ihren Bälgern „schwimmen“ an ihm vorbei. Schon komisch.  Vor einigen hundert Jahren konnte die Menschheit noch nicht schwimmen. Millionen Menschenähnliche Geschöpfe hat die Flut sicherlich in den letzten tausenden Jahren zu sich geholt. Sind gesunken wie Steine. Hatten keine Ahnung davon, dass ein wenig Armrudern sie leicht gerettet hätte. Heute kann das jedes Kind… Was fällt der Menschheit als Nächstes ein? Was „das Schwimmen“ der Zukunft? Wohin werden wir uns entwickeln? Welche Träume werden wir uns erfüllen? Und noch viel wichtiger: Ist dieses ETWAS heute überhaupt vorstellbar?

 

„Hey!“ brüllt ein Kerl in seine Richtung los. Er fühlt sich gar nicht angesprochen. Der Kerl war mal durchtrainiert, hat jetzt einen Bauch und sehr viele Tätowierungen. Noch mal: „Hey!“

Unser Held: „Ähm? Meinen sie mich?“

„Ja genau dich, du perverse Sau!“

„Mi…? Ja was geht denn ab dass DU mich so nennst, du Arsch!“

Kopfmodus: Aktiviert.

Der Andere ist bei ihm angekommen: „Was fällt dir ein meinen Sohn so anzustarren?!“

„Ich hab was? Ich hab gar nicht…“, er macht eine abwinkende Handbewegung, „Ich habe nirgendwohin gesehen. War in Gedanken… Entschuldige dich und die Sache ist vergessen.“

„Ich mich entschuldigen? ICH?! MICH?! BEI SO EINEM PÄDOPHILEN PERVERSEN WIE DIR ENTSCHULDIGEN??!!“ Da guckt der Vater kurz zu seiner Frau rüber um sich durch ihren wohlwollenden Blick sein Lob abzuholen. Verteidiger der Ehre. Held derer, die sich nicht selbst schützen können.

„DU NENNST MICH EINEN PÄDOPHILEN?!“ In unserer Gesellschaft gibt es nichts Schlimmeres als einen Pädophilen genannt zu werden. Denn der Pädophile ist unserer Gesellschaft der Bodensatz des Volkes. Er. Hat jede Rechtfertigung auf Rechtfertigungen verloren.

Unser Held nimmt den Papa mit einer gewitzten auch im Wasser sehr schnellen Bewegung in den Schwitzkasten und zieht ihn unter Wasser. Mama kreischt. Umherstehende lachen. Und das Alles nur wegen den Kindern. Weil Mama und Papa glauben, dass ihre Kinder über allem stehen, und doch von jedem und allem bedroht werden. Das Kind. Das höchste Gut. Die Zukunft. Die Lebensrechtfertigung. Wo der Macho früher knurrte: „Sieh meine Frau nicht so an.“ Heißt es heute wohl: „Augen weg von meinem Kind.“

 

Papa wehrt sich. Papa schluckt Wasser. Papa ertrinkt. Held weiß das. Also zieht er ihn nach oben und haut ihm mit der Faust so dermaßen gekonnt in die Fresse, dass Papas Nase aufplatzt wie eine Tomatenmarktube, über die ein Auto walzt. Das Wasser färbt sich rot. Er schlägt noch mal zu.

„DU NENNST MICH EINEN PÄDOPHILEN?!“ Wenn man Dinge ernst meint, wiederholt man sie.

Noch ein Schlag, dann lässt er den röchelnden Papa frei. Mama kümmert sich.

„Du solltest aufpassen was du sagst!“

 

Nein, denkt er sich, vielleicht entwickelt sich die Menschheit eben gerade nicht hinauf. Und wahrscheinlich muss sie auch gar nicht gerettet werden. Denn. Vielleicht wird es niemals eine neue Art von Schwimmen geben… Nicht für diese Menschen. Oder… Ist es vielleicht  nicht doch eher so… Dass heute auch der letzte Depp schwimmen kann? Was hat das zu bedeuten? Über dich? Und über mich?

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Santas Schoß

All dieser Firlefanz, die Lichter, Bäume, Kerzen, Rentiere, Krippen, die Musik… All das bräuchte es gar nicht. Doch es hilft. Da der Mensch von den jeweiligen Eltern dazu konditioniert wurde, dadurch in eine besinnliche Stimmung versetzt zu werden. Worauf besinnen sich die Menschen aber zur Weihnachtszeit? Auf sich? Auf andere? Auf das große Miteinander? Für ihn besann man sich seit jeher auf die Wahrheit. Eine echte Wahrheit, eine von jenen also, die man das ganze Jahr über, mehr als 11 Monate lang, abstreitet und vor sich geheim hält; diese unbesonnene Zeit ist die wahre „Närrische Zeit“. Die Zeit des Selbstbetrugs. In der man jeden Tag eine unsichtbare Narrenkappe trägt. Der selbstgezimmerte Balken vor den Augen, den wir freiwillig tragen, um mit der Gesellschaft und was sie von uns hält, klarzukommen.

