Der Stoff aus dem die Helden sind

Mama… Es tut mir leid… Ich weiß gar nicht wie ich diesen Brief beginnen soll, wie ich dir schonend diese Nachricht beibringen soll… Wie ich es könnte… Dir… Meiner Mutter. Meiner Mama. Die ich immer nur stolz machen wollte… Vielleicht sollte ich es dir sofort sagen… Einfach so… Doch ich traue mich nicht… Es ist so viel passiert in so kurzer Zeit… Wieso hat man unendlich viel Zeit wenn man sie nicht benötigt?… Und dann… Wenn…

Mama. Ich habe einen Mann getötet.

 

Ich wollte es nicht und tat es doch… Weil… Irgendwie wollte ich es schon, in diesem einzelnen einzigen Moment… Von meiner Wut her wollte ich schon oft jemanden erschlagen… Aber… Das war nur Wut gewesen. Das war nur Spinnerei… Doch jetzt… Es ging alles so schnell… Ich habe sein Leben zerstört… Meins auch… Und ich hoffe einfach nur… Dass du… Irgendwie… Und Lena… Davon verschont bleibt… Das ihr ohne mich weiterleben könnt. Das ihr mich vergessen könnt… Denn Vergessen ist doch auch eine Form von Verzeihen…

 

Mama. Ich war nie ein mutiger Mann. Vielleicht dachte ich es manchmal. Doch das war Unsinn. Nicht einmal als ich diesen… Scheißdreck gemacht habe, war ich mutig. Mein Leben lang war ich ein Maulheld. Ein Schwätzer. Ein kleiner Junge in dem Körper eines Mannes, der zu viele Filme gesehen hat. Der glaubte was über das Leben zu wissen. Nichts habe ich gewusst… Immer nur… Geglaubt…

 

Ich war betrunken gewesen… Mama… Und der Alkohol hat mir die Dummheit eingeflößt. Die Dummheit mutig zu sein. Ich glaube… Ein zivilisierter Mann kann nur noch betrunken mutig sein… Wahrscheinlich ist das der Grund warum wir Männer uns betrunken immer streiten und schlagen müssen. Weil da etwas hochkommt. Dass wir unterdrücken. Dass wir niederkämpfen. Für dass wir längst blind geworden sind. Und das ist etwas Gutes! Mama… Der verdammte Alkohol… Warum habe ich schon immer so viele Probleme mit dem? Wieso gibt es den immer und überall? Bei jeder Feier. Zudem Anlass. Und auch zu jedem Zeitpunkt, zu dem es keinen Anlass gibt?

Und ich fühlte mich so tapfer durch die Sauferei. So enthemmt. Ich hab mit Frauen gesprochen. Hab Eine geküsst… Vielleicht war ich mein ganzes Leben lang gehemmt… Weil ich Angst hatte… Und mit jedem Glas von diesem verdammten Stoff wurde es… BESSER… Es tut mir leid. Ich wusste mir nicht anders zu helfen… Und es war doch auch so einfach… Ich meine… Man kann sich den ganzen Tag bei uns besaufen. Wieso sollte man es denn nicht tun? Der Alkohol machte mich genau das was ich ansonsten nicht bin: Lustig und mutig. Auch… Wenn Beides vielleicht gar nicht wahr ist. Wenigstens fühlte ich mich so… Von Glas zu Glas.

 

Andi und ich waren auf Karneval gewesen. Erst in der Bar und dann in der Zeche. Waren gut dabei. Flaschen am Anschlag. Haben den Jägermeister weggelitert. Dann noch das Bier hinter her. Klar. Das war für uns so klar wie Wodka… Und dann sind wir auf den Umzug. Und da habe ich mit so ner Ische.. Nicht schlimm. Nur so ein wenig rumgemacht. Woher sollte ich denn wissen dass die nen Freund hat? Und der kam natürlich daher… Scheiße… Das hätte ich auch gemacht!  Fängt nen Streit mit mir an, schlägt zu, bricht mir die Nase… Ja… Ich habe jetzt auch ne gebrochene Nase. Hab die volle Schlägervisage… Aber das ist ja vollkommen egal und unbedeutend… Und ich so: Das lasse ich mir nicht bieten! Absolut schrecklich wütend, betrunken und mutig. Und da habe ich dem voll eine mitgegeben. So von der Seite. Und dann noch eine und noch eine. Und er fällt dann vor den verdammten Karnevalswagen und wurde da von so einem Traktor überrollt. Das ging dann ganz langsam und doch zu schnell, als das irgendjemand… Klar habe ich das nicht gewollt. Aber mit einem „Unfall“ komme ich wohl nicht davon. Weil… Der konnte mich nicht sehen als ich zuschlug und der Bulle hat später gemeint… Ach… Ich weiß auch nicht…

