Der W (Stephan Weidner) in Nürnberg und München – die "Höher, Schneller, Weidner" Tour

Der Pogotanz ist einer der letzten Männlichkeitsrituale. Animalisch, roh und mit Testosteron voll gepumpt stößt man sein Gegenüber in der Gegend herum, wird gestoßen, geschuckt, gehalten, von schwitzigen Händen gepackt und herumgeschleudert. Während man das Gleiche natürlich mit den Anderen macht. Menschen, die man nie zuvor gesehen hat, oder mit den besten Freunden, selbst, mit den ärgsten Feinden. Du lachst, steckst Hiebe ein. Schuhe treffen dich. Doch sobald du zu Boden gehst stürzt sich die Meute auf dich, hilft dir auf, reißt dich nach oben: Wir lassen Keinen zurück… Man mag über die Onkelz/Weidnerfans sagen was man will: Im Pogowahn sind sie die fairsten, umsichtigsten und hilfsbereitesten Zeitgenossen.
Dabei. Immer und überall. Schweiß und Dreck.
Ein untypischer Zustand in dieser von „Sagrotan“ infizierten Welt. Das mutet fast schon ehrlich an. Natürlich. Mit Urinstinkten durchzogen. Ehrlichkeit, dein Name ist Schweiß. Nicht nur der Eigene. Auch der Fremde. Das ist eklig. Im ersten Moment. Auch im zweiten. Doch wenn es dir gelingt dich aufzugeben. In der Masse. In der Musik. Im Gesang. Dann ist er nicht mehr wegzudenken. Dieser Moment der Schmutzigkeit. In unseren Breiten ein maßgeblicher Teil einer gewissen Form von Gesellschaftsflucht.

Der erste Gig meiner Reise war Nürnberg. Nürnberg mit seiner schönen Altstadt ist Rock and Roll erprobt, was der Normalo ganz gern vergisst. „Rock im Park“ gibt es hier. Ein ausuferndes Rockfestival, das nur noch von seiner schlichten Kommerzialität übertroffen wird, was aber über den Ort des heutigen „Events“ (Hauptsache: Eventcharakter, sprich, den Leuten wird etwas „Einzigartiges“ verkauft) nicht sagen kann.

Der Löwensaal, schön gelegen und versteckt im Nürnberger Tiergarten, gleicht einer Schulaula. Sehr privat hier. Familiär. Übersichtlich. Andere würden es als „klein“ abkanzeln.
Hier warten wir erst einmal, ganz schwindlig gefressen nach einem Boxenstopp im „Barfüßer“, ein zu empfehlender Hausbrauerei-Gasthof in der Nürnberger Innenstadt. Dick abgepackt und voll gegessen dauert die richtige T-Shirt-Wahl am Merchandise ein paar Sekunden länger.

Lang dauert es hier sowieso, bis etwas in Gang kommt. Die Vorband fällt aus, und so stehen wir herum, und schwitzen. Es ist wirklich von Anfang an brechend heiß. Und auch als gesitteter Fan gibt man lautstark seinen Unmut preis, dass es statt Einstimmung nur Tristesse gibt. Nicht einmal viele Fangesänge; als wir den Eingang des „Löwensaals“ sahen dachte ich erst, es sei gar keiner da. Noch nie war es so ruhig auf einem Live-Event, auf dem ich war – doch es sollte die Sprichwörtliche „Ruhe vor dem Sturm“ sein.

Um vierten von 9 ging es dann ab. Richtig ab. Der W, Zwo, Drei. Plättet erstmal mit seinem Auftritt die ganze Menge nieder, bis die Leute schließlich explodieren.
Schnell gekuckt wo die „wilden Jungs“ sich verstecken, und rein in den Pogoheizkessel. Dabei muss ich bemerken, dass in Nürnberg ein sehr junges Publikum vertreten war, mit sichtlich wenig Onkelzerfahrung, und so viel die Stoßerei etwas milde aus, hat aber dadurch auch sehr viel Spaß gemacht, da man auch Mitsingen konnte, oder sich auch einfach mal kurz eben an den Rand des Kessels stellen konnte, um Luft zu holen, oder seine Hände in die Luft zu werfen und zu singen. Überhaupt singen, grölen, kreischen. Hey. Ho. Der Weidner ist im Haus. Onkelzkonzerte waren Mitsingveranstaltungen, und da der gute „W“ auch da die Texte für sie schrieb, ist klar was hier angesagt war: Gänsehaut und angekratzte Stimmbänder waren die Folge.

Am Besten gefielen mir die ruhigeren Nummern „Das Lied für meinen Sohn“, „Traum und Paralyse“, „Asche zu Asche“; auch wenn das Rempeln und Brutalst-Total-Durchdrehen bei „Heiss“ ungeheuren Spaß machte.

Der Weidner selbst (zu welchen Leuten passt schon der Ausspruch: „Der sieht aber komisch aus ohne Gitarre…“?) hatte sichtlich Spaß und füllte seine Rolle als Sänger stark aus – das größte Kompliment was man ihm machen kann: Seine Stimme klingt genauso echt und präsent und nichtgeschliffen wie auf CD, und das können viele erfahrene Sänger nicht von sich behaupten.

