Natürliche Exzesse

Es ist ungefähr 5 Uhr in der Früh als ich auf den Balkon trete. Die Stadt liegt still und feucht vor mir, leise vibrierend wie ein Organ. Aus der Ferne hört man das Zischen der Straßen, welches uns wie rauschendes Blut umgibt. Die Lichter in den Fenstern sind geschlossen. Eine untrügerische Ruhe liegt wie ein Nebel, wie Atem,  über allem.

Ich stütze mich am Geländer ab. Kann die feuchte Erde der Blumentöpfe riechen.

Aus Fernseh-Erinnerungsgründen denke ich über einen Tsunami nach den ich gerade gesehen habe, der die akkurat  angelegten und bepflanzten Felder auf der japanischen Insel mit einer Lawine Müll einfach hinfort fegte. Eine geballte, unglaubliche Naturgewalt.  Menschen, Tiere, Hoffnungen – Alles unter sich begrabend. Und ich wundere mich dabei über den Umstand, dass die meisten Menschen nicht direkt durch die Fluten sterben müssen, sondern ironischer weise von ihrem eigenem Hab und Gut erschlagen und durchbohrt werden, von dem ganzen Mist, der ihnen ihr Leben lang so verdammt wichtig war… Das ist es was uns die Natur zurückgibt, wenn wir sie wie einen Topf behandeln, den wir zum Überkochen bringen.

Es sind kühle, wenig emotionale Gedanken. Nur eine Metapher unter vielen, die vergehen, sich auflösen und verschwinden, wie alle anderen zuvor, die sich ein Mensch für greifbare Tatsachen ausgedacht hat.

Unwichtig also, klingt aber gut.

Mein Blick wandert die Straße entlang. Haltlos. Ohne konkrete Dinge zu erfassen. Deswegen bin ich weder überrascht, noch verwundert, als sich ganz hinten eine Tür öffnet. Ganz langsam und leise. Es ist eine Frau. Keine Ahnung wer das ist. Sie stiehlt sich regelrecht aus dem Haus. Schleicht davon. Zwei Häuser weiter. Wo  – Dank des Bewegungsmelders – kurz ihr blondes Haar aufleuchtet und ich glaube, Frau Müller erkennen zu können.

Hm? Die ist doch verheiratet? Was macht die denn um diese Uhrzeit noch hier draußen?

Direkt unter mir, aus dem Hausausgang meines Mehrparteienhauses, scheint auch plötzlich Licht. Dann schlägt leise die Türe ins Schloss und der Lichtstrahl ist zugeklappt. Ich sehe im Mondlicht Herr Yildiz unter mir aus dem Haus kommen, und wie er verstohlen unter den Buchen entlang nachhause läuft. In seinem eigenen Hauseingang kommt ihm Herr Ivanov entgegen. Sie nicken sich zu. Scheinen aber nichts zueinander zu sagen. Sie verwehren sich gegenseitig den Blick, ohne sich aber gänzlich ignorieren zu können. Auch Ivanov geht die Straße entlang. Raucht dabei aber noch eine, um hinter meinem Blickfeld sicherlich zu seiner Familie zurückzukehren. Und bevor ich noch „Was geschieht hier?“ denken kann, gehen irgendwo in der Straße noch ein paar Türen auf, und Leute, Nachbarn oder auch nicht, stehlen sich aus Wohnungen, um zurück zu ihren Familien und Partnern zu schleichen.

Es ist 5 Uhr 15. Heimkehrstunde.

Die Geliebten. Die Liebhaber. Oder anders ausgedrückt die „Ehebrecher“ und „Fremdgeher“, je nach Perspektive, schleichen sich zurück in ihr normales Leben.

Alle scheinen ein geheimes Leben zu haben. Wenigstens sieht das von hier oben so aus. Jeder hat eine Frau neben seiner Frau. Einen Kerl neben seinem Kerl. Oder gleich ein gleichgeschlechtliches Abenteuer. In der „Affäre“ holen sie sich die Kicks ab, die sich zuhause nicht auszuleben trauen.

Frau Müller nimmt ihn in den Mund und schluckt. Herr Ivanov lässt sich gerne fesseln. Herr Yildiz hat es gerne in seinen eigenen Hintern. Frau Schmidt bekommt weibliche Ejakulationen. Herr Carstensen leckt Muschis.

All das. Machen sie zuhause nicht. Überall. Nur nicht zuhause. Zuhause geht das nicht. Dort können sie nicht ihre sexuellen Phantasien, ihre perversen Praktiken ausleben, denn der Kick ist nicht WAS sie machen, sondern dass sie etwas mit jemanden anderen machen. Der Nervenkitzel ist die Schuld, das Verbrechen – und wenn man sich schon einmal selbst verurteilt hat, kann man weiter über die Strenge schlagen. Denn wenn der Damm einmal gebrochen ist… Dann…

Es ist ein stetiges Treiben und Gehen da unten geworden. Jeder scheint es mit jedem zu treiben. Manchmal schämen sie sich, andere verbergen es gar nicht. Ja. Jeder mit jedem. Und jeder bescheißt jeden. Jede Paarung ist möglich. Nur nicht die mit seinem eigenem Partner.

Ich gehe ins Bett. Und denke noch ein wenig über die Globalisierung und den Treibhauseffekt nach, über übervolle Töpfe, die dampfend ihren Schaum auf heiße Herdplatten tropfen.

Dann schlafe ich ein.