 

Das ist die Geschichte von Klaus. Klaus ist in meinem Alter. Er hat eine ehemals hübsche Frau, die „immer noch hübsch für ihr Alter“ genannt wird, und zwei engelsgleiche Kinder. Klaus arbeitet als Bierfahrer für eine der größten Brauereien Deutschlands. Er macht seinen Job gerne, auch wenn er Abitur gemacht hat. Irgendwie kamen Frau und Kinder dazwischen. Doch Klaus gehört nicht zu den Menschen, die sich über verpasste Chancen grämen. Klaus ist umgänglich. Ein Pfundskerl. Ein Typ zum Pferdestehlen. Und Klaus ist pädophil. Wobei Klaus gar nicht weiß, ob diese Bezeichnung die Richtige für seine sexuelle Orientierung ist.

Ja. Klaus wird von Kindern sexuell aufs Äußerste erregt. Aber nein. Klaus hat noch niemals ein Kind betatscht, bedrängt oder ihm Gewalt angetan, damit er seine sexuellen Träume ausleben könnte. Klaus hat Klaus unter Kontrolle. Immer. Ohne wenn und aber. Und ganz gleich wie sehr ihn Kinder auch durch ihre bloße Präsenz aufgeilen, hat er niemals dieser Lust nachgegeben, die jeder von uns schon verspürt hat, wenn er endlich die/den Außerwählten des Herzens ins Bett bekommen hat.

Man muss verstehen, dass das was für uns natürlich ist, für Klaus unmöglich ist.

Wer diesen Schmerz versteht, der versteht auch die ungeheure Selbstbeherrschung mit der Klaus durch das Leben streift. Denn Klaus ist seit jeher vollkommen bewusst, dass ein Kind niemals seine Form von Liebe, seine Triebe verstehen würde. Kinder. Haben keine sexuellen Bedürfnisse. Und ihm ist klar, dass sich das auch niemals ändern wird. Kein Kind dieser Welt würde ihm seine Wünsche erfüllen können. Und Klaus hat das akzeptiert. Denn Klaus ist ein sehr starker Mensch; Klaus ist der stärkste Mensch den ich kenne. Klaus. Ist mein Held.

Und doch…

 

An Weihnachten gibt Klaus gerne den Weihnachtsmann. Das ist der Moment, in dem für ein paar Stunden seine Fassade bröckelt. Nicht nach außen. Niemand sieht was IN Klaus los ist. Nicht nur wegen des roten Anzugs und des dichten struppigen Bartes. Klaus lässt auch seinen Körper nicht auf die Kinder reagieren, die auf seinen Beinen und manchmal unbeherrscht auf seinem Schoß herumrutschen. Nur innerlich, da bröckelt die Fassade ein wenig. Es wird ihm warm ums Herz, und er fühlt sich glücklich und frei, wie ein Knabe, der in seine beste Freundin verliebt ist und mit ihr in einem Bett liegt – auch wenn gar nichts passiert. Klaus. Ist einfach glücklich in diesen Moment. Seine Wangen sind so rot, dass es keiner Schminke bedarf.

 

Er weiß, dass er keine Linie überschreiten darf. Er weiß, dass es nur ein flüchtiger Moment der Besinnlichkeit ist. Aber er glaubt auch, dass einmal im Jahr, vielleicht nur, weil es Weihnachten ist, Klaus ein klein wenig auch Klaus sein darf. Zumindest im Herzen.

 

Nachdem er den Anzug und den Bart abgegeben, und allen freundlich und lachend ein frohes Weihnachten gewünscht hat, steigt Klaus in sein Auto. Auf seinem Schlüsselanhänger, den er von seinem Arbeitgeber geschenkt bekam, steht: „Das Beste WIR der Welt.“ Und Klaus seufzt wie er das liest, im beschlagenen Auto, er ist von niemand draußen zu sehen. Ein kurzer Moment der Freiheit… Ja. Auch wenn seine Wünsche als Einzelner nicht zählen, so fühlt er sich doch als Teil eines größeren Ganzen. Eines WIRs. Eines UNS…

Klaus, der Pädophile, der noch niemals einem Menschen etwas Böses tat, startet sein Auto und fährt mit seinem Geheimnis nachhause und feiert mit seiner Familie Weihnachten. Die Narrenkappe sitzt wieder fest auf seinem Kopf. Sie war ohnehin nur verrutscht.