Es war ein geiler Abend, auch wenn die Zugaben nicht ganz überzeugten. Der Schweiß tropfte von den Wänden. Und Nürnberg wird wohl als der „heißeste“ Gig in die „Höher, Schneller, Weidner“ Konzerthistorie eingehen.

Persönlich musste ich bei „Bitte töte mich“ einen schweren Schlag einstecken, da ich gestoßen mit dem linken Fuß falsch/verdreht aufkam und ich sofort dachte: „Das wars mit der Tour und mit der Time Warp. Tanzen – vorbei.“ So humpelte ich mit einem geschwollenen Haxen umher (zum Glück passierte mir das am Ende des Konzerts) und wir warteten zeitvertreibend auf den Zug nach hause. Fünf Stunden lang. „Die W“ von Mindfuck habe ich an dem Abend nicht gefunden.

Blinzeln.

Nach etwa 6 Stunden Schlaf rafft man sich wieder auf. Und hört von dem Weichei am anderen Ende der Leitung, dass er zu kaputt ist, und er daheim bleibt. Ist nicht allzu wild. Bin immerhin noch mit zwei Anderen verabredet. Dennoch: Ärgerlich.

Wieder rein in den Zug, wo man mit dem „Familyman“ endlich mal wieder trinken kann – er zu schnell und euphorisch, wir sind doch keine 18 mehr. Wie er auch feststellen musste. Dann steigt die Grazie dazu. Das Team ist komplett. Das wird heiter werden.

Gut gelaunt und angetrunken geht es dann in den alten Kunstpark (O-Ton: „Ich war noch nie so früh und bei Tageslicht hier“…) wo sich mir ein vollkommen anderes Bild als am vorherigen Tag darbot. Ausgewachsene Onkelzfans die Onkelzlieder skandierend die Kneipen und Schänken leer saufen; Fußballatmosphäre, ausgelassen, dieses positive Ding, dass man erlebt haben muss, um es zu verstehen.
Am Einlass Gedränge und Geschiebe. Blödes Geschwätz. Lachen. Richtig so. Wer bist du? Alles klar? Dann kanns ja losgehen.
Komisch dieses. Draußen-Rauchen-Müssen. (Ich rauche ja nicht), aber so pendelt man umher, rein und raus mit den Freunden, bis dann die Vorband beginnt, „Skew Siskin“ mit der Rockröhre „Nina“ als Frontfrausau, die uns aber eher abstieß. Kratziges Gegröle, ne du, jetzt nicht auch noch ausziehen. Hör mal lieber auf.
Bei den anderen Fans kam das aber gut an. Sie sind hier. Für Party. Vollgas. Selbst bei Skew Siskin. Applaus, und beeindruckend wenige Becher, die auf die Bühne geworfen werden.

Dann kommt endlich der Weidner auf die Bühne. Wir wechseln Blicke. Grinsen. Ok, gehen wir in die Mitte. Ich voran, die Kleine und der Große hinterher. In die Meute. Die sich besinnungslos tanzt. München rockt.

Es ist schön mit Freunden zu feiern. Umso mehr desto besser. Auch wenn man sich kurz mal im Getöse der Leiber verliert, nur um sich auf dem Boden wieder zusehen, da man übereinander gestürzt ist. Lachen. Schwitzen. Freude. Es war wirklich total gut.
Der Weidner: „Das Konzert, das bisher am meisten Spaß macht.“

Während der Eine seine Jacke verliert, und durch einen Zufall wieder bekommt, verliere ich beim Straucheln zu „heiss“ meine Brille. Zwar versuche ich im ersten Moment die Leute beiseite zu schieben um sie zu ergattern, doch kommt dies dem viel zitierten Spruch gleich, einen Schneeball in der Hölle zu finden.
Ich gebe zu, einen Moment habe ich mich tierisch geärgert. Dann aber: „Easy come, easy go.“
Weiter geht´s. Der Fuß machte auch mit.

Meine Stimme geht an ihre Grenzen, und auch meine Begleitung gibt gesanglich alles was geht, ohne dabei die Texte zu kennen. Lachen. Und gemeinschaftliche, erarbeitetes Schwitzen. Toll. Freundschaft muss man sich immer mal wieder klar machen.

Nach hause ging es dann schon bei den Zugaben. Wegen der Arbeit am nächsten Tag. Irgendwann holt einen die Wirklichkeit immer ein.
Ab in den Zug. Abfahrt.
Realistisch betrachtet verbringe ich dieses Wochenende weniger auf Konzerten oder einem Festival, sondern im Bus bzw. Zug, aber da muss man durch.

Hat es sich gelohnt? Das hat es.
Auch wenn der Zeitpunkt weh tut.

Am Endbahnhof noch eine lustige Szene. Ein Junge, der im Zug eingeschlafen und mein Handy braucht um „Papa“ anzurufen, fragt mich: „Warum bin ich so blöd?“
“Na ja, ohne dich zu kennen. Das ist das Problem von Vielen.“

Man selbst nicht ausgeschlossen.

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