 

Es tut mir leid Mama. Ich war nicht ich selbst. Obwohl… Ja klar war ich… Ich… Aber ich war auch NICHT ich selbst. Ich war einfach nur… Ich weiß auch nicht. Eine betrunkene Bestie… Irgendwas Entfesseltes… So ein Ur-Ding… Vielleicht war ich auch mehr ich selbst als jemals zuvor? Keine Ahnung…

Es tut mir so leid um den blöden Hund… Die arme Sau… Der hatte keine Chance…

Ich muss jetzt mit der Schuld leben. Ganz egal was kommt. Und weißt du? Ich habe das auch verdient. Dass ich damit leben muss. Aber du. Und die Familie von dem Kerl. Und die Freundin von dem… Die haben das nicht verdient. Dass sie darunter leiden müssen. Dass ich mein Leben lang ein Feigling war. Und glaubte, der Stoff würde mich heilen…

 

Gewinnen kann jeder

Nach der Ansprache von Crazy Cadoc, muss er schwer schlucken, während sein Unterbewusstsein sich an eine ähnliche extreme Szene erinnert.

 

Damals war er noch ein kleiner Junge gewesen. 7, acht, vielleicht auch 10 oder 6 Jahr alt, er wüsste es nicht mehr und es macht auch keinen Unterschied wie viele Lenze er damals zählte. Es war ohnehin schon längst und tief verschüttet, im Bergwerk seiner Seele.

In jener unbestimmten Zeit, wollte er zu einer „Bande“ dazugehören. In seiner Kindheit gab es so etwas noch. Klar definierte Gruppen, die sich, wenn sie das Wort verstanden hätten, „cool“ vorkamen zusammen abzuhängen.  Und auch wenn man im Prinzip nicht wirklich beliebt oder „besonders“ war, gab es doch Möglichkeiten zu so einer Bande zugehören: Eine Mutprobe. Solche Dinge gab es früher, in der der Proband, der Weltraumaffe, in eine Situation geschossen wurde, in der er sich beweisen und Charakter zeigen musste. Was für eine herrliche alte Zeit. Als noch nicht der Materialismus Kinder ihren Rang zuordnete. Nein, der Charakter war es, der geprüft, gewogen und hiernach als gut oder schlecht befunden wurde. Überflüssig zu erwähnen, dass auch diese Gesellschaftsstruktur nicht zu jedem fair sein konnte, denn wie die finanziell Ausgestoßenen heute gab es damals jene, die einfach nicht so taper oder lebensmüde sein konnten wie die anderen.

 

Er konnte sich beim besten Willen nicht an die Rede vom Banden-Chef Udo Kovacic erinnern. Denn Erinnerungen an uralte Erinnerungen sind immer durchsetzt mit der jeweiligen Gegenwart, aus der man zurückdenkt, weswegen immer mehr bewertete Vergangenheit zum Damals dazu addiert wird.

Sicher war, dass Kovacic wollte, dass er eine Schlägerei verlieren sollte. Ungesichert ist der Text der folgenden Rede:

„Du beginnst einen Kampf – und du verlierst ihn! Du gehst rüber zur Bande von Max, redest die dumm von der Seite an und lässt dir ein paar ordentlich reinhauen. Aus dem ganz einfachen Grund: Wer einmal ein paar verpasst bekommen hat, der ist ein richtiger Kerl. Und wer einmal einen Kampf verloren hat, der weiß was Wut und Ehre wirklich bedeutet. Denn mit der Schande des Verlierens ist mehr moralische, innere Ehre verbunden als mit einem Sieg. Gewinnen kann im Prinzip jeder. Glück gehört bei jedem Kampf dazu. Die Tagesform auch. Du aber, du wirst verlieren. Ich weiß, du hast Angst zu Kämpfen. Und du hast Angst vor den Schmerzen. Das ist normal. Und das ist auch sehr gut so. Aber diese Erfahrung wird dich abhärten. Sie wird einen Mann aus dir machen. Dann gehörst du zu uns. Und WIR passen auf das unseren Leuten nichts passiert.“

 

Daraufhin musste der Junge der er damals war, schwer schlucken, so wie jetzt. Dann ging er los, fing Streit an und bekam ordentlich aufs Maul. Und ja, er wurde Teil der Bande von Udo Kovacic. Viel wichtiger jedoch war es die Erfahrung gemacht zu haben, dass man, selbst wenn man der eindeutige Verlierer ist, als Gewinner aus einer Situation hervorgehen kann. Denn du gewinnst, wenn du eine Prüfung überstehst und deine Schlüsse daraus ziehst.

Das wusste er auch jetzt. Hier, in der Gefängnisdusche, umringt von nackten Männern.

Okay, er war Zeit seines Lebens nicht immer auf der Gewinnerstraße geblieben. Hatte trotz vieler Prüfungen nicht jedes Mal die richtigen Schlüsse gezogen. Ein schlechter Kerl war er deshalb nicht geworden. Nur in das Gefängnis hatte es ihn gebracht. „Versuchter Totschlag“. Wie das so klingt. Es war nur eine Schlägerei gewesen, die eskaliert war. Totschlagen wollte er niemanden, so etwas passiert eher, denn in einer Schlägerei gibt es keine Energie-Leiste wie bei Videospielen oder einen Schiedsrichter der dir, während du voll bist mit Adrenalin und „im Tunnel“, sagt, wann es zu viel wird. Er ist kein schlechter Kerl. Er selbst würde sich selbst als sehr anständig bezeichnen. Mit Werten. Komischerweise können einen diese Werte, die gesellschaftlich akzeptiert und von jedem Maulhelden anerkannt sind, dich schnell in den Knast bringen, wenn du sie verteidigst.

 

„Crazy“ Cadoc, der Mann hier hinter Gittern, der, der die Ansagen macht, hatte ihm gerade geflüstert, dass er ihn anal vergewaltigen würde. Nicht später. Jetzt gleich. Hier in der Dusche.

„Ich werde das nicht tun, weil ich auf so hässliche Wichser wie dich stehe. Damit hat das gar nichts u tun. Mein Ding sind Frauen. Hübsche Frauen. Du weißt schon… Solche, die für einen Loser wie dich zu heiß sind. Nein. Das ist kein sexuelles Ding. Hier geht es um Macht. Verstehst du? Wenn ich dir mein Ding rein ramme und dir damit deine Jungfräulichkeit nehme, dann gehörst du mir – auf ewig. Ich werde dich damit brechen. Dich und deinen Stolz. Und immer wenn du an mich denkst, werde ich der sein, der dich in den Arsch gefickt hat. Du wirst es nicht zugeben wollen: Aber dein Arsch wird auf ewig MIR gehören. Selbst wenn du auf den Geschmack kommen solltest… Aber hey, sorry. Das will ich dir nicht einmal unterstellen. Nein. Ich werde dir jetzt zeigen, wo DU hier in der Rangordnung stehst. Ich und die Jungs könnten dir natürlich ein paar Reinhauen, und ich glaube, du bist nicht blöd. Du würdest schon verstehen wie der Hase hier läuft. Ich will aber nicht nur dass du mich rational verstehst. Ich will, dass du meine Überzeugung spürst. Und danach wirst du auch ewig meine kleine Hure bleiben. Du gehörst mir.“

Dann geht es los.

 

Und er weiß, wie er da von den anderen Schlägern auf den Boden gedrückt wurde, bis er kaum mehr Luft bekommt, dass Crazy Cadoc Unrecht behalten würde. Udo Kovacic würde Recht behalten. Du darfst nur nicht an einer Situation zerbrechen. Du musst sie annehmen und daran wachsen. So zu denken war verrückt. Besonders wenn man so ein stolzer Mann ist wie er. Aber man muss noch verrückter als ein Crazy Cadoc sein, um in so einer Situation zu überstehen.